Andacht 97 von 171

Das Judizialgesetz: Mit dem Staat Israel abgelaufen

Ch.19: Of the Law of God — Abschnitt 3 • 2026-08-02 • 33 min
Neben diesem Gesetz, gemeinhin das sittliche genannt, hat es Gott gefallen, dem Volk Israel als einer noch unmündigen Kirche Zeremonialgesetze zu geben, die vielerlei vorbildliche Ordnungen enthalten: teils für den Gottesdienst, die auf Christus, seine Gnade, seine Taten, sein Leiden und seine Wohltaten vorausweisen; teils solche, die mancherlei Unterweisungen in sittlichen Pflichten darbieten. Alle diese Zeremonialgesetze sind nun unter dem Neuen Testament abgetan.
– Westminster Bekenntnis, Kapitel 19, Abschnitt 3

Einleitung

Es gibt wenige Dinge, die den menschlichen Geist mehr verwirren als der Gedanke, dass Gott etwas aufrichtet, das er von Anfang an wieder abzutragen beabsichtigt. Das ganze alttestamentliche Zeremonialwesen, die Priester mit ihren leinenen Gewändern, die Altäre, die immer neu entzündet werden mussten, die genau vorgeschriebenen Opfer, die Waschungen, die Speisegebote, die heiligen Tage und Feste, das alles war nicht etwa ein gescheiterter Plan, den Gott nachträglich durch das Evangelium ersetzen musste. Es war ein von Ewigkeit her ersonnener Plan, der von Anfang an einen vorläufigen Zweck verfolgte. Die Zeremonien waren nie als Selbstzweck gedacht. Sie waren Schatten, und Schatten existieren nicht, um zu bleiben, sondern um auf das Licht hinzuweisen, das sie wirft. Die Westminster-Väter treten mit diesem Abschnitt in einen uralten Streit ein, der die Kirche seit den Tagen der Apostel begleitet. Manche haben gemeint, die Zeremonien seien überflüssig gewesen, ein Rückfall in heidnische Rituale, den Gott aus pädagogischer Nachsicht duldete. Andere, und hier besonders die römische Kirche, haben sie in ein christliches Gewand gehüllt und unter neuem Namen weitergeführt: das Passah wird zur Messe, die Priester werden zu einem neutestamentlichen Amt, die Waschungen zu Sakramentalien. Die Väter schlagen einen dritten Weg ein, den Weg der ganzen Reformation: Die Zeremonien waren Gottes eigene Einsetzung, voller geistlicher Bedeutung und Kraft für ihre Zeit, aber sie waren nie auf Dauer angelegt. Sie waren das Gerüst, nicht das Gebäude. Sie waren die Verlobungszeit, nicht die Hochzeit. Sie waren das Versprechen, nicht die Erfüllung. Der Abschnitt, den wir heute betrachten, steht zwischen zwei Eckpfeilern. Abschnitt 2 hat uns gelehrt, dass das Sittengesetz, zusammengefasst in den Zehn Geboten, nach dem Fall eine vollkommene Richtschnur der Gerechtigkeit bleibt. Abschnitt 4 wird uns lehren, dass die Judizialgesetze mit dem Staat Israel dahingefallen sind, soweit nicht ihre allgemeine Billigkeit etwas anderes erfordert. Dazwischen, in Abschnitt 3, steht das Zeremonialgesetz, nicht ewig wie das Sittengesetz, nicht national bedingt wie das Judizialgesetz, sondern heilsgeschichtlich bedingt: eingesetzt von Gott, erfüllt in Christus, abgetan unter dem neuen Bund. Wer diesen Abschnitt recht versteht, dem wird das ganze Alte Testament zu einem durchsichtigen Fenster auf Christus hin. Wer ihn missversteht, dem wird das Alte Testament entweder zu einer Last, die er wider besseres Wissen zu tragen versucht, oder zu einem toten Buch, das er achtlos beiseitelegt.

