Andacht 30 von 171

Dieser Abschnitt ist der schwerste im ganzen fünften Kapitel

Kap.5: Von der Vorsehung — Abschnitt 6 • 2026-06-03 • 39 Min.

Das Bekenntnis

Was die gottlosen und ruchlosen Menschen betrifft, die Gott als gerechter Richter um früherer Sünden willen blendet und verstockt: Ihnen enthält er nicht nur seine Gnade vor, durch die ihr Verstand hätte erleuchtet und ihr Herz bearbeitet werden können, sondern er entzieht ihnen bisweilen auch die Gaben, die sie besassen, und setzt sie solchen Gelegenheiten aus, die ihre Verderbtheit zum Anlass der Sünde macht; überdies gibt er sie ihren eigenen Lüsten, den Versuchungen der Welt und der Macht des Satans preis. So geschieht es, dass sie sich selbst verstocken, selbst unter denselben Mitteln, die Gott zur Erweichung anderer gebraucht.
– Westminster Bekenntnis, Kapitel 5, Abschnitt 6

Einleitung

Dieser Abschnitt ist der schwerste im ganzen fünften Kapitel. Nicht weil seine Sprache unklar wäre, sie ist glasklar. Sondern weil sie eine Wahrheit ausspricht, an der unser natürliches Empfinden sich stösst wie ein Schiff an einem Riff. Gott blendet. Gott verstockt. Gott entzieht. Gott gibt preis. Das sind Worte, die wir aus der Heiligen Schrift kennen, die wir aber in unserer Frömmigkeit so lange umschifft haben, bis wir vergassen, dass sie überhaupt dort stehen. Der sechste Abschnitt des Bekenntnisses reisst sie aus dem Vergessen und stellt sie mitten in unseren Weg. Wer an ihm vorbeigehen will, muss sich entscheiden, ob er sich vor dem ganzen Rat Gottes beugen oder einen bequemeren Gott zimmern will. Der vorangehende Abschnitt sprach von Gottes Umgang mit seinen Kindern: Er überlässt sie für eine Zeit den Versuchungen und der Verderbtheit ihres eigenen Herzens, um sie zu demütigen und in eine tiefere Abhängigkeit zu führen. Es war ein Wort ins Dunkel der Anfechtung, das tröstete, indem es dem Leiden einen Sinn gab. Der sechste Abschnitt wendet sich nun der anderen Seite zu. Er spricht von denen, die nicht Gottes Kinder sind, von den Gottlosen, den Ruchlosen, den Verächtern seiner Gnade. Und was er über sie sagt, enthält keinen Trost, der nach menschlichem Mass bemessen wäre. Es ist ein Wort, das in die Knie zwingt und verstummen lässt. Die Frage, die dieser Abschnitt stellt, ist nicht, ob Gott das Recht hat, so zu handeln. Sie ist, ob wir den Mut haben, es ihm zuzugestehen. Der moderne Mensch, auch der moderne Christ, erträgt einen Gott, der liebt, der vergibt, der umarmt. Einen Gott, der richtet, der verwirft, der verstockt, ihn erträgt er nicht. Er weicht ihm aus, er erklärt ihn weg, er nennt ihn einen Restbestand alttestamentlicher Härte, den Jesus überwunden habe. Aber Jesus hat ihn nicht überwunden. Jesus hat ihn bestätigt. Die härtesten Worte über die Verstockung stammen aus seinem Mund: »Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen; den anderen aber ist es in Gleichnissen gegeben, damit sie es sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen.« Der sechste Abschnitt des Westminster-Bekenntnisses redet von der Vorsehung Gottes über die Gottlosen. Er lehrt uns, dass Gottes Regierung der Welt nicht nur die Frommen umfasst, sondern auch diejenigen, die ihn hassen. Dass auch ihre Verstockung, ihre Verblendung, ihre endgültige Verhärtung unter der Herrschaft dessen steht, der alles zu seinen heiligen Zwecken lenkt. Kein Mensch fällt aus Gottes Hand, nicht einmal der, der sich am weitesten von ihm entfernt hat. Er fällt nicht ins Bodenlose, sondern in die Hände des gerechten Richters, der ihm vergilt, was seine Taten wert sind, und der auch in der Verstockung nicht aufhört, Gott zu sein. Wer diese Lehre nur als Problem empfindet, das man irgendwie mit der Güte Gottes versöhnen muss, hat sie noch nicht verstanden. Sie ist nicht das peinliche Anhängsel einer ansonsten tröstlichen Theologie. Sie ist die dunkle Folie, vor der die Gnade umso heller leuchtet. Wer nicht weiss, was Verstockung ist, weiss auch nicht, was Erweichung ist. Wer nie vor dem Rätsel der Verwerfung gestanden hat, wird den Jubel der Erwählung nie in seiner ganzen Tiefe begreifen.

