Andacht 5 von 171

Das innere Zeugnis: Wie der Heilige Geist die Schrift in unseren Herzen versiegelt

Kap.1: Von der Heiligen Schrift — Abschnitt 5 • 2026-05-11 • 30 Min.

Das Bekenntnis

Wir mögen durch das Zeugnis der Kirche zu einer hohen und ehrfürchtigen Wertschätzung der Heiligen Schrift bewegt werden. Auch die Vortrefflichkeiten der Schrift (der himmlische Charakter ihres Inhalts, die Wirksamkeit ihrer Lehre, die Majestät ihres Stils, die Übereinstimmung aller ihrer Teile, der Zweck des Ganzen, nämlich Gott alle Ehre zu geben, die vollständige Darlegung des einzigen Heilsweges für den Menschen und viele andere unvergleichliche Vorzüge sowie die völlige Vollkommenheit der Schrift) sind Argumente, durch die sie sich überreich als das Wort Gottes erweist. Dennoch kommt unsere volle Überzeugung und Gewissheit von ihrer unfehlbaren Wahrheit und göttlichen Autorität aus dem inneren Wirken des Heiligen Geistes, der durch das Wort und mit dem Wort in unseren Herzen Zeugnis gibt.

Einleitung: Worauf gründet sich unsere Gewissheit?

Jeder Christ kennt die Frage. Vielleicht hat dir ein Arbeitskollege sie gestellt, vielleicht ist sie nachts in deinem eigenen Herzen aufgekeimt: Woher weisst du eigentlich, dass die Bibel Gottes Wort ist? Du kannst nicht einfach antworten: «Weil ich es glaube.» Das wäre ein Zirkelschluss. Du kannst auch nicht sagen: «Weil meine Kirche es lehrt.» Dann fragt dein Gegenüber: «Und woher weiss deine Kirche das?» Hier stehen wir vor einer der tiefgründigsten Fragen des christlichen Glaubens. Es geht nicht um eine akademische Übung. Es geht um den Grund, auf dem unsere ewige Hoffnung steht. Wenn die Schrift nicht mit göttlicher Autorität zu uns spricht, dann ist unser Glaube auf Sand gebaut. Wenn sie aber Gottes eigenes Wort ist, dann haben wir einen Fels unter den Füssen. Die Westminster-Väter geben in diesem Abschnitt eine Antwort, die zugleich bescheiden und gewaltig ist. Sie erkennen an, dass es gute und nützliche Argumente für die Glaubwürdigkeit der Schrift gibt. Sie anerkennen den Dienst der Kirche, die uns die Schrift überliefert und bezeugt. Aber sie bestehen darauf: die letzte Gewissheit, dass dieses Buch Gottes Wort ist, kommt nicht von aussen. Sie kommt von innen. Sie kommt vom Heiligen Geist selbst, der in unseren Herzen durch das Wort und mit dem Wort Zeugnis gibt. Heinrich Bullinger, der grosse Zürcher Reformator und Verfasser des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses, schrieb: «Das gepredigte und geschriebene Wort Gottes ist gewiss das Wort Gottes. Aber der Glaube, der dieses Wort als Gottes Wort annimmt, ist ein Geschenk des Heiligen Geistes.» Bullinger sah klar, was viele übersehen: Man kann das Wort Gottes mit den Ohren hören, ohne es mit dem Herzen zu empfangen. Dazu braucht es mehr als Überzeugungskraft. Dazu braucht es den Geist.

