Andacht 21 von 171

Es gibt ein Fenster im Strassburger Münster, vor dem die Bes

Ch.3: Of God's Eternal Decree — Section 7 • 2026-05-27 • 31 min
Die übrige Menschheit hat es Gott gefallen, nach dem unerforschlichen Ratschluss seines eigenen Willens, wonach er Barmherzigkeit erweist oder zurückhält, wie es ihm gefällt, zur Ehre seiner souveränen Macht über seine Geschöpfe, zu übergehen und sie zur Unehre und zum Zorn für ihre Sünde zu verordnen, zum Lob seiner herrlichen Gerechtigkeit.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 3, Abschnitt 7

Einleitung

Es gibt ein Fenster im Strassburger Münster, vor dem die Besucher stehen bleiben. Es zeigt nicht die Herrlichkeit des auferstandenen Christus, nicht die Taube des Geistes, nicht das Licht der neuen Schöpfung. Es zeigt das Gericht. Die Verdammten stürzen hinab, ihre Gesichter verzerrt, ihre Hände ins Leere greifend. Jahrhunderte lang haben die Menschen vor diesem Fenster gestanden. Manche haben sich abgewandt. Andere hat es in die Knie gezwungen. Das Gericht ist nicht schön. Aber es ist wahr. Der siebte Abschnitt des dritten Kapitels bringt uns vor ein ähnliches Fenster. Nachdem uns die ersten sechs Abschnitte die Herrlichkeit der Erwählung vor Augen gemalt haben, Gottes freie Gnade, seine unwandelbare Liebe, die Kette des Heils, die von Ewigkeit in die Zeit und von der Zeit in die Ewigkeit reicht, öffnet der siebte Abschnitt das Fenster, vor dem wir lieber stehen bleiben würden. Er spricht von denen, die nicht erwählt sind. Von der übrigen Menschheit. Von denen, die Gott übergeht und zur Unehre und zum Zorn für ihre Sünde verordnet. Lieber Hörer, das ist eine schwere Wahrheit. Die Väter selbst nennen sie im achten Abschnitt das »hohe Geheimnis der Prädestination« und mahnen, es mit »besonderer Klugheit und Sorgfalt« zu behandeln. Wenn wir diesen Abschnitt betreten, dann nicht mit der Neugier des Philosophen, der das Universum vermisst. Nicht mit der Kälte des Logikers, der eine Formel auf ihre innere Widerspruchsfreiheit prüft. Sondern mit der Haltung Hiobs, der seine Hand auf den Mund legte, und mit dem Schrecken des Jesaja, der ausrief: »Weh mir, ich vergehe!« Und doch müssen wir diesen Abschnitt betreten. Nicht weil die menschliche Vernunft es verlangte, sondern weil die Heilige Schrift es tut. Die Bibel schweigt nicht über die Verwerfung. Sie redet von ihr, knapp, ernst, ohne die geringste Entschuldigung. Und was sie sagt, hat das Westminster Bekenntnis in einen einzigen Satz verdichtet, dessen Gewicht wir heute bedenken wollen.

Die biblischen Grundlagen

Die Schrift spricht von der Verwerfung nicht als einer unglücklichen Randnotiz, die man besser überliest. Sie stellt sie in die Mitte ihrer Verkündigung von Gottes Souveränität. Wir betrachten sechs Stellen, die das Fundament bilden, auf dem der siebte Abschnitt ruht. Der Apostel Paulus führt uns im neunten Kapitel des Römerbriefes zum Haus des Töpfers. Es ist eine der härtesten Stellen der ganzen Bibel. Paulus fragt: »Hat der Töpfer nicht Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäss zu ehrenvollem und ein anderes zu unehrenvollem Gebrauch zu machen?« Dann wendet er das Bild an: »Da Gott seinen Zorn erweisen und seine Macht kundtun wollte, hat er mit grosser Langmut die Gefässe des Zorns ertragen, die zum Verderben bestimmt waren, damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtäte an den Gefässen der Barmherzigkeit, die er zur Herrlichkeit bereitet hat.« Der Ton ist derselbe. Der Klumpen, aus dem beide Gefässe geformt werden, ist die gefallene Menschheit. Kein Gefäss hat Anspruch auf Ehre. Kein Gefäss kann dem Töpfer Vorschriften machen. Der Töpfer handelt nach seinem eigenen Ratschluss. Er bereitet Gefässe der Barmherzigkeit zur Herrlichkeit. Er erträgt Gefässe des Zorns, die zum Verderben bestimmt sind. Das griechische Wort katērtismena, das Luther mit »bestimmt« übersetzt, trägt die Bedeutung des Zubereitens, des passend Machens. Die Gefässe des Zorns sind nicht durch einen unglücklichen Betriebsunfall der Töpferei entstanden. Sie sind für ihren Zweck