Die biblischen Grundlagen

Die massgebliche Aussage über das Zeremonialgesetz findet sich im Brief an die Hebräer. Der Verfasser steht vor einer Gemeinde, die versucht ist, zu den Schatten zurückzukehren, und er schreibt mit heiligem Ernst: »Denn das Gesetz hat nur den Schatten der zukünftigen Güter, nicht das Wesen der Güter selbst; darum kann es die, die opfern, niemals vollenden, da man alle Jahre immer dieselben Opfer darbringt.« Der Apostel gebraucht hier das Wort skia, Schatten, und stellt ihm das eikōn, das Wesen oder die Gestalt der Dinge selbst, gegenüber. Ein Schatten kann die Umrisse einer Gestalt zeigen, er kann ihre Bewegung nachzeichnen, er kann ihre Anwesenheit bezeugen, aber er kann nicht die Gestalt sein. Niemand umarmt einen Schatten. Niemand isst einen Schatten. Niemand wärmt sich an einem Schatten. Die alttestamentlichen Gläubigen waren aufrichtig, wenn sie die Opfer darbrachten, und Gott nahm ihren Gehorsam an, aber das Blut von Stieren und Böcken konnte die Sünde nicht wegnehmen. Es konnte sie bedecken, es konnte auf das kommende Opfer vorausweisen, aber es konnte das Gewissen nicht wirklich reinigen. Der ganze levitische Dienst war ein lebendiges Bekenntnis der eigenen Unzulänglichkeit. Paulus greift dasselbe Bild im Brief an die Kolosser auf, und er tut es mit einer Schärfe, die jeden Versuch, das Zeremonialgesetz in die christliche Gemeinde hinüberzuretten, im Keim erstickt: »So lasst euch nun von niemandem ein Gewissen machen wegen Speise und Trank oder wegen eines bestimmten Feiertages, Neumondes oder Sabbats. Das alles ist nur ein Schatten des Zukünftigen; der Körper aber ist Christus.« Hier liegt der Schlüssel zu unserem ganzen Abschnitt: Der Körper ist Christus. So wie ein Körper nicht aus zwei Körpern besteht und ein Schatten nicht neben dem Körper weiterbestehen kann, den er abbildet, so können die Zeremonien nicht neben Christus bestehen. Wer versucht, sich weiterhin an die Speisegebote zu halten, als wären sie ein Weg zur Heiligkeit, wer die jüdischen Feste feiert, als vermittelten sie einen besonderen Zugang zu Gott, wer neue Zeremonien erfindet, als könnten sie dem vollendeten Werk Christi etwas hinzufügen, der verhält sich wie ein Mensch, der die Morgensonne aufgehen sieht und dann eine Kerze anzündet, um besser sehen zu können. Der Apostel wählt im Galaterbrief ein anderes Bild, das die Westminster-Väter mit der Formulierung »als einer noch unmündigen Kirche« aufgreifen: »Ich sage aber: Solange der Erbe unmündig ist, besteht zwischen ihm und einem Knecht kein Unterschied, obwohl er doch Herr aller Güter ist; sondern er steht unter Vormündern und Pflegern bis zu der Zeit, die der Vater bestimmt hat. So auch wir: Als wir unmündig waren, waren wir in der Knechtschaft der Elementarmächte gefangen.« Das griechische Wort nēpios bezeichnet ein kleines Kind, das noch nicht sprechen kann, das unter der vollen Aufsicht anderer steht, das wohl der rechtmässige Erbe ist, aber noch nicht in die Freiheit der vollen Sohnschaft eingetreten ist. Die Zeremonien waren nicht die Fesseln eines Sklaven, sondern die Leitbänder eines Vaters, der sein Kind an der Hand führt, bis es laufen kann. Gott behandelte sein alttestamentliches Volk nicht als Knechte, sondern als Söhne, die ihrer vollen Mündigkeit erst entgegenreiften. Der Hebräerbrief entfaltet diesen Gedanken mit einer Ausführlichkeit, die im ganzen Neuen Testament ihresgleichen sucht. Das neunte Kapitel schildert den irdischen Tempeldienst in seiner ganzen Pracht: den Leuchter, den Tisch mit den Schaubroten, das Allerheiligste hinter dem Vorhang, die goldenen Räuchergefässe, die Bundeslade. Und dann, nach dieser eindrücklichen Aufzählung, kommt das nüchterne Urteil: »Damit zeigt der Heilige Geist, dass der Weg zum Heiligtum noch nicht offenbart war, solange das vordere Zelt stand.