Andacht 98 von 171

Der fortdauernde Gebrauch des Sittengesetzes: Eine Lebensregel

Ch.19: Of the Law of God — Abschnitt 4 • 2026-08-03 • 29 min
Ihnen hat er auch, als einem politischen Gemeinwesen, verschiedene bürgerliche Gesetze gegeben, die mit dem Staatswesen dieses Volkes endeten und jetzt niemanden mehr verpflichten, als nur soweit ihre allgemeine Billigkeit es erfordert.
– Westminster Bekenntnis, Kapitel 19, Abschnitt 4

Einleitung

Kein Abschnitt des neunzehnten Kapitels hat in den letzten Jahrzehnten mehr Kontroversen ausgelöst als dieser vierte. Es gibt Christen, die mit dem Finger auf das alttestamentliche Gesetz zeigen und fordern, der moderne Staat müsse die Steinigung des Ehebrechers, die Todesstrafe für den ungehorsamen Sohn und die Ausrottung der falschen Propheten wieder einführen. Und es gibt Christen, die mit derselben Handbewegung das gesamte alttestamentliche Gesetz beiseitewischen, als habe es nie etwas mit Gerechtigkeit zu tun gehabt, als sei der Gott des Alten Bundes ein zorniger Stammesgott gewesen, den der sanfte Jesus endlich abgelöst habe. Beide Haltungen verfehlen, was die Westminster-Väter in diesem kurzen, dichten Abschnitt lehren. Die bürgerlichen Gesetze Israels sind weder ein unveränderliches Blaupause für jeden Staat zu allen Zeiten noch ein bedeutungsloser antiker Rechtskodex, der uns nichts mehr zu sagen hat. Sie sind die Anwendung des ewigen Sittengesetzes auf die besonderen Umstände des alttestamentlichen Bundesvolkes, das zugleich Kirche und Staat war, eine einmalige Grösse in der Heilsgeschichte, die mit dem Kommen Christi und der Zerstörung Jerusalems ihr Ende fand. Was von ihnen bleibt, ist nicht der Buchstabe, wohl aber die »allgemeine Billigkeit«, die jedem dieser Gesetze zugrunde liegende Gerechtigkeit. Wer diesen Abschnitt versteht, dem wird die Tür zu einer biblischen politischen Ethik geöffnet, die weder in theonome Gesetzlichkeit noch in antinomische Beliebigkeit verfällt. Er gewinnt die Freiheit, aus dem mosaischen Recht Weisheit zu schöpfen, ohne unter seinen Fluch zu geraten. Und er lernt, den Staat weder zu vergötzen noch zu verachten, sondern ihn als eine göttliche Ordnung zu sehen, die nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit urteilen soll, aber nicht das Gottesvolk des Neuen Bundes ist.

Die biblischen Grundlagen

Die bürgerlichen Gesetze Israels werden im Alten Testament mit einem eigenen Begriff eingeführt, der sie von den sittlichen und zeremoniellen Geboten abhebt. Als Mose vom Berg Sinai herabsteigt und dem Volk die Bundesordnung verkündet, sagt er: »Dies sind die Rechtsordnungen, die du ihnen vorlegen sollst.« Das hebräische Wort mischpatim bezeichnet Richtersprüche, Urteile, die Anwendung des allgemeinen Gesetzes auf konkrete Rechtsfälle. Es sind die Paragraphen des Bundesbuches, das von 2. Mose 21 bis 23 reicht und das die Zehn Gebote in das Leben eines altorientalischen Volkes übersetzt. Das Verbot des Mordes wird zur Unterscheidung von Totschlag und vorsätzlicher Tötung, zur Einrichtung von Asylstädten, zur Regelung der Blutrache. Das Verbot des Diebstahls wird zur Festsetzung von Schadensersatz, zur Begrenzung der Schuldknechtschaft, zum Schutz des Pfandes der Witwe. Das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, wird zum Todesurteil über den Sohn, der seinen Eltern flucht oder die Hand gegen sie erhebt. Diese mischpatim waren nie als ein allgemeines Völkerrecht gedacht, das allen Nationen aufzuerlegen wäre. Mose selbst macht das in einer Weise deutlich, die jede theonome Überhöhung des mosaischen Zivilrechts ausschliesst: »Siehe, ich habe euch Satzungen und Rechte gelehrt, wie mir der HERR, mein Gott, geboten hat, dass ihr so tun sollt in dem Lande, in das ihr kommen werdet, um es in Besitz zu nehmen. So haltet sie nun und tut sie! Denn darin besteht eure Weisheit und euer Verstand bei den Völkern, die, wenn sie alle diese Satzungen hören, sagen werden: Was für ein weises und verständiges Volk ist dies, ein so grosses Volk!