Andacht 28 von 171

Manche Wahrheiten kann der Mensch nicht ansehen, ohne dass i

Kap.5: Von der Vorsehung — Abschnitt 4 • 2026-06-01 • 37 Min.

Das Bekenntnis

Die allmächtige Macht, die unerforschliche Weisheit und die unendliche Güte Gottes offenbaren sich in seiner Vorsehung so weit, dass sie sich sogar auf den ersten Sündenfall und alle anderen Sünden der Engel und Menschen erstreckt; und dies nicht durch eine blosse Zulassung, sondern durch eine solche, die mit einer höchst weisen und mächtigen Begrenzung und anderweitigen Anordnung und Lenkung derselben verbunden ist, in mannigfaltiger Austeilung, zu seinen eigenen heiligen Zwecken; doch so, dass die Sündhaftigkeit derselben allein vom Geschöpf ausgeht und nicht von Gott, der, da er höchst heilig und gerecht ist, weder Urheber noch Gutheisser der Sünde ist noch sein kann.
– Westminster Bekenntnis, Kapitel 5, Abschnitt 4

Einleitung

Manche Wahrheiten kann der Mensch nicht ansehen, ohne dass ihm schwindelt. Sie sind zu gross, zu tief, zu fremd für ein Geschöpf, das den Masstab der eigenen Vernunft an alle Dinge legt. Der vierte Abschnitt des fünften Kapitels stellt uns vor eine solche. Sie betrifft das Verhältnis des heiligen Gottes zur Sünde seiner Geschöpfe. Kein Artikel des christlichen Glaubens hat mehr Spott auf sich gezogen, mehr Widerspruch entfacht und mehr gläubige Seelen in innere Anfechtung gestürzt als dieser: dass derselbe Gott, der die Sünde mit vollkommenem Hass verabscheut, sie dennoch in seiner Vorsehung umfasst, lenkt und seinen heiligen Zwecken dienstbar macht. Die Frage trifft den Kern des Daseins. Wenn Gott die Welt regiert, woher kommt das Böse? Wenn er allmächtig ist, warum verhindert er die Sünde nicht? Wenn er heilig ist, wie kann er sie dulden, geschweige denn lenken? Diese Fragen sind kein Privileg der Philosophen. Sie steigen aus der Tiefe jeder Seele auf, die gelitten hat. Die Mutter, deren Kind missbraucht wurde, stellt sie. Der Mann, der um seine Ehe ringt, stellt sie. Der Gläubige, der in eine Sünde fiel, die er nie für möglich gehalten hätte, stellt sie zitternd vor Gott selbst. Und die Schrift schweigt zu keiner davon. Sie gibt Antwort, eine Antwort, die den Fragenden zuerst in die Knie zwingt, bevor sie ihn aufrichtet. Der Westminster-Abschnitt, vor dem wir heute stehen, gehört zu den kühnsten Aussagen des ganzen Bekenntnisses. Er geht weiter als jeder Abschnitt zuvor. Die Vorsehung, so sagt er, erstreckt sich »sogar auf den ersten Sündenfall und alle anderen Sünden der Engel und Menschen«. Nicht nur auf das Gute, nicht nur auf die Erlösung, nicht nur auf die Führung der Gläubigen. Sondern auf den Abgrund selbst – auf jenen ersten Riss im Gewebe der Schöpfung, der sich in der Stille Edens auftat, als die Frucht vom Baum genommen wurde, und der seither durch jede Menschenseele geht, die je das Licht der Welt erblickte. Keine Sünde fällt aus Gottes Vorsehung heraus. Keine Übertretung geschieht, die er nicht umfasst. Kein Abfall, kein Mord, keine Lüge, kein stiller, im Verborgenen genährter Hass entzieht sich seiner Regierung. Das Bekenntnis stellt diese Wahrheit hin ohne Abschwächung, ohne Entschuldigung und ohne die halben Kompromisse, mit denen menschliche Theologie sich gern aus der Verlegenheit zieht. Doch kaum hat es diesen Satz ausgesprochen, zieht es eine Grenze, die niemand überschreiten darf: Die Sündhaftigkeit, das Böse als Böses, geht allein vom Geschöpf aus. Gott ist weder ihr Urheber noch ihr Gutheisser. Er ist heilig. Er ist gerecht. Er kann die Sünde nicht wollen, wie er das Gute will. Er kann sie nicht lieben, nicht billigen, nicht hervorbringen. Und doch – und hier liegt das Geheimnis, vor dem alle menschliche Logik zerbricht – lenkt er sie, begrenzt er sie, ordnet er sie und führt sie seinem heiligen Ziel entgegen. Wie ein Feldherr, der den Angriff des Feindes nicht gewollt, aber vorhergesehen hat und in seine Schlachtordnung einbaut, so webt der Allmächtige selbst die Fäden der Rebellion in den Teppich seiner ewigen Absichten. Die Finsternis dient dem Licht, ohne selbst Licht zu werden. Der Hass dient der Liebe, ohne selbst Liebe zu sein. Der Verrat des Judas dient der Erlösung der Welt, und doch bleibt Judas ein Sohn des Verderbens. Hörer, wenn du diesen Abschnitt zum ersten Mal in seiner vollen Wucht vernimmst, mag etwas in dir aufschreien. Dein Gerechtigkeitssinn bäumt sich auf. Dein Verstand sucht nach einem Ausweg. Das ist recht. Das ist menschlich. Aber lass den Aufschrei nicht das letzte Wort behalten. Lass die Schrift sprechen. Denn was die Vernunft nicht fassen kann, das bezeugt Gottes eigenes Wort mit einer Klarheit, die dem Glauben genügt.

