Andacht 25 von 171

Es gibt Sätze, die ein Mensch nur in der Not lernt

Kap.5: Von der Vorsehung — P26-05-29 • 35 Min.

Das Bekenntnis

Gott, der grosse Schöpfer aller Dinge, erhält, leitet, lenkt und regiert alle Geschöpfe, Handlungen und Dinge, vom grössten bis zum kleinsten, durch seine überaus weise und heilige Vorsehung, gemäss seiner untrüglichen Vorhersehung und dem freien und unveränderlichen Ratschluss seines eigenen Willens, zum Preise der Herrlichkeit seiner Weisheit, Macht, Gerechtigkeit, Güte und Barmherzigkeit.
– Westminster Bekenntnis, Kapitel 5, Abschnitt 1

Einleitung

Es gibt Sätze, die ein Mensch nur in der Not lernt. Im Glück, in der Stärke, im Wohlstand mögen sie wie theologische Formeln klingen, korrekt, aber kalt. Erst wenn der Boden unter den Füssen nachgibt, wenn der Arzt schweigt, wenn der Freund sich abwendet, wenn die eigene Kraft am Ende ist, erst dann erwachen diese Sätze zum Leben und werden zu dem Halt, den keine Umarmung und kein Trostwort bieten kann. Einer dieser Sätze ist der erste Abschnitt des fünften Kapitels: Gott regiert. Wir verlassen das vierte Kapitel mit seiner Betrachtung der Schöpfung und betreten nun das fünfte, das von der göttlichen Vorsehung handelt. Der Übergang ist fliessend, und das mit Bedacht. Die Väter von Westminster haben die Schöpfungslehre und die Vorsehungslehre nicht als zwei getrennte Lehrstücke behandelt, sondern als zwei Seiten einer einzigen Wahrheit: Der Gott, der die Welt aus dem Nichts rief, ist derselbe Gott, der sie in jedem Augenblick im Dasein hält und nach seinem weisen Ratschluss lenkt. Was in Kapitel drei als ewiger Plan gefasst und in Kapitel vier in der Zeit ausgeführt wurde, das wird in Kapitel fünf in der Geschichte entfaltet. Der Ratschluss wird zur Regierung. Die Schöpfung wird zum Schauplatz der Vorsehung. Lieber Hörer, vielleicht gehörst du zu denen, die diesen Abschnitt des Bekenntnisses im Kopf bejahen, aber im Herzen längst anders leben. Du bekennst am Sonntag, dass Gott alle Dinge regiert, und am Montag bangst du, als hinge alles an deiner eigenen Anstrengung. Du sprichst von Vorsehung, aber in der Stille deiner Gedanken regiert der Zufall. Du betest zu dem Gott, der die Sperlinge speist, und sorgst dich, als müsstest du dir selbst dein Brot vom Himmel holen. Die Vorsehung Gottes ist eine Lehre, die leichter bekannt als geglaubt und leichter geglaubt als gelebt wird. Im Katechismus lernen wir sie; in den unebenen Stunden des Lebens müssen wir sie festhalten. Das ist ein Unterschied. Eben darum widmen die Westminster-Väter ihr ein ganzes Kapitel. Sie wussten, dass die Lehre von der Vorsehung nicht das Dessert der Dogmatik ist, das man sich gönnt, nachdem die Hauptgerichte der Trinitätslehre und der Prädestination verdaut sind. Sie ist das tägliche Brot des Glaubens, ohne das die Seele verhungert. Stell dir vor, du sähst ein riesiges Orchester, hundert Musiker mit hundert verschiedenen Instrumenten. Du hörst keine Kakophonie, sondern eine Symphonie. Jeder Musiker spielt seine eigene Stimme, folgt seiner eigenen Notenvorlage, setzt seinen eigenen Bogen an oder führt sein eigenes Mundstück zum Mund. Und doch entsteht etwas Ganzes, ein Klang, der mehr ist als die Summe seiner Teile. Wer diese Symphonie hört, ohne den Dirigenten zu sehen, könnte meinen, sie entstehe von selbst, aus dem zufälligen Zusammenspiel der Musiker. Aber wer den Dirigenten sieht, weiss: Jeder Einsatz, jede dynamische Welle, jede Pause und jeder Aufschwung gehen auf ihn zurück. Die Musiker spielen aus eigenem Antrieb, mit eigenem Können, mit eigener Verantwortung – und doch entsteht nichts, was nicht der Dirigent gewollt und geformt hat. So etwa lehrt die Schrift die Vorsehung Gottes. Die Geschöpfe handeln frei und verantwortlich. Aber Gott lenkt alle Handlungen so, dass sie seinem ewigen Plan dienen. Die Symphonie der Geschichte hat einen Dirigenten, und sein Name ist der Herr.

