Andacht 17 von 171

Bevor der erste Stern am Himmel aufleuchtete und bevor die e

Kap.3: Von Gottes ewigem Ratschluss — Abschnitt 4 • 2026-05-23 • 38 Min.

Das Bekenntnis

Diese so vorherbestimmten und vorherverordneten Engel und Menschen sind einzeln und unveränderlich dazu bestimmt, und ihre Zahl ist so gewiss und festgesetzt, dass sie weder vergrössert noch vermindert werden kann.
Westminster Bekenntnis, Kapitel 3, Abschnitt 4

Einleitung

Bevor der erste Stern am Himmel aufleuchtete und bevor die ersten Berge sich aus der Tiefe hoben, bevor die Zeit selbst ihren Zug der Tage und Jahrhunderte antrat, lag ein Buch offen in den Ratschlüssen des ewigen Gottes. Es war kein Buch aus Pergament, das Motten verzehren und Feuer zerstören können, sondern das lebendige Wissen des göttlichen Geistes: das Verzeichnis jeder Seele, die je die Herrlichkeit des dreieinigen Gottes schauen und leben würde. Auf seinen Seiten standen Namen, einzelne, besondere, persönliche Namen. Jeder dem Vater bekannt. Jeder vom Sohn erkauft. Jeder dazu bestimmt, vom Geist versiegelt zu werden. Kein Name stand dort als nachträglicher Einfall. Kein Name würde je ausgelöscht werden. Und von dem Augenblick an, da der Ratschluss in der stillen Tiefe der Ewigkeit gefasst wurde, stand die Zahl fest. Sie konnte um keinen einzigen wachsen, sie konnte um keinen einzigen schrumpfen. Das himmlische Bürgerverzeichnis war vollendet, bevor die Erde Bewohner hatte, die man hätte zählen können. Die Westminster-Väter haben in den ersten drei Abschnitten dieses Kapitels den ewigen Ratschluss in seiner Weite entfaltet: dass Gott alles verordnet, dass dieser Ratschluss nicht auf Vorauswissen beruht und dass er zur doppelten Bestimmung führt, zum Leben und zum Tode. Nun, im vierten Abschnitt, wenden sie sich einer Wahrheit zu, die zugleich inniger und erschütternder ist. Die Vorherbestimmten und Vorherverordneten sind keine schemenhaften Massen, keine undeutlichen Menschenmengen, deren Gesichter ineinander verschwimmen. Sie sind »einzeln und unveränderlich dazu bestimmt«. Der Ratschluss schwebt nicht als allgemeine Absicht über dem Menschengeschlecht. Er steigt herab ins Einzelne, ins persönliche Angesicht, in den persönlichen Namen, in die persönliche Geschichte von Sünde und Gnade. Lieber Hörer, was diese Lehre dir anbietet, ist kein theologisches Rätsel, das es zu entwirren gilt, sondern eine persönliche Gewissheit, in der du ruhen darfst. Wenn die Zahl feststeht, dann steht jeder Name sicher. Wenn die Bestimmung unveränderlich ist, dann wird der Gott, der deine Rettung vor aller Zeit beschloss, auf halbem Wege deiner Pilgerschaft seinen Sinn nicht ändern. Der vierte Abschnitt des dritten Kapitels ist, in seiner tiefsten Absicht, eine Lehre der Geborgenheit: der Geborgenheit der einzelnen Schafe, die der einzelne Hirte mit Namen kennt.

