Andacht 23 von 171

Wir stehen an der Schwelle eines neuen Kapitels

Ch.4: Of Creation — Section 1 • 2026-05-27 • 37 min
Es hat Gott dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist gefallen, zur Offenbarung der Herrlichkeit seiner ewigen Macht, Weisheit und Güte, im Anfang die Welt und alle Dinge darin, sie seien sichtbar oder unsichtbar, aus nichts zu schaffen oder zu machen, in sechs Tagen; und alles war sehr gut.
– Westminster Bekenntnis, Kapitel 4, Abschnitt 1

Einleitung

Wir stehen an der Schwelle eines neuen Kapitels. Drei Kapitel lang haben die Westminster-Väter das Gelände der grundlegenden Lehren durchmessen: die Heilige Schrift als Gottes eigenes Wort, die Einheit Gottes und das Geheimnis der Dreieinigkeit, und zuletzt, in Kapitel drei, den ewigen Ratschluss Gottes – jene unergründliche Tiefe, in der Erwählung und Vorherbestimmung beschlossen liegen, bevor noch ein Stern erstrahlte oder ein Menschenherz schlug. Nun treten wir aus der stillen Kammer des göttlichen Ratschlusses hinaus in die geschaffene Welt. Kapitel vier ist die Ausführung dessen, was Kapitel drei verordnet hat. Der Ratschluss war der Bauplan; die Schöpfung ist der erste Stein, den der himmlische Baumeister legt. Der Ratschluss war der Gedanke im Herzen Gottes von Ewigkeit her; die Schöpfung ist der Pinselstrich, mit dem dieser Gedanke in Zeit und Raum sichtbar wird. Der erste Abschnitt dieses Kapitels tut, was reformierte Theologie stets zu tun bemüht ist: Er redet nicht ins Blaue hinein, sondern verdichtet die Lehre der ganzen Heiligen Schrift in einen einzigen Satz von grosser Dichte. Jedes Wort darin ist auf der Waage des biblischen Zeugnisses gewogen. Jeder Nebensatz antwortet auf einen Irrtum, der zu seiner Zeit – und auch zu unserer – die Gemeinde zu verwirren drohte. Wer die Höhenluft der Prädestination in Kapitel drei noch im Atem spürte, dem mag die Schöpfungslehre wie eine sanftere Gangart erscheinen. Doch das wäre ein Irrtum. Die Frage nach dem Woher des Alls ist keine Vorfrage, die man irgendwann einmal erledigt und dann zu den eigentlichen Themen übergeht. Von ihr hängt ab, wer Gott ist und wer wir sind. Von ihr hängt ab, ob wir uns vor dem Schöpfer beugen oder ihn aus unserem Weltbild verdrängen. Die Schöpfungslehre ist nicht der Vorhof des Glaubens, sondern sein Fundament. Kein Wunder, dass der Apostel Paulus, als er den gebildeten Athenern auf dem Areopag predigte, nicht mit der Rechtfertigung begann und nicht mit der Auferstehung, sondern mit dem Satz: »Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist.« Wer hier falsch ansetzt, für den wird jeder weitere Schritt der Theologie schief.

Die biblischen Grundlagen

Das Bekenntnis zieht seine Sprache nicht aus philosophischen Lehrbüchern, sondern aus der Quelle der Heiligen Schrift. Ehe wir entfalten, was die Väter meinten, müssen wir selbst das biblische Zeugnis hören, Satz für Satz. Das erste und grundlegendste Zeugnis gibt uns der Psalter. Dort heisst es: »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk. Ein Tag sagt's dem andern, und eine Nacht tut's kund der andern. Es ist keine Sprache noch Rede, da man nicht ihre Stimme höre. Ihre Schnur geht aus über alle Lande und ihre Rede an der Welt Ende.« Hier spricht kein Philosoph, der aus dem Dasein der Welt auf einen ersten Beweger schliesst. Hier spricht ein Glaubender, der die Schöpfung als durchgehende, ununterbrochene Predigt hört. Die Himmel erzählen – das hebräische Wort für erzählen, mesapperim, meint kein stummes Vorhandensein, sondern ein lebendiges Aussprechen. Die Schöpfung redet. Sie tut es ohne Worte im menschlichen Sinn – »keine Sprache noch Rede« – und doch dringt ihre Stimme an jedes Ende der Welt. Der Psalmist hört, was die moderne Wissenschaft zu überhören gelernt hat: Dass die Sterne nicht bloss brennende Gaskugeln sind, sondern Herolde der Herrlichkeit ihres Schöpfers. Der Prophet Jesaja führt dieses Zeugnis weiter und tiefer. Er stellt den Schöpfer gegen die Götzen und fragt sein Volk: »Wem wollt ihr denn Gott nachbilden? Oder was für ein Bild wollt ihr von ihm machen?« Dann, als Antwort, hebt er den Blick himmelwärts: »Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies alles geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so gross, dass nicht eines von ihnen fehlt.