Andacht 24 von 171

Es gibt eine Stille, die den Menschen befällt, wenn er zum e

Ch.4: Of Creation — Section 2 • 2026-05-28 • 23 min
Nachdem Gott alle anderen Geschöpfe gemacht hatte, schuf er den Menschen, männlich und weiblich, mit vernünftigen und unsterblichen Seelen, begabt mit Erkenntnis, Gerechtigkeit und wahrer Heiligkeit, nach seinem eigenen Bild; indem er das Gesetz Gottes in ihre Herzen geschrieben hatte und die Kraft, es zu erfüllen: und doch unter der Möglichkeit zu übertreten, da sie der Freiheit ihres eigenen Willens überlassen blieben, welcher der Veränderung unterworfen war. Neben diesem in ihre Herzen geschriebenen Gesetz empfingen sie ein Gebot, nicht zu essen von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen; und solange sie dieses hielten, waren sie glücklich in ihrer Gemeinschaft mit Gott und hatten Herrschaft über die Geschöpfe.
– Westminster Bekenntnis, Kapitel 4, Abschnitt 2

Einleitung

Es gibt eine Stille, die den Menschen befällt, wenn er zum ersten Mal wirklich begreift, dass er nicht allein im All steht. Nicht die Stille der Einsamkeit, sondern die Stille der Anbetung. Nachdem wir im ersten Abschnitt von Kapitel vier die Erschaffung des Weltalls betrachtet haben – die Himmel, die Erde, die Meere, die zahllosen Geschöpfe, die das Land, das Wasser und die Lüfte bevölkern –, kommen wir nun zu dem, was der Höhepunkt der Schöpfungswoche war. Nicht das letzte Detail in einer langen Liste, sondern der Zweck, auf den alles Vorhergehende zulief. Der Mensch. Die Westminster-Väter widmen den zweiten und letzten Abschnitt von Kapitel vier der Erschaffung des Menschen. Ein einziger Satz, lang und sorgfältig gebaut, trägt die ganze biblische Lehre vom Menschen. Dieser Satz ist wie ein Spiegel, den Gott der gefallenen Menschheit vorhält: Schaue hinein und sieh, was du warst, bevor die Sünde kam. Sieh, wozu du gemacht bist. Sieh, was aus dir werden soll. Der Mensch ist das Ebenbild Gottes. Dieser Satz steht im Zentrum der biblischen Anthropologie. Er ist der Schlüssel zu unserer Identität, der Grund unserer Würde und die Verheissung unserer Bestimmung. Keine Philosophie, keine Ideologie, keine Weltanschauung hat je eine so hohe und zugleich so demütige Lehre vom Menschen hervorgebracht. Der Mensch ist nicht Gott – aber er ist nach Gottes Bild gemacht. Er ist nicht das Mass aller Dinge – aber er ist der Stellvertreter Gottes auf Erden. Er ist nicht unfehlbar – aber er ist mit Vernunft, Gewissen und der Fähigkeit zur Gemeinschaft mit Gott geschaffen. Um diese Lehre geht es in den folgenden Seiten.