« Die blosse Existenz des Tempels mit seinen zwei Räumen, seiner trennenden Wand, seinem undurchdringlichen Vorhang, war eine Predigt in Stein und Gold und Purpur: Der Zugang zu Gott ist noch nicht frei. Die Zeremonien hielten Israel in der Nähe Gottes, in einer echten, wirklichen, bundesgemässen Beziehung, aber sie hielten Israel auch auf Abstand. Der Hohepriester ging einmal im Jahr hinter den Vorhang, und seine Schritte hallten in einem leeren Raum wider, denn der Gnadenstuhl über der Lade hatte keinen Adressaten: das Blut von Böcken und Kälbern konnte die Frage der Sünde nicht endgültig beantworten. An diesen Vorhang rührt nun eine Hand, die nicht die Hand Aarons ist. »Christus aber ist gekommen als Hohepriester der zukünftigen Güter«, fährt der Hebräerbrief fort, und mit einem einzigen Satz stellt er die ganze levitische Ordnung in das Licht ihrer Erfüllung: »Er ist durch das grössere und vollkommenere Zelt, das nicht mit Händen gemacht ist, das heisst nicht von dieser Schöpfung, und nicht mit dem Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut ein für allemal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erlangt.« Das Wort »ein für allemal«, griechisch ephapax, ist das Todesurteil über jedes fortdauernde Opfersystem. Wo das Opfer ein für allemal dargebracht ist, gibt es nichts mehr darzubringen. Wo der Hohepriester für immer in das himmlische Heiligtum eingegangen ist, braucht es keinen irdischen Priester mehr, der für uns eintritt. Wo der Vorhang von oben bis unten zerrissen ist, gibt es kein Allerheiligstes mehr, das dem Volk verschlossen bleibt. Die Frage, die sich aus alledem erhebt, ist nicht schwer zu erkennen: Wenn das Zeremonialgesetz Schatten war und Christus der Körper, warum hat Gott es überhaupt gegeben? Johannes der Täufer spricht die Antwort mit zwei Worten aus, als er Jesus am Jordan erblickt: »Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt!« Diese Worte hätten keinen Sinn gehabt, wenn es nicht eine lange Geschichte von Lämmern gegeben hätte, die auf das eine Lamm vorauswiesen. Das Opfer Abels, die Bindung Isaaks, das Passah in Ägypten, das tägliche Morgen- und Abendopfer im Tempel, der grosse Versöhnungstag mit seinen zwei Böcken, das alles war ein jahrhundertelanger Unterricht im Evangelium. Gott lehrte sein Volk die Sprache der Erlösung, damit es sie verstand, als die Erlösung selbst erschien. Er gab ihnen die Buchstaben der Gnade, damit sie das Wort lesen konnten, als das Wort Fleisch wurde. Der Hebräerbrief zieht daraus den unausweichlichen Schluss, und zwar mit einem Argument, das die Westminster-Väter in der Formulierung »abgetan« verdichten: »Denn wenn das Priestertum verändert wird, muss auch das Gesetz verändert werden.« Der ganze levitische Dienst hing an der Person des Priesters. Ändert sich das Priestertum, stürzt das Gebäude, das auf ihm ruhte. Und Christus, so führt der Apostel aus, stammt nicht aus dem Stamm Levi, sondern aus Juda, »zu welchem Stamm Mose nichts geredet hat vom Priestertum«. Er ist Priester nach der Ordnung Melchisedeks, einer Ordnung, die älter ist als Levi, grösser als Aaron, ewiger als der Tempel. Mit dem neuen Priester ist ein neues Gesetz gekommen, und das alte Zeremonialgesetz, das an das levitische Priestertum gebunden war, ist mit ihm untergegangen.

Was die Westminster-Väter meinten

Die Westminster-Väter entfalten in diesem Abschnitt eine sorgfältige Unterscheidung, die man beim ersten Lesen leicht übergeht. Sie sagen nicht einfach, dass die Zeremonialgesetze vorbildlich auf Christus hinweisen. Sie unterscheiden zwei Arten von Zeremonien: solche, die den Gottesdienst betreffen und auf Christus vorausweisen, und solche, die sittliche Wahrheiten auf eine zeichenhafte, rituelle Weise vermitteln. Die erste Art umfasst den ganzen levitischen Opferdienst. Das Passahlamm, das ohne Fehl sein musste, dessen Blut an die Türpfosten gestrichen wurde und dessen Gebeine nicht zerbrochen werden durften, wies auf Christus hin, das wahre Passah, das für uns geschlachtet ist. Der grosse Versöhnungstag mit seinen zwei Böcken, von denen einer geschlachtet und der andere in die Wüste getrieben wurde, malte den Doppelsinn der Versöhnung vor Augen: die Bezahlung der Schuld durch den Tod und die Hinwegnahme der Sünde von dem Angesicht Gottes. Die Schaubrote im Heiligtum, das Brot des Angesichts, deuteten auf Christus als das Brot des Lebens. Der siebenarmige