« Das ist die Sprache souveräner Majestät. Gott hat die Sterne nicht nur erschaffen; er führt sie wie ein Feldherr sein Heer. Er ruft sie beim Namen – jeder einzelne der unzählbaren Himmelskörper ist ihm so vertraut wie einem Hirten seine Schafe. Und er sorgt dafür, dass keines fehlt. Die Astronomen entdecken, dass das Weltall durch Gesetze geordnet ist. Der Glaubende weiss, wer diese Gesetze gab und wer sie täglich aufrechterhält. Das Wort des Propheten zielt nicht auf wissenschaftliche Erklärung, sondern auf Anbetung. Wer Jesaja vierzig liest, soll nicht klüger werden, sondern kleiner. Die Schöpfung ist nicht nur Offenbarung der Macht, sondern auch der Güte Gottes. Als Paulus den Bewohnern von Lystra das Evangelium verkündigte, begann auch er bei der Schöpfung – nicht als nebensächlicher Einleitung, sondern als Angelpunkt: »Wir verkündigen euch das Evangelium, dass ihr euch bekehren sollt von diesen falschen Göttern zu dem lebendigen Gott, der Himmel und Erde und das Meer und alles, was darinnen ist, gemacht hat.« Dann fügt er hinzu, was kein Heide von seinem Gott je gesagt hätte: »Er hat sich selbst nicht unbezeugt gelassen, hat viel Gutes getan und euch vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gegeben und hat eure Herzen erfüllt mit Speise und Freude.« Gott der Schöpfer ist nicht ein ferner Uhrmacher, der sein Werk in Gang setzt und sich dann zurückzieht. Er ist der Geber des Regens, der fruchtbaren Zeiten, der Speise und der Freude. Jede Mahlzeit, die ein Mensch zu sich nimmt, jedes Fest, das er feiert, jede Erleichterung, die er nach getaner Arbeit empfindet, ist ein stiller Zeuge dafür, dass der Schöpfer gut ist. Die Regenzeit, die in Lystra die Ernte brachte, war nicht das Ergebnis natürlicher Klimamuster – sie war die Stimme des lebendigen Gottes, der auch jenen, die ihn nicht kannten, Gutes tat. Das tiefste aller Schöpfungszeugnisse aber lesen wir im letzten Buch der Bibel. In der himmlischen Anbetung fallen die vierundzwanzig Ältesten nieder und rufen: »Herr, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden sie geschaffen.« Dieser Vers ist das Herzstück der biblischen Schöpfungslehre. Dreierlei ist hier gesagt: Erstens, alle Dinge sind geschaffen. Kein Bereich des Seins liegt ausserhalb der Schöpfungstat Gottes. Zweitens, sie sind durch Gottes Willen. Nicht aus Zwang, nicht aus Notwendigkeit, nicht aus einem Überfluss an unpersönlicher Schöpferkraft, sondern aus freiem, persönlichem Entschluss. Drittens, das Ziel der Schöpfung ist die Ehre Gottes, nicht die Selbstverwirklichung des Geschöpfes. Der Ältestenrat des Himmels sieht in der geschaffenen Welt nichts anderes als einen Grund zur Anbetung. Er zieht keine wissenschaftlichen Schlüsse, er stellt keine philosophischen Theorien auf, er fragt nicht nach dem Mechanismus der Schöpfung – er betet an. Das Bekenntnis selbst gründet sich zudem auf den Schöpfungsbericht des ersten Mosebuches: »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.« Jedes Wort dieses Berichtes ist gefüllt mit Bedeutung. Dass Gott im Anfang schuf, lehrt, dass die Zeit selbst ein Geschöpf ist. Es gab kein »vorher« in zeitlichem Sinne, weil die Zeit mit der Schöpfung ihren Anfang nahm. Dass die Erde wüst und leer war – hebräisch tohu wa-bohu –, beschreibt keinen chaotischen Urstoff, den Gott vorgefunden und geordnet hätte, sondern den Zustand des Geschaffenen vor der weiteren Ausgestaltung. Der Geist Gottes, ruach Elohim, schwebte über den Wassern: schon hier, im zweiten Vers der Bibel, leuchtet das Geheimnis der Dreieinigkeit auf. Der Vater schafft durch das Wort – und der Geist brütet über dem, was noch Gestalt sucht. Und dann das Entscheidende: Gott sprach. Das hebräische Wort amar zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Kapitel. Gott schafft nicht durch Arbeit, nicht durch Anstrengung, nicht durch die Bearbeitung vorhandenen Materials. Er spricht, und was er spricht, wird. Sein Wort trägt die Wirklichkeit in sich selbst. Darin liegt etwas zutiefst Tröstliches für den Glauben: Derselbe Gott, der durch ein blosser Wort das Licht aus der Finsternis hervorrief, spricht heute noch durch sein geschriebenes Wort zu seinem Volk. Sein Reden in der Schrift ist von derselben göttlichen Schöpferkraft getragen wie sein Reden am ersten Schöpfungstag. Der Apostel Johannes nimmt diesen Faden auf und verknüpft ihn mit dem ewigen Wort, das im Anfang bei Gott war und selbst Gott war: »Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.« Das griechische Wort logos, das Johannes gebraucht, ist bewusst gewählt. Es spricht in die philosophische Welt des ersten Jahrhunderts hinein, in der die Stoa vom logos als dem ordnenden Weltprinzip redete, und erklärt: Euer ahndendes Denken hat etwas Wahres berührt, aber euren Begriffen fehlt der Name. Der Logos ist keine unpersönliche Kraft. Er ist eine Person. Er ist der Sohn Gottes, durch den der Vater die Welten schuf und der in der Fülle der Zeit Fleisch wurde.

