Andacht 100 von 171

Das Gesetz und die Wiedergeborenen: Sie wandeln darin freiwillig

Ch.19: Of the Law of God — Abschnitt 6 • 2026-08-05 • 35 min
Obwohl die wahrhaft Gläubigen nicht unter dem Gesetz als einem Bund der Werke stehen, um dadurch gerechtfertigt oder verdammt zu werden, so ist es doch von grossem Nutzen für sie wie auch für andere: Als Richtschnur des Lebens, die sie über den Willen Gottes und ihre Pflicht unterrichtet, leitet und verbindet es sie, demgemäss zu wandeln; es entdeckt auch die sündigen Befleckungen ihrer Natur, ihres Herzens und ihres Lebens, sodass sie, wenn sie sich an ihm prüfen, zu weiterer Überführung von, Demütigung über und Hass gegen die Sünde gelangen können, zusammen mit einem klareren Blick für ihre Bedürftigkeit nach Christus und der Vollkommenheit seines Gehorsams. Es dient den Wiedergeborenen ebenso dazu, ihre Verderbtheit zu zügeln, indem es die Sünde verbietet; und seine Drohungen dienen dazu zu zeigen, was selbst ihre Sünden verdienen und welche Heimsuchungen sie in diesem Leben dafür zu erwarten haben, obwohl sie von dem im Gesetz angedrohten Fluch befreit sind. Die Verheissungen des Gesetzes zeigen ihnen gleichermassen Gottes Wohlgefallen am Gehorsam und welche Segnungen sie auf dessen Ausübung hin erwarten dürfen, wiewohl nicht als eine ihnen nach dem Gesetz als einem Bund der Werke geschuldete Belohnung. So ist es denn kein Beweis dafür, dass jemand unter dem Gesetz und nicht unter der Gnade steht, wenn er das Gute tut und das Böse meidet, weil das Gesetz zu dem einen ermutigt und von dem anderen abschreckt.
– Westminster Bekenntnis, Kapitel 19, Abschnitt 6

Einleitung

Der vorige Abschnitt des Bekenntnisses schloss mit der Feststellung, dass Christus die Verpflichtung des Sittengesetzes nicht auflöst, sondern stärkt. Kaum hatten die Westminster-Väter verteidigt, dass das Gesetz die Glaubenden für immer bindet, wandten sie sich der wärmeren und seelsorgerlich dringlicheren Frage zu: Wozu dient es ihnen? Was nützt ein Gesetz, das nicht mehr verdammt, einem Menschen, der bereits gerechtfertigt ist? Ist es, wenn die Rechtfertigung einmal feststeht, zu einer Art theologischem Möbelstück geworden, das man aus Pietät im Haus behält, aber eigentlich nicht mehr braucht? Abschnitt 6 gibt eine Antwort, die zu den pastoral dichtesten des ganzen Bekenntnisses gehört. Die Väter sagen: Nein. Das Gesetz ist für den Wiedergeborenen nicht weniger nützlich als für den Unwiedergeborenen, es ist ihm nur auf andere Weise nützlich. Es ist nicht mehr sein Richter, aber es ist sein Ratgeber. Es spricht nicht mehr den Fluch, aber es spricht die Wahrheit. Der Abschnitt zählt auf, was das Gesetz im Leben des Glaubenden bewirkt: Es unterrichtet, leitet, bindet, entdeckt, überführt, demütigt, erzeugt Hass gegen die Sünde, klärt den Blick für Christus, zügelt die Verderbtheit, warnt durch Drohungen und ermutigt durch Verheissungen. Und damit niemand auf den Gedanken komme, die Inanspruchnahme dieser Dienste sei ein Rückfall in die Gesetzlichkeit, schliessen die Väter mit einem Satz, der das zarte Gewissen ausdrücklich beruhigt: Wer das Gute tut, weil das Gesetz dazu ermutigt, und das Böse meidet, weil das Gesetz davor abschreckt, beweist damit nicht, dass er unter dem Gesetz und nicht unter der Gnade steht.