Biblische Grundlagen

Der Apostel Johannes stellt in seinem ersten Brief eine einfache, aber tiefgreifende Gegenüberstellung an: «Wenn wir der Menschen Zeugnis annehmen, so ist Gottes Zeugnis grösser; denn das ist Gottes Zeugnis, dass er Zeugnis gegeben hat von seinem Sohn.» 1. Johannes 5,9 Täglich nehmen wir menschliches Zeugnis an. Wenn dein Nachbar dir sagt, dass der Bus um sieben Uhr fährt, glaubst du ihm. Wenn der Geschichtsschreiber berichtet, dass Zürich im Jahr 1519 die Reformation annahm, glaubst du ihm. Wenn der Richter aufgrund von Zeugenaussagen ein Urteil fällt, verlassen sich alle Parteien auf menschliches Zeugnis. Johannes argumentiert vom Geringeren zum Grösseren: Wenn wir schon dem Zeugnis fehlbarer Menschen Glauben schenken, wie viel mehr verdient das Zeugnis Gottes unseren Glauben? Das Zeugnis Gottes ist zuverlässiger als menschliches Zeugnis und zugleich von einer völlig anderen Ordnung. Gott kann nicht lügen, er kann sich nicht irren, er kann nicht täuschen. Sein Zeugnis ist die Wahrheit selbst. Der Apostel Paulus lobt im ersten Thessalonicherbrief die Gemeinde nicht für ihre Höflichkeit, sondern für ihre geistliche Urteilskraft: «Und darum danken wir auch Gott ohne Unterlass, dass ihr das Wort göttlicher Predigt, das ihr von uns empfangen habt, aufnahmt nicht als Menschenwort, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Gottes Wort, der auch wirkt in euch, die ihr glaubt.» 1. Thessalonicher 2,13 Sie hörten einen Menschen predigen, aber sie empfingen nicht Menschenwort. Der Unterschied lag nicht im Klang der Stimme, nicht in der Rhetorik des Apostels, nicht in der Überzeugungskraft der Argumente. Der Unterschied lag im Wirken des Geistes, der ihre Herzen öffnete. Paulus gebraucht das griechische Wort paralambanō, das ein aktives, persönliches Empfangen bezeichnet. Die Thessalonicher waren nicht passive Hörer, sie ergriffen das Wort als das, was es wirklich ist. Und dann fügt Paulus einen entscheidenden Gedanken hinzu: es ist Gott, «der auch wirkt in euch, die ihr glaubt.» Das Wort Gottes ist autoritativ in seinem Ursprung und wirksam in seinem Empfang. Es kommt nicht leer zurück. Es schafft, was es verkündet. Diese Wirksamkeit ist selbst ein Zeugnis seiner göttlichen Herkunft. Kein menschliches Buch verwandelt Herzen so, wie die Schrift es tut. Der Apostel Petrus schreibt im zweiten Brief als Augenzeuge der Verklärung Christi. Er war auf dem Berg dabei. Er hörte die Stimme des Vaters vom Himmel: «Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.» Und doch, nachdem er dieses überwältigende Erlebnis beschrieben hat, sagt er nicht: «Vertraut auf eure Erfahrungen.» Er sagt: «Um so fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.» 2. Petrus 1,19 Das griechische Wort bebaioteron ist ein Komparativ: das prophetische Wort ist «fester», verlässlicher, gewisser als selbst die unmittelbare Erfahrung der göttlichen Herrlichkeit. Warum? Weil Erfahrungen verblassen, Erinnerungen trügen, Gefühle schwanken. Aber das geschriebene Wort bleibt. Es ist das Licht, das in der Dunkelheit scheint, nicht als flackernde Kerze, sondern als stetige Leuchte. Das griechische auchmērō beschreibt einen schmutzigen, trüben, trostlosen Ort. Die Welt ohne Gottes Wort ist genau das: ein dunkler, trostloser Ort. Und in diese Finsternis hinein scheint das prophetische Wort. Im Titusbrief legt Paulus den Grund für alle christliche Hoffnung mit einem Satz, dessen Kürze über seine Tiefe hinwegtäuscht. Er spricht von der «Hoffnung des ewigen Lebens, das Gott, der nicht lügt, verheissen hat vor den Zeiten der Welt.» Titus 1,2 Im Griechischen