« Die mischpatim waren die Weisheit Israels vor den Völkern, nicht das Gesetzbuch der Völker. Die Nationen sollten auf Israel blicken und die Gerechtigkeit seiner Gesetze bewundern, nicht dieselben Gesetze übernehmen müssen. Dass diese Gesetze auf den besonderen Bund Gottes mit Israel zugeschnitten waren, zeigt sich an einem Detail, das nur der aufmerksame Leser bemerkt. Die Sklavenfreilassung im siebten Jahr, ein Kernstück des Bundesbuches, wird eingeleitet mit den Worten: »Wenn du einen hebräischen Sklaven kaufst.« Das Gesetz regelte die Rechtsverhältnisse innerhalb des Bundesvolkes, nicht die Rechtsordnung des Alten Orients insgesamt. Der Fremde, der sich in Israel aufhielt, genoss den Schutz der allgemeinen Billigkeit nach dem Wort: »die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken«. Aber er wurde nicht in die volle Bundesordnung hineingenommen, solange er sich nicht beschneiden liess und damit in das Bundesverhältnis eintrat. Die mischpatim waren das Hausrecht der Familie Gottes, nicht die Strassenverkehrsordnung der Völkerwelt. Das Neue Testament bestätigt diese besondere, heilsgeschichtlich begrenzte Natur der bürgerlichen Gesetze auf Schritt und Tritt. Als in Antiochia judenchristliche Lehrer auftraten und lehrten, die Heidenchristen müssten sich beschneiden lassen und das Gesetz des Mose halten, um gerettet zu werden, trat Paulus ihnen mit einem Zorn entgegen, der erkennen lässt, worum es hier ging: um das Evangelium selbst. Das Apostelkonzil in Jerusalem fällte das grundsätzliche Urteil, das den Rahmen für unseren Abschnitt bildet: »Was versucht ihr Gott, indem ihr ein Joch auf den Nacken der Jünger legt, das weder unsere Väter noch wir haben tragen können?« Der Beschluss der Apostel legte den Heidenchristen nur wenige Dinge auf: sich zu enthalten von Götzenopferfleisch, von Blut, von Ersticktem und von Unzucht. Die bürgerlichen Gesetze des Mose wurden den Heidenchristen nicht auferlegt. Das politische Gemeinwesen, für das sie gegeben waren, bestand in Gottes Plan nur für eine bestimmte Zeit. Christus selbst hat die Begrenztheit des alttestamentlichen Zivilrechts durch seine Auslegung der Bergpredigt offenbart. Das Gesetz des Mose sagte: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Christus zitiert dieses Gesetz und fährt fort: »Ich aber sage euch: Leistet dem Bösen keinen Widerstand, sondern wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, so halte ihm auch die andere hin.« Das ist keine Aufhebung des Sittengesetzes, das die Obrigkeit zum Schutz der Unschuldigen mit dem Schwert ausstattet. Es ist aber eine Aufhebung der alttestamentlichen Form der persönlichen Vergeltung. Die lex talionis war ein gerechtes Gesetz, sie begrenzte die Rache und stellte die Verhältnismässigkeit der Strafe sicher. Aber sie war ein Gesetz für ein politisches Gemeinwesen, in dem die zivile Rechtsprechung und die Bundesgemeinde noch ungetrennt waren. Im Neuen Bund ist die Gemeinde nicht mehr der Staat, und die Bürger des Reiches Gottes sind nicht aufgerufen, ihre Rechte mit denselben Mitteln durchzusetzen wie die Bürger eines irdischen Staates. Paulus lehrt in Römer 13 die göttliche Einsetzung der Obrigkeit, und in seinen Ausführungen wird die allgemeine Billigkeit sichtbar, von der die Westminster-Väter sprechen. Der Staat trägt das Schwert nicht vergeblich. Er ist Gottes Diener, ein Rächer zur Strafe für den, der Böses tut. Das ist die bleibende Gerechtigkeit, die den mosaischen mischpatim zugrunde liegt: dass Gott die Obrigkeit eingesetzt hat, das Böse zu bestrafen und das Gute zu belohnen. Aber Paulus schreibt nicht: Führt die Todesstrafe für Ehebruch ein. Er schreibt nicht: Errichtet Asylstädte. Er schreibt nicht: Lasst die Richter an den Toren sitzen. Er spricht die allen Völkern gemeinsame sittliche Grundlage der Rechtsprechung an, die auch durch das Naturrecht erkannt wird, aber durch die Schrift eine ungleich tiefere Begründung erhält. Der Hebräerbrief zieht die heilsgeschichtliche Folgerung, die das ganze mosaische System in ein neues Licht rückt: »Denn wenn das Priestertum verändert wird, muss auch das Gesetz verändert werden.