Die biblischen Grundlagen

Der Apostel Paulus eröffnet den sechsten Abschnitt des Römerbriefs mit einer Frage, die wie ein Messer den Nerv der ganzen Sache durchtrennt. Er hat soeben den Sieg der Gnade über die Sünde in einer Sprache besungen, die an hymnische Dichte grenzt: Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden. Kaum hat er diese Worte ausgesprochen, sieht er den Missbrauch kommen, der sich an sie heften könnte wie der Schwamm an den Weinkrug. Er fragt: »Was wollen wir nun sagen? Sollen wir in der Sünde beharren, damit die Gnade umso mächtiger werde?« Und dann, ohne auch nur eine halbe Sekunde zu zögern: »Das sei ferne!« Das griechische mē genoito, das Luther so kraftvoll mit »Das sei ferne!« wiedergibt, ist die entschiedenste Verneinung, die Paulus zur Verfügung steht. Es schlägt eine Tür zu, nicht leise, sondern mit solcher Wucht, dass der Rahmen erzittert. Dann fährt er fort: »Denn die Sünde wird nicht herrschen über euch, weil ihr nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade.« Das ist der Angelpunkt des ganzen Abschnitts. »Nicht unter dem Gesetz« heisst: nicht unter dem Gesetz als einem Bund der Werke, in dem der Mensch durch eigenen Gehorsam stehen oder fallen muss. Aus diesem Verhältnis ist der Glaubende durch die Vereinigung mit Christus herausgelöst. In ihm hat das Gesetz seinen Anspruch auf Verurteilung endgültig verloren. Doch Paulus lenkt die Sache unmittelbar weiter: »Wie nun? Sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind?« Wieder dasselbe mē genoito. Die Freiheit vom Gesetz als Bund ist nicht die Freiheit zur Sünde, sondern die Kraft gegen die Sünde. Paulus sagt nicht: Das Gesetz ist egal. Er sagt: Das Gesetz kann euch jetzt auf eine neue Weise dienen, die es dem Unbekehrten nie dienen konnte. Es wird vom Ankläger zum Anleiter, vom Richter zum Ratgeber. Der zweite grundlegende Text findet sich im selben Brief, ein Kapitel später. Paulus fragt: »Was sollen wir denn sagen? Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne! Aber die Sünde hätte ich nicht erkannt ausser durch das Gesetz. Denn ich wusste nichts von der Begierde, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: Du sollst nicht begehren!« Hier legt Paulus den Finger auf die zweite grosse Nutzanwendung, die das Bekenntnis beschreibt: das Entdecken der sündigen Befleckungen. Das griechische Verb egnōn, »ich hätte nicht erkannt«, meint nicht die blosse Kenntnisnahme. Es meint das tiefere Erkennen, das die Sünde beim Namen nennt und in ihrem wahren Charakter enthüllt. Ohne das zehnte Gebot wäre die Begierde für Paulus ein unbestimmtes inneres Aufwallen geblieben, eine vage Regung, der man keinen moralischen Namen geben könnte. Das Gesetz gibt ihr diesen Namen. »Du sollst nicht begehren« verwandelt ein diffuses Gefühl in eine benennbare Übertretung. Das ist, pastoral betrachtet, ein Dienst, den man nicht gering achten darf. Die Sünde lebt von der Tarnung. Sie kommt als verständlicher Wunsch, als kleine Schwäche. Das Gesetz entreisst ihr diese Maskerade und stellt sie in das grelle Licht des göttlichen Willens. Und weil der Glaubende weiss, dass hinter diesem Gesetz nicht mehr der Richter steht, sondern der Vater, der ihn heiligen will, kann er diese Entlarvung willkommen heissen. Der dritte Zeuge ist David, und sein Zeugnis steht auf einer anderen Tonlage als das des Paulus. Paulus argumentiert. David singt. Im neunzehnten Psalm entfaltet er die Schönheit des Gesetzes in Wortkaskaden, die zu den schönsten der hebräischen Poesie gehören: »Das Gesetz des HERRN ist vollkommen und erquickt die Seele. Das Zeugnis des HERRN ist gewiss und macht die Unverständigen weise. Die Befehle des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz. Das Gebot des HERRN ist lauter und erleuchtet die Augen.« Jede Zeile dieses Vierzeilers nennt eine andere Wirkung des Gesetzes. Es erquickt die Seele, es stellt den erschöpften Geist wieder her. Es macht den Unverständigen weise, es schenkt dem Einfältigen Unterscheidungsvermögen. Es erfreut das Herz, es ist eine Quelle der Freude für den, der es liebt. Es erleuchtet die Augen, es gibt Klarheit inmitten des moralischen Zwielichts, das die Sünde über die Welt breitet. David, der dieses Lied sang, war kein Gesetzeslehrer, der sich den Himmel verdienen wollte. Er war ein begnadigter Sünder, der erfahren hatte, dass das Gesetz Gottes süsser ist als Honig und köstlicher als Gold. Er hatte den dritten Gebrauch des Gesetzes nicht als theologische Kategorie gelernt, sondern in den Tiefen seiner eigenen Seele geschmeckt. Der vierte biblische Grundpfeiler findet sich im grössten Psalm des Psalters, dem Hundertneunzehnten. Dort fragt der Dichter: »Wie wird ein junger Mann seinen Weg unsträflich gehen? Wenn er sich hält an deine Worte.