Andacht 33 von 171

Da standen sie, die ersten Menschen, noch den Geschmack der

Ch.6: Of the Fall of Man, of Sin, and of the Punishment Thereof — Section 2 • 2026-06-06 • 33 min
Durch diese Sünde fielen sie aus ihrer ursprünglichen Gerechtigkeit und Gemeinschaft mit Gott und wurden so tot in Sünden und gänzlich befleckt in allen Teilen und Fähigkeiten der Seele und des Leibes.
– Westminster Bekenntnis, Kapitel 6, Abschnitt 2

Einleitung

Da standen sie, die ersten Menschen, noch den Geschmack der Frucht auf der Zunge, und die Welt hatte sich verändert. Die Schlange hatte ihnen versprochen: »Eure Augen werden aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.« Und tatsächlich, die Augen gingen auf. Aber was sie sahen, war nicht die Herrlichkeit, die sie erwartet hatten. Sie sahen ihre Blösse. Sie sahen, dass sie nackt waren, und zum ersten Mal in der Geschichte der Schöpfung schämte sich ein Mensch. Das ist die bittere Ironie des Sündenfalls. Der Mensch griff nach Gottgleichheit und entdeckte seine Nacktheit. Er wollte höher steigen und stürzte tiefer, als er sich je hätte vorstellen können. Die Frucht, die Erkenntnis verhiess, brachte Erkenntnis, ja, aber nicht die Erkenntnis des Guten und Bösen als göttliche Weisheit, sondern die Erkenntnis aus eigener schmerzhafter Erfahrung. Sie hatten das Gute verloren. Sie hatten das Böse gewonnen. Und der Unterschied zwischen beiden brannte nun in ihrem Gewissen. Der erste Abschnitt des sechsten Kapitels beschrieb den Vorgang des Falls: das Sehen, das Begehren, das Nehmen, das Essen. Er beschrieb die List der Schlange, die Verantwortung des Menschen und den Ratschluss Gottes, der selbst diese Sünde zu seiner Verherrlichung zu lenken beschloss. Doch eine Frage blieb offen, eine Frage, die jeder Leser der Genesis sich stellen muss: Was geschah mit ihnen? Was wurde aus dem Menschen, der nach Gottes Bild geschaffen, in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit vor seinem Schöpfer stand, nachdem die verbotene Frucht seinen Gaumen passiert hatte? Der zweite Abschnitt gibt die Antwort, und sie ist furchtbar. Es ist, als ob die Westminster-Väter einen Spiegel vor den Menschen halten, der nichts beschönigt. Kein Pflaster auf die Wunde, keine Beschwichtigung, keine Abschwächung. Drei Dinge geschahen in jenem Augenblick: Der Mensch fiel aus seiner ursprünglichen Gerechtigkeit. Er verlor die Gemeinschaft mit Gott. Und er wurde tot in Sünden, gänzlich befleckt in jedem Teil seines Wesens. Nicht verwundet, nicht geschwächt, nicht krank. Tot. Diese Wahrheit, dass der gefallene Mensch geistlich tot ist, gehört zum Schwersten, was ein Mensch über sich selbst erfahren kann. Sie zerstört jeden Stolz, jede Selbstgerechtigkeit, jede Vorstellung, der Mensch könne aus eigener Kraft zu Gott zurückfinden. Aber sie ist auch der Grund, warum das Evangelium so überwältigend ist. Denn was gibt es Grösseres, als dass Gott die Toten lebendig macht? Dass er, der sprach: »Es werde Licht«, über ein totes Herz spricht: »Werde lebendig«? Der zweite Abschnitt führt uns in die Tiefe des menschlichen Elends, damit wir die Höhe der göttlichen Gnade ermessen können. Niemand schätzt den Arzt, der nie krank war. Niemand bewundert den Retter, der nie in Gefahr schwebte. Und niemand wird Christus umarmen, der nicht zuvor seinen eigenen Zustand vor Gott gesehen hat: tot, befleckt, verloren.

