Andacht 94 von 171

Die Trübung der Gewissheit: Sünde kann trüben, aber nicht zerstören

Ch.18: Of the Assurance of Grace and Salvation — Abschnitt 4 • 2026-07-30 • 40 min
Wahre Gläubige können der Heilsgewissheit auf verschiedene Weise beraubt, darin geschwächt und unterbrochen werden: durch Nachlässigkeit in ihrer Bewahrung, durch das Fallen in eine besondere Sünde, die das Gewissen verwundet und den Geist betrübt, durch eine plötzliche oder heftige Versuchung, dadurch dass Gott das Licht seines Angesichts entzieht und es zulässt, dass selbst solche, die ihn fürchten, in der Finsternis wandeln und kein Licht haben. Dennoch sind sie niemals völlig entblösst von jenem Samen Gottes, dem Leben des Glaubens, der Liebe zu Christus und den Brüdern, der Aufrichtigkeit des Herzens und dem Bewusstsein der Pflicht. Aus diesen Dingen kann durch das Wirken des Geistes diese Gewissheit zu seiner Zeit wiederbelebt werden, und durch sie werden sie in der Zwischenzeit vor völliger Verzweiflung bewahrt.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 18, Abschnitt 4

Einleitung

Ein Kind geht mit seinem Vater durch einen Wald. Die Hand des Vaters hält die seine, das Licht fällt in breiten Bahnen durch die Blätter, der Pfad unter den Füssen ist fest und sicher. Dann, ohne Warnung, senkt sich ein Nebel herab. Nicht langsam, wie die Dämmerung, sondern plötzlich, als zöge jemand einen Vorhang über die ganze Landschaft. Die Hand des Vaters liegt noch immer in der des Kindes, der Griff hat sich nicht gelockert. Aber das Kind kann das Gesicht dessen, der es hält, nicht mehr sehen. Der Pfad ist noch da, doch es kann ihn nicht mehr erkennen. Alles, was eben noch gewiss war, ist es der Tatsache nach noch immer — allein die Erfahrung dieser Gewissheit hat sich in Verwirrung aufgelöst. Das Kind ist nicht verloren. Die Hand hat nicht losgelassen. Aber das Licht ist gewichen, und die Dunkelheit, obgleich vorübergehend, ist wirklich. Dieses Bild erzählt, worum es im vierten Abschnitt des achtzehnten Kapitels geht. Die ersten drei Abschnitte haben das Lehrgebäude der reformierten Heilsgewissheit errichtet: dass sie für den gewöhnlichen Gläubigen in diesem Leben erreichbar ist, dass sie auf einem dreifachen Fundament ruht — den göttlichen Verheissungen, den inneren Gnadenzeichen und dem Zeugnis des Geistes — und dass sie, obgleich nicht zum Wesen des Glaubens gehörig, durch den rechten Gebrauch der gewöhnlichen Mittel zu erlangen ist. Wer diese drei Gipfel bestiegen hat, den führen die Väter nun ins Tal hinab — in jenes Tal, in dem die einmal besessene Gewissheit erschüttert, geschwächt oder ganz unterbrochen wird. Sie tun es mit der Zärtlichkeit eines Arztes, der viele Wunden verbunden und viele Tränen getrocknet hat. Dieser Abschnitt stellt die Frage, die den Gläubigen peinigt, der die Süssigkeit der Gewissheit geschmeckt hat und sie dann verloren hat: Habe ich alles verloren? Ist die Finsternis der Beweis, dass das Licht nie echt war? Wenn die Verheissungen, die einst von der Seite sprangen und mein Herz entflammten, nun flach und stumm auf dem Papier liegen — wenn das Gebet, das einst der Atem meiner Seele war, zum Keuchen eines Ertrinkenden geworden ist — gehöre ich dann noch zu Ihm? Die Antwort, die das Bekenntnis gibt, ist einer der zartesten Sätze, die je aus der Feder der Väter geflossen sind: Die Dunkelheit ist wirklich, aber sie ist nicht endgültig, und selbst in der Dunkelheit ist die Seele nicht verlassen. Die Gewissheit mag erschüttert werden, aber der Same, aus dem sie wächst, ist unzerstörbar. Der Geist, der diesen Samen gepflanzt hat, wird ihn zu seiner Zeit wieder aufblühen lassen. Die Väter sprechen hier von wahren Gläubigen — nicht von Heuchlern, nicht von zeitweiligen Bekennern. Der Umstand, dass solche Menschen ihre Gewissheit verlieren können, beweist, dass Glaube und Heilsgewissheit nicht dasselbe sind. Der Glaube kann fest bleiben, während die Gewissheit erschüttert wird, wie die Wurzel tief im Boden bleibt, wenn der Sturm die Zweige peitscht. Und vier Ursachen nennen die Väter, warum dies geschieht — zwei, die beim Gläubigen liegen, und zwei, die im verborgenen Ratschluss Gottes gründen. Jede dieser Ursachen ist ein Licht in einer anderen Ecke der Dunkelheit, denn die Seele, die den Grund ihrer Finsternis kennt, ist der Heilung schon einen Schritt näher.