Was die Westminster-Väter meinten

Im Juli 1643 traten in der Westminster Abbey hundertzwanzig der gelehrtesten Theologen des englischen Sprachraums zusammen. Der Auftrag des Parlaments war, die Lehre der Kirche von England nach Gottes Wort zu reformieren. Was sie in den folgenden Jahren erarbeiteten, sollte zur massgebenden Bekenntnisschrift des reformierten Protestantismus werden – und der erste Satz von Kapitel vier ist ein Musterstück bekenntnishafter Präzision. Die Väter hatten einen dreifachen Gegner im Blick, auch wenn sie keinen beim Namen nannten. Der erste war der antike Irrtum, den wir als gnostischen Dualismus bezeichnen. Schon im zweiten Jahrhundert hatten die Gnostiker gelehrt, die materielle Welt sei nicht das Werk des höchsten Gottes, sondern eines geringeren, unwissenden oder gar bösartigen Schöpfergottes. Die sichtbare Schöpfung sei ein Kerker, die Seele müsse aus ihr befreit werden. Dieser Irrtum war nie ganz ausgestorben. In immer neuer Gestalt schlich er sich in die Kirche ein: als Verachtung des Leibes, als Geringschätzung der Ehe, als Verdacht gegen alle leibliche Freude, als eine Frömmigkeit, die meinte, heilig sein heisse, sich möglichst weit von der Erde zu entfernen. Gegen diese Verachtung des Geschaffenen setzen die Väter zweierlei. Erstens: Der dreieinige Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist – hat die Welt geschaffen. Es gibt keinen minderen Schöpfer. Kein anderes Wesen steht zwischen dem höchsten Gott und der Materie. Zweitens: Alles, was Gott geschaffen hat, das Sichtbare wie das Unsichtbare, war sehr gut. Der Leib ist nicht der Kerker der Seele. Die Ehe ist nicht ein Zugeständnis an die Schwachheit des Fleisches. Das Brot auf dem Tisch, der Wein im Kelch, der Berg vor dem Fenster, der See im Tal – all das ist gut, von Gott geschaffen und von ihm geliebt. Unsere Schweizer Väter wussten das. Zwingli, der Sohn eines Bergbauern aus dem Toggenburg, hatte die Herrlichkeit der Schöpfung täglich vor Augen. Er sass nicht weltflüchtig in der Studierstube, sondern pries den Schöpfer, dessen Grösse ihm in den Alpen ebenso entgegentrat wie in der Heiligen Schrift. Der zweite Gegner war die antike Philosophie, die lehrte, die Materie sei ewig. Platons Demiurg hatte die Welt nicht erschaffen, sondern eine vorgefundene chaotische Masse geordnet. Aristoteles lehrte sogar, die Welt selbst sei ohne Anfang. Diese Gedanken waren dem biblischen Glauben fremd, aber sie waren in die christliche Theologie eingesickert. Dagegen setzten die Väter die entscheidenden Worte: »aus nichts zu schaffen oder zu machen«. Das ist der lateinische Lehrbegriff der creatio ex nihilo, und indem die Väter das Wort »schaffen« durch »aus nichts« erläutern, schliessen sie jedes Missverständnis aus. Gott hat keinen Urstoff vorgefunden. Er hat den Stoff selbst hervorgebracht. Vor der Schöpfung gab es nichts Geschaffenes – nur Gott. Dieser Satz ist eine Grenzziehung, die heute so nötig ist wie vor vierhundert Jahren. Eine Wissenschaft, die ohne den Schöpfer auskommt, muss die Frage nach dem Woher entweder mit einem ewigen Universum beantworten oder mit einem Urknall, aus dem ohne Ursache und ohne Sinn Raum, Zeit und Materie entsprungen seien. Beide Antworten sind philosophische Setzungen, keine zwingenden Schlüsse. Die Westminsterväter – und mit ihnen die ganze reformierte Tradition – bekennen dagegen, was die Schrift lehrt: Dass der dreieinige Gott in einem freien, gnädigen, schöpferischen Akt die Welt aus dem Nichts ins Dasein rief. Der dritte Gegner war subtiler. Es waren jene, die den Schöpfungsbericht der Schrift zwar grundsätzlich anerkannten, aber seine geschichtliche Wirklichkeit auflösten. Schon in der frühen Kirche hatte es Theologen gegeben, die die sechs Tage als bildhafte Einkleidung einer zeitlosen Wahrheit verstanden. Im England des siebzehnten Jahrhunderts regten sich ähnliche Tendenzen. Die Väter aber bestanden auf dem Wortlaut: »in sechs Tagen«. Das hebräische Wort yom kann im Alten Testament verschiedene Zeiträume bezeichnen, aber wo es mit einer Zahl verbunden ist – erster Tag, zweiter Tag, sechster Tag –, meint es ausnahmslos einen gewöhnlichen Kalendertag. Dasselbe lehrte Calvin. Er bemerkte, Gott habe die Schöpfung nicht in einem Augenblick vollendet, obwohl er es gekonnt hätte, sondern