Andacht 32 von 171

Die Luft mild, das Licht golden durch das Blätterdach, kein

Kap.6: Vom Sündenfall, von der Sünde und ihrer Strafe — Abschnitt 1 • 2026-06-05 • 29 Min.

Das Bekenntnis

Unsere ersten Eltern, durch die List und Versuchung Satans verführt, sündigten, indem sie die verbotene Frucht assen. Diese ihre Sünde gefiel es Gott, nach seinem weisen und heiligen Ratschluss zuzulassen, wobei er den Vorsatz gefasst hatte, sie zu seiner eigenen Verherrlichung zu lenken.
– Westminster Bekenntnis, Kapitel 6, Abschnitt 1

Einleitung

Stell dir den Garten vor, wie er war, ehe die Schlange kam. Die Luft mild, das Licht golden durch das Blätterdach, kein Schatten, der nicht vom Licht durchflutet war. Der Mensch, aus Staub geformt und mit Gottes eigenem Odem belebt, kannte keine Furcht, keine Scham, keine Anklage. Er kannte Gott, und dieses Wissen war Seligkeit. Es gab nur eine Grenze in diesem Garten: den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen nicht anzurühren. Ein einziges Verbot in einer Welt, die sonst nur aus Gaben bestand. Eine einzige Gelegenheit, dem Schöpfer zu zeigen, dass man ihn liebte, weil man wollte, nicht weil man musste. Und dann kam der Augenblick, in dem alles zerbrach. Nicht durch einen äusseren Feind, der die Mauern überrannte. Nicht durch eine Naturgewalt. Sondern durch ein einziges Wort: »Sollte Gott gesagt haben?« Das sechste Kapitel des Westminster Bekenntnisses trägt die Überschrift »Von dem Sündenfall des Menschen, von der Sünde und von ihrer Strafe«. Vier Kapitel lang haben wir uns mit dem befasst, was Gott ist und tut: die Heilige Schrift, Gott in seiner Dreieinigkeit, der ewige Ratschluss, die Schöpfung, die Vorsehung. Nun senkt sich der Blick nach unten, auf den Staub des Gartens, auf den Baum, die Frucht, die Schlange, und auf uns selbst. Denn was dieser erste Abschnitt beschreibt, ist nicht die Geschichte ferner Vorfahren. Es ist unsere eigene Geschichte, der Grund, warum wir sind, wie wir sind, und der Anfang von allem, was in und um uns falsch gelaufen ist. Die Westminster-Väter halten mit diesem ersten Satz des sechsten Kapitels eine Spannung, die zu den grössten Geheimnissen des Glaubens gehört. Dreierlei in einem Atemzug: Der Mensch hat wirklich und verantwortlich gesündigt. Der Satan hat ihn verführt. Und Gott hat diese Sünde nach seinem weisen und heiligen Ratschluss zugelassen und sie zu seiner Verherrlichung zu lenken beschlossen. Drei Wahrheiten, die der Verstand nicht in ein System zwingen kann, die aber alle drei wahr sind, weil die Schrift sie bezeugt. Wer eine streicht, um die anderen leichter glauben zu können, verliert das Ganze. Wer die Schuld des Menschen bestreitet, macht Gott zum Urheber der Sünde. Wer Satans Wirksamkeit leugnet, macht das Böse zur blossen Abwesenheit des Guten. Wer Gottes Ratschluss ausklammert, macht die Sünde zu einem Unfall, der dem Schöpfer entglitten ist. Dieser erste Abschnitt spricht vom Ursprung. Nicht vom Zustand der Sünde in uns, das folgt im zweiten Abschnitt. Nicht von der Erbsünde und ihrer Übertragung, das folgt im dritten. Sondern vom ersten Riss, dem Augenblick, in dem ein heiliger Mensch in einer heilen Welt das Unheil wählte und damit sich selbst und alle seine Nachkommen in den Abgrund riss.