Die biblischen Grundlagen

Die Väter haben diese Lehre nicht aus pastoralem Mitgefühl ersonnen. Sie fanden sie in der Schrift, wo die Erfahrung der verlorenen Gewissheit mit einer Offenheit aufgezeichnet ist, die anstössig wäre, wäre sie nicht so offensichtlich inspiriert. Die Bibel zeigt keine Galerie unangefochtener Heiliger, deren Zuversicht nie wankte. Sie zeigt Männer und Frauen, die wahrhaftig Gottes waren und dennoch Zeiten durchschritten, in denen das Licht seines Angesichts völlig gewichen schien. Die Ehrlichkeit der Schrift in diesem Punkt ist selbst ein Trostgrund, denn sie versichert dem zweifelnden Gläubigen, dass seine Finsternis nicht beispiellos ist und seine Qual nicht die Verwerfung beweist. Betrachte David, den Mann nach dem Herzen Gottes, der die Heilsgewissheit in ihrem reichsten Mass kannte und doch auch ihren katastrophalen Verlust. Im einundfünfzigsten Psalm, verfasst nach dem Ehebruch mit Batseba und dem Mord an Urija, betet David nicht um die Wiederherstellung seines Heils, als hätte er es verwirkt. Er betet um die Wiederherstellung der Freude, die das Wissen um das Heil begleitet: »Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir. Tröste mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem freudigen Geist rüste mich aus.« Die Bitte ist von äusserster Genauigkeit. David sagt nicht: Gib mir dein Heil zurück, denn der Gnadenbund wird durch die Sünden seiner Begünstigten nicht aufgelöst. Er sagt: Gib mir die Freude deines Heils zurück, denn eine besondere Sünde hat sein Gewissen verwundet und den Geist betrübt — eine Wunde, die nicht tödlich, aber tief ist, eine Betrübnis, die nicht endgültig, aber gegenwärtig ist. Das hebräische Verb bara, »schaffen«, das David für das reine Herz gebraucht, ist dasselbe Wort, mit dem die Schöpfung der Welt beschrieben wird. David weiss, dass er sein Herz nicht selbst reinigen kann. Er braucht einen Schöpfungsakt, wie die Scheidung des Lichts von der Finsternis am ersten Tag. Der Grund seines Verlustes war eine besondere Sünde. Das Heilmittel war Busse, nicht Verzweiflung. Der Ausgang war Wiederherstellung, nicht Verwerfung. Doch die besondere Sünde ist nicht die einzige Ursache geistlicher Finsternis. Der zweiundvierzigste und der dreiundvierzigste Psalm geben einer Seele Stimme, deren Trostlosigkeit keine offenkundige moralische Ursache hat — ein Mensch, der sich keiner Scharlachsünde bewusst ist und dennoch vom Heiligtum verbannt, von Feinden verhöhnt und von einer Schwermut bedrückt ist, die aus den Tiefen seiner eigenen Seele aufsteigt. Dreimal ertönt der Kehrvers wie eine Glocke über dem Wasser: »Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott! Denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.« Der Psalmist argumentiert mit sich selbst — er zeichnet seine Niedergeschlagenheit nicht nur auf, er verhört sie, er predigt seiner eigenen Seele die Wahrheiten, die seine Seele für den Augenblick zu fühlen aufgehört hat. »Harre auf Gott« — nicht auf Gefühle, nicht auf die Rückkehr der Freude, nicht auf das Weichen der Dunkelheit, sondern auf Gott, der unwandelbar ist, selbst wenn die Erfahrung seiner Gegenwart entzogen wurde. Das hebräische shachach, mit »betrübt« übersetzt, bedeutet: sich tief beugen, niedersinken, niedergeworfen werden. Es ist die Haltung eines Menschen, der von einem Schlag zu Boden gestreckt wurde, den er nicht kommen sah. Und dennoch befiehlt der Psalmist seiner Seele aus dieser Haltung heraus zu harren — eine gefasste Erwartung, die auf den Charakter dessen gegründet ist, der versprochen hat, die Seinen niemals zu verlassen. Der Prophet Jesaja spricht das Geheimnis der göttlichen Verhüllung mit einem Bild an, das der vertrautesten menschlichen Beziehung entlehnt ist: »Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen; aber mit grosser Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen; aber mit ewiger Gnade will ich mich über dich erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser.« Die Gegensätze beherrschen den Abschnitt: ein kleiner Augenblick gegen grosse Barmherzigkeit, ein wenig Zorn gegen ewige Gnade, das verborgene Angesicht gegen die verheissene Barmherzigkeit. Der Entzug ist wirklich — Gott verbirgt sein Angesicht. Der Schmerz darüber ist wirklich — der Gläubige fühlt sich verlassen. Aber der Entzug ist vorübergehend, und die darauf folgende Barmherzigkeit ist ewig. Der Augenblick der Finsternis steht in Klammern innerhalb des ewigen Satzes der Liebe, und die Klammer wird sich schliessen. Der Apostel Johannes greift das Phänomen des anklagenden Herzens mit einer pastoralen Weisheit auf, die diesen Abschnitt des Bekenntnisses unmittelbar vorwegnimmt: »Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz vor ihm stillen, dass, wenn uns unser Herz verdammt, Gott grösser ist als unser Herz und erkennt alle Dinge. Ihr Lieben, wenn uns unser Herz nicht verdammt, so haben wir Freimütigkeit zu Gott.