zubereitet. Und dieser Zweck ist die Offenbarung von Gottes Zorn, Macht und Gerechtigkeit. Derselbe Apostel schreibt an Timotheus ein Wort, das die gesamte Bandbreite des göttlichen Handelns umfasst. In einer einzigen Wendung spricht er von »einem grossen Haus«, in dem »nicht allein goldene und silberne Gefässe sind, sondern auch hölzerne und irdene, etliche zu ehrenvollem, etliche zu unehrenvollem Gebrauch«. Das Bild ist dem Töpfergleichnis verwandt, aber es betont die Souveränität des Hausherrn über sein Eigentum. Gott verfügt über seine Schöpfung, wie ein Hausherr über sein Haus verfügt. Er allein bestimmt, welches Gefäss zu welchem Zweck dient. Der Apostel Petrus schreibt in seinem ersten Brief von denen, die am Evangelium Anstoss nehmen. Er zitiert den Propheten Jesaja und sagt: »Sie stossen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bestimmt sind.« Das griechische etethēsan bedeutet eigentlich: sie wurden hingesetzt, sie wurden gestellt. Es ist dasselbe Wort, das Matthäus gebraucht, wenn Jesus die Schafe zu seiner Rechten und die Böcke zu seiner Linken stellt. Petrus lehrt keine blinde Schicksalsmacht, die den Menschen unabhängig von ihrem eigenen Willen zermalmt. Er lehrt, dass hinter dem Anstoss, den die Ungläubigen am Evangelium nehmen, der Ratschluss dessen steht, der sie an diesen Ort gestellt hat. Der Judasbrief, dieses kurze, oft übersehene Schreiben, enthält eine der schärfsten Aussagen des Neuen Testaments über die Verwerfung. Judas warnt vor Irrlehrern, »denen schon längst das Urteil geschrieben ist zur Verdammnis«. Das griechische progegrammenoi bedeutet wörtlich: vorher aufgeschrieben. Es bezeichnet einen Eintrag, der in einem Buch bereits vorgenommen wurde, bevor das beschriebene Ereignis eintritt. Judas sagt nicht, dass diese Menschen unschuldig verurteilt worden wären. Er sagt, dass ihr Urteil bereits feststeht, bevor sie ihre Rolle im Drama der Geschichte spielen. Der göttliche Gerichtshof hat bereits geurteilt, und die Vollstreckung des Urteils folgt in der Zeit dem Urteilsspruch, der in der Ewigkeit gefällt wurde. Der Herr selbst hat im Matthäusevangelium ein Gebet gesprochen, das uns einen Blick in das innerste Geheimnis der göttlichen Ratschlüsse gewährt. Nachdem die Städte Chorazin, Bethsaida und Kapernaum seine Wunder gesehen und sich dennoch nicht bekehrt hatten, betete Jesus: »Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen geoffenbart. Ja, Vater, denn so hat es dir wohlgefallen.« Jesus preist den Vater nicht trotz, sondern wegen der Verbergung. Das ist die schwerste aller Aussagen. Der Menschensohn dankt dem Vater dafür, dass er die Wahrheit vor etlichen verbirgt. Das Verborgene ist das Evangelium selbst. Die Verbergung geschieht nicht durch eine äussere List, sondern durch das innere Gericht der Verstockung. Und der Grund für dieses Gericht liegt allein im Wohlgefallen des Vaters. Kein Satz der Bibel stellt die Unschuld des Menschen und die Souveränität Gottes härter nebeneinander als dieser. Der Prophet Jesaja schliesslich hat den Auftrag erhalten, der all diese neutestamentlichen Aussagen in eine atemberaubende Vorwegnahme fasst. Gott spricht zu ihm: »Verstocke das Herz dieses Volkes und lass ihre Ohren schwer hören und ihre Augen verkleben, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen. Ich aber sprach: Herr, wie lange?« Der Prophet selbst ist entsetzt. Er fragt: Wie lange? Und erhält die Antwort: »Bis die Städte verwüstet sind, ohne Bewohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz verödet daliegt.« Das ist der biblische Hintergrund, vor dem der siebte Abschnitt gelesen werden muss. Es sind keine vereinzelten, beiläufigen Aussagen, die man durch eine geschickte Auslegung entschärfen könnte. Es sind massive, wiederholte, miteinander vernetzte Aussagen, die vom Anfang bis zum Ende der Schrift dieselbe Melodie in verschiedenen Tonarten spielen. Gott erwählt, und Gott verwirft. Gott erbarmt sich, und Gott verstockt. Gott offenbart, und Gott verbirgt. Und in all dem handelt er nach seinem unerforschlichen Ratschluss zu seiner eigenen Ehre.

