Andacht 26 von 171

Es war der Pfingsttag in Jerusalem

Kap.5: Von der Vorsehung — Abschnitt 2 ‱ 2026-05-30 ‱ 34 Min.

Das Bekenntnis

Obwohl in Beziehung auf die Vorhersehung und den Ratschluss Gottes, der ersten Ursache, alle Dinge unverĂ€nderlich und untrĂŒglich geschehen, so ordnet er sie doch durch dieselbe Vorsehung so an, dass sie gemĂ€ss der Natur der Zweitursachen entweder notwendig, frei oder zufĂ€llig eintreten.
– Westminster Bekenntnis, Kapitel 5, Abschnitt 2

Einleitung

Es war der Pfingsttag in Jerusalem. Der Geist war gefallen, der Schall eines Brausens hatte das Haus erfĂŒllt, und die JĂŒnger redeten in Sprachen, die sie nie gelernt hatten. Die Menge staunte, einige spotteten: Sie sind voll sĂŒssen Weines. Da trat Petrus auf, und was er in jener Stunde sagte, gehört zu den dichtesten theologischen SĂ€tzen, die je ĂŒber menschliche Lippen kamen. Er sprach von Jesus von Nazareth und erklĂ€rte: »Diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr genommen und durch die Hand der Ungerechten ans Kreuz geschlagen und getötet.« In einem einzigen Satz hĂ€lt Petrus zwei Wahrheiten fest, die der menschliche Geist gegeneinander auszuspielen pflegt. Die Kreuzigung war kein Unfall, der den Himmel ĂŒberraschte. Sie war kein UnglĂŒck, das Gott mit einem Seufzer zuliess und dann das Beste daraus machte. Sie war ein Ereignis, das durch den bestimmten Ratschluss und die Vorhersehung Gottes in die Geschichte gegeben wurde. Vor Grundlegung der Welt war es beschlossen. Jede Einzelheit war verordnet: die Stunde, der Ort, der römische Statthalter, die Soldaten, die das Los warfen, der Augenblick, da der Himmel sich verfinsterte. Und doch scheut Petrus sich nicht zu sagen: »Ihr habt ihn genommen und durch die Hand der Ungerechten ans Kreuz geschlagen und getötet.« Die MĂ€nner, die die NĂ€gel trieben, handelten frei, und ihre Tat war Mord. Ihre HĂ€nde waren gottlos. Die Schuld lag bei ihnen, nicht bei Gott. Hier, in einem einzigen Satz, liegt die Lehre des zweiten Abschnitts offen zutage: Gott als erste Ursache verordnet alle Dinge unverĂ€nderlich und untrĂŒglich, und doch ordnet er durch ebendiese Vorsehung an, dass sie durch Zweitursachen geschehen – hier durch die freien und bösen Entscheidungen von Menschen, die fĂŒr das, was sie taten, die volle sittliche Verantwortung tragen. Dies ist das tiefe RĂ€tsel, das die Vorsehungslehre dem denkenden Glauben stellt: das VerhĂ€ltnis zwischen dem souverĂ€nen Ratschluss Gottes und dem echten Handeln seiner Geschöpfe. Der erste Abschnitt hat uns gelehrt, dass Gott alle Dinge erhĂ€lt, leitet, lenkt und regiert. Der zweite Abschnitt sagt uns nun, wie sich dieses Regiment zu den Geschöpfen verhĂ€lt, die unter ihm leben. Verschlingt Gottes SouverĂ€nitĂ€t die geschöpfliche Freiheit und macht die Menschen zu Marionetten, die an unsichtbaren FĂ€den gezogen werden? Macht sie die Naturgesetze zur Fiktion, als ob das Feuer nicht wirklich brennte, weil nur Gott die wahre Ursache ist? Oder bedeutet die Wirklichkeit geschöpflichen Handelns – dass ich echte Entscheidungen treffe, dass Feuer wirklich brennt, dass das, was wir Zufall nennen, tatsĂ€chlich eintritt –, dass Gottes Ratschluss LĂŒcken hat, dass manches sich seiner Regierung entzieht? Auf beide IrrtĂŒmer antwortet das Bekenntnis mit einer sorgsam ausgewogenen Behauptung. Alle Dinge geschehen unverĂ€nderlich und untrĂŒglich nach Gottes Ratschluss. Und alle Dinge treten ein gemĂ€ss der Natur der Zweitursachen, sei es notwendig, frei oder zufĂ€llig. Diese beiden Wahrheiten sind keine Feinde. Sie sind die beiden SĂ€ulen, auf denen ein biblisches VerstĂ€ndnis der Vorsehung ruhen muss. Lieber Hörer, vielleicht gehörst du zu denen, die diesen Satz des Bekenntnisses im Kopf bejahen, aber im Leben unbewusst eine der beiden SĂ€ulen aufgeben. Du neigst zum Fatalismus und denkst: Wenn Gott doch alles bestimmt hat, was machen meine MĂŒhen dann noch fĂŒr einen Unterschied? Oder du neigst zur SelbstĂŒberschĂ€tzung und lebst, als hinge alles von deiner eigenen Kraft ab, als sei Gott zwar im Himmel, aber auf Erden sei der Mensch allein der Schmied seines GlĂŒcks. Zwischen diesen beiden AbgrĂŒnden fĂŒhrt das Bekenntnis einen schmalen Grat. Es ist der Grat des Glaubens. Und der Glaube hĂ€lt beide Wahrheiten fest, auch wo er sie nicht begreift. Denke an einen Strom und seine Ufer. Das Wasser fliesst aus eigener Schwerkraft, folgt seinem eigenen GefĂ€lle, sucht sich seinen eigenen Weg in den Windungen des Flussbetts. Kein Zwang treibt es, kein unsichtbarer Handgriff schaufelt es voran. Und doch wird jeder Tropfen, der in der Quelle entspringt, unfehlbar das Meer erreichen – weil die Ufer ihn halten, weil die Böschung ihn lenkt, weil das GefĂ€lle das Ziel bestimmt, von dem es kein Entrinnen gibt. Die Ufer sind nicht das Wasser. Sie sind auch nicht die Feinde des Wassers, die es gegen seinen Willen kanalisieren. Sie sind die Bedingung, unter der das Wasser ĂŒberhaupt als Strom fliessen kann. Ohne Ufer wĂ€re es nicht Strom, sondern Sumpf, richtungslos, zielverloren, versickernd. So etwa ordnen die Zweitursachen sich zur ersten Ursache. Gott ist das GefĂ€lle, das Ufer, das Ziel. Die Geschöpfe sind das Wasser, das frei und aus eigener Natur fliesst und eben darin dem Ziel entgegeneilt, das Gott ihm gesetzt hat.

