Andacht 22 von 171

Wer eine Wanderung durch unbekanntes Gebirge unternimmt, tut

Ch.3: Of God's Eternal Decree — Section 8 ‱ 2026-05-27 ‱ 38 min
Die Lehre von diesem hohen Geheimnis der Vorherbestimmung ist mit besonderer Klugheit und Sorgfalt zu behandeln, damit die Menschen, indem sie auf den in seinem Wort geoffenbarten Willen Gottes achten und ihm gehorchen, aus der Gewissheit ihrer wirksamen Berufung ihrer ewigen ErwĂ€hlung versichert werden. So wird diese Lehre Stoff zu Lob, Ehrfurcht und Bewunderung Gottes darbieten sowie zu Demut, Fleiss und ĂŒberreichem Trost fĂŒr alle, die dem Evangelium aufrichtig gehorchen.
– Westminster Bekenntnis, Kapitel 3, Abschnitt 8

Einleitung

Wer eine Wanderung durch unbekanntes Gebirge unternimmt, tut gut daran, eine Karte bei sich zu tragen. Die Karte zeigt den Weg, die BĂ€che, die BrĂŒcken, die HĂŒtten, in denen man ĂŒbernachten kann. Sie verzeichnet die Gefahrenstellen: die Steinschlagrinnen, die Altschneefelder, unter denen der Bach verschwindet, die ausgesetzten Grate, von denen es kein Entrinnen gibt, wenn das Wetter umschlĂ€gt. Aber die Karte zeigt nicht alles. Sie zeigt nicht, was unter der Erde liegt, nicht was die BerghĂ€nge im Innern zusammenhĂ€lt. Sie zeigt nicht die geheimen Quellen, die tiefer im Berg entspringen, als irgendein Geologe sie je anbohren könnte. Der Wanderer, der seine Karte beiseitelegt, um nach diesen verborgenen Tiefen zu graben, wird niemals ankommen. Er wird sein Ziel verfehlen, nicht weil die Karte unzureichend wĂ€re, sondern weil er sie nicht fĂŒr das benutzt, wozu sie gegeben ist: fĂŒr den Weg. Das achte und letzte StĂŒck des dritten Kapitels des Westminster Bekenntnisses gleicht einer solchen Karte. Nach sieben Abschnitten, die den ewigen Ratschluss Gottes entfaltet haben – seinen Umfang, seine Freiheit, seinen doppelten Ausgang in ErwĂ€hlung und Verwerfung, seine UnverĂ€nderlichkeit, seine GrĂŒndung in Christus, seine Einschliessung aller Heilsmittel – nach all dieser Tiefe legen die VĂ€ter nun den Finger auf die Frage, die jeden Hörer bewegt, der diese Lehre zum ersten Mal vernimmt: Wie soll ich damit umgehen? Darf ich ĂŒberhaupt davon sprechen? Und wenn ja, wie, ohne mir selbst oder anderen Schaden zuzufĂŒgen? Der achte Abschnitt ist kein RĂŒckzug und keine Entschuldigung. Er sagt nicht: Diese Lehre ist zu gefĂ€hrlich, wir schweigen lieber. Sondern: Diese Lehre ist ein hohes Geheimnis, und gerade weil sie es ist, verlangt sie eine besondere Art des Umgangs. Sie verlangt Klugheit und Sorgfalt. Sie verlangt, dass der Blick des Menschen nicht zuerst in den verborgenen Ratschluss eindringt, sondern bei dem verweilt, was Gott offenbart hat. Und sie verheisst eine reiche Ernte: Lob, Ehrfurcht, Bewunderung, Demut, Fleiss und ĂŒberreichen Trost. Dieser Abschnitt steht bewusst am Ende, nicht am Anfang. Die VĂ€ter legen erst den Inhalt der PrĂ€destinationslehre dar, dann den rechten Umgang mit ihr. Die Reihenfolge ist: erst verstehen, was die Schrift sagt, dann lernen, wie man mit dem Verstandenen umgeht. Wer diesen Abschnitt liest, ohne die vorangehenden sieben durchdrungen zu haben, gleicht einem SchĂŒler, der die Sicherheitsregeln eines chemischen Labors studiert, ohne je einen Versuch durchgefĂŒhrt zu haben. Die Regeln sind notwendig, aber sie ergeben erst Sinn, wenn man den Stoff kennt, auf den sie sich beziehen. Und doch ist dieser achte Abschnitt kein blosses AnhĂ€ngsel. Wer die vorangehenden sieben Abschnitte verstanden und bejaht hat und dann diesen achten ĂŒbergeht oder missachtet, der hat das ganze Kapitel noch nicht recht begriffen. Denn die PrĂ€destinationslehre ist, wie die VĂ€ter sagen, ein hohes Geheimnis, und ein Geheimnis, das ohne Klugheit behandelt wird, schlĂ€gt um in ein Gift, das Seelen vergiftet, statt sie zu nĂ€hren. Die Kirchengeschichte ist voll von Beispielen dafĂŒr: Menschen, die mit der Lehre von der ErwĂ€hlung wie mit einer Keule um sich schlugen; Prediger, die von der Verwerfung sprachen, als hĂ€tten sie Einblick in die himmlischen BĂŒcher; angefochtene Seelen, die sich in die Verzweiflung grĂŒbelten, weil sie in sich nicht die Spuren der ErwĂ€hlung zu finden meinten. All diese SchĂ€den rĂŒhren nicht von der Lehre selbst her, sondern von ihrer unsachgemĂ€ssen Handhabung. Ein scharfes Messer in der Hand eines Chirurgen rettet Leben; dasselbe Messer in der Hand eines Kindes richtet Unheil an. So ist es auch mit dieser Lehre: In den HĂ€nden der Klugheit, die das Bekenntnis fordert, wird sie zum Werkzeug des Trostes; in unklugen HĂ€nden wird sie zur Waffe der Zerstörung.

