Andacht 19 von 171

Ein Baumeister, der den Plan einer Kathedrale entwirft, malt

Ch.3: Of God's Eternal Decree — Section 6 • 2026-05-27 • 30 min
Wie Gott die Erwählten zur Herrlichkeit bestimmt hat, so hat er auch durch den ewigen und völlig freien Ratschluss seines Willens alle Mittel dazu vorherbestimmt. Daher werden die Erwählten, die in Adam gefallen sind, von Christus erlöst, durch den Geist zu seiner Zeit wirksam zum Glauben an Christus berufen, gerechtfertigt, angenommen als Kinder, geheiligt und durch seine Kraft bewahrt durch den Glauben zur Seligkeit. Und keine anderen werden von Christus erlöst, wirksam berufen, gerechtfertigt, angenommen, geheiligt und selig, als allein die Erwählten.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 3, Abschnitt 6

Einleitung

Ein Baumeister, der den Plan einer Kathedrale entwirft, malt nicht nur die fertige Fassade mit ihren Türmen und Masswerken. Er zeichnet jeden Pfeiler, jedes Gewölbe, jeden Strebebogen, jedes Fundament. Das Ziel und die Mittel gehören in seinem Kopf untrennbar zusammen. Das Gebäude am Ende zu lieben, ohne den Weg zu lieben, der zu diesem Ende führt, ist das Werk eines Träumers, der haltlosen Phantasien nachhängt, nicht eines Baumeisters, der weiss, was er tut. Die Westminster-Väter haben im sechsten Abschnitt ihres dritten Kapitels die Frage beantwortet, die aus den vorangehenden Abschnitten unausweichlich folgt. Wenn Gott einen bestimmten Kreis von Menschen vor Grundlegung der Welt zur Seligkeit erwählt hat — wie gelangen diese Erwählten dann tatsächlich in den Besitz dieser Seligkeit? Geschieht dies automatisch, ohne ihr Zutun, ohne die gewöhnlichen Gnadenmittel? Oder hat der ewige Ratschluss auch den Weg vorgesehen, auf dem die Erwählten zu ihrer Bestimmung gelangen? Die Antwort der Väter ist klar und voller Trost. Der ewige Ratschluss umfasst nicht nur das Ziel, sondern auch die Mittel. Gott hat nicht nur bestimmt, wer gerettet wird, sondern auch, wie diese Rettung in der Zeit Wirklichkeit wird. Der Ratschluss ist kein nacktes Dekret, das den Erwählten wie ein fallender Stein trifft. Er ist ein organischer Plan, der die Erlösung, die Berufung, die Rechtfertigung, die Annahme an Kindesstatt, die Heiligung und die Bewahrung als Glieder einer Kette umfasst, die kein Geschöpf lösen kann. Und am Ende fügen die Väter eine feierliche Abgrenzung hinzu: Kein einziger der genannten Heilsgüter kommt einem Menschen zu, der nicht zu den Erwählten gehört. Die Erlösung Christi ist nicht eine blosse Möglichkeit, die durch den Glauben des Menschen erst wirksam wird. Sie ist eine bestimmte, wirksame Erlösung, die das Heil derer, für die sie bestimmt ist, tatsächlich bewirkt. Das ist einer der tiefsten und umstrittensten Sätze des gesamten Bekenntnisses. Er ist kein spekulativer Vorstoss in die Geheimnisse der göttlichen Verborgenheit. Er ist eine schlichte Zusammenfassung dessen, was die Schrift über die Wirksamkeit des Werkes Christi und die Anwendung dieses Werkes durch den Geist lehrt.