« Das levitische Priestertum war nicht nur für den Kultus zuständig, es war auch die höchste richterliche Instanz Israels. Der Hohepriester trug das Urim und Tummim, durch das Gott in Rechtssachen entschied. Die Priester lehrten das Volk die mischpatim und urteilten in schweren Fällen. Mit dem Kommen Christi, des Priesters nach der Ordnung Melchisedeks, ist das ganze System, das an das levitische Priestertum gebunden war, an sein Ende gekommen. Die bürgerlichen Gesetze, die von levitischen Priestern angewandt und von einem levitischen Tempel her interpretiert wurden, können nicht länger in Kraft sein, nachdem der Tempel zerstört und das Priestertum aufgehoben ist.

Was die Westminster-Väter meinten

Die Westminster-Väter schreiben diesen Abschnitt mit einer Genauigkeit, die von jahrzehntelangen Kontroversen über das Verhältnis von Altem und Neuem Bund zeugt. Sie hatten die Täufer vor Augen, die das Alte Testament als Ganzes verwarfen und damit auch die Weisheit der bürgerlichen Gesetze für die christliche Obrigkeit preisgaben. Sie hatten die römische Tradition vor Augen, die ein neues Kirchenrecht aufrichtete, das sich an die Stelle der mosaischen mischpatim setzte, als wäre die Kirche ein neues politisches Gemeinwesen. Und sie hatten die judaisierenden Strömungen vor Augen, die in England nie ganz ausgestorben waren und die die bürgerlichen Gesetze des Mose unverändert auf das christliche Gemeinwesen übertragen wollten. Der Schlüsselbegriff des Abschnitts ist »allgemeine Billigkeit«. Diesen Begriff haben die Väter nicht erfunden. Er stammt aus der mittelalterlichen und reformierten Naturrechtstradition und bezeichnet den allen positiven Gesetzen zugrunde liegenden Grundsatz der Gerechtigkeit. Ein Gesetz mag für ein bestimmtes Volk zu einer bestimmten Zeit erlassen sein, aber wenn es gerecht ist, spiegelt es eine allgemeine Ordnung wider, die für alle Menschen zu allen Zeiten verbindlich ist. Die konkrete Ausprägung mag wechseln: das römische Recht kannte andere Strafen als das mosaische, und das schweizerische kennt wieder andere als das römische. Aber die zugrunde liegende Gerechtigkeit bleibt. Die Väter unterscheiden also zwischen dem positiven Recht und dem Naturrecht, zwischen dem, was nur für Israel galt, und dem, was der allgemeinen Gerechtigkeit Gottes entspricht und darum für alle Völker verbindlich ist. Ein Beispiel mag diese Unterscheidung verdeutlichen: Das mosaische Gesetz verlangte, dass ein Dieb das Doppelte des Gestohlenen zurückerstatte und sich, wenn er zahlungsunfähig war, in die Schuldknechtschaft verkaufe. Die allgemeine Billigkeit dieses Gesetzes besagt: Wer stiehlt, muss Wiedergutmachung leisten. Wie hoch der Schadensersatz ist und in welcher Form er erbracht wird, das zu bestimmen ist Sache des positiven Rechts, das sich nach den Umständen des jeweiligen Volkes richtet. Wer aber lehrt, der Staat habe sich um Diebstahl nicht zu kümmern, oder der Dieb schulde dem Bestohlenen nichts, der verletzt die allgemeine Billigkeit. Die Formulierung »mit dem Staatswesen dieses Volkes endeten« ist ebenso wichtig. Sie bindet die Geltung der bürgerlichen Gesetze an die Existenz des israelitischen Staates. Israel war eine Theokratie, ein Volk, in dem Gott selbst der Gesetzgeber und der König war, auch als es irdische Könige hatte. Die Unterscheidung von Kirche und Staat, die das Neue Testament voraussetzt, existierte in Israel nicht. Das Bundesvolk war zugleich die Kultgemeinde und das politische Gemeinwesen, und seine Gesetze waren auf diese doppelte Wirklichkeit zugeschnitten. Als der Staat Israel unterging, zuerst mit der babylonischen Eroberung, endgültig mit der Zerstörung Jerusalems durch die Römer, endete auch die verbindliche Kraft seiner positiven Gesetze. Es gibt heute keinen irdischen Staat mehr, der zugleich das Bundesvolk Gottes ist. Darum kann es auch keinen Staat mehr geben, der die mosaischen mischpatim unverändert anwendet.