Die biblischen Grundlagen

Die Heilige Schrift spricht von der Vorsehung Gottes nicht als einer philosophischen Schlussfolgerung, sondern als einer gelebten Wirklichkeit. Sie leitet die Vorsehung nicht aus allgemeinen Prinzipien ab; sie bezeugt sie in Erzählungen, Psalmen, prophetischen Worten und apostolischen Briefen als das, was immer schon wahr ist. Wer die Bibel von vorn bis hinten liest, stösst auf jeder Seite auf einen Gott, der nicht nur geschaffen hat und dann zusieht, sondern der trägt, lenkt, eingreift und vollendet. Der Hebräerbrief eröffnet sein erstes Kapitel mit einem Christuslob von grosser Erhabenheit: »Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort.« Das griechische Wort, das Luther mit »trägt« übersetzt, ist pherō – es meint nicht passives Ertragen, sondern aktives Führen auf ein Ziel hin. Der Sohn Gottes hält die Welt nicht nur passiv im Dasein, wie ein Regal die Bücher trägt. Er bewegt sie aktiv auf ihr Ziel zu. Dasselbe Wort verwendet der Hebräerbrief an anderer Stelle, wenn er sagt, Gott habe »viele Söhne zur Herrlichkeit geführt«. Das Tragen des Sohnes ist ein zielgerichtetes Führen. Die Welt driftet nicht orientierungslos durch Raum und Zeit. Sie wird getragen – und zwar von demselben Wort, das einst sprach: »Es werde Licht.« Das Schöpfungswort ist zum Erhaltungswort geworden. Derselbe Befehl, der die Dinge ins Dasein rief, hält sie nun im Dasein und führt sie ihrer Vollendung entgegen. Jesus selbst gab seinen Jüngern die wohl konkreteste Vorsehungsverheissung, die je über menschliche Lippen kam. In der Bergpredigt lesen wir: »Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.« In der Welt der Bibel war ein Sperling der Inbegriff des Wertlosen. Man kaufte zwei für einen Groschen, und bei Lukas steht sogar, fünf für zwei Groschen – der fünfte wurde umsonst dazugegeben. Und doch, sagt Jesus, fällt kein einziger dieser wertlosen Vögel zur Erde, ohne dass der Vater es weiss und will. Das kleine griechische Wörtchen aneu – »ohne« – trägt den ganzen Satz. Kein Sperling fällt ohne den Vater. Sein Sturz liegt nicht ausserhalb der väterlichen Vorsehung. Und dann die Wendung zu den Jüngern: Eure Haare sind gezählt. Nicht geschätzt, nicht ungefähr gewusst – gezählt, eines nach dem anderen, die blonde Strähne und das graue Haar und die kahle Stelle. Das ist die Vorsehung, die Jesus lehrt: nicht die abstrakte Weltregierung eines fernen Monarchen, sondern die zärtliche, präzise Zuwendung eines Vaters, der jedes Detail kennt und lenkt. Der Prophet Daniel überliefert uns das Bekenntnis eines Mannes, der es wissen musste. Nebukadnezar, der König von Babel, hatte erfahren, was es heisst, sich gegen Gott aufzulehnen. Sieben Jahre lang lebte er wie ein Tier, ass Gras wie ein Rind, und der Tau des Himmels benetzte seinen Leib. Dann, als seine Vernunft zurückkehrte, brach er in ein Bekenntnis aus, das zu den grossen Worten des Alten Testaments gehört: »Seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, und sein Reich währt von Geschlecht zu Geschlecht. Gegen alle, die auf Erden wohnen, sind sie wie nichts zu rechnen; er handelt mit dem Heer des Himmels und mit denen, die auf Erden wohnen, wie er will. Und es gibt niemanden, der seiner Hand wehren oder zu ihm sagen könnte: Was machst du?« Ein heidnischer König, der eben noch in Tiergestalt auf allen vieren kroch, wird zum Theologen der Vorsehung. Er hatte am eigenen Leib erfahren, dass Gottes Regiment sich nicht auf Israel beschränkt, sondern die Grossmächte der Welt umfasst. Dass kein Thron und keine Armee ihm widerstehen kann. Dass seine Hand keine Gegenhand findet, die sie aufhalten könnte. Was Nebukadnezar in Babel lernte, das müssen wir in unseren kleineren, stilleren Babylonien neu lernen: Gott regiert, und niemand kann ihm wehren. Paulus predigte diese Wahrheit nicht in einer Synagoge, sondern auf dem Areopag in Athen, vor den gebildetsten Heiden seiner Zeit. Er sprach zu ihnen von dem »unbekannten Gott«, den sie verehrten, ohne ihn zu kennen. Und dann führte er seine Hörer an die Wurzel aller Vorsehung: »Gott, der die Welt und alles, was in ihr ist, gemacht hat, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen, als ob er etwas bedürfte, da er doch selbst allen Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit es auf der ganzen Oberfläche der Erde wohne, und hat im Voraus bestimmt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht fern von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.« Dreimal »alles«: Gott gibt allen Leben, Odem, alles. Kein Atemzug, den ein Geschöpf tut, ist aus eigener Kraft geschöpft. Und dann der universale Horizont: Gott hat nicht nur Israel erwählt, er hat die Völker in ihren Zeiten und Grenzen gesetzt. Jede Nation, jede Kultur, jede Epoche ist ihm untertan. Und das Ziel dieser Vorsehung? Dass die Menschen Gott suchen. Die Führung der Geschichte dient der Sammlung der Erlösten. Das politische Geschehen, das wir in den Nachrichten verfolgen, ist das Mittel, durch das Gott Menschen zu sich zieht. Der Psalmist betet in Psalm 104 ein Lied, das die Vorsehung Gottes in vertrauten Vorgängen der Natur besingt. Er preist Gott, der »das Land aus der Höhe tränkt«, der »Gras wachsen lässt für das Vieh und Pflanzen, dass der Mensch sie anbaue«, der »dem Vieh sein Futter gibt, den jungen Raben, die zu ihm schreien«. Selbst die Thronenrede Gottes an Hiob ist ein einziges Lehrgedicht über die Vorsehung. Aus dem Wettersturm fragt Gott: »Hast du die Bande der Plejaden geknüpft oder die Fesseln des Orion gelöst? Kannst du die Sterne des Tierkreises herausführen zu ihrer Zeit und die Bärin samt ihren Jungen leiten?« Die Gestirne sind Gottes gehorsame Diener. Der Regen hat seinen Befehl. Der Blitz kennt seinen Herrn. Selbst der Strauss, den Gott »ohne Weisheit« geschaffen hat und der seine Eier im Sand vergisst, steht unter der Obhut dessen, der ihn machte. Die Vorsehung ist nicht die Ausnahme in einer sonst mechanisch ablaufenden Natur; sie ist die Regel. Was wir Naturgesetze nennen, sind die beständigen Handlungsweisen dessen, der treu und beständig ist. Schliesslich fasst Paulus im Kolosserbrief die ganze Vorsehungslehre in einem kristallenen Satz zusammen: »Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm.« Das griechische Wort für »bestehen«, synestēken, meint: zusammengehalten werden. Christus hält die Schöpfung nicht nur im Dasein, er hält sie zusammen. Ohne ihn fiele das Universum auseinander wie ein Gebäude, dem man das Fundament entzogen hat. Jedes Molekül, jede Galaxie, jeder Herzschlag hat seinen Bestand nur in Christus. Die Kraft, die den Apfel vom Baum fallen lässt, und die Kraft, die den Stern in seiner Bahn hält, sind ein und dieselbe: die erhaltende Macht des Sohnes Gottes. Was uns als Naturgesetz erscheint, ist in Wahrheit die Treue Gottes zu seiner eigenen Schöpfungsordnung.