« Das hebräische Verb zakah, das Luther mit »unsträflich gehen« übersetzt, meint rein, klar, lauter sein. Der Psalmist stellt eine durchaus praktische Frage: Wie bewahrt ein Mensch sittliche Reinheit in einer von Versuchungen durchtränkten Welt? Seine Antwort kommt ohne Zögern: indem er sein Leben nach Gottes Wort ausrichtet und dieses Wort so tief in sich aufnimmt, dass es zur ersten Regung wird, wenn die Versuchung anklopft. »Ich behalte dein Wort in meinem Herzen, damit ich nicht wider dich sündige.« Das ist genau der zügelnde Gebrauch, den das Bekenntnis im Blick hat. Das im Herzen verborgene Gebot steht wie eine Schildwache am Tor der Seele. Der Glaubende, der die Gebote verinnerlicht hat, ist nicht auf seine augenblickliche Willenskraft angewiesen, wenn die Versuchung kommt. Das Gebot steht von selbst auf und erhebt Einspruch. Die fünfte Stelle führt uns in den Galaterbrief, wo Paulus die christliche Freiheit mit einer Nüchternheit beschreibt, die alle Überschwänglichkeit vermeidet und doch den Kern der Sache trifft: »Ihr aber, liebe Brüder, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit dem Fleisch nicht Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern. Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Beachte man die Bewegung des Gedankens. Die Freiheit des Evangeliums ist keine gestaltlose Freiheit, in der jeder tut, was ihm richtig erscheint. Sie ist eine durch die Liebe geordnete Freiheit, und die Liebe selbst ist durch das Gesetz geordnet. Derselbe Apostel, der gegen die Judaisten donnerte, weil sie die Beschneidung als Heilsbedingung auferlegen wollten, zitiert nun das dritte Buch Mose als Zusammenfassung der christlichen Ethik. Das Gesetz ist nicht der Feind der Gnade. Es ist die Form, die die Gnade annimmt, wenn sie in einem menschlichen Herzen wirkt. Der Glaubende, der die Gebote aus Liebe zu dem Gott hält, der sie gegeben hat, fällt damit nicht in die Gesetzlichkeit zurück. Er lebt die Freiheit, die Christus ihm erkauft hat. Die Reihe der biblischen Zeugen schliesst mit dem Schrei des Paulus im siebten Kapitel des Römerbriefs: »Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leibe des Todes?« Dieser Ausruf steht am Ende einer minutiösen Analyse des inneren Widerstreits, den das Gesetz im Glaubenden aufdeckt: »Ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt.« Das Gesetz hat Paulus diesen Krieg im eigenen Herzen erst sichtbar gemacht. Ohne es hätte er die Spannung zwischen Wollen und Tun vielleicht als allgemeine menschliche Schwäche abgetan. Mit dem Gesetz erkennt er sie als das, was sie ist: die Macht der verbliebenen Sünde im Wiedergeborenen. Und wohin treibt ihn diese Erkenntnis? Nicht in die Verzweiflung, die bei sich selbst stehenbleibt, sondern zu dem Ruf nach Erlösung und der unmittelbaren Antwort: »Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!« Das Gesetz entdeckt die Sünde, und die Entdeckung der Sünde treibt zu Christus. Es ist nicht die Endstation, sondern der Wegweiser, der immer in dieselbe Richtung zeigt.

Was die Westminster-Väter meinten

Der sechste Abschnitt des neunzehnten Kapitels ist eine seelsorgerliche Antwort auf eine logische Folgefrage. Abschnitt 5 hatte erklärt, dass das Sittengesetz die Glaubenden ebenso bindet wie die Ungläubigen. Der fragende Glaube wird darauf geantwortet haben: Gut, aber wozu? Welchen Gewinn habe ich davon? Die Antwort der Väter ist eine Auflistung von nicht weniger als acht unterscheidbaren Nutzanwendungen des Gesetzes für den Wiedergeborenen, die zusammen ein Bild des Gesetzes ergeben, das so weit entfernt ist von einem kalten, drückenden Kodex, wie man es sich nur vorstellen kann. Die Eingangsformel des Abschnitts ist das theologische Fundament, auf dem alles Folgende ruht: »Obwohl die wahrhaft Gläubigen nicht unter dem Gesetz als einem Bund der Werke stehen, um dadurch gerechtfertigt oder verdammt zu werden, so ist es doch von grossem Nutzen für sie.