Theologische Tiefe

Calvin hat in der Institutio eine Unterscheidung ausgearbeitet, die für das Verständnis dieses Abschnitts grundlegend ist. Er lehrt, Gott habe Israel nicht nur Zehn Gebote gegeben, sondern auch bürgerliche Gesetze, die das politische Leben dieses Volkes ordneten. Diese Gesetze, so Calvin, sind weder für immer verbindlich noch völlig bedeutungslos. Sie enthalten eine »wohlgeordnete Verfassung«, aus der man lernen kann, wie ein Staatswesen nach Gottes Willen eingerichtet sein soll, aber sie verpflichten andere Völker nicht auf ihren Buchstaben. Calvin vergleicht sie mit dem Gewand, das einem bestimmten Menschen auf den Leib geschneidert ist: Ein anderer Mensch kann sich von demselben Schneider ein ähnliches Gewand anfertigen lassen, aber er wird nicht das gleiche Mass nehmen können, weil seine Glieder andere Verhältnisse haben. So ist es mit den Gesetzen: Jedes Volk muss seine Gesetze auf seine eigenen Umstände zuschneiden, aber es tut wohl daran, sich dabei von der Gerechtigkeit des göttlichen Gesetzes leiten zu lassen. In seinem Kapitel über die bürgerliche Obrigkeit führt Calvin diesen Gedanken weiter. Er unterscheidet zwei Ebenen: die geistliche Regierung Christi, die das Gewissen bindet, und die bürgerliche Regierung, die das äussere Verhalten ordnet. Die bürgerlichen Gesetze Israels gehörten zu beiden Ebenen, weil Israel beides zugleich war: Kirche und Staat. Diese doppelte Natur ist mit dem Kommen Christi entfallen. Die Kirche ist nicht mehr ein politisches Gemeinwesen, und der Staat ist nicht mehr die Kirche. Die bürgerliche Obrigkeit hat nicht das Recht, das Gewissen zu binden oder den Gottesdienst zu regeln, wie es die Könige Israels taten, als sie den Tempeldienst ordneten und falsche Propheten hinrichteten. Und die Kirche hat nicht das Recht, das Schwert zu führen, wie es die Richter Israels taten, als sie die Todesstrafe über Götzendiener verhängten. Bullinger entfaltet in seinen Dekaden denselben Gedanken, aber er tut es mit einem seelsorgerlichen Akzent, der die praktische Klugheit des Zürcher Antistes verrät. Er betont, dass die bürgerlichen Gesetze des Mose nicht deshalb für uns unverbindlich sind, weil sie ungerecht wären, sondern weil sie für ein anderes Gemeinwesen gegeben sind. Ein Hausvater stellt für seine Kinder Regeln auf, die für die Kinder seines Nachbarn nicht gelten, nicht weil die Regeln schlecht wären, sondern weil der Nachbar seine eigenen Kinder hat, denen er seine eigenen Regeln gibt. Aber ein weiser Hausvater wird von einem anderen weisen Hausvater lernen, und so kann auch ein christlicher Magistrat aus dem mosaischen Recht lernen, wie ein Staat gerecht regiert wird, ohne die spezifischen Gesetze Israels zu kopieren. Bullinger wendet diesen Grundsatz auf eine Frage an, die im Zürich der Reformationszeit von grosser Dringlichkeit war: die Todesstrafe für Gotteslästerung. Das mosaische Gesetz verlangte sie ausdrücklich, und einige Täufer und Spiritualisten beriefen sich auf das Neue Testament, um sie völlig abzulehnen. Bullinger argumentiert differenziert: Die Todesstrafe für Gotteslästerung, wie sie in Israel vollzogen wurde, setzte voraus, dass der Staat zugleich die Bundesgemeinde war und dass die Richter in direkter göttlicher Autorität handelten. Diese Voraussetzungen sind im Neuen Bund nicht mehr gegeben. Aber die allgemeine Billigkeit, die dem Gebot zugrunde liegt, dass Gott auch in der bürgerlichen Ordnung geehrt werden muss und dass öffentliche Gotteslästerung die Grundfesten des Gemeinwesens erschüttert, verpflichtet den christlichen Magistrat, die Ehre