Leuchter, das einzige Licht im fensterlosen Heiligtum, wies auf Christus als das Licht der Welt. Jedes Gerät, jede Handlung, jedes Gewand, jede Farbe, jedes Material war ein Pinselstrich in einem Bild, dessen Thema von der ersten Seite der Genesis bis zur letzten Seite der Offenbarung durchgehalten wird: Gott selbst wird für die Erlösung seines Volkes sorgen. Die zweite Art von Zeremonien ist weniger augenfällig, aber nicht weniger bedeutsam. Die Speisegebote, das Verbot, Wolle und Leinen zu mischen, die Vorschriften über Rein und Unrein, die Anordnungen über Aussatz und andere Unreinheiten, das alles waren nicht nur hygienische Massnahmen einer vorsorgenden Gottheit, obwohl sie auch das waren. Sie waren vor allem eine eingeprägte Lektion in der Heiligkeit Gottes und der Sünde des Menschen. Jedes Mal, wenn ein Israelit ein unreines Tier berührte und sich zum Abend hin waschen musste, lernte er, dass die Sünde befleckt und dass der Zugang zu Gott Reinheit verlangt. Jedes Mal, wenn er ein reines von einem unreinen Tier unterschied, lernte er, dass Gott einen Unterschied macht zwischen dem, was ihm wohlgefällig, und dem, was ihm zuwider ist. Die Zeremonien waren eine Schule der Unterscheidung, eine tägliche Unterweisung darin, dass das ganze Leben unter dem Auge eines heiligen Gottes gelebt wird. Die Väter nennen Israel »eine noch unmündige Kirche«, und diese wenigen Worte sind von grösstem Gewicht. Sie verneinen damit die täuferische Vorstellung, das alttestamentliche Bundesvolk sei gar nicht die Kirche gewesen, sondern nur ein irdisches, fleischliches Vorspiel. Nein, Israel war die Kirche, die Versammlung der Erlösten, aber sie war die Kirche im Stand der Kindheit. Ein Kind ist ebenso wirklich ein Mensch wie ein Erwachsener, aber es versteht die Dinge anders, es braucht Bilder und Geschichten, es lernt an den Fingern das Zählen, das es eines Tages im Geiste beherrschen wird. So gab Gott seiner Kirche im Alten Bund die Zeremonien, nicht weil er sie für immer an Bildern festhalten wollte, sondern weil er sie in Bildern zur Wirklichkeit führte. Die polemische Spitze des Abschnitts richtet sich gegen Rom und gegen alle, die das Zeremonialgesetz unter christlichem Vorzeichen wieder aufrichten wollen. Die Väter schreiben: »Alle diese Zeremonialgesetze sind nun unter dem Neuen Testament abgetan.« Das Wort »abgetan« ist endgültig. Es bedeutet nicht, dass sie verwandelt, vergeistlicht, erhöht oder in eine höhere Form überführt worden seien. Es bedeutet, dass sie nicht mehr in Kraft sind. Der Christ, der sich an jüdische Speisegebote bindet, als verliehen sie ihm eine besondere Heiligkeit, der Christ, der die alttestamentlichen Feste feiert, als seien sie von Gott für die neutestamentliche Gemeinde geboten, der Christ, der neue Zeremonien einführt, die an den levitischen Dienst erinnern, der missachtet das apostolische Wort, dass der Schatten vor dem Körper weichen muss. Er tut dasselbe, was die Galater taten, als sie sich beschneiden liessen, nachdem Christus gekommen war, und was Petrus dem Tadel des Paulus zuzog, als er sich von den Heidenchristen zurückzog, um den Judenchristen zu gefallen. Das vollendete Werk Christi duldet keine Ergänzung durch menschliche Zeremonien.

Theologische Tiefe

Calvin entfaltet die Unterscheidung der drei Gesetzesarten mit einer Klarheit, an der sich seither alle Auslegung misst. In der Institutio erklärt er, das Sittengesetz sei das wahre und ewige Gesetz Gottes, das Zeremonialgesetz die Übung der Kirche in ihrer Kindheit und das Judizialgesetz die bürgerliche Ordnung des israelitischen Gemeinwesens. Das Sittengesetz ist das Ziel, auf das beide hinzielen, das Zeremonialgesetz das Mittel, durch das Gott sein Volk zur Erkenntnis der Sünde und zum Verlangen nach dem Erlöser führte, das Judizialgesetz die Anwendung des Sittengesetzes auf die besonderen Umstände des israelitischen Staates. Alle drei sind Ausdruck des einen göttlichen Willens, aber sie sind es auf verschiedene Weise und mit verschiedener Dauer. In den Zeremonien sieht Calvin nicht tote, leere Riten, sondern lebendige Predigten. Das Passah predigte