« Die Logik ist bemerkenswert. Johannes tut die Verurteilung durch das Herz nicht als immer falsch ab — das Herz kann und soll zu Recht verurteilen, wenn Sünde unbekannt bleibt. Aber er besteht darauf, dass das Urteil des Herzens nicht das letzte Urteil ist. Gott ist grösser als unser Herz — grösser an Erkenntnis, denn er weiss alle Dinge, auch die Aufrichtigkeit des Glaubens, die unsere eigene Selbstprüfung übersehen mag; grösser an Barmherzigkeit, denn er ist williger zu vergeben, als unser Herz bereit ist, Vergebung zu empfangen. Das griechische Wort für »Freimütigkeit« ist parrēsia — die Kühnheit der freien Rede, die Freiheit eines Kindes, das sich seinem Vater ohne Furcht nahen kann, weil es weiss, dass es geliebt wird. Wenn das Herz verdammt, besteht das Heilmittel nicht darin, das Herz durch Argumente zum Schweigen zu bringen, sondern es erneut zum Kreuz zu bringen, wo das Blut, das Besseres redet als das Blut Abels, jede Anklage zum Schweigen bringt, die den Gläubigen in die Verzweiflung treiben will. Der Apostel Paulus stellt die Frage, die dem Herzen dessen aufsteigt, der die Heilsgewissheit als Freibrief zur Sünde missverstehen könnte: »Was wollen wir hierzu sagen? Sollen wir denn in der Sünde verharren, damit die Gnade umso mächtiger werde? Das sei ferne! Wie sollten wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind?« Das griechische epimenō, »verharren«, bezeichnet das vorsätzliche, anhaltende Bleiben in einem Zustand — nicht das gelegentliche Stolpern, sondern das bewusste Sich-Einrichten in der Sünde. Paulus schneidet mit einem einzigen Satz den Nerv des antinomistischen Einwandes durch: Die Gnade, die alle Sünde bedeckt, ist dieselbe Gnade, die den Menschen mit Christus in seinen Tod begräbt und mit ihm zu einem neuen Leben auferweckt. Der Gläubige kann nicht in der Sünde verharren wollen, der er gestorben ist. Wer die Heilsgewissheit als Lizenz zur Sünde missbraucht, beweist damit, dass seine vermeintliche Gewissheit nicht vom Geist gewirkt war, denn der Geist, der die Gewissheit schenkt, ist der Geist der Heiligung. Der Psalmist verbindet die Vergebung mit der Gottesfurcht in einer Weise, die dem natürlichen Denken widerspricht und das reformierte Verständnis der Heilsgewissheit im Kern zusammenfasst: »Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.« Das hebräische selichah, »Vergebung«, erscheint im Alten Testament nur selten und bezeichnet das spezifische, gnädige Vergeben Gottes. Der Psalmist sagt nicht: Bei dir ist die Strafe, dass man dich fürchte. Er sagt nicht: Bei dir ist das Gericht, dass man dich fürchte. Er sagt: Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte. Die Vergebung ist der Grund der Furcht, nicht ihre Aufhebung. Die natürliche Religion lehrt den Menschen, Gott zu fürchten, weil er richtet. Die offenbarte Religion lehrt den Menschen, Gott zu fürchten, weil er vergibt — und eine Vergebung von solcher Tiefe, einem solchen Preis, einer solchen souveränen Freiheit weckt eine Ehrfurcht, die tiefer geht als die Furcht vor der Strafe. Wer wirklich weiss, was seine Sünde kostete — das Blut des Sohnes Gottes —, der wird nicht sorglos. Er wird heilig leben, nicht um die Vergebung zu verdienen, sondern weil die empfangene Vergebung sein Herz mit einer heiligen Scheu erfüllt, die ihn die Sünde hassen lehrt.

Was die Westminster-Väter meinten

Die ersten Worte dieses Abschnitts ziehen die entscheidende Trennlinie, auf der die gesamte Seelsorge des Bekenntnisses ruht: »Wahre Gläubige können der Heilsgewissheit auf verschiedene Weise beraubt, darin geschwächt und unterbrochen werden.« Der Nachdruck liegt auf »wahre Gläubige«. Nicht Scheinchristen, nicht vorübergehend Bekehrte, nicht die fünfte Saat im Gleichnis vom Sämann, die verdorrt, weil sie keine Wurzel hat. Die Gewissheit wahrer Gläubiger kann erschüttert werden — das widerlegt den Irrtum, dass die Abwesenheit gefühlter Gewissheit die Abwesenheit rettender Gnade beweise. Die drei Verben — beraubt, geschwächt, unterbrochen — sind keine blosse Worthäufung, sondern bezeichnen drei Stufen der geistlichen Bedrängnis. Beraubt zu werden bedeutet, dass die Gewissheit einen Schlag erleidet, der das Vertrauen erschüttert, ohne es zu zerstören — wie ein Tisch erzittert, wenn er einen Stoss erhält, aber nicht zusammenbricht. Geschwächt zu werden bedeutet, dass die Gewissheit an Stärke verliert, wie eine Flamme heruntergedreht wird, ohne zu verlöschen. Unterbrochen zu werden bedeutet, dass das bewusste Empfinden der Gewissheit für eine Zeit völlig aussetzt, wie ein Strom unter der Erde durch eine Kalksteinhöhle fliesst und Meilen entfernt wieder an die Oberfläche tritt — unsichtbar, aber ungebrochen. Die Väter erkennen alle drei Erfahrungen als Teil des normalen, wenngleich schmerzhaften Verlaufs des christlichen Lebens an und entreissen damit dem verzweifelten Gewissen jenen falschen Schluss, der von der Abwesenheit gefühlter Gewissheit auf die