Die biblischen Grundlagen

Die Behauptung des Bekenntnisses, dass die Erwählten »einzeln« bestimmt sind, steigt unmittelbar aus der Sprache der Schrift empor, die den persönlichen Charakter von Gottes rettendem Vorsatz mit einer Zärtlichkeit zeichnet, die keine Abstraktion einzufangen vermag. Wir beginnen dort, wo jede Lehre der Heilsgewissheit beginnen muss: bei den Lippen des guten Hirten. Im zehnten Kapitel des Johannesevangeliums zieht unser Herr den Unterschied zwischen dem Mietling, der flieht, wenn der Wolf kommt, und dem Hirten, der sein Leben für die Schafe lässt. Der Grund dieser Hingabe ist die persönliche Erkenntnis: »Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich.« Das Zeitwort kennen trägt hier jene warme, bundesgemässe Innigkeit, mit der ein Mann seine Frau kennt und ein Vater sein Kind. Christus kennt seine Schafe nicht, wie ein Statistiker eine Bevölkerung kennt, in Summen und Prozentsätzen. Er kennt sie einzeln, Angesicht um Angesicht, Namen um Namen. Etwas früher im selben Gespräch sagt er, dass der Hirte »seine Schafe mit Namen ruft«. Das griechische kat' onoma meint: Namen für Namen, eines nach dem anderen, jedes mit derselben persönlichen Aufmerksamkeit gerufen, als gäbe es kein weiteres Schaf in der Hürde. Der Hirte öffnet das Tor nicht und ruft: Wer will, der komme. Er ruft, und der Ruf gilt dem Einzelnen. Dann verankert der Herr die Sicherheit der Schafe in zwei unerschütterlichen Wirklichkeiten. Die erste ist die Gabe des Vaters: »Was mir mein Vater gegeben hat, ist grösser als alles, und niemand kann es aus meines Vaters Hand reissen.« Die zweite ist die Einheit des Willens zwischen Vater und Sohn: »Ich und der Vater sind eins.« Die Schafe werden von einem doppelten Griff gehalten, und weil diese Hände dem einen Gott gehören, kann nichts in der Schöpfung sie losreissen. Aber diese Sicherheit setzt eine bestimmte Herde voraus. Christus kennt die, die der Vater ihm gegeben hat. Er kennt die Zahl. Er wird keinen von ihnen verlieren. Ein Hirte, der seine Schafe nicht von den Ziegen unterscheiden könnte, die auf den Hügeln weiden, könnte keine solche Verheissung geben. Die Gewissheit, die Christus verheisst, ruht auf der Besonderheit seiner Erkenntnis und der Bestimmtheit seiner Herde. Die Apostelgeschichte öffnet uns ein Fenster, durch das wir sehen, wie diese Lehre im Leben der frühen Gemeinde wirkte. Lukas berichtet von der Reaktion der Heiden im pisidischen Antiochien auf die Predigt des Paulus: »Als die Heiden das hörten, wurden sie froh und priesen das Wort des Herrn, und es glaubten alle, die zum ewigen Leben bestimmt waren.« Die Satzfügung ist theologisch von höchstem Gewicht. Lukas sagt nicht: Alle, die glaubten, wurden bestimmt. Das machte den Glauben zur Ursache und die Bestimmung zur Folge, genau den Irrtum, den das Bekenntnis in Abschnitt 2 verworfen hat. Er sagt das Gegenteil: Alle, die tetagmenoi waren, ein Perfekt-Partizip-Passiv von tassō, geordnet, hingestellt, bestimmt, kamen zum Glauben. Die Bestimmung geht dem Glauben voraus und bringt ihn hervor. Das Perfekt zeigt eine vollendete Handlung mit bleibenden Folgen: Sie waren im ewigen Ratschluss bestimmt, und diese Bestimmung trug nun in der Zeit ihre Frucht. Lukas sagt uns nicht, wie viele bestimmt waren, und er nennt sie nicht beim Namen. Uns bleibt die Liste versiegelt. Vor Gott aber liegt sie offen da, und die Zahl, wie immer sie lauten mag, ist vollständig. Kein einziger Heide in Antiochien war mehr zum Leben bestimmt, als zum Glauben kam, und keiner, der bestimmt war, blieb ohne Glauben. Der Ratschluss und die Antwort umfangen einander vollkommen. Das klangvollste biblische Bild für die Besonderheit und Bestimmtheit des göttlichen Heilsratschlusses ist das Buch des Lebens. Dieses Bild kehrt durch die ganze Schrift wieder mit einer Beharrlichkeit, die es uns verwehrt, es als blosse Metapher abzutun. In der Offenbarung schildert Johannes das Tier, das aus dem Meer aufsteigt, und die Anbetung, die es empfängt von »allen, die auf Erden wohnen, deren Namen nicht geschrieben sind im Buch des Lebens des Lammes, das geschlachtet ist von Grundlegung der Welt an«. Der Ausdruck »von Grundlegung der Welt an« mag sich auf »geschlachtet« beziehen, das Lamm wurde im ewigen Ratschluss vor der Schöpfung geopfert, oder auf »geschrieben«, die Namen waren vor der Schöpfung eingetragen. Beide Lesarten sind wahr, und die schwebende Zweideutigkeit dient selbst dem Geheimnis. Was eindeutig ist: Es gibt