Die biblischen Grundlagen

Die Erzählung vom Sündenfall im dritten Kapitel des Ersten Buches Mose gehört zu den bekanntesten und zugleich am meisten missverstandenen Texten der Bibel. Man hat sie Mythos genannt, ätiologische Sage, zeitbedingte Erklärung dafür, warum Schlangen keine Beine haben und Frauen unter Schmerzen gebären. Das Neue Testament liest sie anders. Für Paulus ist Adam keine mythologische Figur, sondern der erste Mensch, durch den die Sünde in die Welt kam. Für Jesus ist die Ehe, die am Anfang gestiftet wurde, der Masstab aller späteren Ehe. Die Bibel selbst behandelt die ersten Kapitel der Genesis nicht als poetische Einkleidung zeitloser Wahrheiten, sondern als Geschichte, als das, was wirklich geschah. Die Erzählung beginnt mit einer Gestalt, die nicht in die Harmonie des Gartens passt: »Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte.« Das hebräische Wort für »listig« ist arum. Es kann Weisheit im guten Sinne bezeichnen, aber auch Verschlagenheit. Bei der Schlange ist es das Zweite. Sie ist raffiniert, berechnend. Und sie richtet ihre List gegen den Menschen, den Gott in seinem Bild geschaffen hatte. Die Schlange beginnt nicht mit einer Lüge, sondern mit einer Frage: »Sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?« Die Frage ist meisterhaft gestellt. Sie übertreibt das Verbot ins Absurde. Gott hatte gesagt: »Von allen Bäumen im Garten sollst du frei essen. Nur von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen.« Der Unterschied zwischen dem göttlichen Gebot und der teuflischen Verzerrung ist der Unterschied zwischen einem Zaun, der eine Quelle schützt, und einem Gefängnis, das jeden Zugang verwehrt. Die Schlange malt Gott als den, der dem Menschen das Gute neidet. Die Frau antwortet, und schon in ihrer Antwort zeigt sich der erste Riss. Sie zitiert Gottes Gebot, aber sie fügt hinzu: »Rühret sie auch nicht an«, ein Zusatz, den Gott nie gegeben hatte. Vielleicht aus frommer Vorsicht gemeint, ein Zaun um das Gebot. Aber das Hinzufügen zum Wort Gottes ist bereits der erste Schritt vom Wort weg. Nun entfaltet die Schlange ihre volle List. Sie widerspricht Gott direkt: »Ihr werdet keineswegs des Todes sterben. Sondern Gott weiss: An dem Tag, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.« Es ist die älteste Lüge der Welt: Gott hält dich klein. Sein Gebot ist nicht Schutz, sondern Unterdrückung. Der Ungehorsam bringt nicht Tod, sondern Freiheit. Die Sünde macht dich nicht zum Sklaven, sondern zum Gott. Dann berichtet der Text in drei knappen Bewegungen: »Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und dass der Baum verlockend wäre, weil er weise machte. Und sie nahm von der Frucht und ass und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er ass.« Sehen, Begehren, Nehmen, Essen, es ist dieselbe Bewegung, die jeder Sünde seitdem zugrunde liegt. Nicht mehr als ein Bissen, nicht mehr als ein Augenblick, und das Band zwischen Schöpfer und Geschöpf ist zerschnitten. Der Apostel Paulus blickt im Zweiten Korintherbrief auf diesen Augenblick zurück: »Ich fürchte aber, dass, wie die Schlange Eva mit ihrer List verführte, so auch eure Gedanken abgewendet werden von der Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus.« Die Schlange verführte, planvoll, absichtlich. Ehe sie fragte, hatte die Frau nie darüber nachgedacht, ob Gottes Gebot gut oder schlecht sei. Es war selbstverständlich wie die Luft. Nach der Frage war nichts mehr selbstverständlich. Im Ersten Timotheusbrief fügt Paulus eine Beobachtung hinzu: »Adam wurde nicht verführt; die Frau aber wurde verführt und übertrat das Gebot.« Paulus leugnet Adams Sünde nicht, im Gegenteil, er macht Adam im Römerbrief zum Hauptverantwortlichen, durch den die Sünde in die Welt kam. Aber er unterscheidet: Eva wurde getäuscht, sie glaubte der Schlange. Adam ass aus einem anderen Grund, vielleicht um nicht ohne die Frau zu sein, und seine Sünde war die schwerere. Er war das Bundeshaupt. Sein Fall riss alle mit sich. Der Herr Jesus gibt im Johannesevangelium die tiefste Deutung. Er sagt: »Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Begierden wollt ihr tun. Der war ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit. Wenn er die Lüge redet, redet er aus seinem Eigenen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge.« Hinter der Schlange stand der gefallene Engel, der Mörder von Anfang an. Der Sündenfall war ein kosmisches Ereignis, ein Angriff des Bösen auf Gottes gute Schöpfung, ausgeführt durch die Waffe, die der Teufel am besten beherrscht: die Lüge. Doch schon im Gericht über die Schlange leuchtet die Hoffnung auf: »Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.« Das Protoevangelium, die erste Ankündigung des Evangeliums. Der Retter war verheissen, ehe das Gericht vollständig ausgesprochen war. Die Sünde, die Gott zuliess, war von Ewigkeit her dazu bestimmt, die Bühne zu werden, auf der sich seine Herrlichkeit in der Erlösung zeigte.

Was die Westminster-Väter meinten

Als die Westminster-Versammlung von 1643 bis 1649 das sechste Kapitel formulierte, stand sie vor einer doppelten Gefahr. Auf der einen Seite die Lehre des Pelagius, die Adams Sünde auf ein blosses schlechtes Beispiel reduzierte. Auf der anderen Seite manichäische Strömungen, die das Böse zu einer eigenständigen Macht machten, der Gott nicht Herr wurde. Die Väter mussten einen Weg finden, der beides vermied: die Sünde weder zu verharmlosen noch Gott zum Urheber des Bösen zu erklären. Der Abschnitt beginnt nicht mit Gott, sondern mit dem Menschen: »Unsere ersten Eltern sündigten.« Damit ist von Anfang an jede Vorstellung abgewehrt, Gott könne der Urheber der Sünde sein. Der Mensch ist das handelnde Subjekt. Zugleich nennen die Väter zwei Faktoren: die List Satans und die Versuchung. Beide erklären, wie es zum Fall kommen konnte, ohne ihn zu entschuldigen. Der Mensch hätte widerstehen können und sollen. Er fiel von aussen, durch Verführung, nicht von innen durch eine bereits vorhandene böse Neigung. Die entscheidende Formulierung lautet: »Diese ihre Sünde gefiel es Gott, nach seinem weisen und heiligen Ratschluss zuzulassen.« Das englische »permit« hat in der reformierten Theologie eine präzise Geschichte. Es bedeutet nicht, dass Gott hilflos zusah und dann das Beste aus der Katastrophe machte. Es bedeutet, dass Gott aus freiem Ratschluss beschloss, den Sündenfall nicht zu verhindern, obwohl er es gekonnt hätte. Er liess ihn zu, nicht widerwillig, sondern weil es seinem weisen und heiligen Ratschluss gefiel. Hier stehen wir an einer der tiefsten Stellen der Theologie. Warum gefiel es Gott, die Sünde zuzulassen? Die Antwort des Bekenntnisses: weil er beschlossen hatte, sie zu seiner Verherrlichung zu lenken. Nicht die Sünde selbst verherrlicht Gott, sie ist und bleibt hassenswert, sondern die Weise, wie