sie über sechs Tage verteilt, damit der Mensch sie wie eine entfaltete Schriftrolle betrachten und bei jedem Werk verweilen könne. Nicht Gottes Unvermögen teilt die Schöpfung in Tage, sondern seine Herablassung. Er will, dass wir langsam lesen, was er geschaffen hat, und bei jedem Werk in Bewunderung stillstehen. Das Ziel all dessen – und das ist der theologische Mittelpunkt des ganzen Abschnittes – ist »die Offenbarung der Herrlichkeit seiner ewigen Macht, Weisheit und Güte«. Die Schöpfung existiert nicht um ihrer selbst willen. Sie existiert, um Gott zu zeigen. Sie ist, wie die Theologen sagen, doxologisch: auf Lobpreis ausgerichtet. Dass die Väter gerade drei Eigenschaften nennen – Macht, Weisheit, Güte –, ist kein Zufall. Die Macht Gottes offenbart sich in der unermesslichen Grösse des Weltalls, in der Gewalt der Gestirne, in den Kräften, die die Materie zusammenhalten. Die Weisheit Gottes offenbart sich in der Ordnung des Kosmos, im kunstvollen Bau jedes Lebewesens, in der feinen Abstimmung der Naturgesetze, ohne die kein Leben möglich wäre. Die Güte Gottes offenbart sich darin, dass die Welt nicht bloss funktioniert, sondern erfreut. Dass es Farben gibt und nicht nur Grau. Dass es Wohlgeruch gibt und nicht nur Geruchlosigkeit. Dass die Amsel singt, obwohl ihr Gesang zum Überleben nicht nötig wäre. Die Schöpfung ist nicht bloss effizient; sie ist schön. Und Schönheit ist der Überschuss, an dem man den Künstler erkennt.

Theologische Tiefe

Die Westminsterväter standen mit ihrer Schöpfungslehre in einem Strom, der von den Kirchenvätern über die Reformatoren bis zur altprotestantischen Orthodoxie reicht. Wir tun gut daran, einige der tiefsten Stimmen dieses Stromes zu hören. An erster Stelle ist Francis Turretin zu nennen, der Genfer Theologe, dessen Institutio Theologiae Elencticae über Generationen zum Rüstzeug reformierter Pfarrer gehörte. Turretin widmet der Schöpfungslehre breiten Raum, und er tut es mit jener Mischung aus logischer Schärfe und biblischer Treue, die ihn auszeichnet. Der antike philosophische Grundsatz »aus nichts wird nichts« – ex nihilo nihil fit – galt in der Philosophie als unumstösslich. Turretin erwidert: Dieser Satz gilt für geschaffene Ursachen. Ein Töpfer kann keinen Krug aus nichts formen; er braucht Ton. Ein Baumeister kann kein Haus aus nichts errichten; er braucht Steine. Aber die Regel, die für das Geschöpf gilt, gilt nicht für den Schöpfer. Der Satz »aus nichts wird nichts« beschreibt die Grenze menschlichen Vermögens, nicht die Grenze göttlicher Allmacht. Wer Gott die Fähigkeit abspricht, aus nichts zu schaffen, spricht ihm damit die Gottheit ab. Denn genau dies unterscheidet den Schöpfer vom Geschöpf: dass er keines vorgegebenen Stoffes bedarf, sondern das Sein selbst aus dem Nichts hervorruft durch das blosse Wort seiner Macht. Turretin geht noch einen Schritt weiter. Die Schöpfung aus dem Nichts, so führt er aus, ist nicht bloss die einzig biblische, sondern auch die einzig konsequente Anschauung. Wäre die Materie ewig, dann gäbe es neben Gott ein zweites ewiges Prinzip. Dann wäre Gott nicht mehr der Allmächtige, der alles in allem wirkt. Dann wäre der Monotheismus preisgegeben, und der biblische Glaube wäre auf den Boden der heidnischen Philosophie zurückgefallen. Die Lehre von der Schöpfung aus nichts ist also keine Nebensächlichkeit. Sie ist die logische Folge des ersten Gebotes. Calvin behandelt die Schöpfung im ersten Buch seiner Institutio, und es ist kennzeichnend für ihn, dass er sie nicht als isoliertes Lehrstück abhandelt, sondern in den Dienst der Gotteserkenntnis stellt. Die Schöpfung, so Calvin, ist das »Theater der Herrlichkeit Gottes«. Er wählt dieses Bild mit Bedacht. Ein Theater hat eine Bühne, Darsteller und Zuschauer. Die Bühne ist die geschaffene Welt; die Darsteller sind alle Geschöpfe, vom Seraph bis zum Sandkorn; die Zuschauer sind die Menschen, denen Gott Augen gab, um zu sehen, und Verstand, um zu verstehen. Das Drama, das auf dieser Bühne aufgeführt wird, heisst: die Herrlichkeit Gottes. Jeder Sonnenaufgang, jede Geburt, jedes Gewitter, jede Blüte ist ein Akt in diesem Drama. Calvin beklagt, dass die gefallene Menschheit in diesem Theater sitzt wie ein Blinder in einer Gemäldegalerie. Die Herrlichkeit ist da, ringsum, in