Die biblischen Grundlagen

Die Schrift redet von der Verstockung nicht am Rande, nicht in versteckten Versen, die man überlesen kann. Sie stellt sie ins Zentrum ihrer grossen Geschichtserzählungen und lehrmässigen Entfaltungen. Wer die Bibel aufmerksam liest, stolpert über diese Texte, ob er will oder nicht. Die erste und ausführlichste Geschichte der Verstockung steht im zweiten Buch Mose. Gott sendet Mose zum Pharao mit dem Befehl: »Lass mein Volk ziehen.« Aber bevor Mose seinen ersten Schritt getan hat, kündigt Gott ihm an, was geschehen wird: »Ich will sein Herz verstocken, dass er das Volk nicht ziehen lässt.« Der Satz steht am Anfang, nicht am Ende. Er ist nicht die nachträgliche Deutung eines unerwarteten Widerstands, sondern die Ankündigung dessen, was Gott selbst wirken wird. Der Pharao wird sich widersetzen, weil Gott ihn dazu bringt, sich zu widersetzen. Der Widerstand des grössten Herrschers der damaligen Welt ist kein Hindernis für Gottes Plan, er ist sein Werkzeug. Das hebräische Verb, das in diesen Texten immer wiederkehrt, ist chasaq, es bedeutet festigen, stark machen, verhärten. Gott macht das Herz des Pharao fest, er gibt ihm die Härte, die es braucht, um gegen den Allmächtigen zu stehen. Und doch gebraucht die Schrift neben diesem Wort zwei weitere Aussagen, die man nicht auseinanderreissen darf. Zum einen heisst es ebenso oft: »Der Pharao verstockte sein Herz.« Der Mensch tut, was Gott wirkt, und er tut es mit vollem Willen, aus eigenem Antrieb, in eigener Verantwortung. Zum anderen wird berichtet, dass die ägyptischen Zauberer dem Pharao vorlogen, die Plagen seien natürliche Phänomene und keine Wunder, der Pharao glaubte der Lüge, weil er glauben wollte. Die göttliche Verstockung vollzieht sich durch die ganz natürlichen Mittel menschlicher Bosheit, und doch ist sie unverkennbar Gottes Werk, das in der Geschichte sein Ziel erreicht: die Befreiung Israels und die Offenbarung der Macht und Herrlichkeit des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs. Paulus greift diese Geschichte im Römerbrief auf, und er tut es an der Stelle, an der die ganze Argumentation des Briefes ihre schärfste Zuspitzung erfährt. Er hat soeben entfaltet, dass Gott vor Grundlegung der Welt Jakob erwählt und Esau verworfen hat, nicht aufgrund ihrer Werke, sondern allein nach dem Vorsatz seiner freien Wahl. Der erschrockene Leser, der diesen Gedanken kaum erträgt, stellt die Frage, die Paulus voraussieht: »Ist Gott etwa ungerecht?« Und Paulus antwortet nicht mit einer theologischen Entschuldigung, sondern mit dem blossen Verweis auf den souveränen Willen Gottes: »Er erbarmt sich, wessen er will, und er verstockt, wen er will.« Der Apostel zwingt seinen Leser, Erbarmen und Verstockung als die zwei Seiten derselben göttlichen Souveränität anzusehen. Die Freiheit Gottes, sich zu erbarmen, und die Freiheit Gottes, zu verstocken, stehen nicht in einem Widerspruch zueinander, sie entspringen derselben Quelle. Paulus wagt es, den Pharao selbst zitieren zu lassen: »Eben dazu habe ich dich erweckt, dass ich an dir meine Macht erzeige und dass mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.« Ein heidnischer König, ein Mann, der nie an den Gott Israels geglaubt hat, dient wider Willen der Ehre eben dieses Gottes. Seine Verstockung ist nicht sinnlos; sie ist das Mittel, durch das die Herrlichkeit Gottes umso heller strahlt. Dann, nachdem Paulus das ungelöste Rätsel stehen gelassen hat, stellt er sich dem Einwand, den er kommen sieht: »Nun sprichst du zu mir: Was klagt er denn noch an? Wer kann seinem Willen widerstehen?« Die Antwort, die Paulus gibt, ist keine philosophische Auflösung des Problems. Sie ist ein heiliger Verweis: »Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Spricht das Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so? Oder hat der Töpfer nicht Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäss zu ehrenvollem und ein anderes zu unehrenvollem Gebrauch zu machen?