Die biblischen Grundlagen

Der sechste Abschnitt des dritten Kapitels ist so dicht mit biblischer Sprache durchwoben, dass er wie eine Zusammenstellung apostolischer Worte wirkt. Wir tun gut daran, jedes Glied der Kette einzeln zu betrachten, so wie ein Goldschmied jedes Glied einer Kette prüft, ehe er sie schliesst. Der Apostel Paulus entfaltet im achten Kapitel des Römerbriefes die Kette des Heils mit einer Eindringlichkeit, die in der ganzen Schrift ihresgleichen sucht. Er schreibt: »Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Ratschluss berufen sind. Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bilde seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch herrlich gemacht.« Was Paulus hier beschreibt, ist keine Abfolge von Schritten, die der Gläubige aus eigener Kraft gehen müsste. Es ist eine Kette von Taten Gottes, aneinandergereiht wie die Glieder eines unzerreissbaren Seils. Der Apostel gebraucht das griechische Wort proorizō, vorherbestimmen, für das erste Glied, und das Wort ekaleō, rufen oder berufen, für das zweite, und das Wort dikaioō, gerechtsprechen, für das dritte, und das Wort doxazō, verherrlichen, für das vierte. Alle Verben stehen im gleichen Tempus, der Vergangenheitsform. Der Apostel spricht von der Verherrlichung, die noch nicht eingetreten ist, als wäre sie bereits geschehen. Das ist die Sprache des Glaubens, der die Dinge, die nicht sind, nennt, als wären sie. Es ist die Sprache eines Mannes, der weiss, dass das, was Gott vorherbestimmt hat, so gewiss eintreffen wird, als wäre es bereits eingetroffen. Denn in den Augen Gottes, für den tausend Jahre wie ein Tag sind, ist die Vollendung der Erwählten so wirklich wie ihr Anfang. Dem Propheten Jeremia wurde eine Weissagung zuteil, die denselben Zusammenhang auf die Ebene des Bundes hob. Im zweiunddreissigsten Kapitel spricht der Herr: »Ich will einen ewigen Bund mit ihnen schliessen, dass ich nicht von ihnen lassen will, ihnen Gutes zu tun, und will ihnen Furcht in ihr Herz geben, dass sie nicht von mir weichen.« Der neue Bund, den Jeremia ankündigt, enthält nicht nur die Verheissung des Bleibens Gottes bei seinem Volk, sondern auch die Verheissung der Verankerung des Volkes in Gott. Der Herr selbst legt die Furcht in ihr Herz, eine Furcht, die nicht die knechtische Angst vor Strafe meint, sondern die ehrfürchtige, zarte Scheu, die das Volk vor dem Abfall bewahrt. Der Gott, der den Bund schliesst, sorgt auch dafür, dass die Mittel des Bundes wirksam bleiben. Er bewahrt sein Volk nicht durch äussere Ketten, sondern durch die innere Bindung der Herzen. Der Apostel Petrus schreibt in seinem ersten Brief an Christen, die unter Verfolgung litten, und gibt ihnen einen Grund unerschütterlicher Hoffnung: »Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner grossen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das im Himmel bewahrt ist für euch, die ihr durch Gottes Macht bewahrt werdet durch den Glauben zur Seligkeit, die bereit ist, geoffenbart zu werden in der letzten Zeit.« Das Erbe ist bewahrt — das griechische Wort tēreō bedeutet behüten, bewachen, sicherstellen. Es ist nicht die Obhut der Erben, die das Erbe sichert, sondern die Obhut des himmlischen Vaters. Und die Erben selbst werden »durch Gottes Macht bewahrt« — das Partizip phroureō stammt aus der militärischen Sprache und beschreibt eine Garnison, die eine Stadt bewacht. Die Gläubigen sind eine belagerte Stadt, deren Mauern von den Truppen des Königs bewacht werden. Sie bewachen sich nicht selbst. Sie werden bewacht. Der Gott, der sie erwählte, bewahrt sie. Und das Mittel dieser Bewahrung ist der Glaube. Zum zweiten Mal in einem einzigen Satz wird der Zusammenhang zwischen göttlichem Handeln und menschlichem Glauben sichtbar: Gottes Macht ist der Grund, der Glaube ist das Werkzeug. Gottes Macht bewahrt den Gläubigen, aber sie bewahrt ihn durch den Glauben. Der Glaube ist keine Bedingung der Bewahrung, die der Mensch erfüllen müsste, sondern das von Gott geschenkte Mittel, durch das die Bewahrung wirksam wird. Im Brief an Timotheus fasst Paulus dasselbe Evangelium in einer persönlichen und bewegenden Formulierung zusammen: »Gott hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und Gnade, die uns in Christus Jesus gegeben ist vor der Zeit der Welt.