Die biblischen Grundlagen

Die Erzählung des ersten Buches Mose verschweigt die Folgen des Sündenfalls nicht, sie schildert sie in beklemmender Nüchternheit. Kaum war die Frucht gegessen, heisst es: »Da wurden ihrer beider Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.« Der hebräische Text ist von erschütternder Schlichtheit. Keine dramatische Musik, kein Donnergrollen. Nur dieser eine Satz: Sie wurden gewahr, dass sie nackt waren. Was zuvor selbstverständlich gewesen war, die schlichte, unbefangene Leiblichkeit vor Gott und voreinander, wurde plötzlich zur Quelle der Scham. Das erste Werk des gefallenen Menschen war ein Versuch, sich selbst zu bedecken, die verlorene Herrlichkeit durch selbstgemachte Hüllen zu ersetzen. Es war der Beginn aller menschlichen Religion, die Gott nicht sucht, sondern sich vor ihm versteckt. Der nächste Satz vertieft das Bild: »Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn unter den Bäumen im Garten.« Eben noch hatte der Mensch mit Gott Gemeinschaft. Nun verbirgt er sich vor dem Angesicht dessen, der bis dahin sein Vater, sein Freund, sein einziger Vertrauter gewesen war. Die Gemeinschaft, von der das Bekenntnis spricht, war zerschnitten. Nicht Gott hatte sich zurückgezogen, Gott ging im Garten, er suchte den Menschen, wie er ihn bis heute sucht. Aber der Mensch floh. Er konnte die Gegenwart dessen nicht ertragen, gegen den er gesündigt hatte. So war der Zustand, in dem die Menschheit seit jenem Tag lebt: Gott nahe, aber der Mensch verborgen, fliehend, mit Feigenblättern notdürftig bedeckt. Die Vertreibung aus dem Garten, die am Ende des dritten Kapitels berichtet wird, besiegelte diesen Zustand. »Und Gott der Herr trieb ihn aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er vertrieb den Menschen und liess östlich vom Garten Eden die Cherubim lagern und das flammende, blitzende Schwert, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen.« Der Baum des Lebens, das Zeichen der unzerstörten Gemeinschaft, war nun unzugänglich. Nicht aus Willkür, sondern aus Barmherzigkeit: Wäre der Mensch im Zustand der Sünde vom Baum des Lebens gegessen, er hätte ewig in diesem Zustand gelebt, ein gefallener, aber unsterblicher Sünder. Die Vertreibung war Gericht und Gnade zugleich. Aber sie war auch ein Bild dafür, was der zweite Abschnitt beschreibt: Der Mensch war aus der Gegenwart Gottes verbannt, aus dem Garten geworfen, vom Baum des Lebens getrennt. Und er konnte aus eigener Kraft nicht zurückkehren. Der Apostel Paulus bringt dieses Bild in die Sprache der Lehre, und er tut es mit einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschen übrig lässt. Im Epheserbrief schreibt er: »Auch euch, die ihr tot wart durch Übertretungen und Sünden, in denen ihr einst gelebt habt nach der Art dieser Welt, unter dem Mächtigen, der in der Luft herrscht, dem Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist in den Kindern des Ungehorsams. Unter ihnen haben auch wir alle einst unser Leben geführt in den Begierden unseres Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Sinne und waren Kinder des Zorns von Natur wie auch die anderen.« Das griechische Wort, das Paulus hier gebraucht, ist nekros. Es bedeutet nicht krank, nicht verwundet, nicht schwach. Es bedeutet tot, leblos, ohne jede Lebensregung in Bezug auf Gott. Der Mensch mag geistig rege sein, kulturell produktiv, moralisch beeindruckend. Aber in Bezug auf Gott ist er tot. Er kann Gott nicht erkennen, nicht lieben, nicht suchen, ihm nicht gehorchen, solange Gott ihn nicht lebendig macht. Und Paulus fügt hinzu, dass dieser Zustand nicht eine erworbene Angewohnheit ist, keine schlechte Erziehung, kein kultureller Unfall. Er sagt: »von Natur«. Es ist der Zustand, in den wir hineingeboren werden. Der Sünder sündigt nicht nur, er ist ein Sünder. Seine Natur, der innerste Kern seines Wesens, ist verdorben. David bekennt dasselbe im einundfünfzigsten Psalm, seinem grossen Busspsalm nach dem Ehebruch mit Bathseba. Er hatte gesündigt, furchtbar gesündigt. Aber er führt seine Sünde nicht auf die Umstände zurück, nicht auf die Verführung des Augenblicks, nicht einmal auf die List des Teufels. Er geht tiefer, zum Ursprung: »Siehe, in Schuld bin ich geboren, und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen.