Andacht 18 von 171

Stellen Sie sich ein Kind vor, das in eine Familie hineingeb

Ch.3: Of God's Eternal Decree — Section 5 • 2026-05-27 • 36 min
Die Menschen, die zum Leben vorherbestimmt sind, hat Gott vor Grundlegung der Welt, nach seinem ewigen und unveränderlichen Ratschluss und dem geheimen Ratschluss und Wohlgefallen seines Willens, in Christus erwählt zur ewigen Herrlichkeit, aus lauter freier Gnade und Liebe, ohne irgendeine Voraussicht des Glaubens oder guter Werke oder der Beharrlichkeit in einem von beiden oder irgendeiner anderen Sache im Geschöpf als Bedingungen oder Ursachen, die ihn dazu bewegten; und alles zum Lob seiner herrlichen Gnade.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 3, Abschnitt 5

Einleitung

Stellen Sie sich ein Kind vor, das in eine Familie hineingeboren wird, deren Reichtum vor Generationen erworben wurde. Dieses Kind hat nichts getan, um diesen Reichtum zu verdienen. Es atmet zum ersten Mal, und schon steht sein Name im Testament des Vaters, schon ist ihm das Erbe zugesprochen, schon gehören ihm die Güter des Hauses. Nicht weil es sich klug entschieden hätte, in diese Familie hineinzukommen. Nicht weil der Vater voraussah, dass dieses Kind dereinst ein besonders gehorsamer Sohn oder eine besonders liebliche Tochter sein würde. Sondern weil der Vater in seiner freien Liebe beschloss, dieses Kind zu haben, ihm seinen Namen zu geben und ihm alles zu schenken, was er besitzt. So ist die Erwählung, von der die Schrift redet. So ist das Heil, das der fünfte Abschnitt unseres Bekenntnisses vor uns ausbreitet. Die Sprache der Westminster-Väter ist hier auf ihrem dichtesten und zugleich ihrem zärtlichsten Punkt angelangt. In den ersten vier Abschnitten haben sie die Architektur des ewigen Ratschlusses errichtet: dass Gott alles verordnet, dass dieser Ratschluss nicht auf Vorauswissen beruht, dass er zur doppelten Bestimmung führt und dass die Erwählten einzeln und unveränderlich feststehen. Nun, im fünften Abschnitt, öffnen sie die innerste Kammer. Sie sagen uns, nicht nur dass Gott erwählt, sondern wie er erwählt: »in Christus«, »aus lauter freier Gnade und Liebe«, »ohne irgendeine Voraussicht des Glaubens oder guter Werke«, und dies alles »zum Lob seiner herrlichen Gnade«. Lieber Hörer, dieser Abschnitt ist für Sie geschrieben. Nicht für den Theologen, der seine Begrifflichkeit schärfen will, obwohl er auch diesen Dienst tut. Sondern für das angefochtene Herz, das sich fragt: Hat Gott mich wirklich geliebt, bevor ich ihn lieben konnte? Ruht mein Heil auf etwas in mir — meinem Glauben, meiner Treue, meinem Ausharren — oder ruht es ganz auf dem, was Gott in Christus getan hat? Der fünfte Abschnitt gibt eine Antwort, die jeden menschlichen Ruhm auslöscht und jede göttliche Gnade aufstrahlen lässt. Er ist, in seiner tiefsten Absicht, ein Trost für verzagte Gewissen und eine Demütigung für geistlichen Hochmut.

Die biblischen Grundlagen

Die Lehre, dass die Erwählung ganz aus Gnaden geschieht, ohne jede Bedingung im Geschöpf, ist nicht eine Erfindung der Reformatoren. Sie steigt aus der Schrift empor mit einer Klarheit, die nur der übersehen kann, der nicht sehen will. Wir beginnen dort, wo Gott selbst seinem Volk die Wurzel seiner Erwählung enthüllt. Im fünften Buch Mose redet Mose zu Israel am Rand des verheissenen Landes, und er gibt dem Volk den Grund, warum der Herr sie aus allen Völkern erwählt hat: »Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr grösser wäret als alle Völker — denn du bist das kleinste unter allen Völkern —, sondern weil er euch geliebt hat.« Das hebräische Wort, das Luther mit »angenommen« und »geliebt« wiedergibt, heisst chashaq. Es trägt eine Bedeutung von unwiderstehlicher Zuneigung. Es meint nicht die kühle Feststellung eines Wertes, den das geliebte Objekt besässe. Es meint das Anbinden des Herzens an einen anderen, den Entschluss, sich mit ganzer Zuneigung an jemanden zu heften. Dasselbe Wort wird gebraucht, wenn Sichem sich zu Dina hingezogen fühlt, wenn ein König seinen Thron mit Stricken der Liebe befestigt. Gott liebte Israel, weil er es liebte. Er erwählte das kleinste Volk, das unscheinbarste, das widerspenstigste — damit niemand sagen könnte, die Erwählung sei die Antwort auf Israels Vorzüge. Der Grund der Erwählung liegt nicht im Erwählten, sondern im Erwählenden. Hätte Gott nach Werken oder Glauben vorausschauend erwählt, er hätte ein Volk von Glaubensriesen wählen müssen. Stattdessen erwählte er ein halsstarriges Volk, das vierzig Jahre in der Wüste murrte, und band sein Herz an sie mit einem chashaq, das keine Reue kennt. Der Apostel Paulus nimmt diesen Faden auf und spinnt ihn im Römerbrief zu einer Kette, die kein menschliches Verdienst durchbrechen kann. Im achten Kapitel schreibt er die Sätze, die für unzählige Gläubige das feste Fundament ihrer Heilsgewissheit geworden sind: »Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Ratschluss berufen sind. Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bilde seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch herrlich gemacht.« Jedes Glied dieser Kette ist ein Tun Gottes. Das griechische proorizō, vorherbestimmen, zieht die Grenze zwischen dem, was Gott tat, und dem, was das Geschöpf tun wird. Paulus sagt nicht: die er voraussah, dass sie glauben würden, hat er auch berufen. Er sagt: die er vorherbestimmt hat. Das Handeln Gottes gründet nicht im Vorauswissen menschlicher Entscheidungen. Es gründet in seinem freien, ungeschuldeten Vorsatz. Im elften Kapitel desselben Briefes spitzt Paulus diesen Gedanken mit einer Präzision zu, die keinen Ausweg aus der unbedingten Gnade offenlässt: »So geht es auch jetzt: Ein Rest ist übrig geblieben nach der Wahl der Gnade. Ist es aber aus Gnaden, so ist es nicht aus Verdienst der Werke; sonst würde Gnade nicht Gnade sein.« Die Wendung »Wahl der Gnade« gibt das griechische kat' eklogēn charitos wieder, eine Erwählung, deren bestimmender Faktor die Gnade ist. Gnade und Werke sind so unvereinbar wie Licht und Finsternis. Wenn auch nur der kleinste Anteil menschlichen Verdienstes in die Erwählung einflösse, hörte sie auf, Erwählung aus Gnaden zu sein. Es ist eine der durchdringenden logischen Schlussfolgerungen der Schrift: Entweder ist das Heil ganz aus Gnade, dann kann kein menschlicher Beitrag, sei es Glaube, seien es Werke, sei es Ausharren, die Bedingung der Erwählung sein. Oder es ist nicht ganz aus Gnade, dann kann es nicht Gnade genannt werden. Paulus lässt keine Mischung zu. Der erste Korintherbrief wendet diese Wahrheit auf die soziale Zusammensetzung der Gemeinde an und entzieht damit jeder Neigung zum Selbstruhm den Boden. Paulus fordert die Korinther auf, auf ihre eigene Berufung zu schauen: »Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme.« Dreimal wiederholt Paulus das Wort »erwählt«, und jedes Mal haftet es an dem, was die Welt verachtet. Gottes Wahl zielt auf das Törichte, das Schwache, das Geringe. Warum? Damit sich kein Fleisch vor Gott rühme. Wäre die Erwählung auf vorausgesehenen Glauben oder vorausgesehene Werke gegründet, so hätte der Mensch Grund, sich zu rühmen: Ich habe geglaubt, ich habe ausgeharrt, ich habe die Bedingung erfüllt. Aber Gott erwählt das, was nichts ist, damit das, was etwas ist, vor ihm nichts sei. Derselbe Abschnitt gipfelt in dem Satz, der den Ort des Gläubigen mit unübertrefflicher Präzision bestimmt: »Von ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung.« Das ex autou, »von ihm«, steht betont am Anfang. Euer Sein in Christus kommt nicht von euch. Es kommt von Gott. Alles, was der Gläubige an Christus hat — Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung, Erlösung — ist ihm von Gott gemacht, nicht von ihm selbst erworben. Der Epheserbrief schliesslich erhebt die Erwählungslehre zur Anbetung. Paulus beginnt mit einem Lobpreis, der aus der Ewigkeit in die Zeit hinüberklingt: »Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus. Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten in der Liebe; er hat uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten.« Jeder Satz dieses Lobpreises ist eine Absage an den Gedanken, die Erwählung könnte im Geschöpf begründet sein. Die Erwählung geschah »ehe der Welt Grund gelegt war«, als das Geschöpf noch nicht existierte, geschweige denn glauben oder Werke tun konnte. Sie geschah »in ihm«, in Christus, dem Geliebten des Vaters, nicht in einem vorausgesehenen Glauben des Sünders. Und sie geschah »nach dem Wohlgefallen seines Willens«, nicht nach einer Bedingung, die das Geschöpf erfüllen würde. Das Wort, das Luther mit »begnadet« übersetzt, lautet im Griechischen charitoō, ein Verb, das von charis, Gnade, abgeleitet ist. Es heisst: mit Gunst beschenken, in den Stand der Begnadigung versetzen. Der Gläubige ist nicht jemand, der durch seinen Glauben Gnade empfangen hat. Er ist jemand, der begnadet worden ist in dem Geliebten, noch bevor er den ersten Atemzug tat. Der Vater blickt auf den Sohn, und in ihm blickt er auf die, die er dem Sohn gegeben hat. Die Annahme des Gläubigen ist so fest wie die Annahme des Sohnes selbst, weil sie in derselben Liebe wurzelt. Diese Schriftzeugnisse ergeben zusammen ein Gefüge, das keine Nahtstelle für menschliches Verdienst offenlässt. Das Alte Testament lehrt, dass Gott liebt, weil er liebt. Das Neue Testament lehrt, dass Gott erwählt, weil es ihm gefällt. Der Glaube, die Werke, das Ausharren — sie alle sind Früchte, nicht Wurzeln der Erwählung. Die Erwählung selbst ruht im unergründlichen, freien, souveränen Wohlgefallen Gottes.