« Das Bild vom Töpfer und vom Ton lässt dem Menschen keine andere Haltung als das Schweigen. Der Ton fragt den Töpfer nicht, warum er ihn so formt und nicht anders. Der Ton weiss nichts von den Absichten des Töpfers. Er weiss nur, dass er in der Hand dessen ist, der ihn formt. Und wenn der Töpfer aus demselben Klumpen ein Gefäss zur Ehre und eines zur Unehre macht, dann tut er nichts Unrechtes, denn der ganze Klumpen gehört ihm, und er hat das Recht, mit dem Seinen zu tun, was ihm gefällt. Paulus beantwortet die Frage nicht, er stellt sie still. Er verbietet dem Geschöpf, den Schöpfer zur Rechenschaft zu ziehen. Und während der menschliche Geist sich noch dagegen aufbäumt, legt der Glaube die Hand auf den Mund und betet an. Der Prophet Jesaja empfing zu Beginn seines Dienstes eine Sendung, die alles andere als ermutigend war. Gott sandte ihn nicht, um ein Volk zur Umkehr zu rufen, das umkehrwillig war. Er sandte ihn, um ein Volk zu verstocken: »Verstocke das Herz dieses Volkes, lass seine Ohren schwer hören und seine Augen blind werden, dass es nicht sehe mit seinen Augen noch höre mit seinen Ohren noch sein Herz verstehe und sich bekehre und genesen werde.« Der Prophet sollte predigen, und seine Predigt würde den Hörer nicht erweichen, sondern verhärten. Das Wort Gottes, das lebendig und kräftig ist, würde nicht retten, sondern richten. Die Wahrheit, die Jesaja aussprach, würde wie die Sonne sein, die auf Lehm scheint und ihn zu Stein brennt. Jesus selbst zitiert diese Stelle an einem entscheidenden Punkt seines Wirkens. Er hat Wunder getan, Zeichen, die jeden hätten überzeugen müssen, und doch glaubten die meisten nicht. Der Evangelist Johannes fügt hinzu: »Darum konnten sie nicht glauben, denn Jesaja hat wiederum gesagt: Er hat ihre Augen geblendet und ihr Herz verstockt, dass sie mit den Augen nicht sehen noch mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, und ich ihnen hülfe.« Das Nicht-Glauben-Können ist die Strafe für das Nicht-Glauben-Wollen. Gott bestätigt den Menschen in der Richtung, die er selbst eingeschlagen hat. Paulus entfaltet im zweiten Thessalonicherbrief dasselbe Prinzip für die endzeitliche Verführung. Er spricht von denen, die verloren gehen, »weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, damit sie gerettet würden. Darum sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft der Verirrung, dass sie der Lüge glauben, auf dass alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt haben, sondern Wohlgefallen hatten an der Ungerechtigkeit.« Die Abfolge ist unüberhörbar: Der Mensch weist die Wahrheit ab, und Gott antwortet darauf, indem er ihm die Fähigkeit nimmt, die Wahrheit überhaupt noch zu erkennen. Die Lüge wird ihm so einleuchtend erscheinen, dass er sie für Wahrheit hält. Das ist die richterliche Dimension der Verstockung: Sie ist nicht Willkür, sondern Antwort. Antwort auf die freie, bewusste, beharrliche Ablehnung des Heils, das Gott angeboten hat. Die Offenbarung des Johannes fasst diese biblische Linie in einem einzigen, eisigen Satz zusammen: »Wer Unrecht tut, der tue weiter Unrecht, und wer unrein ist, der sei weiter unrein.« Es ist nicht die Aufforderung, das Böse zu tun. Es ist die Feststellung, dass Gott den Menschen in der Richtung bestätigt, die er selbst mit aller Entschiedenheit gewählt hat. Der Mensch, der die Finsternis liebt, bekommt die Finsternis, die er liebt, und mit ihr die Unfähigkeit, das Licht je wieder sehen zu wollen. Das fünfte Buch Mose endet mit einem Vers, der die gesamte Geschichte Israels unter das Geheimnis der göttlichen Verstockung stellt: »Der Herr hat euch bis auf diesen Tag noch kein Herz gegeben, das verständig wäre, Augen, die sehen, und Ohren, die hören.« Mose spricht zu dem Volk, das Wunder um Wunder gesehen hat: die Plagen, den Durchzug durch das Schilfmeer, das Manna, das Wasser aus dem Felsen. Sie haben alles gesehen und doch nichts begriffen. Die äusseren Augen waren offen, aber die inneren waren verschlossen. Und Mose sagt: Der Herr hat sie euch noch nicht gegeben. Die Fähigkeit, das Wunder zu verstehen, die Gabe, aus dem Gesehenen die richtige Folgerung zu ziehen, sie kommt nicht aus dem Menschen, sondern von Gott. Und wenn Gott sie zurückhält, dann sieht der Mensch und sieht doch nicht, hört und hört doch nicht, erlebt und glaubt doch nicht. Die Schrift gibt keine glatte Antwort auf die Frage, wie Gottes Verstockung und menschliche Verantwortung zusammengehen. Sie stellt beide Wahrheiten unversöhnt nebeneinander. Sie sagt nie: Gott tut es, also ist der Mensch entschuldigt. Sie sagt immer: Der Mensch ist voll verantwortlich für seine Sünde, selbst dann, wenn Gott ihn verstockt hat. Und sie sagt ebenso klar: Gott verstockt, wen er will, und seine Verstockung ist sein gerechtes Gericht über die Sünde, die der Mensch aus eigenem Antrieb und mit freiem Willen begangen hat. Das Bekenntnis wird beiden Seiten gerecht, weil die Schrift beiden Seiten gerecht wird.