« Das Wörtchen »Obwohl« ist der Angelpunkt. Es räumt ein, was nicht verhandelbar ist: Der Glaubende steht nicht unter dem Gesetz als Bund. Seine Rechtfertigung hängt nicht an seinem Gesetzesgehorsam. Seine Annahme bei Gott ruht auf der zugerechneten Gerechtigkeit Christi. Aber das »Obwohl« mündet nicht in ein »also«, das das Gesetz verabschiedet. Es mündet in ein »so ist es doch«, das dem Gesetz einen neuen, anderen Platz zuweist: den Platz des Instruments, nicht des Richters; der Hilfe, nicht des Herrn. Der erste Nutzen, den die Väter nennen, ist der grundlegendste: Das Gesetz dient dem Glaubenden als »Richtschnur des Lebens«. Das Wort ist mit Bedacht gewählt. Eine Richtschnur ist kein Joch, das den Hals wundscheuert. Sie ist eine Linie, an der entlang man baut, ein Massstab, an dem man prüft, ob eine Wand gerade steht. Der Glaubende, der die Zehn Gebote als Richtschnur gebraucht, fragt nicht: »Wie wenig muss ich tun, um nicht bestraft zu werden?« Er fragt: »Wie sieht ein Leben aus, das meinem Vater gefällt?« Und das Gesetz gibt ihm Antwort, Gebot für Gebot, Fall für Fall. Das Gesetz unterrichtet ihn über den Willen Gottes und seine Pflicht. Es ist ein Lehrer, der nie müde wird, ein Wegweiser, der an jeder Kreuzung steht. Und es verbindet ihn, demgemäss zu wandeln. Das Wort »verbindet« zeigt, dass die Väter die verpflichtende Kraft des Gesetzes nicht antasten. Der Glaubende ist nicht weniger verpflichtet, die Gebote zu halten, als der Unbekehrte es wäre. Der Unterschied liegt nicht im Umfang der Verpflichtung, sondern in der Grundlage, auf der sie ruht: beim Unbekehrten auf dem Bund der Werke, beim Bekehrten auf dem Gnadenbund. Der zweite Nutzen ist der diagnostische. Das Gesetz »entdeckt die sündigen Befleckungen ihrer Natur, ihres Herzens und ihres Lebens«. Die »Natur« meint die gefallene menschliche Konstitution, die Erbsünde. Das »Herz« meint das Zentrum der Person, den Ort der Gedanken und Wünsche. Das »Leben« meint das äussere Verhalten. Das Gesetz durchleuchtet alle drei. Es begnügt sich nicht mit dem äusseren Anstand, den auch der Unbekehrte wahren kann. Es dringt in die verborgenen Kammern des Herzens und legt frei, was dort nistet. Aus dieser Entdeckung ziehen die Väter eine seelsorgerlich präzise Kette: Sie führt von weiterer Überführung über Demütigung und Hass gegen die Sünde bis zu einem klareren Blick für die Bedürftigkeit nach Christus und der Vollkommenheit seines Gehorsams. Dieser vierte Schritt ist das Ziel des Ganzen. Das Gesetz entdeckt die Sünde nicht, damit der Glaubende in Selbstanklage steckenbleibt. Es entdeckt sie, damit er Christus umso klarer sieht und erkennt, wie tief seine Bedürftigkeit reicht und wie vollkommen der Gehorsam dessen ist, der für ihn eintritt. Ein Christ, der meint, er brauche Christus nicht mehr, weil er das Gesetz nun kenne, hat es gründlich missverstanden. Ein Christ, der durch das Gesetz jeden Tag neu lernt, wie sehr er Christus braucht, gebraucht es recht. Der dritte Nutzen betrifft die Zügelung: Das Gesetz dient den Wiedergeborenen dazu, »ihre Verderbtheit zu zügeln, indem es die Sünde verbietet«. Wenn die Versuchung lockt, steht das Gebot wie ein Posten am Tor des Gewissens und sagt: »Du sollst nicht.« Es hält die Lust im Zaum, nicht durch die Furcht vor Verdammnis, die der Glaubende nicht mehr fürchtet, aber durch die Autorität des Gottes, der spricht. Der vierte Nutzen ist der warnende. Die Drohungen zeigen, »was selbst ihre Sünden verdienen und welche Heimsuchungen sie in diesem Leben dafür zu erwarten haben«. Der Fluch des Gesetzes ist von Christus getragen und trifft den Glaubenden nicht mehr. Aber die Drohungen behalten ihren lehrhaften Wert: Sie zeigen, was die Sünde an sich verdient, und dass Sünden zeitliche Züchtigungen nach sich ziehen können, väterliche Heimsuchungen, die Gott verhängt, nicht um zu zerstören, sondern um zurechtzubringen. Der fünfte Nutzen ist der ermutigende. Die Verheissungen zeigen »Gottes Wohlgefallen am Gehorsam und welche Segnungen sie auf dessen Ausübung hin erwarten dürfen«. Das fünfte Gebot verheisst langes Leben. Das zweite Gebot spricht von Gnade für die, die Gott lieben. Diese Verheissungen zeigen dem Glaubenden, dass sein unvollkommener, stammelnder Gehorsam dem Vater nicht gleichgültig ist. Die abschliessende Bemerkung der Väter antizipiert das zarte Gewissen, das sich fragt: Wenn ich das Gute tue, weil Gott es verheisst, bin ich dann nicht wieder ein Gesetzesmensch? Die Antwort lautet: Nein. Wer sich durch die Drohungen warnen und durch die Verheissungen ermutigen lässt, beweist nicht, dass er dem Bund der Werke verhaftet ist. Er beweist, dass er das Gesetz aus der Hand des Vaters empfängt und in der Kraft des Geistes gebraucht.

