Andacht 101 von 171

Das Gesetz und alle Menschen: Auch Heiden stehen unter seiner Verpflichtung

Ch.19: Of the Law of God — Abschnitt 7 • 2026-08-06 • 37 min
Die vorgenannten Nutzanwendungen des Gesetzes sind keineswegs der Gnade des Evangeliums zuwider, sondern stimmen aufs Lieblichste mit ihr überein: Der Geist Christi unterwirft den Willen des Menschen und befähigt ihn, das frei und willig zu tun, was der im Gesetz geoffenbarte Wille Gottes zu tun gebietet.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 19, Abschnitt 7

Einleitung

Das neunzehnte Kapitel des Westminster Bekenntnisses endet nicht mit einer Mahnung und nicht mit einer Warnung, sondern mit einer Vision. Nachdem die Väter in den ersten sechs Abschnitten den Bund der Werke, die dreifache Einteilung des Gesetzes, die bleibende Geltung des Sittengesetzes und die vielfältigen Nutzanwendungen für den Wiedergeborenen entfaltet haben, schliessen sie mit einem Satz, der die beiden Grössen zusammenführt, die im Denken vieler Christen wie getrennte Welten nebeneinanderstehen: das Gesetz und das Evangelium. Sie behaupten nicht nur, dass diese beiden Grössen sich vertragen, so wie zwei Nachbarn, die einen Waffenstillstand geschlossen haben und sich mit Mühe aus dem Weg gehen. Sie sagen etwas weit Kühneres: Das Gesetz, in allen seinen vorgenannten Nutzanwendungen, ist der Gnade des Evangeliums nicht zuwider. Es stimmt mit ihr überein, und zwar »aufs Lieblichste«. Das englische Original wählt das Wort »sweetly«. Es ist eines der seltenen poetischen Wörter in einem Dokument, das sonst mit der Nüchternheit eines richterlichen Urteils formuliert ist. Die Väter hätten schreiben können, dass die Nutzanwendungen des Gesetzes mit der Gnade vereinbar seien, dass sie ihr nicht widersprächen, dass sie in einem logischen Verhältnis zueinander stünden. Stattdessen schreiben sie, dass Gesetz und Gnade auf liebliche, auf süsse Weise zusammenstimmen. Das Bild, das hinter diesem Wort steht, ist nicht das eines juristischen Vergleichs, den zwei Parteien widerwillig unterzeichnen. Es ist das Bild einer musikalischen Harmonie, bei der zwei Stimmen so ineinandergreifen, dass der Wohlklang grösser ist als jede einzelne Stimme für sich. Dann nennen sie den Grund: Der Geist Christi unterwirft den Willen des Menschen und befähigt ihn, das frei und willig zu tun, was Gottes Gesetz gebietet. Das ist der Schlüssel zum ganzen Abschnitt, ja zum ganzen Kapitel. Das Gesetz fordert, aber es gibt nicht die Kraft zu erfüllen. Das Evangelium schenkt Vergebung, aber es löscht die Forderung nicht aus. Der Geist Christi aber, der den Glaubenden innewohnt, schafft, was weder das Gesetz noch das Evangelium allein schaffen könnte: Er bringt den menschlichen Willen dazu, Gottes Willen nicht nur äusserlich zu ertragen, sondern innerlich zu bejahen. Er macht aus dem widerstrebenden Knecht ein williges Kind, aus dem Murrenden einen Freudigen, aus dem, der die Gebote als Fesseln empfand, einen, der sie als Freiheit erlebt. Das ist das Ziel, auf das das ganze Kapitel zusteuert. Das Gesetz ist nicht das letzte Wort, und das Evangelium ist es auch nicht. Das letzte Wort ist der Geist, der das Gesetz in die Herzen schreibt und das Evangelium im Leben Gestalt gewinnen lässt, sodass der Glaubende tut, was Gott gebietet — nicht weil er muss, sondern weil er darf; nicht mit zusammengebissenen Zähnen, sondern mit geöffnetem Herzen.