er mit ihr umgeht. Seine Gerechtigkeit wird sichtbar im Gericht. Seine Gnade wird sichtbar in der Vergebung. Seine Weisheit wird sichtbar darin, dass er selbst die Bosheit des Teufels in den Plan einwebt, der zur Erlösung führt. Ohne den Fall gäbe es kein Kreuz, keine Auferstehung, keine Vergebung, kein Lob der Erlösten durch die Ewigkeit. Die Väter wählten jedes Wort mit Bedacht. Die Sünde »gefel es Gott zuzulassen«, sie sagen nicht, dass Gott die Sünde wollte, und nicht, dass sie ihm gleichgültig war. Das »Gefallen« bezieht sich auf den Akt der Zulassung, nicht auf die Sünde selbst. Und dieser Akt geschah »nach seinem weisen und heiligen Ratschluss«. Weisheit und Heiligkeit schliessen Willkür und Unrecht von vornherein aus. Was immer Gott tut, tut er mit vollkommener Kenntnis aller Folgen und ohne jeden Makel. Die letzte Wendung, »wobei er den Vorsatz gefasst hatte, sie zu seiner eigenen Verherrlichung zu lenken«, führt den Gedanken zu Ende. Gott hat die Sünde nicht nur zugelassen, er hat sie gelenkt. Das Böse, das Satan zur Zerstörung der Schöpfung plante, wurde in den Dienst von Gottes eigenem Plan gestellt, nicht so, dass das Böse aufhörte böse zu sein, sondern so, dass es in ein Flussbett gelenkt wurde, das Gott selbst gegraben hatte. Charles Hodge bemerkt zu diesem Abschnitt: »Die Versammlung lehrt nicht, dass Gott die Sünde wollte oder verursachte. Sie lehrt, dass er beschloss, sie zuzulassen, und dass er diesen Beschluss zu seiner eigenen Verherrlichung fasste. Die Unterscheidung zwischen dem Wollen der Sünde und dem Zulassen der Sünde ist grundlegend für jedes richtige Verständnis der Vorsehung über das Böse.« Die Väter schrieben auch gegen den Sozinianismus ihrer Zeit, der die Erbsünde leugnete und lehrte, der Mensch sei noch so, wie Adam vor dem Fall gewesen sei. Gegen diese Verharmlosung setzten sie den klaren Satz: Der Mensch ist wirklich, geschichtlich, mit katastrophalen Folgen gefallen, und die nächsten Abschnitte werden diese Folgen entfalten.

Theologische Tiefe

Die Reformatoren des sechzehnten Jahrhunderts haben dem Sündenfall eine Aufmerksamkeit gewidmet, die in der Theologiegeschichte ihresgleichen sucht. Für sie war die Lehre vom Fall das Zentrum der Anthropologie. Wer nicht versteht, was im Garten geschah, versteht nicht, was der Mensch ist. Calvin behandelt den Sündenfall im zweiten Buch seiner Institutio unter der Überschrift »Von der Erkenntnis des Menschen als des Erlösers bedürftig«. Das ist bezeichnend: Er spricht vom Fall nicht, um eine Theorie des Bösen zu entwerfen, sondern um den Menschen zu Christus zu treiben. »Solange der Mensch seine Misere nicht erkennt, wird er nie nach dem Arzt fragen.« Der Sündenfall ist für Calvin die einzige Erklärung dafür, dass der Mensch, nach Gottes Bild geschaffen, in einem Zustand vorgefunden wird, in dem er blind für das Göttliche und ein Sklave der Sünde ist. Und doch: »Adams Fall war die Tür, durch die Gottes Erbarmen in die Welt trat.