Was die Westminster-Väter meinten

Die Westminster-Väter schrieben diesen Abschnitt, als die Vorsehungslehre von mehreren Seiten unter Druck geriet. Wer den Text aufmerksam liest, erkennt zwischen den Zeilen die Fronten, an denen sie kämpften. Der erste Gegner war der Deismus, jene Denkbewegung, die sich im England des siebzehnten Jahrhunderts formierte. Ihre Vertreter, unter ihnen Lord Herbert of Cherbury, lehrten, Gott habe die Welt zwar erschaffen, dann aber den Naturgesetzen überlassen. Wie ein Uhrmacher, der sein Werk aufzieht und davongeht, greife Gott nicht mehr in den Lauf der Dinge ein. Die Welt funktioniere nach unveränderlichen Gesetzen, und der Schöpfer schaue aus der Ferne zu, ohne einzugreifen. Gegen diesen kalten Gott, der sich aus seiner eigenen Schöpfung zurückgezogen hat, setzen die Väter vier kraftvolle Verben: Gott erhält die Welt, er leitet sie, er lenkt sie, er regiert sie. Keines dieser Worte beschreibt einen passiven Beobachter. Sie beschreiben einen aktiven, eingreifenden, gegenwärtigen Herrn. Das erste Verb, »erhalten«, übersetzt das lateinische conservare. Es besagt, dass die Welt nicht aus eigener Kraft fortbesteht. Sie bedarf in jedem Augenblick der erhaltenden Macht Gottes. Was Gott nicht mehr erhielte, fiele augenblicklich ins Nichts zurück, aus dem es geschaffen wurde. Die Erhaltung ist eine fortgesetzte Schöpfung, eine creatio continua, wie die Theologen später formulierten. Das zweite Verb, »leiten«, zielt auf die Richtung: Gott hat nicht nur die Welt ins Dasein gerufen, er führt sie einem Ziel entgegen. Die Geschichte ist kein Kreislauf und kein Zufallsprodukt; sie hat eine Richtung, und Gott bestimmt sie. Das dritte Verb, »lenken«, spricht die konkreten Ereignisse an. Gott lenkt die Geschicke der Völker, die Entscheidungen der Herrscher, die Wechselfälle des Lebens. Das vierte Verb schliesslich, »regieren«, fasst alles zusammen: Gott ist König, und er übt sein Königtum aus – nicht nur im Himmel, sondern auf Erden, nicht nur über die Frommen, sondern über die Gottlosen, nicht nur im Grossen, sondern im Kleinsten. Ein zweiter Gegner war der Epikureismus, der den Zufall zum Herrn der Welt erklärte. Epikur hatte gelehrt, die Welt bestehe aus Atomen, die sich zufällig bewegen und verbinden. Es gebe keinen Plan, keinen Lenker, keinen Sinn. Die Dinge geschehen, wie sie geschehen, und der Mensch tue gut daran, sich mit dem Zufall abzufinden und das Leben zu geniessen, solange es währt. Gegen diesen antiken Materialismus, der im siebzehnten Jahrhundert unter anderem durch die Philosophie des Thomas Hobbes eine Renaissance erlebte, setzen die Väter die ausdrückliche Aussage, dass Gottes Vorsehung »vom grössten bis zum kleinsten« reicht. Nichts geschieht zufällig. Kein Ereignis, und sei es noch so unbedeutend, entzieht sich der göttlichen Regierung. Die Väter radikalisieren diesen Gedanken, indem sie nicht nur von »Geschöpfen und Dingen« sprechen, sondern auch von »Handlungen«. Selbst die freien Handlungen der Menschen – die Entscheidungen ihres Willens, die Werke ihrer Hände – fallen unter die Vorsehung Gottes. Gott regiert nicht nur die Natur, er regiert die Geschichte. Er regiert nicht nur das Wetter, er regiert den menschlichen Willen. Und er tut dies, ohne den Willen zu vergewaltigen. Ein dritter Irrtum, den die Väter abwehren, ist die Vorstellung, Gottes Vorsehung sei eine Art Reaktion auf das, was Geschöpfe tun – als beobachte Gott den Lauf der Dinge und reagiere dann mit weisen Korrekturen. Dem widerspricht die Formulierung, dass Gott regiert »gemäss seiner untrüglichen Vorhersehung und dem freien und unveränderlichen Ratschluss seines eigenen Willens«. Hier schliesst sich der Kreis zu Kapitel drei. Die Vorsehung ist nichts anderes als die zeitliche Ausführung des ewigen Ratschlusses. Was Gott in der Zeit tut, hat er in der Ewigkeit beschlossen. Seine Regierung ist nicht tastend, nicht experimentierend, nicht improvisierend. Sie ist die vollkommene, souveräne Verwirklichung dessen, was er vor Grundlegung der Welt gewollt hat. Wir hatten in Kapitel drei gesehen, dass die Väter den Ratschluss Gottes in all seiner Unergründlichkeit bekannt haben. Nun zeigen sie, dass dieser Ratschluss nicht im Himmel verschlossen bleibt, sondern in der Geschichte Gestalt annimmt. Was Gott will, das tut er. Und was er tut, das hat er immer schon gewollt. Schliesslich die Zweckbestimmung: »zum Preise der Herrlichkeit seiner Weisheit, Macht, Gerechtigkeit, Güte und Barmherzigkeit«. Darin sind sich die Väter von Westminster mit der gesamten reformierten Tradition einig: Das höchste Ziel aller Werke Gottes ist seine eigene Ehre. Die Vorsehung dient nicht in erster Linie unserem Glück, obwohl sie es einschliesst. Sie dient nicht in erster Linie der Belohnung der Guten und der Bestrafung der Bösen, obwohl beides in ihr geschieht. Sie dient der Offenbarung dessen, wer Gott ist. Jede Fügung, jeder Schicksalsschlag, jede Bewahrung ist ein Fenster, durch das wir auf die Eigenschaften Gottes blicken können. Im Licht der Vorsehung sehen wir seine Weisheit, die den besten Weg zum besten Ziel findet. Seine Macht, die jedes Hindernis überwindet. Seine Gerechtigkeit, die kein Unrecht ungesühnt lässt. Seine Güte, die ohne Verdienst gibt. Seine Barmherzigkeit, die dem Elenden zu Hilfe kommt.