« David wagt es, seine einzelne Tat mit dem Zustand zu verbinden, in dem er auf die Welt kam. Lange bevor er die Hand nach Bathseba ausstreckte, war sein Herz verdorben. Die Tat war nur die Frucht einer Wurzel, die seit seiner Empfängnis in ihm steckte. Paulus entfaltet diesen Zusammenhang im fünften Kapitel des Römerbriefs mit der Gegenüberstellung von Adam und Christus, die für die reformierte Theologie grundlegend ist: »Durch einen Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen und durch die Sünde der Tod, und so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben.« Und weiter: »Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten.« Der erste Adam hat nicht nur ein schlechtes Beispiel gegeben, dem andere folgen können oder auch nicht. Er hat als Bundeshaupt der Menschheit eine Veränderung der menschlichen Natur bewirkt, die jeden seiner Nachkommen betrifft. Seine Schuld wird uns zugerechnet, und seine verdorbene Natur wird uns weitergegeben. So wie das Wasser einer Quelle durch den ganzen Fluss fliesst, so fliesst die Sünde Adams durch die ganze Menschheit. Im Kolosserbrief fasst Paulus den Zustand in eine Wendung, die an Schärfe kaum zu überbieten ist: »Euch, die ihr einst entfremdet und feindlich gesinnt wart in bösen Werken.« Entfremdet von Gott, das ist die verlorene Gemeinschaft. Feindlich gesinnt, das ist mehr als Gleichgültigkeit, mehr als Schwäche. Es ist aktive Gegnerschaft. Das Herz des gefallenen Menschen ist nicht neutral gegenüber Gott. Es ist gegen ihn. Es hasst das Licht und liebt die Finsternis, nicht weil die Finsternis schöner wäre, sondern weil die Finsternis die eigenen Werke verbirgt. Die biblische Lehre ist eindeutig. Der Mensch nach dem Fall ist nicht ein Verwundeter, der noch humpeln kann. Er ist tot. Er ist nicht ein Kranker, der noch nach dem Arzt rufen könnte. Er liegt im Grab und wartet auf eine Stimme, die von aussen kommt. Die Bibel lässt keine Optimismus zu, was die Fähigkeit des natürlichen Menschen betrifft, aus eigener Kraft zu Gott zu kommen. Aber sie bereitet damit den Weg für eine Hoffnung, die grösser ist als alle menschliche Fähigkeit: die Auferweckung der Toten durch den, der spricht, und es geschieht.

Was die Westminster-Väter meinten

Als die Versammlung in Westminster diesen zweiten Abschnitt formulierte, hatte sie klare Gegner vor Augen. Auf der einen Seite standen die Sozinianer, die eine Art von pelagianischem Optimismus vertraten: Adam habe gesündigt, aber seine Sünde sei seine eigene Privatsache. Sie habe weder die menschliche Natur verändert noch werde sie seinen Nachkommen zugerechnet. Der Mensch komme so auf die Welt, wie Adam vor dem Fall war: neutral, frei, fähig zum Guten wie zum Bösen. Auf der anderen Seite stand die römische Lehre, die zugab, dass der Mensch durch den Fall verwundet sei, aber darauf bestand, dass der freie Wille nicht völlig zerstört, sondern nur geschwächt worden sei. Der Mensch sei krank, aber nicht tot. Er könne noch mit der Gnade mitwirken. Gegen beide Fronten setzten die Väter eine Formulierung, die keine Ausflüchte zulässt. Der Mensch wurde »tot in Sünden«. Er wurde »gänzlich befleckt in allen Teilen und Fähigkeiten der Seele und des Leibes«. Das englische »wholly defiled« hat im Deutschen die Entsprechung in »gänzlich befleckt«. Es geht um eine Befleckung, die das Ganze betrifft. Kein Winkel des menschlichen Wesens blieb unberührt. Der Verstand, der die Wahrheit erkennen sollte, ist verfinstert. Der Wille, der das Gute wählen sollte, ist versklavt. Die Gefühle, die sich an Gott erfreuen sollten, sind