Theologische Tiefe

Calvin hat das theologische Fundament für diesen Abschnitt mit einer Unterscheidung gelegt, die in der Institutio zwar knapp formuliert ist, aber ein ganzes pastorales Programm enthält. Er besteht darauf, dass das Gesetz für den Glaubenden auch dann süss und lieblich bleibt, wenn es ihn der Sünde überführt. Der Grund liegt darin, dass der Glaubende das Gesetz nicht mehr als nackte Forderung empfängt, vor der er erzittert, sondern als das Wort des Vaters, der ihn liebt. Calvin vergleicht das Gesetz in diesem Zusammenhang mit einem Spiegel, in den der Glaubende blickt und der ihm nicht nur seine Flecken zeigt, sondern gerade dadurch den Weg zur Reinigung weist. Der Ungläubige, der in diesen Spiegel blickt, sieht nur sein Gericht. Der Glaubende sieht seine fortwährende Bedürftigkeit und weiss, wohin er mit ihr gehen kann. Was Calvin hier beschreibt, ist nicht der kalte usus didacticus, von dem bereits Abschnitt 5 handelte. Es ist etwas Wärmeres: die Erfahrung dessen, der die Zehn Gebote liest und aus jedem einzelnen den Zuruf heraushört: »Du brauchst Christus.« Wer das sechste Gebot liest und an seinem Zorn erkennt, wie weit er von der geforderten Liebe entfernt ist, der lässt sich vom Gesetz nicht niederdrücken. Er lässt sich zu Christus treiben, dessen Sanftmut die Härte seines eigenen Herzens bedeckt. Owen hat diese Einsicht in seinen Abhandlungen über die Ertötung der Sünde mit einer Tiefe ausgelotet, die seither kaum jemand erreicht hat. Er besteht darauf, dass der Glaubende das Gesetz auf seine besonderen Sünden anwenden muss, nicht nur auf die allgemeine Tatsache seines Sünderseins. Es genügt nicht zu sagen: »Ich bin ein Sünder.« Das Gesetz zwingt uns, genauer zu sprechen: »Ich bin ein Lügner. Ich bin hochmütig. Ich bin neidisch.« Nur die benannte Sünde kann ertötet werden. Die unbenannte bleibt im Halbdunkel des Herzens, geduldet und gepflegt. Das Gesetz leuchtet mit einer Lampe in die einzelnen Winkel und zeigt, was dort lagert. Das zehnte Gebot dringt in das innere Heiligtum der Wünsche und zeigt dem Glaubenden, dass selbst Begehrungen, die nie in Taten umschlagen, vor Gott Sünde sind. Besonders hilfreich ist Owens Unterscheidung zwischen der Art, wie der Unbekehrte und der Bekehrte auf die Drohungen des Gesetzes blicken. Der Unbekehrte liest »Die Seele, die sündigt, soll sterben« und fühlt den Schrecken des Gerichts. Der Bekehrte liest denselben Satz und lernt die wahre Schwere der Sünde, aber ohne den Schrecken des Gerichts, denn Christus hat dieses Gericht für ihn getragen. Owen schreibt, der Glaubende solle die Drohungen des Gesetzes betrachten, wie ein Kind die Narben seines Vaters betrachtet: Sie erinnern ihn nicht an eine Gefahr, die ihm selbst noch droht, aber sie lehren ihn, was es gekostet hat, ihn aus dieser Gefahr zu retten. Ursinus, der Hauptverfasser des Heidelberger Katechismus, hat in seinem Kommentar die Nutzanwendung des Gesetzes für den Wiedergeborenen auf eine Weise entfaltet, die den Anliegen der Westminster-Väter sehr nahekommt. Der Heidelberger Katechismus, der in der reformierten Schweiz neben dem Zweiten Helvetischen Bekenntnis als Lehrgrundlage dient, behandelt das Gesetz im dritten Teil, unter der Überschrift der Dankbarkeit. Das ist programmatisch. Das Gesetz steht nicht am Anfang, als Forderung, die erfüllt werden muss. Es steht am Ende, als Wegweisung für den, der aus Gnade bereits zu Gott gekommen ist. Ursinus erklärt, das Gesetz diene dem Wiedergeborenen auf dreifache Weise: Es zeige ihm, wie tief seine Verderbtheit noch reicht. Es weise ihn an, welche Werke Gott von ihm als Früchten der Dankbarkeit fordert. Und es bewahre ihn vor fleischlicher Sicherheit, indem es ihn an die Heiligkeit Gottes erinnere. Ein Gedanke Ursinus' verdient besondere Aufmerksamkeit: Die Wiedergeborenen brauchen das Gesetz nicht nur, sie begehren es auch. Der fleischliche Mensch wünscht sich ein Gesetz, das möglichst wenig fordert. Der geistliche Mensch wünscht sich ein Gesetz, das möglichst klar ist, damit er weiss, was er tun soll. Der Unterschied liegt in der Liebe zu dem Gott, der das Gesetz gegeben hat. Watson bringt zu