Was die Westminster-Väter meinten

Die Väter von Westminster schrieben diesen Abschnitt nicht als theologische Übung, sondern als biblisch begründete Seelsorge. Sie hatten Menschen vor Augen, die unter dieser Lehre litten, nicht weil sie selbst verstockt waren, sondern weil der Gedanke, dass Gott Menschen verstockt, sie nicht losliess. Zugleich hatten sie die Verächter des Evangeliums vor Augen, die meinten, Gott werde ihnen schon vergeben, sie müssten nur in ihrer eigenen Zeit zu ihm kommen. Der Abschnitt redet beide Gruppen an, die eine mit Schweigen, die andere mit Warnung. Das erste Wort, das der englische Text gebraucht, ist wicked, böse, gottlos. Das zweite ist ungodly, ruchlos, ohne Gottesfurcht. Die Väter reden nicht von unschuldigen Menschen, die Gott grundlos verstockt. Sie reden von solchen, die sich bereits durch ihr Leben als Feinde Gottes erwiesen haben. Es sind Menschen, die das Licht sahen und die Finsternis wählten; die die Wahrheit hörten und die Lüge vorzogen; die das Angebot der Gnade kannten und es verachteten. Ihre Verstockung ist nicht der erste Schritt Gottes ihnen gegenüber, sondern die Antwort auf ihre beharrliche, willentliche Ablehnung. Der Ausdruck »um früherer Sünden willen« ist der Schlüssel, der die richterliche Dimension dieser Handlung Gottes erschliesst. Gott verstockt nicht aus Willkür, sondern als gerechter Richter. Die Sünde, wegen der er verstockt, ist nicht die Erbsünde, die alle Menschen gleichermassen betrifft, denn dann müsste er alle verstocken. Es sind tatsächliche, willentliche, beharrliche Sünden, durch die ein Mensch sich gegen das Licht entschieden hat, das ihm gegeben war. Gott antwortet auf diese Sünden, indem er dem Menschen die Fähigkeit entzieht, das Licht überhaupt noch zu erkennen. Der Mensch hat die Sonne so lange verachtet, bis Gott sie ihm für immer entzieht. Das ist nicht grausam. Das ist gerecht. Die Väter beschreiben das richterliche Handeln Gottes in vier aufeinander folgenden Schritten. Der erste ist der Entzug der Gnade: »Er enthält ihnen seine Gnade vor, durch die ihr Verstand hätte erleuchtet und ihr Herz bearbeitet werden können.« Gott schuldet keinem Menschen seine Gnade. Er hat das Recht, sie zu geben, und er hat das Recht, sie zurückzuhalten. Die Gnade, die er zurückhält, ist die, die dem Verstand Licht und dem Herzen Umkehr geschenkt hätte. Aber der Mensch hat dieses Licht schon einmal gesehen und verworfen, diese Umkehr schon einmal angeboten bekommen und abgelehnt. Gott zieht nun zurück, was verschmäht wurde. Der zweite Schritt ist eine Verschärfung: Er entzieht ihnen »bisweilen auch die Gaben, die sie besassen.« Der Mensch, der die Wahrheit kannte, der vielleicht eine Zeit lang unter der Predigt sass, der eine Kenntnis der Schrift besass, eine äussere Zucht übte, ihm werden diese Gaben genommen. Die Erinnerung an das, was er einmal wusste, verblasst. Das Gewissen, das einmal schlug, verstummt. Die Furcht, die ihn früher von der gröbsten Sünde abhielt, schwindet. Gott nimmt die schützenden Zäune weg, die den Menschen noch notdürftig gehalten haben, und überlässt ihn seiner selbst gewählten Bahn. Der dritte Schritt ist die Aussetzung an die Gelegenheiten zur Sünde. Gott »setzt sie solchen Gelegenheiten aus, die ihre Verderbtheit zum Anlass der Sünde macht.« Das bedeutet: In seiner Vorsehung führt er Umstände herbei, in denen die innewohnende Verderbtheit des Menschen zur vollen Entfaltung kommt. Der Dieb findet eine offene Tür. Der Lüstling begegnet der Versuchung. Der Gotteslästerer trifft auf Gleichgesinnte. Die Gelegenheiten sind nicht die Ursache der Sünde, die Ursache ist die Verderbtheit des Herzens. Aber die Gelegenheiten sind der Katalysator, der die verborgene Bosheit an die Oberfläche bringt und zur Tat werden lässt. Der vierte Schritt ist der tiefste und endgültigste: Gott »gibt sie ihren eigenen Lüsten, den Versuchungen der Welt und der Macht des Satans preis.« Das ist die richterliche Übergabe. Der Mensch, der seine Lust mehr liebte als Gott, bekommt seine Lust, und mit ihr die Sklaverei, die sie mit sich bringt. Der Mensch, der die Welt mehr liebte als das Reich Gottes, bekommt die Welt, und mit ihr die Leere, die sie nie füllen kann. Der Mensch, der auf den Satan hörte, während Gott noch rief, wird dem Satan übergeben, und mit ihm der ewigen Finsternis. Gott hält ihn nicht mehr zurück. Gott mahnt ihn nicht mehr. Gott warnt ihn nicht mehr. Er hat gewählt, und Gott bestätigt seine Wahl. Die Väter schliessen mit einem Satz, der das ganze furchtbare Geheimnis in ein letztes Paradox fasst: »So geschieht es, dass sie sich selbst verstocken, selbst unter denselben Mitteln, die Gott zur Erweichung anderer gebraucht.« Dieselbe Predigt, die den einen das Herz zerbricht, verhärtet den anderen. Dasselbe Leiden, das den einen zur Busse treibt, macht den anderen bitterer. Dieselbe Güte Gottes, die den einen zur Dankbarkeit bewegt, reizt den anderen zur Verachtung. Die Mittel sind dieselben, aber ihre Wirkung ist entgegengesetzt. Das liegt nicht an den Mitteln. Es liegt an den Herzen, auf die sie treffen. Und hinter den Herzen steht der souveräne Gott, der durch dieselben Mittel den einen erweicht und den anderen verstockt, und bei beiden gerecht bleibt. Die Väter beanspruchen nicht, dieses Geheimnis aufzulösen. Sie stellen es dar. Sie halten es für ihre Aufgabe, die biblische Lehre in ihrer ganzen Härte und Herrlichkeit wiederzugeben, nicht sie dem menschlichen Empfinden anzupassen. Sie wissen, dass ein Bekenntnis, das vor dem Gericht der Vernunft bestehen will, vor dem Gericht Gottes nicht bestehen wird. Die Anbetung beginnt dort, wo der Verstand seine Grenze erreicht hat.