Die biblischen Grundlagen

Die Heilige Schrift stellt Gottes Ratschluss und menschliche Verantwortung nicht als GegensĂ€tze dar, die man mĂŒhsam versöhnen mĂŒsste. Sie stellt sie nebeneinander, oft im selben Satz, ohne ErklĂ€rung und ohne Entschuldigung. Sie tut dies nicht aus gedanklicher TrĂ€gheit, sondern weil der Geist, der sie eingegeben hat, weiss, dass der endliche Verstand den unendlichen Gott nicht zu fassen vermag. Er gibt uns nicht die Auflösung des RĂ€tsels; er gibt uns die beiden Eckpunkte, zwischen denen der Glaube seinen Weg gehen soll. Der Pfingstbericht ist der erste und vielleicht klarste dieser Texte. Das griechische Wort, das Luther mit »Ratschluss« ĂŒbersetzt, ist boulē – der bestimmte, festgesetzte Wille, der keine Beratung unter möglichen Optionen mehr ist, sondern die gefasste Entscheidung, die keine AbĂ€nderung mehr zulĂ€sst. Und das Wort »Vorsehung« in der Lutherbibel – im Griechischen prognƍsis – meint nicht ein passives Vorauswissen, als habe Gott in den Gang der Geschichte geschaut, das Kreuz kommen sehen und es dann in seinen Plan eingebaut. In der biblischen Sprache ist Vorherwissen ein Vorher-Lieben, ein ErwĂ€hlen, ein Sich-Verbinden mit einer Person oder einem Ereignis, bevor es in der Zeit erscheint. Gott sah das Kreuz nicht nur kommen. Er bestimmte es. Er gab seinen Sohn dahin in die HĂ€nde gottloser Menschen, weil das Kreuz das verordnete Mittel war, durch das er die Welt mit sich selbst versöhnen wollte. Und doch fĂŒhrt derselbe Satz das Kreuz auf den ewigen Ratschluss Gottes zurĂŒck und zugleich auf die zeitlichen Entscheidungen von Menschen. »Ihr habt ihn genommen«, sagt Petrus. »Durch die Hand der Ungerechten ans Kreuz geschlagen und getötet.« Die FĂŒrwörter tragen den Ton. Ihr – die MĂ€nner, die vor Petrus in Jerusalem stehen, dieselben, die vor Pilatus »Kreuzige ihn« geschrien hatten – ihr habt das getan. Die Verantwortung ist eure. Sie ist wirklich. Sie ist verdammend. Petrus sagt nicht: »Gott hat euch als willenlose Werkzeuge gebraucht, darum trifft euch keine Schuld.« Er klagt sie des Mordes an. Und als seine Hörer ins Herz getroffen sind und rufen: »Ihr MĂ€nner, liebe BrĂŒder, was sollen wir tun?«, antwortet Petrus nicht: »Nichts, denn Gott hat es so bestimmt.« Er antwortet: »Tut Busse.« Die Wirklichkeit des göttlichen Ratschlusses mindert die menschliche Verantwortung nicht um ein Gran. Das Kreuz ist die BĂŒhne, auf der Gottes ewiger Ratschluss und des Menschen freie Bosheit nicht als Gegenspieler, sondern als Mitspieler auftreten – jeder wirklich, jeder verantwortlich, jeder nach seiner Art. Das Alte Testament bietet ein Gegenbild, das womöglich noch tiefer dringt. Im letzten Kapitel des ersten Mosebuches steht Josef vor seinen BrĂŒdern. Sie hatten ihn gehasst, in eine Grube geworfen, in die Sklaverei verkauft. Mehr als zwanzig Jahre hatten sie mit der Schuld gelebt, und nun hĂ€lt der Bruder, dem sie Unrecht taten, ihr Leben in seiner Hand. Sie sind verstört. Aber Josef spricht Worte, die durch die Jahrhunderte geklungen sind als ein leuchtender Satz der Schrift ĂŒber die Zweitursachen: »Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen; aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nĂ€mlich am Leben zu erhalten ein grosses Volk.« Das hebrĂ€ische Wort chaschab, das Josef zweimal gebraucht, meint: mit Vorbedacht planen, mit Absicht ins Werk setzen. Die BrĂŒder chaschab Böses. Gott chaschab Gutes. Dasselbe Wort, dieselbe Wucht des zielgerichteten Wollens – angewandt auf die sĂŒndige Absicht des Geschöpfes und auf die heilige Absicht des Schöpfers. Der Plan der BrĂŒder war wirklich der ihre. Sie waren keine Marionetten. Der Hass, der sie trieb, stieg aus der Verderbtheit des eigenen Herzens auf. Und doch wirkte Gott unter ihrem Plan und ĂŒber ihrem Plan und in und durch ihren Plan den seinen – einen Plan von solcher Weisheit und GĂŒte, dass Josef am Ende auf das Böse, das man ihm angetan hatte, blicken und es gut nennen konnte. Nicht weil das Böse nicht böse gewesen wĂ€re – es war böse –, sondern weil der Gott, der alle Dinge regiert, es so geordnet hatte, dass das Böse zum Werkzeug eines grösseren Guten wurde, als irgendjemand sich hĂ€tte vorstellen können. Dies ist das biblische Urbild der Mitwirkung: Gottes Plan, der durch menschliche PlĂ€ne wirkt, ohne sie aufzuheben, und beide sind wirklich. Der Prophet Jesaja öffnet einen dritten Blick auf dasselbe Geheimnis, und zwar gegen den Hochmut, der den Menschen zur letzten Ursache seines eigenen Tuns erhebt. Gott spricht zu Assyrien, dem Grossreich, das er als Gerichtswerkzeug gegen Israel gebrauchen will: »Wehe Assur, der meines Zornes Rute und meines Grimmes Stecken ist!