den Tod Christi, die Beschneidung die Reinigung des Herzens, die Waschungen die Abwaschung der Sünde. Calvin gebraucht das Bild eines Gemäldes, das eine Landschaft darstellt. Das Gemälde ist nicht die Landschaft, und ein Mann, der vor dem Bild sitzt und es anstarrt, wird nie den Wind in den Bäumen spüren oder den Duft der Wiesen atmen. Aber das Gemälde kann das Auge schulen, es kann die Sehnsucht nach dem wecken, was es abbildet, es kann den Betrachter zur Wirklichkeit führen. So verhielt es sich mit den Zeremonien: Sie waren nicht das Heil, aber sie zeigten das Heil, und in ihrem Zeigen weckten sie das Verlangen nach dem Kommenden. Der fromme Israelit, der sein Lamm zum Priester brachte, wusste, dass das Blut dieses Lammes seine Sünde nicht tilgen konnte, aber er vertraute darauf, dass Gott selbst ein Lamm ersehen würde, dessen Blut tilgen würde, was alles Blut von Tieren nur bedecken konnte. Turretin nimmt diese Unterscheidung auf und vertieft sie in seiner dogmatischen Methode. Er fragt, ob die Abschaffung der Zeremonialgesetze eine wirkliche Veränderung des göttlichen Willens anzeige oder ob sie von Anfang an in Gottes Ratschluss vorgesehen war. Seine Antwort ist die zweite. Gott gab die Zeremonien mit einer eingebauten zeitlichen Begrenzung, so wie ein Baumeister ein Gerüst errichtet, das er nach der Vollendung des Gebäudes wieder abbaut. Das Gerüst war notwendig, das Gerüst diente einem guten Zweck, das Gerüst wurde mit Sorgfalt errichtet, aber das Gerüst war nie das Gebäude. Ebenso wenig war das Zeremonialgesetz das Heil. Es war der Knochenbau, über den das Fleisch des Evangeliums gespannt wurde, und als das Fleisch da war, konnte der blosse Knochenbau nicht bestehen bleiben, ohne ein Gerippe zu sein, das den Lebenden erschreckt. Turretin betont auch, was die Westminster-Väter mit der Wendung »vorbildliche Ordnungen« andeuten: die Einheit des Erlösungsplanes in beiden Testamenten. Der Glaube der alttestamentlichen Gläubigen war nicht ein anderer Glaube als der unsere, sondern derselbe Glaube, nur mit einem anderen Grad der Klarheit. Abraham sah den Tag Christi und freute sich, und er sah ihn durch die Linse der Verheissungen und der Vorbilder, die Gott ihm gegeben hatte. Die Beschneidung war für ihn, was die Taufe für uns ist, das Passah, was das Abendmahl, der Tempel, was die Versammlung. Die Gnade war dieselbe, der Mittler war derselbe, nur das Licht, in dem sie gesehen wurden, war schwächer. Die Zeremonien waren nicht die Sache selbst, aber sie waren auch nicht leer. Sie waren von Gott eingesetzte Kanäle, durch die der Glaube der Väter zu Christus geleitet wurde, der kommen sollte, wie unser Glaube zu Christus geleitet wird, der gekommen ist. Owen hat einen scharfen Blick für die Herrlichkeit Christi in den alttestamentlichen Vorbildern. In seiner Auslegung des Hebräerbriefes zeigt er, wie jedes Element der Stiftshütte, jede Handlung des levitischen Dienstes, jedes Fest des jüdischen Kalenders ein Fenster auf Christus öffnet. Das Allerheiligste, in das der Hohepriester allein eintreten durfte, spricht von der Vereinigung der beiden Naturen in der Person des Mittlers, der zugleich bei Gott und bei den Menschen ist. Das Räucherwerk, das aufstieg, während das Volk draussen im Gebet verharrte, spricht von der Fürbitte Christi, die vor dem Vater für die Seinen aufsteigt. Die eherne Schlange, die Mose auf einer Stange erhöhte, spricht von Christus, der für uns zur Sünde gemacht wurde, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt. Doch Owen belässt es nicht bei der Betrachtung der Vorbilder. Er zieht eine seelsorgerliche Folgerung, die den Kern des Abschnitts trifft: Wenn die Vorbilder in Christus erfüllt sind, dann kann es keine Rückkehr zu ihnen geben, ohne die Erfüllung selbst zu verleugnen. Wer zum Schatten zurückkehrt, nachdem der Körper erschienen ist, bekennt damit, dass er den Körper nicht für ausreichend hält. Das ist das gravierende Urteil, das Owen über die römische Messe fällt: Sie ist nicht nur ein überflüssiger Zusatz, sie ist eine Verleugnung der Vollendung des Opfers Christi. Denn ein Opfer, das