Abwesenheit rettender Gnade schliesst. Die Ursachen dieser Erschütterung gliedern sich in zwei Gruppen: solche, die beim Gläubigen liegen, und solche, die im souveränen Ratschluss Gottes gründen. In beiden Fällen lehren die Väter nicht, um neugierige Fragen zu befriedigen, sondern um das angefochtene Herz zur Quelle der Heilung zu führen. Die erste Ursache ist Nachlässigkeit in der Bewahrung der Gewissheit. Die Väter haben im dritten Abschnitt gelehrt, dass die Gewissheit durch den rechten Gebrauch der gewöhnlichen Mittel erlangt wird und dass ihre Verfolgung eine Pflicht ist. Es folgt daraus, dass die Vernachlässigung dieser Mittel regelmässig den Niedergang der Gewissheit nach sich zieht, wie die Vernachlässigung eines Feuers es niederbrennen lässt. Der Gläubige, der im Gebet nachlässt, im Lesen der Schrift achtlos wird, vom Tisch des Herrn fernbleibt oder die Gemeinschaft der Heiligen meidet, soll sich nicht wundern, wenn die Wärme, die einst sein Herz erfüllte, zu schwinden beginnt. Die Gnade geht nicht verloren, aber ihr tröstliches Empfinden wird geschmälert, und diese Schmälerung ist eine barmherzige Züchtigung, die die nachlässige Seele zu den Mitteln zurücktreiben will, die sie verlassen hat. Die zweite Ursache ist das Fallen in eine besondere Sünde, die das Gewissen verwundet und den Geist betrübt. Nicht jede Sünde hat diese Wirkung — die täglichen Schwachheiten des Gläubigen zerstören die Gewissheit gewöhnlich nicht. Aber eine besondere Sünde — eine Sünde gegen das empfangene Licht, eine geduldete Sünde, eine Sünde von besonders anstössiger Art — kann dem Gewissen einen solchen Schlag versetzen, dass das tröstende Werk des Geistes unterbrochen wird. Der Geist wird betrübt, und obgleich er nicht weicht, zieht er seinen Trost zurück. David nach Batseba ist der paradigmatische Fall: Er hörte nicht auf, ein Gläubiger zu sein, aber die Freude des Heils wich, und sie kehrte nicht zurück, ehe er durch die tiefen Wasser der Busse geschritten war. Der Zweck dieses Entzugs ist heilsam. Ein Vater, der einem ungehorsamen Kind die Wärme seines Lächelns entzieht, hört nicht auf, Vater zu sein. Er will, dass das Kind den Verlust spürt und in die Umarmung zurückkehrt, aus der es weggelaufen ist. Die dritte Ursache ist eine plötzliche oder heftige Versuchung. Der Ton liegt nicht auf der Schuld des Gläubigen, sondern auf dem Angriff des Feindes, der so plötzlich und mit solcher Wucht hereinbrechen kann, dass die Seele in Verwirrung gestürzt wird, bevor sie ihre Verteidigung ordnen kann. Ein lästerlicher Gedanke, der in den Verstand geschossen wird, eine Welle des Zweifels, die ohne Warnung aufsteigt, eine Herausforderung, die den Gläubigen unvorbereitet trifft — all das kann die Seele so erschüttern, dass die Gewissheit für eine Zeit nicht zu fassen ist. Die Versuchung stürzt den Glauben nicht, aber sie verdunkelt ihn, wie ein plötzlicher Nebel dem Seemann den Leuchtturm verbirgt, ohne die Lampe zu löschen. Der Gläubige ist in solchen Fällen keiner willentlichen Sünde schuldig; er ist das Opfer eines Angriffs, und der Geist, der in ihm wohnt, wird mit der Zeit den Nebel lichten und das Licht wiederherstellen. Die vierte Ursache steht für sich, denn sie entspringt der unerforschlichen Weisheit Gottes selbst: »Dadurch dass Gott das Licht seines Angesichts entzieht und es zulässt, dass selbst solche, die ihn fürchten, in der Finsternis wandeln und kein Licht haben.« Dies ist das tiefste Geheimnis des geistlichen Lebens, und die Väter behandeln es mit einer Zurückhaltung, die selbst seelsorgerlich ist. Sie erklären nicht, warum Gott zuweilen den gefühlten Eindruck seiner Gegenwart von denen zurückzieht, die ihn fürchten. Sie stellen nur fest, dass er es tut, und verweisen den Leidenden auf Hiob, auf Heman, den Esrachiter, auf den Psalmisten, der rief: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Die Finsternis ist in solchen Fällen nicht strafend, sondern prüfend. Sie erprobt den Glauben, läutert die Liebe, vertieft die Abhängigkeit und lehrt die Seele, dem Gott zu vertrauen, den sie nicht fühlen kann. Glaube, der in der Finsternis geht, ist Glaube in seiner reinsten Form, denn er vertraut der Hand, die er nicht sieht. Gegen diesen dunklen Hintergrund setzt das Bekenntnis eine Verheissung, die wie die Morgenröte nach einer langen Nacht aufgeht: »Dennoch sind sie niemals völlig entblösst von jenem Samen Gottes, dem Leben des Glaubens, der Liebe zu Christus und den Brüdern, der Aufrichtigkeit des Herzens und dem Bewusstsein der Pflicht.