Die biblischen Grundlagen

Die Heilige Schrift geht mit einer Unbefangenheit an die Frage heran, die jeden Theologen zur Verzweiflung treiben würde, der seine Systematik über den biblischen Befund stellen will. Sie lehrt beides mit gleicher Wucht: Gottes vollkommene Souveränität über alle Dinge, die Sünde eingeschlossen, und Gottes vollkommene Heiligkeit, die ihn von jeder Gemeinschaft mit dem Bösen trennt. Sie versucht nie, die Spannung aufzulösen. Sie hält sie aus. Und sie tut es nicht in abstrakten Lehrsätzen, sondern in konkreten Geschichten, die uns tiefer in das Geheimnis hineinführen als jede philosophische Abhandlung. Die erste dieser Geschichten steht im Alten Testament und gehört zu den verstörendsten Texten der ganzen Bibel. Im zweiten Buch Samuel lesen wir: »Und der Zorn des Herrn entbrannte abermals gegen Israel, und er reizte David gegen sie auf und sprach: Geh hin, zähle Israel und Juda!« Gott reizte David. Gott befahl ihm die Volkszählung. Und als David sie durchgeführt hatte, schlug sein Gewissen. »Und es geschah, als David das Volk gezählt hatte, schlug ihm das Herz. Und David sprach zum Herrn: Ich habe schwer gesündigt, dass ich das getan habe.« Gott hatte ihn gereizt, und doch war die Tat Sünde – eine Sünde, für die siebzigtausend Männer Israels durch die Pest starben. Der Chronist, der denselben Vorgang ein halbes Jahrtausend später beschrieb, fügte ein Wort hinzu, das die Spannung nicht auflöst, sondern verschärft: »Und der Satan trat auf gegen Israel und reizte David, Israel zu zählen.« Zwei biblische Autoren, dasselbe Ereignis. Der eine sagt: Gott reizte David. Der andere sagt: Satan reizte David. Welcher hat recht? Beide. Gott wollte Israel strafen und gebrauchte Satan als Werkzeug. Satan wollte David zur Sünde verführen, und Gott liess es zu – nicht als ohnmächtiger Zuschauer, sondern als der Souverän, der Satans Bosheit in seinen Plan einbaute wie ein Baumeister einen unbehauenen Stein in die Mauer fügt. David sündigte aus eigenem Antrieb. Seine Eitelkeit, sein militärisches Vertrauen auf Menschenkraft statt auf Gottes Schutz – das war Davids Sünde, und er bekannte sie als die seine. Aber hinter Davids Sünde stand der Ratschluss dessen, der selbst den Zorn der Menschen zu seinem Lobpreis lenkt. Eine zweite Geschichte führt uns noch tiefer in die himmlischen Ratskammern. Der Prophet Micha, der Sohn Jimlas, steht vor dem König Ahab, der mit Josaphat von Juda gegen Ramot in Gilead ziehen will. Alle vierhundert Hofpropheten haben Sieg geweissagt. Nur Micha redet die Wahrheit, und sie ist von einer Ungeheuerlichkeit, die den König erbleichen lässt. »Ich sah den Herrn auf seinem Thron sitzen, und das ganze himmlische Heer stand neben ihm zu seiner Rechten und seiner Linken. Und der Herr sprach: Wer will Ahab betören, dass er hinaufzieht und vor Ramot in Gilead fällt? Und einer sagte dies, der andere das. Da trat ein Geist hervor und stellte sich vor den Herrn und sprach: Ich will ihn betören. Der Herr sprach zu ihm: Wodurch? Er sprach: Ich will ausgehen und will ein Lügengeist sein im Mund aller seiner Propheten. Er sprach: Du sollst ihn betören und wirst es auch ausrichten; geh aus und tu es!« Der allmächtige Gott hält himmlischen Rat. Er fragt, wer Ahab betören will. Ein Geist bietet sich an, ein Lügengeist zu sein. Gott sendet ihn. Und die vierhundert Propheten lügen, und Ahab zieht in den Tod. Nichts in diesem Text erlaubt den Ausweg, Gott habe nur vorhergewusst oder bloss zugelassen. Der Herr beauftragt. Er sendet. Er spricht: »Du sollst ihn betören und wirst es auch ausrichten.« Und dennoch ist die Lüge die Sünde des Lügengeistes und der falschen Propheten, die sie willig aussprechen. Die Schrift macht keinen Versuch, diese beiden Wahrheiten zu harmonisieren. Sie stellt sie nebeneinander und fordert den Leser auf, beide festzuhalten. Dieselbe unheimliche Doppelung durchzieht das Evangelium. Lukas berichtet: »Es war aber Satan in Judas gefahren, der Iskariot genannt wird, der aus der Zahl der Zwölf war.