Die biblischen Grundlagen

Der achte Abschnitt des dritten Kapitels ist, mehr noch als die vorangehenden, aus biblischen GrundsĂ€tzen gewoben. Er zitiert keinen einzelnen Vers, aber er atmet die Sprache der Schrift von der ersten bis zur letzten Zeile. Vier Schriftstellen ragen aus dem Gewebe hervor und verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit. Die grundlegendste Unterscheidung, die der ganze Abschnitt voraussetzt, hat Mose dem Volk Israel am Ende seiner langen WĂŒstenwanderung eingeschĂ€rft. Nachdem er das Gesetz verkĂŒndet, die Segnungen und FlĂŒche ausgesprochen und den Bund erneuert hatte, sprach Mose ein Wort, das wie ein eiserner Pflock die Grenze markiert zwischen dem, was der Mensch wissen darf, und dem, was er nicht wissen soll: »Was verborgen ist, ist des HERRN, unseres Gottes; was aber offenbart ist, das gilt uns und unseren Kindern fĂŒr ewig, dass wir tun sollen alle Worte dieses Gesetzes.« Das hebrĂ€ische Wort fĂŒr »verborgen« ist nistar, ein Partizip, das das VerhĂŒllte, das Zugedeckte bezeichnet. Das Gegenwort ist niglah, das EnthĂŒllte, das Aufgedeckte. Mose zieht eine klare Linie: Es gibt Gebiete der göttlichen Wirklichkeit, die dem menschlichen Auge nicht zugĂ€nglich sind, und es gibt Gebiete, die Gott enthĂŒllt hat. Die verborgenen Dinge gehören Gott, und zwar ihm allein. Das Verb ist kein blosses ZugestĂ€ndnis: Sie sind sein Eigentum. Der Mensch, der nach ihnen greift, greift nach fremdem Besitz. Die offenbarten Dinge hingegen gehören »uns und unseren Kindern«. Der hebrĂ€ische Text fĂ€hrt fort: »fĂŒr ewig« – das heisst, diese Zuordnung ist keine vorĂŒbergehende Anordnung, sondern eine bleibende Ordnung. Und der Zweck der offenbarten Dinge ist unmissverstĂ€ndlich praktisch: »dass wir tun sollen alle Worte dieses Gesetzes«. Gottes Offenbarung ist nicht zur Befriedigung der Neugier gegeben, sondern zur Anleitung des Gehorsams. Die Westminster-VĂ€ter haben diesen Vers gekannt und seine Unterscheidung in die Struktur des achten Abschnitts eingewoben. Wenn sie schreiben, dass die Menschen »auf den in seinem Wort geoffenbarten Willen Gottes achten und ihm gehorchen« sollen, dann hallt darin das mosaische »dass wir tun sollen« wider. Der Weg zur Heilsgewissheit fĂŒhrt nicht ĂŒber die Erforschung des verborgenen Ratschlusses, sondern ĂŒber den Gehorsam gegen das offenbarte Wort. Die zweite Stelle, die den achten Abschnitt prĂ€gt, ist der apostolische Befehl, den Petrus gegen Ende seines Lebens niederschrieb. Der Fischer vom See Genezareth, der wusste, was es heisst, beim Namen gerufen zu werden, schrieb an Gemeinden, die unter Druck standen: »Darum, liebe BrĂŒder, bemĂŒht euch desto mehr, eure Berufung und ErwĂ€hlung festzumachen. Denn wenn ihr dies tut, werdet ihr nicht straucheln, und so wird euch reichlich gewĂ€hrt werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilands Jesus Christus.« Das griechische Verb, das Luther mit »bemĂŒht euch« ĂŒbersetzt, ist spoudazƍ. Es meint nicht ein gelegentliches Nachdenken, sondern ein angestrengtes, eifriges BemĂŒhen, eine Dringlichkeit, die andere Dinge zurĂŒckstellt, um dieses eine Ziel zu erreichen. Petrus spricht nicht von einer beilĂ€ufigen Frage, die man sich gelegentlich stellt. Er spricht von der zentralen Aufgabe des christlichen Lebens: sich der eigenen ErwĂ€hlung zu vergewissern. Und beachte die Reihenfolge: »Berufung und ErwĂ€hlung«. Im ewigen Ratschluss geht die ErwĂ€hlung der Berufung voraus – Gott erwĂ€hlt, dann beruft er. Aber in der Erfahrung des GlĂ€ubigen ist die Reihenfolge umgekehrt. Der Mensch erfĂ€hrt zuerst die Berufung: Er hört das Evangelium, der Geist öffnet ihm das Herz, er glaubt. Und aus dieser erfahrenen Berufung schliesst er auf die vorausgehende ErwĂ€hlung zurĂŒck. Nicht weil er die verborgene Liste der ErwĂ€hlten eingesehen hĂ€tte, sondern weil er weiss: Wen Gott beruft, den hat er zuvor erwĂ€hlt. Die Berufung ist die sichtbare Frucht einer unsichtbaren Wurzel. Wenn die Frucht da ist, ist die Wurzel lebendig. Das griechische Wort fĂŒr »festmachen« ist bebaios, fest, zuverlĂ€ssig, unerschĂŒtterlich. Es ist dasselbe Wort, das fĂŒr einen Anker gebraucht wird, der im Sturm hĂ€lt. Petrus will nicht, dass die GlĂ€ubigen ihre ErwĂ€hlung im Ratschluss Gottes fester machen – denn der Ratschluss ist in sich selbst unerschĂŒtterlich fest. Er will, dass sie in ihrer eigenen Wahrnehmung fest werde, dass sie aus dem Schwanken der Unsicherheit in die Ruhe der Gewissheit gelangen. Und das Mittel dazu ist nicht eine mystische Innenschau, die in die Tiefen der eigenen Seele hinabsteigt. Es ist der Gehorsam, der die von Petrus genannten Tugenden – Glaube, Tugend, Erkenntnis, MĂ€ssigkeit, Geduld, Gottesfurcht, brĂŒderliche Liebe – im Leben hervorbringt. »Wenn ihr dies tut«, sagt Petrus, »werdet ihr nicht straucheln.