Die biblischen Grundlagen

Das Bekenntnis lehrt nicht im luftleeren Raum der Spekulation, sondern gründet sich auf das klare Zeugnis der Heiligen Schrift. Die biblischen Grundlagen der Lehre vom Menschen als Ebenbild Gottes sind reich und tief. Der Schöpfungsbericht selbst enthält die grundlegende Aussage. Nachdem Gott fünf Tage lang das Weltall bereitet hat, spricht er anders als zuvor. Bisher hiess es: »Es werde« oder »Es bringe die Erde hervor«. Nun aber, als der Mensch geschaffen werden soll, redet Gott gleichsam in sich selbst hinein, in die Gemeinschaft der drei Personen: »Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib.« Dieser feierliche Übergang vom Befehl zum Ratschluss ist tief bedeutsam. Der Mensch ist nicht wie die anderen Geschöpfe durch ein blosses Wort aus der Erde hervorgebracht worden. Er ist Gegenstand einer göttlichen Beratung, eines persönlichen Entschlusses innerhalb der Dreieinigkeit. Das hebräische Wort für Bild, tselem, meint ein geschnitztes oder gegossenes Abbild, eine Statue, die einen König in abwesenden Provinzen repräsentiert. Und das Wort für Gleichnis, demuth, meint Ähnlichkeit, eine Entsprechung, ein Verhältnis der Ähnlichkeit zwischen dem Urbild und dem Abbild. Der Mensch ist also nicht irgendein Geschöpf unter anderen. Er ist der Repräsentant Gottes auf Erden, der Stellvertreter des unsichtbaren Königs in der sichtbaren Schöpfung. Der Apostel Paulus entfaltet diese Lehre an mehreren Stellen. Im Brief an die Epheser schreibt er, dass der neue Mensch geschaffen wird »nach Gott, in wahrhafter Gerechtigkeit und Heiligkeit«. Hier fällt ein entscheidendes Licht auf die ursprüngliche Schöpfung. Paulus spricht von der neuen Schöpfung in Christus, aber er beschreibt sie mit den Begriffen, die für die erste Schöpfung galten: Gerechtigkeit und Heiligkeit. Die »wahrhafte Gerechtigkeit« – dikaiosyne tes aletheias – und die »Heiligkeit« – hosiotes – sind nach Paulus das, was das Ebenbild Gottes im Menschen ausmacht. Der Mensch war nicht bloss ein neutrales Wesen, das später mit moralischen Eigenschaften ausgestattet wurde. Seine Gerechtigkeit und Heiligkeit gehörten zu seiner ursprünglichen Ausstattung, zur Integrität seines geschaffenen Seins. Im Kolosserbrief fügt Paulus eine weitere Dimension hinzu. Dort spricht er von dem neuen Menschen, »der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Bilde des, der ihn geschaffen hat«. Die Erkenntnis – epignosis im Griechischen – ist ein wesentliches Element des göttlichen Bildes. Adam besass vor dem Fall eine wahre und lebendige Erkenntnis Gottes. Diese Erkenntnis war nicht bloss theoretisch, nicht angelernt, nicht aus Büchern gewonnen. Sie war seinem Wesen eingeprägt wie das Licht dem Auge. Er kannte Gott, weil er für Gott geschaffen war, und sein ungetrübter Verstand empfing die Erkenntnis seines Schöpfers so natürlich, wie das Auge das Licht empfängt. Das Bekenntnis spricht auch von dem Gesetz, das Gott in die Herzen der ersten Menschen geschrieben hat. Auch dafür gibt Paulus die biblische Grundlage. Im Römerbrief erklärt er, dass die Heiden, die das geschriebene Gesetz des Mose nicht besitzen, dennoch »das Werk des Gesetzes in ihre Herzen geschrieben« haben, wobei ihr Gewissen mitzeugt und ihre Gedanken sich untereinander verklagen oder entschuldigen. Dieses in das Herz geschriebene Gesetz ist der moralische Massstab, den der Schöpfer in die menschliche Natur eingewoben hat. Adam besass ihn in vollkommener Form. Er wusste nicht nur, was recht war – er liebte das Rechte. Sein Wille war mit dem Willen Gottes in vollkommenem Einklang. Die Probe auf diesen Gehorsam war das Gebot, das Gott dem Menschen gab: »Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du sollst essen von allen Bäumen im Garten; aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon isst, wirst du des Todes sterben.« Dieses Gebot war nicht willkürlich. Es war der Prüfstein des Gehorsams, der Augenblick der Bewährung, in dem Adams frei gewählte Treue zu Gott bestätigt oder gebrochen werden würde. Der Baum stand im Garten wie ein sichtbares Zeichen der Souveränität Gottes, eine ständige Erinnerung daran, dass der Mensch, obwohl Herr über die Geschöpfe, selbst ein Geschöpf unter dem Herrn aller war. Von ihm zu essen, bedeutete nicht nur, eine Regel zu brechen; es bedeutete, die Abhängigkeit vom Schöpfer zu verweigern, nach einer Erkenntnis zu greifen, die Gott vorbehalten war.