steht apseudēs, wörtlich: «der Lügenlose», einer, in dem keine Falschheit ist. Das ist keine blosse Eigenschaft Gottes unter vielen. Es ist die Voraussetzung aller Offenbarung. Wenn Gott lügen könnte, wäre jedes seiner Worte verdächtig. Aber weil Gott die Wahrheit ist, ist jedes seiner Worte wahr. Die Kette ist unzerreissbar: Vom Charakter Gottes zur Wahrheit seiner Verheissung, von der Wahrheit seiner Verheissung zur Autorität seiner Schrift. Wer an einem Glied dieser Kette rüttelt, rüttelt an allen. Unser Herr Jesus Christus selbst spricht in einer hitzigen Auseinandersetzung mit seinen Gegnern Worte, die seine gesamte Haltung zur Schrift zusammenfassen. Sie werfen ihm Gotteslästerung vor. Seine Verteidigung beruht auf einem einzigen Psalmwort: «Ich habe gesagt: Ihr seid Götter.» Das ganze Argument hängt an der Autorität dieses einen Schriftwortes. Jesus könnte es erklären, er könnte es relativieren, er könnte es als poetische Übertreibung abtun. Stattdessen spricht er den Grundsatz aus: «Die Schrift kann doch nicht gebrochen werden.» Johannes 10,35 Das griechische lythēnai bedeutet «lösen, auflösen, zerstören, für ungültig erklären». Jesus sagt: Man kann die Schrift nicht ausser Kraft setzen. Man kann sie nicht zerbrechen. Man kann kein Stück aus ihr herauslösen. Sie steht als Ganzes und in jedem Teil unter göttlicher Garantie. Wenn unser Herr selbst so von der Schrift spricht, mit welcher Haltung sollten wir vor ihr stehen? In den Abschiedsreden des Johannesevangeliums verheisst Jesus den Heiligen Geist als Lehrer seiner Gemeinde: «Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er es nehmen und euch verkündigen.» Johannes 16,13-14 Jesus nennt den Geist «den Geist der Wahrheit». Das ist sein Wesen, nicht bloss sein Titel. Der Geist leitet nicht in einen Teil der Wahrheit, nicht in vorläufige Wahrheiten, sondern «in alle Wahrheit». Doch beachte, was Jesus über die Arbeitsweise des Geistes sagt: Er redet nicht aus sich selber. Er nimmt von dem, was Christus gehört, und verkündigt es. Der Geist ist nicht unabhängig vom Sohn, und der Sohn ist nicht unabhängig von der Schrift. Es gibt ein göttliches Zusammenwirken: Der Vater sendet den Sohn, der Sohn offenbart den Vater, der Geist verherrlicht den Sohn, indem er die Worte des Sohnes in Erinnerung ruft und vertieft. Und diese Worte sind uns in der Schrift überliefert. Der Geist führt nicht von der Schrift weg, sondern immer tiefer in sie hinein. Im ersten Korintherbrief entfaltet Paulus die innere Logik der Offenbarung: «Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit. Denn welcher Mensch weiss, was im Menschen ist, als allein der Geist des Menschen, der in ihm ist? So weiss auch niemand, was in Gott ist, als allein der Geist Gottes.» 1. Korinther 2,10-11 Nur der Geist des Menschen kennt das Innere des Menschen. Kein Aussenstehender kann in dein Herz blicken und deine verborgensten Gedanken kennen. Genauso verhält es sich mit Gott: Nur der Geist Gottes kennt die Tiefen Gottes. Die Bibel ist nicht das Ergebnis menschlicher Einsicht in göttliche Dinge. Sie ist das Ergebnis göttlicher Selbstmitteilung durch den Geist, der allein die Tiefen Gottes kennt. Und daraus folgt: Nur derselbe Geist, der die Schrift eingegeben hat, kann sie uns auch erschliessen. Der Geist, der in den Propheten und Aposteln wirkte, als sie schrieben, muss in uns wirken, wenn wir lesen. Sonst bleiben uns die Tiefen Gottes verschlossen. Ein ungläubiger Gelehrter mag den Buchstaben der Schrift analysieren, aber ihren göttlichen Sinn erfassen kann er nicht. Dazu braucht es den Geist, der sie eingegeben hat.