« Das Wörtchen »niemals« ist absolut. Es gibt keine Tiefe des geistlichen Niedergangs, in der der wahre Gläubige des Samens der Gnade völlig beraubt wäre. Fünf Dinge bleiben: erstens der Same Gottes — das unvergängliche Prinzip des neuen Lebens, das in der Wiedergeburt eingepflanzt wurde; zweitens das Leben des Glaubens — jener Akt, mit dem die Seele sich an Christus klammert, vielleicht mit einem verzweifelten Griff, aber einem Griff, der nicht loslässt; drittens die Liebe zu Christus und den Brüdern — eine Zuneigung, die sehr niedrig brennen mag, ohne erloschen zu sein; viertens die Aufrichtigkeit des Herzens — jene Redlichkeit der Gesinnung, die der allwissende Gott auch dann erkennt, wenn der Gläubige selbst sie nicht zu sehen vermag; fünftens das Bewusstsein der Pflicht — das fortdauernde Empfinden der Verpflichtung, auf Gottes Wegen zu wandeln, selbst wenn das Herz keine Freude dabei empfindet. Dieser Katalog lehrt den Gläubigen, nach dem Samen unter der Erde zu suchen, nicht nach der Blume darüber. Wenn die Gewissheit entzogen ist, können die Gnadenzeichen, die einst hell schienen, dunkel und fragwürdig erscheinen. Der Gläubige, der sich im Dunkeln prüft, mag zu dem Schluss kommen, dass er überhaupt keine Gnade besitzt, weil er die voll ausgewachsene Pflanze sucht und nur den vergrabenen Samen findet. Die Väter lenken seinen Blick nach unten, auf die Wurzel statt auf die Frucht, und versichern ihm, dass der Same noch da ist — lebendig und unzerstörbar —, selbst wenn der Frost jedes sichtbare Blatt getötet hat. Und aus diesem Samen »kann durch das Wirken des Geistes diese Gewissheit zu seiner Zeit wiederbelebt werden«. Die Wiederbelebung ist das Werk des Geistes, nicht die Errungenschaft des Gläubigen. Der Ausdruck »zu seiner Zeit« gebietet Geduld. Der Gläubige, der die Gewissheit verloren hat, will sie sofort zurück. Aber der Geist wirkt nach seiner eigenen Weisheit, und die Zeit des Wartens ist niemals verschwendet. Der Mensch, der die Gewissheit unmittelbar nach einem Fall zurückerhält, mag bald vergessen, was seine Torheit kostete. Der Mensch, der lange in der Finsternis wartet, wird das zurückkehrende Licht mit einer Innigkeit schätzen, die die unangefochtene Seele kaum ahnen kann. In der Zwischenzeit — »in der Zwischenzeit« — wird der Gläubige »vor völliger Verzweiflung bewahrt«. Er mag die Freude der Gewissheit nicht haben, aber er hat die Gnade der Bewahrung. Er mag mit Hiob ausrufen: »Ach, dass ich wüsste, wo ich ihn finden könnte«, aber er wird nicht wie Judas hingehen und sich erhängen. Der Heuchler, wenn seine falsche Hoffnung zugrunde geht, hat nichts mehr. Der wahre Gläubige hat den Samen, den Glauben, die Liebe, die Aufrichtigkeit, das Pflichtbewusstsein — und diese, so schwach sie sich anfühlen, sind die Stricke, mit denen der Geist ihn vor dem Abgrund zurückhält.

Theologische Tiefe

Watson hat den Verlust der Heilsgewissheit und die Wiedererlangung derselben mit einer Eindringlichkeit beschrieben, die den Leser nach Jahrhunderten noch im Herzen trifft. Er nennt es eine »Sonnenfinsternis der Gewissheit« — die Sonne der Gerechtigkeit kann, wie die geschaffene Sonne, von Wolken verdeckt werden, ohne aufzuhören zu scheinen. Der Gläubige, der die Gewissheit verloren hat, gleicht einem Mann, der die Eigentumsurkunde eines grossen Gutes besitzt, sie aber verlegt hat und im Augenblick nicht finden kann. Er ist um nichts weniger ein Erbe; er ist nur, für eine Zeit, ein unbequemer Erbe. Watson warnt vor der besonderen Gefahr, die den Verlust der Gewissheit begleitet: der Versuchung zu schliessen, dass mit dem Trost auch die Gnade entwichen ist. Er nennt dies die Logik des Kranken, der aus dem Verlust des Appetits folgert, er habe das Leben verloren. Der Appetit mag zurückkehren und mit ihm der Lebensbeweis; aber das Leben war die ganze Zeit da. Watson rät dem Gläubigen, gegen seine Gefühle zu handeln — zu beten, wenn er keine Lust zum Beten hat, zu lesen, wenn die Seite leer scheint, sich der Mittel zu bedienen, wenn die Mittel fruchtlos erscheinen —, denn im blossen Akt des Gehorsams entzündet der Geist oft den Funken, der unter der Asche verborgen lag. Pflicht ohne Gefühl erfüllt, ist Gott wohlgefälliger als Pflicht, die aus Verzweiflung unterlassen wird. Owen, dessen Untersuchung der Ertötung der Sünde zu den tiefsten Werken der puritanischen Theologie gehört, zeigt, dass die Gewissheit nicht einfach ein angenehmes Gefühl ist, sondern ein geistliches Werkzeug im Kampf gegen die Sünde. Der Gläubige, der seiner Errettung gewiss ist, ertötet die Sünde nicht aus knechtischer Furcht, sondern aus der Kraft der empfangenen Gnade. Die Gewissheit, so Owen, ist der Boden, auf dem die Heiligung gedeiht: Wo der Gläubige weiss, dass er in Christus gerechtfertigt ist, da schöpft er aus dieser Wirklichkeit die Kraft, der Sünde zu sterben. Diejenigen, die die Gewissheit durch Nachlässigkeit oder eine besondere Sünde verloren haben, sind in ihrem Kampf gegen die Sünde geschwächt, weil ihnen die geistliche Energie fehlt, die aus dem Wissen um die Gotteskindschaft fliesst. Owen besteht darauf, dass der Weg zur Wiederherstellung der Gewissheit über die erneuerte Ertötung der Sünde führt — nicht als Bedingung, unter der die Gewissheit verdient würde, sondern als der vom Geist gewiesene Pfad, auf dem die Gemeinschaft mit Gott wiederhergestellt