Gottes im öffentlichen Raum zu schützen, wenn auch mit anderen Mitteln, als sie dem alten Israel gegeben waren. Turretin widmet den bürgerlichen Gesetzen einen Abschnitt seiner dogmatischen Abhandlung über das Gesetz Gottes. Er geht von derselben dreifachen Unterscheidung aus, die auch die Westminster-Väter voraussetzen: Das Sittengesetz ist die ewige Richtschnur der Gerechtigkeit, das Zeremonialgesetz die Abwicklung der Vorbilder auf Christus hin, das Judizialgesetz die Anwendung des Sittengesetzes auf den israelitischen Staat. Aber er fügt eine Beobachtung hinzu, die für die Auslegung des Begriffs »allgemeine Billigkeit« entscheidend ist. Die bürgerlichen Gesetze, so Turretin, sind nicht nur in dem Sinne vergangen, dass sie nicht mehr gelten. Sie sind auch in dem Sinne vergangen, dass es keine irdische Instanz mehr gibt, die sie anwenden könnte. Israel war das einzige Volk, das unter der unmittelbaren Theokratie lebte. Kein anderes Volk hat Gott zum Gesetzgeber in demselben unmittelbaren Sinne. Darum kann kein anderes Volk die Gesetze Israels einfach übernehmen, ohne sich damit eine Autorität anzumassen, die nur dem theokratischen König Israels zustand. Hodge fasst die Lehre des Abschnitts in seinem Kommentar zum Bekenntnis mit der ihm eigenen juristischen Präzision zusammen. Er definiert die allgemeine Billigkeit als »die zugrunde liegenden Prinzipien der Gerechtigkeit, die in diesen Gesetzen verkörpert sind, unterschieden von der positiven Form, die sie unter der theokratischen Verfassung Israels annahmen«. Das ist eine wichtige Unterscheidung: Was allgemein verbindlich ist, ist nicht das spezifische Gebot, etwa dass ein Zaun um das Dach gebaut werden muss, sondern der Grundsatz, der dahintersteht, die Pflicht, das Leben des Nächsten zu schützen. Die positive Form kann wechseln: Ein moderner Staat schützt das Leben des Nächsten durch Bauvorschriften, Haftungsrecht und Versicherungspflicht, nicht durch ein biblisches Zitat in der Bauordnung. Aber der Grundsatz bleibt. Hodge warnt vor zwei Abwegen, die er in seiner eigenen Zeit beobachtete. Der eine Abweg ist der Theonomie, wie sie später von Greg Bahnsen und anderen vertreten wurde, die die bürgerlichen Gesetze des Mose als für alle Völker und zu allen Zeiten verbindlich erklären. Der andere Abweg ist der eines völligen Bruchs zwischen dem Alten und dem Neuen Bund, der dem mosaischen Recht jede normative Bedeutung für die christliche Ethik und die bürgerliche Gesetzgebung abspricht. Beide Abwege verlieren etwas, das die Westminster-Väter bewahrten: die Einheit der göttlichen Gerechtigkeit durch beide Testamente hindurch, verbunden mit der Anerkennung der besonderen Umstände des Alten Bundes. Rutherford hat in seinem grossen Werk Lex Rex die allgemeine Billigkeit des mosaischen Rechts auf die Frage der Staatsverfassung angewandt, und seine Argumentation zeigt, wie weit die reformierte Tradition von einer einfachen Übertragung des alttestamentlichen Buchstabens entfernt war. Rutherford fragt, ob der König über dem Gesetz stehe oder ob auch der König dem Gesetz unterworfen sei. Das mosaische Gesetz sagt ausdrücklich, dass der König sich eine Abschrift des Gesetzes anfertigen und darin lesen soll sein Leben lang, »damit er lerne, den HERRN, seinen Gott, zu fürchten und alle Worte dieses Gesetzes und diese Satzungen zu halten«. Das heisst: Die höchste Obrigkeit Israels stand unter dem Gesetz. Die allgemeine Billigkeit dieses Grundsatzes, argumentiert Rutherford, gilt für jeden Staat: Die Obrigkeit ist nicht die Quelle des Rechts, sondern seine Dienerin. Das mosaische Königsgesetz in seiner positiven Form band nur die Könige Israels, aber die zugrunde liegende Wahrheit, dass alle Obrigkeit unter Gott und unter seinem Gesetz steht, ist von bleibender Gültigkeit. Ein absoluter Monarch, der sich über das Gesetz stellt, ist nicht nur ein Tyrann, sondern ein Götzendiener, der sich an die Stelle Gottes setzt.