« Satan fuhr in ihn. Satan erfüllte sein Herz mit Verrat. Das war die unmittelbare Ursache. Aber als Jesus in derselben Nacht das Brot brach, sprach er: »Der Menschensohn geht zwar dahin, wie es beschlossen ist; doch wehe dem Menschen, durch den er verraten wird!« Er geht dahin, wie es beschlossen ist. Im ewigen Ratschluss war der Verrat verordnet. Der Vater hatte den Weg des Sohnes zum Kreuz festgelegt, und der Verrat des Judas war die Tür, durch die der Sohn hindurchschritt. Und doch: Wehe dem Verräter. Sein Verrat war seine Sünde, sein Wille, sein Verbrechen. Er ging an seinen Ort, nicht als unschuldiges Werkzeug eines grausamen Gottes, sondern als ein Mensch, der das Licht gesehen und die Finsternis gewählt hatte. Das ist der Punkt, an dem die Logik des Menschen scheitert und nur die Anbetung übrig bleibt. Der Apostel Paulus fügt in seinem Römerbrief eine weitere Farbe hinzu. Dreimal wiederholt er den Satz, der wie ein Hammerschlag durch die Kapitel hallt: »Gott hat sie dahingegeben.« Er gab sie dahin in die Begierden ihrer Herzen, in schändliche Leidenschaften, in einen verworfenen Sinn. Das griechische Wort, das Paulus gebraucht, paredōken, meint mehr als ein passives Geschehenlassen. Es ist das Wort, das auch für die Übergabe Jesu ans Kreuz gebraucht wird. Gott übergibt. Gott liefert aus. Er zieht seine zurückhaltende Hand weg, und die Sünde, die schon im Herzen wohnte, bricht mit voller, ungezügelter Gewalt hervor. Der Abgrund der menschlichen Verlorenheit, den Paulus im ersten Kapitel des Römerbriefs mit schonungsloser Genauigkeit ausmalt, ist Gottes Gericht – ein Gericht, das darin besteht, dass Gott die Sünder der Macht der Sünde überlässt, der sie sich freiwillig verschrieben haben. Die tiefste Strafe der Sünde ist mehr Sünde. Und Gott vollzieht sie nicht, indem er Böses in das Herz hineinschafft, sondern indem er das Böse, das schon da ist, nicht länger eindämmt. Ein letztes prophetisches Wort. Amos, der Hirt aus Tekoa, stellt eine Frage, die keinen Ausweg lässt: »Geschieht ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht wirkt?« Das hebräische Wort für Unglück, ra'ah, ist dasselbe, das auch das sittlich Böse bezeichnet. Amos sagt nicht: Gott lässt das Unglück zu. Er sagt: Gott wirkt es. Der Prophet steht im Tor Samarias, die Augen auf die Trümmer gerichtet, die der assyrische Wolf hinterlassen hat, und er sieht in den rauchenden Ruinen nicht das Werk Sanheribs, sondern das Werk Jahwes. Assyrien war die Axt, aber die Hand, die sie führte, gehörte dem Gott Israels. Das schliesst die Schuld Assyriens nicht aus – Jesaja macht unmissverständlich klar, dass der Assyrer aus eigenem Hochmut handelte und dafür gerichtet werden wird. Aber es schliesst jeden Gedanken aus, das Böse in der Welt geschehe ausserhalb der Reichweite der göttlichen Vorsehung. Wer diese Texte nebeneinander liest und nicht bereit ist, vor dem Geheimnis stillzustehen, wird wahnsinnig oder verliert den Glauben. Die Schrift zwingt uns, zwei Wahrheiten festzuhalten, die der menschliche Verstand nie zusammenbringen wird: Gott regiert die Sünde, und Gott ist heilig. Das Geschöpf allein ist für das Böse verantwortlich, und doch fällt das Böse unter Gottes Ratschluss. Wer eine dieser Wahrheiten preisgibt, mag eine in sich schlüssige Theologie behalten. Aber es ist nicht mehr der Glaube der Propheten und Apostel. Es ist ein menschliches System, das die Schrift zurechtgebogen hat, bis sie in den Rahmen der Vernunft passt. Der Westminster-Abschnitt, den wir betrachten, tut genau das nicht. Er beugt sich vor dem biblischen Zeugnis und spricht es nach, ohne es abzuschwächen.