diesen theologischen Erwägungen die Wärme des Seelsorgers. Er beschreibt, wie das Gesetz wie ein Spiegel wirkt, der dem Glaubenden nicht nur die Flecken zeigt, sondern ihm auch das Wasser zeigt, das sie reinigt. Der gesetzliche Blick sieht nur die Flecken und verzweifelt. Der antinomistische Blick weigert sich, in den Spiegel zu sehen, und bleibt befleckt. Der evangelische Blick sieht die Flecken, erkennt ihren Ernst und geht zu Christus, um sich reinigen zu lassen. Watson beobachtet fein, dass der Hass gegen die Sünde, den das Gesetz erzeugt, von besonderer Art ist. Es ist der Hass dessen, der gesehen hat, was die Sünde an seinem Erlöser getan hat. Wer begriffen hat, dass jede seiner Sünden ein Nagel in der Hand Christi war, wird sie nicht mit einem Achselzucken abtun. Er wird sie hassen, nicht weil er vor ihrer Strafe zittert, sondern weil er vor dem Kreuz steht und begreift, was sie gekostet hat. Hodge, in seinem Kommentar zum Bekenntnis, fügt eine abschliessende Beobachtung hinzu. Er bemerkt, dass die Väter mit dem abschliessenden Satz eine seelsorgerliche Verwirrung beseitigen, die in der antinomistischen Kontroverse weit verbreitet war. Es gab Christen, die so sehr von der Lehre durchdrungen waren, dass der Glaubende nicht unter dem Gesetz stehe, dass sie jedes Motiv, das aus dem Gesetz stammte, für gesetzlich hielten. Die Väter durchschneiden diesen Knoten: Nein, genau das Gegenteil ist der Fall. Ein Christ, der die Drohungen und Verheissungen des Gesetzes als väterliche Warnungen und Ermutigungen empfängt, steht mitten in der Gnade.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Lerne die diagnostische Arbeit des Gesetzes zu lieben. Kein Mensch betrachtet sich gern im grellen Licht, das jeden Makel sichtbar macht. Das Gesetz Gottes aber ist genau ein solcher Spiegel. Es benennt nicht nur die groben Verstösse, sondern auch die feinen Regungen des Herzens: den Neid, der sich hinter frommen Worten versteckt, den Stolz, der sich als berechtigtes Selbstbewusstsein tarnt, die Lieblosigkeit, die sich als gesunde Abgrenzung ausgibt. Die Versuchung, vor dieser Diagnose zurückzuschrecken, ist gross. Man sagt sich: Ich bin doch in Christus gerechtfertigt. Warum diesen Schmerz, wo doch alle Sünde vergeben ist? Die Antwort lautet: Weil der Arzt die Wunde nur heilen kann, wenn sie offen liegt. Das Gesetz öffnet die Wunde, nicht um dich zu quälen, sondern damit Christus sie heilen kann. Der Glaubende, der sich täglich dem Spiegel des Gesetzes stellt, lernt echtere Reue und hängt fester an Christus. Nicht die krankhafte Selbstbeobachtung, die nur noch in sich selbst hineinstarrt, sondern der nüchterne, tägliche Gang vor das Gesetz mit der Bitte: »Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich es meine.« Zweitens: Widerstehe der Versuchung, das Gesetz durch vage Grundsätze zu ersetzen. Eine stille Gefahr liegt darin, aus dem Gesetz allgemeine Prinzipien abzuleiten und dann nur noch mit diesen zu hantieren. Man sagt: Das Wichtigste ist die Liebe, und was die Liebe im Einzelfall fordert, wird sich schon zeigen. Dabei übersieht man, dass die Liebe ohne die Gebote gar nicht weiss, was sie tun soll, und dass der Geist nicht jenseits des Gesetzes leitet, sondern in das Gesetz hinein. Das Gesetz ist die Fibel des Geistes. Er hat es eingegeben, und er wendet es an. Wer die Gebote beiseitelegt, legt das Werkzeug beiseite, das der Geist selbst bereitgestellt hat. Konkret heisst das: Nimm dir die Zehn Gebote vor, eines nach dem anderen, und frage dich bei jedem: Was verbietet Gott hier, das ich vielleicht tue, ohne es als Sünde zu erkennen? Das erste Gebot verbietet nicht nur offenen Götzendienst, sondern jede innere Bindung, die Gott den ersten Platz streitig macht. Das dritte Gebot verbietet nicht nur das Fluchen, sondern jedes unehrerbietige Reden von Gott. Das vierte Gebot fordert nicht nur die äussere Teilnahme am Gottesdienst, sondern die Ruhe des Herzens von den Werken der Woche. So durch die Gebote zu gehen braucht Zeit und Schweigen. Es lässt sich nicht im Vorübergehen erledigen. Aber es ist eine der fruchtbarsten Übungen, die der Glaubende auf dem Weg der