Andacht 7 von 171

Die Klarheit der Schrift: Das Buch, das der Einfältige verstehen kann

Kap.1: Von der Heiligen Schrift — Abschnitt 7 • 2026-05-13 • 25 Min.

Das Bekenntnis

Nicht alle Stücke der Schrift sind an sich gleich klar, noch allen Menschen gleich deutlich; dennoch sind diejenigen Stücke, deren Erkenntnis, deren Glaube und deren Beachtung zum Heil notwendig sind, an der einen oder anderen Stelle der Schrift so deutlich dargelegt und eröffnet, dass nicht nur die Gelehrten, sondern auch die Ungelehrten bei gehörigem Gebrauch der üblichen Mittel zu einem hinreichenden Verständnis derselben gelangen können.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 1, Abschnitt 7

Einleitung

Hast du jemals die Heilige Schrift aufgeschlagen und dich gefragt: Verstehe ich das überhaupt? Bin ich klug genug, gelehrt genug, fromm genug, um Gottes Wort wirklich zu erfassen? Vielleicht hast du dich beim Lesen des Propheten Hesekiel verloren gefühlt, als die Visionen von Rädern und Cherubim vor deinen Augen tanzten. Vielleicht hast du beim Studium des Römerbriefs gedacht: Das ist zu schwer für mich, diese langen Sätze des Paulus, diese dichten Argumente über Sünde und Gnade. Vielleicht ist in deinem Herzen ein Flüstern aufgestiegen, das sagte: Du brauchst jemanden, der dir das erklärt – jemand mit Bildung, jemand mit Autorität über den Text. Du kannst es nicht selbst verstehen. Du bist nicht gelehrt genug, nicht fromm genug, nicht klug genug. Dieses Flüstern, Geliebte, ist uralt. Es begann nicht im zwanzigsten Jahrhundert mit dem Zweifel der Moderne. Es begann im Paradies selbst, als die Schlange flüsterte: Ja, sollte Gott gesagt haben? Seitdem hat der Feind immer wieder versucht, die Menschen vom Wort Gottes zu trennen. Und eines seiner wirksamsten Werkzeuge ist die Behauptung: Du kannst es nicht verstehen. Es ist zu schwer für dich. Überlass das den Gelehrten. Die Frage nach der Verständlichkeit der Schrift ist nicht neu. Sie begleitet die Kirche seit ihren ersten Tagen. Und sie wurde im sechzehnten Jahrhundert zu einer der brennendsten Fragen der Reformation. Die römische Kirche hatte eine klare Antwort: Der einfache Gläubige kann die Schrift nicht selbst verstehen. Er braucht das Lehramt, den Papst, die Konzilien als unfehlbare Ausleger. Die Bibel sei ein dunkles Buch – voller Geheimnisse, die nur geweihte Hände enträtseln können. Diese Antwort gab der Kirche Macht über die Seelen, aber sie raubte den Gläubigen die Gewissheit. Denn wenn du die Schrift nicht selbst verstehen kannst, wie kannst du dann sicher sein, dass du gerettet bist? Doch die Reformatoren – Zwingli in Zürich, Luther in Wittenberg, Calvin in Genf – antworteten mit einem mutigen und befreienden Wort: Nein. Gottes Wort ist klar. Es ist hell genug, um den einfachsten Weg zu Gott zu zeigen. Der Heilige Geist, der die Schrift eingegeben hat, leuchtet auch in die Herzen derer, die sie im Glauben lesen. Du musst kein Theologe sein, um zu verstehen, was du zum Heil wissen musst. Du musst nur ein Kind Gottes sein, das seinen Vater hören will. Dies ist keine akademische Spitzfindigkeit, Geliebte. Es geht um dein Heil. Wenn die Schrift unverständlich wäre – wie könntest du Gewissheit haben? Wenn nur Priester und Doktoren den Weg kennen – was würde aus den einfachen Menschen, den Müttern, den Bauern, den Kindern? Die Westminster-Väter hörten dieses Flüstern durch ihre eigene Zeit schallen, und sie antworteten mit einem der pastoralsten und tröstlichsten Abschnitte des gesamten Bekenntnisses. Sie lehren uns eine Wahrheit, die unzählige Gewissen befreit hat: Die Schrift ist sowohl tief genug, um die grössten Geister zu beschäftigen, als auch klar genug, um die einfachste Seele zu retten.