wird. Der Gläubige, der die Gewissheit verloren hat, soll nicht tatenlos auf ihre Rückkehr warten. Er soll die Sünde, die ihn zu Fall gebracht hat, beim Namen nennen, sie vor Gott ausbreiten, ihre Wurzel im Herzen aufspüren und durch die Kraft des Geistes, der in ihm wohnt, die Werke des Fleisches töten. In diesem heilsamen Kampf — nicht fern von ihm, sondern mitten in ihm — stellt der Geist die Gemeinschaft wieder her und mit ihr die Gewissheit, die aus der Gemeinschaft fliesst. Boston hat in seiner Auslegung des Westminster Bekenntnisses betont, dass die Heilsgewissheit niemals zur Sorglosigkeit führt, weil sie ihrem Wesen nach mit der Heiligung verbunden ist. Die Schrift weiss nichts von einer Gewissheit, die den Menschen träge macht. Im Gegenteil: »Ein jeder, der diese Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, so wie jener rein ist.« Die Hoffnung, von der Johannes spricht, ist die gewisse Erwartung, Christus gleich zu sein, wenn er erscheint. Diese Hoffnung ist kein Ruhekissen, sondern ein Motor. Sie treibt den Gläubigen zur Reinigung an, und je gewisser die Hoffnung ist, desto stärker der Antrieb. Boston weist darauf hin, dass die Väter diese Wahrheit bereits im dritten Abschnitt vorbereitet haben, wo die Gewissheit als Kraftquelle für den Gehorsam beschrieben wird. Der vierte Abschnitt zeigt nun, was geschieht, wenn die Gewissheit verloren geht — und die Ursachen, die die Väter nennen, mahnen den Gläubigen, die Gewissheit nicht durch Nachlässigkeit, Sünde oder das Nachgeben gegenüber Versuchungen zu gefährden. Wer die Gewissheit bewahren will, muss die Heiligung bewahren, in der sie gedeiht. Brooks hat in seinem Werk über die Heilsgewissheit eine seelsorgerliche Unterscheidung getroffen, die für das Verständnis dieses Abschnitts unentbehrlich ist: die Unterscheidung zwischen der Abwesenheit der Gewissheit und dem Verlust des Heils. Der Satan, schreibt Brooks, hat ein doppeltes Ziel. Bei den Gottlosen will er eine falsche Gewissheit erzeugen, die sie in Sicherheit wiegt. Bei den Gläubigen will er eine falsche Verzweiflung erzeugen, die sie an ihrer Gotteskindschaft zweifeln lässt. Gegen diesen doppelten Angriff setzt Brooks die Lehre des vierten Abschnitts: Wahre Gläubige können die Gewissheit verlieren, aber sie können das Heil nicht verlieren. Der Same Gottes bleibt. Und Brooks fügt einen Gedanken hinzu, der dem erschöpften Pilger Wasser in der Wüste reicht: Die blosse Tatsache, dass der Gläubige den Verlust der Gewissheit als Schmerz empfindet, ist ein Beweis, dass der Same noch lebt. Ein Leichnam blutet nicht, und ein totes Gewissen trauert nicht über den Mangel an Gott. Der Gläubige, der über die Abwesenheit Gottes klagt, spricht damit — ohne es zu wissen — das Zeugnis des Geistes aus, der in ihm wohnt und ihn nach der Gemeinschaft mit dem Vater rufen lässt, die er für den Augenblick entbehrt. William Bridge, dessen Buch »Eine Aufrichtung für die Niedergeschlagenen« zu den reichsten Behandlungen geistlicher Niedergeschlagenheit in englischer Sprache gehört, nimmt seinen Ausgang beim Kehrvers des zweiundvierzigsten Psalms. Bridge besteht darauf, dass geistliche Niedergeschlagenheit mit wahrem Glauben vereinbar ist und zu den häufigsten Erfahrungen der Kinder Gottes gehört. Er unterscheidet zwischen Niedergeschlagenheit aus natürlichen Ursachen — Schwermut, Krankheit, Erschöpfung — und Niedergeschlagenheit aus geistlichen Ursachen — dem Empfinden der Abwesenheit Gottes, der Anklage des Gewissens, dem Ansturm der Versuchung — und betont, dass keine von beiden ein Beweis der Verwerfung ist. Seine tiefste Einsicht betrifft die Pflicht des Gläubigen in der Dunkelheit: Er soll nicht stillsitzen und warten. Er soll mit seiner eigenen Seele streiten, wie der Psalmist es tat — sich selbst die Wahrheiten predigen, die seine Gefühle leugnen, seiner Hoffnung befehlen, sich zu erheben, wenn jeder Instinkt ihm sagt, er solle sinken. Der Gläubige, der vertrauen kann, wenn er nicht fühlen kann, übt einen reineren Glauben aus als der Glaube, der immer im Sonnenschein wandelt. Denn dieser Glaube ruht auf Gott allein und nicht auf dem bestätigenden Zeugnis angenehmer Erfahrung.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Lerne, zwischen dem Verlust der Gewissheit und dem Verlust der Gnade zu unterscheiden, denn die Verwechslung dieser beiden ist der Motor tausend unnötiger Schmerzen. Wenn das Licht des Angesichts Gottes gewichen scheint und der Trost zu einer Erinnerung verblasst ist, wird der Versucher dir einflüstern, deine frühere Freude sei eine Täuschung gewesen und deine gegenwärtige Finsternis der Beginn einer ewigen Nacht. Aber das Bekenntnis besteht darauf, dass der wahre Gläubige in seiner Gewissheit erschüttert werden kann, ohne von der Liebe Gottes in Christus getrennt zu sein. Der Same bleibt. Der Glaube, wie schwach auch immer, ist noch Glaube. Die Liebe, wie kalt auch immer, ist noch Liebe. Die