Was die Westminster-Väter meinten

Als die Synodalen in der Jerusalem Chamber diesen Abschnitt formulierten, standen sie vor einer doppelten Gefahr. Auf der einen Seite lauerte der Deismus, der Gott aus der Welt hinausgedrängt und zum fernen Zuschauer einer sich selbst überlassenen Menschheit gemacht hatte. Auf der anderen Seite regte sich die manichäische Versuchung, Gott und das Böse als zwei gleichwertige Mächte zu denken, die um die Welt ringen – oder schlimmer noch: Gott selbst zur Ursache der Sünde zu machen. Das Bekenntnis schlägt einen Weg ein, der beiden Abgründen ausweicht. Es sagt nicht: Gott hat die Sünde nur zugelassen, als wäre er ein ohnmächtiger Herrscher, der dem Einbruch des Bösen nichts entgegenzusetzen hatte. Eine blosse Zulassung würde bedeuten, dass etwas geschieht, das Gott nicht gewollt hat und das er nicht verhindern konnte. Das wäre nicht der Gott der Bibel. Aber das Bekenntnis sagt auch nicht: Gott hat die Sünde ebenso gewirkt wie das Gute. Dagegen steht der letzte Satz des Abschnitts wie eine unübersteigbare Mauer: »Die Sündhaftigkeit derselben geht allein vom Geschöpf aus und nicht von Gott, der, da er höchst heilig und gerecht ist, weder Urheber noch Gutheisser der Sünde ist noch sein kann.« Das Schlüsselwort ist »Begrenzung«. Gott lässt die Sünde nicht einfach geschehen. Er zieht ihr eine Grenze. Er bestimmt ihr Mass. Er setzt ihr ein Ziel. Er hält den Ozean der Bosheit in den Ufern seines Ratschlusses, und keine Welle darf über die Linie treten, die er ihr gezogen hat. Der Satan konnte Hiob antasten, aber sein Leben durfte er nicht nehmen. Die Brüder konnten Josef in die Grube werfen, aber nicht weiter gehen lassen, als Gott es vorgesehen hatte. Der Pharao konnte Israel knechten, aber die festgesetzte Zeit der Befreiung nicht um eine Stunde überschreiten. Judas konnte den Herrn verraten, aber den Zeitpunkt und die Art des Todes bestimmte nicht er, sondern der Vater, der das Lamm vor Grundlegung der Welt erwählt hatte. Diese Begrenzung ist nicht nur negativ – ein Zaun, der die Sünde eindämmt. Sie ist auch positiv: eine Lenkung, die die Sünde ihren eigenen bösen Absichten entgegenführt und sie zwingt, Gottes Plänen zu dienen. Das Kreuz ist der Ort, an dem diese Wahrheit ihre dichteste Gestalt annimmt. Der Hass der Priesterschaft, die Feigheit des Pilatus, die Rohheit der Soldaten, der Verrat des Judas, die Verleugnung des Petrus, die Flucht der Jünger – ein ganzes Orchester menschlicher Bosheit spielte an jenem Freitag auf, und jeder Musiker folgte seiner eigenen verderbten Partitur. Und doch spielten sie alle, ohne es zu wissen, die Sinfonie der Erlösung, die der Vater vor aller Zeit komponiert hatte. Ihre Sünde war wirklich Sünde. Ihre Schuld war wirkliche Schuld. Und ihre Taten waren, ohne dass sie es wussten, die Ausführung eines Plans, der älter war als die Welt. Charles Hodge hat in seinen Erläuterungen zum Westminster Bekenntnis diesen Punkt mit juristischer Präzision herausgearbeitet. Die Väter, so Hodge, unterschieden sorgfältig zwischen Gottes wirksamer Verordnung und seiner richterlichen Zulassung. Das Böse als physischer Akt, die Bewegung der Hand, die den Dolch führt, das Wort, das die Lüge ausspricht, fällt unter Gottes Regierung. Das Böse als moralische Qualität aber, die Bosheit, die die Hand bewegt, die Falschheit, die das Wort prägt, entspringt allein der Verdorbenheit des Geschöpfes. Gott verordnet, dass eine sündige Tat geschieht, als Teil seines Plans, als Mittel zu einem heiligen Zweck. Aber er befiehlt sie nicht, er billigt sie nicht, und er wirkt die Sünde in ihr nicht. Der Unterschied ist fein wie eine Haaresbreite, und doch hängt an ihm die ganze biblische Lehre von Gott. Die Westminster-Väter hatten gute Gründe, in dieser Frage so sorgfältig zu formulieren. 1643, als die Synode zusammentrat, hatte der dreissigjährige Krieg den Kontinent verwüstet. Die Frage, ob Gott das Böse wolle und wie er dazu stehe, war keine akademische Übung. Sie war der Aufschrei von Müttern, deren Kinder in brennenden Dörfern umgekommen waren. Sie war die Anklage von Gewissen, die an der Unvereinbarkeit von Gottes Güte und dem Grauen der Geschichte zu zerbrechen drohten. Die Väter antworteten nicht mit leichtfertigem Trost, sondern mit der ganzen Wucht der biblischen Lehre: Gott ist nicht der Urheber des Bösen. Aber er ist der Herr über das Böse. Nichts geschieht, das er nicht in den Händen hält. Kein Tropfen Blut fliesst, den er nicht gezählt hat. Keine Träne fällt, die er nicht in seinen Krug sammelt. Und am Ende wird sich zeigen, dass selbst die schwärzesten Kapitel der Geschichte Teil eines Plans waren, der heller ist als die Sonne.