ein Buch, es gehört dem Lamm, es verzeichnet Namen, es wurde vor dem Bestehen der Welt angelegt, und die, deren Namen auf seinen Seiten fehlen, beten das Tier an. Die Gegenwart oder Abwesenheit eines Namens in diesem Buch bestimmt die gesamte Bahn eines Menschenlebens. Kein Name wird im letzten Augenblick hinzugefügt, weil der Kandidat ein überzeugendes Plädoyer für sich hielt. Kein Name wird ausgestrichen, weil der Kandidat zu schwer gestrauchelt ist. Das Buch wurde in der Ewigkeit geschrieben, und wenn es im Gericht aufgeschlagen wird, wird sein Inhalt derselbe sein. Im siebzehnten Kapitel der Offenbarung kehrt dieselbe Wendung wieder: Das Tier wird »aus dem Abgrund aufsteigen und wird in die Verdammnis gehen, und es werden sich wundern die auf Erden wohnen, deren Namen nicht geschrieben sind im Buch des Lebens von Grundlegung der Welt an«. Johannes gebraucht das Perfekt-Partizip-Passiv gegrammenai, geschrieben worden seiend, mit der bleibenden Wirkung: geschrieben bleibend. Die Eintragung ist ein vergangener, abgeschlossener Akt, dessen Folgen in die Gegenwart und weiter in die Ewigkeit reichen. Ein Name, der vor Grundlegung der Welt in dieses Buch geschrieben wurde, kann zu keinem späteren Zeitpunkt ausgelöscht werden. Die Grammatik des Himmels verbietet es. Der Apostel Paulus, an eine Gemeinde schreibend, die von inneren Kämpfen zerrissen war, beruft sich auf das Buch des Lebens als Antrieb zum Ausharren. Im Philipperbrief spricht er von seinen Mitarbeitern, »deren Namen im Buch des Lebens sind«. Die Gegenwartsform, sie sind, ist auffallend. Paulus sagt nicht, ihre Namen werden dort sein, wenn sie ausharren. Er sagt, ihre Namen sind dort, jetzt, als feststehende Tatsache, und aus dieser feststehenden Tatsache schöpft er das Vertrauen, mit dem er sie zur ferneren Arbeit anhält. Wenn ihre Namen im Buch stehen, wird der Gott, der sie dorthin schrieb, die Gnade schenken, die sie zum Ausharren befähigt. Das Buch macht das Ausharren nicht unnötig. Es verbürgt es. Der Herr selbst, im Lukasevangelium, gibt seinen Jüngern einen Grund zur Freude, der alles Irdische übersteigt. Die Zweiundsiebzig kehren von ihrer Aussendung zurück, begeistert, dass selbst die Dämonen ihnen untertan sind. Der Herr aber lenkt ihren Blick höher: »Doch darüber freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind. Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.« Die himmlische Eintragung ist der tiefste Grund der Freude, tiefer als jede geistliche Erfahrung, tiefer als jeder sichtbare Erfolg im Dienst. Das Perfekt gegraptai, sie sind geschrieben und bleiben geschrieben, steht als vollendete Wirklichkeit da. Nicht: Sie werden geschrieben, wenn ihr treu bleibt. Sondern: Sie sind geschrieben. Diese himmlische Bürgerschaft, einmal verliehen, ist unverlierbar. Der Prophet Daniel, am Ende des alten Bundes, sieht dasselbe Buch am letzten Tag aufgeschlagen: »Zu jener Zeit wird dein Volk gerettet werden, alle, die im Buch geschrieben gefunden werden.« Die Rettung am Ende entspricht der Eintragung am Anfang. Das Buch ist die Wurzel, die Rettung ist die Frucht. Und Jesaja, sieben Jahrhunderte vor Christus, schaute dieselbe Wirklichkeit durch das trübere Glas des alten Bundes: »Wer in Zion übrig ist und in Jerusalem bleibt, der wird heilig heissen, ein jeder, der zum Leben in Jerusalem aufgeschrieben ist.« Die Einschreibung des Überrestes ist der Grund seiner Heiligkeit, nicht ihre Belohnung. Schliesslich das Siegel, das Paulus im zweiten Timotheusbrief setzt: »Der feste Grund Gottes aber besteht und hat dieses Siegel: Der Herr kennt die Seinen. Und: Es lasse ab von der Ungerechtigkeit, wer den Namen des Herrn nennt.« Zwei Dinge stehen hier nebeneinander, die sich im Leben des Gläubigen nie trennen lassen. Die souveräne Erkenntnis Gottes, der die Seinen kennt, und die verantwortliche Heiligung des Menschen, der den Namen des Herrn nennt. Das Siegel, sphragis, ist das Zeichen der Echtheit und Unantastbarkeit. Gottes Erkenntnis seiner Erwählten ist nicht ein tastendes Vermuten, sondern ein festes, unverbrüchliches Siegel. Er kennt die Zahl der Seinen, und er kennt jedes einzelne Glied dieser Zahl. Diese Schriftzeugnisse ergeben ein einheitliches Bild. Gott hat ein Volk, das ihm von Ewigkeit her persönlich bekannt ist, dessen Namen in einem himmlischen Buch verzeichnet sind, das keine Hinzufügungen und keine Streichungen zulässt. Die Lehre des vierten Abschnitts ist die Verdichtung dieses biblischen Zeugnisses.