« Gott hätte den Menschen gerecht verdammen können. Dass er stattdessen seinen Sohn sandte, das ist eine Herrlichkeit, die ohne den Fall nicht sichtbar geworden wäre. Zwingli scheute sich nicht, in seiner Schrift »De providentia Dei« die Vorsehung auch auf den Sündenfall anzuwenden. Nichts geschieht, das nicht von Ewigkeit her in Gottes Ratschluss gefasst ist, auch der Fall nicht. Aber Gott ist nicht die Ursache der Sünde, so wenig wie derjenige, der einen Wagen lenkt, die Ursache dafür ist, dass das Pferd lahmt. Das lahme Pferd lahmt aus eigenem Mangel; der Lenker gebraucht dennoch den Wagen, um ans Ziel zu kommen. Zwingli unterscheidet zwischen der Ursache der Bewegung, die von Gott kommt, und der Ursache des Mangels in der Bewegung, die vom Geschöpf kommt. Es ist eine Unterscheidung, die nicht alle Fragen beantwortet, aber vor zwei Abgründen bewahrt: Gott zum Urheber der Sünde zu machen oder die Sünde zu einer Macht zu erklären, der Gott nicht gewachsen ist. Heinrich Bullinger entfaltet in seinen Dekaden den Sündenfall mit seelsorgerlicher Eindringlichkeit. Er schildert den Garten als Urbild des Tempels: Der Mensch war als Priester hineingesetzt, und der Baum der Erkenntnis war das Heiligtum, das nur Gott betreten durfte. Als der Mensch die Frucht nahm, betrat er das Allerheiligste, er wollte selbst bestimmen, was gut und böse ist. Das ist die Essenz der Sünde: nicht dass der Mensch etwas Verbotenes tut, sondern dass er sich an Gottes Stelle setzt. Bullinger fügt hinzu, dass Gott den Sündenfall nicht nur zugelassen, sondern auch geordnet habe. Ehe das Urteil über Adam gesprochen wurde, war bereits der Erlöser verheissen. Die Gnade eilt dem Gericht voraus. Franz Turretin unterschied zwischen peccatum originale originans, der Ursprungssünde Adams, und peccatum originale originatum, der Erbsünde, die aus diesem Ursprung fliesst. Der erste Abschnitt befasst sich mit dem Ersten, mit dem ersten Bissen, durch den die Quelle vergiftet wurde. Turretin warnte davor, Adams Fall als Privatsünde zu betrachten. Weil Adam das Bundeshaupt der Menschheit war, hatte sein Ungehorsam Folgen für alle. Wie ein König, der den Krieg erklärt, sein ganzes Volk hineinstürzt, so stürzte Adam das ganze Menschengeschlecht in die Verdammnis. Diese Lehre vom Bundeshaupt ist für das Evangelium unverzichtbar. Wenn Adams Schuld nicht auf uns überginge, könnte Christi Gerechtigkeit nicht auf uns übergehen. Paulus stellt diese Entsprechung im Römerbrief her: »Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten.« Das Band zu Adam ist die natürliche Abstammung und die Zurechnung seiner Schuld. Das Band zu Christus ist die Wiedergeburt und die Zurechnung seiner Gerechtigkeit. Ohne den ersten Adam keine Sünde; ohne den zweiten Adam keine Rettung. Thomas Watson brachte diese Tiefe auf den Boden des Herzens. In seinem »Body of Divinity« schreibt er, Adams Sünde sei in gewissem Sinne grösser gewesen als die Satans. Satan sündigte ohne Versuchung von aussen; Adam wurde versucht. Satan fiel ohne Verheissung eines Erlösers; Adam fiel, als ihm der Same der Frau bereits verheissen war. Watson will die Grösse der Sünde zeigen, und damit die Grösse der Gnade. »Hätte Adam im Paradies gestanden, wir wären alle im Paradies gestanden. Da er fiel, fielen wir alle in ihm. Wie der ganze Strom vergiftet ist, wenn die Quelle vergiftet ist, so ist die ganze Menschheit vergiftet, weil Adam, die Quelle der Menschheit, vergiftet wurde.« Diese Beobachtung soll niederschmettern, aber nur, damit der Leser desto fester nach dem greift, der allein die Quelle reinigen kann.