« Er hat uns selig gemacht — die griechische Vergangenheitsform zeigt, dass die Seligkeit in Gottes Ratschluss bereits verwirklicht ist, noch bevor sie in der Erfahrung des Gläubigen Gestalt annimmt. Die Berufung ist heilig, originiert in Gott und zielt auf Heiligung. Der Ruf, der den Sünder aus der Finsternis in das Licht ruft, selber schon Frucht des ewigen Ratschlusses: nicht nach unseren Werken, sondern nach eigenem Vorsatz und Gnade, die uns in Christus gegeben ist vor der Zeit der Welt. Unser Herr selbst hat im Johannesevangelium die ganze Kette des Heils in einem einzigen Satz zusammengebunden: »Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen; und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstossen. Denn ich bin vom Himmel gekommen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. Das ist aber der Wille des Vaters, der mich gesandt hat, dass ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat, sondern dass ich es auferwecke am Jüngsten Tage.« Hier steht das ganze Heilsgebäude vor uns. Der Vater gibt — die Erwählung. Die Gegebenen kommen zu Christus — die wirksame Berufung in der Zeit. Christus stösst sie nicht hinaus — die Rechtfertigung und Annahme. Er verliert nichts — die Bewahrung. Er erweckt sie auf — die Verherrlichung und Auferstehung. Jedes Glied ist mit dem nächsten verbunden, und keines fehlt. Der Vater, der in Ewigkeit gab, wird der Sohn, der in der Zeit annimmt, und der Geist, der in der Gegenwart bewahrt, wirken zusammen, um das eine Werk des dreieinigen Gottes zur Vollendung zu bringen. Diese fünf Texte — Römer 8, Jeremia 32, 1. Petrus 1, 2. Timotheus 1 und Johannes 6 — geben zusammengenommen das biblische Fundament, auf dem der sechste Abschnitt ruht. Sie zeigen uns einen Gott, der nicht nur das Ende bestimmt, sondern auch den Weg, und der auf diesem Weg mit unerschütterlicher Treue voranschreitet.

Was die Westminster-Väter meinten

Der sechste Abschnitt ist die Antwort der Westminster-Väter auf eine der schwierigsten Fragen der reformierten Theologie. Nachdem sie in den vorangehenden Abschnitten die Lehre von der unbedingten Erwählung dargelegt hatten, mussten sie zwei Missverständnisse vermeiden. Das erste Missverständnis wäre die Vorstellung, die Erwählten würden automatisch gerettet, ohne den Gebrauch der Gnadenmittel, ohne Glauben, ohne Heiligung. Diese Vorstellung führt zum Antinomismus — der Meinung, ein Erwählter könne leben, wie er will, weil seine Erwählung ja doch feststehe. Das zweite Missverständnis wäre die Leugnung des exklusiven Charakters der Erlösung Christi — die Vorstellung, Christus habe alle Menschen unterschiedslos erlöst und die Anwendung des Heils hänge allein von der Entscheidung des Menschen ab. Gegen beide Irrtümer richtet sich der sechste Abschnitt. Er tut dies in einer Abfolge von Aussagen, die jede auf die vorhergehende aufbaut und keine Lücke für den Irrtum offen lässt. »Wie Gott die Erwählten zur Herrlichkeit bestimmt hat, so hat er auch durch den ewigen und völlig freien Ratschluss seines Willens alle Mittel dazu vorherbestimmt.« Der Satz beginnt mit einer Parallele: So wie Gott das Ziel bestimmt hat, so hat er auch die Mittel bestimmt. Die Bestimmung des Ziels ist das Thema der vorangehenden Abschnitte. Die Bestimmung der Mittel ist das Thema dieses sechsten Abschnitts. Das Wort »alle« ist wichtig. Es meint nicht »einige Mittel« oder »die wichtigsten Mittel«. Es meint »alle Mittel«. Jedes Mittel, das zur Rettung der Erwählten notwendig ist, ist in demselben ewigen Ratschluss enthalten wie die Rettung selbst. Der Ratschluss umfasst die Predigt des Evangeliums, die Einsetzung der Sakramente, das Wirken des Geistes, die Gabe des Glaubens, die Gemeinschaft der Heiligen — alles, was die Geschichte der Erlösung von der Schöpfung bis zur