Theologische Tiefe

Die reformierte Theologie hat sich von Anfang an geweigert, vor dieser Lehre zurückzuweichen. Sie hat sie vielmehr als notwendige Konsequenz aus zwei anderen Wahrheiten verstanden, die sie mit aller Kraft festhielt: der völligen Souveränität Gottes und der völligen Verantwortlichkeit des Menschen. Sie hat gewusst, dass der menschliche Geist beide nicht zusammendenken kann, und hat dennoch beide bekannt, weil die Schrift beide lehrt. Calvin behandelt die Verstockung in der Institutio als richterliches Handeln Gottes, das nicht Willkür, sondern Antwort ist. Er unterscheidet zwischen der allgemeinen Verdorbenheit, in die alle Menschen durch Adams Fall geraten sind, und der besonderen Verstockung, die Gott als Strafe für beharrliche Sünde verhängt. Die erste betrifft alle; die zweite betrifft einige. Calvin schreibt: »Wenn Gott einige dem Satan preisgibt und sie nach ihrer eigenen Verdorbenheit dahinfahren lässt, so tut er ihnen kein Unrecht, denn sie sind bereits durch eigene Schuld verloren. Er bestraft nur ihre Gottlosigkeit, indem er sie dem überlässt, was sie selbst gewählt haben.« Für Calvin ist Gottes Souveränität nie der Grund, warum ein Mensch verloren geht. Der Grund liegt immer in der Sünde des Menschen. Aber Gottes Souveränität bestimmt, dass diese Sünde in dem einen zur Verdammnis, im anderen zur Demütigung und endlichen Rettung führt, ohne dass der eine besser wäre als der andere. Der amerikanische Theologe Jonathan Edwards hat der Frage, wie Gott verstockt und der Mensch dennoch frei und verantwortlich bleibt, ein ganzes Buch gewidmet. In seiner Untersuchung über die Freiheit des Willens unterscheidet Edwards zwischen natürlicher Unfähigkeit und moralischer Unfähigkeit. Ein Mensch, der nicht fliegen kann, ist natürlich unfähig zu fliegen, er hat keine Flügel. Ein Mensch, der Gott nicht lieben will, ist moralisch unfähig, Gott zu lieben, seine Abneigung ist so stark, dass er nicht anders will, aber sie ist sein eigener Wille, nicht eine äussere Nötigung. Wenn Gott ihn verstockt, dann tut er nichts anderes, als diese moralische Unfähigkeit zu bestätigen und zu vertiefen. Der Mensch will nicht glauben, und Gott bekräftigt ihn in seinem Nicht-Wollen. Der Mensch erfährt keinen äusseren Zwang. Er erfährt die richterliche Bestätigung seiner eigenen, tiefsten Neigung. Edwards hält einen Gedanken fest, ohne den die biblische Lehre von der Verstockung nicht verstanden werden kann: Die Verstockung ist nie die Erschaffung einer neuen Bosheit im Menschen, sondern die Entfesselung der Bosheit, die bereits da war. Gott pflanzt dem Menschen keine Sünde ins Herz, die vorher nicht da war. Er nimmt lediglich die Zügel weg, die die vorhandene Sünde noch bändigten. Das Pferd, das immer schon in die falsche Richtung galoppieren wollte, darf nun laufen. Der Strom, der immer schon abwärts floss, darf nun strömen. Und das Ziel, dem er entgegenströmt, ist der Abgrund. Bavinck hat diese Gedanken in seiner Reformierten Dogmatik aufgenommen und um die heilsgeschichtliche Dimension erweitert. Der grosse holländische Theologe zeigt, dass die Verstockung kein isoliertes Handeln Gottes an einzelnen Menschen ist, sondern in den grossen Zusammenhang von Sünde und Gnade gehört, der die ganze Geschichte durchzieht. Bavinck verweist auf das Wort des Simeon im Tempel: Der neugeborene Christus ist gesetzt »zum Fall und zum Aufstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird.« Derselbe Christus, der die einen aufrichtet, wird für die anderen zum Stein des Anstosses. Seine Gegenwart ist Segen und Gericht in einem. Bavinck schreibt: »Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die jedem, der glaubt, zur Rettung dient. Aber wo es nicht geglaubt wird, da wird es zum Geruch des Todes zum Tode. Es ist ein und dasselbe Wort, das dem einen das Leben bringt und den anderen dem Tode übergibt, nicht wegen eines Unterschieds im Wort, sondern wegen des Unterschieds in den Herzen, auf die es trifft, und letztlich wegen des Unterschieds im ewigen Ratschluss Gottes.