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Erkenne die Wirklichkeit des Bösen und die persönliche List des Teufels. Der erste Abschnitt spricht von der »List und Versuchung Satans«. Damit ist etwas gesagt, das viele Christen nur noch ungern aussprechen: ein persönlicher, listiger Feind, der das Verderben des Menschen sucht. Die Schlange war nicht ein Symbol für das Böse im Allgemeinen, nicht eine Projektion menschlicher Schattenseiten. Sie war ein Werkzeug Satans, des gefallenen Engels, der das Meisterwerk der Schöpfung in seinen Aufstand hineinziehen wollte. Wer den Teufel leugnet, wird ihn nicht erkennen, wenn er ihm begegnet. Er wird die List nicht durchschauen, mit der die Schlange bis heute fragt: »Sollte Gott wirklich gesagt haben?« Er wird nicht merken, dass die Stimme, die ihm einredet, Gottes Gebot sei hart und die Sünde sei Freiheit, dass diese Stimme der älteste Lügner der Weltgeschichte ist. Der Christ, der nüchtern mit Satans Existenz rechnet, ist nicht abergläubisch, sondern biblisch. Er weiss, dass er einen Feind hat, der umhergeht wie ein brüllender Löwe. Aber er weiss auch, dass dieser Feind ein besiegter Feind ist. Der Kopf der Schlange ist zertreten. Zweitens: Nimm deine Sünde voll und ganz auf deine eigenen Schultern. Aus der reformierten Betonung der Souveränität Gottes kann eine Versuchung entstehen: die eigene Sünde auf Gott zu schieben. Wenn Gott den Sündenfall nach seinem Ratschluss zugelassen hat, war es dann nicht letztlich sein Wille? Und wenn er meine Sünden in seinem Ratschluss eingeschlossen hat, bin ich dann wirklich verantwortlich? Der erste Abschnitt antwortet durch seine grammatische Struktur. Das Subjekt des Sündigens ist nicht Gott, sondern der Mensch. Genauso bist du das Subjekt deiner Sünden. Nicht deine Umstände, nicht deine Erziehung, nicht der Teufel, du hast gesündigt. Der Ratschluss Gottes ist nie eine Ausrede für die Sünde. Judas erfüllte die Schrift, als er Christus verriet, aber Jesus sagte über ihn: »Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.« Dass Gott selbst das Böse zu seinen heiligen Zwecken lenkt, mindert die Schuld des Sünders nicht um ein Gramm. Diese Wahrheit ist bitter, aber heilsam. Wer seine Sünde auf andere schiebt, kann keine Vergebung empfangen, denn er hat nichts zu bekennen. Wer sie bekennt, ohne Wenn und Aber, der steht vor dem, der die Sünde vergibt. Drittens: Bewundere die Weisheit Gottes, der selbst die Sünde zu seiner Verherrlichung lenkt. Eine Wahrheit fasst nur der Glaube: Gott ist grösser als die Sünde. Nicht in dem Sinne, dass die Sünde weniger schlimm wäre. Sondern in dem Sinne, dass Gott selbst das Schlimmste, den Abfall des Menschen, den Mord an seinem Sohn, in den Dienst seines Plans zu stellen vermag. Das Kreuz ist der endgültige Beweis. Hier lief alles Böse zusammen: Verrat, Feigheit, Blindheit, Grausamkeit, Gleichgültigkeit. Und Gott lenkte es so, dass es genau zu dem Zeitpunkt geschah, den er von Ewigkeit bestimmt hatte, um die Sünden der Welt zu sühnen. Diese Wahrheit schenkt Frieden. Wenn du auf dein Leben zurückblickst und die Sünden siehst, die Worte, die Jahre, die Entscheidungen, dann kannst du verzweifeln. Oder du kannst glauben, dass Gott auch diese Sünden nicht überrascht haben und dass er sie nach deiner Busse in den Dienst deiner Heiligung zu stellen vermag. Petrus verleugnete seinen Herrn dreimal und wurde der Fels, auf dem Christus seine Gemeinde baute. Das macht die Sünde nicht gut, aber es macht die Gnade gross. Viertens: Stehe staunend vor dem Geheimnis, ohne es auflösen zu wollen. Der erste Abschnitt führt an eine Grenze, jenseits derer das Licht der Schrift nicht mehr leuchtet. Warum hat Gott die Sünde zugelassen? Die Schrift gibt eine Antwort, zur Verherrlichung, aber keine vollständige. Sie sagt nicht, warum die Verherrlichung auf diesem Weg geschehen sollte. Sie lässt uns mit einem Geheimnis zurück, das grösser ist als unser Verstand. Das ist kein Mangel, sondern Weisheit. Ein Gott, den der menschliche Verstand vollständig begriffe, wäre nicht der Gott der Bibel. Zwingli hatte recht, als er an der Stelle, wo der Verstand nicht weiterkommt, sagte: »Hier müssen wir anbeten.