Aufrichtigkeit, wie umwölkt auch immer, ist noch Aufrichtigkeit. Das Pflichtbewusstsein, wie freudlos auch immer, ist noch tätig. Dies sind die Lebenszeichen der wiedergeborenen Seele, und wo sie vorhanden sind — und seien sie noch so schwach —, da ist Leben. Ein Winterbaum ist kein toter Baum. Der Saft hat sich in die Wurzel zurückgezogen, aber die Wurzel hält, und der Frühling wird kommen. Deine Gefühle sind nicht der Massstab deines Standes vor Gott. Christus ist der Massstab, und er ändert sich nicht mit dem Wetter deiner Seele. Zweitens: Wenn du deine Gewissheit erschüttert findest, ruhe nicht, bis du die Ursache aufgespürt hast, denn die Ursache bestimmt das Heilmittel. Der Arzt verordnet nicht dasselbe Mittel für eine Wunde, ein Fieber und einen gebrochenen Knochen. Hat Nachlässigkeit deine Liebe erkalten lassen, so ist das Heilmittel Fleiss: Kehre zum Wort zurück, nimm das Gebet wieder auf, das du verlassen hast. Hat eine besondere Sünde dein Gewissen verwundet, so ist das Heilmittel Busse — nicht das flache Bekennen, das die Sünde beim Namen nennt und doch im Herzen behält, sondern jene tiefe Busse, die der Sünde ihren richtigen Namen gibt und von ihr umkehrt. Hat eine plötzliche Versuchung deine Seele in Verwirrung gestürzt, so führe das Schwert des Geistes gegen den bestimmten Angriff, wie unser Herr es in der Wüste tat. Ist die Finsternis souverän — hat Gott selbst das Licht entzogen —, so ist das Heilmittel Geduld: seinem Herzen zu vertrauen, wenn du sein Angesicht nicht sehen kannst, und daran zu denken, dass das Verbergen einen Augenblick währt, die Barmherzigkeit aber ewig ist. Drittens: Wenn die Gewissheit unterbrochen ist und du in der Finsternis ohne Licht gehst, lehne dein ganzes Gewicht auf den Samen, der bleibt, und nicht auf die Frucht, die verdorrt ist. Die Versuchung in solchen Zeiten ist, dich selbst zwanghaft zu prüfen, dein Herz gegen das Licht zu halten und nach einem Funken zu suchen, den du nicht finden kannst, jeden Beweis zu messen, bis der blosse Akt des Messens deine Fähigkeit zerstört hat, überhaupt noch etwas klar zu sehen. Das Bekenntnis weist dich auf einen anderen Weg. Frage nicht, ob dein Glaube stark ist, sondern ob er wirklich ist — ob er, wie schwach auch immer, sich an Christus klammert. Frage nicht, ob deine Liebe zu den Brüdern warm ist, sondern ob sie überhaupt vorhanden ist — ob du ihr Wohl begehrst, ob du trauerst, wenn der Name Christi entehrt wird. Frage nicht, ob dein Gehorsam freudig ist, sondern ob er aufrichtig ist — ob du, wenn du fällst, wieder aufstehst und ob die Richtung deines Lebens, bei allem Stolpern, auf Gott zugeht. Dies ist der Same. Er ist klein, verborgen, wird von der Seele, die nach Blumen sucht, leicht übersehen. Aber er ist da, gepflanzt vom Geist, der nicht scheitern kann, und er ist das Unterpfand, dass die Blume wiederkommen wird. Der Gläubige, der am meisten niedergeschlagen ist, ist oft der Gläubige, in dem der Same am tiefsten wurzelt, gerade weil der Sturm die Wurzeln tiefer in den Boden getrieben hat. Viertens: Schliesse nie, dass der Morgen nicht anbrechen wird, nur weil die Nacht sich hinzieht. Der Ausdruck »zu seiner Zeit« erkennt an, dass die Zeitspanne zwischen dem Verlust der Gewissheit und ihrer Wiederbelebung lang, schmerzhaft und menschlich unerklärlich sein kann. Manche Gläubige warten Wochen, manche Jahre, manche, wie Heman, der Esrachiter, warten bis zum Ende ihrer Pilgerschaft und sterben mit der Klage auf den Lippen — und dennoch war die Klage selbst Glaube, und der Schrei in der Finsternis wurde von dem Gott gehört, der hört. Wenn Gott die Rückkehr deiner Gewissheit verzögert, dann nicht, weil er unwillig wäre, sondern weil er dich im Warten etwas lehrt, was du in keiner anderen Schule lernen kannst: die Genügsamkeit seiner Gnade ohne den fühlbaren Trost, den Unterschied zwischen Glauben und Schauen, die Kunst, auf der Verheissung zu ruhen statt auf der Erfahrung der Verheissung. Er bereitet dich auf eine tiefere, festere Gewissheit vor, als du sie zuvor besessen hast — eine Gewissheit, die durch den Verlust jeder irdischen Stütze geprüft und auf Christus allein gegründet ist. Harre des Herrn. Sei getrost, und dein Herz fasse Mut. Der Wächter harrt durch die dunkelste Stunde der Nacht, und der Morgen kommt — er kommt immer —, keinen Augenblick vor der bestimmten Zeit und keinen Augenblick danach. Fünftens: Lass die Verheissung von Psalm 130 tief in dein Herz einsinken: »Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.