Theologische Tiefe

Der holländische Theologe Herman Bavinck, dessen Reformierte Dogmatik zu den gründlichsten Durcharbeitungen dieser Frage gehört, näherte sich dem Problem von der Heiligkeit Gottes her. Bavinck erkannte, dass jede Lehre, die Gott zum Urheber der Sünde macht, nicht nur die Ethik zerstört – sie zerstört den Gottesbegriff selbst. Ein Gott, der das Böse will, wie er das Gute will, ist nicht der Gott der Bibel. Er ist ein Dämon mit göttlichem Namen. Bavinck zeigt, dass die reformierte Orthodoxie drei sorgfältig unterschiedene Begriffe geprägt hat, um Gottes Verhältnis zur Sünde zu beschreiben: voluntas efficiens, der wirksame Wille, mit dem Gott das Gute unmittelbar hervorbringt – diesen Willen hat er nie auf die Sünde gerichtet. Voluntas permittens, der zulassende Wille, mit dem Gott die Sünde in seinem Ratschluss aufnimmt, ohne ihr innerlich zuzustimmen. Und voluntas ordinans, der anordnende Wille, mit dem Gott die zugelassene Sünde lenkt, begrenzt und seinen Zwecken dienstbar macht. Die Sünde fällt unter Gottes voluntas permittens et ordinans – nicht unter seinen voluntas efficiens. Gott wirkt die Sünde nicht. Er lässt sie zu. Aber seine Zulassung ist nicht die Ohnmacht eines Herrschers, der nicht anders kann. Sie ist der Ratschluss dessen, der das Zulassen beschliesst, weil er weiss, dass selbst das Böse ihm dienen muss und dass er es zu einem Ende führen wird, das seine Gerechtigkeit und Gnade herrlicher offenbart, als eine Welt ohne Sünde es je vermocht hätte. Johannes Calvin hat in der Institutio das kühnste Bild für dieses Geheimnis gefunden. Er schreibt, dass Gott durch die Sünde wirkt wie die Sonne durch einen Kadaver: Die Sonnenstrahlen ziehen den Gestank aus dem toten Fleisch, ohne selbst unrein zu werden. Die Wärme und das Licht, die von der untadeligen Sonne kommen, werden durch die Fäulnis, auf die sie treffen, nicht befleckt. So wirkt Gott in der sündigen Handlung, ohne dass die Heiligkeit seines Wesens von der Bosheit der Handlung berührt wird. Das Bild hat seine Grenzen, wie jedes Bild. Aber es macht einen entscheidenden Punkt klar: Das, was von Gott in eine Handlung eingeht, die Erhaltung des Lebens, die Kraft des Willens, die Bewegung der Glieder, ist gut. Das, was die Handlung zur Sünde macht, die Verkehrtheit des Herzens, die Selbstsucht des Motivs, die Auflehnung gegen das Gesetz, kommt aus der Verdorbenheit des Geschöpfes. Gott gibt die Kraft; das Geschöpf missbraucht sie. Gott erhält den Willen; das Geschöpf pervertiert ihn. Aus demselben Gold kann der Künstler ein heiliges Gerät für den Tempel oder ein Götzenbild schmieden. Die Substanz ist Gottes gute Gabe; die Form des Bösen ist des Menschen eigenes Werk. Jonathan Edwards, der vielleicht scharfsinnigste Denker, den der amerikanische Protestantismus hervorgebracht hat, durchleuchtete in seiner Abhandlung über die Freiheit des Willens das Verhältnis von göttlicher Souveränität und menschlicher Verantwortung mit einer Klarheit, die bis heute ihresgleichen sucht. Edwards argumentiert, dass die Gewissheit einer Handlung ihre Freiheit nicht aufhebt. Ein Mensch, der aus seinen eigenen Neigungen und Begierden heraus handelt, handelt frei, auch wenn Gott von Ewigkeit her wusste und beschloss, dass er so handeln würde. Die Gewissheit des Ausgangs liegt nicht in einem äusseren Zwang, sondern in der inneren Notwendigkeit der eigenen Natur des Handelnden. Ein gieriger Mensch wird das Geld stehlen, nicht weil Gott ihn dazu zwingt, sondern weil seine Gier ihn treibt. Er will stehlen. Er entscheidet sich aus freien Stücken dafür. Dass Gott das Stehlen in seinem Plan vorgesehen hat, nimmt dem Dieb seine Freiheit nicht. Es verleiht dem Stehlen einen Platz im göttlichen Drama, den der Dieb selbst nicht kennt und der seine Schuld nicht mindert, sondern sie in das Licht der Ewigkeit rückt. Edwards leugnet nicht das Geheimnis. Die Alternative wäre ein Gott, der nichts über die freien Handlungen seiner Geschöpfe weiss oder bestimmt. Ein Schöpfer, der das Ergebnis seiner eigenen Schöpfung nicht kennt, ist nicht der Gott der Bibel, sondern eine philosophische Konstruktion, die den Preis ihrer Widerspruchsfreiheit mit dem Verlust der Gottheit bezahlt hat. Der schottische Theologe William Cunningham fügte in seinen Vorlesungen über die Westminster-Theologie eine historische Perspektive hinzu, die für das Verständnis des Abschnitts unentbehrlich ist. Cunningham erinnerte daran, dass das Bekenntnis an dieser Stelle nicht nur gegen den Deismus, sondern auch gegen den Arminianismus formuliert wurde, der lehrte, Gott lasse die Sünde zu, weil er die Freiheit des Menschen nicht antasten wolle. Die Westminster-Väter, so Cunningham, hielten diese Position für unzureichend. Sie genügte dem biblischen Zeugnis nicht, das Gott eine weit