Die biblischen Grundlagen

Die Schrift selbst bezeugt ihre eigene Klarheit an vielen Stellen, wie die Sterne am Himmel ihre Helligkeit bezeugen. Der Psalmist bezeugt: Psalm 119,105 – »Dein Wort ist meines Fusses Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.« Ein Licht leuchtet nicht für sich selbst, sondern für die, die im Dunkeln gehen. Es erhellt den Weg, damit der Wanderer nicht stolpert. Stell dir vor, du gehst in einer dunklen Nacht einen unbekannten Weg. Jeder Schritt ist unsicher, jeder Stein kann dich zu Fall bringen. Dann kommt einer mit einer Laterne. Auf einmal siehst du den Weg. Du weisst, wo du hintreten musst. So ist das Wort Gottes für unsere Seele. Ohne es tappen wir im Dunkeln. Mit ihm sehen wir den Weg. Und der Psalmist fährt fort: Psalm 119,130 – »Die Eröffnung deiner Worte erleuchtet und macht die Unverständigen klug.« Das hebräische Wort, das Luther mit Eröffnung übersetzt, ist pētach – es bedeutet wörtlich eine Tür, eine Öffnung, ein Eingang. Wenn Gottes Wort sich auftut wie eine Tür, dann strömt Licht herein. Und dieses Licht erreicht nicht nur die Gelehrten, sondern ausgerechnet die Unverständigen. Das ist die göttliche Ironie: Die Klugen stolpern oft über ihre eigene Klugheit, während die Einfältigen durch die Tür eintreten und sehen. Psalm 19,8-9 – »Das Gesetz des Herrn ist vollkommen und erquickt die Seele; das Zeugnis des Herrn ist gewiss und macht die Unverständigen weise. Die Befehle des Herrn sind richtig und erfreuen das Herz; die Gebote des Herrn sind lauter und erleuchten die Augen.« Sechsmal beschreibt der Psalmist die Wirkung des Wortes: Es erquickt die Seele, es macht weise, es erfreut das Herz, es erleuchtet die Augen. Das Wort Gottes ist nicht tot und stumm – es ist lebendig, wirksam, voller Kraft. Es verändert den Menschen, der es aufnimmt. Mose sprach zum Volk Israel am Jordan, kurz vor seinem Tod, Worte von strahlender Kraft. 5. Mose 30,11-14 – »Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu wunderlich und nicht zu ferne. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir es hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir es hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.« Ist das nicht herrlich? Gott hat sein Wort nicht auf einen unerreichbaren Berg gelegt. Er hat es nicht in den Tiefen des Ozeans versteckt. Er hat es nicht in eine Geheimsprache gehüllt, die nur Eingeweihte entschlüsseln können. Nein – es ist nahe. In deinem Mund. In deinem Herzen. Du kannst es hören. Du kannst es lesen. Du kannst es verstehen. Du kannst es tun. Der Apostel Paulus greift diese Stelle im Römerbrief auf und bezieht sie auf das Evangelium von Christus. Römer 10,6-8 – »Aber die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht so: Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf gen Himmel fahren? – nämlich um Christus herabzuholen – oder: Wer will hinab in die Tiefe fahren? – nämlich um Christus von den Toten zu holen. Sondern was sagt sie? Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen. Das ist das Wort vom Glauben, das wir predigen.« Paulus zeigt uns: Die Klarheit des Wortes Gottes gipfelt in der Klarheit des Evangeliums. Der Weg zur Rettung ist nicht kompliziert. Du musst nicht in den Himmel steigen oder in die Unterwelt hinabfahren. Das Wort ist dir nahe – das Evangelium von Jesus Christus ist klar und verständlich. Der Apostel Paulus schreibt an Timotheus: 2. Timotheus 3,14-15 – »Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist, da du ja weisst, von wem du gelernt hast und dass du von Kind auf die heilige Schrift kennst, die dich weise machen kann zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus.« Timotheus kannte die Schrift von Kind auf. Seine Mutter Eunike und seine Grossmutter Lois hatten ihn darin unterwiesen. Nicht in einer Rabbinerschule, nicht im Tempel zu Jerusalem – zu Hause, am Herd, in der Alltäglichkeit des Familienlebens. Und dennoch: Diese Schrift, die ein Kind von seiner Mutter lernen kann, kann weise machen zur Seligkeit. Der Apostel Petrus räumt ehrlich ein: 2. Petrus 3,15-16 – »In den Briefen des Paulus ist manches schwer zu verstehen, was die Unwissenden und Ungefestigten verdrehen, wie auch die anderen Schriften, zu ihrer eigenen Verdammnis.« Siehst du die feine Unterscheidung? Petrus leugnet nicht die schwierigen Stellen – aber das Problem liegt nicht in der Schrift selbst, sondern in denen, die sie verdrehen. Die Schrift ist klar; es sind die Unwissenden und Ungefestigten, die sie verdrehen. Die Dunkelheit liegt nicht im Wort, sondern im Herzen des Menschen. Der Prophet Jesaja verheisst: Jesaja 35,8 – »Es wird eine Strasse sein, die der heilige Weg heisst. Kein Unreiner darf sie betreten. Sie ist für das Volk Gottes; auch Toren können auf ihr nicht irregehen.« Auch Toren – die Einfältigen, die Ungelehrten – können auf diesem Weg nicht irregehen. Nicht weil sie so klug wären, sondern weil der Weg selbst so klar gebahnt ist. Das ist die Güte Gottes. Er hat den Weg des Heils so deutlich gemacht, dass selbst der Einfältigste ihn finden kann. Matthäus 11,25 – »Zu der Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies verborgen hast den Weisen und Klugen und hast es offenbart den Unmündigen.« Christus selbst preist den Vater dafür, dass die Grossen und Gelehrten oft blind bleiben, während die Kleinen, die Unmündigen, das Reich sehen. Die Klarheit der Schrift ist keine Frage des Intellekts, sondern der Herzenshaltung. Wer demütig wie ein Kind kommt, dem öffnet sich die Schrift. Johannes 7,17 – »So jemand will den Willen tun, der wird innewerden, ob diese Lehre von Gott sei oder ob ich von mir selbst rede.« Christus selbst verspricht: Wer bereit ist zu gehorchen, wird verstehen. Der Schlüssel zum Verständnis der Schrift ist nicht der scharfe Verstand, sondern der gehorsame Wille. Ein demütiges Herz, das bereit ist, Gottes Willen zu tun, versteht mehr als ein kluger Kopf, der sich nicht unterordnen will. Lukas 24,45 – »Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden.« Selbst die Jünger, die monatelang mit Jesus gelebt hatten, konnten die Schrift nicht verstehen, bis er ihnen das Verständnis öffnete. Das zeigt uns: Die Klarheit der Schrift ist letztlich eine Gabe des auferstandenen Herrn. Er öffnet die Schrift, er öffnet das Herz, er schenkt Verstehen. Apostelgeschichte 17,11 – »Diese aber waren edler als die in Thessalonich; sie nahmen das Wort auf mit aller Bereitwilligkeit und forschten täglich in der Schrift, ob sich's so verhielte.« Die Beröer waren einfache Gemeindeglieder, keine Theologen. Aber sie forschten täglich in der Schrift und wurden dafür gelobt. Das ist der reformatorische Grundsatz: Jeder Gläubige hat nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, die Schrift selbst zu erforschen.