« Assyrien ist ein Werkzeug in der Hand Gottes, ein Instrument, das er schwingt, um sein heiliges Ziel zu vollstrecken. Dann aber kommt die Wendung: »Aber er meint's nicht so, und sein Herz denkt nicht so; sondern sein Herz steht danach, zu vertilgen und auszurotten nicht wenige Völker.« Assyrien weiss nicht, dass es Gottes Werkzeug ist. Es bildet sich ein, aus eigenem Machtstreben zu handeln, getrieben von nichts als Eroberungslust. Und es ist schuldig an diesem Machtstreben. Die folgenden Verse sprechen das Gericht: »Darf sich denn die Axt rĂŒhmen gegen den, der mit ihr haut? Oder die SĂ€ge sich brĂŒsten gegen den, der sie zieht? Als ob die Rute den schwingen könnte, der sie hebt!« Die Axt ist ein wirkliches Werkzeug. Sie spaltet wirklich das Holz. Aber die Axt schwingt sich nicht selbst. Die Hand, die sie hĂ€lt, ist die Hand Gottes. Und doch wird die Axt zur Rechenschaft gezogen dafĂŒr, dass sie sich einbildet, mehr zu sein. Als der assyrische Soldat sein Schwert gegen ein israelitisches Kind erhob, war dieses Schwert die Rute des göttlichen Zornes, und doch war die Hand, die es fĂŒhrte, eine gottlose Hand, und Gott wĂŒrde sie richten. Der Soldat war keine Marionette. Er war ein williger, eifriger Vollstrecker des Bösen, der, ohne es zu wissen, zugleich das Werkzeug des heiligen Gottes war. Beides zugleich: voll verantwortlicher TĂ€ter und Mittel in der Hand dessen, der auch das Böse seinem Ratschluss dienstbar macht. Die Apostelgeschichte bringt uns ein weiteres Zeugnis. Nachdem Petrus und Johannes vom Hohen Rat bedroht worden waren, kehrten sie zur Gemeinde zurĂŒck, und die GlĂ€ubigen beteten. Ihr Gebet fĂŒhrt die Lehre der Zweitursachen in die Anbetung ĂŒber: »Wahrlich, sie haben sich versammelt gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und dem Volk Israel, zu tun, was deine Hand und dein Ratschluss zuvor bestimmt hatte, dass es geschehen sollte.« Wieder stehen sie nebeneinander, ohne Vermittlung, ohne AbschwĂ€chung: die Versammlung der Feinde – Herodes, Pilatus, Heiden, Israel – und der Ratschluss Gottes. Sie taten, was sie wollten. Sie taten, was Gott zuvor bestimmt hatte. Kein »obwohl«, kein »trotzdem«, kein »sozusagen«. Die erste Christenheit betete diese Spannung an. Sie versuchte nicht, sie aufzulösen. Sie brachte sie vor Gott und liess sie dort stehen, wo alle RĂ€tsel einmal ihre Antwort finden werden. Schliesslich holt Paulus die Lehre von den Zweitursachen aus dem Bereich der grossen weltgeschichtlichen Ereignisse in die stille Werkstatt des glĂ€ubigen Herzens. Er schreibt der Gemeinde in Philippi: »Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.« Das Verb ist aktiv, der Ton befehlend, das GefĂ€lle drĂ€ngend. Du schaffst. Du setzt dich ein. Keine Spur von UntĂ€tigkeit, kein Gedanke, man könne sich zurĂŒcklehnen und warten, bis die Heiligung wie ein Paket mit der Post geliefert werde. Und doch belĂ€sst Paulus es nicht dabei. Der nĂ€chste Vers nennt den Grund: »Denn Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.« Das griechische Wort energeƍ, von dem unser Wort Energie stammt, beschreibt ein tĂ€tiges, wirksames, unablĂ€ssiges göttliches Handeln. Gott wirkt in dir. Sein Wirken ist die Ursache deines Wollens und deines Vollbringens. Und gerade weil Gott wirkt, darum sollst du wirken. Die göttliche UrsĂ€chlichkeit ersetzt die menschliche Anstrengung nicht; sie ermöglicht sie, trĂ€gt sie, macht sie fruchtbar. Paulus sagt nicht: Gott wirkt, darum brauchst du nicht zu wirken. Er sagt nicht: Du wirkst, darum ist Gottes Wirken entbehrlich. Er hĂ€lt beides im selben Atemzug fest, in derselben Logik, in derselben Wirklichkeit. Das christliche Leben ist ein concursus, ein Zusammenlaufen göttlicher Kraft und menschlichen Fleisses, und keines hat Sinn ohne das andere.