Was die Westminster-Väter meinten

Die Westminster-Väter verfassten den vierten Abschnitt als gezielte Antwort auf einen bestimmten theologischen Irrtum: die verbreitete Neigung, selbst unter vorgeblich rechtgläubigen Lehrern, die Erwählung zu entschärfen, indem man sie als einen Vorsatz Gottes behandelte, der auf eine Klasse von Personen zielt, nicht auf einzelne Personen. Nach dieser Sicht beschloss Gott, »alle, die glauben«, zu retten, eine Formulierung, die die Sprache der Erwählung beibehielt, aber ihres persönlichen Inhalts entleerte. Die Frage, wer tatsächlich glauben würde, blieb den freien Entscheidungen einzelner Menschen überlassen. Der Ratschluss wartete gewissermassen darauf, dass das Geschöpf seinen Inhalt lieferte. Die Remonstranten hatten diese Neigung zu einer systematischen Theologie ausgebaut. Auf der Dordrechter Synode prüften die niederländischen Abgeordneten den arminianischen Vorschlag, die Erwählung sei Gottes Ratschluss, jene zu retten, von denen er voraussieht, dass sie glauben und ausharren werden. Die Lehrregeln von Dordrecht antworteten mit dem Beharren darauf, dass die Erwählung kein allgemeiner Ratschluss ist, eine bestimmte Art von Menschen zu retten, sondern ein besonderer Ratschluss, bestimmte besondere Personen zu retten, nicht »Gläubige« im Abstrakten, sondern Petrus, Jakobus, Johannes und jedes andere einzelne Glied des Leibes Christi, jedes bei Gott mit Namen bekannt von vor Grundlegung der Welt. Die Westminster-Väter, eine Generation später schreibend, nahmen diesen Nachdruck in den vierten Abschnitt auf. Das Wort »einzeln« trägt das ganze Gewicht der Dordrechter Auseinandersetzung. Es meint: persönlich, für sich, eines nach dem anderen. Die Wendung »unveränderlich dazu bestimmt« bekräftigt denselben Gedanken von einer anderen Seite her. Nicht nur sind die Gegenstände des Ratschlusses einzelne Personen, sie stehen auch fest. Die Bestimmung kann nicht abgeändert werden, weil der Ratschluss, der sie verfügte, der Ratschluss des unveränderlichen Gottes ist. Gott erhält keine neue Kenntnis, die ihn veranlassen könnte, seine Vorsätze anzupassen. Er begegnet keinen Umständen, die ihn zwingen, seinen Plan zu ändern. Sein Wissen ist unendlich und ewig, und der Ratschluss, den er auf der Grundlage dieses Wissens frei gefasst hat, ist so unveränderlich wie sein eigenes Wesen. Zu sagen, der Entwurf könnte sich ändern, liefe auf die Behauptung hinaus, Gott könne sich ändern, und ein veränderlicher Gott ist nicht der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Die dritte Aussage, dass die Zahl »so gewiss und festgesetzt ist, dass sie weder vergrössert noch vermindert werden kann«, folgt mit Notwendigkeit aus den ersten beiden. Wenn die Gegenstände einzelne Personen sind und der Entwurf unveränderlich ist, dann muss die Gesamtzahl feststehen. Das bedeutet: Das Menschengeschlecht, in seiner Beziehung zum ewigen Ratschluss betrachtet, hat einen bestimmten Umfang. Gott wusste von Ewigkeit her genau, wie viele Menschen je leben würden, und er bestimmte von Ewigkeit her genau, wie viele gerettet würden. Die Zahl ist keine Annäherung und kein Richtwert, den Gott zu erreichen hofft. Sie ist eine genaue Grösse, Gott allein bekannt, aber ihm erschöpfend bekannt. Diese Lehre muss sorgfältig vom Fatalismus unterschieden werden, den die Väter in Abschnitt 1 ausdrücklich verwarfen. Die feste Zahl bedeutet nicht, dass Menschen Marionetten sind, deren Entscheidungen bloss eingebildet wären. Sie bedeutet, dass Gott in seiner unendlichen Weisheit den ganzen Verlauf der Geschichte, die freien Entscheidungen jedes moralisch Handelnden eingeschlossen, so geordnet hat, dass die endgültige Summe der Erlösten genau der Zahl entspricht, die er von Ewigkeit her bestimmte. Wie dies sein kann, während Menschen wirklich frei und moralisch verantwortlich bleiben, ist ein Geheimnis. Das Bekenntnis versucht nicht, es zu erklären. Es bekennt auf die Vollmacht der Schrift hin, dass beides wahr ist. Robert Shaw, dessen Auslegung des Bekenntnisses für Generationen den Massstab setzte, erfasste den seelsorgerlichen Sinn des vierten Abschnitts mit der ihm eigenen Klarheit. Könnte die Zahl sich vermindern, so hätte jeder Gläubige Grund zu fürchten, er könnte der Abgezogene sein. Könnte sie sich vermehren, so hätte Christus den vollen Lohn seines Leidens noch nicht empfangen. Die Bestimmtheit der Zahl ist keine Drohung für den Gläubigen, sondern ein Bollwerk. Sie sagt ihm, dass der Gott, der ein gutes Werk in ihm anfing, es vollenden wird bis auf den Tag Jesu Christi, weil dieses Werk in der Ewigkeit geplant wurde und der Planer nicht auf halbem Wege aufgibt, was er vor Grundlegung der Welt beschloss.