Theologische Tiefe

Die reformierte Tradition hat die Vorsehungslehre mit einer Radikalität durchdacht, die bis heute fasziniert und herausfordert. Ihre Einsichten sind keine toten Museumsstücke; sie sind der tragfähige Grund, auf dem ein Leben in Glauben und Gelassenheit stehen kann. Johannes Calvin hat in seiner Institutio der Vorsehung einen Umfang gewidmet, der ihre Bedeutung unterstreicht. Drei Kapitel des ersten Buches handeln von nichts anderem. Für Calvin war die Vorsehung keine Spekulation für Theologen, sondern eine praktische Lehre, die das ganze Leben durchdringt. Er unterschied sorgfältig zwischen einer allgemeinen Vorsehung, die die Naturordnung in Gang hält, und einer besonderen Vorsehung, die die einzelnen Ereignisse lenkt. Gottes Vorsehung, so Calvin, erstreckt sich nicht nur auf die grossen Wendepunkte der Geschichte, sondern auf jedes einzelne Ereignis. Kein Windstoss, kein Regentropfen, kein fallendes Blatt ohne den Willen Gottes. Calvin wusste, dass manche diese Lehre für fatalistisch halten. Er antwortete, dass sie im Gegenteil der einzige Trost im Leiden ist. Wer glaubt, sein Unglück sei Zufall, leidet doppelt – an der Wunde selbst und an der Sinnlosigkeit. Wer weiss, dass auch das Leid aus Gottes Hand kommt, hat inmitten des Schmerzes den Trost, dass es einen Sinn hat, auch wenn er ihn noch nicht erkennt. Calvin verglich die Vorsehung mit einem Weg, den Gott mit uns geht. Wir sehen immer nur den nächsten Schritt, selten den ganzen Weg. Aber der, der uns führt, sieht das Ziel. Huldrych Zwingli hat der Vorsehungslehre eine eigene Schrift gewidmet, De providentia Dei, die er 1531, in seinem Todesjahr, vollendete. Sie ist eine der ersten monographischen Abhandlungen über dieses Thema in der Reformationszeit und in mancher Hinsicht ein Zürcher Gegenstück zu Calvins späteren Ausführungen. Zwingli entfaltet den Grundsatz, dass Gott die erste und oberste Ursache aller Dinge ist. Alles, was geschieht, geht auf ihn als Ursprung zurück. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – Gott wirkt nicht auf dieselbe Weise in allen Dingen. Er wirkt das Gute unmittelbar durch seinen Geist. Das Böse aber wirkt er nicht, sondern er lässt es zu, begrenzt es und lenkt es so, dass es seinen guten Zwecken dienen muss. Der Diebstahl bleibt Diebstahl und die Sünde Sünde, und der Dieb und der Sünder sind voll verantwortlich. Aber selbst der Diebstahl kann Gottes verborgenem Plan nicht entkommen. Zwingli gebrauchte dafür ein treffendes Bild: Der Wagenlenker hält die Zügel. Die Pferde ziehen aus eigener Kraft, aber der Wagenlenker bestimmt die Richtung. So ziehen die Geschöpfe aus eigener Neigung, aber Gott lenkt das Ziel. Der Heidelberger Katechismus, das gemeinsame Bekenntnis der reformierten Kirchen der Schweiz und Deutschlands, fasst die Vorsehungslehre in zwei Fragen zusammen, die bis heute im Konfirmandenunterricht gelernt werden. Frage 27 lautet: »Was verstehst du unter der Vorsehung Gottes?« Und die Antwort: »Die allmächtige und gegenwärtige Kraft Gottes, durch die er Himmel und Erde mit allen Geschöpfen gleichsam mit seiner Hand erhält und so regiert, dass Laub und Gras, Regen und Dürre, fruchtbare und unfruchtbare Jahre, Essen und Trinken, Gesundheit und Krankheit, Reichtum und Armut und alles nicht aus Zufall, sondern aus seiner väterlichen Hand uns zukommt.« Man beachte, wie konkret der Katechismus wird: Laub und Gras, Regen und Dürre. Kein abstrakter Gott der Philosophen, sondern der Vater, der das Wetter schickt und den Acker segnet oder verschliesst. Frage 28 fragt weiter: »Was nützt uns die Erkenntnis der Schöpfung und Vorsehung Gottes?« Die Antwort zielt mitten ins Herz: »Dass wir in aller Widerwärtigkeit geduldig, in Glückseligkeit dankbar und auf das Zukünftige voll guter Zuversicht sein sollen zu unserem treuen Gott und Vater, dass uns keine Kreatur von seiner Liebe scheiden wird, weil alle Geschöpfe so in seiner Hand sind, dass sie sich ohne seinen Willen weder regen noch bewegen können.