Was die Westminster-VĂ€ter meinten

Die VĂ€ter von Westminster begriffen, dass das VerhĂ€ltnis zwischen der ersten Ursache und den Zweitursachen kein akademisches RĂ€tsel war, das man zur Unterhaltung der Theologen löste, sondern eine seelsorgerliche Notwendigkeit. Wer diese Lehre in die eine Richtung verfehlt, zieht Christen heran, die passiv, schicksalsglĂ€ubig und verantwortungslos sind und darauf warten, dass Gott tut, was er ihnen zu tun befohlen hat. Wer sie in die andere Richtung verfehlt, zieht Christen heran, die Ă€ngstlich, selbstsicher und gebetslos sind und handeln, als hinge der Ausgang ihrer MĂŒhen allein von ihnen selbst ab. Der Eingangssatz legt das Fundament: »Obwohl in Beziehung auf die Vorhersehung und den Ratschluss Gottes, der ersten Ursache, alle Dinge unverĂ€nderlich und untrĂŒglich geschehen.« Das Wörtchen »obwohl« zeigt an, dass das Folgende keine EinschrĂ€nkung, sondern eine HinzufĂŒgung ist. Die UnverĂ€nderlichkeit und UntrĂŒglichkeit des Ratschlusses sind die Voraussetzung. Der Ratschluss ist die erste Ursache – nicht im zeitlichen Sinn, als habe Gott die Kette der Ereignisse angestossen und sei dann zurĂŒckgetreten, sondern im Sinn der Seinsordnung: der Grund, auf dem jede andere Ursache ruht. Ohne die erste Ursache gĂ€be es ĂŒberhaupt keine Zweitursachen. Dann folgt die grosse Entgegensetzung mit dem »so 
 doch«: »So ordnet er sie doch durch dieselbe Vorsehung so an, dass sie gemĂ€ss der Natur der Zweitursachen entweder notwendig, frei oder zufĂ€llig eintreten.« Die Wendung »durch dieselbe Vorsehung« ist der theologische Schlussstein. Gott verordnet die Dinge nicht unverĂ€nderlich trotz der Zweitursachen, als wĂ€ren sie ein Hindernis, das er ĂŒberwinden muss. Er verordnet sie auch nicht unter Übergehung der Zweitursachen, als wĂ€ren sie nur scheinbar. Er verordnet sie durch dieselbe Vorsehung, durch dasselbe Regiment, mit dem er alle Dinge lenkt. Die göttliche SouverĂ€nitĂ€t verletzt die geschöpfliche UrsĂ€chlichkeit nicht; sie begrĂŒndet sie. Die drei Kategorien, die der Abschnitt entfaltet, verdienen eine genauere Betrachtung. Notwendige Ursachen sind solche, die nach festen Gesetzen wirken und nicht anders können: Feuer brennt, die Sonne geht auf, Wasser fliesst bergab. Diese Ursachen sind wirklich – Feuer brennt wirklich –, aber sie wirken mit Notwendigkeit gemĂ€ss der Natur, die Gott ihnen gegeben hat. Freie Ursachen sind solche, die durch vernĂŒnftige Wahl handeln: die Entscheidungen von Engeln und Menschen. Wenn ein Mensch sich entscheidet zu heiraten oder einen Beruf zu ergreifen oder eine SĂŒnde zu begehen, so wĂ€hlt er frei aus seinem eigenen Willen, ohne Ă€usseren Zwang. Seine Wahl ist wirklich seine eigene, und er ist wirklich fĂŒr sie verantwortlich. Und doch ist seine Wahl auch von Gott verordnet – nicht indem Gott den Willen vergewaltigt, sondern indem er durch den Willen hindurch wirkt. ZufĂ€llige Ursachen schliesslich sind solche, die uns als Zufall oder UngefĂ€hr begegnen: das Fallen des Loses, die Begegnung zweier Freunde auf einer Landstrasse. Diese Ereignisse scheinen fĂŒr uns keine bestimmte geschöpfliche Ursache zu haben, und in einem Sinne haben sie auch keine – keine geschöpfliche Ursache legt sie fest. Aber fĂŒr Gott sind sie nicht zufĂ€llig. Was wir Zufall nennen, ist nur der Name, den wir Ereignissen geben, deren geschöpfliche Ursachen wir nicht nachzeichnen können. Das Los wird in den Schoss geworfen, aber es fĂ€llt, wie der Herr es will. Die VĂ€ter von Westminster beantworteten mit diesem Abschnitt bestimmte IrrtĂŒmer ihrer Zeit. Auf der einen Seite stand der stoische Fatalismus, jene Lehre, dass alle Dinge durch ein unpersönliches Schicksal geschehen, das die Menschen zu RĂ€dchen in einer Maschine macht. Dagegen beharrt das Bekenntnis darauf, dass Zweitursachen wirklich sind. Menschen wĂ€hlen frei. Feuer brennt notwendig. Dies sind keine Einbildungen. Sie zĂ€hlen. Der Bauer, der nicht sĂ€t, wird nicht ernten – nicht weil Gottes Ratschluss versagte, sondern weil Gottes Ratschluss die Mittel ebenso umfasst wie das Ziel. Auf der anderen Seite stand der Arminianismus, der die Vorsehung auf eine allgemeine Aufsicht beschrĂ€nkte, die menschliche Entscheidungen im Kern unbestimmt liess – frei in einem Sinne, der die göttliche Verordnung ausschloss. Dagegen beharrt das Bekenntnis darauf, dass alle Dinge, nicht nur einige, unverĂ€nderlich und untrĂŒglich nach dem Ratschluss Gottes geschehen. Die Freiheit des menschlichen Willens stellt ihn nicht ausserhalb der Vorsehung. Sie bedeutet, dass Gott freie Ursachen als freie Ursachen lenkt und nicht in notwendige verwandelt. Das Geheimnis, wie dies möglich ist, gibt das Bekenntnis nicht vor zu lösen. Es spricht nur aus, was die Schrift ausspricht, und legt das Wie in die HĂ€nde dessen, dessen Wege unerforschlich sind.