Was die Westminster-Väter meinten

Die Westminster-Väter verfassten diesen Abschnitt als sorgfältig abgewogene Antwort auf drei Fronten. Sie standen gegen Rom, sie standen gegen den Rationalismus, und sie standen gegen die Schwärmer. Gegen Rom argumentierten sie, dass die Autorität der Schrift nicht von der Kirche abhängt. Das Konzil von Trient hatte die Apokryphen für kanonisch erklärt und die Tradition der Schrift gleichgestellt. Die römische Position lief darauf hinaus: Du glaubst der Bibel, weil die Kirche dir sagt, dass sie Gottes Wort ist. Die Reformatoren von Wittenberg, Zürich und Genf sahen darin eine verhängnisvolle Umkehr der Ordnung. Calvin schrieb: «Eine höchst verderbliche Irrlehre ist es, dass die Schrift nur so viel Gewicht habe, wie die Zustimmung der Kirche ihr verleiht.» Die Kirche ist nicht die Mutter der Schrift, die Schrift ist die Mutter der Kirche. Die Kirche zeugt von der Schrift wie Johannes der Täufer von Christus zeugte: Sie weist auf ihn hin, aber sie verleiht ihm nicht seine Autorität. Gegen den Rationalismus argumentierten sie, dass die Vernunft allein nicht ausreicht, um die göttliche Autorität der Schrift zu erkennen. Die Socinianer und andere rationalistische Strömungen des siebzehnten Jahrhunderts behaupteten, die Vernunft sei der oberste Richter in Glaubensfragen. Was die Vernunft nicht beweisen könne, müsse verworfen werden. Die Westminster-Väter hielten dagegen: Die Vernunft hat ihren Platz. Sie kann die historische Zuverlässigkeit der biblischen Bücher prüfen. Sie kann die innere Stimmigkeit der Lehre nachvollziehen. Sie kann die moralische Erhabenheit der Gebote bewundern. Aber die Vernunft kann den Sprung von «dieses Buch ist beeindruckend» zu «dieses Buch ist Gottes Wort» nicht vollziehen. Dazu braucht es mehr als Logik. Dazu braucht es den Heiligen Geist. Gegen die Schwärmer argumentierten sie, dass der Geist nicht unabhängig vom Wort wirkt. Im siebzehnten Jahrhundert gab es zahlreiche enthusiastische Bewegungen, die behaupteten, unmittelbare Offenbarungen des Geistes zu empfangen, die über der Schrift standen. Die Westminster-Väter antworteten mit der genauen Formulierung: «der durch das Wort und mit dem Wort in unseren Herzen Zeugnis gibt.» Der Geist wirkt nicht ohne das Wort. Er wirkt nicht neben dem Wort. Er wirkt nicht über das Wort hinaus. Er wirkt durch das Wort und mit dem Wort. Das ist die entscheidende reformierte Einsicht: Geist und Wort sind unauflöslich verbunden. Robert Shaw, der schottische Ausleger des Bekenntnisses, fasst diesen dreifachen Kampf präzise zusammen. Er schreibt: «Der Papst macht die Schrift von der Kirche abhängig. Der Rationalist macht sie von der Vernunft abhängig. Der Schwärmer macht sie vom inneren Licht abhängig. Aber die Schrift hängt von nichts und niemandem ab ausser von Gott, der ihr Urheber ist.» A. A. Hodge sieht in diesem Abschnitt die «via media», den goldenen Mittelweg der reformierten Orthodoxie. Er schreibt: «Die protestantische Lehre anerkennt voll und ganz den Wert der äusseren Beweise und des Zeugnisses der Kirche als untergeordnete Stützen des Glaubens. Aber sie besteht darauf, dass die wahre, rettende Erkenntnis der göttlichen Autorität der Schrift das Werk des Heiligen Geistes im Herzen des Gläubigen ist.»