Was die Westminster-Väter meinten

Die Westminster-Väter verfassten diesen Abschnitt zu einer Zeit, als das Verständnis des Menschen von vielen Seiten her in Frage gestellt wurde. Ihre präzise Sprache ist nicht die Pedanterie von Männern, die Freude am Feinschliff theologischer Formeln hatten. Es ist die Wachsamkeit von Hirten, die wussten, dass ein Irrtum über den Menschen unweigerlich zu Irrtümern über Gott und das Heil führt. Die Väter beginnen mit der Feststellung, dass der Mensch vernünftige und unsterbliche Seelen besitzt. Damit stellen sie sich gegen jede materialistische Auffassung des Menschen, ob antik oder modern. Der Mensch ist nicht nur Materie. Er ist nicht bloss ein hochentwickeltes Tier. Er besitzt eine Seele, die geistig, vernünftig und unsterblich ist. Diese Seele ist nicht das Produkt von chemischen Prozessen oder biologischer Evolution. Sie ist eine unmittelbare Schöpfung Gottes, mit der Fähigkeit, Gott zu erkennen, ihn zu lieben und mit ihm Gemeinschaft zu haben. Und sie ist unsterblich: Der Tod des Leibes ist nicht das Ende des Menschen. Die Seele lebt weiter, und sie wird am letzten Tag mit dem auferweckten Leib wieder vereint. In der Aufzählung der Güter, mit denen der Mensch ausgestattet war – Erkenntnis, Gerechtigkeit, wahre Heiligkeit –, steckt eine durchdachte Anthropologie. Diese drei Begriffe entsprechen den drei Vermögen der Seele: dem Verstand, dem Willen und den Gefühlen, oder wie die alte Theologie sagte: dem erkennenden, dem begehrenden und dem empfindenden Vermögen. Der Verstand des Menschen war mit der Erkenntnis Gottes erfüllt; der Wille war zur Gerechtigkeit geneigt; die Gefühle waren auf wahre Heiligkeit gerichtet. Es gab keinen Zwiespalt im Menschen, keinen Bürgerkrieg zwischen Vernunft und Leidenschaft, keine Rebellion des niederen gegen das höhere Begehren. Der ganze Mensch war geordnet, ganz, in sich selbst ruhend, weil er in Gott ruhte. Die Wendung »das Gesetz Gottes in ihre Herzen geschrieben« ist ein besonders wichtiger Zug. Die Väter greifen hier die Verheissung des neuen Bundes aus Jeremia 31 auf und wenden sie auf die Schöpfung an. Was Gott den Erlösten im neuen Bund verheisst – »Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und es in ihren Sinn schreiben« –, das hatte er dem Menschen bei der Schöpfung bereits gegeben. Das Gesetz, das Adam ins Herz geschrieben war, ist kein anderes als das Gesetz, das den Glaubenden im neuen Bund wieder ins Herz geschrieben wird. Der moralische Massstab, nach dem wir gerichtet werden und nach dem wir leben sollen, ist nicht willkürlich. Er entspricht der ursprünglichen Verfassung unserer Natur. Die Väter betonen ausdrücklich, dass der Mensch die Kraft hatte, das Gesetz zu erfüllen. Dies ist ein entscheidender Punkt der reformierten Bundeslehre. Adam war nicht neutral geschaffen, nicht mit einer blossen Fähigkeit, das Gute zu tun, wenn er sich dazu entschloss. Er war positiv zum Guten geneigt, ausgerüstet mit jeder geistlichen Fähigkeit, die notwendig war, um Gott vollkommen zu lieben und zu dienen. Sein Wille war frei – frei von äusserem Zwang, frei von innerer Knechtschaft – und er war dem Guten zugewandt. Die Kraft, das Gesetz zu erfüllen, war wirklich und ausreichend. Adam hatte keine Ausrede für seinen Fall. Er sündigte nicht, weil ihm die Kraft fehlte, sondern weil er den Ungehorsam frei wählte. Doch die Väter setzen eine entscheidende Einschränkung hinzu: »und doch unter der Möglichkeit zu übertreten, da sie der Freiheit ihres eigenen Willens überlassen blieben, welcher der Veränderung unterworfen war.« Hier liegt das Geheimnis des Sündenfalls. Adam war gut geschaffen, vollkommen gut, mit jeder Neigung zur Gerechtigkeit. Und doch war er nicht im Guten bestätigt. Sein Wille war veränderlich, fähig, sich von Gott abzuwenden. Die Möglichkeit der Übertretung war kein Mangel in Adams Natur, sondern eine Bedingung seiner Geschöpflichkeit. Nur Gott ist unwandelbar gut. Das Geschöpf, wie vollkommen auch immer, bleibt abhängig und der Veränderung unterworfen. Der Fall Adams war nicht notwendig, aber er war möglich, weil die geschaffene Freiheit des Menschen die Möglichkeit der falschen Wahl in sich schloss.