Was die Westminster-Väter meinten

Die Westminster-Väter schrieben in einer Zeit, als die Frage nach der Klarheit der Schrift auf dem Höhepunkt der theologischen Auseinandersetzung stand. Die römische Kirche hatte jahrhundertelang gelehrt, dass die Schrift dunkel, vieldeutig und der Auslegung durch das unfehlbare Lehramt bedürftig sei. Das Konzil von Trient (1545-1563) hatte endgültig verfügt, dass niemand die Schrift gegen den Sinn der Mutterkirche auslegen dürfe. Damit war der einzelne Gläubige in seiner Schriftlektüre vollständig vom Priester abhängig. Die Väter lehrten die perspicuitas Scripturae – die Durchsichtigkeit, die Klarheit der Schrift – in einer ausgewogenen und zugleich pastorale Weise. Sie begannen mit einer ehrlichen Feststellung: Nicht alle Stücke der Schrift sind an sich gleich klar, noch allen Menschen gleich deutlich. Sie leugneten nicht die Existenz schwieriger Stellen. Es gibt prophetische Visionen, die schwer zu deuten sind. Es gibt typologische Zusammenhänge, die tiefes Studium erfordern. Es gibt Stellen in den Briefen des Paulus, die selbst Petrus als schwer verständlich bezeichnete. Aber die Väter setzten sofort das entscheidende Gegengewicht: dennoch sind diejenigen Stücke, deren Erkenntnis, deren Glaube und deren Beachtung zum Heil notwendig sind, an der einen oder anderen Stelle der Schrift so deutlich dargelegt und eröffnet, dass nicht nur die Gelehrten, sondern auch die Ungelehrten bei gehörigem Gebrauch der üblichen Mittel zu einem hinreichenden Verständnis derselben gelangen können. Hier liegt das Herz dieser Lehre: Was für das Heil notwendig ist, ist klar. Die Erkenntnis der Sünde, der Glaube an Christus, die Busse, die Rechtfertigung aus Gnaden – all das ist so klar in der Schrift dargelegt, dass kein Mensch eine Entschuldigung hat. Die Väter fügten eine wichtige Einschränkung hinzu: bei gehörigem Gebrauch der üblichen Mittel. Sie lehrten nicht, dass die Schrift wie ein Orakel ohne jede menschliche Mühe verstanden wird. Es gibt Mittel, die Gott gegeben hat: das aufmerksame Lesen, das vergleichende Forschen, das Gebet um Erleuchtung, die Gemeinschaft der Gläubigen, die Verkündigung des Wortes. Es ist billige Gnade zu meinen, man könne die Schrift verstehen, ohne sie zu lesen, ohne zu beten, ohne demütig zu lernen. Die Väter unterschieden zwischen zwei Aspekten der Klarheit. Die äussere Klarheit bedeutet, dass der Text selbst verständlich ist – die Worte und Sätze sind in ihrer grundlegenden Bedeutung zugänglich, wenn sie in einer Sprache vorliegen, die der Leser versteht. Die innere Klarheit bedeutet, dass der Heilige Geist das Herz des Lesers erleuchtet, damit er das Gelesene geistlich versteht und im Glauben annimmt. Die eine Klarheit ohne die andere genügt nicht. Ein ungläubiger Gelehrter kann die Worte verstehen, aber ihr geistlicher Sinn bleibt ihm verschlossen. Ein gläubiger Einfältiger kann den geistlichen Sinn erfassen, braucht aber die Worte in seiner Sprache.