Theologische Tiefe

Johannes Calvin entfaltet in seiner «Institutio» das, was zum Herzstück der reformierten Schriftlehre geworden ist: das innere Zeugnis des Heiligen Geistes, das testimonium internum Spiritus Sancti. Calvin widmet diesem Thema das gesamte siebte Kapitel des ersten Buches und es ist eine der kraftvollsten Passagen, die er je geschrieben hat. Calvin beginnt mit einer Beobachtung, die jeder nachvollziehen kann: Wenn wir versuchen, jemanden allein mit Argumenten von der göttlichen Autorität der Schrift zu überzeugen, werden wir scheitern. Die Schrift trägt zwar die Merkmale ihrer göttlichen Herkunft an sich, aber ein verblendetes Auge kann sie nicht erkennen. Calvin schreibt: «So wenig wie wir ein Ding beurteilen können, das ganz schwarz ist, so wenig kann unser auf sich selbst gestellter Verstand die Klarheit der göttlichen Wahrheit wahrnehmen.» Er gebraucht das Bild der Sonne: Die Sonne ist hell. Sie beweist sich selbst. Aber ein Blinder sieht sie nicht. So ist es mit der Schrift und dem natürlichen Menschen. Dann kommt der entscheidende Schritt: «Der Geist, der in den Propheten geredet hat, muss in unser Herz eindringen, um uns zu überzeugen, dass sie treulich verkündigt haben, was ihnen von Gott aufgetragen war.» Calvin beschreibt dies mit dem schönen lateinischen Ausdruck arcana spiritus virtus, die verborgene Kraft des Geistes. Der Geist fügt der Schrift nichts hinzu, was ihr fehlt. Die Schrift ist vollkommen in sich selbst. Aber der Geist heilt unsere Blindheit, damit wir sehen können, was schon da ist. Calvin geht noch einen Schritt weiter und wendet sich direkt an die römische Position: «Nichts kann widersinniger sein als die Fiktion, dass die Macht, über die Schrift zu urteilen, bei der Kirche liege, und dass ihre Gewissheit von deren Nicken abhänge.» Calvin argumentiert leidenschaftlich, dass die Schrift autopistos ist, sich selbst beglaubigend. Sie braucht die Zustimmung der Kirche so wenig wie das Licht eine Kerze braucht, um zu beweisen, dass es leuchtet. «Die Schrift trägt auf ihrem Angesicht so klare Beweise ihrer Wahrheit, wie weisse und schwarze Dinge ihre Farbe, süsse und bittere ihren Geschmack zeigen.» Thomas Watson, der englische Puritaner, ergänzt Calvins Argumentation mit einer Reihe unvergesslicher Bilder. In seiner «Body of Divinity» schreibt er über die sich selbst beglaubigende Schrift: «Die Schrift beweist sich selbst als göttlich durch das Licht, das sie in sich trägt.» Watson listet die inneren Merkmale auf, die die Westminster-Väter im Bekenntnis zusammenfassen: die himmlische Natur des Inhalts, die Wirksamkeit der Lehre, die Majestät des Stils. Er beschreibt, wie die Schrift Dinge lehrt, die kein menschlicher Geist hätte erfinden können: die Dreieinigkeit, die Menschwerdung des Sohnes Gottes, die Rechtfertigung allein durch Glauben. Er weist auf die Übereinstimmung aller Teile hin: Obwohl die Bibel von mehr als vierzig Verfassern über einen Zeitraum von anderthalb Jahrtausenden geschrieben wurde, spricht sie mit einer Stimme. Kein menschliches Buch weist diese Einheit in solcher Vielfalt auf. Im vorigen Abschnitt haben wir gesehen, wie Thomas Watson die Kirche als die Säule beschreibt, an der die Verordnung des Königs hängt: Sie macht sie sichtbar und bewahrt sie auf, aber die Autorität kommt vom König. In Abschnitt 5 geht die reformierte Lehre einen Schritt tiefer: Sie fragt nicht nur, woher die Schrift ihre Autorität hat, sondern wie der einzelne Gläubige zu einer lebendigen Gewissheit dieser Autorität gelangt. B. B. Warfield, der grosse Princeton-Theologe, fügt eine weitere Dimension