wiederholt werden muss, ist kein vollendetes Opfer. Ein Priestertum, das immer wieder opfert, bekennt, dass das eine Opfer nicht genügt hat. Die Messe ist der Schatten, der den Körper verdrängen will, und darin liegt ihre eigentliche Gefahr. Bullinger, dem die Einheit des Bundes ein Herzensanliegen war, verfolgt einen seelsorgerlich-pädagogischen Ansatz. In seinen Dekaden erklärt er, die Zeremonien seien Gottes erstes ABC-Buch für sein Volk gewesen. Ein Kind lernt das Lesen nicht, indem man ihm die gesammelten Werke der Kirchenväter vorlegt. Es lernt an einfachen Bildern. Die Zeremonien waren Gottes Bilderbuch für die Kirche in ihrer Kindheit. Jede Farbe, jede Handlung, jedes Gerät war ein Buchstabe in einer Sprache, die das Kommen Christi buchstabierte. Und als Christus gekommen war, als das Wort Fleisch geworden war, brauchte es die Buchstaben nicht mehr, denn die Sache selbst war da. Die Reformation, so Bullinger, habe nichts anderes getan, als dieser Logik zu folgen: Sie habe die Bilder nicht zerstört, weil sie sie hasste, sondern weil der, den sie abbildeten, selbst gegenwärtig war im Wort und im Geist. Bullinger macht noch auf einen anderen Punkt aufmerksam, den die Westminster-Väter mit der Wendung »mancherlei Unterweisungen in sittlichen Pflichten« andeuten. Die Zeremonien hatten einen doppelten Zweck: Sie wiesen auf Christus hin, und sie bildeten die Herzen der Gläubigen. Die genauen Vorschriften über Rein und Unrein, die strengen Anordnungen über die Zubereitung der Opfer, die peinliche Sorgfalt, die auf die Gewänder des Hohenpriesters verwandt wurde, das alles lehrte Israel, dass Gott ein eifernder Gott ist, der angebetet werden will, wie er es geboten hat, und nicht, wie es dem Menschen gefällt. Die Zeremonien waren eine Zucht in der Gottesfurcht, eine beständige Erinnerung daran, dass der Mensch sich Gott nicht nähern darf, wie er will, sondern wie Gott es verordnet. Diese pädagogische Funktion der Zeremonien ist mit ihnen nicht dahingefallen. Sie ist in das neutestamentliche Prinzip übergegangen, dass Gott im Geist und in der Wahrheit angebetet werden will und dass jeder eigenmächtige Gottesdienst, jede selbst erdachte Form der Anbetung, ein Rückfall in die Sünde Nadabs und Abihus ist, die fremdes Feuer vor den Herrn brachten. Hodge fasst in seiner Systematischen Theologie die Lehre des Abschnitts mit einer Präzision zusammen, die dem Juristen unter den Theologen wohl ansteht. Er unterscheidet sorgfältig zwischen dem Grund der Abschaffung und der Weise der Abschaffung. Der Grund der Abschaffung liegt darin, dass die Zeremonialgesetze Schatten waren und der Körper Christus ist: Sie wurden erfüllt, und was erfüllt ist, hört auf, verbindlich zu sein. Die Weise der Abschaffung geschah durch göttliche Offenbarung: Nicht die Apostel haben die Zeremonien eigenmächtig abgeschafft, sondern Gott selbst hat sie durch die Zerstörung des Tempels, durch die Offenbarung an Petrus auf dem Dach in Joppe, durch den Beschluss des Apostelkonzils, durch die Lehre des Paulus in seinen Briefen und durch die gesamte Entfaltung der Heilsgeschichte ausser Kraft gesetzt. Die Abschaffung war ebenso göttlich wie die Einsetzung. Darum hat kein Mensch das Recht, neue Zeremonien an die Stelle der alten zu setzen. Die Kirche in ihrer Mündigkeit braucht keine Vormünder mehr. Sie hat das Wort und den Geist, und das genügt.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Wenn die Zeremonien abgetan sind, weil sie sich in Christus erfüllt haben, dann ist unser Verhältnis zum Alten Testament ein völlig anderes als das eines Juden zur Zeit Davids. Wir lesen das dritte Buch Mose nicht, um daraus eine Anleitung für unseren Gottesdienst zu gewinnen. Wir lesen es, um Christus besser zu verstehen. Jedes Opfer, jede Waschung, jedes Fest war ein Fingerzeig auf den, der kommen sollte, und je besser wir die Fingerzeige verstehen, desto besser verstehen wir den, auf den sie zeigen. Darum ist die Vernachlässigung des Alten Testaments unter Christen ein schwerer Verlust. Wer nur das Neue Testament liest, liest die Erfüllung, ohne die Verheissung ganz ermessen zu können, die