Theologische Tiefe

Die reformierte Tradition hat sich nicht damit begnügt, bei der Sprache des Bekenntnisses stehen zu bleiben. Über die Jahrhunderte haben Theologen daran gearbeitet, die Folgerungen des vierten Abschnitts mit einer Gründlichkeit zu entfalten, die dem Gewicht des Gegenstandes entspricht. Vier Stimmen erhellen die Lehre von der festen Zahl mit einem Licht, das die Gemeinde noch heute braucht. Thomas Boston, der schottische Pfarrer, dessen Abhandlung über den vierfachen Zustand der menschlichen Natur ein bleibendes Denkmal erfahrungsgesättigter reformierter Theologie ist, widmete der Besonderheit des Ratschlusses anhaltende Aufmerksamkeit. Boston predigte unter Hirten und Bauern, die wussten, was es heisst, eine Herde zu zählen, und er trieb dieses Verständnis in die Lehre von der Erwählung hinein. Die Besonderheit des Ratschlusses, lehrte er, bedeutet, dass die Erwählten keine gesichtslose Menge sind, sondern Einzelne, auf die Gott von Ewigkeit her sein Herz gesetzt hat. »Dein Name war in seinem Herzen, bevor er in deiner Natur war«, schrieb Boston. »Er liebte dich, als du noch nicht warst, und er wird dich lieben, wenn diese Welt nicht mehr ist. Der Ratschluss, der dich erwählte, ist so besonders wie die Gnade, die dich rief, und wie das Blut, das dich wusch.« Für Boston war die Bestimmtheit der Zahl der Grund eines besonderen seelsorgerlichen Trostes. Viele seiner Gemeindeglieder litten unter der Furcht, ihre Sünden seien zu gross und ihr Glaube zu klein, als dass sie den Himmel erreichen könnten. Diesen zitternden Seelen bot er den unveränderlichen Ratschluss als Arznei an: Wenn die Zahl sich nicht vermindern kann, kann kein Erwählter endgültig abfallen, und wenn du irgendein echtes Kennzeichen der Gnade an dir trägst, irgendein Leid über die Sünde, irgendeinen Hunger nach Christus, so hast du Grund zu hoffen, dass du zu dieser Zahl gehörst. Stephen Charnock, dessen Abhandlungen über das Dasein und die Eigenschaften Gottes eine Schatzkammer theologischer Weisheit sind, nähert sich der Lehre vom Winkel der göttlichen Vollkommenheiten. Für Charnock ist die Bestimmtheit der Zahl eine notwendige Folge des unendlichen Wissens Gottes. Unendlichkeit arbeitet nicht mit Annäherungen. Gott weiss, mit derselben umfassenden Genauigkeit, mit der er jeden fallenden Sperling kennt, die genaue Gesamtzahl derer, die die neue Schöpfung bewohnen werden. Und die Unveränderlichkeit Gottes verbürgt, dass die im Ratschluss festgesetzte Zahl die in der Geschichte verwirklichte Zahl sein wird. »Könnte Gott seinen Vorsatz ändern«, schreibt Charnock, »so wäre er nicht der Gott, der das Ende von Anfang an verkündigt. Sein Ratschluss wäre eine Mutmassung, kein Ratschlag, ein Wunsch, kein Wille. Das Buch des Lebens kennt keine Rasuren und keine Nachschriften. Was vor Grundlegung der Welt geschrieben wurde, wird am jüngsten Tage gelesen werden, und nichts wird hinzugetan und nichts hinweggenommen sein.« Ein veränderlicher Ratschluss setzte einen veränderlichen Gott voraus, und ein veränderlicher Gott ist ein Widerspruch in sich selbst. Der amerikanische Theologe Jonathan Edwards, dessen Verstand philosophische Genauigkeit mit geistlicher Innigkeit verband, entwickelte in seinen Vermischten Betrachtungen einen Blick auf den Ratschluss, in dem die feste Zahl der Erwählten einen bestimmten Zweck in der göttlichen Haushaltung erfüllt: die grösstmögliche Entfaltung der Herrlichkeit Gottes. Gott, als der unendlich Weise, muss den bestmöglichen Plan für das Weltall erwählt haben, den Plan, der seine Vollkommenheiten am reichsten zur Schau stellt. Dieser Plan schliesst eine bestimmte Anzahl erlöster Sünder ein, und diese Anzahl ist diejenige, die die Offenbarung der Gnade zum Höchstmass steigert, ohne die Offenbarung der Gerechtigkeit zu schmälern. Eine kleinere Zahl stellte weniger Barmherzigkeit zur Schau. Eine grössere Zahl entfaltete nicht notwendig mehr Herrlichkeit, weil die Entfaltung der Herrlichkeit vom Zusammenklang aller Eigenschaften Gottes abhängt, nicht von der schieren Menge. Edwards' Beitrag ist besonders wertvoll für eine Frage, die diese Lehre unweigerlich aufwirft: Wenn die Zahl feststeht, warum soll das Evangelium allen gepredigt werden? Seine Antwort: Das allgemeine Angebot ist nicht der Versuch, die Zahl zu erhöhen, sondern das verordnete Mittel, durch das die Erwählten gesammelt werden. Der allgemeine Ruf dient dem besonderen Ratschluss. Der niederländische Theologe Wilhelmus à Brakel, dessen Werk Der Christ in der vernünftigen Gottesverehrung dem Herzen so viel dient wie dem Verstand, bringt die Lehre auf die tägliche Erfahrung zur Anwendung. À Brakel lebte in einer Zeit, in der viele aufrichtige Gläubige von der Angst gelähmt waren, ob sie wohl zu den Erwählten gehörten. Diesen Seelen brachte er ein Wort pastoraler Nüchternheit. Die Lehre von der festen Zahl ist nicht dazu gegeben, dass wir in den Himmel steigen und das Buch des Lammes durchmustern. Sie ist dazu gegeben, dass wir dem Gott vertrauen, der das Buch schrieb. »Quäle dich nicht«, rät à Brakel, »damit, zu lesen, was im Himmel geschrieben steht. Lies, was im Wort geschrieben steht, und in deinem eigenen Herzen. Die Schrift sagt dir, dass Christus alle aufnimmt, die zu ihm kommen, und keinen verstösst, der auf ihn vertraut. Findest du die Gnadengaben der Busse, des Glaubens und der Liebe in dir, wie schwach auch immer, so darfst du schliessen, dass dein Name im Buch des Lebens steht. Der Ratschluss ist verborgen, aber seine Früchte liegen offen. Blicke auf die Früchte, und die Wurzel wird sich zu erkennen geben.« Die unveränderliche Zahl ist keine Mauer, die Sünder aussperrt. Sie ist ein Grund, der Heilige innen hält. In der reformierten Tradition der Schweiz hat das Zweite Helvetische Bekenntnis, das Bullinger 1566 veröffentlichte, denselben Grundton angeschlagen, ohne den vierten Abschnitt vorwegzunehmen. Es bekennt, dass Gott »aus dem ganzen Menschengeschlecht sich eine auserwählte Gemeinde zum ewigen Leben versammle«, und fügt hinzu, dass diese Versammlung »eine bestimmte Zahl von Erwählten« umfasst, die Gott »in seiner ewigen und unveränderlichen Vorsehung zur Seligkeit verordnet hat«. Das Bekenntnis unserer Väter durchzieht derselbe Faden: Der Ratschluss ist besonders, und die Zahl ist fest. Was in Westminster mit juristischer Genauigkeit gesagt ist, das singt in den Kirchen der Schweiz als Lied der Gewissheit. Diese Zeugen fügen sich zu einem einheitlichen Klang. Boston lehrt uns, dass der Ratschluss persönlich gemeint ist, jede erwählte Seele mit Namen geliebt. Charnock lehrt uns, dass der Ratschluss göttlich ist, die unveränderliche Zahl spiegelt den unveränderlichen Gott. Edwards lehrt uns, dass der Ratschluss zweckvoll ist, jedes Einzelne dient dem Ziel, Gott zu verherrlichen. À Brakel lehrt uns, dass der Ratschluss seelsorgerlich ist, er ist zum Trost gegeben, nicht zur Qual. Und das Zweite Helvetische Bekenntnis lehrt uns, dass wir, wenn wir diese Wahrheit bekennen, nicht allein stehen, sondern in einer Wolke von Zeugen, die uns vorangingen. Der Gott, der die Zahl festsetzte, wird jedes Glied dieser Zahl heimbringen.