hinzu. Er betont, dass die Frage der Schriftautorität letztlich auf die Frage der göttlichen Autorschaft hinausläuft. Wenn Gott der Urheber der Schrift ist, dann trägt die Schrift kraft dieser Urheberschaft göttliche Autorität in sich. Warfield schreibt: «Die Lehre von der Autorität der Schrift beruht auf der deutlichen und vorhergehenden Lehre von ihrer göttlichen Eingebung.» Man kann die Autorität nicht von der Inspiration trennen. Wer die Inspiration preisgibt, wird früher oder später auch die Autorität preisgeben. Warfield verteidigte diese Position mit historischer und exegetischer Sorgfalt gegen den aufkommenden theologischen Liberalismus seiner Zeit, der die Bibel als menschliches Dokument behandelte, das göttliche Wahrheit enthalte, aber nicht göttlichen Ursprungs sei. John Owen, der Fürst der puritanischen Theologen, widmete dem Verhältnis von Geist und Wort umfangreiche Untersuchungen. In seinem Werk «Über den Heiligen Geist» und in seiner Abhandlung «Der Grund des Glaubens» entfaltet er, wie der Geist im Gläubigen wirkt. Owen unterscheidet zwischen dem äusseren Zeugnis der Schrift und dem inneren Zeugnis des Geistes. Das äussere Zeugnis umfasst alle Argumente und Beweise, die die Glaubwürdigkeit der Schrift belegen. Das innere Zeugnis ist das persönliche Wirken des Geistes, der den Gläubigen von der Wahrheit der Schrift überzeugt und ihm zugleich die geistliche Fähigkeit verleiht, diese Wahrheit zu erkennen und zu umarmen. Owen gebraucht ein Bild, das die reformierte Position treffend zusammenfasst: Ein Mensch steht vor einem prachtvollen Gebäude. Die Architektur, die Proportionen, die Schönheit des Baus sind offenkundig. Aber wenn der Mensch blind ist, sieht er nichts davon. Die äusseren Beweise der Schrift sind wie das prächtige Gebäude. Der Heilige Geist ist wie der Arzt, der dem Blinden das Augenlicht schenkt. Das Gebäude war schon vorher prachtvoll, aber jetzt kann der Geheilte es sehen und sich daran erfreuen. Owen betont, dass der Geist die Wahrheit nicht erschafft, er enthüllt sie nur. Er fügt der Schrift nichts hinzu, er öffnet nur das Herz für das, was schon da ist. Für den Schweizer Kontext ist das Zeugnis Heinrich Bullingers von besonderer Bedeutung. Bullinger war Zwinglis Nachfolger am Zürcher Grossmünster und zugleich über vier Jahrzehnte der führende reformierte Theologe Europas und Verfasser des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses von 1566, das in der Schweiz, in Ungarn, Polen und Schottland angenommen wurde. Im ersten Kapitel dieses Bekenntnisses, «Von der Heiligen Schrift», schreibt Bullinger: «Das gepredigte Wort Gottes ist das Wort Gottes. Und wenn dieses Wort Gottes jetzt in der Kirche durch ordentlich berufene Prediger verkündigt wird, so glauben wir, dass Gottes Wort selbst verkündigt und von den Gläubigen aufgenommen wird.» Bullinger besteht auf der Identität von Schrift und Gotteswort. Zugleich fügt er hinzu: «Dass man aber dem Worte Gottes glaube, das schafft der Heilige Geist, der in den Herzen der Auserwählten den Glauben anzündet und vermehrt.» Pierre Viret, der Reformator der französischsprachigen Schweiz und enger Freund Calvins, betonte in seinen Schriften die Einfachheit und Klarheit der Schrift. Für Viret war es entscheidend, dass die Bibel grundsätzlich von jedem Gläubigen verstanden werden kann, denn der Geist, der sie eingegeben hat, wohnt in jedem Gläubigen. Viret schrieb: «Gott hat in seiner Güte gewollt, dass die Lehre, die zum Heil notwendig ist, in der Schrift so klar dargelegt ist, dass die Einfältigsten sie verstehen können, wenn sie den Geist Gottes zum Lehrer haben.»