Was die Westminster-Väter meinten

Als die Westminster-Väter den fünften Abschnitt formulierten, hatten sie eine klare Front vor Augen. Die remonstrantische Theologie, die auf der Dordrechter Synode 1619 geprüft und verworfen worden war, hatte die Erwählung auf den vorausgesehenen Glauben gegründet. Nach dieser Lehre erwählte Gott diejenigen, von denen er voraussah, dass sie glauben und im Glauben beharren würden. Der Glaube war nicht Frucht der Erwählung, sondern ihre Bedingung. Der Ratschluss Gottes wartete, bildlich gesprochen, darauf, dass das Geschöpf durch seine Entscheidung den Inhalt des Ratschlusses bestimmte. Die Westminster-Väter sahen mit unbestechlicher Klarheit, dass diese Lehre das Herz des Evangeliums aushöhlte. Wenn der Glaube die Bedingung der Erwählung ist, dann ist die Erwählung nicht mehr die Quelle des Glaubens, sondern seine Belohnung. Dann ruht das Heil letztlich nicht auf dem, was Gott tat, sondern auf dem, was der Mensch tut. Dann kann niemand gewiss sein, ob er ausharren wird, denn das Ausharren hängt dann nicht an Gottes Treue, sondern an der eigenen. Gegen diesen Irrtum richtet der fünfte Abschnitt seine sorgfältig gewählten Formulierungen. Jedes Wort ist abgewogen, jede Wendung zielt auf einen bestimmten Punkt der Auseinandersetzung. »Die Menschen, die zum Leben vorherbestimmt sind, hat Gott … in Christus erwählt zur ewigen Herrlichkeit.« Die Erwählung geschieht »in Christus«. Das ist nicht nur eine Ortsangabe, sondern die Bestimmung des Mediums, des Mittlers, des Bereiches, in dem die Erwählung sich vollzieht. Christus ist nicht nur der Ausführende der Erwählung, er ist ihr Grund und ihr Spiegel. Gott erwählt nicht abstrakt, nicht aufgrund eines allgemeinen Wohlwollens. Er erwählt konkret in der Person seines Sohnes, mit dem der Erwählte durch den Glauben vereinigt wird. Was in Abschnitt 4 als »einzeln und unveränderlich« beschrieben wurde, das wird hier in seinem christologischen Fundament verankert. Die Erwählten sind nicht eine anonyme Menge, deren Namen in einem himmlischen Buch verzeichnet sind, ohne dass ein Band sie mit dem Haupte verbände. Sie sind Glieder eines Leibes, dessen Haupt Christus ist, und ihre Erwählung ist ihre Eingliederung in diesen Leib. Die Wendung »aus lauter freier Gnade und Liebe« ist das Herzstück des Abschnitts. Der englische Originaltext der Westminster-Väter gebrauchte das Wort mere, rein, unvermischt, lauter. Die Gnade, aus der Gott erwählt, ist nicht eine Gnade, die durch menschliche Mitwirkung ergänzt wird. Sie ist reine, unvermischte Gnade, so wie ein Strom reinen Wassers, in den kein Tropfen einer anderen Flüssigkeit geflossen ist. Robert Shaw, der schottische Ausleger des Bekenntnisses, bemerkt in seiner Erklärung, dass das Wort »lauter« den letzten Rest einer synergistischen Heilslehre ausschliessen soll. Nicht neunundneunzig Prozent Gnade und ein Prozent menschlicher Beitrag. Hundert Prozent Gnade, oder es ist nicht Gnade. Dann folgt der Katalog der ausgeschlossenen Bedingungen. Die Väter haben jede erdenkliche menschliche Qualität durchgegangen und einzeln verworfen: »ohne irgendeine Voraussicht des Glaubens oder guter Werke oder der Beharrlichkeit in einem von beiden oder irgendeiner anderen Sache im Geschöpf«. Der Glaube wird zuerst genannt, weil er der vornehmste Kandidat für eine Bedingung der Erwählung ist. Schliesslich heisst es doch: Wer glaubt, wird gerettet werden. Liegt es nicht nahe, dass Gott diejenigen erwählt hat, von denen er voraussah, dass sie glauben würden? Die Väter verneinen dies mit Nachdruck. Nicht weil der Glaube unwichtig wäre. Der Glaube ist das von Gott verordnete Mittel, durch das die Erwählten der Wohltaten Christi teilhaftig werden. Aber er ist nicht die Ursache der Erwählung. Er ist die Wirkung, nicht der Grund. Die Werke werden an zweiter Stelle genannt. Sie sind der offensichtlichste Irrtum, den schon Paulus im Römerbrief und im Galaterbrief niedergerungen hatte. Kein Mensch wird durch Werke des Gesetzes gerecht. Also kann Gott auch nicht aufgrund vorausgesehener Werke erwählt haben. Wessen Werke hätten ihm auch gefallen können, da doch alle in Sünden tot waren? Die Beharrlichkeit wird an dritter Stelle genannt, und hier trifft die Präzision der Väter einen weniger offensichtlichen, aber nicht weniger gefährlichen Irrtum. Manche meinten, Gott habe diejenigen erwählt, von denen er voraussah, dass sie bis ans Ende ausharren würden. Das klingt