« Die Werke sind nicht der Grund der ErwĂ€hlung, aber sie sind die BestĂ€tigung. Ein Baum, der keine Frucht bringt, gibt keinen Beweis, dass er lebt. Die dritte Schriftstelle fĂŒhrt uns an den Rand des menschlichen Begreifens, wo die Theologie in Anbetung umschlĂ€gt. Nachdem Paulus drei Kapitel lang die Tiefen der göttlichen ErwĂ€hlung durchmessen hat, bricht er in einen Lobgesang aus. »O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten mĂŒsste? Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.« Jedes griechische Wort, das Paulus hier wĂ€hlt, atmet die AtmosphĂ€re des achten Abschnitts. »Tiefe« – bathos – bezeichnet die Tiefe des Meeres, den Abgrund, den kein Senkblei erreicht. »Unbegreiflich« – anexereunētos – heisst wörtlich: nicht zu durchforschen, ein Weg, den kein Forscher zu Ende gehen kann. »Unerforschlich« – anexichniastos – ist der Sprache der FĂ€hrtenleser entlehnt: eine Spur, die sich verliert, ein Fussabdruck, dem man nicht mehr folgen kann. Paulus steht vor dem Geheimnis, das die VĂ€ter ein »hohes Geheimnis« nennen, und was er tut, ist nicht, es in eine handhabbare Formel zu pressen. Er betet an. Die Lehre endet nicht in einer systematischen Tabelle, sondern in einer Doxologie. Das ist die Haltung, die das Bekenntnis meint, wenn es schreibt, die Lehre werde »Stoff zu Lob, Ehrfurcht und Bewunderung Gottes darbieten«. Die vierte Stelle ist so kurz wie tief und steht im Psalter als eine Perle stiller Weisheit. David, der König, der die Höhen des Throns und die Tiefen der SĂŒnde kannte, dichtet: »HERR, mein Herz ist nicht hoffĂ€rtig und meine Augen sind nicht stolz. Ich gehe nicht um mit grossen Dingen, die mir zu wunderbar sind. FĂŒrwahr, meine Seele ist still und ruhig geworden wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter.« Das hebrĂ€ische Wort, das mit »umgehen« ĂŒbersetzt ist, heisst halak, ein gewöhnliches Wort fĂŒr gehen, wandeln, sich mit etwas befassen. David hat sich bewusst geweigert, in Dinge einzudringen, die jenseits seiner Fassungskraft liegen. Die »grossen Dinge«, hebrĂ€isch g'dolot, und die »zu wunderbaren«, nifla'ot, sind nicht einfach intellektuelle Probleme, sondern Geheimnisse der göttlichen Wirklichkeit, vor denen das Geschöpf nur schweigen kann. Und dann folgt das Bild, das zu den zartesten der Bibel gehört: das gestillte Kind bei seiner Mutter. Das hebrĂ€ische gamul bezeichnet ein Kind, das nicht mehr unruhig nach der Brust verlangt, sondern gesĂ€ttigt und zufrieden in der NĂ€he der Mutter ruht. Es hat alles, was es braucht, und es verlangt nicht nach dem, was jenseits seiner Reichweite liegt. Das ist das Bild der Seele, die mit dem hohen Geheimnis der Vorherbestimmung umzugehen gelernt hat: still, zufrieden, geborgen. Zwei weitere Schriftworte runden das biblische Bild ab. Der Apostel Paulus schreibt an die Thessalonicher: »Denn, liebe BrĂŒder, von Gott geliebt, wir wissen, dass ihr erwĂ€hlt seid; denn unsere Predigt des Evangeliums kam zu euch nicht allein im Wort, sondern auch in der Kraft und in dem Heiligen Geist und in grosser Gewissheit.« Hier sehen wir, wie Paulus die ErwĂ€hlung erkennt: nicht durch einen Blick in den Himmel, sondern durch das, was auf Erden geschah. Das Evangelium kam nicht nur als menschliches Wort, sondern in der Kraft des Geistes. Die Thessalonicher wurden nicht nur Ă€usserlich angesprochen, sondern innerlich ĂŒberfĂŒhrt. Das Wirken des Geistes in der VerkĂŒndigung – das ist die sichtbare Seite der unsichtbaren ErwĂ€hlung. Und im Epheserbrief schreibt derselbe Apostel: »In ihm seid auch ihr, als ihr glĂ€ubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist, der verheissen ist, welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung, dass wir sein Eigentum wĂŒrden zum Lob seiner Herrlichkeit.« Das Siegel des Geistes ist nicht die ErwĂ€hlung selbst, sondern deren BestĂ€tigung. Das Siegel markiert den Eigentumswechsel: Wer versiegelt ist, gehört nicht mehr sich selbst, sondern Gott. Und das Siegel ist zugleich das Angeld, das Unterpfand, die erste Rate des vollen Erbes, das noch aussteht. Wer den Geist als Siegel empfangen hat, darf gewiss sein: Der Gott, der das Siegel aufgedrĂŒckt hat, wird das volle Erbe nicht vorenthalten. Diese sechs Schriftworte – Mose, Petrus, Paulus, David – ergeben zusammen das biblische GerĂŒst, auf dem der achte Abschnitt ruht. Sie lehren uns, dass es eine Grenze zwischen dem Verborgenen und dem Geoffenbarten gibt, dass die ErwĂ€hlung an der Berufung erkannt wird, dass die angemessene Antwort auf das Geheimnis die Anbetung ist und dass die Seele, die an dieser Lehre nicht zerbricht, zur Stille eines gestillten Kindes findet.