Vollendung ausmacht. Dann folgt die Aufzählung der Mittel selbst, geordnet nach der Ordnung des Heils. Der Erwählte, »in Adam gefallen« — das ist der Ausgangspunkt. Er ist nicht ein neutraler Mensch, der die Freiheit hätte, sich für oder gegen Gott zu entscheiden. Er ist ein gefallener Mensch, der unter der Herrschaft der Sünde steht und von Natur aus Gottes Feind ist. Seine Rettung kann nur durch einen Eingriff geschehen, der von aussen kommt, von Gott selbst. Die erste Station dieses Eingriffs ist die Erlösung durch Christus. Das griechische apolytrōsis, das die Apostel gebrauchen, bedeutet Loskauf, Freikauf. Christus hat die Erwählten durch sein Blut von der Schuld und der Macht der Sünde losgekauft. Seine Erlösung ist nicht ein allgemeines Angebot, das durch die Annahme des Menschen erst wirksam wird. Sie ist eine vollbrachte Tatsache, und sie gilt denen, für die sie bestimmt ist. Die zweite Station ist die wirksame Berufung. Die Berufung ist der Akt, durch den der Heilige Geist das von Christus erworbene Heil auf den Einzelnen anwendet. Sie ist nicht ein blosser Ruf, der gehört und befolgt oder überhört werden kann. Sie ist ein Ruf, der das Hören selbst schafft und das Antworten selbst bewirkt. Das lateinische vocabat efficax, die wirksame Berufung, meint genau dies: Der Geist ruft nicht nur äusserlich durch das Wort, sondern auch innerlich durch die Erleuchtung des Verstandes und die Neubelebung des Willens. Er gibt dem Ruf das Gehör und dem Gehör den Glauben. Die dritte Station ist die Rechtfertigung. Der Sünder, der durch den Glauben mit Christus vereinigt ist, wird aus Gnaden um Christi willen gerechtgesprochen. Nicht weil er gerecht wäre, sondern weil Christi Gerechtigkeit ihm zugerechnet wird. Die Rechtfertigung ist ein forensischer Akt, ein Urteilsspruch des Richters, der den Schuldigen freispricht, nicht weil der Schuldige unschuldig wäre, sondern weil ein anderer, der Unschuldige, die Strafe für ihn getragen hat. Die vierte Station ist die Annahme an Kindesstatt. Die Rechtfertigung gibt dem Sünder eine neue Stellung vor dem Gesetz; die Annahme an Kindesstatt gibt ihm eine neue Beziehung zum Vater. Der Gerechtfertigte wird in die Familie Gottes aufgenommen, erhält den Geist der Kindschaft, darf »Abba, lieber Vater« rufen und ist ein Miterbe Christi. Die Rechtfertigung befreit von der Strafe; die Adoption schenkt die Zugehörigkeit. Beide sind unverdient, beide sind Geschenke der Gnade. Die fünfte Station ist die Heiligung. Der Geist, der den Sünder berufen und gerechtfertigt hat, beginnt nun das Werk der inneren Erneuerung. Er tötet die Macht der Sünde, weckt die Frucht des Geistes und bereitet den Gläubigen auf die ewige Gemeinschaft mit Gott vor. Die Heiligung ist nicht die Bedingung der Rechtfertigung, sondern ihre Folge. Der gerecht Gesprochene wird geheiligt, nicht damit er gerecht gesprochen werde, sondern weil er es schon ist. Die sechste und letzte Station ist die Bewahrung. Der Geist bewahrt die Erwählten »durch die Kraft Gottes durch den Glauben zur Seligkeit«. Die Bewahrung ist nicht das Werk des Menschen, der sich aus eigener Kraft im Glauben hält. Sie ist das Werk Gottes, der den Gläubigen hält. Das Mittel dieser Bewahrung ist der Glaube, der selbst eine Gabe des Geistes ist und der durch den Geist erhalten wird. Der Erwählte fällt nicht aus der Hand des Vaters, weil der Vater die Hand nicht öffnet. Dann folgt der Satz, der wie ein Siegel auf der ganzen Kette ruht: »Und keine anderen werden von Christus erlöst, wirksam berufen, gerechtfertigt, angenommen, geheiligt und selig, als allein die Erwählten.« Dieser Satz ist die negative Kehrseite der positiven Aussage. Die Güter des Heils sind nicht allgemein. Sie gehören den Erwählten, und sie gehören ihnen allein. Christus hat nicht alle Menschen erlöst, sondern die Erwählten. Der Geist beruft nicht alle Menschen wirksam, sondern die Erwählten. Die Rechtfertigung, die Adoption, die Heiligung und die Bewahrung kommen nicht allen Menschen zugute, sondern denen, die der Vater dem Sohn gegeben hat.