« Das ist das Ziel der Vorsehungslehre: Geduld im Leid, Dankbarkeit im Glück, Vertrauen in die Zukunft. Mehr Seelsorge als Spekulation in siebzig Worten. Heinrich Bullinger verankerte die Vorsehungslehre im sechsten Kapitel des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses, das für die reformierte Schweiz zum massgeblichen Lehrdokument wurde. Er setzt ein mit der klaren Aussage, dass Gott »an der Erschaffung aller Dinge nicht so teilhatte, dass er seitdem müde wäre und die geschaffenen Dinge sich selbst und ihrem Schicksal überlassen hätte«. Mit anderen Worten: Gott ist nicht der Gott des Deismus. Er schuf die Welt und regiert sie seither. Bullinger betont, dass Gottes Vorsehung sich auch auf das Böse erstreckt – nicht als dessen Urheber, sondern als der, der es zulässt und begrenzt. Selbst die Sünden der Menschen und der Engel, so Bullinger, geschehen nicht ohne Gottes Vorsehung. Gott will sie nicht, aber er lässt sie zu und weiss sie so zu lenken, dass sie am Ende seinen guten Absichten dienen. Als Beispiel nennt er den Sündenfall selbst: Gott wollte die Sünde Adams nicht, aber er liess sie zu, weil er aus ihr das grössere Gut der Erlösung in Christus hervorgehen lassen wollte. Was Bullinger hier lehrt, ist kein logischer Widerspruch, sondern ein bewusstes Stehenbleiben vor dem Geheimnis. Gott ist nicht der Urheber der Sünde, aber er ist auch nicht ihr ohnmächtiges Opfer. Er bleibt Herr, selbst über die Auflehnung gegen seine Herrschaft. Charles Hodge, der Systematiker aus Princeton, hat in seinen Erläuterungen zum Westminster Bekenntnis einen Akzent gesetzt, der oft übersehen wird: die Rolle der Zweitursachen. Die Vorsehungslehre, so Hodge, leugnet nicht, dass die Geschöpfe wirklich handeln. Der Bauer pflügt, der Arzt operiert, der Richter spricht Recht. Ihre Handlungen sind wirklich ihre Handlungen, und sie sind verantwortlich für das, was sie tun. Aber Gott wirkt durch ihre Handlungen hindurch. Die Zweitursache – der Bauer, der Arzt, der Richter – ist nicht nur Staffage, nicht nur Theaterkulisse, hinter der Gott allein agiert. Gott hat den Geschöpfen echte Kausalität verliehen. Sie sind keine Marionetten, sondern lebendige, wollende, handelnde Wesen. Und doch umgreift und lenkt Gott ihr Handeln so, dass es seinem Ratschluss dient. Hodge nannte dies das Geheimnis des Zusammenwirkens von göttlicher Erstursache und geschöpflichen Zweitursachen. Wir können es nicht erklären, wir können es nur anbetend bekennen. Josef konnte zu seinen Brüdern sagen: »Ihr gedachtet Böses mit mir, aber Gott gedachte es gut zu machen.« Beide handelten: die Brüder böse aus freien Stücken, und Gott gut aus souveräner Weisheit. Keiner hob den anderen auf. Thomas Watson, dessen warmherzige Anwendung von Kapitel zu Kapitel unseren Weg begleitet, nannte die Vorsehung »die Königin der Welt«. Er gliederte sie in drei Akte: Gottes Vorsehung in der Bewahrung der Heiligen, in der Bestrafung der Gottlosen und in der Antwort auf die Gebete seines Volkes. Watson hatte ein Auge für die kleinen Vorsehungen, die fromme Christen leicht übersehen. Dass du zur rechten Zeit einen guten Rat bekamst, dass eine Gefahr vorüberging, ohne dass du es merktest, dass dir ein Bibelvers einfiel, als du ihn am nötigsten brauchtest – das, sagte Watson, sind nicht Zufälle. Das ist die Hand deines Vaters, die dich führt, auch wenn du sie nicht siehst. Er ermutigte die Gläubigen, ein Tagebuch der Vorsehungen zu führen, um sich in Zeiten der Anfechtung zu erinnern, wie oft Gott sie getragen hat. Ein solches Gedächtnis der Vorsehung, so Watson, ist der beste Schutz gegen die Verzagtheit, mit der der Teufel die Seele anficht.