Was die Westminster-Väter meinten

Der siebte Abschnitt ist der kürzeste der acht Abschnitte des dritten Kapitels. Er umfasst im englischen Original einen einzigen Satz. In dieser Kürze liegt eine Absicht. Die Väter, die in den vorangehenden Abschnitten ausführlich über die Erwählung gesprochen haben, fassen die Verwerfung in die knappstmögliche Form. Sie wollen nicht mehr sagen, als die Schrift sagt. Der Abschnitt beginnt mit einer sorgfältigen Bestimmung des Subjekts: »Die übrige Menschheit«. Wer sind diese? Es sind alle Menschen, die nicht zu den Erwählten gehören, von denen die Abschnitte fünf und sechs handeln. Die Väter setzen voraus, dass die Zahl der Erwählten und der Nichterwählten die Gesamtheit der Menschheit ausmacht. Es gibt in ihrer Theologie keinen dritten Stand, keine neutrale Zone zwischen Erwählung und Verwerfung. Jeder Mensch, der je gelebt hat, lebt oder leben wird, gehört entweder zu denen, die Gott in Christus zum Leben erwählt hat, oder zu der übrigen Menschheit. Dann folgt die entscheidende Aussage über Gottes Handeln, und sie ist in zwei Verben gefasst: übergehen und verordnen. Die Reihenfolge ist nicht zufällig. Das Übergehen, die praeteritio, steht voran. Die Westminster-Väter lehren, dass Gott die Nichterwählten zuerst übergeht. Das heisst, er lässt sie in dem Zustand, in dem sie sich von Natur aus befinden. Sie sind in Adam gefallen, tot in Sünden, Feinde Gottes. Gott ist nicht verpflichtet, sie aus diesem Zustand zu retten. Er schuldet keinem gefallenen Geschöpf die Gnade. Wenn er also eine unbestimmte Zahl von Menschen in ihrem gefallenen Zustand belässt, tut er ihnen kein Unrecht. Er gibt ihnen nicht, was sie nicht verdienen, und das ist kein Unrecht, sondern Gerechtigkeit. Das zweite Verb lautet: verordnen. Die Nichterwählten werden »zur Unehre und zum Zorn für ihre Sünde« verordnet. Achten Sie auf die Wendung: für ihre Sünde. Die Verordnung zur Verdammnis geschieht nicht unabhängig von der Sünde des Menschen. Sie geschieht im Blick auf die Sünde. Gott verordnet keinen unschuldigen Menschen zur Hölle. Er verordnet Sünder zur gerechten Strafe für ihre Sünde. Das ist der grosse Unterschied zwischen Erwählung und Verwerfung. Die Erwählung geschieht ohne Voraussicht von Glauben oder guten Werken. Sie ist reine Gnade. Die Verwerfung hingegen geschieht im Blick auf die Sünde. Sie ist reine Gerechtigkeit. Der Abschnitt nennt drei Gründe, warum Gott so handelt. Der erste Grund ist der unerforschliche Ratschluss seines eigenen Willens. Die Väter stellen sich nicht über Gott, um ihn zu beurteilen. Sie bekennen, dass Gottes Ratschluss unerforschlich ist. Er kann nicht von aussen beurteilt, nicht von einem höheren Massstab gemessen werden. Wer den Ratschluss Gottes von einem menschlichen Gerechtigkeitsbegriff her kritisiert, der setzt sich selbst auf den Richterstuhl, auf dem allein der ewige Gott sitzt. Der zweite Grund ist die Souveränität Gottes über seine Geschöpfe. Gott hat das Recht, Barmherzigkeit zu erweisen oder zurückzuhalten, wie es ihm gefällt. Der dritte Grund ist die doppelte Verherrlichung: die Verwerfung dient der Ehre von Gottes souveräner Macht und dem Lob seiner herrlichen Gerechtigkeit. Die Westminster-Väter standen im siebten Abschnitt vor derselben Herausforderung wie im fünften und sechsten. Sie mussten zwei Fronten abwehren. Auf der einen Seite standen die Arminianer, die lehrten, die Verwerfung beruhe auf Gottes Voraussicht des Unglaubens. Dagegen halten die Väter fest: Der letzte Grund der Verwerfung liegt nicht im vorausgesehenen Unglauben, sondern im unerforschlichen Ratschluss Gottes. Auf der anderen Seite standen die Antinomisten, die aus der Lehre von der Verwerfung einen Freibrief für die Sünde ableiteten. Dagegen halten die Väter fest: Die Verwerfung geschieht »für ihre Sünde«. Sie ist niemals eine Entschuldigung für die Gottlosigkeit, sondern deren gerechte Vergeltung. Es gab noch eine dritte Front, die weniger offensichtlich, aber nicht weniger gefährlich war. Einige Theologen in der reformierten Tradition selbst, später auch als Amyraldianer bekannt, lehrten einen hypothetischen Universalismus: Christus sei für alle Menschen gestorben, aber nur die Erwählten würden tatsächlich gerettet, weil sie glaubten. Diese Lehre untergräbt die Einheit des göttlichen Ratschlusses, indem sie das Erlösungswerk Christi weiter fasst als den Erwählungsratschluss des Vaters. Die Westminster-Väter widersprechen dieser Trennung. Der Ratschluss des Vaters, das Werk des Sohnes und die Anwendung des Geistes sind eins. Christus ist nicht für Menschen gestorben, die der Vater nicht erwählt hat und denen der Geist den Glauben nicht schenkt. Bemerkenswert ist schliesslich, was der Abschnitt nicht sagt. Er spricht nicht von einer Vorherbestimmung zur Sünde, sondern zur Unehre und zum Zorn für die Sünde. Gott ist nicht der Urheber der Sünde. Die Sünde entspringt dem Willen des Geschöpfes. Gott gebraucht die Sünde in seinem Ratschluss, aber er bewirkt sie nicht. Er verordnet die Sünder zur Strafe, aber er verführt sie nicht zur Sünde. Diese Unterscheidung haben die Väter schon im ersten Abschnitt getroffen, und sie gilt hier nicht weniger als dort.

Theologische Tiefe

Die reformierte Theologie hat den siebten Abschnitt durch die Jahrhunderte hindurch mit grosser Sorgfalt bedacht. Sechs Zeugen mögen uns helfen, seine Tiefe auszuloten. Calvin hat in der Institutio die Lehre von der Verwerfung mit spürbarem Widerstreben behandelt. Er nennt sie das »schreckliche Dekret«, das decretum horribile, und bekennt, dass es dem menschlichen Empfinden zuwiderläuft. Dennoch hält er an ihm fest, weil die Schrift es lehrt. Calvin betont, dass die Verwerfung nicht mit derselben Betonung verkündigt werden darf wie die Erwählung. Die Erwählung ist das helle Licht, das die Finsternis vertreibt. Die Verwerfung ist der Schatten, der das Licht umso heller erscheinen lässt. Wer den Schatten anstarrt, verliert das Licht aus den Augen. Wer auf das Licht blickt, sieht den Schatten nur am Rande seines Gesichtsfeldes. Calvin lehrt, dass der Christ zuerst auf seine Erwählung in Christus blicken soll. Erst dann, und nur mit grosser Vorsicht, mag er über die Verwerfung nachdenken. Und wenn er es tut, dann soll er nicht über Einzelne urteilen, sondern die Gerechtigkeit Gottes anbeten. Turretin, der Genfer Scholastiker, hat die Unterscheidung zwischen Übergehung und Verurteilung mit unübertroffener begrifflicher Schärfe ausgearbeitet. Das Übergehen, die praeteritio, ist der negative Akt, durch den Gott die Nichterwählten in ihrer Sündhaftigkeit belässt. Dieser Akt enthält kein positives Handeln Gottes zur Sünde hin. Er ist der Entzug der Gnade, nicht die Einflössung der Bosheit. Die Verurteilung, die praedamnatio, ist der positive Akt, durch den Gott die Sünder zur gerechten Strafe für ihre Sünden bestimmt. Gott will den Akt der Verurteilung, aber er will ihn mit dem Ziel der Verherrlichung seiner Gerechtigkeit. Turretin vergleicht das Übergehen mit einem König, der einen Verbrecher nicht begnadigt. Der König hat das Recht zu begnadigen, und er hat das Recht, die Begnadigung zu verweigern. Die Verweigerung der Begnadigung ist kein Unrecht, weil der Verbrecher keinen Anspruch auf Begnadigung hat. Die Verhängung der Strafe ist kein Unrecht, weil der Verbrecher die Strafe verdient hat. Heinrich Bullinger hat in den Dekaden die Verwerfung im Zusammenhang des Bundes betrachtet. Für Bullinger ist der ewige Ratschluss nicht von der geschichtlichen Offenbarung Gottes im Bund zu trennen. Der Bund, den Gott mit Abraham, Mose und David