Was die Westminster-VĂ€ter meinten

Die Westminster-VĂ€ter schrieben diesen Abschnitt nicht als theologische Neuerung, sondern als Zusammenfassung eines Jahrhunderts reformierter Erfahrung. Die PrĂ€destinationslehre war seit der Reformation verkĂŒndet worden, und sie hatte zwei sehr verschiedene Arten von FrĂŒchten hervorgebracht. Wo sie mit Klugheit und Sorgfalt behandelt wurde, hatte sie angefochtenen Seelen Trost gespendet, den Hochmut gedemĂŒtigt und die Anbetung vertieft. Wo sie ohne diese Klugheit behandelt wurde, hatte sie Ärgernis erregt, schwache Gewissen zermalmt und den Namen Gottes in Verruf gebracht. Die VĂ€ter kannten beide Arten von Predigern. Sie kannten jene, die von der ErwĂ€hlung wie von einem persönlichen Triumph sprachen, als hĂ€tten sie selbst bei der Auswahl der AuserwĂ€hlten mitgewirkt; die das Wort »verworfen« ohne TrĂ€nen aussprachen; die auf die Frage eines geĂ€ngstigten Gemeindegliedes mit einem Achselzucken antworteten: »Wenn du nicht erwĂ€hlt bist, kann ich dir auch nicht helfen.« Und sie kannten auch jene, die aus Furcht vor solchen Entgleisungen die Lehre gĂ€nzlich verschwiegen, sie aus der Predigt verbannten und den Gemeinden die Speise vorenthielten, die Gott ihnen zugedacht hatte. Gegen beide Verirrungen richtet sich der achte Abschnitt. Die erste widerlegt er, indem er »besondere Klugheit und Sorgfalt« fordert – einen seelsorgerlichen Umgang, der den Unterschied zwischen einem scharfen Messer in der Hand des Chirurgen und in der Hand des Kindes kennt. Die zweite widerlegt er, indem er darauf besteht, dass die Lehre, recht behandelt, »Stoff zu Lob, Ehrfurcht und Bewunderung Gottes« sowie zu »Demut, Fleiss und ĂŒberreichem Trost« darbietet. Man verschweigt eine Lehre nicht, die Gott gegeben hat, um seine Kinder zu trösten. Die zentrale Einsicht des Abschnitts ist die Unterscheidung zwischen dem verborgenen Ratschluss Gottes und dem geoffenbarten Willen Gottes. Der verborgene Ratschluss – das, was Gott von Ewigkeit her ĂŒber jeden einzelnen Menschen beschlossen hat – ist dem menschlichen Auge nicht zugĂ€nglich. Niemand kann in das Buch des Lebens schauen und seinen eigenen Namen darin lesen. Der geoffenbarte Wille hingegen – das, was Gott in der Schrift verkĂŒndet hat – liegt offen vor aller Augen. Er lautet: »Glaubt an den Herrn Jesus, so werdet ihr selig.« Er lautet: »Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstossen.« Er lautet: »Das ist der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, das ewige Leben habe.« Die VĂ€ter lehren nun, dass der Weg zur Heilsgewissheit nicht beim verborgenen Ratschluss beginnt, sondern beim geoffenbarten Willen. Der Mensch soll nicht fragen: »Bin ich erwĂ€hlt?« und dann nach Spuren der ErwĂ€hlung in seinem Leben suchen. Er soll fragen: »Was hat Gott mir befohlen?« und dem Befehl gehorchen. Und im Gehorchen wird er entdecken, dass sein Gehorsam – so unvollkommen er auch sei – die Frucht des Geistes ist, der nur da wirkt, wo die ErwĂ€hlung vorausgegangen ist. Die Reihenfolge ist von entscheidender Bedeutung. Beginnt der Mensch beim verborgenen Ratschluss, so endet er entweder in der Vermessenheit – wenn er sich ohne Grund der ErwĂ€hlung rĂŒhmt – oder in der Verzweiflung – wenn er die Spuren der Gnade in seinem Leben nicht zu entdecken meint. Beginnt er beim geoffenbarten Willen, so findet er im Gehorsam die Besiegelung seiner ErwĂ€hlung. Der lateinische Text des Bekenntnisses verwendet an dieser Stelle das Wort prudentia, das kluge, abwĂ€gende, situationsgerechte Handeln meint. Prudentia ist die Tugend dessen, der nicht nur weiss, was wahr ist, sondern auch, wann und wie und zu wem es gesagt werden muss. Der Arzt, der die Diagnose kennt, weiss noch nicht, wie er sie dem Patienten mitteilen soll. Der Lehrer, der den Stoff beherrscht, weiss noch nicht, wie er ihn einem Kind erklĂ€ren muss. So weiss auch der Theologe, der die PrĂ€destinationslehre verstanden hat, noch lange nicht, wie er sie einer Gemeinde predigen oder einem Angefochtenen nahebringen soll. Dazu bedarf es der prudentia – der Klugheit, die das Bekenntnis fordert. Der Ausdruck »aus der Gewissheit ihrer wirksamen Berufung ihrer ewigen ErwĂ€hlung versichert werden« verdichtet die gesamte Methodik des Abschnitts in einem einzigen Satz. Die wirksame Berufung – jener innere, lebendigmachende Ruf des Heiligen Geistes, durch den der tote SĂŒnder zum geistlichen Leben auferweckt und befĂ€higt wird, Christus zu umfassen – ist etwas, das man erkennen kann. Sie ist kein Geheimnis. Sie