Anwendung für das reformierte Leben

Die Lehre von der Vorsehung will das Leben verändern. Fünf konkrete Konsequenzen ergeben sich aus dem Bekenntnis der Kirche. Erstens: Lerne, im Leiden nicht auf den nächsten Umstand, sondern auf den himmlischen Vater zu blicken. Das ist der schwierigste Punkt und zugleich der wichtigste. Wenn wir leiden, fragen wir unwillkürlich: Warum? Wer ist schuld? Der Arzt, der zu spät kam? Der Vorgesetzte, der ungerecht war? Der Mitmensch, der uns verriet? Das Bekenntnis zur Vorsehung verbietet uns nicht, nach Zweitursachen zu fragen. Aber es verbietet uns, bei ihnen stehen zu bleiben. Hinter dem Arzt steht der Arzt der Ärzte, der Leben und Tod in seiner Hand hält. Hinter dem Vorgesetzten steht der König der Könige, der Herzen lenkt wie Wasserbäche. Hinter dem Verräter steht der Richter, der kein Unrecht ungestraft lässt und jedes Unrecht in sein Rechtsgefüge einbaut. Der Glaube an die Vorsehung macht nicht gleichgültig gegen das Unrecht, das Menschen einander antun. Aber er macht gelassen gegenüber dem Unrecht, das man selbst erleidet. Wenn du glaubst, dass Gott alle Dinge regiert, dann weisst du, dass dein Leid nicht sinnlos ist. Es hat einen Zweck, auch wenn du ihn heute nicht erkennst. Es kommt aus einer Hand, die weise ist, auch wenn sie hart zupackt. Und es wird einmal enden in einer Herrlichkeit, gegen die alles gegenwärtige Leid verblasst. Paulus sagte es seinen Korinthern: »Unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Massen wichtige Herrlichkeit.« Das ist nicht billiger Trost; das ist die Mathematik der Ewigkeit. Zweitens: Hüte dich vor dem Hochmut des Erfolgs. Wenn etwas gelingt, schreiben wir es gern unserer eigenen Klugheit oder Kraft zu. Die Heilige Schrift aber sagt: »Der Mensch denkt sich seinen Weg aus, aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.« Jeder Erfolg, jedes Gelingen, jedes glücklich bestandene Jahr ist ein Geschenk der Vorsehung. Es gibt nichts, das du nicht empfangen hättest. Der Atem, mit dem du deine Rede hältst, ist empfangen. Der Verstand, mit dem du deine Pläne schmiedest, ist empfangen. Die Umstände, die deinem Vorhaben günstig waren, sind empfangen – und zwar von dem, der Regen und fruchtbare Zeiten gibt. Wer das vergisst, wird überheblich. Wer sich daran erinnert, bleibt dankbar. Und die Dankbarkeit ist der sicherste Schutz gegen den geistlichen Hochmut, der das Kennzeichen des Pharisäers in allen Jahrhunderten ist: »Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute.« Der Pharisäer dankte zwar formell, aber er schrieb seinen Erfolg sich selbst zu. Der Glaube an die Vorsehung lehrt uns anders danken: »Ich danke dir, Gott, dass du mich trägst, obwohl ich nicht besser bin als die anderen Leute, und dass alles, was ich habe, aus deiner Hand kommt.« Drittens: Werde nicht träge unter dem Vorwand, Gott werde es schon richten. Die Vorsehungslehre ist nie eine Entschuldigung für Faulheit gewesen. Gott regiert die Welt, aber er regiert sie durch Mittel. Der Bauer, der nicht sät, wird nicht ernten – und das ist nicht Mangel an Vorsehung, sondern Mangel an Gehorsam gegenüber der Vorsehungsordnung. Der Kranke, der den Arzt verschmäht, betet nicht im Glauben; er versucht Gott. Der Student, der nicht lernt und auf eine göttliche Eingebung in der Prüfung hofft, missbraucht die Vorsehungslehre. Die Väter unterschieden sorgfältig zwischen dem Vertrauen auf Gott und der Versuchung Gottes. Wer die Mittel verachtet, die Gott verordnet hat, versucht ihn. Wer die Mittel gebraucht und auf Gott vertraut, ehrt ihn. Zwingli sagte in De providentia, der rechte Gebrauch der Mittel sei nicht ein Zeichen von Kleinglauben, sondern von Gehorsam. Der Glaube an die Vorsehung macht nicht passiv. Er macht aktiv – aber gelassen aktiv, weil der Erfolg