Theologische Tiefe

Die reformierte Theologie hat das VerhĂ€ltnis von erster Ursache und Zweitursachen mit einer Sorgfalt durchdacht, die bis heute ihresgleichen sucht. Vier Stimmen verdienen in diesem Zusammenhang gehört zu werden. Francis Turretin, der Genfer Theologe, der die reformierte Lehrbildung in klassische Form goss, unterschied in seinen Institutes of Elenctic Theology drei Akte der Vorsehung: die Erhaltung, die Mitwirkung und die Regierung. WĂ€hrend der erste Abschnitt unseres Kapitels vor allem die Erhaltung und die Regierung betraf, steht im zweiten Abschnitt die Mitwirkung im Zentrum – lateinisch der concursus, wörtlich das Zusammenlaufen. Turretin lehrt, dass Gott die Geschöpfe im Dasein hĂ€lt und an ihr Ziel fĂŒhrt und in jedem einzelnen Akt eines jeden Geschöpfes unmittelbar mitwirkt. Kein Blatt fĂ€llt, kein Gedanke steigt auf, keine Entscheidung wird gefĂ€llt, ohne dass Gott den Handelnden im Sein hĂ€lt, ihm die Kraft zum Handeln leiht und das Handeln selbst auf sein Ziel hin lenkt. Aber Turretin zieht eine scharfe und unverzichtbare Grenze: Gottes Mitwirkung ist nicht von derselben Art wie die Mitwirkung eines Geschöpfes. Gott und Geschöpf sind nicht zwei gleichgeordnete Ursachen, die sich die Verantwortung teilen wie zwei MĂ€nner, die gemeinsam einen Balken tragen. Gott wirkt als die erste Ursache auf einer ganz anderen Ebene als das Geschöpf. Er gibt dem Geschöpf das Sein, die Kraft, die FĂ€higkeit zu handeln – Dinge, die das Geschöpf sich nicht selbst geben kann. Das Geschöpf handelt aus eigener Natur, aus eigenem Antrieb, mit eigener Verantwortung. Wenn das Geschöpf sĂŒndigt, ist die SĂŒnde ganz sein eigenes Werk; Gott erhĂ€lt den SĂŒnder im Dasein und verleiht ihm die Kraft zu wollen, aber er flösst ihm die Bosheit seines Wollens nicht ein. Die Bosheit entspringt allein dem Geschöpf. Johannes Calvin erkannte, dass die Lehre von der Vorsehung ohne die Lehre von den Zweitursachen zur Verzweiflung oder zur TrĂ€gheit fĂŒhrt. Wer meint, jeder Schicksalsschlag komme unmittelbar und ohne jede Vermittlung aus Gottes Hand, wird entweder an Gott irre oder gibt jedes eigene Handeln auf. Calvin verwies auf die Schöpfungsordnung: Gott hĂ€tte uns ohne Speise erhalten können, aber er hat das Brot geschaffen und den Acker und den Regen und die Arbeit des Bauern. Er hĂ€tte uns ohne Gemeinschaft heiligen können, aber er hat die Kirche gestiftet und das Amt der Predigt und die Sakramente. Er hĂ€tte uns ohne unser Zutun erretten können, aber er hat den Glauben verordnet und die Busse und das Gebet. Dass Gott durch Mittel wirkt, ist kein Zeichen seiner SchwĂ€che, sondern seiner Weisheit. Es ehrt ihn, dass er seinen Geschöpfen eine WĂŒrde verleiht, indem er sie zu Mitarbeitern seines Planes macht. Und es bewahrt uns vor der SchwĂ€rmerei, die auf unmittelbare Eingriffe wartet und die verordneten Mittel verachtet. Herman Bavinck, der grosse hollĂ€ndische Dogmatiker, vertiefte diese Einsicht um eine wesentliche Unterscheidung. Er zeigte, dass die Mitwirkung Gottes mit den Zweitursachen kein Nebeneinander auf derselben Ebene ist. Das Geschöpf bringt das Ganze seiner Handlung hervor, der Gedanke ist ganz sein Gedanke, die Entscheidung ganz seine Entscheidung, die Tat ganz seine Tat. Und Gott bringt das Ganze derselben Handlung hervor, aber auf eine andere, höhere Weise, indem er das Geschöpf befĂ€higt, sie zu bewirken. Der menschliche Verstand kann dieses Ineinander nicht auflösen. Er kann es nur anerkennen. Bavinck gebrauchte ein Bild, das dem Kirchenvater Augustinus entlehnt ist: Derselbe Sonnenstrahl, der das Wachs schmilzt, hĂ€rtet den Ton. Der Unterschied der Wirkung liegt nicht im Strahl, sondern in der Beschaffenheit dessen, worauf er trifft. So wirkt auch Gott: Seine Kraft wirkt auf alle Geschöpfe, aber je nach ihrer Natur bringt sie verschiedene Wirkungen hervor. Im glĂ€ubigen Herzen wirkt sie Reue und Glauben; im verstockten Herzen wirkt sie VerhĂ€rtung, nicht weil Gott die HĂ€rte schafft, sondern weil dasselbe Licht, das das eine Auge sehend macht, das andere blendet. Heinrich Bullinger legte im Zweiten Helvetischen Bekenntnis den Akzent auf das Vertrauen, das aus dieser Lehre wĂ€chst. Im sechsten Kapitel schreibt er, dass Gottes Vorsehung den Gebrauch der Mittel nicht aus-, sondern einschliesst: »Die aber die Vorsicht Gottes nicht recht bedenken, die fallen gemeinlich in Verzweiflung, wo sie die Gefahr und Notdurft anficht, oder sie verachten die Mittel und erzeigen sich treulos und unvorsichtig.« Der gereifte Glaube, so Bullinger, zeichnet sich dadurch aus, dass er beides zugleich vermag: die Mittel gebrauchen und doch auf Gott allein vertrauen. Der Bauer pflĂŒgt und sĂ€t, als gĂ€be es keine Vorsehung; und er betet um Regen und Ernte, als gĂ€be es keinen Pflug und keinen Samen. Kein Widerspruch, sondern zwei Blickrichtungen ein und desselben Glaubens. Thomas Watson schliesslich, mit der ihm eigenen WĂ€rme, wandte die Lehre von den Zweitursachen auf das innere Leben an. Er erinnerte daran, dass die Gnadenmittel, das Wort, die Sakramente, das Gebet, Zweitursachen sind, durch die Gott das Heil in uns wirkt. Sie zu verachten und auf eine unmittelbare Eingebung zu warten, ist Vermessenheit. Sie zu gebrauchen und zu meinen, sie wirkten aus eigener Kraft, ist Aberglaube. Der rechte Weg liegt in der Mitte: Die Mittel gebrauchen, weil Gott sie verordnet hat, und von Gott allein die Wirkung erwarten.