Theologische Tiefe

Die reformierte Theologie hat die Lehre des sechsten Abschnitts durch die Jahrhunderte hindurch in ihren verschiedenen Dimensionen entfaltet. Fünf Theologen aus verschiedenen Traditionen und Zeiten mögen uns helfen, die Tiefe dieser Wahrheit zu ermessen. Johannes Calvin hat in seiner Institutio den Zusammenhang zwischen Erwählung und Mittel des Heils mit unübertrefflicher Klarheit beschrieben. Für Calvin ist die Erwählung niemals von den Mitteln zu trennen, durch die sie in der Zeit verwirklicht wird. Er warnt vor der Spekulation, die in den verborgenen Ratschluss Gottes eindringen möchte und dabei die Niedrigkeit der Gnadenmittel verachtet. Gott hat nicht offenbart, wer auf der geheimen Liste der Erwählten steht. Aber er hat die Mittel offenbart, durch die die Erwählten zur Seligkeit gelangen. Der Christ ist daher nicht dazu berufen, die Rollen des Himmels zu durchforschen, sondern die Türen der Gnadenmittel zu öffnen: Höret das Wort, empfanget die Sakramente, betet, wandelt im Glauben. Calvin schreibt, dass die Gnadenmittel die Kanäle sind, durch die der ewige Ratschluss fliesst, und dass die Verachtung der Kanäle die Verachtung des Wassers selbst ist. Francis Turretin, der grosse Genfer Scholastiker, hat die Unterscheidung zwischen dem ewigen Ratschluss und seiner zeitlichen Ausführung sorgfältig ausgearbeitet. Der Ratschluss, so lehrt Turretin, ist der ewige Akt des göttlichen Willens. Die Ausführung ist die Anwendung dieses Ratschlusses in der Zeit durch die Mittel. Der Ratschluss macht die Mittel nicht überflüssig; er setzt sie als notwendig ein. Gott rettet die Erwählten nicht ohne Glauben, sondern durch den Glauben. Er bewahrt sie nicht ohne ihr Ausharren, sondern durch ihr Ausharren. Der Ratschluss schliesst die Mittel nicht als optionale Zugaben ein, sondern als integrierende Bestandteile. Wer leugnet, dass Gott die Mittel vorherbestimmt hat, macht aus dem Ratschluss einen blossen Wunsch, der die Mittel zu seiner Verwirklichung nicht vorsieht und damit dem Zufall überlässt, was die Gewissheit des Heils ausmacht. A. A. Hodge, dessen Kommentar zum Westminster Bekenntnis die reformierte Lehre für die amerikanischen Presbyterianer erschloss, sah im sechsten Abschnitt den grossen Zusammenhang der Heilsordnung. Für Hodge ist die Ordnung des Heils nicht eine Treppe, die der Gläubige durch eigene Anstrengung erklimmt, sondern eine Kette von Geschenken, die aus demselben ewigen Beschluss fliessen. Die Erlösung, die Berufung, die Rechtfertigung, die Adoption, die Heiligung und die Bewahrung sind nicht einzelne Entscheidungen, die Gott zu verschiedenen Zeiten traf. Sie sind Aspekte eines einzigen Planes. Und weil sie alle in demselben ewigen Ratschluss eingeschlossen sind, sind sie alle für jeden Erwählten gewiss. Der schwächste Gläubige, der mit dem geringsten Mass an Glauben kämpft, ist so sicher geborgen wie der stärkste, denn beide ruhen auf demselben Ratschluss und demselben Heiland. Herman Bavinck, der bedeutendste niederländische reformierte Theologe des 19. und 20. Jahrhunderts, hat in seiner Gereformeerde Dogmatiek das Verhältnis von Erwählung und Mittel mit einem tiefen