in ihr erfüllt wurde. Wer aber das Alte Testament liest, als wäre es noch in Kraft, als müsste er sich an die Speisegebote halten oder den Sabbat nach jüdischer Weise feiern, der liest die Verheissung, als wäre sie nie erfüllt worden. Der rechte Weg ist der der Westminster-Väter: das Alte Testament lesen als das, was es ist, das Zeugnis von Christus, dem Kommenden, das im Licht des Gekommenen seine volle Klarheit gewinnt. Zweitens: Die Abschaffung der Zeremonien befreit uns von jeder knechtischen Bindung an selbstgemachte oder von Menschen auferlegte Satzungen, aber sie befreit uns nicht von der Ordnung im Gottesdienst. Gott hat seiner neutestamentlichen Gemeinde zwei Einsetzungen gegeben: die Taufe und das Abendmahl. Beide sind einfach, beide sind schlicht, beide sind an das Wort gebunden, und in beiden begegnet uns derselbe Christus, dem die Zeremonien vorauswiesen. Die reformierte Kirche hat immer daran festgehalten, dass der Gottesdienst durch Gottes Wort geregelt sein muss. Was nicht in der Schrift geboten ist, hat keinen Platz in der Anbetung. Das schützt uns vor zwei Irrtümern: vor dem römischen Irrtum, der die Zeremonien vermehrt, bis sie das Wort ersticken, und vor dem schwärmerischen Irrtum, der alle Form verwirft, bis nichts mehr übrig bleibt als die wechselnden Eingebungen des Augenblicks. Der biblische Weg ist der Weg der Freiheit in der Gebundenheit an das Wort: frei von menschlichen Satzungen, gebunden an die göttlichen Einsetzungen. Drittens: Die Lehre von der Abtretung der Zeremonien ist eine beständige Warnung vor der Neigung des menschlichen Herzens, sich äussere Formen zu schaffen, die das innere Leben ersetzen sollen. Das gefallene Herz liebt Zeremonien, denn eine Zeremonie kann man vollziehen, ohne dass das Herz beteiligt ist. Einen Gottesdienst kann man besuchen, ohne wirklich anzubeten. Ein Opfer kann man darbringen, ohne wirklich zu bereuen. Ein Fest kann man feiern, ohne sich wirklich zu freuen. Die Zeremonien des Alten Bundes waren von Gott eingesetzt und darum gut, solange sie im Glauben vollzogen wurden. Aber als der Glaube schwand und die Form blieb, wurden sie zu einem Gräuel in Gottes Augen. »Tut nur weg von mir das Geplärr eurer Lieder,« ruft der Prophet, »denn ich mag euer Harfenspiel nicht hören!« Die Gefahr lauert auch im Neuen Bund. Auch wir können unseren Gottesdienst so einrichten, dass er die äussere Form pflegt und das innere Leben vernachlässigt. Auch wir können Lieder singen, ohne zu beten, Predigten hören, ohne zu gehorchen, das Abendmahl empfangen, ohne Gemeinschaft mit Christus zu suchen. Die Abtretung der Zeremonien ruft uns zu: Gott will das Herz. Er hat die Schatten weggenommen, damit wir uns nicht an ihnen festhalten, sondern zu ihm selbst kommen. Viertens: In einer Zeit, die von vielen evangelikalen Kreisen eine Rückkehr zu alttestamentlichen Formen erlebt, zu jüdischen Festen, zu einer Nachahmung der levitischen Anbetung in Licht und Klang und ritueller Bewegung, ist dieser Abschnitt von bleibender Aktualität. Das himmlische Heiligtum, in das Christus eingegangen ist, hat keinen Altar aus Stein, kein Räucherwerk aus Harz, keine Posaunen aus Silber. Sein Altar ist das Kreuz, sein Räucherwerk die Fürbitte, seine Posaune das Evangelium. Wer heute einen Tempel baut, um Gott zu begegnen, verleugnet, dass der Vorhang zerrissen ist. Wer heute ein Opfer darbringt, verleugnet, dass das eine Opfer genügt. Wer heute einen Priester zwischen sich und Gott stellt, verleugnet, dass Christus der einzige Mittler ist. Die Zeremonien sind abgetan, und ihre Wiederbelebung ist nicht fromm, sondern ein Zeichen mangelnden Glaubens an die Vollkommenheit des Werkes Christi. Fünftens: Die Lehre von der Kirche als einer aus der Kindheit zur Mündigkeit herangewachsenen Gemeinschaft hat tiefgreifende Folgen für unser tägliches Leben als Christen. Ein unmündiges Kind braucht ständige äussere Anleitung, es muss bei der Hand genommen werden, es versteht nur, was man ihm in Bildern erklärt. Ein mündiger Sohn hat den Geist der Sohnschaft empfangen, der in seinem Herzen die Wahrheit bezeugt und ihn in die Freiheit