aktivere Rolle in der Lenkung auch der sündigen Handlungen zuschreibt. Aber die Väter gingen auch nicht den Weg des Supralapsarismus, der den Ratschluss über die Sünde vor den Ratschluss über die Schöpfung stellt und damit den Eindruck erwecken kann, als habe Gott die Sünde um ihrer selbst willen gewollt. Sie hielten den mittleren Kurs – den Kurs, den die Schrift selbst vorgibt. Sie sagten weder: Gott liess die Sünde bloss zu. Noch: Gott wollte die Sünde. Sie sagten: Gott verordnete die Zulassung der Sünde und lenkt sie seinen heiligen Zwecken zu. Das ist die Position, die der ganzen reformierten Bekenntnistradition zugrunde liegt. A. A. Hodge hat in seinen Auslegungen zum Westminster Bekenntnis den seelsorgerlichen Ertrag dieser Lehre zusammengefasst. Er zeigte, dass der Abschnitt vier konkrete Behauptungen aufstellt: Erstens, Gottes vollkommene Eigenschaften – Allmacht, Weisheit und Güte – leuchten in seiner Lenkung der Sünde heller als irgendwo sonst. Zweitens, der Umfang der Vorsehung ist universal; selbst die Sünde der Engel und der Fall Adams fallen unter sie. Drittens, Gottes Verhältnis zur Sünde ist nicht träge oder ohnmächtig, sondern aktiv bis zur Grenze der Heiligkeit; er begrenzt, lenkt und ordnet die Sünde. Viertens, die Urheberschaft der Sünde als Sünde liegt ganz beim Geschöpf. Hodge bemerkte, dass diese Lehre, recht verstanden, nicht zur Sünde ermutigt, sondern vor ihr zurückschrecken lässt. Denn sie lehrt, dass jede Sünde, die ein Mensch begeht, nicht ein Ausbruch aus Gottes Weltregierung ist, sondern ein Glied in der Kette, an der Gott ihn dereinst richten wird. Der Sünder, der sich seiner Sünde rühmt, mag nicht wissen, dass er tanzt, aber Gott weiss, dass er tanzt – und Gott hat die Musik bestimmt.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Halte das Geheimnis aus, ohne es aufzulösen. Es gibt eine Versuchung, die jeden ernsthaften Christen irgendwann befällt: die Versuchung, die Spannung zwischen Gottes Souveränität und der menschlichen Verantwortung nach der einen oder der anderen Seite hin aufzulösen. Der eine macht Gott so souverän, dass der Mensch zur Marionette wird, deren Fäden Gott zieht – und verliert die biblische Wahrheit, dass der Mensch für seine Sünde voll verantwortlich ist. Der andere macht den Menschen so frei, dass Gott zum Zuschauer wird, der hofft, dass seine Geschöpfe das Rechte wählen – und verliert den Gott der Bibel, der den Rat der Völker zunichte macht und die Gedanken der Herzen lenkt. Die Schrift geht keinen dieser Wege. Sie hält beides fest, ohne den Bruch zu kitten. Du darfst es auch. Du musst es. Glaube heisst nicht, alles zu verstehen. Glaube heisst, dem zu vertrauen, der alles versteht, und sich vor ihm zu beugen, wo das eigene Licht erlischt. Der Reformator Zwingli, der sich in seiner Schrift über die Vorsehung weiter vorgewagt hatte als fast jeder Theologe vor ihm, hielt am Ende inne und schrieb: »Hier müssen wir stillstehen und anbeten und Gott die Ehre geben, dass er weise, gerecht und gut ist, auch wo unsere Vernunft es nicht fassen kann.« Das ist nicht die Resignation des Denkens. Es ist die Reife des Glaubens. Zweitens: Nimm deine Sünde voll auf dich, ohne dich hinter Gottes Ratschluss zu verstecken. Die furchtbarste Form des Missbrauchs dieser Lehre ist die Ausrede des Sünders: Gott hat es so geführt, also bin ich entschuldigt. Das Bekenntnis schneidet jeden solchen Gedanken mit der letzten Klausel ab: Die Sündhaftigkeit geht allein vom Geschöpf aus. Als David mit Batseba die Ehe brach, betete er nicht: Herr, du hast es in deinem Ratschluss so verordnet, darum danke ich dir für diese Erfahrung. Er schrie: »An dir allein habe ich gesündigt und getan, was böse ist in deinen Augen.« David wusste um die Vorsehung. Er wusste, dass der Messias aus seiner Linie kommen würde und dass selbst seine Sünde Gottes Plan nicht durchkreuzen konnte. Aber dieses Wissen war ihm kein Ruhekissen. Es trieb ihn in den Staub. So muss es bei dir sein. Wenn der Satan dir einflüstert, deine Sünde sei ja von Gott vorgesehen und darum nicht so schlimm, dann antworte ihm mit dem Wort des Apostels: »Sollen wir in der Sünde verharren, damit die Gnade umso mächtiger werde? Das sei ferne!