schloss und in Christus vollendete, ist die geschichtliche Entfaltung des ewigen Ratschlusses. Die Erwählten sind die Glieder des Bundes. Die Verworfenen sind die, die ausserhalb des Bundes stehen. Aber diese Unterscheidung ist nicht endgültig in dem Sinne, dass ein Mensch, der heute ausserhalb des Bundes steht, nicht morgen in den Bund aufgenommen werden könnte. Bullinger betont die Universalität des Rufes zum Bund und die Wirklichkeit des göttlichen Ernstes in diesem Ruf. Wer das Evangelium hört und ablehnt, tut dies freiwillig und wird dafür zur Rechenschaft gezogen. Dass hinter dieser freien Ablehnung der Ratschluss Gottes steht, entbindet den Ablehnenden nicht von seiner Verantwortung. Der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli hat die Souveränität Gottes mit einer Radikalität betont, die selbst Calvin übertraf. In seiner Schrift »Von der Vorsehung Gottes« lehrt Zwingli, dass Gott die erste und einzige Ursache aller Dinge ist, einschliesslich des Falls Adams und der Verwerfung der Gottlosen. Doch auch Zwingli unterscheidet sorgfältig zwischen Gottes Wirken und der Schuld des Menschen. Gott wirkt das Gute unmittelbar. Das Böse hingegen wirkt er nicht in sich selbst, sondern durch die zweite Ursache des freien Willens des Geschöpfes, das aus eigenem Antrieb sündigt. Zwinglis Beitrag zur Lehre des siebten Abschnitts liegt in seiner kompromisslosen Behauptung, dass nichts, auch die Verwerfung nicht, ausserhalb von Gottes Ratschluss fällt. Alles, was geschieht, geschieht nach seinem Willen. Aber sein Wille ist immer heilig, gerecht und gut. Der schottische Theologe Thomas Boston, dessen Buch »Vierfacher Zustand des Menschen« zu den einflussreichsten reformierten Werken in deutscher Übersetzung gehört, hat die Lehre von der Verwerfung seelsorgerlich angewendet. Boston unterscheidet zwischen dem verborgenen und dem geoffenbarten Willen Gottes. Der verborgene Wille umfasst den Ratschluss der Verwerfung. Der geoffenbarte Wille umfasst das Gebot, an Christus zu glauben und Busse zu tun. Der Sünder, so Boston, hat sich nicht um den verborgenen Willen zu kümmern, sondern um den geoffenbarten. Der verborgene Wille sagt: Manche sind nicht erwählt. Der geoffenbarte Wille sagt: Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben. Der Sünder soll nicht den verborgenen Willen erforschen, um herauszufinden, ob er erwählt ist. Er soll dem geoffenbarten Willen gehorchen, an Christus glauben und darin die Gewissheit seiner Erwählung finden. Bostons Seelsorge an den durch die Verwerfungslehre Verängstigten ist für jeden Prediger und jeden Gläubigen wegweisend. Der englische Puritaner Thomas Watson hat in seiner Body of Divinity eine weitere Nuance beigetragen, die für die seelsorgerliche Anwendung des siebten Abschnitts kostbar ist. Watson unterscheidet zwischen Gottes allgemeiner Liebe zu allen Geschöpfen als Geschöpfen und seiner besonderen, erwählenden Liebe zu den Erwählten. Die allgemeine Liebe äussert sich darin, dass Gott dem Gefallenen das irdische Leben schenkt, ihn mit Gaben des Verstandes und der Kultur ausstattet und ihm das Evangelium anbietet. Die besondere Liebe hingegen schenkt den Glauben, die Rechtfertigung und die ewige Gemeinschaft mit Gott. Watson lehrt, dass der Verlust der besonderen Liebe das furchtbare Gericht ist, von dem der siebte Abschnitt spricht. Gott entzieht dem Verworfenen nicht das irdische Dasein, aber er entzieht ihm die Gemeinschaft mit sich selbst. Der Himmel ist nicht ein Ort, sondern eine Person, und diese Person dem Sünder zu entziehen, das ist die Hölle. A. A. Hodge hat in seinem Kommentar zum Westminster Bekenntnis den siebten Abschnitt in die Gesamtarchitektur des dritten Kapitels eingeordnet. Er zeigt, dass der Abschnitt drei Wahrheiten festhält: erstens, dass