führt. Das bedeutet nicht, dass wir ohne äussere Mittel auskommen könnten, ohne Predigt, ohne Sakrament, ohne die Gemeinschaft der Gläubigen. Aber es bedeutet, dass diese Mittel nicht mehr die Form von Schatten und Vorbildern haben, sondern von Wort und Geist. Der Christ unter dem Neuen Bund lebt nicht mehr nach dem Buchstaben, der tötet, sondern nach dem Geist, der lebendig macht. Er dient Gott nicht mehr in der Knechtschaft der Furcht, sondern in der Freiheit der Kinder Gottes. Sechstens: Der Satz »Alle diese Zeremonialgesetze sind nun unter dem Neuen Testament abgetan« ist ein Satz von unermesslichem Trost. Er bedeutet, dass nichts mehr zwischen dem Sünder und seinem Gott steht. Kein Ritus, den ein Mensch nicht vollziehen könnte. Keine Speise, die ihn unrein machen könnte. Kein Ort, zu dem er reisen müsste, um Gott zu begegnen. Der Vorhang ist zerrissen. Der Zugang ist frei. Der Weg zum Gnadenthron steht jedem offen, der im Namen Jesu Christi kommt. Dieser freie Zugang ist das Herz des evangelischen Glaubens, und jede Lehre, jede Praxis, jede Frömmigkeitsform, die diesen Zugang wieder an Bedingungen knüpft, die Gott nicht gestellt hat, verfälscht das Evangelium. Wer sagt: Du musst diese Erfahrung gemacht haben, diese Übung vollziehen, diesen geistlichen Stand erreichen, ehe du dich Gott nahen darfst, der errichtet einen neuen Vorhang vor dem Allerheiligsten. Aber der alte Vorhang ist zerrissen, und der neue ist aus Menschenfurcht gewoben und wird das Feuer des Gerichtes nicht überdauern.

Gebet

Himmlischer Vater, du hast dein Volk durch die Wüste geführt und ihm unterwegs Bilder und Schatten gegeben, die es auf das Kommende vorbereiteten. Du hast es nicht der Finsternis überlassen, sondern ihm das Licht der Verheissung geschenkt, das im Morgenglanz der Ankunft deines Sohnes seine Erfüllung fand. Wir preisen dich, dass die Zeit der Schatten vorüber ist. Wir preisen dich, dass der Vorhang zerrissen ist, dass das Opfer dargebracht ist, dass der Hohepriester in das himmlische Heiligtum eingegangen ist und dort für uns eintritt, nicht mit fremdem Blut, sondern mit seinem eigenen. Herr, bewahre uns vor der Torheit, zu den Schatten zurückzukehren, nachdem du uns den Körper geschenkt hast. Bewahre uns vor dem Hang unseres Herzens, das sich so gern an äusseren Formen festhält, während es die innere Gemeinschaft mit dir vernachlässigt. Lass uns begreifen, dass der einfachste Gottesdienst, der im Geist und in der Wahrheit gefeiert wird, dir wohlgefälliger ist als der prächtigste Tempeldienst, der mit ungläubigem Herzen vollzogen wird. Wir danken dir, dass du deine Kirche aus der Kindheit in die Mündigkeit geführt hast. Wir sind nicht mehr unmündige Erben, die unter Vormündern stehen, sondern Söhne und Töchter, die den Geist der Sohnschaft empfangen haben und zu dir rufen: Abba, lieber Vater. Lass uns in dieser Freiheit stehen und uns kein neues Joch der Knechtschaft auferlegen lassen. Aber lass uns diese Freiheit auch nicht zum Vorwand für das Fleisch nehmen, sondern in der Liebe einander dienen, wie dein Sohn uns gedient hat. Herr Jesus Christus, du bist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt, das wahre Passah, das für uns geschlachtet ist, das Brot des Lebens, das Licht der Welt, der wahre Weinstock, der gute Hirte, die Tür zu den Schafen. In dir sind alle Schatten erfüllt, alle Vorbilder vollendet, alle Verheissungen bejaht und bekräftigt. Lass uns an dir genug haben und nichts ausser dir suchen, was nur ein matter Abglanz deiner Herrlichkeit sein kann. Heiliger Geist, führe uns in alle Wahrheit. Öffne uns die Augen für die Herrlichkeit Christi im Alten Testament, wie du sie den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus geöffnet hast, als du ihnen in allen Schriften auslegtest, was darin von ihm gesagt war. Lass uns das Alte Testament nicht vernachlässigen, noch es als ein Buch der toten Werke behandeln, sondern es lesen als das, was es ist: das erste Kapitel der einen Geschichte, deren letztes Kapitel an Ostern begann und deren Ende wir in der Wiederkunft deines Sohnes erwarten. Amen.
← Start · Übersicht ·