Anwendung für das reformierte Leben

Keine Lehre der Schrift ist zur Befriedigung der Neugier gegeben, sondern zur Umgestaltung des Lebens. Der Apostel Paulus hat, nachdem er die tiefsten Geheimnisse der Vorherbestimmung in den Kapiteln neun bis elf des Römerbriefs entfaltet hatte, nicht mit einem Seminar über Supralapsarismus geschlossen. Er schloss mit Lobpreis und ging unverzüglich zur Anwendung über: »Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer.« Die Bewegung von der Lehre über den Lobpreis zur Pflicht ist das apostolische Muster, und wir wären dem Text untreu, hielten wir beim zweiten Schritt inne. Was verlangt diese Lehre von uns? Erstens: Lass die Besonderheit des Ratschlusses deine Errettung so persönlich werden, wie sie nie zuvor war. Es ist möglich, an die Erwählung im Abstrakten zu glauben, zu bejahen, dass Gott ein auserwähltes Volk hat, dass die Zahl feststeht, dass das Heil ganz aus Gnaden ist, und doch nie das Gewicht dieser Wahrheiten auf der eigenen Seele zu spüren. Die Lehre des vierten Abschnitts erlaubt diesen Abstand nicht. Der Hirte ruft seine Schafe kat' onoma, mit Namen. Das bedeutet, lieber Hörer: Wenn du in Christus bist, dann war dein Name im Herzen Gottes, bevor die Welt ihren Anfang nahm. Nicht »ein Gläubiger«. Du. Nicht »einer der Erwählten«. Du. Der Ratschluss, der dich erwählte, war so besonders wie das Gesicht, das du jeden Morgen im Spiegel erblickst. Gott liebte keinen Begriff, als er von Ewigkeit her erwählte. Er liebte Personen. Er liebte dich, mit einer Liebe, die deinem Dasein vorausgeht, die jede Sünde voraussah, die du je begehen würdest, und dich dennoch erwählte, die deinen Tod überdauern und dich in eine Ewigkeit der Freude tragen wird, die du nicht verdient hast und nicht verlieren kannst. Nichts tötet den geistlichen Hochmut und nichts entfacht die geistliche Zuneigung mächtiger als dies: Der ewige Gott, bevor die Sterne gemacht waren, setzte sein Herz auf dich im Besonderen, Persönlichen, mit Namen. Zweitens: Lass die Unveränderlichkeit des Ratschlusses der tiefste Anker deiner Hoffnung sein, wenn jeder andere Anker reisst. Es wird Zeiten geben, da die gefühlte Gegenwart Gottes sich zurückzieht, da das Gebet zur Mühsal wird und das Wort ein verschlossenes Buch scheint, da die alten Sünden, die du für tot hieltest, sich in ihren Gräbern regen, da die Welt auf dich eindrängt und der Feind dir zuflüstert, du seist ein Narr gewesen zu glauben, du wärest je gerettet worden. In solchen Zeiten mögen die inneren Beweise, die dich einst trösteten, deine Freude, dein Eifer, dein Empfinden der Nähe Gottes, wie Morgennebel zergehen. Was wird dich dann halten? Nur dies: dass deine Rettung nicht in deinen Gefühlen verankert war. Sie war verankert im unveränderlichen Ratschluss des unwandelbaren Gottes. Die Zahl der Erwählten kann sich nicht vermindern. Gehörst du zu dieser Zahl, und die Kennzeichen der Gnade, wie schwach auch immer, geben dir Grund, es zu hoffen, dann können alle Mächte der Hölle dich nicht aus ihr herausreissen. Dein Name wurde ins Buch des Lammes geschrieben vor Grundlegung der Welt. Er ist dort jetzt, wie Paulus von seinen Mitarbeitern sagte: Ihre Namen »sind« im Buch, Gegenwart. Und er wird dort sein, wenn die Bücher am jüngsten Tag aufgeschlagen werden. Der unveränderliche Ratschluss ist die letzte Versicherung des Gläubigen gegen den Abfall, nicht weil Gläubige nicht in schwere Sünde fallen könnten, sondern weil der Gott, der ihre Rettung beschloss, auch ihre Wiederherstellung, ihre Busse und ihr Ausharren beschlossen hat. Drittens: Lass die Bestimmtheit der Zahl dich dringlich machen in der Evangelisation, nicht gleichgültig. Der Einwand, die Erwählung töte den Antrieb zur Mission, beruht auf einem hartnäckigen Missverständnis, dass, wenn die Zahl feststeht, menschliche Bemühung keine Rolle bei der Sammlung der Erwählten spielt. Doch die Schrift bietet genau die entgegengesetzte Logik. Gerade weil die Zahl feststeht, muss die Gemeinde predigen, beten, aussenden. Derselbe Gott, der bestimmte, wer gerettet würde, bestimmte auch, dass sie durch die Verkündigung des Evangeliums gerettet würden. Dein Zeugnis vor deinem Nachbarn, deine Gebete für deine Kinder, deine Unterstützung der Mission, all dies sind nicht Versuche, Gott zur Erhöhung der Zahl zu bewegen. Es sind die Mittel, die er verordnet hat, um die Erwählten heimzuholen. Wenn du das Evangelium weitersagst, wirfst du ein Netz in ein Meer, in dem Gott bereits jeden Fisch gezeichnet hat, der ihm gehört, und das Netz wird jeden einzelnen einbringen. Derjenige, der glaubt, der Ausgang hänge letztlich vom freien Willen des Hörers ab, hat weit mehr Grund zur Sorge als du. Der Wille des Hörers ist wankelmütig, verfinstert und Gott von Natur aus feind. Aber Gottes Ratschluss steht fest, und wo er zu retten beschloss, wird das Wort nicht leer zurückkommen. Geh ans Werk der Evangelisation mit dem Vertrauen, dass deine Arbeit nicht vergeblich ist. Viertens: Lass