verdorben. Der Leib, der ein Tempel des Heiligen Geistes sein sollte, ist ein Werkzeug der Sünde geworden. Die Väter sagen nicht, dass der Mensch so böse sei, wie er nur sein könnte. Das ist nicht die Lehre der reformierten Kirche. Der gefallene Mensch kann ein guter Bürger sein, ein liebevoller Vater, ein ehrlicher Geschäftsmann. Er kann Werke tun, die vor Menschen gut sind. Aber in Bezug auf Gott, in Bezug auf das Heil, ist er tot. Er kann keinen einzigen Gedanken denken, kein einziges Wort sprechen, keine einzige Tat tun, die Gott gefällt, solange er nicht durch den Heiligen Geist erneuert ist. Was nicht aus Glauben kommt, ist Sünde, sagt Paulus. Und der Glaube ist eine Gabe Gottes, nicht ein Werk des Menschen. Die Versammlung gebraucht das Wort »tot« mit Bedacht. Es ist dasselbe Wort, das Paulus im Epheserbrief gebraucht. Ein Toter kann nichts zu seiner Auferweckung beitragen. Er kann nicht einmal darum bitten, auferweckt zu werden. Er ist tot. Wenn er leben soll, muss jemand von aussen kommen, der die Macht hat, Tote lebendig zu machen. Das ist der Punkt, auf den die Väter hinauswollen. Die Lehre von der völligen Verdorbenheit ist nicht dazu da, den Menschen zu entmutigen, sondern ihn zu dem einzigen zu treiben, der helfen kann. Der Mensch, der seine eigene Hilflosigkeit erkannt hat, ist bereit für das Evangelium. Der Mensch, der noch meint, er könne ein wenig mitwirken, hat das Evangelium noch nicht verstanden. Charles Hodge bemerkt zu diesem Abschnitt, dass die Väter eine doppelte Genauigkeit walten lassen. Sie sagen »tot in Sünden«, nicht absolut tot. Der Mensch ist nicht aufgehört, Mensch zu sein. Er denkt noch, er will noch, er fühlt noch. Seine natürlichen Fähigkeiten hat er nicht verloren. Aber in Bezug auf das geistliche Leben, in Bezug auf die Fähigkeit, Gott zu erkennen und zu lieben, ist er tot. Und sie sagen »gänzlich befleckt«, nicht absolut befleckt. Die Verschmutzung erstreckt sich auf alle Teile, aber nicht in gleichem Masse. Manche Menschen sind äusserlich moralischer als andere. Aber innen, vor Gott, sind alle gleichermassen verloren. Die Väter schrieben diesen Satz mit einem seelsorgerlichen Blick. Sie wussten, dass die Lehre von der völligen Verdorbenheit schwer zu ertragen ist. Der Mensch sträubt sich dagegen, für tot erklärt zu werden. Aber sie wussten auch, dass es keine Heilung ohne Diagnose gibt. Wer dem Kranken sagt, er sei nur ein wenig erkältet, während er an einer tödlichen Krankheit leidet, ist kein Freund des Kranken. Die Westminster-Väter waren Freunde der Seelen, und sie sagten die Wahrheit, so schwer sie war, damit die Seelen zum einzigen Arzt finden konnten.

Theologische Tiefe

Kaum ein Theologe der reformierten Tradition hat die Tiefe des menschlichen Falls so durchdrungen wie Franz Turretin. In seiner »Institutio Theologiae Elencticae«, einem Werk, das Generationen von Pfarrern geprägt hat, unterscheidet er sorgfältig zwischen dem, was der Mensch durch den Fall verloren hat, und dem, was ihm geblieben ist. Der Verlust, so Turretin, ist ein zweifacher. Erstens der Verlust der ursprünglichen Gerechtigkeit, lateinisch die privatio iustitiae originalis. Diese Gerechtigkeit war nicht etwas, das zum Wesen des Menschen hinzukam, ein übernatürliches Geschenk, das er verlieren konnte, ohne dass sein Wesen Schaden nahm. Sie gehörte zu seiner ursprünglichen Ausstattung. Sie war das Kleid, in dem er vor Gott stand, das Licht, das aus seinem Inneren leuchtete. Als er sündigte, verlor er dieses Kleid, und er stand nackt da, nicht nur leiblich, sondern geistlich. Die Blösse, die Adam und Eva im Garten entdeckten, war nur das äussere Zeichen einer tieferen Blösse: der Mensch vor Gott ohne Gerechtigkeit. Zweitens, und das ist das Entscheidende, trat an die Stelle der verlorenen Gerechtigkeit eine positive Verdorbenheit. Turretin nennt sie corruptio totalis. Es ist nicht so, dass der Mensch nur etwas Gutes verloren hätte und nun