« Manche Fragen beantwortet man nicht durch Nachdenken, sondern nur durch Niederknien. Wer an dieser Stelle alles verstehen will, wird entweder an der Vernunft oder am Glauben Schiffbruch leiden. Wer anbetet, wird Frieden finden, auch wenn die Fragen bleiben. Fünftens: Blicke auf den zweiten Adam, der wiedergutmachte, was der erste Adam verdarb. Der Abschnitt handelt vom ersten Adam, aber um des zweiten Adam willen. Hätte der erste Adam nicht gesündigt, bräuchten wir den zweiten nicht. Paulus stellt im Römerbrief beide einander gegenüber: Adams Sünde brachte die Verdammnis, Christi Gehorsam die Rechtfertigung. Adams Sünde machte viele zu Sündern, Christi Gerechtigkeit macht viele zu Gerechten. Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade viel mächtiger geworden. Das ist die Hoffnung, mit der du diesen ersten Abschnitt lesen sollst. Er spricht vom Fall, aber weist über sich hinaus. Er beschreibt die Wunde, aber nennt bereits den Arzt. Die Offenbarung zeigt den Garten, in den der Mensch zurückkehren wird, durch das Blut des Lammes: »Und er zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers … und die Blätter der Bäume dienten zur Heilung der Völker.« Der Baum des Lebens, den Adam verlor, steht wieder, und seine Frucht ist für alle, die gewaschen sind im Blut des Lammes. Sechstens: Lass den Sündenfall dich zur Busse und zum Glauben treiben. Man kann Theologie auf eine Art treiben, die den Kopf füllt, aber das Herz unberührt lässt. Man kann den Unterschied zwischen peccatum originale originans und originatum auswendig lernen und doch nie über die eigenen Sünden geweint haben. Das wäre das Schlimmste: dass du klüger wurdest, aber nicht heiliger. Der Sündenfall ist nicht in erster Linie ein Lehrstück für den Verstand, sondern ein Spiegel für das Gewissen. Wenn du auf Adam blickst, blickst du auf dich selbst. Die Wurzel seiner Sünde, Misstrauen gegen Gottes Güte, der Griff nach Autonomie, steckt auch in dir. Jeden Tag stehst du vor derselben Wahl: Gottes Wort zu vertrauen oder der Schlange zu glauben. Aber derselbe Spiegel darf dich nicht in Verzweiflung zurücklassen. Er muss dich zu dem treiben, der für Sünder gestorben ist. Das erste Evangelium wurde im Garten gepredigt, als Adam und Eva sich noch hinter den Bäumen versteckten: »Ich will Feindschaft setzen … er wird dir den Kopf zertreten.« Das Evangelium ist so alt wie die Sünde, und es ist die einzige Antwort auf sie. Flieh zu Christus. Nicht zu deiner Reue, nicht zu deinem Vorsatz, es besser zu machen, nicht zu deiner Theologie. Sondern zu dem Nachkommen der Frau, der am Kreuz der Schlange den Kopf zertreten hat, als es schien, sie zerträte seine Ferse. Er hat gesiegt, und in ihm hast du gesiegt. Er ist auferstanden, und in ihm wirst du auferstehen. Er ist in den Himmel aufgefahren, und in ihm wirst du den Garten betreten, aus dem Adam vertrieben wurde, nicht als Eindringling, sondern als Kind, das nach Hause kommt.