auf den ersten Blick rechtgläubig, denn es bewahrt die Notwendigkeit des Ausharrens. Aber es verkehrt die Reihenfolge. Die Schrift lehrt, dass die Erwählten ausharren, weil Gott sie erwählt hat und sie in seiner Hand hält. Sie lehrt nicht, dass Gott sie erwählt hat, weil er voraussah, dass sie ausharren würden. Das Ausharren ist ein Geschenk der bewahrenden Gnade, nicht eine Bedingung, die der Mensch aus eigenem Vermögen erfüllt und aufgrund derer Gott ihn erwählt. Wäre das Ausharren der Grund der Erwählung, so wäre die Heilsgewissheit zerstört. Wer kann heute wissen, ob er morgen noch ausharren wird? Aber wenn das Ausharren die Frucht des erwählenden Ratschlusses ist, dann verbürgt der Ratschluss selbst, dass der Erwählte ausharren wird. Der letzte Satzteil, »irgendeiner anderen Sache im Geschöpf«, ist ein Netz, das jeden noch verbleibenden Ausweg verschliesst. Die Väter wollten nicht, dass jemand auf den Gedanken käme, Gott habe aufgrund einer anderen Qualität erwählt — der Intelligenz, der Aufrichtigkeit, des religiösen Ernstes, der kulturellen Prägung, der nationalen Zugehörigkeit. Nichts, aber auch gar nichts im Geschöpf hat Gott bewogen, dieses Geschöpf zu erwählen. Der Grund der Erwählung liegt allein im Erwählenden. Schliesslich der krönende Schluss: »und alles zum Lob seiner herrlichen Gnade«. Der letzte Zweck der Erwählung ist nicht das Heil der Erwählten, so gewiss dieses Heil die unmittelbare Frucht ist. Der letzte Zweck ist die Verherrlichung Gottes. Die Erwählten werden gerettet, damit Gottes Gnade gepriesen werde, von Engeln und Menschen, in Zeit und Ewigkeit. Ihre Rettung ist nicht ein Selbstzweck, sondern ein monumentales Loblied auf die freie, ungeschuldete, unbegreifliche Liebe dessen, der aus Feinden Söhne und aus Toten Lebendige macht.

Theologische Tiefe

Die reformierte Theologie hat die Lehre des fünften Abschnitts durch die Jahrhunderte hindurch mit einer Tiefe entfaltet, die weit über den unmittelbaren Zweck der Abwehr des Arminianismus hinausgeht. Vier Theologen, deren Stimmen in der deutschen Serie noch nicht gehört wurden, mögen uns helfen, die Dimensionen dieser Wahrheit zu erfassen. Geerhardus Vos, der grosse holländisch-amerikanische Bibeltheologe, hat die Trinität als den innersten Organismus der Erwählung erschaut. Für Vos ist die Erwählung kein unpersönlicher, monolithischer Ratschluss, den eine ununterschiedene Gottheit fasste. Sie ist ein Werk des dreieinigen Gottes, bei dem jede Person der Gottheit ihre besondere Rolle einnimmt. Der Vater ist die Quelle: Er ist es, der von Ewigkeit her die Erwählten dem Sohne gibt. Der Sohn ist die Sphäre: In ihm, als dem Geliebten des Vaters, werden die Erwählten angenommen, ehe der Welt Grund gelegt war. Der Heilige Geist ist der Vollstrecker: Er ist es, der in der Zeit die Erwählten ruft, erneuert, heiligt und versiegelt bis zum Tag der Erlösung. Diese trinitarische Tiefenstruktur gibt der Lehre jene Wärme, die in der blossen Rede von einem unpersönlichen Dekret so leicht verloren geht. Ihre Erwählung, lieber Hörer, ist kein kühler Verwaltungsakt eines fernen Gottes. Sie ist das gemeinsame Werk des Vaters, der Sie liebte, des Sohnes, der Sie erkaufte, und des Geistes, der Sie heimholte. Drei Personen, ein Gott, ein Ratschluss, ein Heil. Charles Hodge, der Theologe aus Princeton, dessen Systematische Theologie Generationen von Pfarrern geprägt hat, behandelt die logische Beziehung zwischen Ratschluss und Vorauswissen mit einer Sorgfalt, die jeden Einwand würdigt und widerlegt. Wenn, so fragt Hodge, Gott diejenigen erwählte, von denen er voraussah, dass sie glauben würden, dann wäre der Glaube die Bedingung der Erwählung, nicht ihre Frucht. Dann aber entstünde die Frage: Warum glauben einige und andere nicht? Wäre der Glaube allein das Werk Gottes, so könnte Gott ihn allen schenken. Tut er es nicht, so muss es einen Grund geben, warum er ihn einigen schenkt und anderen vorenthält. Dieser Grund kann nur sein souveränes Wohlgefallen sein. Somit fällt die Lehre vom vorausgesehenen Glauben in sich selbst zusammen. Entweder ist der Glaube ein Geschenk Gottes, dann kann das Schenken nicht durch das Beschenktwerden bedingt sein. Oder der Glaube ist eine eigenständige Leistung des Menschen, dann widerspricht dies der gesamten biblischen Lehre vom gefallenen Willen. In beiden Fällen scheitert der Versuch, die Erwählung auf vorausgesehenen Glauben zu gründen. John Murray, schottischer