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Dieser Abschnitt bewahrt uns vor der doppelten Versuchung, die das reformierte Nachdenken über Politik seit jeher begleitet. Die eine Versuchung heisst Theonomie: die Meinung, der moderne Staat müsse die bürgerlichen Gesetze des Mose eins zu eins übernehmen. Ihre Vertreter berufen sich auf die Einheit des Gesetzes Gottes und übersehen, dass Israel ein einzigartiges Gemeinwesen war, das es so nie wieder geben wird. Die Kirche des Neuen Bundes ist nicht an ein Land gebunden, nicht an eine Sprache, nicht an ein Volk. Sie ist über die ganze Erde zerstreut, und ihre Bürger gehören vielen Nationen an, deren Gesetze sich nach den Umständen richten. Die bürgerlichen Gesetze Israels der Schweiz vorschreiben zu wollen ist, als wolle man die Verfassung der Republik Venedig dem modernen Italien aufzwingen. Beide waren klug für ihre Zeit, aber ihre Zeit ist vergangen. Die andere Versuchung ist die antinomische Beliebigkeit, die meint, der Staat könne seine Gesetze nach blossem Gutdünken machen, ohne jede Bindung an die göttliche Gerechtigkeit. Das Naturrecht mag dem gefallenen Menschen noch so verdunkelt sein, es ist nicht ausgelöscht. Jeder Mensch weiss, dass Mord, Diebstahl und Meineid Unrecht sind. Und die Schrift gibt diesem natürlichen Wissen eine Klarheit zurück, die es durch die Sünde verloren hat. Die allgemeine Billigkeit der mosaischen Gesetze ist nichts anderes als die Wiedergabe des Naturrechts in der unmissverständlichen Sprache des geoffenbarten Wortes Gottes. Zweitens: Die Lehre von der allgemeinen Billigkeit gibt uns die Freiheit, das mosaische Recht mit Gewinn zu lesen, ohne unter seine Verdammnis zu geraten. Wir können das Bundesbuch studieren und aus ihm lernen, worin Gerechtigkeit besteht. Dass der Dieb das Doppelte zurückerstatten muss, lehrt uns, dass Wiedergutmachung ein Grundsatz der Gerechtigkeit ist. Dass der Richter keine Bestechung annehmen darf, lehrt uns, dass die Rechtsprechung unparteiisch sein muss. Dass der Fremde nicht unterdrückt werden darf, lehrt uns, dass der Schutz der Schwachen zu den Grundpflichten des Staates gehört. Dass der Ehebrecher unter dem mosaischen Gesetz sterben musste, lehrt uns, dass die Ehe eine heilige Stiftung ist, deren Bruch keine private Angelegenheit ist, sondern die Grundfesten des Gemeinwesens erschüttert. Dass der falsche Prophet ausgerottet werden musste, lehrt uns, dass die Wahrheit Gottes kein Gegenstand privater Meinung ist, sondern dass ihre öffentliche Verleugnung das Volk ins Verderben führt. All diese Einsichten behalten ihre Geltung, auch wenn die Strafen, die das mosaische Gesetz vorschrieb, nicht die Strafen sind, die ein moderner Staat verhängen kann oder soll. Drittens: Der Abschnitt schützt uns vor zwei politischen Irrtümern, die in der Geschichte der Kirche immer wieder aufgetaucht sind. Der eine ist der klerikale Imperialismus, der die Kirche zu einem politischen Gemeinwesen machen will, das mit den Mitteln des Staates regiert. Die römische Kirche hat jahrhundertelang versucht, die bürgerlichen Gesetze des Mose durch das kanonische Recht zu ersetzen, als wäre der Papst der neue Mose und die Kurie der neue Sanhedrin. Die reformierte Kirche hat dieser Vermischung