verschwenderischer Fülle, aber das Auge des Menschen ist verdunkelt. Er sieht die Berge und denkt an Geologie. Er sieht den Sternenhimmel und denkt an Astronomie. Er sieht das Wunder des menschlichen Leibes und denkt an Medizin. Das ist nicht falsch – auch Geologie, Astronomie und Medizin sind gute Gaben Gottes –, aber es bleibt an der Oberfläche. Der Mensch, so Calvin, müsse lernen, die geschaffenen Dinge als Spiegel zu gebrauchen, in denen er das Angesicht des Schöpfers erblickt. Nicht die Dinge selbst sind das Ziel, sondern der, auf den sie hinweisen. Ein dritter Zeuge ist der niederländische Theologe Herman Bavinck. In seiner Reformierten Dogmatik widmet er der Güte der Schöpfung einen Abschnitt, der wie ein frischer Wind durch die manchmal allzu kopflastige Dogmatik weht. Bavinck sieht, dass die Leugnung der Schöpfungsgüte nicht eine harmlose theologische Abweichung ist, sondern das ganze Gebäude der christlichen Lehre zum Einsturz bringt. Wäre die Materie böse, so argumentiert er, dann könnte Gott nicht Mensch werden. Denn der Heilige kann sich nicht mit dem von Natur aus Bösen vereinigen. Wäre der Leib ein Kerker, dann wäre die Auferstehung des Fleisches sinnlos. Denn Gott würde ja nur wiederherstellen, was besser für immer vergangen bliebe. Wäre die sichtbare Welt eine niedrigere Stufe des Seins, dann gäbe es keinen Grund, auf einen neuen Himmel und eine neue Erde zu hoffen. Dann bestünde die Erlösung in der Auflösung der Schöpfung, nicht in ihrer Vollendung. Aber das biblische Zeugnis lehrt das Gegenteil. Der Apostel Paulus schreibt, dass die Schöpfung seufzt und auf die Offenbarung der Kinder Gottes wartet – nicht auf ihre Vernichtung, sondern auf ihre Befreiung. Die Erlösung zielt nicht auf die Abschaffung der Schöpfung, sondern auf ihre Erneuerung. Und der auferstandene Christus ass Fisch vor den Augen seiner Jünger, nicht weil er musste, sondern weil er zeigen wollte: Der neue Leib ist ein wirklicher Leib, und die neue Schöpfung ist eine wirkliche Schöpfung. Thomas Watson, der englische Puritaner, dessen Body of Divinity noch heute manchen Christen zur täglichen Andacht dient, zieht aus der Schöpfungslehre einen praktischen Schluss, der für unser Glaubensleben kaum zu überschätzen ist. Watson fragt: Wenn der dreieinige Gott Himmel und Erde schuf – der Vater durch den Sohn im Heiligen Geist –, wie können wir dann das Geschaffene gering achten? Wie können wir unseren Leib, den Gott selbst gebildet hat, durch Sünde entweihen? Wie können wir den Nächsten verachten, den Gott nach seinem Bilde schuf? Wie können wir die Welt um uns herum gedankenlos gebrauchen, als wäre sie unser Eigentum, wo sie doch Gottes Werkstatt ist? Für Watson ist die Schöpfungslehre kein abstraktes Dogma, sondern der Grund aller Pflicht. Dass du deinen Leib nicht der Unreinheit hingeben sollst, folgt nicht erst aus dem sechsten Gebot, sondern schon aus dem ersten Satz des Glaubensbekenntnisses: Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erden. Wer diesen Satz bejaht und dennoch mit seinem Leib Schande treibt, lebt in einem handfesten Widerspruch. Damit sind wir bei der Frage, die unser Schweizer Bekenntnis, das Zweite Helvetische Bekenntnis von 1566, in den Mittelpunkt stellt. Sein Verfasser, Heinrich Bullinger, war der Nachfolger Zwinglis am Zürcher Grossmünster und über vierzig Jahre der führende Theologe der reformierten Schweiz. In Kapitel sieben seines Bekenntnisses schreibt er: »Wir glauben, dass im Anfang Gott der Vater durch den ewigen Sohn und durch den Heiligen Geist alle Dinge aus nichts geschaffen hat, die sichtbaren und die unsichtbaren.« Bullinger fügt etwas hinzu, was die Westminster-Väter stillschweigend voraussetzen, aber nicht ausdrücklich sagen: »Und zwar hat er die Welt nicht geschaffen, als ob er ihrer bedurft hätte, sondern aus reiner Güte, damit er sich den Geschöpfen mitteilte.« Dieser Satz ist ein Juwel. Gott schuf die Welt nicht, weil ihm etwas fehlte. Kapitel zwei des Westminster-Bekenntnisses hatte schon festgehalten, dass Gott allein von sich aus alle Seligkeit, Herrlichkeit und Genüge besitzt. Er brauchte die Welt nicht. Er schuf sie, weil er geben wollte. Die Schöpfung ist nicht der Erwerb eines Habenden, sondern die Gabe eines Liebenden. Das ist der letzte Grund, warum es überhaupt etwas gibt und nicht nichts: Gott, der in sich selbst vollkommen selig ist, wollte seine Seligkeit mitteilen. Er schuf Wesen, die seine Herrlichkeit erkennen, seine Güte schmecken und seine Liebe erwidern können.