Sinn für die organische Einheit des Heilsplanes dargestellt. Für Bavinck ist die Erwählung nicht ein isoliertes Dekret, das neben der Schöpfung, dem Bund und der Erlösung stünde. Sie ist vielmehr der Ratschluss, der alle diese Werke umfasst und in ihnen verwirklicht wird. Bavinck betont, dass die reformierte Lehre die Mittel nicht zu Bedingungen der Erwählung macht. Die Mittel sind die Früchte der Erwählung, nicht ihre Voraussetzungen. Dennoch sind sie nicht weniger wichtig. Der Bund, den Gott mit den Erwählten schliesst, ist ein wirklicher Bund, der von Seiten des Menschen Glauben, Busse und Gehorsam fordert. Aber die Erfüllung dieser Forderung wird von Gott selbst gewirkt. Der Bund ist wie die Ehe: Sie ist ein wirkliches Bündnis, in dem beide Seiten ihre Pflichten haben, aber die Kraft, diese Pflichten zu erfüllen, kommt von dem Gott, der den Bund stiftet und erhält. Thomas Boston, der schottische Presbyterianer, der durch seine seelsorgerlichen Schriften Generationen von Gläubigen geprägt hat, fand im sechsten Abschnitt einen Trost für die angefochtenen Seelen. Wenn dein Glaube schwach ist, sagt Boston, denk daran, dass der Glaube selbst Teil des göttlichen Ratschlusses ist. Derselbe Gott, der dich zur Herrlichkeit bestimmt hat, hat auch den Glauben bestimmt, durch den du zu dieser Herrlichkeit gelangst. Wenn du mit der Sünde kämpfst, denk daran, dass die Heiligung Teil des Ratschlusses ist. Der Gott, der dich zur Seligkeit erwählt hat, hat dich auch zur Heiligkeit erwählt, und er wird vollenden, was er begonnen hat. Bostons Rat an die geängstigten Seelen war stets derselbe: Blicke nicht auf den Ratschluss in seiner Abstraktion, sondern auf die Mittel in ihrer Wirksamkeit. Die Mittel sind die Spuren des Ratschlusses, und wo immer die Mittel gegenwärtig sind und wirken, da ist der Ratschluss am Werk. Der schweizerische Reformator Heinrich Bullinger, der die Reformation in Zürich nach Zwinglis Tod weiterführte, hat in seiner umfassenden Schrift »Dekaden« die Lehre von Erwählung und Mittel unter einem besonderen Blickwinkel beleuchtet, der für die reformierte Schweiz von bleibender Bedeutung ist. Bullinger betont die Treue Gottes im Bund: Der Gott, der den Bund mit den Vätern geschlossen hat, hält ihn über Generationen hinweg. Die Erwählung ist nicht ein neuer Ratschluss, der mit jedem Menschen einzeln gefasst wird, sondern die Entfaltung des einen Bundes, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat. Die Mittel dieses Bundes — das Wort, die Taufe, das Abendmahl, die Fürbitte — sind die Kanäle, durch die die Bundestreue Gottes fliesst. Bullinger lehrt, dass die Gewissheit des Heils nicht in der Intensität der eigenen Glaubenserfahrung gründet, sondern in der Treue dessen, der den Bund gestiftet hat und ihn nicht brechen wird. Diese sechs Zeugen — Calvin, Turretin, Hodge, Bavinck, Boston und Bullinger — decken verschiedene Aspekte derselben Wahrheit auf. Calvin und Turretin lehren uns die enge Verbindung zwischen Ratschluss und Mitteln. Hodge und Bavinck entfalten die organische Einheit der Heilsordnung. Boston und Bullinger wenden die Lehre auf das Leben und den Trost der Gläubigen an.