Presbyterianer und einer der bedeutendsten systematischen Theologen des zwanzigsten Jahrhunderts, hat die seelsorgerlichen Konsequenzen einer bedingten Erwählung mit einer Eindringlichkeit aufgezeigt. Eine Erwählung, die auf vorausgesehenem Glauben und vorausgesehenem Ausharren ruhte, böte dem angefochtenen Gewissen keinen Halt. Wer könnte je sagen: Ich weiss, dass ich glauben werde? Wer könnte je sagen: Ich weiss, dass ich ausharren werde? Der Glaube von heute ist keine Garantie für den Glauben von morgen, wenn der Glaube in der Kraft des Menschen steht. Aber wenn der Glaube die Frucht des ewigen Ratschlusses ist, dann steht der Ratschluss hinter dem Glauben, unter dem Glauben, vor dem Glauben, und der Glaubende darf gewiss sein: Der in mir angefangen hat das gute Werk, der wird es vollenden. Murray schreibt, dass die Lehre von der bedingten Erwählung eine pastorale Katastrophe erster Ordnung wäre, träfe sie zu. Denn sie beraubte das Kind Gottes des einzigen Grundes, auf dem es in den Stürmen der Anfechtung stehen kann: des unveränderlichen Ratschlusses des unveränderlichen Gottes. Thomas Goodwin, der unter den puritanischen Theologen durch die Innigkeit seiner Christusfrömmigkeit hervorsticht, hat die Wendung »in Christus« mit einer Wärme entfaltet, die den Hörer in die Gegenwart des Heilands zieht. In seinen Predigten über den Epheserbrief zeichnet Goodwin das Bild von Christus als dem Haupt und der Gemeinde als seinem Leib. Die Erwählung des Leibes ist die Konsequenz der Erwählung des Hauptes. Der Vater liebt den Sohn von Ewigkeit her. Und in derselben ewigen Liebe, mit der er den Sohn liebt, liebt er auch die Glieder, die in diesem Sohn sein werden. Goodwin wagt den kühnen Gedanken: Der Vater liebt jeden Erwählten mit derselben Qualität der Liebe, mit der er den Sohn liebt, weil er ihn in dem Sohne liebt. Das mindert nicht die Einzigartigkeit des Sohnes, aber es erhöht die Würde des Erwählten. Wir sind nicht geliebt, weil wir liebenswert sind. Wir sind geliebt, weil wir in dem Geliebten sind. Und weil der Geliebte ewig geliebt ist, sind auch wir ewig geliebt. Diese Wahrheit, sagt Goodwin, ist ein tragender Grund der Heilsgewissheit. Wenn meine Annahme bei Gott von meiner Würdigkeit abhinge, wäre ich in jedem Augenblick vom Verlust der Annahme bedroht. Aber wenn meine Annahme in der Annahme Christi gründet, dann bin ich so angenommen, wie Christus angenommen ist. In der reformierten Tradition der Schweiz hat das Zweite Helvetische Bekenntnis, das Heinrich Bullinger 1566 verfasste, denselben Sachverhalt in die Sprache des kirchlichen Bekenntnisses gehoben. Es bekennt, dass Gott »nicht aus Ansehen unserer Werke, sondern aus lauterer Gnade und Barmherzigkeit uns in Christus erwählt hat«. Der Zürcher Antistes wusste, was auf dem Spiel stand. Eine Erwählung, die auf Voraussicht beruht, ist keine Erwählung des souveränen Gottes mehr, sondern eine Vorausbestätigung menschlicher Entscheidungen. Bullinger, wie die Westminster-Väter eine Generation später, band die Erwählung fest an Christus. Nicht der Blick in den eigenen Busen gibt Gewissheit über die Erwählung, sondern der Blick auf den Gekreuzigten. Wer in Christus ist, der darf wissen, dass er erwählt ist, nicht weil er in sich selbst ein Kennzeichen der Erwählung entdeckt hat, sondern weil Christus das Kennzeichen ist. Der Genfer Reformator Johannes Calvin hatte diesen Gedanken in seiner Institutio vorweggenommen: Christus ist der Spiegel, in dem wir unsere Erwählung erkennen. Nicht indem wir in den verborgenen Ratschluss hinaufsteigen, sondern indem wir auf den geoffenbarten Christus hinabschauen. Diese fünf Zeugen — Vos, Hodge, Murray, Goodwin und die Schweizer Bekenntnistradition — fügen sich zu einem Chor. Vos lehrt uns die trinitarische Struktur: der Vater als Quelle, der Sohn als Sphäre, der Geist als Vollstrecker. Hodge lehrt uns die logische Notwendigkeit: ein Glaube, der Bedingung der Erwählung wäre, kann nicht zugleich Geschenk der Erwählung sein. Murray lehrt uns die pastorale Dringlichkeit: eine bedingte Erwählung beraubt das Kind Gottes seiner Gewissheit. Goodwin lehrt uns die christologische Innigkeit: in Christus geliebt mit derselben Liebe, mit der der Vater den Sohn liebt. Und die Bekenntnisse unserer Heimat lehren uns, dass wir mit dieser Lehre nicht allein stehen, sondern in der Wolke derer, die seit der Reformation dasselbe bekannt haben: Sola gratia — allein aus Gnade.