neutral wäre. Die Natur des Menschen hasst das Vakuum. Wo die Gerechtigkeit wich, zog die Sünde ein. Wo die Liebe zu Gott erlosch, entzündete sich die Liebe zur Welt. Wo der Wille, Gott zu gehorchen, zerbrach, erhob sich der Wille, Gott zu trotzen. Der Mensch ist nicht eine leere Leinwand, die auf den Maler wartet. Er ist eine Leinwand, die bereits mit den grellen Farben der Sünde bemalt ist. Turretin betont, dass diese Verdorbenheit nicht nur die niederen Triebe betrifft, die der Mensch mit dem Tier teilt. Sie betrifft den ganzen Menschen, auch seine höchsten Fähigkeiten. Der Verstand, mit dem er die Wahrheit erkennen sollte, ist verfinstert. Er mag noch Logik studieren und Mathematik treiben. Aber die Wahrheit Gottes, das, was zu seinem Heil dient, kann er nicht erkennen. Der Wille, mit dem er das Gute wählen sollte, ist versklavt. Er mag noch zwischen dieser und jener Farbe eines Hemdes wählen. Aber das Gute, das Gott gefällt, kann er nicht wollen. Und die Gefühle, mit denen er Gott lieben sollte, sind verdorben. Er mag noch eine Frau oder einen Freund lieben. Aber Gott, seinen Schöpfer, liebt er nicht. Er fürchtet ihn vielleicht, aber er liebt ihn nicht. Calvin beschreibt denselben Sachverhalt mit einem Bild, das sich dem Gedächtnis einprägt. Die menschliche Seele nach dem Fall, schreibt er in der Institutio, gleicht einem Labyrinth. Der Mensch irrt darin umher, stösst an Wände, findet keinen Ausgang. Nicht weil der Ausgang nicht da wäre, sondern weil der Mensch die Fähigkeit verloren hat, den Weg zu sehen. Das Licht der Vernunft mag ihm helfen, sich in den Dingen dieser Welt zurechtzufinden. Aber den Weg zu Gott findet er nicht. Dazu braucht es ein Licht von aussen, das Wort Gottes, und eine innere Erleuchtung, den Heiligen Geist. Ohne beides bleibt der Mensch im Labyrinth seiner eigenen Gedanken gefangen. Herman Bavinck bringt die reformierte Unterscheidung zwischen dem weiteren und dem engeren Sinne des Bildes Gottes in die Diskussion ein. Das Bild Gottes im weiteren Sinne, so Bavinck, besteht in den natürlichen Eigenschaften des Menschen: seiner Vernunft, seinem Willen, seiner Unsterblichkeit. Diese sind durch den Fall nicht völlig verloren gegangen. Der Mensch ist immer noch ein vernünftiges Wesen, er kann noch denken und wollen, er unterscheidet sich noch vom Tier. Aber das Bild Gottes im engeren Sinne, das in der wahren Erkenntnis Gottes, in der Gerechtigkeit und in der Heiligkeit bestand, ist völlig verloren. Um im Bild zu bleiben: Das Gebäude steht noch, aber es liegt in Trümmern. Die Grundmauern der Menschlichkeit sind noch erkennbar, aber das Obergeschoss, die Wohnung Gottes im Menschen, ist eingestürzt. Niemand kann mehr darin wohnen, kein Licht brennt in den Fenstern, kein Feuer wärmt den Herd. Bavinck warnt vor zwei Abwegen. Der erste ist der, das Gebäude für unbeschädigt zu erklären. Das tun die Pelagianer und ihre modernen Nachfolger. Sie sehen den Menschen noch so, wie er aus der Hand des Schöpfers kam, frei, gut, fähig. Der zweite Abweg ist der, das Gebäude für völlig zerstört zu erklären, so dass nichts Menschliches mehr übrig ist. Das haben einige übereifrige Anhänger der reformierten Lehre getan, und es hat der Sache mehr geschadet als genützt. Der Mensch ist gefallen, aber er ist immer noch Mensch. Er ist tot in Sünden, aber er ist immer noch das Geschöpf, das Gott nach seinem Bild gemacht hat. Und weil er das ist, gibt es einen Anknüpfungspunkt für die Gnade, nicht im Sinne einer Fähigkeit, aus eigener Kraft zu glauben, aber im Sinne einer verbliebenen Struktur, die Gott ansprechen und erneuern kann. Hier ist der Ort, an dem die reformierte Lehre sich von der römischen und von der täuferischen unterscheidet. Rom lehrt, dass der Mensch durch den Fall verwundet, aber nicht tot sei. Seine natürlichen Fähigkeiten seien geschwächt, aber nicht zerstört. Er könne noch mit der Gnade mitwirken, wenn auch nur schwach. Die Täufer neigten