« Bavinck betont, dass die Vorsehung über die Gottlosen sich vor allem darin zeigt, dass Gott sie ihrer eigenen Bosheit überlässt. Er muss sie nicht eigens zum Sündigen antreiben. Es genügt, dass er seine zurückhaltende Hand wegnimmt. Der gefallene Mensch trägt die Hölle in sich selbst. Er braucht keinen Teufel, der ihn verführt, wenngleich der Teufel sein Geschäft tut. Er braucht keine äussere Gelegenheit, wenngleich Gott sie in seiner Vorsehung herbeiführt. Die Quelle des Verderbens entspringt in seinem eigenen Herzen, und wenn Gott den Deckel von dieser Quelle hebt, dann strömt das Gift ungehindert hervor. Charles Hodge, der grosse Systematiker des Princeton-Seminary, dringt in seiner Auslegung des Westminster-Bekenntnisses zum Kern der richterlichen Dimension vor. Er betont, dass das Wort »um früherer Sünden willen« jede Anklage der Ungerechtigkeit gegen Gott unmöglich macht. Gott verstockt nicht den Unschuldigen. Er verstockt den, der bereits gesündigt hat und in seiner Sünde verharrt. Der Pharao war kein neutraler Herrscher, der zufällig in Gottes Heilsplan geriet. Er war ein Mann, der das Volk Gottes unterdrückte, die hebräischen Knaben ermorden liess und dem Gott Israels trotzig die Stirn bot. Die Verstockung traf ihn nicht als unverdientes Schicksal, sondern als verdientes Gericht. Hodge weist darauf hin, dass die von Gott entzogenen Gaben, the gifts which they had, nicht dieselben sind wie die Heilsgnade. Kein Wiedergeborener verliert die Wiedergeburt. Kein Mensch, dem Christus wahrhaft eingepflanzt ist, wird je von ihm abgeschnitten. Die Gaben, die Gott entzieht, sind die allgemeinen Wirkungen des Geistes, die auch ein Unbekehrter erfahren kann: die Überzeugung von der Wahrheit des Evangeliums, die Furcht vor dem Gericht, der äussere Gehorsam, die Freude am Hören des Wortes. Der Schreiber des Hebräerbriefs nennt Menschen, die »die gute Gabe Gottes geschmeckt haben und teilhaftig geworden sind des Heiligen Geistes und das kräftige Wort Gottes geschmeckt haben und die Kräfte der zukünftigen Welt« und doch abfallen. Sie waren nie errettet, denn die Errettung ist unverlierbar. Aber sie hatten erfahren, was Errettung bedeutet, und hatten sie doch verworfen. Ihnen entzieht Gott diese Erfahrungen und überlässt sie der Leere, die sie gewählt haben. John Owen hat einen Aspekt dieser Lehre in grosser Tiefe durchdrungen: die Tatsache, dass die Verstockung sich gerade unter den Gnadenmitteln vollzieht. Derselbe Regen, der das Weizenfeld tränkt, lässt auch das Unkraut wachsen. Derselbe Ofen, der das Gold läutert, verzehrt die Schlacken. Wenn Owen über Hebräer 6 predigt, beschreibt er mit einer fast unheimlichen Präzision, wie ein Mensch Stufe um Stufe der Verhärtung durchschreiten kann, während er äusserlich unter der Predigt sitzt und die Sakramente empfängt. Er kann zustimmen, ohne zu glauben. Er kann weinen, ohne bereut zu haben. Er kann das Abendmahl nehmen, ohne Christus zu essen. Die Mittel, die dem Gläubigen zur Stärkung dienen, werden dem Heuchler zum Gericht. Und das ist nicht ein Unfall, der Gott unterläuft, es ist Ausdruck seiner gerechten Vorsehung, die den Menschen in der Richtung bestätigt, die er eingeschlagen hat. Die Reformatoren der Schweiz haben diese Lehre auf ihre eigene, nüchterne Weise festgehalten. Zwingli predigte über die Vorsehung mit einer Radikalität, die selbst reformierte Ohren gelegentlich erschreckte. In seiner Schrift über die Vorsehung schreibt er, dass der Diebstahl, den ein Dieb begeht, ebenso unter Gottes Vorsehung steht wie die Wohltat eines Heiligen, nicht weil Gott die Sünde will, sondern weil nichts geschieht, das nicht durch seine Hand gegangen ist. Der Dieb sündigt aus eigenem Antrieb, und Gott richtet ihn für seine Sünde. Aber der Diebstahl selbst, als Ereignis, ist Teil des göttlichen Plans, der die Weltgeschichte ihrem Ziel entgegenführt. Bullinger ergänzte diesen Gedanken um die seelsorgerliche Dimension: Wenn ein Mensch das Evangelium hört und sich dennoch verhärtet, dann ist das ein Zeichen, dass Gott ihn seinem eigenen Willen überlässt, und es ist zugleich eine Warnung für jeden Hörer, das Wort nicht leichtfertig zu behandeln. Die reformierte Orthodoxie hat diese Lehre nie als trockene Spekulation behandelt. Sie hat sie immer mit dem Beben derer vorgetragen, die wissen, dass sie selbst nicht besser sind als die, von denen sie reden. Dass sie glauben, ist nicht ihr Verdienst, sondern Gottes freie Gnade. Dass andere verstockt sind, ist nicht ihr Vorzug, sondern Gottes furchtbares Gericht. Der Unterschied liegt nicht in ihnen, sondern in seinem Ratschluss. Diese Erkenntnis tötet den Hochmut und nährt die Anbetung.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Erschrick über die Wirklichkeit der Verstockung und nimm die Warnung der Schrift ernst. Es gibt einen Punkt, an dem die Geduld Gottes mit einem Menschen ein Ende nimmt. Der Hebräerbrief warnt mit heiligem Ernst: »Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht.« Das Wort richtet sich nicht an die Heiden, sondern an die Gemeinde. Die Verstockung beginnt nicht mit einer dramatischen Gotteslästerung. Sie beginnt mit dem kleinen, fast unmerklichen Widerstand gegen das Wort, das der Heilige Geist ins Herz spricht. Der Prediger hat dich getroffen, und du hast den Gedanken weggeschoben. Das Gewissen hat sich gemeldet, und du hast es zum Schweigen gebracht. Die Schrift hat dich überführt, und du hast die Seite umgeblättert. Jeder dieser kleinen Akte des Widerstands ist eine Stufe auf der Treppe nach unten. Du siehst das Ende der Treppe nicht, aber es existiert. Die Warnung des Bekenntnisses richtet sich nicht nur an die draussen, die das Evangelium offen verwerfen. Sie richtet sich an die in den Bänken, die hören und nicht tun, die wissen und nicht gehorchen, die glauben zu stehen und doch schon gefallen sind. Zittre, nicht in der Angst des Sklaven, der die Peitsche fürchtet, sondern in der Furcht des Kindes, das den Vater nicht betrüben will. Zweitens: Beuge dich vor der Souveränität Gottes, auch wo du sie nicht verstehst. Die Frage, die Paulus stellt, »Wer bist du, Mensch, dass du mit Gott rechten willst?«, ist keine rhetorische Floskel. Sie ist die Grenze, die der menschlichen Spekulation gesetzt ist. Du kannst das Geheimnis der Verstockung nicht auflösen. Du kannst nicht erklären, wie Gott verstockt und der Mensch dennoch verantwortlich bleibt. Du kannst das biblische Zeugnis nur hinnehmen, wie es ist, und anbeten, wo du nicht verstehst. Der Glaube, der nur glaubt, was er begreift, ist kein Glaube, sondern Vernunft. Der wahre Glaube vertraut dem Gott, dessen Wege höher sind als unsere Wege und dessen Gedanken höher sind als unsere Gedanken. Er sagt mit Hiob: »Ich habe erkannt, dass du alles vermagst, und kein Vorhaben ist dir verwehrt. Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum verwerfe ich mein Reden und bereue in Staub und Asche.« Die Verstockung der Gottlosen ist ein Geheimnis, vor dem der menschliche Geist verstummt. Lass ihn verstummen. Das Schweigen vor Gott ist die angemessenste Antwort auf das, was zu gross ist, um in menschliche Worte gefasst zu werden. Drittens: Hüte dich vor dem Hochmut, der auf die Verstockten herabsieht. Wenn du die Verstockung des Pharao betrachtest, dann sprich nicht: Ich bin besser als er. Du bist es nicht. Was hast du, das du nicht empfangen hast? Derselbe Klumpen Ton, aus dem das Gefäss zur Ehre geformt wurde, hätte auch ein Gefäss zur Unehre werden können. Der Unterschied liegt nicht in der Qualität des Tons, sondern in der Hand des Töpfers. Wenn du vor diesem Geheimnis stehst, dann stehst du nicht als Richter der Gottlosen, sondern als Bettler der Gnade. Die einzig richtige Reaktion auf die biblische Lehre von der Verstockung ist nicht das Kopfschütteln über die Verlorenen, sondern das Erschrecken über die eigene Bosheit und die Anbetung dessen, der dich errettet hat, nicht wegen deiner Würdigkeit, sondern trotz deiner Unwürdigkeit. Der Puritaner Thomas Goodwin wurde einmal gefragt, ob es Gnade sei, dass er auf dem Sterbebett noch an Christus festhalte. Seine Antwort war: »Nein, es ist nicht Gnade, es ist Wunder. So schlecht bin ich.« Viertens: Predige das Evangelium mit Ernst und Dringlichkeit, im Wissen, dass die Mittel Gottes nicht leer zurückkommen. Der Erweckungsprediger Whitefield predigte einmal im Freien zu Tausenden, Männer und Frauen, von denen viele die Botschaft zum ersten Mal hörten. Ein Freund fragte ihn, wie er es ertrage, zu predigen, wenn doch nur wenige errettet würden. Whitefield antwortete, er predige, weil er nicht wisse, wer erwählt sei und wer nicht. Seine Aufgabe sei es nicht, die Verborgenen zu erkennen, sondern das Wort allen zu sagen. Das ist die reformierte Haltung zur Evangelisation. Gott hat die Mittel der Gnade verordnet, durch die er seine Erwählten ruft. Wer diese Mittel nicht gebraucht, versucht Gott. Wer sie gebraucht und das Ergebnis erwartet, vertraut Gott. Die Tatsache, dass einige unter der Predigt verstockt werden, entbindet dich nicht von der Pflicht zu predigen. Sie befreit dich von der Last, die Resultate hervorbringen zu müssen. Die Verstockung der einen ist nicht deine Sache, sie ist Gottes Geheimnis. Die Errettung der anderen ist nicht dein Werk, sie ist Gottes Wunder. Deine Sache ist es, das Wort treu auszurichten. Fünftens: Prüfe dein eigenes Herz auf die Zeichen einer beginnenden Verhärtung. Es gibt Warnsignale, an denen ein Mensch erkennen kann, ob sein Herz sich zu verhärten beginnt. Ein erstes Zeichen ist die abnehmende Furcht vor der Sünde. Was dich früher erschreckte, lässt dich heute gleichgültig. Ein zweites Zeichen ist die zunehmende Leichtigkeit, mit der du die Gnade voraussetzt. Du sündigst und denkst: Gott wird schon vergeben. Ein drittes Zeichen ist die wachsende Abneigung gegen die Gemeinschaft der Heiligen. Der Gottesdienst, der dir früher Freude machte, ist dir zur Last geworden. Die Schrift, die dir früher süss war, ist dir fad geworden. Ein viertes Zeichen ist die innere Rechtfertigung der Sünde. Wo du früher klar erkanntest: Das ist Unrecht, da sagst du nun: Es ist