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Lerne, dich als Geschöpf zu verstehen, nicht als Schöpfer. Der schärfste Gegensatz im ganzen Universum ist der zwischen Schöpfer und Geschöpf. Gott allein besitzt das Sein aus sich selbst. Alles andere – du, ich, die Engel, die Erde, die fernsten Galaxien – empfängt das Sein in jedem Augenblick aus der Hand dessen, von dem Paulus sagt: »In ihm leben, weben und sind wir.« Der tiefste Fehler der Sünde ist nicht dieser oder jener Verstoss gegen ein Gebot, sondern die Weigerung, Geschöpf zu sein. Adam griff nach der Frucht, weil er sein wollte wie Gott. Und in jeder Sünde, die du begehst, wiederholst du Adams Urvergehen: Du willst an Gottes Stelle treten. Du willst selbst bestimmen, was gut und böse ist. Du willst Herr sein, wo du Knecht bist. Die Schöpfungslehre ruft dich täglich in deine Schranken zurück. Sie erinnert dich daran, dass du dein Leben nicht selbst gemacht hast. Dass der nächste Atemzug nicht aus deiner Kraft kommt. Dass deine Fähigkeiten, deine Gesundheit, dein Verstand, deine Familie – alles Geschenk ist. Der Morgen, an dem du ohne diesen Gedanken aufstehst, ist ein Morgen, der im Zeichen der Ursünde steht. Der Morgen aber, an dem du die Augen aufschlägst und zuerst nicht an deine Termine denkst, sondern an den, der dir diesen Tag geschenkt hat, dieser Morgen beginnt im Geist der Anbetung. Das ist unendlich praktisch. Es bedeutet, dass du mit deinen Grenzen Frieden schliessen darfst. Du musst nicht allmächtig sein – Gott ist es. Du musst nicht allwissend sein – Gott ist es. Du darfst müde werden, du darfst an dein Ende kommen, du darfst zugeben, dass du etwas nicht kannst. Der Schöpfer schläft noch schlummert nicht. Du aber darfst schlafen, weil einer wacht. Zweitens: Sieh in der geschaffenen Welt die Fussstapfen Gottes. Calvin spricht vom »Spiegel der Gottheit«, den Gott uns in der Schöpfung vor Augen gestellt hat. Das Kind, das zum ersten Mal eine Schneeflocke auf der Hand zergehen sieht, hat diesen Spiegel noch unverstellt vor Augen. Der Erwachsene hat sich angewöhnt, hindurchzusehen. Aber die Herrlichkeit ist noch da. Es bedarf nur der Übung, sie wieder wahrzunehmen. Mache es dir zur Gewohnheit, bei den Dingen des Alltags nicht stehen zu bleiben, sondern nach ihrem Ursprung zu fragen. Wenn du durch die Altstadt Zürichs gehst und das Münster vor dir aufragt, denk daran: Der Stein, aus dem es gebaut ist, wurde vor Jahrtausenden in Gottes unsichtbarer Werkstatt geformt. Wenn du an einem klaren Oktoberabend über den Zürichsee blickst und die Berge sich im Wasser spiegeln, halte einen Augenblick inne und höre, was die Himmel erzählen. Wenn du das Lachen eines Kindes hörst, erkenne darin den Widerhall der Freude, mit der Gott am sechsten Tag sein vollendetes Werk betrachtete. Es geht nicht um Naturmystik. Es geht darum, dass der Glaube die ganze Wirklichkeit durchdringt. Nichts, was du siehst, ist ohne den Schöpfer. Kein Grashalm, kein Wassertropfen, kein Lichtstrahl wäre da, wenn Gott nicht gesprochen hätte: Es werde. Wer das verinnerlicht, für den wird jeder Spaziergang zur Andacht, jede Mahlzeit zum Abendmahl im weiteren Sinne, jeder Morgen zur Auferstehung aus dem Schlaf, die an jene erste Auferstehung erinnert, als Gott aus der Finsternis das Licht hervorrief. Drittens: Ehre den Leib als das Werk des Schöpfers. Die leibfeindliche Strömung, gegen die schon die Westminsterväter anschrieben, ist nicht verschwunden. Sie tritt heute nicht mehr im Gewand der Gnosis auf, sondern in Gestalt einer Kultur, die den Körper einerseits vergöttert und andererseits verachtet. Vergöttert: indem sie Jugend, Schönheit und Leistungsfähigkeit des Leibes zu den höchsten Gütern erhebt, für die man jedes Opfer bringt. Verachtet: indem sie den Leib zum käuflichen Objekt macht, zum Experimentierfeld beliebiger Eingriffe, zur Ware. Beides ist dem biblischen Denken fremd. Der Leib ist weder Gott noch Werkzeug. Er ist Gottes Geschöpf, ursprünglich sehr gut, jetzt von der Sünde gezeichnet, aber bestimmt zur Auferstehung. Was du mit deinem Leib tust, tust du mit einem Werk