Anwendung für das reformierte Leben

Was bedeutet der sechste Abschnitt für den Alltag des Glaubens? Wenn es wahr ist, dass Gott die Mittel ebenso vorherbestimmt hat wie das Ziel, dann ergeben sich daraus Folgerungen von unmittelbarer praktischer Bedeutung. Erstens: Lassen Sie sich durch diese Lehre zu eifrigem Gebrauch der Gnadenmittel anleiten. Es gibt Christen, die aus der Lehre von der Vorherbestimmung den falschen Schluss ziehen, ihre eigenen Bemühungen seien überflüssig. Wenn Gott schon alles bestimmt hat, wozu dann noch beten? Wozu noch die Schrift lesen? Wozu noch zum Gottesdienst gehen? Der sechste Abschnitt gibt die entschiedene Antwort: Derselbe Gott, der das Ziel bestimmt hat, hat auch die Mittel bestimmt. Das Gebet, die Schrift, das Abendmahl, die Gemeinschaft der Heiligen — all dies sind die von Gott verordneten Kanäle, durch die der Ratschluss in der Zeit zur Verwirklichung kommt. Die Erwählten werden nicht ohne das Wort gerettet, sondern durch das Wort. Sie werden nicht ohne den Glauben bewahrt, sondern durch den Glauben. Die Gnadenmittel sind nicht menschliche Zusätze zum göttlichen Plan, sondern integrale Bestandteile dieses Plans. Wer sie vernachlässigt, vernachlässigt nicht einen frommen Brauch, sondern die von Gott selbst bestimmte Ordnung des Heils. Zweitens: Finden Sie in dieser Lehre einen Grund unerschütterlicher Gewissheit. Die Kette des Heils, die Paulus im achten Kapitel des Römerbriefs vor uns ausbreitet, ist kein loses Seil, das bei der leisesten Belastung reissen könnte. Jedes Glied ist von Gott selbst geschmiedet und mit dem nächsten verbunden. Die Erwählung führt zur Berufung, die Berufung zur Rechtfertigung, die Rechtfertigung zur Heiligung, die Heiligung zur Verherrlichung. Kein Glied fehlt. Kein Glied kann brechen. Wenn Sie heute an Christus glauben, dann haben Sie nicht nur einen Grund zur Freude über Ihren gegenwärtigen Glauben, sondern auch eine unerschütterliche Hoffnung auf Ihre zukünftige Vollendung. Der Gott, der Sie in der Zeit berufen hat, hat Sie in der Ewigkeit erwählt, und er wird Sie durch die Zeit hindurch zur Ewigkeit führen. Drittens: Überwinden Sie die Versuchung zur Gleichgültigkeit. Es gibt Menschen, die die Lehre von der Erwählung so verstehen, als ob sie zur Passivität berechtigte. Wenn meine Rettung schon feststeht, so sagen sie, kann ich tun, was ich will. Das ist eine schreckliche Verdrehung des Evangeliums. Der sechste Abschnitt lehrt uns, dass die Rettung nicht ohne die Mittel geschieht. Der Erwählte wird nicht gegen seinen Willen gerettet, sondern durch die Erneuerung seines Willens. Er wird nicht ohne seine Beteiligung geheiligt, sondern durch seine Beteiligung, die der Geist in ihm wirkt. Der Glaube ist kein totes Fürwahrhalten, sondern ein lebendiges Vertrauen, das sich in Werken der Liebe zeigt. Die Erwählung ist eine Einladung zum Leben, nicht eine Lizenz zum Tod. Wer meint, er könne in der Sünde leben und dennoch der Erwählung gewiss sein, der betrügt sich selbst. Der Ruf zur Heiligung ist so ernst wie die Verheissung der Erwählung. Viertens: Lassen Sie die Exklusivität der Erwählung ein Ansporn zur Evangelisation sein, nicht ein Grund zur Gleichgültigkeit gegenüber den Verlorenen. Das Bekenntnis sagt klar: »Keine anderen werden von Christus erlöst, wirksam berufen, gerechtfertigt, angenommen, geheiligt und selig, als allein die Erwählten.