Anwendung fĂŒr das reformierte Leben

Die Lehre von den Zweitursachen will nicht nur verstanden, sie will gelebt sein. Sechs Folgerungen drĂ€ngen sich auf. Erstens: Diese Lehre tötet den Fatalismus und die TrĂ€gheit, die sich fromm verkleiden. Nichts liegt dem biblischen Glauben ferner als die Haltung: Wenn Gott den Ausgang bestimmt hat, kommt es auf mein Handeln nicht an. Gottes Ratschluss umfasst das Ziel und den Weg, und du bist Teil des Weges. Als Paulus im Sturm auf dem Mittelmeer trieb und die Matrosen das Schiff verlassen wollten, sprach er nicht: Wenn Gott unsere Rettung beschlossen hat, werden wir ohnehin gerettet. Er sprach: »Wenn diese nicht auf dem Schiff bleiben, könnt ihr nicht gerettet werden.« Der Ratschluss Gottes machte die Anstrengung der Matrosen nicht ĂŒberflĂŒssig. Er machte sie unentbehrlich. Deine Arbeit, deine Entscheidungen, dein Fleiss – das sind nicht die Alternativen zu Gottes Ratschluss. Es sind die KanĂ€le, durch die Gottes Ratschluss sich vollzieht. Der Bauer, der an die Vorsehung glaubt, verbrennt seine Saat nicht; er sĂ€t sie aus. Die Mutter, die auf Gott vertraut, versĂ€umt es nicht, ihre Kinder zu nĂ€hren; sie nĂ€hrt sie. Tue das Deine mit ganzem Ernst, als hinge alles von dir ab, und vertraue das Gelingen Gott an, als hinge alles von ihm ab. Beides zugleich: das ist die Haltung des Glaubens. Zweitens: Die Lehre von den Zweitursachen tötet den Hochmut, der den Menschen zur letzten Ursache seiner eigenen Leistungen erhebt. Die Axt ist ein wirkliches Werkzeug, und sie spaltet wirklich das Holz. Aber wenn die Axt anfinge, sich gegen den HolzfĂ€ller zu rĂŒhmen, wĂŒrden wir lachen, denn eine Axt hat keine Kraft aus sich selbst. Sie ist totes Eisen, bis eine lebendige Hand sie ergreift. Und doch, wie leicht verfallen wir in dieselbe Torheit. Du hast das GeschĂ€ft aufgebaut, und es gedieh. Du hast die Kinder erzogen, und sie gerieten gut. Du hast die Schrift studiert, und du wuchsest in der Erkenntnis. All das hat deine wirkliche MĂŒhe erfordert, deine wirklichen Entscheidungen, deinen wirklichen Fleiss. Aber hinter jeder dieser MĂŒhen, deine Kraft erhaltend, deinen Weg lenkend, die UmstĂ€nde fĂŒgend – stand die Hand des lebendigen Gottes. Paulus fragt: »Was hast du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, was rĂŒhmst du dich, als hĂ€ttest du es nicht empfangen?« Jede Gabe, jede Gelegenheit, jeder lichte Gedanke – alles kam von der ersten Ursache, die durch Zweitursachen wirkt, ohne ihnen je untertan zu werden. Du bist ein Werkzeug. Ein gesegnetes Werkzeug, ein williges Werkzeug, ein verantwortliches Werkzeug – aber ein Werkzeug. Die Ehre gebĂŒhrt nicht dem Werkzeug, sondern der Hand, die es fĂŒhrt. Drittens: Die Lehre von den Zweitursachen ist Balsam fĂŒr das wunde Herz, das sein Leid nicht versteht. Da ist ein Mensch, der dich verletzt hat. Ein Freund, der dich verriet. Ein Bruder, der dich verleumdete. Ein Vorgesetzter, der dich ungerecht behandelte. Die Wunde ist wirklich, und du brauchst nicht so zu tun, als wĂ€re sie es nicht. Josef brauchte auch nicht so zu tun, als hĂ€tten seine BrĂŒder ihm nichts angetan. Sie hatten es. Ihre Tat war böse, und ihre Schuld war wirklich. Und dennoch hatte dasselbe Ereignis zwei Bedeutungen, zwei Absichten. Die eine war menschlich und böse. Die andere war göttlich und gut. Der göttliche Plan hat den menschlichen verschlungen, ohne ihn zu entschuldigen. Das Böse, das man dir antat, hat Gott nicht nur zugelassen und dann das Beste aus den TrĂŒmmern gerettet. Er hat es verordnet fĂŒr einen Zweck, der deine Heiligung umfasst und den Lobpreis seiner Gnade. Wenn du den Zweck nicht sehen kannst, vertraue dem, der ihn sieht. Nichts erreicht