etliche Menschen nicht erwählt sind; zweitens, dass Gott sie in ihrer Sünde übergeht; drittens, dass er sie für ihre Sünde zur gerechten Strafe verordnet. Hodge betont, dass die Verwerfung nicht ein Akt willkürlicher Grausamkeit ist, sondern ein Akt gerechten Gerichts. Er vergleicht Gott mit einem Richter, der etliche Verbrecher aus reiner Barmherzigkeit begnadigt und die übrigen der gerechten Strafe überlässt. Die Begnadigten haben Grund zu ewiger Dankbarkeit. Die Bestraften haben keinen Grund zur Klage, denn sie erleiden nur, was sie verdient haben. Diese sechs Zeugen, Calvin, Turretin, Bullinger, Zwingli, Boston, Watson und Hodge, decken verschiedene Aspekte derselben Wahrheit auf. Calvin und Turretin lehren die begrifflichen Unterscheidungen. Bullinger und Zwingli stellen die Verwerfung in den Zusammenhang des Bundes und der universalen Souveränität Gottes. Boston und Watson führen die Lehre in die Seelsorge. Hodge ordnet sie in die Gesamtarchitektur des Bekenntnisses ein. Gemeinsam zeigen sie, dass der siebte Abschnitt kein Fremdkörper im Bekenntnis ist, sondern das notwendige Gegenstück zur Erwählungslehre, die in den vorangehenden Abschnitten entfaltet wurde.

Anwendung für das reformierte Leben

Die Lehre des siebten Abschnitts ist nicht zur Befriedigung theologischer Neugier gegeben. Sie will gelebt, erlitten, angebetet werden. Sechs Anwendungen mögen uns helfen, sie ins Leben zu ziehen. Erstens: Beugt euch vor dem unerforschlichen Gott. Der siebte Abschnitt beginnt und endet mit dem Geheimnis. Der Ratschluss ist unerforschlich. Der Wille Gottes ist nicht die Rechenaufgabe eines höheren Wesens, das wir mit genügend Anstrengung lösen könnten. Er ist das unergründliche Meer, in das wir nicht tiefer hineinleuchten können, als die Lampe des Wortes reicht. Der Apostel Paulus stand vor derselben Grenze. Nachdem er drei Kapitel lang die Lehre von Erwählung und Verwerfung entfaltet hatte, brach er in Anbetung aus: »O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!« Der Mann, der mehr als jeder andere über diese Dinge nachgedacht hat, endet nicht mit einer Formel, sondern mit einem Psalm. Das ist die Haltung, die der siebte Abschnitt in uns wecken will. Zweitens: Hütet euch vor falscher Sicherheit. Es gibt eine trügerische Ruhe, die sich einredet, mit der eigenen Taufe oder einem früheren Bekehrungserlebnis sei alles getan. Der siebte Abschnitt warnt uns mit stummer Eindringlichkeit: Nicht alle, die den Namen Christi tragen, sind erwählt. Nicht alle, die das Evangelium hören, werden gerettet. Der Herr selbst hat gesagt: »Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen.« Es ist möglich, am Tisch des Herrn zu sitzen und dennoch ein Gefäss des Zorns zu sein. Es ist möglich, die Wahrheit zu kennen und dennoch verloren zu gehen. Die reformierte Lehre von der Verwerfung ist der Todfeind jeder falschen Sicherheit. Sie treibt uns nicht in die Verzweiflung, aber sie zerstört jede Sicherheit, die auf etwas anderem ruht als auf dem lebendigen Glauben an Christus. Drittens: Verzweifelt nicht an der Barmherzigkeit Gottes. Dies mag widersprüchlich klingen, ist aber die notwendige Kehrseite des vorigen Punktes. Derselbe siebte Abschnitt, der vor falscher Sicherheit warnt, warnt auch vor der Verzweiflung. Denn der Abschnitt sagt nicht, wer zu den Erwählten gehört und wer nicht. Die Zahl der Erwählten ist so gewiss und bestimmt, dass sie weder vermehrt noch vermindert werden kann; aber sie ist uns nicht offenbart. Kein Prediger, kein Ältester, kein Christ kann mit Bestimmtheit sagen: Dieser Mensch ist ein Verworfener. Das Buch der Erwählung ist verschlossen. Das Angebot des Evangeliums ist offen. Wer zu Christus kommt, den wird er nicht hinausstossen. Der Sünder, der unter der Last seiner Schulden seufzt und nach Barmherzigkeit schreit, soll sich nicht von dem Gedanken lähmen lassen: »Vielleicht bin ich nicht erwählt.