hinterlĂ€sst Spuren in der Seele: SĂŒndenerkenntnis, Hunger nach Gerechtigkeit, Glaube an Christus, Liebe zu Gott, eine neue Ausrichtung des Willens. Diese Spuren sind in diesem Leben nicht vollkommen; sie sind schwach, flackernd, mit SĂŒnde vermischt. Aber sie sind wirklich. Und ĂŒberall, wo sie vorhanden sind, so schwach und angefochten sie auch sein mögen, sind sie die Wirkung einer Ursache, die in die Ewigkeit zurĂŒckreicht. Die wirksame Berufung ist die sichtbare Frucht einer unsichtbaren Wurzel. Wenn die Frucht da ist – und sei es auch nur als ein erster, zarter Trieb –, dann ist die Wurzel lebendig. Die letzte Zeile des Abschnitts zĂ€hlt die FrĂŒchte auf, die aus dem Boden der recht behandelten Lehre wachsen. »Lob, Ehrfurcht und Bewunderung Gottes« – das ist die vertikale Dimension: die Seele, die den Abgrund der göttlichen Weisheit gesehen hat und in Anbetung versinkt. »Demut, Fleiss und ĂŒberreicher Trost« – das ist die horizontale Dimension: die Seele, die weiss, dass sie nichts hat, was sie nicht empfangen hĂ€tte, die sich den von Gott verordneten Mitteln eifrig zuwendet und die in der Gewissheit der ErwĂ€hlung eine Ruhe findet, die keine irdische ErschĂŒtterung rauben kann. Der Nachdruck liegt auf dem letzten Wort: »Trost«. Die PrĂ€destinationslehre, recht behandelt, ist nicht eine Lehre, die in die Verzweiflung treibt, sondern eine Lehre, die aus der Verzweiflung rettet. Sie ist der Anker, der in den Grund der ewigen Liebe hinabreicht und das Schiff der Seele im Sturm der Anfechtung festhĂ€lt. Wer aus dem achten Abschnitt nicht getröstet hervorgeht, hat ihn nicht recht verstanden – oder er hat ihn ohne die Klugheit gelesen, die er fordert.

Theologische Tiefe

Die Kunst, eine tiefe Lehre seelsorgerlich zu handhaben, ist keine Entdeckung der Westminster-VĂ€ter. Sie durchzieht die gesamte reformierte Tradition von ihren AnfĂ€ngen an. FĂŒnf Stimmen aus verschiedenen Jahrhunderten mögen uns helfen zu verstehen, was der achte Abschnitt lehrt. Johannes Calvin hat in seiner Institutio das VerhĂ€ltnis zwischen der logischen Ordnung des Ratschlusses und der seelsorgerlichen Ordnung der VerkĂŒndigung klar beschrieben. Im ewigen Ratschluss geht die ErwĂ€hlung der Berufung voraus: Gott erwĂ€hlt, bevor er beruft. Aber in der Erfahrung des GlĂ€ubigen ist die Reihenfolge umgekehrt. Der Mensch erfĂ€hrt zuerst die Berufung und erkennt dann, dass diese Berufung in der ErwĂ€hlung grĂŒndet. Calvin besteht darauf, dass die VerkĂŒndigung dieser umgekehrten Ordnung folgen muss. Der Prediger, der mit der nackten ErwĂ€hlung beginnt, ohne den Weg ĂŒber die Berufung zu gehen, gleicht einem Baumeister, der das Dach vor den Mauern errichtet. Die Gemeinde soll nicht in den Ratschluss zu steigen versuchen; sie soll auf den Ruf des Evangeliums hören. Und in diesem Ruf, wenn er im Herzen Frucht bringt, wird sie die Gewissheit finden, dass sie vor Grundlegung der Welt geliebt war. Calvin gebrauchte dafĂŒr das Bild des Spiegels. Christus ist der Spiegel, in dem der ErwĂ€hlte seine ErwĂ€hlung erblickt. Wer in Christus ist, wer dem Sohn vertraut, wer seine Gerechtigkeit ergriffen hat – der braucht nicht weiter zu fragen, ob er erwĂ€hlt sei. Die Frage ist beantwortet, nicht durch einen Blick in den verborgenen Ratschluss, sondern durch den Blick auf den offenbarten Christus. Calvin wusste, dass es Seelen gibt, die sich in der Frage nach der ErwĂ€hlung verzehren und die dabei das eine versĂ€umen, was ihnen Gewissheit schenken könnte: den einfĂ€ltigen, kindlichen Glauben an das Evangelium. Seine seelsorgerliche Regel lautete: Wenn du wissen willst, ob Gott dich von Ewigkeit her geliebt hat, so frage nicht nach dem Ratschluss, sondern frage, ob du Christus liebst. Denn wen Christus zu sich gezogen hat, den hat der Vater ihm gegeben, und wen der Vater ihm gegeben hat, den hat er von Ewigkeit her geliebt. Heinrich Bullinger, der die ZĂŒrcher Kirche nach Zwinglis Tod durch die StĂŒrme der Reformationszeit steuerte, hat in seinen Dekaden die Lehre von der ErwĂ€hlung mit einer seelsorgerlichen Behutsamkeit behandelt, die den achten Abschnitt des Bekenntnisses vorwegnimmt. Bullinger betonte, dass die PrĂ€destination kein Gegenstand der Spekulation sei, sondern ein Grund der Demut und des Trostes. Er kannte die Gefahr, dass Menschen sich in die Tiefen des Ratschlusses verlieren und dabei den Boden unter den FĂŒssen verlieren. Sein Rat war derselbe, den spĂ€ter das Bekenntnis geben wĂŒrde: Haltet euch an das Geoffenbarte! Die ewige ErwĂ€hlung ist verborgen, aber das Evangelium ist öffentlich. Der Ratschluss steht im Himmel geschrieben, aber die Verheissungen stehen in der Schrift. Und die Schrift sagt: »Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben.« Bullinger ermutigte die ZĂŒrcher Gemeinde, sich nicht in GrĂŒbeln zu verlieren, sondern im Glauben zu stehen und im Gehorsam zu wandeln. Die FrĂŒchte des Glaubens – die Liebe zu Gott und den BrĂŒdern, die Geduld in der TrĂŒbsal, der Kampf gegen die SĂŒnde – sind die Siegel, mit denen der Geist die ErwĂ€hlung im Herzen der GlĂ€ubigen bestĂ€tigt. Thomas Manton, ein Mitglied der Westminster-Versammlung selbst, dessen Predigt ĂŒber den 131. Psalm zu den tiefsten seelsorgerlichen Texten des englischen Puritanismus gehört, hat die geistliche Krankheit benannt, die den unklugen Umgang mit der PrĂ€destinationslehre kennzeichnet: die Neugier. FĂŒr Manton ist die Neugier nicht eine harmlose intellektuelle Regung, sondern die Krankheit des gefallenen Verstandes. Der natĂŒrliche Mensch will wissen, was zu wissen ihm nicht zusteht. Er will in die geheimen Tiefen Gottes eindringen, als stĂŒnde er auf gleicher Augenhöhe mit dem Schöpfer. Und wenn er feststellt, dass er es nicht kann, empört er sich entweder gegen Gott oder verfĂ€llt der Verzweiflung. Manton verordnet dieser Neugier ein heilsames Gegengift: die BeschĂ€ftigung mit dem Geoffenbarten. Die Energie des Verstandes, die sich im vergeblichen Versuch verzehrt, den Ratschluss zu durchdringen, soll in das Studium und die AusĂŒbung des geoffenbarten Willens umgeleitet werden. Wer sich fragt, ob er erwĂ€hlt sei, soll nicht die himmlischen BĂŒcher zu lesen versuchen, sondern die Schrift aufschlagen und tun, was sie befiehlt. Im Tun wird er finden, was er im GrĂŒbeln nicht fand. William Ames, jener englische Puritaner, der in den Niederlanden zum Berater der Dordrechter Synode wurde, hat in seiner Marrow of Theology die praktische Anwendung der PrĂ€destinationslehre mit einer Genauigkeit entfaltet, die dem achten Abschnitt des Bekenntnisses genau entspricht. Ames bestand darauf, dass jede Lehre auf das Gewissen des Menschen zielen muss und dass die PrĂ€destination keine Ausnahme bildet. FĂŒr Ames hat diese Lehre, recht behandelt, drei Wirkungen im GlĂ€ubigen: Demut, weil das Heil ganz und gar auf Gnade beruht; Fleiss, weil der Ratschluss die Mittel mitumfasst; und Trost, weil das Fundament des Heils ausserhalb des eigenen Ichs im unwandelbaren Ratschluss Gottes liegt. Aber Ames warnte zugleich mit Nachdruck vor dem Missbrauch der Lehre. »Der voreilige und neugierige Umgang mit diesem Geheimnis«, schrieb er, »ist der Anlass fĂŒr viel Unheil in der Kirche gewesen. Einige haben es zu einem Kissen der TrĂ€gheit gemacht, andere zu einem Sporn der Verzweiflung. Beide irren, weil sie den Ratschluss von den Mitteln trennen.« Der Satz klingt, als wĂ€re er ein Kommentar zum achten Abschnitt, und er zeigt, wie tief die Unterscheidung zwischen rechtem und falschem Umgang in der reformierten Überlieferung verwurzelt ist. Thomas Boston, der schottische Pfarrer, dessen seelsorgerliche Schriften viele GlĂ€ubige begleitet haben, kannte die Nöte der angefochtenen Seelen aus eigener Erfahrung. Boston wusste, dass es Christen gibt, die aufrichtig an Christus glauben und dennoch von der Frage umgetrieben werden, ob sie wirklich zu den ErwĂ€hlten gehören. Diesen Seelen gab er einen Rat, der ganz im Geist des achten Abschnitts steht: Sieh nicht auf den Ratschluss, sondern auf die Merkmale der Gnade in deinem Leben. Bostons Liste dieser Merkmale ist seelsorgerlich durchdacht: Hast du deine SĂŒnden erkannt und betrauerst du sie? Fliehst du zu Christus als deiner einzigen Zuflucht? Liebst du die BrĂŒder, auch wenn ihre Eigenheiten dich reizen? Hast du einen Hunger nach dem Wort Gottes, auch wenn du beim Lesen oft zerstreut bist? Wo diese Merkmale vorhanden sind, so schwach und unvollkommen auch, da ist die ErwĂ€hlung gegenwĂ€rtig. Denn sie sind die FrĂŒchte des Geistes, und der Geist wohnt nur in denen, die Gott von Ewigkeit her zu seinem Eigentum bestimmt hat. Diese fĂŒnf Zeugen – Calvin, Bullinger, Manton, Ames, Boston – lehren uns, jede auf ihre Weise, dass die PrĂ€destinationslehre ein kostbares Gut ist, das mit Bedacht behandelt werden will. Sie ist kein Spielzeug fĂŒr theologische Neugierige und keine Waffe fĂŒr geistliche Raufbolde. Sie ist Brot fĂŒr die Hungrigen und Trank fĂŒr die Durstigen – aber nur, wenn sie mit der Klugheit ausgeteilt wird, die das Bekenntnis fordert.