nicht so schlimm, andere tun es auch, die Umstände rechtfertigen es. Wenn du solche Zeichen an dir entdeckst, dann zögere nicht. Kehre um, heute, bevor das Heute Gottes zur morgigen Verstockung wird. Sechstens: Rühme dich allein des Kreuzes Christi, des einzigen Mittels, das vor der Verstockung bewahrt. Der Mensch, der auf Golgatha blickt und die Liebe Gottes im sterbenden Sohn erkennt und dennoch sein Herz verhärtet, für ihn gibt es kein anderes Opfer mehr für die Sünde. Das Kreuz ist die letzte und grösste Offenbarung der Gnade Gottes. Wer diese Gnade ausschlägt, hat nichts mehr zu erwarten als ein furchtbares Warten auf das Gericht. Aber wer auf das Kreuz blickt und erkennt, dass dort der Gott, der verstocken könnte, für ihn gestorben ist, der ist geborgen. Christus hat die Verstockung getragen, die wir verdient hätten. Er hat die Gottverlassenheit geschmeckt, die das Ende jedes verstockten Sünders ist. Er hat den Zorn getrunken, der über die Gottlosen ausgegossen wird. Und weil er ihn getrunken hat, ist der Kelch für die, die an ihn glauben, leer. Das ist das Evangelium: Der gerechte Richter hat das Urteil, das über uns gefällt werden musste, an seinem eigenen Sohn vollstreckt. Wer zu diesem Richter als zum Vater kommt, weil der Sohn den Weg gebahnt hat, der wird nie verstockt werden. Er mag fallen, er mag straucheln, er mag durch dunkle Täler gehen, aber sein Herz wird nie endgültig verhärtet, denn der Geist des lebendigen Gottes hat es weich gemacht und hält es weich, bis er es heimbringt in das Land, wo die Verstockung ein für allemal überwunden ist.

Gebet

Heiliger und gerechter Gott, du König der Könige und Herr der Herren, wir treten vor dich hin als deine Knechte und Mägde. Wir haben keinen Anspruch auf deine Gnade und kein Recht, deine Gerechtigkeit anzuklagen. Du bist Gott, und wir sind Staub. Du bist der Töpfer, und wir sind der Ton. Herr, wir bekennen, dass wir vor deiner Souveränität zurückschrecken. Lieber möchten wir einen Gott, den wir verstehen, als einen Gott, den wir anbeten. Lieber möchten wir einen Richter, den wir befragen können, als einen Richter, vor dem wir schweigen. Vergib uns diese Anmassung, die grösser ist, als wir ahnen. Lehre uns, dich zu fürchten, wie du gefürchtet werden willst: mit dem Beben derer, die deine Grösse erkannt haben und deine Gnade brauchen wie der Ertrinkende die Hand des Retters. Vater, wir bitten dich: Bewahre uns vor der Verstockung. Lass uns dein Wort nie so lange hören, bis wir es nicht mehr hören können. Lass dein Angesicht nie so lange auf uns leuchten, bis wir das Licht nicht mehr ertragen. Erhalte in uns ein weiches Herz, das auf den kleinsten Ruf deines Geistes antwortet. Gib uns den Schrecken vor der Sünde, der die Seele bewacht wie ein Wächter, der niemals schläft. Wir danken dir für das Blut Christi, das das Gericht getragen hat, das über uns gefällt war. Wir danken dir, dass der Kelch des Zornes, den du den Verstockten zu trinken gibst, an uns vorübergegangen ist, nicht weil wir besser waren, sondern weil Christus besser ist. Lass uns niemals auf andere herabblicken, deren Herz verhärtet ist, als stünde ihre Verstockung in ihrer eigenen Macht und unsere Bewahrung in der unseren. Alles, was wir sind, sind wir aus Gnade. Alles, was wir haben, haben wir empfangen. Lass uns in dieser Haltung leben und in ihr sterben. Gib uns Mut, dein ganzes Wort zu verkündigen, auch das harte, das unbequeme, das Wort von Gericht und Verstockung. Lass uns nicht schweigen, wo du geredet hast, und nicht weich reden, was du hart gesprochen hast. Mache uns zu treuen Boten, die den ganzen Ratschluss Gottes sagen, nichts verschweigend, nichts hinzufügend, wie der Ton nichts sagt zum Töpfer. Herr Jesus, du bist das Licht, das die einen erleuchtet und für die anderen zur Finsternis wird. Lass dein Licht uns nie zur Finsternis werden. Lass dein Evangelium uns nie zum Geruch des Todes werden. Lass uns in dir bleiben und du in uns, bis der Tag kommt, an dem das Geheimnis der Verstockung gelöst sein wird, nicht durch unsere Einsicht, sondern durch deine Erscheinung. An jenem Tag werden wir schauen und anbeten, und alle Fragen, die uns heute quälen, werden vergangen sein wie der Tau vor der Morgensonne. Bis dahin bewahre uns in deiner Treue, du Gott, der du treu bist, auch wenn wir untreu sind. Lass uns Dein Angesicht suchen, solange es zu finden ist. Lass uns Dich anrufen, solange Du nahe bist. Und lass uns das Wunder der Bewahrung preisen, die uns festhält, wenn alles in uns fallen will. Dir, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist, sei Lob und Ehre und Anbetung, jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.
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