« Er soll sich zu den Füssen des Heilands werfen, dessen Arme weit genug sind, um den grössten Sünder zu umfangen. Viertens: Liebt die Gerechtigkeit Gottes. Die moderne Frömmigkeit liebt die Liebe Gottes und schweigt über die Gerechtigkeit, als wäre sie ein peinlicher Verwandter, den man auf Familienfesten im Nebenraum versteckt. Der siebte Abschnitt lehrt uns, Gottes Gerechtigkeit zu lieben, nicht mit der Schadenfreude dessen, der andere leiden sieht, sondern mit der Anbetung dessen, der das Recht liebt und das Unrecht hasst. Gott wäre nicht heilig, wenn er die Sünde ungestraft liesse. Er wäre nicht gerecht, wenn er das Verbrechen übersähe. Der Psalmist singt: »Gerechtigkeit und Recht sind deines Thrones Stütze.« Wir sollen lernen, mit den Engeln und den Heiligen zu rufen: »Recht und gerecht sind deine Gerichte, Herr, allmächtiger Gott!« Fünftens: Dient der Evangelisation mit neuem Ernst. Die Lehre von der Verwerfung hat die Kirche nie gelähmt. Sie hat sie beflügelt. Die grössten Missionare der Kirchengeschichte, William Carey, David Brainerd, Henry Martyn, Adoniram Judson, waren überzeugte Anhänger der Prädestinationslehre. Sie gingen nicht mit der Angst, dass ihre Arbeit vergeblich sein könnte, sondern mit der Gewissheit, dass Gott in jeder Stadt ein Volk hat, das durch ihre Predigt berufen werden soll. Derselbe Ratschluss, der das Ziel bestimmt, bestimmt auch die Mittel. Die Predigt des Evangeliums ist das von Gott verordnete Mittel, durch das die Erwählten aus der Welt herausgerufen werden. Wenn wir die Lehre des siebten Abschnitts recht verstehen, schweigen wir nicht in resignierter Passivität, sondern rufen mit apostolischem Flehen: »Lasst euch versöhnen mit Gott!« Sechstens: Ergreift die Erwählung als Quelle unerschütterlicher Gewissheit. Der siebte Abschnitt steht nicht allein. Er ist eingerahmt von der Verkündigung der Erwählung in den Abschnitten zuvor und der Mahnung zur rechten Handhabung des Geheimnisses im Abschnitt danach. Wer in Christus ist, soll die Erwählung nicht als Schreckgespenst fürchten, sondern als Felsen umarmen, auf dem die Gewissheit des Heils ruht. Dein Glaube ist schwach, deine Liebe lau, deine Heiligkeit fleckig; aber der Ratschluss Gottes steht fest. Die Erwählten, so hat der sechste Abschnitt uns gelehrt, sind durch Gottes Macht bewahrt zum Heil. Das ist der Trost, der aus dem siebten Abschnitt erwächst: Weil die Verwerfung wahr ist, ist auch die Erwählung wahr. Weil Gottes Gerechtigkeit ernst ist, ist auch seine Gnade ernst. Der Christ, der am Abgrund der Verwerfung gestanden und gezittert hat, umarmt die Erwählung mit einer Inbrunst, die der Leichtsinnige nie kennen wird. Siebtens: Lasst die Lehre von der Verwerfung euch demütig machen. Es gibt keine Lehre der Schrift, die dem menschlichen Stolz so radikal den Boden entzieht wie diese. Der natürliche Mensch empört sich gegen den Gedanken, dass Gott souverän über ihm steht und ohne seine Zustimmung über sein ewiges Schicksal verfügt. Er will mitreden. Er will Bedingungen stellen. Er will einen Gott, der um seine Gunst wirbt. Der siebte Abschnitt zerschlägt diesen Stolz. Er stellt uns vor den Gott, der dem Mose sagt: »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.