Theologische Tiefe

Johannes Calvin widmete in seiner Institutio der Klarheit der Schrift ein ganzes Kapitel. Er schrieb: Die Schrift ist die Schule des Heiligen Geistes, in der nichts ausgelassen wird, was notwendig und nützlich zu wissen ist. Calvin verglich die Schrift mit einer Brille. So wie eine Brille dem Kurzsichtigen die klare Sicht gibt, so gibt die Schrift uns klare Erkenntnis Gottes. Ohne die Schrift sehen wir nur undeutlich, wie durch einen Nebel. Mit ihr wird uns klar, wer Gott ist, wer wir sind und wie wir gerettet werden. Calvin betonte, dass die Klarheit der Schrift nicht in der menschlichen Fähigkeit des Lesers gründet, sondern in der Wirksamkeit des Heiligen Geistes. Was nützt das hellste Licht, wenn die Augen geschlossen sind? Der Geist öffnet die Augen des Herzens, damit wir das Licht der Schrift sehen können. Ulrich Zwingli widmete dieser Frage eine eigene Schrift: Von der Klarheit und Gewissheit des Wortes Gottes, verfasst 1522 auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung mit der römischen Kirche. Zwingli argumentiert mit grosser Kraft: Die Klarheit der Schrift ist eine unmittelbare Frucht des Heiligen Geistes. Der Geist, der die Propheten und Apostel inspiriert hat, erleuchtet auch die Leser der Schrift. Wo der Geist Gottes ist, da ist Klarheit. Und der Geist wirkt nicht nur bei den Gelehrten, sondern bei allen, die im Glauben kommen. Zwingli schreibt: Gottes Wort ist nicht dunkel, sondern klar. Wenn es dunkel erscheint, dann nicht wegen des Wortes, sondern wegen der Blindheit des menschlichen Herzens. Heinrich Bullinger, Zwinglis Nachfolger in Zürich, bekräftigte diese Lehre in seiner Zweiten Helvetischen Bekenntnis, die in der ganzen reformierten Welt verbreitet war und auch die Westminster-Väter beeinflusste. Bullinger schrieb: Wir lehren, dass die Schrift klar und verständlich sei, besonders in dem, was zum Heil notwendig ist. Seine Formulierung wurde klassisch: Die Schrift ist klar in dem, was notwendig ist. Bullinger betonte die pastorale Bedeutung dieser Lehre. Sie tröstet die angefochtenen Gewissen. Sie gibt den Zweifelnden Zuversicht. Sie befreit von der Abhängigkeit von Menschen. Theodor Beza, Calvins Nachfolger in Genf und ein bedeutender Gelehrter der griechischen Sprache, verfocht diese Lehre in seinen Schriften gegen die Angriffe der römischen Theologen. Er argumentierte mit einer bestechenden Logik: Wenn die Schrift nicht klar wäre, könnte sie ihre Funktion als Regel des Glaubens und Lebens nicht erfüllen. Ein unklares Gesetz kann nicht befolgt werden. Eine unklare Karte kann den Weg nicht weisen. Ein undeutlicher Brief von einem abwesenden Vater kann seine Kinder nicht leiten. Gottes Wort aber ist all dies: Gesetz, Karte und Brief an sein Volk. Es muss also klar sein, sonst wäre es zwecklos. Pierre Viret, der Schweizer Reformator aus der Waadt, ein enger Mitarbeiter Calvins, betonte in seinen volkstümlichen Schriften die praktische Seite dieser Lehre. Viret war bekannt für seine Fähigkeit, schwierige theologische Wahrheiten einfach darzustellen. Er lehrte: Die Schrift ist der offene Brief Gottes an seine Kinder. Ein Vater schreibt nicht in Rätseln an seine Kinder. Er schreibt so, dass sie ihn verstehen können. Wenn Gott also zu uns spricht, spricht er so, dass wir ihn verstehen können. Der Puritaner Thomas Watson schrieb in seiner Body of Divinity: Die Schrift ist ein himmlischer Spiegel, in dem wir das Angesicht Gottes sehen. Sie ist das Heiligtum, in dem die Schätze der Weisheit aufbewahrt werden. Sie ist die Apotheke, in der für jede Krankheit der Seele eine Arznei zu finden ist. Watson betonte die Zulänglichkeit und Klarheit der Schrift für alle Lebenslagen. Was immer dir fehlt – Trost, Weisheit, Ermahnung, Hoffnung – die Schrift hat es, und sie hat es klar genug, dass du es finden kannst. Der schottische Theologe Robert Shaw schrieb in seiner Auslegung des Westminster Bekenntnisses: Die Lehre von der Klarheit der Schrift ist von grösster praktischer Bedeutung. Wenn die Schrift nicht klar wäre, wäre sie eine Quelle ständiger Verwirrung und Unsicherheit. Der Gläubige könnte nie sicher sein, ob er Gottes Willen richtig verstanden hat. Aber die Güte Gottes hat dafür gesorgt, dass der Weg des Heils so klar ist, dass der Wegwanderer, wenn auch