die Wahrheit des unabänderlichen Buches eine forschende Selbstprüfung in dir hervorbringen, die nicht ruht, bis sie festen Boden gefunden hat. Das Bekenntnis erklärt, dass die Zahl feststeht, und diese Zahl umfasst jeden Namen und schliesst jeden Namen aus, den sie nie enthalten hat. Das ist keine Lehre, die Gleichgültigkeit erlaubt. Sie verlangt eine Antwort auf die dringendste Frage, die ein Mensch stellen kann: Ist mein Name dort geschrieben? Petrus ermahnt uns, unsere Berufung und Erwählung festzumachen, nicht indem wir in die verborgenen Ratschlüsse Gottes eindringen, sondern indem wir prüfen, ob die Frucht der Erwählung in unserem Leben wächst. Betrübt dich die Sünde, nicht nur um ihrer Folgen willen, sondern weil sie den heiligen Gott beleidigt? Vertraust du auf Christus allein zu deiner Gerechtigkeit und hast jeden Fetzen Vertrauen auf eigene Werke fahren lassen? Liebst du die Brüder, nicht vollkommen, aber aufrichtig? Verlangst du nach Heiligkeit, auch wenn du sie nicht erreichst, und schmerzt dich das Ungenügen? Dies sind die Kennzeichen der Gnade. Wo sie vorhanden sind, und seien es erst ihre frühesten Regungen, hast du biblischen Grund zu glauben, dein Name stehe im Buch. Wo sie fehlen, kann keine gedankliche Zustimmung zur Lehre Ersatz bieten. Findest du diese Kennzeichen nicht, so weiche nicht in die Verzweiflung zurück. Schliesse nicht, du seist verworfen und nichts könne dir helfen. Fliehe zu Christus. Der Ratschluss ist verborgen, aber das Evangelium ist offen. Das Buch des Lebens ist unseren Blicken verschlossen, aber der Heiland ist unserem Glauben offen, und niemand, der zu ihm kommt, wird jemals hinausgestossen werden. Fünftens: Lass die umfassende Weisheit der festen Zahl dich zur Anbetung führen. Bedenke, was die Bestimmtheit der Zahl in sich schliesst. Gott kannte von Ewigkeit her jeden Menschen, der je leben würde, ihre Zahl, ihre Namen, ihre Geschichte, jede Sünde, die sie je begehen würden. Und aus dieser unabsehbaren Gesellschaft höllenwürdiger Sünder erwählte er eine bestimmte Anzahl, ihm mit mathematischer Genauigkeit bekannt, um Gegenstände seiner erlösenden Liebe zu sein. Er erwählte sie nicht, weil sie besser waren. Er erwählte sie, weil er sie liebte, und er liebte sie, weil er sie liebte, der letzte Grund ist verborgen in den unerforschlichen Tiefen seines eigenen souveränen Willens. Nachdem er sie erwählt hatte, sandte er seinen Sohn, für sie insonderheit zu sterben, ihre besonderen Sünden an seinem Leibe auf dem Holze tragend. Nachdem er sie erkauft hatte, sandte er seinen Geist, sie zu rufen, einen nach dem anderen, zur verordneten Stunde, durch die verordneten Mittel, mit einem wirksamen Ruf, der nicht fehlschlagen konnte, weil er vom ganzen Gewicht des dreieinigen Ratschlusses getragen war. Dies ist nicht der Entwurf einer Gottheit, die im Augenblick erfindet, was sie tun soll, die auf Ereignisse antwortet, die sie nicht voraussah. Dies ist die Weisheit des Gottes, der in einem Licht wohnt, zu dem niemand kommen kann, der das Ende vom Anfang her sieht, der alles nach dem Rat seines Willens ordnet und dessen Vorsätze so umfassend sind, dass kein einzelner Zug der Geschichte, nicht der Fall eines Sperlings, nicht das Werfen eines Loses, nicht der geheimste Gedanke des verschwiegensten Herzens ausserhalb seines ewigen Planes liegt. Die angemessene Antwort ist nicht Debatte, sondern Schweigen. Dann, aus dem Schweigen, Lobpreis. Wie Paulus müssen wir am Ende aufhören, zu erklären, und anfangen, zu singen: »Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.« Sechstens: Lass die feste Zahl dir den Trost schenken, den nur sie geben kann, wenn du am Grab eines Gläubigen stehst. Der Tod zerschneidet jedes irdische Band. Er nimmt die Stimme, das Gesicht, die Hand, die du gehalten hast. Vor dem Sarg wird alle Theologie zur Anwendung. Was trägt dann? Der Gedanke, dass der Verstorbene »ein gutes Leben hatte«? Dass er »an das Gute im Menschen glaubte«? Das sind Strohhalme, die im Feuer des Gerichtes verbrennen. Doch wenn du weisst, dass der, der nun in Christus entschlafen ist, einen Namen trug, der vor Grundlegung der Welt ins Buch des Lebens geschrieben war, dann trägt dich diese Gewissheit durch das Tal der Todesschatten. Die Zahl der Erwählten kann sich nicht vermindern. Kein Glied Christi geht dem Haupte verloren. Kein Schaf, das der Hirte mit Namen rief, bleibt im Grabe. Das himmlische Bürgerverzeichnis verzeichnet alle, und wer darin steht, der steht darin für immer. Das ist der Trost, mit dem Paulus die Thessalonicher tröstete: »Wir wollen euch aber, liebe Brüder, nicht im Ungewissen lassen über die, die entschlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die anderen, die keine Hoffnung haben. Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, die entschlafen sind, durch Jesus mit ihm einherführen.« Der Ratschluss umfasst das Sterben so gewiss wie das Leben. Und aus dem Sterben führt er ins Leben, das kein Sterben mehr kennt.