von geistlicher und weltlicher Gewalt von Anfang an widersprochen. Die Kirche regiert nicht mit dem Schwert, sondern mit dem Wort. Sie verhängt nicht die Todesstrafe, sondern die Zucht. Sie führt nicht Krieg, sondern betet für die Obrigkeit. Der andere Irrtum ist die politische Gleichgültigkeit, die meint, der Christ könne sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen und die Gesetzgebung den Ungläubigen überlassen. Wenn die allgemeine Billigkeit der mosaischen Gesetze für alle Völker gilt, dann hat der Christ nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, sich für Gesetze einzusetzen, die dieser Billigkeit entsprechen. Er kann nicht tatenlos zusehen, wenn die Ehe neu definiert, wenn das ungeborene Leben schutzlos gestellt, wenn die Wahrheit zur blossen Meinung erklärt wird. Er muss für die Gerechtigkeit eintreten, die Gott in sein Gesetz geschrieben hat, auch wenn er sie nicht mehr mit den Strafen des alten Israel durchsetzen kann. Viertens: Die spezifischen Strafen des mosaischen Gesetzes stellen uns vor eine Frage, die sich mit dem blossen Hinweis auf die allgemeine Billigkeit nicht erledigt. Warum hat Gott die Todesstrafe für so viele Vergehen verhängt, die wir heute mit Geldstrafen oder Freiheitsentzug ahnden? Die Antwort liegt in dem besonderen Charakter des israelitischen Gemeinwesens als Bundesvolk. Israel war nicht nur ein Staat, es war die Braut des HERRN. Seine Gesetze waren nicht nur auf die äussere Ordnung gerichtet, sondern auf die Heiligkeit des Volkes. Ein unbestrafter Ehebruch in Israel befleckte nicht nur die soziale Ordnung, er entweihte den Bund, so wie ein einziger Tropfen Tinte ein Glas klares Wasser trübt. Ein unbestrafter Götzendienst war nicht nur ein Rechtsbruch, er war geistlicher Ehebruch, der den Zorn des Bundesgottes heraufbeschwor. Diese enge Verbindung von bürgerlicher und geistlicher Ordnung ist im Neuen Bund gelöst. Der moderne Staat ist nicht die Braut Christi. Seine Bürger sind nicht das Bundesvolk. Seine Gesetze regeln das äussere Zusammenleben, nicht die Reinheit der Gemeinde. Darum können und sollen die Strafen des modernen Staates nach anderen Massstäben bemessen werden, solange die allgemeine Billigkeit nicht verletzt wird. Fünftens: Der Abschnitt hat eine Bedeutung für unser Leben als reformierte Christen in der Schweiz. Unser Land hat eine reformierte Geschichte. Die Reformatoren, deren Namen wir tragen, also Zwingli, Bullinger, Calvin und Viret, haben nicht nur die Kirche reformiert, sondern auch das öffentliche Leben nach der allgemeinen Billigkeit des Gesetzes Gottes gestaltet. Sie haben Gesetze gegen Gotteslästerung, gegen Ehebruch, gegen Wucher erlassen, nicht in der Meinung, die mosaischen mischpatim wörtlich zu übernehmen, sondern in der Überzeugung, dass die Gerechtigkeit Gottes auch die bürgerliche Ordnung durchdringen muss. Wir sind die Erben dieser Tradition, und wir haben die Pflicht, sie in einer Zeit zu bewahren, die sie mit Füssen tritt. Aber wir tun das nicht, indem wir die Uhren ins sechzehnte Jahrhundert zurückdrehen. Wir tun es, indem wir aus der Schrift die Grundsätze der Gerechtigkeit schöpfen und sie in die Sprache und die Formen unserer eigenen Zeit übersetzen. Das ist nicht weniger Arbeit, als es die Arbeit unserer reformierten Väter war. Aber es ist dieselbe Aufgabe, und sie lohnt dieselbe Mühe. Sechstens und letztens: Der tiefste Grund, warum die bürgerlichen Gesetze Israels mit dem israelitischen Staat vergangen sind, liegt nicht in einem Wechsel der göttlichen Gerechtigkeit, sondern in dem Kommen des wahren Königs. Israel