Heiligung unternehmen kann. Drittens: Lass die Drohungen des Gesetzes ihre warnende Arbeit tun, ohne in knechtische Furcht zurückzufallen. Der Glaubende, der begreift, dass er nicht mehr unter dem Fluch des Gesetzes steht, meint die Drohungen nicht mehr zu brauchen. Aber das Bekenntnis sagt, dass sie einen bleibenden Nutzen haben: Sie zeigen, was selbst seine Sünden verdienen. Die Sünde versucht immer wieder, sich als Kleinigkeit einzunisten. Die Drohungen widersprechen dieser Verharmlosung: Was du eine Kleinigkeit nennst, verdient den Tod. Der Glaubende, der dieser Sprache standhält, wird die Sünde fürchten, nicht wie der Verurteilte den Henker, aber wie das Kind die Gefahr, vor der der Vater es gewarnt hat. Viertens: Empfange die Verheissungen des Gesetzes als das, was sie sind: nicht Lohn, den du verdienst, sondern Ermutigung, die der Vater seinen Kindern schenkt. Das fünfte Gebot verspricht langes Leben denen, die Vater und Mutter ehren. Darf der Glaubende seine Eltern ehren, auch im Blick auf diese Verheissung? Das Bekenntnis sagt: Ja. Die Verheissung ist nicht der Grund seiner Kindschaft, aber sie ist der Ansporn seines Gehorsams. Er ehrt seine Eltern, weil Gott es gebietet, und er darf darauf vertrauen, dass Gott sein Wort hält und das verheissene Wohl schenkt. Dasselbe gilt für die umfassenderen Verheissungen, die das Gesetz durchziehen. Das zweite Gebot spricht von der Gnade, die Gott denen erweist, die ihn lieben und seine Gebote halten. Der Glaubende, der mit unvollkommenem Herzen und stammelndem Gehorsam versucht, seine Gebote zu halten, darf wissen: Der Vater im Himmel sieht es, und er hat Wohlgefallen daran, nicht weil dieser Gehorsam vollkommen wäre, sondern weil er von einem Kind kommt, das den Vater liebt. Diese Verheissung ist die reichste Ermutigung, die das Gesetz zu bieten hat. Sie macht den Gehorsam nicht zum Geschäft, aber sie schenkt ihm die Freude dessen, der weiss, dass seine Mühe nicht ins Leere fällt. Fünftens: Lass das Gesetz dein Gebet formen. Die Psalmen, vor allem der Hundertneunzehnte, lehren den Glaubenden, das Gesetz nicht nur zu studieren, sondern zu beten. Der Psalmist bittet: »Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.« Er fleht: »Lehre mich, HERR, den Weg deiner Gebote, dass ich ihn bewahre bis ans Ende.« Er bekennt: »Ich bin ein verirrtes und verlorenes Schaf; suche deinen Knecht, denn ich vergesse deine Gebote nicht.« Das Gesetz ist kein trockener Text, den man zur Kenntnis nimmt und dann zu den Akten legt. Es ist ein lebendiges Wort, das gehört, bedacht, ersehnt und erbeten werden will. Die Übung, die Gebote betend zu lesen, verwandelt den Charakter des ganzen Vorgangs. Wer das Gebot »Du sollst nicht stehlen« betend liest, wird nicht einfach eine Regel zur Kenntnis nehmen. Er wird fragen: Wo habe ich genommen, was mir nicht gehört? Wo habe ich Vertrauen missbraucht? Und er wird diese Fragen vor Gott beantworten. Das Gebot wird zum Gespräch mit dem Vater, das die Tiefen des Herzens erreicht, die das blosse Nachdenken nie erreicht. Sechstens: Trenne das Gesetz nie von Christus. Das ist die goldene Regel, die jeden Gebrauch des Gesetzes vor Missbrauch schützt. Das Gesetz, von Christus getrennt, macht entweder stolz oder verzweifelt. Es macht stolz, wenn der Mensch meint, er könne es halten. Es macht verzweifelt, wenn er entdeckt, dass er es nicht kann. Aber das Gesetz in der Hand Christi, durch den Geist auf das Herz angewandt, macht demütig und getrost zugleich. Demütig, weil es die fortdauernde Bedürftigkeit zeigt. Getrost, weil es den zeigt, der diese Bedürftigkeit stillt. Die Väter haben diesen Abschnitt mit einem Satz geschlossen, der wie ein seelsorgerliches Amen über dem Ganzen steht. Der Glaubende, der das Gute tut, weil das Gesetz dazu ermutigt, und das Böse meidet, weil das Gesetz davor abschreckt, steht nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade. Er gebraucht das Gesetz so, wie Christus es gebraucht wissen will: nicht als Leiter zum Himmel, sondern als Lampe auf dem Weg; nicht als Richter, der spricht, sondern als Vater, der lehrt; nicht als Bund, der fordert, sondern als Gabe, die führt.