Anwendung für das reformierte Leben

Die Lehre von der unbedingten Erwählung in Christus ist keine Theorie, die in den Hörsälen verstauben soll. Sie ist Brot für die Hungernden, Wasser für die Dürstenden, ein Fels für die, deren Füsse auf sumpfigem Boden ausgleiten. Was verlangt sie von uns? Erstens: Beugen Sie sich vor dem Gott, der ohne jeden Grund in Ihnen erwählt hat. Es gibt kaum eine Wahrheit, die den menschlichen Stolz so wirksam tötet wie diese. Wenn Sie in Christus sind, dann verdanken Sie das keinem Entschluss, den Sie klüger fassten als andere, keinem Glauben, den Sie aufrichtiger übten als andere, keinem Ausharren, das Sie standhafter machte als andere. Was unterscheidet Sie von dem Menschen, der das Evangelium hörte und gleichgültig weiterging? Was unterscheidet Sie von dem, der in der Kirche aufwuchs und den Glauben über Bord warf? Nichts in Ihnen. Der ganze Unterschied liegt in Gott. Er hat Sie erwählt, nicht weil Sie besser waren, sondern weil er Sie liebte. Und er liebte Sie, weil er Sie liebte. Der letzte Grund liegt im unerforschlichen Wohlgefallen seines Willens. Diese Wahrheit zerschneidet die Wurzel jeder geistlichen Überheblichkeit. Der Erwählte kann auf keinen Menschen herabsehen, der noch in der Finsternis wandelt. Er weiss: Ohne Gottes freie, grundlose Gnade wäre ich nicht nur ebenso blind wie jener andere — ich wäre es mit Gewissheit. Was hast du, das du nicht empfangen hast? Die Erwählung ist die grosse Gleichmacherin unter den Gläubigen. Vor dem Richterstuhl der unbedingten Gnade sind wir alle Bettler, die dasselbe Almosen empfangen haben. Zweitens: Richten Sie Ihren Blick von sich selbst weg auf Christus, wenn Sie Gewissheit suchen, ob Sie zu den Erwählten gehören. Es ist eine der gefährlichsten Versuchungen für ernsthafte Christen, in das eigene Innere hinabzusteigen und dort nach Beweisen der Erwählung zu graben. Finde ich genug Glauben in mir? Genug Busse? Genug Liebe zu den Brüdern? Diese Fragen sind nicht falsch — die Schrift selbst ruft zur Selbstprüfung auf. Aber sie können zur Falle werden, wenn der Blick auf das eigene Innere den Blick auf Christus verdrängt. Ihre Erwählung, lieber Hörer, ist in Christus verankert, nicht in der Stärke Ihres Glaubens. Christus ist der Spiegel, in dem Sie Ihre Erwählung erkennen, nicht das Mass Ihrer Heiligung. Wenn der angefochtene Christ fragt: Bin ich erwählt?, so gibt die Schrift eine doppelte Antwort. Die erste: Komm zu Christus, und du wirst erkennen, dass du erwählt bist. Die zweite: Die Tatsache, dass du zu Christus kommst, ist bereits die Wirkung der Erwählung. Niemand sucht Christus, den der Vater nicht zieht. Niemand kommt zu Christus, der nicht zuvor vom Vater gegeben wurde. Ihr Kommen zu Christus, so schwach und zitternd es sein mag, ist ein Echo der Stimme, die Sie von Ewigkeit her mit Namen rief. Blicken Sie nicht auf die Stärke Ihres Glaubens. Blicken Sie auf die Stärke dessen, an den Sie glauben. Drittens: Wehren Sie der Versuchung, sich heimlich eine Bedingung auszudenken, die Gott in Ihnen gesehen haben könnte. Das menschliche Herz sucht sich selbst in allem. Es will etwas beitragen, und sei es nur das winzigste Fünklein. Das Bekenntnis hat alle denkbaren Bedingungen ausgeschlossen und dann noch einen Riegel vorgeschoben: »irgendeine andere Sache im Geschöpf«. Es gibt keine versteckte Klausel, keinen geheimen Paragrafen, wonach Gott doch noch etwas an Ihnen fand, das ihn bewog. Weder Ihre Tränen noch Ihre Gebete, weder Ihre Erkenntnis noch Ihre Aufrichtigkeit haben Gott zu Ihrer Erwählung bewegt. Der Gedanke, dass da etwas in Ihnen sein könnte, ein tieferer Ernst, eine verborgenere Redlichkeit, die Gott voraussah und belohnte, ist eine Schmeichelei, der Sie misstrauen müssen. Sie ist der letzte Rest des Selbstruhms, der sich in die Lehre von der Gnade einschleicht. Reissen Sie ihn aus. Erwählung ist reine, unvermischte Gnade, oder sie ist keine. Viertens: Lassen Sie die Unbedingtheit der