nicht von unserer Anstrengung abhängt, sondern von Gottes Segen. Viertens: Halte durch, wenn du Ungerechtigkeit siehst und nicht verstehst, warum Gott sie duldet. Dies ist die Probe aufs Exempel. Der Beter der Psalmen hat gerungen wie kaum ein anderer mit der Frage, warum der Gottlose gedeiht, warum die Stolzen triumphieren, warum das Recht mit Füssen getreten wird. Er hat Gott angeklagt und angefleht, und doch ist er nicht von ihm abgefallen. Warum? Weil er wusste, dass Gottes Regiment nicht heute endet. Die Vorsehung läuft auf ein Gericht zu. Jede Ungerechtigkeit, die heute ungesühnt bleibt, ist aufgeschoben, nicht aufgehoben. Der Tag kommt, an dem Gott »einem jeden vergelten wird nach seinen Werken«. Und an diesem Tag wird sich zeigen, dass Gott auch in den Jahren des scheinbaren Stillhaltens nicht geschlafen hat. Er hat Frist gegeben zur Busse oder das Mass der Sünden voll gemacht. Wir sehen immer nur den Querschnitt der Geschichte. Erst ihr Längsschnitt – und das heisst: erst die Ewigkeit – wird den vollen Ratschluss Gottes offenbaren. Bis dahin gilt: »Der Gerechte wird aus Glauben leben.« Aus Glauben – das heisst, im Vertrauen auf den Gott, der alle Dinge regiert, auch wenn wir seine Wege nicht verstehen. Fünftens: Bete mit Zuversicht, als hinge alles vom Gebet ab, und lebe mit Gelassenheit, als hinge alles von Gott ab. Die Schrift lehrt beides. Der Jakobusbrief sagt: »Ihr habt nicht, weil ihr nicht bittet.« Das Gebet ist ein von Gott verordnetes Mittel, durch das er seine Vorsehung ausführt. Wenn wir nicht beten, entziehen wir uns dem Kanal, durch den Gott uns seine Gaben zukommen lassen will. Aber zugleich gilt: Nicht unser Gebet bewegt Gott, sondern Gottes Geist bewegt uns zum Gebet. Nicht unsere Bitte ändert Gottes Plan, sondern Gottes Plan schliesst unsere Bitte ein. Der Ratschluss Gottes umfasst nicht nur die Ziele, sondern auch die Mittel. Und eines der vornehmsten Mittel ist das Gebet. Wer das verstanden hat, betet nicht weniger, sondern mehr. Er betet mit der Inbrunst dessen, der weiss, dass sein Gebet in Gottes ewigem Plan vorgesehen ist. Er betet mit dem Vertrauen dessen, der weiss, dass der Vater weiss, was er bedarf, ehe er bittet. Er betet, wie Jesus betete: »Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe« – und doch flehte er, »dass diese Stunde an ihm vorübergehe«. Gebet und Ergebenheit, Inbrunst und Gelassenheit schliessen sich nicht aus. Sie sind die beiden Flügel, auf denen die Seele durch die Stürme der Vorsehung getragen wird. Sechstens: Richte deinen Blick nicht nur auf die grossen Ereignisse, sondern lerne, die kleinen Vorsehungen zu erkennen. Wir neigen dazu, Gottes Hand nur in den dramatischen Wendungen des Lebens zu sehen – in der fast tödlichen Krankheit, die plötzlich heilt; in der Begegnung, die das ganze Leben verändert; im Gerichtsurteil, das unerwartet zu unseren Gunsten ausfällt. Aber die Vorsehung beschränkt sich nicht auf die Bühnenauftritte. Sie webt auch in den unscheinbaren Fäden des Alltags. Dass du heute aufgestanden bist und deine Glieder dir gehorchten – ist dir bewusst, wie vielen das nicht vergönnt war? Dass du Brot auf dem Tisch hattest und Wasser im Glas – hast du daran gedacht, dass der himmlische Vater die Raben speist und dich viel mehr? Dass dir ein Bibelwort einfiel, als du es brauchtest – war das ein Zufall des Gedächtnisses oder die stille Führung des Geistes, der dich an das erinnert, was du längst wusstest? Watson sagte, ein Christ solle die Vorsehungen sammeln wie ein Geizhals seine Münzen. Jede bewahrte Erinnerung an Gottes Treue ist ein Kapital, von dem die Seele in künftigen Nöten zehrt. Darum: Halte inne. Sieh zurück. Zähle die Sperlinge, die nicht gefallen sind, und die Haare, die gezählt waren. Du wirst staunen, wie reich du bist.