Gebet

Herr, unser Gott, dessen Einsicht unendlich und dessen Ratschluss unerforschlich ist, wir beugen uns vor dir im Angesicht von Wahrheiten, die zu hoch sind für uns. Du hast in deinem Wort erklärt, dass die Gegenstände deines Ratschlusses einzeln und unveränderlich bestimmt sind und dass ihre Zahl so gewiss und festgesetzt ist, dass sie weder vergrössert noch vermindert werden kann. Wir bekennen, dass unser Verstand zu klein und unser Herz zu schwach ist, dies ohne Zittern aufzunehmen. Dennoch wagen wir nicht, zu verwerfen, was du geoffenbart hast, denn du bist wahrhaftig und alle Menschen sind Lügner. Schenke uns die Demut, zu empfangen, was du gelehrt hast, und die Weisheit, zu ruhen, wo du zu schweigen beschlossen hast. Wir preisen dich für die Besonderheit deiner rettenden Liebe. Du hast keine Masse von Menschen im Abstrakten geliebt, sondern Personen, einzelne und gekannte, und unter ihnen, so wagen wir zu hoffen, hast du uns geliebt. Wir danken dir, dass deine Liebe zu uns nicht begann, als wir zum ersten Mal glaubten, noch als wir den ersten Atemzug taten. Sie war in deinem Herzen, bevor die Berge geboren wurden, und sie wird bleiben, wenn der letzte Hügel in Staub zerfällt. Siegle diesen Trost auf unsere Herzen: dass kein Name, den du ins Buch des Lebens geschrieben hast, von irgendeiner Macht im Himmel oder auf Erden ausgelöscht werden kann. Lehre uns, mit dem Geheimnis der festen Zahl in der Ehrfurcht umzugehen, die denen geziemt, die von den Ratschlüssen des Allmächtigen reden. Bewahre uns vor dem Hochmut, der in das einzudringen sucht, was du verhüllt hast, und vor der Gleichgültigkeit, die vernachlässigt, was du geoffenbart hast. Lass diese Lehre in unserem Mund nie zur Waffe werden, die die Schwachen verwundet, und nie zur Mauer, die Sünder vom Heiland fernhält. Lass sie vielmehr das Fundament unter unseren Füssen sein, wenn der Boden wankt, das Licht vor unseren Augen, wenn die Finsternis eindringt, und der Sporn an unseren Füssen, wenn der Ruf zum Zeugnis ertönt. Wir bitten dich für die Erwählten, die das Evangelium noch nicht gehört haben, für die verlorenen Schafe, die noch nicht in die Hürde gesammelt sind. Du hast verheissen, dass du noch andere Schafe hast, die nicht aus diesem Stalle sind, und dass du auch sie herbeiführen musst. Gebrauche uns als Werkzeuge in deiner Hand, sie zu sammeln. Sende Arbeiter in deine Ernte. Lass dein Wort freien Lauf haben, damit die volle Zahl der Erwählten eingebracht werde und das Hochzeitsmahl des Lammes mit Gästen besetzt sei. Erforsche uns, Gott, und erkenne unser Herz; prüfe uns und erkenne unsere Gedanken. Wenn unsere Namen im Buch des Lebens geschrieben sind, schenke uns die Gewissheit, die aus dieser seligen Sicherheit fliesst, nicht ein vermessenes Vertrauen, das die Sünde leicht nimmt, sondern ein demütiges Vertrauen, das auf deiner Verheissung ruht und die Frucht der Heiligung hervorbringt. Und sollten unsere Namen in der verborgenen Tiefe deines gerechten Gerichtes nicht dort geschrieben sein, so lass uns nicht in unserer Selbstsicherheit. Zerschlage unseren falschen Frieden. Nimm uns jede Zuflucht, die uns vor deinem Zorn nicht bergen kann, und treibe uns zu der einzigen Zuflucht, die es vermag: zu den Wunden deines lieben Sohnes, in dem Barmherzigkeit ist für die grössten Sünder und Aufnahme für alle, die kommen. Durch Jesus Christus, unseren Herrn, das Lamm, dessen Buch des Lebens das Verzeichnis unserer Hoffnung ist und dessen Blut das Siegel unserer Erlösung. Amen.
← Start · Alle Andachten ·