Anwendung fĂŒr das reformierte Leben

Wie sieht ein Leben aus, das den achten Abschnitt des dritten Kapitels nicht nur gelesen, sondern verinnerlicht hat? Die Antwort entfaltet sich in sechs konkreten Haltungen, die den Alltag des Glaubens prĂ€gen. Erstens: Stille deine Neugier, wo Gott eine Grenze gezogen hat. Der erste und vielleicht schwerste Schritt im Umgang mit der PrĂ€destinationslehre ist die Anerkennung, dass es Dinge gibt, die du nicht weisst, nicht wissen kannst und nicht wissen sollst. Das fĂ€llt dem Menschen schwer. Unser Verstand will alles durchdringen, jedes Warum ergrĂŒnden, keinen Winkel der göttlichen Wirklichkeit unerforscht lassen. Aber Gott hat die Grenze gezogen, und er hat sie zu deinem Schutz gezogen. Ein Kind, das auf einer Bergwanderung an der Hand des Vaters geht, muss nicht wissen, was jenseits des Grates liegt. Es muss wissen, dass der Vater es weiss. Die geheimen Dinge gehören Gott. Deine Aufgabe ist es nicht, den Schleier zu lĂŒften, den er ĂŒber seinen Ratschluss gebreitet hat. Deine Aufgabe ist es, das zu tun, was er offenbart hat. Jede Stunde, die du damit verbringst, in den verborgenen Ratschluss einzudringen, ist eine Stunde, die du dem offenbarten Willen entziehst. Kehre um von der Spekulation zum Gehorsam. Zweitens: Suche die Spuren deiner ErwĂ€hlung nicht im Himmel, sondern in deinem eigenen Herzen – genauer: in dem, was der Geist in deinem Herzen wirkt. Der sicherste PrĂŒfstein der ErwĂ€hlung ist die wirksame Berufung. Frage dich, nicht ob dein Name im Buch des Lebens steht, sondern ob der Geist dich zum Leben erweckt hat. Hast du deine SĂŒnde erkannt? Nicht nur als allgemeine Unvollkommenheit, sondern als persönliche Schuld vor dem heiligen Gott? Fliehst du in dieser Not zu Christus, und zu niemandem sonst? Ist dir Christus kostbar – nicht nur als Lehrer oder Vorbild, sondern als der, der fĂŒr deine SĂŒnden gestorben und zu deiner Rechtfertigung auferstanden ist? Hast du einen verborgenen Kampf mit der SĂŒnde in deinem Herzen, den niemand sieht ausser Gott? Sehnst du dich, auch nur in schwachen AnsĂ€tzen, nach der Heiligung? Wenn du diese Fragen nicht mit der Zuversicht eines vollkommenen Glaubenshelden, aber doch mit der Ehrlichkeit eines Menschen beantworten kannst, der weiss, dass er ohne Christus verloren wĂ€re – dann hast du allen Grund, deiner ErwĂ€hlung gewiss zu sein. Die Wirklichkeit dieser Regungen, und sei es auch nur die Trauer darĂŒber, dass sie so schwach sind, ist das Werk des Geistes. Und der Geist wirkt nur in denen, die der Vater von Ewigkeit her geliebt hat. Drittens: Lass die Lehre von der ErwĂ€hlung dich demĂŒtigen. Es gibt einen paradoxen Zug in der Kirchengeschichte: Eine Lehre, die ausdrĂŒcklich jeden menschlichen Ruhm ausschliesst, hat manchmal die ruhmsĂŒchtigsten Geister hervorgebracht. Der Mensch, der die ErwĂ€hlung verstanden zu haben meint, kann in die Versuchung geraten, auf jene herabzublicken, die sie nicht verstehen oder nicht annehmen. Er verwechselt dogmatische Korrektheit mit geistlicher Reife und theologische PrĂ€zision mit Heiligkeit. Gegen diese Versuchung richtet sich das Bekenntnis, wenn es sagt, die rechte Behandlung der Lehre bringe »Demut« hervor. Denn was lehrt die ErwĂ€hlung? Dass deine Rettung ganz und gar Gnade ist. Dass Gott dich erwĂ€hlt hat, bevor du ihn erwĂ€hlen konntest. Dass nichts in dir – kein vorhergesehener Glaube, kein vorhergesehenes Werk, keine vorhergesehene Tugend – ihn bewogen hat, seine Liebe auf dich zu setzen. Du bist ein Schuldner der Gnade, und nur der Gnade. Du hast nichts, das du nicht empfangen hĂ€ttest. Wenn du aber alles empfangen hast – was hast du dann, dessen du dich rĂŒhmen könntest? Die ErwĂ€hlungslehre, recht verstanden, entkleidet den Menschen jeder Selbstgerechtigkeit und lĂ€sst ihn vor Gott mit leeren HĂ€nden stehen. Diese Haltung – leere HĂ€nde, einem gebenden Gott entgegengestreckt – ist die Haltung der Demut. Viertens: Lass die Lehre dich fleissig machen, nicht gleichgĂŒltig. Das ist eine der grossen seelsorgerlichen Gefahren im Umgang mit der PrĂ€destination: Der Mensch schliesst von der Festigkeit des Ratschlusses auf die Entbehrlichkeit seiner eigenen MĂŒhe. Wenn Gott schon bestimmt hat, wer gerettet wird, wozu dann noch beten, das Wort lesen, gegen die SĂŒnde kĂ€mpfen? Das Bekenntnis stellt dieser falschen Logik die wahre entgegen, wenn es sagt, die Lehre bringe »Fleiss« hervor. Denn der Ratschluss umfasst nicht nur das Ziel, sondern auch die Mittel. Gott hat nicht nur verordnet, dass die ErwĂ€hlten das ewige Leben ererben; er hat auch den Glauben verordnet, durch den sie es ergreifen, die Heiligung, durch die sie zubereitet werden, und die Bewahrung, durch die sie ans Ziel gelangen. Deine Gebete, dein Kampf gegen die SĂŒnde, dein Ringen um Heiligung – das sind nicht menschliche ZusĂ€tze zum göttlichen Heilswerk, sondern die von Gott selbst bestimmten KanĂ€le, durch die der Geist das Heilswerk in dir zur