Gebet

Herr, du grosser Schöpfer und Erhalter aller Dinge, wir bekennen dir, dass wir deine Vorsehung leichter mit dem Mund bekennen als mit dem Herzen glauben. Wir loben dich für die Schönheit deiner Welt, aber wenn der Himmel sich verdunkelt und der Sturm kommt, dann zittern wir, als wärst du nicht mehr Herr. Vergib uns unseren Kleinglauben. Du trägst die Welten mit deinem kräftigen Wort, und kein Sperling fällt zur Erde ohne dich. Und doch bangen wir um unser tägliches Brot, als hätten wir keinen Vater im Himmel. Du regierst die Reiche der Welt, und Könige sind wie Grashüpfer vor dir. Und doch fürchten wir die Mächtigen, als könnten sie uns deiner Hand entreissen. Lehre uns, in den Stürmen still zu werden und zu wissen, dass du Gott bist. In unserem Leben gibt es so viel, das wir nicht verstehen. Freundschaften sind zerbrochen, Pläne gescheitert, Gebete scheinbar unerhört geblieben. Wir bringen dir unsere Verwirrung. Wir bringen dir unseren Schmerz. Wir bringen dir die Trümmer dessen, was wir uns anders erhofft hatten. Und wir legen sie zu deinen Füssen nieder in dem Glauben, den dein Geist in uns wirkt: dass du auch diese Scherben kennst und dass du aus ihnen ein Mosaik fügst, das wir heute nicht sehen, dessen Schönheit wir aber einmal preisen werden. Hilf uns, im Erfolg dankbar und demütig zu bleiben. Lass uns nie vergessen, dass jeder Atemzug, jeder Gedanke, jedes Gelingen ein Geschenk aus deiner väterlichen Hand ist. Hilf uns, im Misserfolg nicht an deiner Güte zu zweifeln. Denn du kannst uns durch den Verlust mehr geben, als du uns durch den Gewinn je gegeben hättest. Schenke uns den Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Den Frieden, der nicht daher kommt, dass wir alle deine Wege verstehen, sondern daher, dass wir dem vertrauen, der sie geht. Lass uns beten, als hinge alles vom Gebet ab, und leben, als hinge alles von dir ab. Und wenn das Vertrauen uns entgleitet, so halte du uns fest. Denn auf deine Treue, nicht auf die unsere, gründet sich unsere Hoffnung. In Jesu Namen, dem du alle Dinge untertan gemacht hast und durch den du auch uns trägst mit deinem kräftigen Wort. Amen.
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