Theologische Tiefe

Johannes Calvin, der Reformator Genfs, hat der Lehre vom Ebenbild Gottes in seiner Institutio einen eigenen Abschnitt gewidmet. Calvins Unterscheidung zwischen den natürlichen Gaben des Menschen, die durch den Fall nur beeinträchtigt wurden, und den übernatürlichen Gaben, die ganz verloren gingen, ist für die reformierte Theologie prägend geworden. Das Ebenbild Gottes, so Calvin, sei »das ganze, ursprüngliche Gutsein des Menschen, die Lauterkeit des Herzens, die Geradheit aller Teile, kurz die völlige Übereinstimmung der ganzen menschlichen Natur mit dem Willen Gottes«. Calvin betont, dass das Ebenbild durch den Fall nicht völlig zerstört wurde. Reste sind geblieben – das Unterscheidungsvermögen zwischen Gut und Böse, der Sinn für das Göttliche, die Fähigkeit zur Sprache und Vernunft. Aber die ursprüngliche Gerechtigkeit, die wahre Heiligkeit, die heilbringende Erkenntnis Gottes sind verloren und können nur durch die Vereinigung mit Christus wiederhergestellt werden, der das vollkommene Ebenbild des unsichtbaren Gottes ist. Heinrich Bullinger, Zwinglis Nachfolger in Zürich, hat in seinen Dekaden die Lehre vom Menschen ebenfalls eindringlich dargestellt. Bullinger betont, dass der Mensch nicht nur ein Abbild, sondern ein lebendiges Abbild Gottes sei. »Der Mensch ist nicht wie eine gemalte Figur, die nur die äussere Gestalt zeigt, sondern er ist ein lebendiges Ebenbild, das in Gedanken, Worten und Werken Gott ähnlich sein soll«, schreibt Bullinger. Diese Betonung der Lebendigkeit des Bildes ist charakteristisch für die reformierte Tradition: Das Ebenbild Gottes ist nicht eine ruhende Eigenschaft, sondern eine Berufung. Der Mensch ist nicht nur als Bild geschaffen; er soll auch das Bild sein, in der ganzen Dynamik seines Lebens. Pierre Viret, der Reformator der Waadt, hat den Zusammenhang zwischen der Gottesebenbildlichkeit und der sozialen Verantwortung des Menschen besonders herausgearbeitet. In seinen Schriften betont er, dass das Ebenbild Gottes die Grundlage aller menschlichen Würde und aller menschlichen Rechte ist. Viret, der selbst unter ständiger Verfolgung zu leiden hatte, zog aus dieser Lehre praktische Konsequenzen: Wer das Ebenbild Gottes in einem anderen Menschen verachtet oder misshandelt, der verachtet Gott selbst. Diese Einsicht ist von erstaunlicher Aktualität in einer Zeit, die den Menschen sowohl vergöttert als auch entwürdigt. Francis Turretin, der Genfer Theologe des 17. Jahrhunderts, hat sich in seinen Institutio theologiae elencticae eingehend mit der Frage auseinandergesetzt, ob das Ebenbild Gottes eine natürliche oder eine übernatürliche Gabe sei. Gegen die Sozinianer, die das Ebenbild auf die Herrschaft des Menschen über die Tiere und auf seine Vernunftbegabung reduzieren wollten, bestand Turretin darauf, dass das Ebenbild die ursprüngliche Gerechtigkeit als eine übernatürliche Gabe einschliesst. Turretins Argumentation ist sorgfältig: Der Mensch wurde mit einer guten Natur geschaffen; die Gnade fügte eine Gerechtigkeit hinzu, die mehr war, als die Natur beanspruchen konnte. Und doch war diese Unterscheidung nicht so zu verstehen, dass die Gerechtigkeit ein äusserliches Anhängsel gewesen wäre, das der Mensch auch hätte entbehren können. Was Adam besass – Erkenntnis, Gerechtigkeit, wahre Heiligkeit – gehörte zu seiner ursprünglichen Integrität als Mensch. Der Mensch ohne diese Gaben ist nicht der Mensch, wie Gott ihn wollte. Der reformierte Dogmatiker Herman Bavinck hat im 20. Jahrhundert die Lehre vom Ebenbild Gottes in einer Weise entfaltet, die die ganze biblische und theologische Tradition zusammenfasst. Bavinck betont, dass das Ebenbild nicht eine statische Eigenschaft ist, sondern eine dynamische Bestimmung. Der Mensch ist als Bild geschaffen; er ist aber auch berufen, das Bild zu entfalten, in der Geschichte, in der Kultur, in der Gemeinschaft mit Gott und mit den Menschen. »Das Ebenbild Gottes«, schreibt Bavinck, »ist nicht eine Gabe, die der Mensch neben seiner Natur besitzt, sondern das Wesen seiner Natur selbst, seine Bestimmung, das Bild Gottes zu sein, seine Berufung, Gott in der Zeit und in der Ewigkeit zu widerspiegeln.« Die Reformatoren haben diese Lehre mit einer pastoralen Wärme vorgetragen, die in der späteren Dogmatik manchmal verloren ging. Der Mensch ist nicht bloss ein Lehrstück der Anthropologie, sondern ein Gegenstand der Liebe Gottes. Dass Gott den Menschen zu seinem Bild schuf, bedeutet, dass er ihn in eine Beziehung zu sich setzte, die von Liebe, Vertrauen und Gemeinschaft geprägt war. Adam und Eva waren nicht bloss gehorsame Untertanen eines fernen Herrschers. Sie waren Kinder im Haus ihres Vaters, Freunde im Garten ihres Gottes.