Vollendung bringt. Sie vernachlĂ€ssigen heisst nicht, auf den Ratschluss zu vertrauen; es heisst, den Ratschluss zu verachten. FĂŒnftens: Lass die Lehre dir zum ĂŒberreichen Trost werden, fĂŒr den sie bestimmt ist. Das letzte Wort des Abschnitts ist »Trost« – und darin liegt eine tiefe Absicht. Die PrĂ€destinationslehre ist in ihrer tiefsten Absicht keine Lehre, die erschĂŒttert, sondern eine Lehre, die verankert. Sie sagt dir, dass deine Rettung nicht am dĂŒnnen Faden deiner eigenen Treue hĂ€ngt, sondern im unverĂ€nderlichen Ratschluss Gottes verankert ist. Sie sagt dir, dass der Gott, der dich vor Grundlegung der Welt geliebt hat, dich lieben wird, wenn diese Welt vergangen ist und nichts mehr bleibt als der ewige Sabbat. Sie sagt dir, dass Christus keinen von denen verlieren wird, die der Vater ihm gegeben hat – nicht einen, auch dich nicht. Wenn dein Glaube schwach ist, wenn deine Heiligung zu stagnieren scheint, wenn Satan seine feurigen Pfeile der Anklage auf dich abschiesst, wenn dein eigenes Herz dich verdammt – dann ist die Lehre von der ErwĂ€hlung eine Festung, in die du fliehen kannst. Gott ist grösser als dein Herz, und sein Ratschluss ist Ă€lter als deine SĂŒnde. »Ich habe dich je und je geliebt«, spricht er durch den Propheten, »darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter GĂŒte.« Die ewige Liebe ist die Ursache; das Ziehen in der Zeit ist die Wirkung. Wenn du gezogen bist, dann bist du geliebt – und nichts kann dich von dieser Liebe scheiden. Sechstens: Lass die Lehre in Anbetung mĂŒnden, nicht in Besserwisserei. Paulus beendet Römer 9 bis 11 nicht mit einer Definition, sondern mit einem Lobgesang. Die PrĂ€destinationslehre, die nicht zur Anbetung fĂŒhrt, hat ihr Ziel verfehlt. Sie offenbart den unauslotbaren Gott, der niemandem Rechenschaft schuldet, dessen Wege höher sind als unsere Wege und dessen Gedanken höher sind als unsere Gedanken. Vor diesem Gott gibt es nur eine Haltung: nicht die Haltung dessen, der alles erklĂ€rt hat, sondern die Haltung dessen, der vor dem Geheimnis verstummt und im Verstummen Gott die Ehre gibt. Wer meint, er habe die PrĂ€destination »im Griff«, der hat sie am wenigsten begriffen. Sie ist kein System, das man beherrscht. Sie ist ein Ozean, an dessen Ufer man kniet.

Gebet

Herr, unser Gott, vor dem die Tiefen des Meeres und die Tiefen deines Ratschlusses gleichermassen verborgen sind – wir beugen uns vor dir und bekennen, dass unsere Herzen oft mehr neugierig als gehorsam gewesen sind. Wir haben nach dem Gegriffen, was du verborgen hast, und wir haben versĂ€umt, was du uns befohlen hast. Vergib uns die Vermessenheit, mit der wir in deine geheimen Tiefen eindringen wollten, als stĂŒnden wir auf gleicher Höhe mit dir. Lehre uns die Stille des gestillten Kindes, das nichts weiss von den grossen Dingen, die ihm zu wunderbar sind, und das dennoch geborgen ruht in der NĂ€he dessen, der es liebt. Wir danken dir fĂŒr das Evangelium, das du nicht verborgen, sondern offenbart hast. Wir danken dir, dass du in Christus Jesus deinen Sohn gegeben hast, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe. Dieses Wort ist nicht zu hoch fĂŒr uns und nicht zu ferne. Es ist nahe, in unserem Munde und in unserem Herzen. Lass es uns ergreifen mit einfĂ€ltigem, kindlichem Glauben und lass uns in diesem Glauben die Gewissheit finden, dass du uns vor Grundlegung der Welt geliebt und zu deinem Eigentum bestimmt hast. Wirke in uns, so bitten wir, die FrĂŒchte der ErwĂ€hlung. Schenke uns Demut, die weiss, dass wir nichts haben, was wir nicht empfangen hĂ€tten. Schenke uns Fleiss, der die Mittel der Gnade nicht verachtet, sondern eifrig gebraucht, weil du sie verordnet hast. Und schenke uns jenen ĂŒberreichen Trost, der nicht in der StĂ€rke unseres Glaubens ruht, sondern in der Treue deines Ratschlusses. Wenn unser Glaube wankt und unser Herz uns verklagt, dann lass uns fliehen in die Festung deiner ewigen Liebe, die Ă€lter ist als unsere SĂŒnde und fester als unser Wanken. Und zuletzt, wenn die volle Zahl der ErwĂ€hlten gesammelt und der letzte deiner RatschlĂŒsse zur Vollendung gelangt ist – dann lass uns vor deinem Thron stehen und dich preisen, nicht weil wir die Tiefen deiner Weisheit ergrĂŒndet hĂ€tten, sondern weil wir in ihnen geborgen waren. An jenem Tag wird das Stammeln der Zeit dem Gesang der Ewigkeit weichen, und was wir hier nur im Spiegel und in dunklem RĂ€tselwort erkannten, das werden wir schauen von Angesicht zu Angesicht. Beschleunige diesen Tag, Herr Jesus. Durch Jesus Christus, unseren Herrn, der, obwohl er in göttlicher Gestalt war, es nicht fĂŒr einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, sondern sich selbst entĂ€usserte und Knechtsgestalt annahm. Ihm, der fĂŒr uns zur SĂŒnde gemacht wurde, damit wir in ihm die Gerechtigkeit Gottes wĂŒrden – ihm sei Ehre und Anbetung von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
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