dazu, den gefallenen Menschen für so verdorben zu halten, dass jede natürliche Regung, auch die des Gewissens und des Verstandes, nur böse sei. Die Reformatoren gingen den mittleren Weg: Der Mensch ist tot, was das geistliche Leben betrifft. Aber er ist kein Teufel. Er trägt noch die Spuren der ursprünglichen Schöpfung an sich. Und diese Spuren sind der Ansatzpunkt, an dem das Wort Gottes und der Geist Gottes ansetzen, nicht als Mitwirkung, aber als Anknüpfung. Thomas Watson bringt von einer anderen Seite her Licht in die Lehre. Er fragt nicht nur, was der Mensch verloren hat, sondern was er gewonnen hat. Durch den Fall, sagt Watson, wurde der Mensch nicht nur beraubt, er wurde verwandelt. Vor dem Fall war sein Herz ein Garten, in dem nur heilige Gedanken wuchsen. Nach dem Fall wurde es eine Wildnis, in der nur Unkraut gedeiht. Jeder Gedanke, jede Regung, jedes Verlangen ist von der Wurzel her vergiftet. Nicht dass der Mensch nichts Gutes mehr täte. Aber nichts, was er tut, geschieht aus reinen Beweggründen. Er kann ein Almosen geben, aber nicht aus Liebe zu Gott. Er kann die Sünde meiden, aber aus Furcht vor Schande. Die Quelle ist vergiftet, darum ist der Strom vergiftet, auch wenn er an manchen Stellen klar aussieht. Und doch, so fügen alle diese Theologen hinzu, ist der Mensch kein hoffnungsloser Fall. Gerade weil er tot ist, braucht er einen, der Tote auferweckt. Gerade weil er im Labyrinth gefangen ist, braucht er einen Führer. Gerade weil das Gebäude in Trümmern liegt, braucht es einen Baumeister, der es neu errichtet. Die Lehre von der völligen Verdorbenheit ist die dunkle Folie, auf der das Licht des Evangeliums umso heller leuchtet. Sie ist das Schweigen vor dem Sturm der Gnade. Sie ist der Tod vor der Auferstehung.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Lerne den Menschen kennen, wie er wirklich ist, und nicht, wie er gerne wäre. Kaum etwas verlangt dir mehr ab, als diesen zweiten Abschnitt auf dich selbst anzuwenden. Dein Herz sträubt sich dagegen. Du magst zugeben, dass du Fehler hast, dass du nicht perfekt bist, dass du manchmal sündigst. Aber tot? Gänzlich befleckt? Das geht gegen alles, was du über dich selbst denkst. Und genau darin liegt der Beweis für die Wahrheit dieses Abschnitts. Dass du dich so heftig dagegen wehrst, dass dein ganzer Stolz sich aufbäumt bei dem Gedanken, du könntest geistlich tot sein, das zeigt, wie tief die Sünde in dir sitzt. Ein Toter weiss nicht, dass er tot ist. Er kann es nicht wissen. Nur wenn Gott das Licht seines Wortes in dein Herz scheinen lässt, beginnst du zu sehen, wer du wirklich bist. Lass dich nicht von äusserer Moral täuschen. Dass du kein Mörder und kein Ehebrecher bist, dass du deine Steuern zahlst und deine Nachbarn grüsst, das ist vor den Menschen etwas. Vor Gott ist es nichts. Die Frage ist nicht, ob du besser bist als andere. Die Frage ist, ob du Gott liebst mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Gemüt. Und wenn du ehrlich bist, weisst du die Antwort. Dein Herz liebt vieles, es liebt seine Ruhe, seine Sicherheit, seine Ehre. Aber Gott liebt es nicht, nicht von Natur. Dass es ihn lieben kann, ist allein das Werk des Heiligen Geistes, der das Tote lebendig macht und das Kalte entflammt. Zweitens: Gib die Hoffnung auf, dich selbst zu bessern, und wirf dich ganz auf Christus. Aus der reformierten Betonung der völligen Verdorbenheit kann eine merkwürdige Konsequenz folgen. Manche meinen, sie müssten erst einmal besser werden, ehe sie zu Christus kommen könnten. Sie wollen die Hände waschen, ehe sie an die Tafel treten. Aber das Bekenntnis sagt dir: Du kannst deine Hände nicht waschen. Du bist gänzlich befleckt. Jeder Versuch, dich selbst zu reinigen, ist so, als ob du einen schwarzen Fleck mit schwarzer Tinte auswaschen wolltest. Alle deine guten Vorsätze, all deine moralischen Anstrengungen, all deine Versuche, ein besserer Mensch zu werden, sie sind, solange du