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Erkenne die Würde jedes Menschen in der Gottesebenbildlichkeit. In einer Zeit, die den Menschen entweder vergöttert oder zum Tier erniedrigt, hält die reformierte Lehre einen dritten Weg offen. Du bist nicht Gott – und du sollst nicht angebetet werden. Du bist nicht das Mass aller Dinge – und doch bist du unendlich wertvoll, weil du das Bild des unendlichen Gottes trägst. Jeder Mensch, dem du begegnest – der Obdachlose an der Strassenecke, das ungeborene Kind im Mutterleib, die alte Frau im Pflegeheim, der politische Gegner, der Fremde, dessen Sprache du nicht verstehst –, jeder trägt das Ebenbild Gottes. Darum ist er oder sie unendlich kostbar. Wenn du einen anderen Menschen verspottest, verachtest oder verletzt, greifst du nicht bloss einen Menschen an, sondern das Bild des Königs. Und der König merkt es. Zweitens: Verstehe, dass das Ebenbild wiederhergestellt wird. Der Fall hat das Bild entstellt, aber nicht zerstört. Und in Christus wird es erneuert. Paulus sagt, dass wir »erneuert werden zur Erkenntnis nach dem Bilde des, der uns geschaffen hat«. Diese Erneuerung geschieht nicht ohne deine Mitwirkung. Ziehe den alten Menschen aus mit seinen Werken. Ziehe den neuen Menschen an, der erneuert wird in der Erkenntnis Gottes. Studiere die Schrift, um deinen Verstand zu erneuern. Übe die Tugenden, um deinen Willen zu bilden. Suche die Gemeinschaft der Gläubigen, um deine Gefühle auszurichten. Jeder Akt des Gehorsams, jeder Sieg über die Versuchung, jeder Augenblick wahrer Anbetung ist ein Pinselstrich des Heiligen Geistes, der das Bild Gottes in deiner Seele wiederherstellt. Drittens: Ehre deinen Leib als Schöpfung Gottes. Der Leib ist nicht ein Gefängnis, aus dem die Seele entkommen muss. Er ist nicht bloss eine Maschine, die die Seele bedient, bis sie verschleisst. Der Leib wurde von Gott gebildet, von seinen Händen geformt, für sehr gut erklärt, und er ist zur Auferstehung bestimmt. Der Apostel Paulus begründet die christliche Sexualethik aus der Theologie des Leibes: »Wisset ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt, welchen ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euer selbst seid?« Wenn dein Leib der Tempel des Heiligen Geistes ist, dann ist die Art, wie du mit deinem Leib umgehst – was du ihm zuführst, was du mit ihm tust, wie du ihn anderen zeigst – ein Akt der Anbetung oder der Entweihung. Behandle deinen Leib mit der Ehre, die einer Schöpfung Gottes gebührt, und vergiss nicht: Derselbe Gott, der Adam aus dem Staub bildete, wird deinen Leib am letzten Tag aus dem Staub auferwecken. Viertens: Lerne aus Adams Fall die Wachsamkeit, die jeder Christ braucht. Adam war vollkommen geschaffen – mit Erkenntnis, Gerechtigkeit und wahrer Heiligkeit – und er fiel. Wenn Adam im Paradies nicht bestehen konnte, wie viel mehr müssen wir in einer gefallenen Welt wachen und beten! Die Puritaner warnten immer wieder: Niemand ist je sicher vor der Möglichkeit des Falles, und der Anfang der Selbstsicherheit ist das Ende der Sicherheit. »Wer meint, er stehe, der sehe zu, dass er nicht falle.« Das ist kein Aufruf zur Verzweiflung, sondern zur Wachsamkeit. Brauche die Gnadenmittel: Gebet, Schrift, Sakramente, Gemeinschaft, Rechenschaft. Bewahre dein Herz, denn von ihm geht das Leben aus. Verlass dich nicht auf deine vergangene Treue oder auf deine gegenwärtigen geistlichen Erfolge. Das christliche Leben ist ein Kampf, und der Kampf ist nicht vorbei, bis der letzte Atemzug getan ist. Fünftens: Lass die ursprüngliche Glückseligkeit Adams in der Gemeinschaft mit Gott eine Sehnsucht nach der Wiederherstellung dieser Gemeinschaft in ihrer Fülle in dir wecken. Adam und Eva waren glücklich in ihrer Gemeinschaft mit Gott. Sie wandelten mit ihm im Garten, als der Tag kühl geworden war. Sie kannten seine Stimme, fühlten seine Gegenwart, freuten sich an seiner Liebe. Diese Gemeinschaft wurde durch die Sünde zerbrochen, aber sie ist durch den letzten Adam, Jesus Christus, wiederhergestellt worden. In ihm sind wir, die wir fern waren, nahe gebracht worden. In ihm haben wir Zugang zum Vater durch den einen Geist. In ihm ist die Gemeinschaft, die in Adam verloren ging, wiederhergestellt – und sie übertrifft, was Adam kannte, weil wir mit Christus selbst vereinigt sind und der göttlichen Natur teilhaftig werden. Pflege diese Gemeinschaft täglich. Gib dich nicht mit einer Religion der Formen und Zeremonien zufrieden. Dringe in die Gegenwart Gottes ein durch Christus, bis du in deiner eigenen Erfahrung etwas von dem Glück kennst, das Adam im Garten kannte – und noch mehr.