dich, was nicht durch die nageldurchbohrten HĂ€nde des Erlösers gegangen ist. Viertens: Die Lehre von den Zweitursachen macht das Gebet nicht ĂŒberflĂŒssig, sondern sinnvoll. Wenn Gott alle Dinge verordnet hat, warum dann noch beten? Die Antwort lautet: Weil das Gebet eine Zweitursache ist. Gott hat das Ziel und die Mittel verordnet, und das Gebet zĂ€hlt zu den wichtigsten Mitteln, die er eingesetzt hat. Wenn du fĂŒr das Heil deines Kindes betest, versuchst du nicht, einen widerstrebenden Gott zu ĂŒberreden. Du nimmst teil an dem Mittel, durch das Gott seinen Plan auszufĂŒhren beschlossen hat. Jakobus sagt: »Ihr habt nicht, weil ihr nicht bittet.« Das Ausbleiben des Gebets ist einer der GrĂŒnde, warum bestimmte Segnungen zurĂŒckgehalten werden, nicht als ob Gottes Ratschluss am fehlenden Gebet scheiterte, sondern weil sein Ratschluss den Segen an das Gebet gebunden hat. Gebetslosigkeit ist nicht nur ein frommer Mangel. Sie ist das VersĂ€umnis, nach den Mitteln zu greifen, die Gott verordnet hat. FĂŒnftens: Die Lehre von den Zweitursachen lehrt uns, mit dem Geheimnis zu leben, ohne dem Widerspruch zu verfallen. Die Geschichte der Theologie ist ĂŒbersĂ€t mit den TrĂŒmmern von Geistern, die keine Ruhe fanden, bis jedes RĂ€tsel gelöst war: der Fatalist, der die menschliche Verantwortung auf dem Altar der göttlichen SouverĂ€nitĂ€t opfert; der Arminianer, der die göttliche SouverĂ€nitĂ€t auf dem Altar der menschlichen Freiheit opfert. Alle diese Wege verkleinern das biblische Geheimnis auf das Mass dessen, was der menschliche Verstand bewĂ€ltigen kann. Das Bekenntnis verweigert sich diesen Wegen. Es hĂ€lt beide Wahrheiten fest, Gott verordnet alle Dinge unverĂ€nderlich, und die Geschöpfe handeln ihrer Natur gemĂ€ss, und legt das Wie in Gottes HĂ€nde. Das ist nicht gedankliche TrĂ€gheit, sondern gedankliche Demut vor dem unendlichen Gott. »Was verborgen ist, ist des Herrn, unseres Gottes; was aber offenbart ist, das gilt uns und unseren Kindern ewiglich.« Die Lehre von den Zweitursachen gehört zum Geoffenbarten. Sie sagt uns, dass unsere Entscheidungen zĂ€hlen, dass unsere Gebete zĂ€hlen, dass unsere MĂŒhen zĂ€hlen, und dass hinter allen der Gott steht, der eines jeden Dinges erste Ursache ist. Darin können wir ruhen. Darin können wir arbeiten. Darin können wir leiden. Sechstens: Schliesslich lehrt uns diese Wahrheit, auf Christus zu blicken als den Ort, an dem das Geheimnis nicht erklĂ€rt, aber angebetet wird. Der zweite Abschnitt des Bekenntnisses ist eine Entfaltung des Kreuzes. Am Kreuz laufen alle drei Kategorien der Zweitursachen zusammen: notwendig, denn der Sohn Gottes musste leiden nach dem bestimmten Ratschluss Gottes; frei, denn Herodes, Pilatus, die Soldaten und das Volk handelten aus freien StĂŒcken, und ihre SĂŒnde war ganz die ihre; zufĂ€llig, denn dass der Himmel sich zur sechsten Stunde verfinsterte und der Vorhang zur neunten Stunde zerriss, das war fĂŒr die Augenzeugen ein BĂŒndel von ZufĂ€llen, und doch war jeder von Ewigkeit her verordnet. Am Kreuz sehen wir, dass die Lehre von den Zweitursachen nicht auf dem Reissbrett der Theologen entstand, sondern auf dem HĂŒgel Golgatha. Wenn du in die Versuchung gerĂ€tst, die Verantwortung von dir zu schieben, dann blicke auf den, der fĂŒr deine SĂŒnden starb. Und wenn du in die Versuchung gerĂ€tst, an Gottes Lenkung zu zweifeln, dann blicke auf den, der am Kreuz hing und doch genau darin den ewigen Ratschluss der Erlösung vollstreckte. Das grösste Unrecht der Weltgeschichte und die grösste Liebestat der Ewigkeit sind ein und dasselbe Ereignis. Darin ist die Lehre von den Zweitursachen nicht nur gedacht, sondern gelebt, nicht nur formuliert, sondern vollbracht.