« Dieser Satz ist erschreckend in seiner Präzision. Er schliesst alle aus, die nicht zu den Erwählten gehören. Aber er ist kein Urteil, das wir über einzelne Menschen fällen könnten. Er ist eine Beschreibung der Wirklichkeit, die uns zur Eile treibt. Die, die heute das Evangelium hören und es ablehnen, sind noch nicht notwendigerweise von der Erwählung ausgeschlossen — viele Erwählte leben jahrelang in der Verstockung, bis der Geist sie bricht. Aber dass die Gefahr unendlich gross ist, das lehrt dieser Satz mit aller Deutlichkeit. Die Ewigkeit ist wirklich, das Gericht ist wirklich, und das Heil ist allein in Christus. Nutzen Sie jede Gelegenheit, das Evangelium weiterzusagen, nicht mit der Sorge, ob Ihre Mühe etwas nützen wird, sondern mit der Gewissheit, dass der Ratschluss Gottes die Frucht Ihrer Mühe verbürgt. Fünftens: Trösten Sie sich mit der Vollständigkeit der Heilsordnung in den Zeiten der Anfechtung. Es gibt Tage, an denen der Glaube schwach ist und das Gebet wie Blei von den Lippen fällt. Es gibt Tage, an denen die Sünde übermächtig erscheint und die Heiligung wie ein aussichtsloser Kampf. An diesen Tagen denken Sie an die Kette. Ihre Rettung hängt nicht an der Stärke Ihres Glaubens von heute, sondern an dem unveränderlichen Ratschluss Gottes, der umfasst, was Sie heute sind, was Sie morgen sein werden und was Sie in Ewigkeit sein werden. Der Glaube von heute mag schwach sein. Aber er ist derselbe Glaube, den der Geist gewirkt hat, als er Sie rief. Derselbe Geist, der den Glauben gewirkt hat, wird ihn bewahren. Die Heiligung mag langsam fortschreiten. Aber sie schreitet fort, weil der Geist sie vorantreibt. Ihre Rettung gleicht nicht einem Haus, das Sie bauen und das bei jedem Sturm einstürzen kann. Sie gleicht einem Gebäude, das Gott von Ewigkeit her entworfen hat und das er Stein für Stein nach seinem Plan errichtet. Sie sind nicht der Baumeister. Sie sind der Stein, und der Baumeister weiss, wohin er ihn setzt.

Gebet

Herr, unser Gott, ewiger und unwandelbarer Vater, wir preisen dich, dass du nicht nur den Erwählten die Herrlichkeit bestimmt hast, sondern auch alle Mittel, die zu ihr führen. Du hast die Kette des Heils geschmiedet, und kein Glied dieser Kette kann zerbrechen. Wir danken dir, dass unsere Rettung nicht in unserer Hand liegt, sondern in der deinen. Wir preisen dich für die Erlösung, die unser Herr Jesus Christus am Kreuz vollbracht hat. Er hat sein Blut für uns vergossen und uns losgekauft von der Schuld der Sünde. Wir danken dir für die wirksame Berufung des Geistes, der uns aus der Finsternis in dein wunderbares Licht gerufen hat, nicht weil wir gehört haben, sondern weil er uns das Hören schenkte. Wir danken dir für die Rechtfertigung, durch die wir vor dir bestehen können, nicht in unserer eigenen Gerechtigkeit, sondern in der Gerechtigkeit deines Sohnes. Wir danken dir für die Annahme an Kindesstatt, die uns zu deinen Kindern macht und uns den Geist der Kindschaft schenkt. Wir danken dir für die Heiligung, durch die du uns Tag für Tag erneuerst und dem Bild deines Sohnes gleichgestaltest. Wir danken dir für die Bewahrung, durch die du uns hältst, wenn wir zu fallen drohen, und uns sicher zum Ziel führst. Herr, wir bekennen, dass wir die Mittel der Gnade oft vernachlässigen. Wir beten zu wenig. Wir lesen dein Wort zu selten. Wir schätzen die Gemeinschaft der Heiligen gering. Vergib uns und schenke uns neu die Liebe zu den Mitteln, die du verordnet hast. Lass uns in ihnen deine Gegenwart suchen und durch sie gestärkt werden. Wir bitten dich für die, die noch draussen sind. Für die Erwählten, die heute das Evangelium hören werden und deren Herzen sich verschliessen. Brich ihren Widerstand. Öffne ihre Ohren. Ziehe sie mit den Banden der Liebe. Lass dein Wort nicht leer zurückkehren, sondern ausrichten, wozu du es gesandt hast. Und wenn unser letzter Tag kommt und die Kette des Heils in deiner Ewigkeit mündet, dann lass uns in deine Herrlichkeit eingehen, nicht mit dem Stolz dessen, der den Weg selbst gegangen wäre, sondern mit dem Jubel dessen, der getragen wurde. In Christus, unserem Herrn, der uns geliebt hat und uns erlöst hat mit seinem eigenen Blut. Ihm sei Ehre und Anbetung von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
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