Gebet

Herr, unser Gott, der du den Menschen zu deinem Bilde geschaffen hast, Mann und Weib, und ihn mit Erkenntnis, Gerechtigkeit und wahrer Heiligkeit begabt hast: Wir preisen dich für die Würde, die du unserem Geschlecht geschenkt hast, und wir bekennen mit Scham, dass wir dein Bild durch unsere Sünde entstellt haben. Wir haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes eingetauscht gegen Bilder, die wir uns selbst gemacht haben. Wir haben das Geschöpf mehr geliebt als den Schöpfer. Wir haben das Gesetz, das du in unsere Herzen geschrieben hast, ausgelöscht und unsere eigenen Gesetze an seine Stelle gesetzt. Wir danken dir, Vater, dass du uns nicht in dem Verderben gelassen hast, das wir über uns selbst gebracht haben, sondern dass du von Anfang an verheissen hast, dass der Same des Weibes der Schlange den Kopf zertreten wird. Wir danken dir, Herr Jesus Christus, du vollkommenes Ebenbild des unsichtbaren Gottes, dass du unsere Natur angenommen hast, dass du in dir selbst wiederhergestellt hast, was in Adam verloren war, und dass du uns durch die Wirkung deines Geistes deinem Bild gleichgestaltest. Wir danken dir, Heiliger Geist, dass du unsere Erkenntnis erneuerst, unseren Willen lenkst und unsere Gefühle läuterst und in uns wiederherstellst, was wir im Fall verloren haben. Gib uns, wir bitten dich, zu wandeln im Licht deines Angesichts, die tägliche Gemeinschaft mit dir zu pflegen durch Jesus Christus, und in Hoffnung auszuschauen nach dem Tag, da wir dich sehen werden, wie du bist, und dir völlig gleichgestaltet werden. Bis zu jenem Tag bewahre uns in Demut, Wachsamkeit und Treue, und lass das Bild Christi mehr und mehr in uns Gestalt gewinnen. Das bitten wir in dem Namen Jesu Christi, des letzten Adam und des Erstgeborenen von den Toten. Amen.
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