ein Tor, nicht irregehen kann. Der Heidelberger Theologe Zacharias Ursinus, einer der Verfasser des Heidelberger Katechismus, lehrte, dass die Schrift in allen Dingen, die zum Heil notwendig sind, klar und verständlich ist. Er unterschied zwischen dem, was man wissen muss, um gerettet zu werden, und dem, was man wissen kann, um in der Erkenntnis zu wachsen. Das erste ist klar und einfach, das zweite mag tiefer sein, ist aber nicht zum Heil notwendig. Diese Unterscheidung ist bis heute von grosser Bedeutung. Sie bewahrt uns vor zwei Irrwegen: der Verzweiflung, wenn wir nicht alles verstehen, und dem Stolz, wenn wir meinen, alles verstanden zu haben.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Wenn du die Schrift aufschlägst, tu es im Glauben, dass Gott sich dir darin offenbaren will. Die Klarheit der Schrift ist eine Verheissung. Gott hat sein Wort nicht gegeben, um es zu verbergen, sondern um sich zu offenbaren. Komm mit der Zuversicht eines Kindes, das seinen Vater reden hört. Gott wird dich verstehen lassen, was du für dein Heil wissen musst. Zweitens: Wenn du auf eine schwierige Stelle stösst, lass dich nicht entmutigen. Die Väter selbst anerkannten, dass nicht alle Stücke gleich klar sind. Bitte den Heiligen Geist um Erleuchtung, vergleiche die Schrift mit Schrift, suche den Rat treuer Lehrer, und gedulde dich. Die Tiefen der Schrift sind wie die Tiefen des Meeres – sie laden zum Staunen und Forschen ein, nicht zur Verzweiflung. Aber die Wasser des Heils sind flach genug, dass auch ein Kind darin waten kann. Drittens: Prüfe alle Lehre an der Schrift, so wie die Beröer es taten. Was auch immer ein Prediger sagt, was auch immer ein Buch lehrt, was auch immer eine Tradition überliefert – prüfe es an der Schrift. Du hast nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, die Schrift selbst zu erforschen. Die Beröer wurden nicht getadelt, dass sie den Apostel Paulus prüften – sie wurden gelobt. Sei wie die Beröer, auch wenn die Autoritäten dir sagen, du sollst nicht fragen. Viertens: Sei demütig. Die Klarheit der Schrift ist kein Grund zum Stolz, sondern zur Dankbarkeit. Nicht weil wir so klug sind, können wir die Schrift verstehen, sondern weil Gott so gütig ist, sie uns zu eröffnen. Wer meint, er verstehe alles, hat noch gar nichts verstanden. Wer aber demütig vor der Schrift sitzt wie ein Schüler vor seinem Lehrer, dem wird Gott die Augen öffnen. Fünftens: Halte fest an der reformatorischen Überzeugung, dass die Schrift der einzige Massstab für Glauben und Leben ist. Keine Kirche, kein Konzil, kein Lehrer, kein Papst hat Autorität über die Schrift. Die Schrift allein ist die letzte Autorität. Wenn jemand sagt: Die Kirche lehrt dies – dann antworte: Was sagt die Schrift? Wenn jemand sagt: Die Tradition hält jenes – dann frage: Was sagt die Schrift? Wenn jemand sagt: Alle denken so – dann forsche: Was sagt die Schrift? Sechstens: Gib die Freude an der Schrift an die nächste Generation weiter. Timotheus lernte die Schrift von Kind auf von seiner Mutter und Grossmutter. Tue desgleichen. Lies deinen Kindern die Bibel vor. Sprich mit ihnen über das Gehörte. Mach sie vertraut mit dem Wort, das sie weise machen kann zur Seligkeit. Die Reformation begann nicht in den Studierzimmern der Gelehrten, sondern in den Familien, wo die Schrift gelesen wurde. Siebtens: Höre nie auf, in der Schrift zu forschen. Es gibt immer mehr zu entdecken. Die Schrift ist wie ein grosser Wald – je tiefer du hineingehst, desto mehr Wunder siehst du. Wie der Puritaner John Owen sagte: Wer meint, er habe die Schrift ausgeschöpft, hat sie noch nicht einmal betreten. Wachse in der Erkenntnis Gottes, indem du täglich in seinem Wort forschst. Achtens: Tröste dich mit der Klarheit der Schrift in Zeiten des Zweifels. Der Feind wird dir einflüstern: Du kannst nicht wissen, ob du gerettet bist. Die Schrift ist zu schwer für dich. Du verstehst sie nicht richtig. Aber du antwortest ihm mit der Schrift selbst. Das Evangelium ist klar: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder selig zu machen. Die Verheissungen sind klar: Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Der Weg ist klar: Du musst kein Gelehrter sein, um zu wissen, dass Jesus für dich gestorben ist. Du musst nur ein Sünder sein, der ihm vertraut.