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Auf welchen Boden ist dein Glaube gebaut? Diese Frage dringt tiefer als jede andere. Glaubst du der Schrift, weil deine Eltern sie dir so weitergegeben haben? Weil die Kirche, in der du aufgewachsen bist, sie hochhält? Weil dein Pfarrer mit Überzeugung predigt? All das sind Gnadengaben Gottes, er gebraucht diese Mittel. Aber sie sind nicht der Grund deines Glaubens, sie sind nur die Kanäle, durch die der Glaube zu dir kam. Wenn der Grund nur in diesen menschlichen Vermittlungen liegt, dann ist dein Glaube in Gefahr. Denn Menschen können enttäuschen, Kirchen können irren, Prediger können fallen. Frage dich ehrlich: Habe ich je die Erfahrung gemacht, dass der Geist Gottes mir durch das Wort selbst bezeugt hat: «Das ist Gottes Wort»? Hast du dieses innere Zeugnis erfahren, das nicht laut und spektakulär sein muss, das sich aber als tiefe, ruhige Gewissheit in dein Herz senkt? Zweitens: Betest du vor dem Lesen der Schrift um den Beistand des Geistes? Calvin erinnert uns daran, dass der Heilige Geist der Urheber der Schrift ist und ebenso ihr Ausleger. «Derselbe Geist, der durch den Mund der Propheten geredet hat, muss in unsere Herzen eindringen, um uns zu überzeugen.» Öffnest du die Bibel mit der stillen Bitte: «Heiliger Geist, öffne mir die Augen für die Wunder deines Gesetzes»? Oder liest du die Bibel wie jedes andere Buch, allein mit deinem Verstand? Der Verstand ist eine Gabe Gottes und er soll gebraucht werden. Aber ohne den Geist bleibt er blind für das, was die Schrift wirklich ist. Mach es dir zur Gewohnheit, vor jeder Bibellese um das innere Zeugnis des Geistes zu bitten. Er ist verheissen, er wartet darauf, gebeten zu werden, er ist treu, jedem zu antworten, der in Demut und Aufrichtigkeit zu ihm ruft. Drittens: Wie gehst du mit den Anstössen der Schrift um? Es gibt Stellen in der Bibel, die hart klingen. Lehren, die unserem natürlichen Empfinden widersprechen. Gebote, die quer zu unseren Wünschen stehen. Die Prüfung, ob du die Schrift wirklich als Gottes Wort annimmst, liegt nicht darin, wie du mit den angenehmen Stellen umgehst, sondern wie du mit den harten umgehst. Wenn du die Bibel nur da als Gottes Wort behandelst, wo sie dir zusagt, und sie da übergehst, wo sie dich herausfordert, dann hast du dich selbst zum Richter über Gottes Wort gemacht. Thomas Watson schreibt: «Viele halten die Bibel für Gottes Wort, solange sie ihren Launen schmeichelt. Aber wenn sie ihrem Stolz oder ihren Begierden entgegentritt, dann sind sie bereit, gegen sie zu argumentieren und Ausnahmen zu machen.» Wo in deinem Leben widerstehst du dem klaren Wort der Schrift? Wo suchst du Ausflüchte? Beuge dich, bevor der Geist sich von dir zurückzieht. Viertens: Lebst du in der Gemeinschaft der Kirche, die das Wort bezeugt? Das Bekenntnis lehrt, dass wir «durch das Zeugnis der Kirche zu einer hohen und ehrfürchtigen Wertschätzung der Heiligen Schrift bewegt werden» können. Das ist kein Widerspruch zur reformatorischen Lehre. Die Kirche ist das Volk, durch das die Schrift überliefert, bewahrt und verkündigt wird. Ohne die Treue der Kirche durch die Jahrhunderte hättest du die Bibel nicht in deinen Händen. Die Gemeinschaft der Heiligen stärkt unseren Glauben an das Wort, wie die Glut eines einzelnen Kohlenstücks am Brennen bleibt, wenn es bei den anderen liegt. Ziehst du dich aus der Gemeinschaft zurück, in der das Wort treu verkündigt wird? Dann entziehst du dich einem der Mittel, die Gott gebraucht, um deine Wertschätzung für die Schrift lebendig zu halten. Der einsame Christ ist eine leichte Beute für Zweifel. In der Gemeinde, unter der Predigt, im Austausch mit Brüdern und Schwestern, entfacht der Geist immer neu die Gewissheit: Dieses Buch ist Gottes eigenes Wort. Fünftens: Kannst du in der Finsternis auf das Licht der Schrift vertrauen? Petrus schreibt vom prophetischen Wort als einem Licht, das an einem dunklen Ort scheint. Er schreibt nicht von einem gemütlichen Kaminfeuer in einer sicheren Stube. Er schreibt von einer Laterne im tiefen Bergwerk. Das Licht der Schrift ist gemacht für die dunklen Zeiten. Wenn du in der Tiefe bist, wenn der Himmel über dir wie Erz erscheint, wenn die Verheissungen Gottes hohl klingen und dein Herz kalt ist, dann zeigt sich, ob deine Gewissheit auf dem inneren Zeugnis des Geistes ruht oder auf deinen eigenen Gefühlen. Gefühle kommen und gehen. Die Schrift bleibt. Der Geist bleibt. Und mitten in der Finsternis kann der Geist ein einziges Wort der Schrift so in dein Herz brennen, dass alle Zweifel schmelzen wie Schnee an der Frühlingssonne. Das ist das Vorrecht der Kinder Gottes. Sechstens: Liest du die Schrift mit der Erwartung, Gott selbst zu begegnen? Die Schrift ist nicht ein Buch über Gott. Sie ist das Buch Gottes. Sie ist Gottes Stimme, geschrieben für dich. Wenn du sie aufschlägst, schlägst du kein Nachschlagewerk auf, du öffnest dein Ohr für den lebendigen Gott. Mit welcher Haltung kommst du? Kommst du wie der Zöllner, der sich an die Brust schlägt: «Gott, sei mir Sünder gnädig»? Oder kommst du wie der Pharisäer, der schon alles zu wissen meint? Der Geist widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. Der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli begann jeden Morgen mit der Schrift. Er stand vor Tagesanbruch auf, entzündete eine Kerze und las das griechische Neue Testament, bevor er mit den Geschäften des Tages begann. Er wusste: Ohne das frische Wort aus Gottes Mund hat er nichts zu sagen. Wenn Zwingli, einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit, so von der Schrift abhängig war, wie viel mehr wir.