Gottes. Wenn du ihn mit übermässigem Alkohol, mit Völlerei, mit Trägheit misshandelst, misshandelst du nicht dein Privateigentum, sondern die Leihgabe des Schöpfers. Wenn du ihn reinigst, pflegst, in Massen gebrauchst und zu seinem vorgesehenen Zweck einsetzt, ehrst du den, der ihn gemacht hat. Das gilt auch für die Leiden des Leibes. Alter, Krankheit und Schwäche sind nicht Zeichen dafür, dass der Leib an sich schlecht wäre. Sie sind die Folgen des Sündenfalls, und der Glaubende trägt sie in der Hoffnung, dass der Schöpfer auch hier ein Neuschöpfer sein wird. Wer im Rollstuhl sitzt, ist nicht weniger Gottes Geschöpf als der Marathonläufer. Wer unter chronischen Schmerzen leidet, ist nicht weniger Träger des Ebenbildes Gottes als der Gesunde. Die Schöpfungslehre gibt Würde, die weder Jugend noch Stärke voraussetzt. Sie gründet die Würde des Menschen in dem, was Gott getan hat, nicht in dem, was der Mensch leisten kann. Viertens: Lebe im Rhythmus, den der Schöpfer selbst eingesetzt hat. Gott schuf die Welt in sechs Tagen und ruhte am siebten. Dieser Rhythmus ist älter als das Gesetz vom Sinai. Er ist in die Schöpfung selbst eingewoben. Wer ihn missachtet, missachtet nicht bloss ein mosaisches Gebot, sondern die Ordnung, die dem Menschsein von Anfang an eingestiftet ist. Die moderne westliche Gesellschaft hat diesen Rhythmus weitgehend aufgelöst. Der Sonntag ist zum zweiten Samstag geworden, ein Tag wie jeder andere, höchstens mit etwas mehr Freizeit, aber nicht mit etwas mehr Heiligkeit. Die Folgen sind mit Händen zu greifen: ein ausgebranntes Geschlecht, das nie zur Ruhe kommt, das auch in der Freizeit noch produktiv sein muss, das auch im Urlaub noch erreichbar bleibt. Gott aber hat den siebten Tag gesegnet und geheiligt. Er hat ihn zu einem Tag gemacht, an dem die Arbeit ruht, damit der Mensch aufatmet. An dem das blosse Funktionieren aufhört, damit das blosse Sein wieder zu seinem Recht kommt. Der Sonntag ist kein Zwang, sondern ein Geschenk. Er erinnert dich Woche für Woche daran, dass du mehr bist als deine Arbeit. Dass dein Wert nicht in deiner Produktivität liegt, sondern in deiner Geschöpflichkeit. Dass die Welt auch ohne dich weiterläuft, weil ein anderer sie regiert. Halte den Sonntag. Nicht als Werkgerechtigkeit, sondern als Einübung ins Vertrauen. Lass das Telefon liegen. Lass die E-Mails ungelesen. Setz dich in den Gottesdienst, iss mit deiner Familie, geh an die frische Luft, lies ein Buch, schlaf eine Stunde länger. Und wenn die Unruhe in dir aufsteigt, die dir einflüstert, du müsstest doch noch dies oder jenes erledigen, dann antworte ihr: Der Schöpfer selbst hat geruht. Und der Knecht steht nicht über seinem Herrn. Fünftens: Vertraue dem Schöpfer, dass er auch in deinem Leben aus nichts etwas schaffen kann. Dieser Punkt ist unter Christen oft vergessen, aber er ist von grossem pastoralem Wert. Wenn Gott die ganze Welt aus nichts schuf, als es noch gar nichts gab ausser ihm – wie sollte ihm dann etwas zu schwer sein in deinem Leben? Wenn sein blosses Wort genügte, um Licht aus der Urfinsternis zu rufen – wie sollte sein Wort dann nicht genügen, Licht in deine gegenwärtige Finsternis zu sprechen? Du betest für die Bekehrung eines geliebten Menschen, aber es regt sich nichts. Die Jahre vergehen, und das Herz bleibt hart. Du denkst: Vielleicht ist es hoffnungslos. Vielleicht ist da nichts, woran Gott anknüpfen könnte. Aber genau das ist der Punkt: Gott braucht keinen Anknüpfungspunkt. Er hat die Welt aus nichts geschaffen. Er kann Glauben aus Unglauben schaffen. Er kann Reue aus Verstockung schaffen. Er kann Leben aus Tod schaffen. Die Schöpfung aus nichts ist der Beweis, dass Gott nicht auf Vorhandenes angewiesen ist. Das gilt auch für deine eigene Heiligung. Du kämpfst mit einer Sünde, von der du nicht loskommst. Du hast gebetet, gerungen, geweint – und fällst doch wieder. Sollst du aufgeben? Nein, sondern du sollst auf den schauen, der aus nichts etwas schafft. Er kann in dir eine Reinheit schaffen, die jetzt noch nicht einmal in Ansätzen sichtbar ist. Er kann einen Gehorsam in dir wirken, der jetzt noch jenseits aller deiner Möglichkeiten liegt. Rufe zu dem Gott, der die Welten aus dem Nichts rief: »Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist.« Das Gebet um Neuschöpfung ist kein frommer Wunsch. Es gründet in dem, was Gott schon einmal getan hat. Wer an die Schöpfung glaubt, darf auch an die Neuschöpfung glauben. Wer bekennt, dass Gott Himmel und Erde aus nichts gemacht hat, der darf auch darauf vertrauen, dass Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde machen wird, in denen Gerechtigkeit wohnt. Sechstens: Gib der Schöpfung ihren Platz in deiner Anbetung. In vielen reformierten Gemeinden ist die Anbetung stark auf die Erlösung ausgerichtet. Wir preisen Gott für die Rechtfertigung, für die Vergebung, für das Kreuz. Das ist recht und gut. Aber es ist nicht genug. Die Erlösung ist die Wiederherstellung der Schöpfung, und wer nur für die Wiederherstellung dankt, ohne den zu preisen, der das Ursprüngliche schuf, verkürzt die Anbetung um ihre erste Hälfte. Die Psalmen lehren uns eine umfassendere Anbetung. Sie preisen Gott für die Berge, die Täler, die Flüsse, die Tiere, den Regen, die Sonne, den Mond. Sie preisen ihn für die Werke seiner Hände, noch bevor sie von seinen Heilstaten singen. Die himmlische Anbetung in der Offenbarung beginnt mit dem Ruf: »Du bist würdig, denn du hast alle Dinge geschaffen.« Mache die Schöpfung zu einem festen Bestandteil deines Gebetslebens. Wenn du morgens betest, danke nicht nur für die Bewahrung in der Nacht, sondern auch für den Sonnenaufgang, den du gleich sehen wirst. Wenn du zu Tisch betest, danke nicht nur für die Speise, sondern für die Erde, die sie hervorbrachte, den Regen, der sie tränkte, die Sonne, die sie reifen liess. Wenn du abends betest, blicke auf den Tag zurück und suche die Spuren des Schöpfers: ein Gespräch, das dir geschenkt wurde, eine Arbeit, die gelang, eine Schönheit, die dich unverhofft traf. Eine solche Anbetung weitet das Herz. Sie entreisst dich der Engführung, in der deine Gebete nur um deine eigenen Nöte kreisen. Sie lehrt dich schauen, staunen, danken, loben. Und sie erfüllt den ersten Zweck deines Daseins: den Schöpfer zu ehren, der dich aus nichts ins Leben rief und dessen Güte jeden Morgen neu über dir aufgeht.

Gebet

Herr, unser Schöpfer und Gott Du hast den Himmel ausgespannt wie ein Zelt und die Erde gegründet auf ihr Fundament. Du hast das Licht aus der Finsternis hervorgerufen und das Meer in seine Grenzen gewiesen. Du hast die Sterne gezählt und jedem seinen Namen gegeben. Du hast den Menschen aus Staub geformt und ihm deinen Lebensodem in die Nase geblasen. Und alles, was du schufst, war sehr gut. Wir bekennen dir, dass wir das vergessen. Wir laufen durch deine Welt, als gehöre sie uns. Wir gebrauchen deine Gaben, als hätten wir sie selbst hervorgebracht. Wir behandeln unseren Leib, als wäre er unser Eigentum und nicht dein Tempel. Wir arbeiten sechs Tage und ruhen nicht am siebten, als stünde die Welt still, wenn wir die Hände sinken liessen. Vergib uns, Herr, unseren Undank und unsere Selbstherrlichkeit. Lehre uns wieder, was es heisst, Geschöpf zu sein. Lehre uns die Demut derer, die wissen, dass sie aus Staub sind und zum Staub zurückkehren. Lehre uns die Dankbarkeit derer, die jeden Atemzug als Leihgabe aus deiner Hand empfangen. Lehre uns die Anbetung derer, die in jedem deiner Werke deine Herrlichkeit erblicken und sich an ihr freuen. Wir danken dir, dass du die Welt nicht sich selbst überlassen hast. Du hast sie gemacht – du erhältst sie. Du hast sie gebaut – du regierst sie. Die Mächte, die sie bedrohen, die Sünde, die sie entstellt, der Tod, der auf ihr lastet – sie sind nicht das letzte Wort. Du wirst einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, und deine Herrlichkeit wird sie erfüllen wie Wasser das Meer. Bis dahin bitten wir dich: Schaffe auch in uns, was noch nicht ist. Schaffe Glauben, wo Zweifel wohnt. Schaffe Liebe, wo Kälte herrscht. Schaffe Hoffnung, wo Verzweiflung nagt. Du, der du das Licht aus der Finsternis riefst, rufe auch in unseren Herzen das Licht deiner Gegenwart hervor. Du, der du dem Meer seine Grenze setztest, setze auch unseren Begierden eine Grenze. Du, der du am siebten Tag ruhtest, schenke auch uns die Ruhe, die wir uns selbst nicht geben können. Dir, dem Vater, der uns schuf, dir, dem Sohn, durch den wir geschaffen sind, dir, dem Geist, der uns lebendig macht – dir sei Ehre in Ewigkeit. Amen.
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