Gebet

Du barmherziger Gott und Vater, wir danken dir für die Klarheit deines Wortes. Wir danken dir, dass du die Schrift nicht in dunklen Rätseln vor uns verborgen hast, sondern sie uns als eine Leuchte für unseren Fuss und ein Licht für unseren Weg gegeben hast. Wir danken dir, dass der Weg zum Heil so klar ist, dass auch der Einfältige ihn finden kann. Wir danken dir, dass du die Geheimnisse deines Reiches den Unmündigen offenbarst und sie den Weisen und Klugen verbirgst. Wir danken dir für den Heiligen Geist, der uns die Augen öffnet, damit wir die Wunder deines Gesetzes erkennen. Herr, vergib uns, wenn wir dein Wort vernachlässigt haben. Vergib uns, wenn wir seine Klarheit angezweifelt haben, weil wir uns von den Schwierigkeiten einiger Stellen haben abschrecken lassen. Vergib uns, wenn wir auf menschliche Lehrer und Traditionen mehr vertraut haben als auf dein lebendiges Wort. Hilf uns, täglich in der Schrift zu forschen, mit der Bereitwilligkeit der Beröer und der Beharrlichkeit der Heiligen. Öffne uns das Verständnis, wie du es den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus getan hast. Lass dein Wort reichlich in uns wohnen, dass wir getröstet werden durch die Schrift und Hoffnung haben. Gib uns demütige Herzen, die sich von deinem Wort belehren, korrigieren und erneuern lassen. Und wenn wir das Buch schliessen, lass uns nicht dieselben bleiben, sondern verwandelt durch die Kraft deines Wortes, damit wir dir leben zur Ehre. Wir bitten dich im Namen Jesu Christi, des lebendigen Wortes, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert, ein Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
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