nicht in Christus bist, nichts als ein geflicktes Feigenblatt. Sie bedecken deine Blösse nicht, sie machen sie nur noch offensichtlicher. Die einzige Hoffnung für einen toten Sünder ist die Auferweckung durch Christus. Nicht Besserung, sondern Neugeburt. Nicht Reparatur, sondern neue Schöpfung. Nicht eine Kur, sondern eine Auferstehung. Hör auf, an dir herumzudoktern. Du bist keine Baustelle, du bist ein Trümmerfeld. Du brauchst keinen Handwerker, du brauchst einen Schöpfer. Und der Schöpfer ist gekommen. Er ist ins Grab gestiegen und hat den Tod besiegt. Er kann dich rufen, wie er einst Lazarus rief: »Komm heraus!« Und du wirst herauskommen, nicht weil du es könntest, sondern weil sein Wort Macht hat über die Toten. Drittens: Betrachte den zweiten Adams, in dem alles wiedergutgemacht ist, was der erste Adam verdorben hat. Der zweite Abschnitt spricht vom ersten Adam, aber nur damit du den zweiten Adam umso fester umarmst. Der erste Adam fiel aus der ursprünglichen Gerechtigkeit, aber Christus hat das ganze Gesetz erfüllt und steht in vollkommener Gerechtigkeit vor Gott. Der erste Adam verlor die Gemeinschaft mit Gott, aber Christus betete: »Damit sie eins seien, wie wir eins sind.« Der erste Adam wurde tot in Sünden, aber Christus ist auferstanden und hat den Tod verschlungen. Der erste Adam wurde gänzlich befleckt, aber in Christus ist keine Sünde, und wer in ihm ist, dem wird seine Gerechtigkeit zugerechnet, als wäre sie die eigene. Was du in Adam verloren hast, hast du in Christus wiedergewonnen, und mehr als das. Adam hatte das Paradies auf Erden. Du wirst das Paradies im Himmel haben, das kein Schwert mehr bewacht und keine Schlange mehr bedroht. Adam trug das Bild Gottes und verlor es. Du wirst das Bild Christi tragen, das an Herrlichkeit das Bild Adams unendlich übertrifft. Der zweite Abschnitt lehrt dich dein Elend, aber er treibt dich zu deinem Erlöser. Wer nur bei Adam stehen bleibt, muss verzweifeln. Wer von Adam zu Christus geht, findet Leben. Viertens: Verstehe deine verbliebenen Gaben nicht als Verdienst, sondern als unverdiente Bewahrung. Das Bekenntnis sagt, dass alle Teile und Fähigkeiten befleckt sind. Es sagt nicht, dass sie ausgelöscht sind. Du denkst noch, und jeder klare Gedanke ist eine Gabe Gottes. Du liebst noch, und jede echte Liebe ist ein Funke aus der Glut, die der Geist entfacht hat. Du tust noch Gutes, und jedes gute Werk ist eine Frucht der Gnade, nicht deiner Natur. Dass du nicht so böse bist, wie du sein könntest, dass du nicht in jeder Sünde lebst, die es gibt, dass du noch ein Gewissen hast, das dich warnt, das ist nicht dein Verdienst. Es ist Gottes bewahrende Gnade, die die Sünde in Schranken hält, bis der Tag der völligen Erlösung kommt. Diese Erkenntnis bewahrt dich vor zwei Sünden. Dem Stolz, der sich etwas auf seine Tugenden einbildet, als wären sie eigene Gewächse. Und der Verzweiflung, die meint, ein so verdorbener Mensch könne Gott niemals gefallen. Die Wahrheit liegt in der Mitte: Was immer Gutes in dir ist, es ist Gottes Werk, sei darum dankbar. Was immer Böses in dir ist, es ist dein eigenes, sei darum demütig. Und dann blicke auf Christus, in dem du angenommen bist, nicht um deiner selbst willen, sondern um seinetwillen. Fünftens: Blicke mit Geduld und Barmherzigkeit auf die Sünden anderer. Wer den zweiten Abschnitt verstanden hat, wird nicht mehr mit dem Finger auf andere zeigen. Du weisst jetzt, dass du in dir selbst nichts Besseres bist als der gröbste Sünder. Was immer du an Moral vor anderen voraushast, es ist nicht dein Verdienst, sondern Nebel, der sich bald verziehen wird, wenn Gott ihn nicht durch seine Gnade bewahrt. Der Unterschied zwischen dem gröbsten Sünder und dem anständigsten Bürger ist nicht eine bessere Natur, sondern allein die bewahrende Gnade Gottes, die den einen hält, während der andere fällt. Diese Erkenntnis macht geduldig. Du wirst nicht mehr überrascht sein, wenn Menschen sündigen, auch nicht, wenn andere Christen fallen. Sie sind, was du von Natur auch bist. Du wirst nicht mehr hochmütig auf die blicken, die noch in groben Sünden leben. Du weisst: Dort, aber für Gottes Gnade, gehe ich. Und du wirst für sie beten, nicht von oben herab, sondern von unten her, als einer, der dasselbe Elend teilt und denselben Retter braucht. Sechstens: Preise die Gnade, die aus Toten Lebendige macht, und lebe aus dieser Gnade jeden Tag. Der zweite Abschnitt endet nicht mit einem Punkt, er endet mit einem Ausrufezeichen, das der Glaube setzt. Tot in Sünden, ja. Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat dich mit Christus lebendig gemacht. Gänzlich befleckt, ja. Aber das Blut Christi reinigt von aller Sünde. Aus der Gemeinschaft mit Gott gefallen, ja. Aber durch Christus hast du Zugang zum Vater in einem Geist. Jeden Tag, wenn du aufwachst, lebe aus dieser Wahrheit. Du bist ein Toter, der lebt. Du bist ein Befleckter, der rein ist. Du bist ein Vertriebener, der heimgekehrt ist. Nicht, weil du aus deinem Tod auferstanden wärst, sondern weil Christus auferstanden ist und du in ihm. Lass diese Gewissheit dein Leben prägen. Wenn du sündigst, verzweifle nicht, denn deine Gerechtigkeit hängt nicht an deiner Leistung, sondern an Christus. Wenn du versagst, fliehe nicht, denn du stehst nicht aus eigener Kraft, sondern aus seiner. Und wenn du fällst, bleibe nicht liegen, denn dein Herr streckt dir die Hand entgegen, die am Kreuz für dich durchbohrt wurde. Der zweite Abschnitt zeigt dir den Abgrund. Aber der Glaube sieht jenseits des Abgrunds das Kreuz, und das Kreuz ist die Brücke, die über den Abgrund führt, von Adam zu Christus, vom Tod zum Leben, vom verlorenen Paradies zur ewigen Stadt.

Gebet

Herr, unser Gott und Vater, du hast den Menschen herrlich geschaffen, nach deinem Bild, in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Und wir haben diese Herrlichkeit verspielt. Durch den ersten Adam sind wir gefallen, und in ihm sind wir tot in Sünden, gänzlich befleckt in allen Teilen unseres Wesens. Unser Verstand kann dich nicht erkennen, unser Wille dich nicht wählen, unser Herz dich nicht lieben. Wir sind von Natur Kinder des Zorns, und unsere einzige Hoffnung bist du. Wir preisen dich, dass du uns nicht im Grab unseres Todes gelassen hast. Du hast deinen Sohn gesandt, den zweiten Adam, der das Gesetz erfüllte, der den Tod besiegte, der die Gerechtigkeit erwarb, die wir verloren hatten. Du hast uns in ihm lebendig gemacht, als wir noch tot waren. Du hast den Glauben in uns geweckt, als wir noch Feinde waren. Du hast uns in die Gemeinschaft mit dir zurückgerufen, aus der der erste Adam uns vertrieben hatte. Herr Jesus Christus, du Auferstandener: Erhalte in uns das Leben, das du geschaffen hast. Wir sind noch im Fleisch, und die Sünde, die in uns wohnt, regt sich täglich. Der alte Adam will uns zurückziehen in den Tod, aus dem du uns erweckt hast. Aber du bist stärker. Dein Geist, der in uns wohnt, ist stärker als die Sünde, die noch in uns wohnt. Lass uns jeden Tag aus deiner Kraft leben und nicht aus unserer eigenen. Lass uns jeden Morgen neu in den Spiegel deines Wortes blicken und das Bild erkennen, in das du uns verwandelst. Heiliger Geist, du Tröster und Erneuerer: Wirke in uns das Wollen und das Vollbringen. Zeige uns die Tiefe unseres Elends, damit wir nicht hochmütig werden. Zeige uns die Grösse deiner Gnade, damit wir nicht verzweifeln. Und wenn der letzte Tag kommt, an dem der Tod, der letzte Feind, besiegt wird, dann mache das Werk vollkommen, das du in uns begonnen hast. Dann lass uns vor deinem Thron stehen, nicht in der Nacktheit Adams, sondern bekleidet mit der Gerechtigkeit Christi, und lass uns einstimmen in das Lied der Erlösten: »Dem, der uns liebt und uns von unseren Sünden erlöst hat durch sein Blut, ihm sei Herrlichkeit und Macht in alle Ewigkeit!« Amen.
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