war ein Königreich von Gottes Gnaden, aber sein irdischer König war nur ein Schatten des Königs, der kommen sollte. Der wahre König Israels sass nicht auf dem Thron Davids in Jerusalem, sondern stieg von dem Thron seiner Herrlichkeit herab und nahm Knechtsgestalt an. Er kam nicht, um ein irdisches Reich aufzurichten, dessen Grenzen mit dem Schwert verteidigt werden, sondern ein himmlisches Reich, dessen einzige Waffe das Wort und dessen einzige Rüstung der Geist ist. In diesem Reich gibt es keine bürgerlichen Gesetze, weil es kein bürgerliches Gemeinwesen ist. Es gibt keine Todesstrafe, weil der Tod bereits besiegt ist. Es gibt keine Asylstädte, weil Christus selbst die Zuflucht der Seinen ist. Die bürgerlichen Gesetze des Mose weisen über sich hinaus auf den König, der das Gesetz nicht aufhebt, sondern erfüllt, und der die Gerechtigkeit nicht durch eine äussere Ordnung, sondern durch die Erneuerung der Herzen aufrichtet. Wer diesen König hat, braucht keine Gesetze mehr, die ihn mit Strafandrohung zum Gehorsam zwingen. Er dient Gott in der Freiheit der Kinder Gottes, und in dieser Freiheit erfüllt er die allgemeine Billigkeit des Gesetzes, nicht aus Furcht vor der Strafe, sondern aus Liebe zu dem, der ihn geliebt und sich selbst für ihn dahingegeben hat.

Gebet

Herr, unser Gott, du hast deinem Volk Israel Gesetze gegeben, die gerecht und gut und weise waren. Du hast ihm gezeigt, wie ein Volk leben soll, das unter deiner Herrschaft steht. Du hast die Grundsätze deiner ewigen Gerechtigkeit in Gesetze gefasst, die auf die Umstände deines alttestamentlichen Bundesvolkes zugeschnitten waren. Wir danken dir für dieses Erbe, und wir bitten dich: Lehre uns, es recht zu gebrauchen. Bewahre uns vor dem Hochmut, der meint, wir könnten deine Gerechtigkeit durch eigene Gesetze ersetzen, die nur das widerspiegeln, was einer gefallenen Welt gerecht erscheint. Und bewahre uns vor dem anderen Hochmut, der die besonderen Gesetze Israels allen Völkern aufzwingen will, als wäre jedes irdische Gemeinwesen das auserwählte Bundesvolk. Schenke unserer Obrigkeit Weisheit, Gesetze zu machen, die der allgemeinen Billigkeit deines Wortes entsprechen. Lass sie die Schwachen schützen, die Gottlosen bestrafen und die Guten belohnen. Gib ihnen die Einsicht, dass alle irdische Gerechtigkeit ein Abglanz deiner himmlischen Gerechtigkeit ist und dass sie dir Rechenschaft schulden für jedes Urteil, das sie fällen. Herr Jesus Christus, du bist der wahre König, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden. Dein Reich ist nicht von dieser Welt, und darum führst du das Schwert nicht, das du der Obrigkeit gegeben hast. Du regierst durch das Wort und den Geist, und deine Untertanen sind willig am Tage deiner Macht. Lass uns in deinem Reich leben, auch während wir in den Reichen dieser Welt unseren Dienst tun. Lass uns dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, ohne dir zu nehmen, was dein ist. Und lass uns die Freiheit, zu der du uns befreit hast, nicht preisgeben an Menschengebote, die vorgeben, dein Gesetz zu sein. Heiliger Geist, schreibe die allgemeine Billigkeit deines Gesetzes in unsere Herzen, dass wir das Gute lieben und das Böse hassen, nicht aus Furcht vor der Strafe des Staates, sondern aus der Furcht des Herrn, die der Weisheit Anfang ist. Lass uns Gerechtigkeit üben, Barmherzigkeit lieben und demütig wandeln vor unserem Gott, bis der Tag kommt, an dem alle irdischen Reiche vergehen und das Reich unseres Herrn und seines Christus in Herrlichkeit erscheint. Amen.
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