Erwählung ein Antrieb zur Evangelisation werden, nicht ein Ruhekissen für die Gleichgültigkeit. Der Einwand, die Erwählungslehre lähme die Mission, ist so alt wie der Arminianismus, und er bleibt falsch. Gerade weil Gott ein Volk hat, das er von Ewigkeit her erwählt hat, kann die Verkündigung nicht vergeblich sein. Der Prediger, der an die bedingte Erwählung glaubt, muss fürchten, dass kein einziger Hörer aus eigenem Antrieb glauben wird, denn das natürliche Herz ist dem Evangelium feind. Der Prediger, der an die unbedingte Erwählung glaubt, weiss, dass unter seinen Hörern Erwählte sind, die der Vater dem Sohn gegeben hat, und dass diese das Wort hören und ihm folgen werden, weil der Hirte seine Schafe ruft und sie seine Stimme kennen. Die Erwählungslehre gibt der Evangelisation nicht den Todesstoss, sondern den Lebensatem. Sie verwandelt die Verkündigung aus einem Betteln, das vom guten Willen des Hörers abhängt, in eine Vollmacht, die vom Ratschluss Gottes getragen ist. Gehen Sie hin und sagen Sie das Evangelium weiter. Sie wissen nicht, wer zu den Erwählten gehört. Aber Sie wissen, dass die Erwählten das Evangelium hören werden und dass sie glauben werden, wenn sie es hören. Ihr Wort ist das Netz, mit dem der himmlische Fischer die Fische einholt, die er vor Grundlegung der Welt zu seinem Eigentum bestimmt hat. Fünftens: Lassen Sie den Lobpreis der herrlichen Gnade der höchste Zweck Ihres Lebens werden. Das Bekenntnis schliesst diesen Abschnitt mit einer Zweckbestimmung, die das ganze Leben des Erwählten unter ein neues Vorzeichen stellt: Wir sind erwählt »zum Lob seiner herrlichen Gnade«. Das ist mehr als ein theologischer Lehrsatz. Es ist die Berufung, unter der jeder Erwählte steht. Ihre Rettung, lieber Hörer, war nicht in erster Linie dazu bestimmt, Sie glücklich zu machen. Sie war in erster Linie dazu bestimmt, Gott zu verherrlichen. Ihr Glück ist die Folge, nicht der Zweck. Wenn Sie das begreifen, verändert sich alles. Ihre tägliche Arbeit, Ihre Ehe, Ihre Kinder, Ihre Leiden, Ihre Freuden — alles wird zur Bühne, auf der die Gnade Gottes ihre Herrlichkeit entfaltet. Sie leben nicht mehr für sich selbst, sondern für den, der Sie aus lauter Gnade erwählt hat. Jede überwundene Sünde, jede Frucht des Geistes, jede stille Treue im Verborgenen wird zu einem Pinselstrich in dem monumentalen Gemälde, das Gottes Gnade darstellt. Und am Ende, wenn das Gemälde vollendet ist und der letzte Erwählte das Haus des Vaters betreten hat, wird das ganze Universum in den Lobpreis einstimmen. Nicht der freie Wille, nicht die kluge Entscheidung, nicht das tapfere Ausharren wird dann gepriesen werden. Allein die herrliche Gnade dessen, der das, was nichts ist, erwählt hat, damit vor ihm nichts sei, was etwas ist. Sechstens: Finden Sie Trost in der Wahrheit, dass Ihre Erwählung älter ist als Ihre Sünde und fester als Ihr Tod. Wenn die Anfechtung kommt und Ihnen zuflüstert, Ihre Sünden seien zu gross, als dass Gott Sie annehmen könnte, dann erinnern Sie sich an die Reihenfolge. Gott hat Sie erwählt, als Sie noch nicht existierten. Er sah jede Sünde, die Sie je begehen würden, jede einzelne, die schmutzigste und geheimste eingeschlossen, und erwählte Sie dennoch. Der Ratschluss der Erwählung wurde vor Grundlegung der Welt gefasst — vor Ihrem Sündenfall, vor Adams Sündenfall, vor der Erschaffung der Schlange. Nichts, was Sie getan haben, kann diesen Ratschluss aufheben, denn nichts, was Sie tun würden, war ihm verborgen, als er gefasst wurde. Und wenn die Todesstunde naht und alles Irdische von Ihnen abfällt, dann bleibt dieser Ratschluss. Der Name, der im Buch des Lammes geschrieben steht, wird nicht ausgelöscht, weil der Träger des Namens stirbt. Er geht durch den Tod hindurch in das Leben, zu dem er erwählt wurde. Kein Erwählter geht verloren. Kein von Ewigkeit Geliebter wird am Ende verworfen. Der Ratschluss, der Sie erwählte, ist der Fels, auf den Sie sich im Leben und im Sterben legen dürfen.