« Kein Geschöpf hat Gott jemals zu etwas verpflichtet. Kein Sünder hat jemals Anspruch auf Gnade erhoben. Dass überhaupt jemand gerettet wird, ist ein Wunder. Dass nicht alle gerettet werden, ist Gerechtigkeit. Diese Wahrheit tötet den Stolz und gebiert die Demut. Der Reformator Martin Luther hat einmal gesagt, dass die Prädestinationslehre den Menschen in die Hölle hinabführt, damit er dort, ganz zerschlagen und aller eigenen Gerechtigkeit entkleidet, Christus als seinen einzigen Retter ergreift. Die Verwerfung, recht verstanden, ist die dunkle Folie, auf der das Gold der Gnade umso heller leuchtet. Achtens: Lebt im Licht der Ewigkeit. Der siebte Abschnitt erinnert uns daran, dass die Geschichte nicht mit einem Kompromiss endet. Es gibt kein Fegefeuer, keinen zweiten Probezustand nach dem Tode, keine Allversöhnung am Ende der Tage. Was der ewige Ratschluss beschlossen hat, das vollstreckt der ewige Richter. Die Scheidung zwischen Erwählten und Verworfenen ist nicht eine vorübergehende Phase in der Entwicklung des Kosmos, sondern das endgültige Ergebnis der göttlichen Gerechtigkeit. Diese Erkenntnis gibt dem Leben eine ungeheure Dringlichkeit. Jeder Tag, den wir leben, jeder Gottesdienst, den wir besuchen, jedes Gebet, das wir sprechen, geschieht im Schatten der Ewigkeit. Die Tore der Gnade stehen heute offen. Morgen könnten sie geschlossen sein. Der Prediger Charles Spurgeon, der wie wenige die Spannung zwischen göttlicher Souveränität und menschlicher Verantwortung zu leben verstand, rief seinen Hörern zu: »Wenn ihr gerettet werden wollt, so blickt nicht auf den verborgenen Ratschluss Gottes, sondern auf den geoffenbarten Heiland. Der Ratschluss sagt euch nicht, ob ihr erwählt seid. Der Heiland sagt euch: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid.« Diese Spannung auszuhalten, nicht nach der einen oder anderen Seite aufzulösen, das ist die Kunst des biblischen Glaubens.

Gebet

Herr, unser Gott, König der Ewigkeit, unerforschlicher und heiliger Richter aller Welt, wir fallen vor dir nieder und verstummen. Du hast uns heute an die Grenze unseres Denkens geführt und in den Abgrund deiner Gerichte blicken lassen. Wir bekennen, dass unsere Herzen vor dieser Wahrheit zurückschrecken. Es liegt in uns eine natürliche Feindschaft gegen die Lehre, dass du übergehst und verwirfst. Wir möchten einen Gott, der allen gnädig ist und niemanden von seinem Angesicht verstösst. Aber du bist nicht der Gott unserer Wünsche. Du bist der Gott, der du bist. Heilig, gerecht, unerforschlich in deinen Wegen und herrlich in allen deinen Werken. Vater, wir danken dir, dass du uns nicht im Dunkel des Geheimnisses gelassen hast, sondern in Christus das Licht der Erwählung aufgehen liessest. Wer zu ihm kommt, den wirst du nicht hinausstossen. Wer an ihn glaubt, hat das ewige Leben. In seinem geöffneten Herzen erkennen wir deinen verborgenen Ratschluss. Wir bitten dich: Schenke uns den Glauben, der nicht auf unsere eigene Würdigkeit blickt, sondern auf seine durchbohrten Hände. Schenke uns die Liebe zu deiner Gerechtigkeit, die sich vor deinen Gerichten nicht empört, sondern sie anbetet. Schenke uns die heilige Furcht, die nicht in falscher Sicherheit einschläft, sondern wachsam, nüchtern und in der Hoffnung auf deine Wiederkunft lebt. Wir bitten dich für die Verlorenen. Wir kennen ihre Namen nicht. Wir wissen nicht, wer erwählt und wer verworfen ist. Aber wir kennen deinen Befehl: Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium der ganzen Schöpfung. Lass uns diesem Befehl gehorchen, nicht mit lähmendem Zweifel, sondern mit der Freude derer, die wissen, dass dein Wort nicht leer zurückkommt. Wirke durch unsere schwachen Worte die Berufung deiner Erwählten. Sammle deine Gemeinde aus allen Völkern und Zungen. Führe die Schafe heim, die noch zerstreut sind. Und lass uns einmal, wenn alle deine Ratschlüsse erfüllt und alle deine Wege vollendet sind, mit der Schar deiner Erlösten in den Lobgesang einstimmen, der nie mehr verstummen wird. Dir, dem Vater, der in Christus erwählt hat, dir, dem Sohn, der die Erwählten erlöst hat, dir, dem Geist, der die Erwählten ruft und bewahrt, sei Ehre und Anbetung, jetzt und in Ewigkeit. Amen.
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