Gebet

Herr, allmĂ€chtiger Gott, du erste Ursache und du letztes Ziel aller Dinge. Vor dir beugen wir uns als Geschöpfe, die ihr Dasein allein deiner erhaltenden Hand verdanken. Du hast alles verordnet, was geschieht, und nichts liegt ausserhalb deines weisen und heiligen Ratschlusses. Und doch hast du uns zu wirklichen Handelnden gemacht, mit einem Willen, der wĂ€hlt, mit HĂ€nden, die anfassen, mit einem Herzen, das Verantwortung trĂ€gt. Wir bekennen, dass wir nicht begreifen können, wie dein souverĂ€nes Walten und unsere Freiheit nebeneinander bestehen. Aber wir glauben es, weil dein Wort es bezeugt, und wir vertrauen dir, wo wir dich nicht ergrĂŒnden können. Vergib uns den Hochmut, der uns selbst zur ersten Ursache unseres Gelingens macht, als hĂ€tte unsere Kraft auch nur das Geringste ohne dich vermocht. Vergib uns die TrĂ€gheit, die unsere Faulheit mit deinem Ratschluss entschuldigt, als ob dein Verordnen des Ziels die Mittel ĂŒberflĂŒssig machte. Vergib uns die Furcht, mit der wir der Zukunft entgegenblicken, als ob die ZufĂ€lle, die wir nicht berechnen können, ausserhalb deiner Hand lĂ€gen. Vergib uns die Bitterkeit, mit der wir erlittenes Leid empfangen haben, als ob die Hand, die es schickte, nicht dieselbe Hand wĂ€re, die fĂŒr uns durchbohrt ward. Lehre uns, mit ganzem Fleiss zu arbeiten, weil wir wissen, dass unsere Arbeit nicht vergeblich ist in dir. Lehre uns, mit ganzer Inbrunst zu beten, weil wir wissen, dass das Gebet das Mittel ist, das du verordnet hast, deine Absichten auszufĂŒhren. Lehre uns, in Geduld zu leiden, weil wir wissen, dass das Böse, das Menschen wider uns sinnen, du zu unserem Guten zu wenden weisst. Und lehre uns, in Demut zu leben, als solche, die wissen, dass sie Werkzeuge sind in der Hand eines Meisters, dessen Weisheit unerforschlich und dessen Liebe unerschöpflich ist. Wir bitten dies alles im Namen Jesu Christi, der durch deinen bestimmten Ratschluss und deine Vorsehung dahingegeben wurde und den gottlose HĂ€nde ans Kreuz geschlagen und getötet haben – zu unserem Heil. Ihm sei mit dir, Vater, und dem Heiligen Geist alle Herrlichkeit und Herrschaft, jetzt und in Ewigkeit. Amen.
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