Gebet

Herr, unser Gott, Vater der Herrlichkeit, wir beugen uns vor dir angesichts einer Liebe, die wir nicht ergründen können. Du hast uns vor Grundlegung der Welt in Christus erwählt, nicht weil du etwas in uns voraussahst, das deiner würdig gewesen wäre, sondern allein nach dem Wohlgefallen deines Willens, aus lauter freier Gnade und Liebe. Wir bekennen, dass unser Verstand an dieser Wahrheit zerbricht und unser Herz vor ihr verstummt. Wir könnten sie nicht glauben, hättest du sie nicht geoffenbart. Und wir könnten sie nicht ertragen, trüge sie nicht den Namen deines Sohnes. Wir preisen dich für die freie Gnade, die uns erwählte, als wir noch deine Feinde waren. Wir danken dir, dass du uns in dem Geliebten begnadet hast, ehe wir den ersten Atemzug taten, ehe die Berge geboren waren, ehe die Sonne am Himmel stand. Diese Gnade ist unser einziger Ruhm und unsere einzige Hoffnung. Hättest du gewartet, bis wir glauben, wir wären nie zum Glauben gekommen. Hättest du gewartet, bis wir ausharren, kein Tag hätte uns im Glauben gesehen. Dass wir atmen, dass wir glauben, dass wir auch nur den Schatten einer Regung zu dir hin empfinden — alles, alles ist dein Werk, gewirkt in uns nach deinem ewigen Ratschluss. Lehre uns, in dieser Wahrheit demütig zu sein. Wo immer sich ein Gedanke des Selbstruhms in unser Herz stiehlt, ein Vergleich mit denen, die noch in der Finsternis wandeln, ein heimliches Verdienst, das wir uns zuschreiben — da lass das Licht deiner unbedingten Erwählung hineinfallen und zerstöre jede Regung des Hochmuts. Lass uns nie vergessen, dass wir nichts sind als begnadigte Sünder und dass die Gnade, die uns begnadigte, kein Körnchen unseres Verdienstes enthält. Lass diese Lehre in unserem Herzen das Bollwerk der Gewissheit sein, wenn die Anfechtung kommt. Wenn unser Glaube schwach ist, wenn unser Gebet stockt, wenn die Sünde uns anficht und der Feind uns die Erwählung absprechen will — dann lass uns auf Christus schauen, den Anfänger und Vollender unseres Glaubens. In ihm ist unsere Erwählung fest, weil er fest ist. In ihm sind wir angenommen, weil er der Geliebte ist. In ihm werden wir bewahrt, weil niemand aus seiner Hand reissen kann, was der Vater ihm gegeben hat. Wir bitten dich für die, die diesen Trost noch nicht kennen. Für die Erwählten, die noch in der Ferne sind und das Evangelium nicht gehört haben. Für die, deren Namen im Buch des Lammes geschrieben sind, die aber noch im Aufruhr gegen dich leben. Dein Ratschluss umfasst auch sie. Dein Sohn hat sein Blut auch für sie vergossen. Sende Boten, sende dein Wort, sende deinen Geist, und führe sie heim. Deine Verheissung steht: Andere Schafe habe ich, die sind nicht aus diesem Stalle, und auch sie muss ich herbeiführen. Wir vertrauen darauf, dass nicht ein einziges dieser Schafe verloren gehen wird. Und wenn dereinst die Zeit erfüllt ist und die volle Zahl der Erwählten gesammelt, wenn das letzte Schaf in die Hürde gebracht und das Hochzeitsmahl des Lammes bereitet ist — dann lass uns teilhaben an dem Lobpreis, der nie mehr verstummen wird. Dann wird alle Kreatur im Himmel und auf Erden und unter der Erde bekennen: Dem, der uns geliebt hat und uns erwählt hat in dem Geliebten, vor Grundlegung der Welt, allein aus Gnaden, ihm sei Ehre und Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit. Durch Jesus Christus, unseren Herrn, das Lamm, in dem wir erwählt sind, den Geliebten, in dem wir begnadet sind, den König, dem wir entgegengehen. Amen.
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