Gebet

Vater, heiliger und gerechter Gott, dessen Gesetz der vollkommene Ausdruck deines Willens ist. Wir preisen dich, dass du uns nicht in der Finsternis gelassen hast, in der wir raten müssten, was dir gefällt. Du hast geredet. Du hast uns deine Gebote gegeben, nicht als Last, die uns erdrückt, sondern als Licht, das uns leitet. Wir bekennen, dass wir dein Gesetz allzu oft als Eindringling empfunden haben, als Störung unserer Freiheit, wo es in Wahrheit der Zaun um unsere Sicherheit war. Wir haben seine suchende Prüfung gefürchtet, wo wir sie hätten willkommen heissen sollen. Wir haben die Sünde leicht genommen, die dein Gesetz in ihrer wahren Schwere zeigt. Wir haben uns eingeredet, Gnade mache das Gesetz überflüssig, wo sie es doch erst recht zu unserer Freude macht. Wir danken dir für deinen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus. Er hat nicht nur den Fluch des Gesetzes für uns getragen und ist an unserer Stelle unter das Gesetz getan worden, um uns aus seiner Verdammnis zu erlösen. Er hat auch jedes Gebot vollkommen gehalten und uns seine Gerechtigkeit zugerechnet. In ihm ist das Gesetz nicht mehr unser Richter, sondern unser Wegweiser. Aus seiner Hand empfangen wir es als das Zeugnis deines Willens, das uns den Pfad der dankbaren Liebe zeigt. Lehre uns durch deinen Geist, dein Gesetz so zu gebrauchen, wie du es gemeint hast. Lass es ein Spiegel sein, der uns unsere Flecken zeigt, und dann treibe es uns, nicht in die Verzweiflung, sondern an die Quelle, die für Sünde und Unreinheit geöffnet ist. Lass es eine Richtschnur sein, die unseren Schritten den Weg weist und uns das Wollen und das Vollbringen schenkt. Lass es ein Zaum sein, der unsere Verderbtheit im Zaum hält und die Sünde verbietet, zu der unser Fleisch noch immer neigt. Lass seine Drohungen uns das wahre Gewicht der Sünde lehren, damit wir nie gering achten, was unseren Heiland das Leben gekostet hat. Und lass seine Verheissungen uns ermutigen, nicht als Lohn, den wir verdient haben, sondern als Zeichen deines väterlichen Wohlgefallens an dem stammelnden Gehorsam deiner Kinder. Schenke uns eine wachsende Liebe zu deinen Geboten, nicht das widerwillige Einlenken des Sklaven, sondern die freudige Antwort des Kindes. Schreibe sie in unsere Herzen, dass wir nicht aus Zwang gehorchen, sondern weil das Tun deines Willens unsere Speise und unser Trank geworden ist. Und wenn wir fallen, wie wir es täglich tun, dann lass die Entdeckung unserer Sünde uns nicht in uns selbst hineintreiben, in die ohnmächtige Selbstanklage, sondern aus uns heraus zu Christus, in dem alle Forderungen des Gesetzes erfüllt und alle Verheissungen Ja und Amen sind. Bewahre uns vor den beiden Abgründen, an denen schon viele zerschellt sind. Bewahre uns vor der Gesetzlichkeit, die sich eine eigene Gerechtigkeit aufrichten will und vergisst, dass vor dir kein Lebendiger durch des Gesetzes Werke gerecht ist. Und bewahre uns vor der Gesetzlosigkeit, die aus der Gnade ein Ruhekissen für das Fleisch macht und vergisst, dass der Glaube das Gesetz nicht aufhebt, sondern aufrichtet. Lass uns auf dem schmalen Pfad zwischen diesen Abgründen gehen: gerechtfertigt allein durch den Glauben, geheiligt täglich durch deinen Geist, der dein Gesetz in uns lebendig macht. Für deine Kirche in unserem Land und in aller Welt erbitten wir eine Erneuerung des heiligen Lebens. Nicht den verbissenen Moralismus derer, die das Evangelium vergessen haben. Nicht die leichtfertige Freiheit derer, die das Gesetz vergessen haben. Sondern die freudige, vom Geist gewirkte Übereinstimmung mit deinem Willen, die das Geburtsrecht jedes Kindes Gottes ist. Erwecke Prediger, die nicht nur die Liebe, sondern auch die Gerechtigkeit verkündigen. Stärke Eltern, die ihren Kindern die Gebote lehren und ihnen zugleich den zeigen, der sie erfüllt hat. Und bring uns an jenen Tag, an dem das Gesetz nicht mehr eine äussere Forderung sein wird, sondern der Herzschlag unserer ewigen Gemeinschaft mit dir. Durch Jesus Christus, unseren Herrn, der uns geliebt und sich selbst für uns dahingegeben hat. Amen.
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