« Die Welt kann diesen Satz nicht begreifen. Sie denkt, Vergebung führe zur Sorglosigkeit — und darum fürchtet sie die reformierte Lehre von der Heilsgewissheit, als öffnete sie die Tür zur Zügellosigkeit. Aber die Schrift lehrt das Gegenteil. Die Vergebung, die du in Christus empfangen hast, ist der tiefste Grund, heilig zu leben. Blicke auf das Kreuz und sieh, was deine Sünde kostete. Sieh den Sohn Gottes, der für dich zur Sünde gemacht wurde. Sieh das Blut, das vergossen wurde, um deine Schuld zu tilgen. Kannst du diese Liebe betrachten und dann sorglos sündigen? Kannst du den Preis deiner Erlösung ermessen und dann gleichgültig weitermachen? Die Gewissheit der Vergebung ist nicht der Ruhepolster des Fleisches, sondern der Antrieb der Heiligung. Wer weiss, dass ihm vergeben ist, liebt viel. Und wer viel liebt, gehorcht willig. Nicht aus knechtischer Furcht, die der vollkommenen Liebe weicht, sondern aus der heiligen Scheu eines Kindes, das den Vater, der ihm vergeben hat, nicht betrüben will. Sechstens: Gehe zärtlich mit dem niedergeschlagenen Gläubigen um, ob dieser Gläubige ein anderes Glied am Leib Christi ist oder deine eigene Seele. Die Lehre, dass die Gewissheit erschüttert werden kann, ist keine Lehre, die Sorglosigkeit gestattet; sie ist eine Lehre, die Mitgefühl gebietet. Wenn wahre Gläubige in der Finsternis wandeln können, dann dürfen wir nicht jeden zweifelnden Christen behandeln, als wäre sein Zweifel Unglaube und seine Dunkelheit der Beweis der Heuchelei. Es gibt eine Grausamkeit in der Kirche, die dem beunruhigten Gewissen mit theologischen Verhören statt mit seelsorgerlichem Trost begegnet, die das geknickte Rohr für einen toten Stock hält und den glimmenden Docht für einen erloschenen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen — und das sollen wir auch nicht. Wenn ein Bruder oder eine Schwester schwer unter dem Gefühl der Abwesenheit Gottes zu dir kommt, dann eile nicht, die Ursache festzustellen, bevor du dich zuerst mit ihnen in die Finsternis gesetzt hast. Weise sie sanft auf den Christus hin, der die Mühseligen willkommen heisst. Erinnere sie daran, dass der Same bleibt. Bete mit ihnen das Gebet des Vaters des besessenen Knaben: »Herr, ich glaube; hilf meinem Unglauben!« Und vertraue darauf, dass der Geist, der den Samen in ihnen lebendig erhält, ihn zu seiner Zeit wieder aufspriessen lassen wird zum ewigen Leben.

Gebet

Herr, dessen Treue bis an die Wolken reicht und dessen Barmherzigkeit ewig währt, wir preisen dich für die Zärtlichkeit, mit der dein Wort die Seele behandelt, die in der Finsternis wandelt und kein Licht hat. Wir danken dir, dass die Gewissheit, die du schenkst, erschüttert werden kann, ohne dass die Gnade, die sie trägt, entzogen wird, und dass deine Kinder niemals völlig entblösst sind von jenem Samen Gottes, der lebt und in Ewigkeit bleibt. Wir bekennen vor dir, dass wir oft nachlässig waren, jene köstliche Gewissheit zu bewahren, die du uns einst geschenkt hast. Wir haben das Wort vernachlässigt, das Gebet geringgeschätzt, deinen Tisch gemieden und die Gemeinschaft der Heiligen verlassen und uns dann beklagt, dass unsere Zuversicht erschüttert sei. Vergib uns jede versäumte Pflicht und gib uns die Jahre zurück, die die Heuschrecken gefressen haben. Wir bekennen auch die besonderen Sünden, die unser Gewissen verwundet und deinen Heiligen Geist betrübt haben — die Sünden gegen das Licht, die geduldeten Sünden, die Sünden, die wir mit sanfteren Namen genannt haben, als du sie nennst. Wir bekennen mit David, dass wir gegen dich und allein gegen dich gesündigt haben, und wir werfen uns auf die Barmherzigkeit, die allein ein reines Herz schaffen kann. Sprich Frieden dem Gewissen zu, das uns anklagt — nicht indem du die Anklage zum Schweigen bringst, sondern indem du sie stillst mit dem Blut Christi. Und für diejenigen deiner Kinder, die nach deiner souveränen Fügung in der Finsternis wandeln — die das Licht deines Angesichts entzogen finden, ohne dass sie, soweit sie erkennen können, dich durch eine besondere Sünde betrübt haben —, für sie erflehen wir deine besondere Gnade. Lehre sie, der Hand zu vertrauen, die sie nicht sehen können. Lass den Feind sie nicht in die Verzweiflung treiben. Gewähre, dass die Finsternis ihr läuterndes Werk tue — ihren Glauben reinige und sie auf eine Gemeinschaft mit dir vorbereite, die umso reicher ist, weil sie im Feuerofen geprüft wurde. Belebe dein Werk, o Herr, mitten in den Jahren. Lass den Samen, den du gepflanzt hast, beim Hauch deines Geistes neu aufspriessen. Gib uns die Freude deines Heils zurück und stütze uns mit deinem freudigen Geist. Lass das Bewusstsein der Pflicht, das selbst in unseren dunkelsten Stunden nicht erloschen ist, gestillt werden durch den frohen Gehorsam von Söhnen und Töchtern, die das Herz ihres Vaters kennen. Bis zu dem Tag, an dem der Glaube dem Schauen weicht, bewahre uns vor völliger Verzweiflung. Lass den Samen, wie verborgen auch immer, bleiben. Und bringe uns endlich in jenes gesegnete Land, wo die Sonne nicht mehr untergeht, denn du, Herr, wirst unser ewiges Licht sein, und die Tage unserer Trauer werden ein Ende haben. Durch Jesus Christus, unseren Herrn, der um der Freude willen, die vor ihm lag, das Kreuz erduldete und sich nicht schämt, uns Brüder zu nennen. Amen.
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