« Die Vorsehung über deine Sünde ist ein Geheimnis, das du anbetend verehrst. Sie ist niemals eine Entschuldigung, die du vor dich hinschiebst. Vor Gott stehst du nicht als Glied einer unabänderlichen Kette, sondern als ein Mensch, der wusste, was recht war, und das Unrecht wählte. Dort, und nur dort, beginnt die Busse. Drittens: Fürchte die Sünde mehr als das Leiden. Es ist die natürliche Neigung des gefallenen Menschen, das Leiden zu fürchten und die Sünde leicht zu nehmen. Das Leiden tut weh. Die Sünde schmeichelt. Aber die Schrift lehrt uns, die Massstäbe umzukehren. Das grösste Übel, das einem Menschen widerfahren kann, ist nicht, dass er leidet, sondern dass er sündigt. Das Leiden kann Gott zur Läuterung gebrauchen. Die Sünde zieht, wenn sie unbereut bleibt, in die Verdammnis. Wenn du vor der Wahl stehst, eine Sünde zu begehen und dem Leiden zu entgehen oder standhaft zu bleiben und zu leiden, dann erinnere dich an diesen Abschnitt. Gott lenkt die Sünde, aber er hasst sie. Er hat die Hölle für die Sünde bereitet, nicht für das Leiden. Christus trug das Leiden, um die Sünde zu besiegen. Er litt den Zorn, damit du von der Sünde frei würdest. Wer die Sünde fürchtet, wandelt in der Furcht des Herrn. Wer nur das Leiden fürchtet, wird früher oder später der Sünde erliegen, um dem Leiden zu entkommen – und wird finden, dass er beides geerbt hat: die Schuld der Sünde und ein Leiden ohne Trost. Viertens: Gewinne Trost aus der Tatsache, dass selbst deine schlimmsten Sünden Gottes Plan nicht durchkreuzen können. Diese Anwendung ist so gefährlich wie heilsam. Gefährlich für den, der sie als Freibrief für die Sünde missversteht. Heilsam für den Zerschlagenen, der nach einem tiefen Fall am Boden liegt und meint, er habe Gottes Absichten mit seinem Leben zerstört. Höre, du angefochtene Seele: Deine Sünde hat Gott nicht überrascht. Er hat sie kommen sehen, bevor die Berge geboren waren. Er hat sie in seinen Plan eingerechnet. Er hat die Begrenzung schon gezogen, als du noch nicht wusstest, was Sünde ist. Und er hat in Christus eine Vergebung bereitet, die tiefer reicht als dein tiefster Fall. Petrus verleugnete den Herrn mit Flüchen. Drei Tage später sass Christus mit ihm beim Mahl am See Genezareth und fragte ihn dreimal: »Hast du mich lieb?« Er tat es nicht, um Petrus zu demütigen, sondern um ihn wiederherzustellen. Die Zahl der Fragen entsprach der Zahl der Verleugnungen. Jede Narbe wurde einzeln berührt und geheilt. So handelt Gott mit jedem seiner Kinder. Die Sünde, die du beweinst, ist nicht der Ast, an dem Gottes Plan zerbricht. Sie ist der dunkle Faden, den der himmlische Weber in das Gewebe deines Lebens schlingt und dessen Dunkelheit die Helligkeit der Gnade, die später kommt, nur umso strahlender macht. Fünftens: Blicke auf das Kreuz als die endgültige Offenbarung von Gottes Umgang mit der Sünde. Nirgends in der ganzen Heilsgeschichte tritt die Wahrheit dieses Abschnitts so greifbar zutage wie auf Golgatha. Das Kreuz ist der grösste Sündenfall der Menschheit und der grösste Triumph der göttlichen Vorsehung in einem. Menschen begingen den entsetzlichsten aller Frevel: Sie kreuzigten den Herrn der Herrlichkeit. Die Priesterschaft log, die Menge schrie, Pilatus wusch seine Hände in Unschuld, die Soldaten trieben die Nägel durch lebendiges Fleisch. Und doch – betend bekennt die erste Gemeinde: »Wahrlich, sie haben sich versammelt wider deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und dem Volk Israel, zu tun, was deine Hand und dein Ratschluss zuvor bestimmt hatten, dass es geschehen sollte.« Was sie aus Bosheit taten, hatte Gottes Hand aus Liebe bestimmt. Ihr Hass war frei, und er war schuldig. Und doch schrieb er, ohne es zu wissen, die Erlösung der Welt. Am Kreuz siehst du, wie Gott die Sünde begrenzt, lenkt und verwandelt, ohne ihr Urheber zu sein. Das Kreuz ist der Ort, an dem dein Verstand zerbricht und dein Glaube geboren wird. Betrachte es lange. Betrachte es oft. Jede andere Frage nach Vorsehung und Sünde findet hier ihre Antwort – oder sie findet hier den Ort, an dem das Fragen zur Ruhe kommt und die Anbetung beginnt. Sechstens: Strebe nach Heiligung im Bewusstsein, dass Gott sogar deine Kämpfe mit der Sünde lenkt. Paulus beschreibt den inneren Krieg jedes Gläubigen in Worten, die niemand lesen kann, ohne sich selbst darin zu erkennen: »Das Gute, das ich will, tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.« Der Kampf gegen die Sünde ist der Normalzustand des Christen, nicht die Ausnahme. Und dieser Kampf selbst steht unter Gottes Vorsehung. Jede Versuchung, die dich anficht, ist von Gott begrenzt. Er hat dem Satan gesagt: Bis hierher und nicht weiter. Jeder Fall, aus dem er dich wieder aufrichtet, lehrt dich eine tiefere Abhängigkeit. Jeder Sieg, den er dir schenkt, ist eine Frucht seiner Gnade und nicht deiner Kraft. Die Heiligung ist nicht das selbstgewisse Aufsteigen einer treppenlosen Leiter, sondern das hinkende Vorwärtskommen eines Mannes, der auf beiden Seiten gestützt wird: links vom Geist, der in ihm wirkt, und rechts vom Vater, der jeden seiner Schritte verordnet hat. Verzweifle nicht an dem langsamen Fortschritt. Verzweifle nicht an den Rückfällen, die dich immer wieder in den Staub werfen. Der Gott, der die Sünde der Welt lenkt, lenkt auch deinen Kampf mit der Sünde. Er hat das Ende im Blick, und das Ende ist Herrlichkeit.