Gebet

Heiliger, dreieiniger Gott, du Vater, der du die Wahrheit bist und nicht lügen kannst, du Sohn, der du das fleischgewordene Wort bist und gesagt hast, dass die Schrift nicht gebrochen werden kann, du Heiliger Geist, der du die Propheten und Apostel getrieben hast, die Worte des Lebens niederzuschreiben: Wir kommen zu dir und wir danken dir, dass du nicht geschwiegen hast. Du hast zu uns geredet. Du hast dich herabgelassen zu unserer Schwachheit und hast deine ewigen Gedanken in menschliche Worte gekleidet. Du hast dein Wort über die Jahrtausende hinweg bewahrt, durch Feuer und Verfolgung, durch Irrtum und Vergessen hindurch, und du hast es uns heute in die Hände gelegt. Welch ein Wunder ist das, himmlischer Vater, dass der Gott, der die Sterne geschaffen hat und die Alpen aufgetürmt hat, mit seinen Geschöpfen redet. Und doch, Herr, wir müssen bekennen: Zu oft lesen wir deine Schrift mit kalten Herzen. Zu oft vertrauen wir auf unseren eigenen Verstand und nicht auf das Zeugnis deines Geistes. Zu oft beugen wir uns nicht, wenn dein Wort unseren Wünschen widerspricht. Herr, vergib uns diese Hartherzigkeit. Vergib uns unseren Stolz, der meint, über deinem Wort zu stehen, anstatt unter ihm. Wir bitten dich, Heiliger Geist, wirke in uns, was du in den Thessalonichern gewirkt hast. Öffne unsere blinden Augen, damit wir die Herrlichkeit deines Wortes sehen. Erweiche unsere harten Herzen, damit wir dein Wort nicht als Menschenwort empfangen, sondern als das, was es in Wahrheit ist: dein lebendiges, kräftiges, unvergängliches Wort. Gib uns das innere Zeugnis, das nicht auf menschlicher Weisheit ruht, sondern auf deiner göttlichen Kraft. Wenn Zweifel aufsteigen, Heiliger Geist, dann rufe uns ein Wort der Schrift ins Herz, das fester steht als unsere Zweifel. Wenn die Finsternis sich über uns senkt, dann lass dein Wort leuchten als ein Licht an dunklem Ort, bis der Morgenstern in unseren Herzen aufgeht. Wenn wir müde werden, dann stärke uns durch die Speise, die mehr ist als Brot: jedes Wort aus deinem Mund. Wir bitten dich für deine Kirche auf der ganzen Erde, auch hier in der Schweiz, in den Tälern und auf den Bergen, in den Städten und Dörfern. Lass dein Wort reichlich unter uns wohnen. Lass die Kanzeln gefüllt sein mit treuer, klarer, lebendiger Verkündigung. Lass die Häuser gefüllt sein mit dem Klang der gelesenen Schrift. Und lass die Herzen gefüllt sein mit der Gewissheit, die nur dein Geist schenken kann. Dir, Vater, Sohn und Heiliger Geist, sei alle Ehre, aller Dank und alle Anbetung, jetzt und in Ewigkeit. Amen.
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