Gebet

Allmächtiger, heiliger Gott, du hast den Menschen gut geschaffen und in einen guten Garten gesetzt. Du hast ihm alles gegeben, und nur eine einzige Grenze, um ihn zu prüfen. Und doch hat er gesündigt. Er hat der Schlange mehr geglaubt als dir, hat nach der verbotenen Frucht gegriffen und sich und alle seine Kinder ins Verderben gestürzt. Wir bekennen: Wir sind seine Kinder und tragen sein Bild in unserem Ungehorsam. Täglich sündigen wir vor dir in Gedanken, Worten und Werken, und nichts als deine Gnade bewahrt uns davor, vollends verlorenzugehen. Wir preisen dich, dass du den Sündenfall nicht als Unfall erlitten hast, sondern nach deinem weisen und heiligen Ratschluss zugelassen und zu deiner Verherrlichung gelenkt hast. Wir preisen dich, dass du schon im Garten den Erlöser verheissen hast, den Nachkommen der Frau, der der Schlange den Kopf zertreten sollte. Wir preisen dich, dass du deinen Sohn gesandt hast und dass er am Kreuz die Strafe getragen hat, die wir verdient haben. Herr Jesus Christus, du zweiter Adam, du Haupt eines neuen Geschlechts: Wir danken dir, dass du uns nicht in dem gelassen hast, was der erste Adam aus uns gemacht hat. Du hast uns neu geboren aus Wasser und Geist, du hast uns deine Gerechtigkeit zugerechnet, du hast uns zu Gliedern deines Leibes gemacht. Lass uns in dir bleiben, wie die Rebe im Weinstock. Bewahre uns vor der List der Schlange, die bis heute fragt: »Sollte Gott gesagt haben?« Gib uns die Einfalt, die sich an dein Wort hält, auch wenn es dem Augenschein widerspricht. Heiliger Geist, du Tröster: Erinnere uns täglich an den Fall, damit wir wachsam bleiben. Erinnere uns täglich an das Kreuz, damit wir getröstet bleiben. Erinnere uns täglich an die Auferstehung, damit wir hoffnungsvoll bleiben. Und wenn der letzte Feind, der Tod, an uns herantritt, lass uns in dem Frieden sterben, den nur der Glaube an den zweiten Adam schenkt. Vater, wir bitten dich für die, die noch nie von dem zweiten Adam gehört haben. Für die Millionen, die unter dem Fluch des ersten Adam leben und es nicht wissen. Für die, die meinen, sie seien gut genug, und nicht ahnen, dass ein einziger Bissen genügt hat, um die ganze Menschheit ins Verderben zu stürzen. Öffne ihre Augen, damit sie erkennen, dass sie einen Retter brauchen. Wir vertrauen dir unsere Kinder an, Herr. Der Sündenfall hat eine Kette in Gang gesetzt, die von Adam bis zu uns reicht. Aber deine Gnade hat eine andere Kette geschmiedet, die von Abel über Abraham und David bis zu Christus reicht und von Christus bis zu uns und zu allen, die an ihn glauben werden. Lass unsere Kinder Glieder dieser zweiten Kette sein, nicht durch unsere Kraft, sondern durch deine Erwählung. Und wenn wir am Ende auf die Geschichte zurückblicken, die du mit uns geschrieben hast, die Jahre des Ungehorsams und die Jahre der Gnade, die Stunden des Falls und die der Bewahrung, dann lass uns einstimmen in das Lied der Erlösten: »Dem, der uns liebt und uns von unseren Sünden erlöst hat durch sein Blut und uns zu Königen und Priestern gemacht hat vor Gott, seinem Vater, ihm sei Herrlichkeit und Macht in alle Ewigkeit!« Amen.
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