Gebet

Allmächtiger, heiliger Gott, du dessen Macht keine Grenze, dessen Weisheit keine Tiefe und dessen Güte kein Ende kennt, wir fallen vor dir nieder in Anbetung deiner unerforschlichen Wege. Wer sind wir, dass wir zu dir reden dürfen? Staub und Asche, Geschöpfe eines Tages, deren Verstand vor deinen Ratschlüssen versinkt wie ein Stein im Meer. Du hast in deiner Vorsehung selbst den ersten Sündenfall umfasst und alle Sünden, die seither aus den Herzen von Engeln und Menschen aufgestiegen sind. Kein Abgrund ist so tief, dass dein Arm nicht hinabreichte. Keine Finsternis ist so schwarz, dass dein Licht sie nicht durchdränge. Keine Bosheit ist so verworren, dass deine Weisheit sie nicht entwirrte und deiner heiligen Absicht dienstbar machte. Und doch – gepriesen sei dein Name – bist du nicht der Urheber der Sünde. Du bist Licht, und keine Finsternis ist in dir. Du bist heilig, und kein Schatten des Bösen fällt auf dein Angesicht. Du bist gerecht, und kein Unrecht haftet an deinen Händen. Herr, wir bekennen, dass unsere Vernunft an dieser Stelle scheitert. Wir können nicht begreifen, wie du das Böse lenkst und doch nicht sein Urheber bist. Wir können nicht fassen, wie die Sünde ganz unser eigenes Werk und doch in deinen ewigen Plan aufgenommen ist. Aber wir danken dir, dass du von uns nicht verlangst, dich zu begreifen. Du verlangst, dass wir dir vertrauen. Du verlangst, dass wir dich anbeten. Und darin, Vater, wollen wir dir heute gehorsam sein. Wir legen unsere klugen Fragen nieder und heben leere Hände zu dir auf, die nichts bringen als das Bekenntnis: Du bist Gott, und wir sind Menschen. Bewahre uns vor der furchtbaren Sünde, deine Vorsehung als Ausrede für unsere Übertretungen zu missbrauchen. Lass uns niemals sprechen: Wenn Gott es verordnet hat, warum soll ich mich hüten? Lass uns den Gehorsam lieben, die Heiligung suchen und die Sünde hassen mit einem heiligen Hass, der aus der Gemeinschaft mit dir geboren ist. Gib uns die Gnade, den Kampf gegen das Böse mit ganzem Ernst zu führen, ohne einen Augenblick auf den Gedanken zu verfallen, dein Ratschluss entbinde uns von unserer Verantwortung. Wir danken dir für das Kreuz Jesu Christi, an dem die Sünde der Welt und die Gnade Gottes in einem einzigen Geschehen zusammentrafen. Dort wurde der Hass der Menschen zur Bühne deiner Liebe. Dort wurde der schreiendste Frevel, den sterbliche Hände je begingen, zur Tür, durch die das Leben in diese tote Welt eintrat. Lass uns immer wieder zum Kreuz fliehen, wenn die Fragen zu gross und die Zweifel zu schwer werden. Am Kreuz sehen wir dich, wie du bist: heilig genug, um die Sünde zu richten, und barmherzig genug, um den Sünder zu retten. Wenn wir fallen, richte uns wieder auf. Wenn wir straucheln, halte uns an deiner Hand. Wenn wir die Kraft zum Kampf nicht mehr spüren, trage uns mit deinem kräftigen Wort, das alle Dinge trägt. Und wenn die letzte Sünde überwunden und der letzte Feind besiegt sein wird, dann lass uns dich sehen, wie du bist – nicht mehr im Spiegel des Geheimnisses, sondern von Angesicht zu Angesicht, in der Klarheit des ewigen Lichtes, in dem keine Frage mehr offen ist und alle Rätsel gelöst sind. Das erbitten wir im Namen Jesu Christi, des Lammes, das erwürgt ist von Anbeginn der Welt und das lebt und herrscht mit dir und dem Heiligen Geist, ein Gott, hochgelobt in Ewigkeit. Amen.
← Start · Alle Andachten ·