Die biblischen Grundlagen

Die Frage, ob das Gesetz und die Verheissung Gottes in einem Gegensatz zueinander stehen, trieb schon den Apostel Paulus um. In seinem Brief an die Galater stellt er sie mit einer Schärfe, die keinen Raum für theologische Unschärfe lässt: »Ist denn das Gesetz gegen die Verheissungen Gottes? Das sei ferne!« Das griechische mē genoito, das Luther mit »Das sei ferne!« wiedergibt, ist die stärkste Verneinung, die Paulus zur Verfügung steht. Es ist nicht die Sprache dessen, der eine schwierige Frage vorsichtig abwägt. Es ist die Sprache dessen, der einen Irrtum mit einem Hammerschlag zertrümmert. Paulus fährt fort: »Denn wenn ein Gesetz gegeben wäre, das lebendig machen könnte, dann käme die Gerechtigkeit wirklich aus dem Gesetz.« Hier liegt der Punkt. Das Problem ist nicht das Gesetz an sich. Das Gesetz ist heilig, gerecht und gut, wie Paulus im Römerbrief schreibt. Das Problem ist, dass das Gesetz zwar fordert, aber nicht schenkt. Es sagt, was zu tun ist, aber es gibt nicht die Kraft, es zu tun. Es zeigt den Weg, aber es trägt den Wanderer nicht. Paulus leugnet also nicht die Güte des Gesetzes. Er leugnet seine Fähigkeit, Leben zu schaffen. Und weil das Gesetz diese Fähigkeit nicht hat, ist es auch nicht gegen die Verheissungen Gottes. Es steht nicht in Konkurrenz zum Evangelium, als ob der Mensch zwischen zwei Heilswegen wählen könnte. Es hat eine andere Funktion, und das Bekenntnis sagt, dass diese Funktion mit der Gnade des Evangeliums aufs Lieblichste übereinstimmt. Der zweite grosse Zeuge ist der Prophet Hesekiel. Er spricht zu einem Volk, dessen Geschichte eine einzige lange Kette von Gesetzesübertretungen war. Israel hatte das Gesetz empfangen, und Israel hatte es gebrochen. Nicht einmal, nicht gelegentlich, sondern mit einer Beharrlichkeit, die das Gericht des Exils unausweichlich machte. In diese hoffnungslose Situation hinein spricht Gott eine Verheissung, die nicht weniger als eine Neuschöpfung des menschlichen Herzens ankündigt: »Und ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.« Jedes einzelne Wort dieses Satzes ist mit Bedacht gewählt. »Ich will«: Die Initiative liegt ganz bei Gott. Nicht der Mensch wird sich eines Tages aufraffen, das Gesetz endlich ernst zu nehmen. Gott selbst greift ein. »Meinen Geist in euch geben«: Es ist nicht eine äussere Reform, ein neues Anreizsystem oder eine verbesserte moralische Unterweisung. Es ist eine innere, radikale Erneuerung durch die Einwohnung des Geistes Gottes. Und das Ergebnis: »solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun«. Hesekiel stellt sich den neuen Bund nicht als Abschaffung des Gesetzes vor. Er stellt ihn sich als die endliche, vom Geist gewirkte Erfüllung des Gesetzes vor. Die Gebote bleiben. Was sich ändert, ist der Mensch, der ihnen begegnet. Aus dem rebellischen Übertreter wird ein williger Täter. Dieselbe Verheissung findet sich, in anderer sprachlicher Gestalt, bei Jeremia und wird im Hebräerbrief zitiert: »Ich will meine Gesetze in ihren Sinn geben und in ihr Herz will ich sie schreiben, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.« Das griechische Wort für »Sinn« ist dianoia, die denkende, verstehende Fähigkeit des Menschen. Das Gesetz soll nicht nur als äussere Vorschrift an den Menschen herantreten, die er mühsam auswendig lernt und dann ebenso mühsam zu befolgen versucht. Es soll so tief in sein Denken und Wollen eingeprägt werden, dass es ihm so selbstverständlich wird wie dem gesunden Auge das Sehen. Er muss nicht mehr überlegen, ob er stehlen soll oder nicht. Sein erneuertes Herz will nicht stehlen. Er muss sich nicht mit Gewalt zum Gehorsam zwingen. Sein erneuertes Herz will gehorchen. Genau das beschreibt das Bekenntnis mit den Worten »der Geist Christi unterwirft den Willen des Menschen und befähigt ihn«. Der Wille wird nicht zermalmt, als ob Gott eine willenlose Marionette aus dem Menschen machte. Er wird gewonnen, umgestimmt, von innen heraus erneuert. Was vorher Last war, wird Lust. Was vorher Zwang war, wird Wahl, und zwar die freie, freudige Wahl des erneuerten Herzens. Der vierte biblische Grundpfeiler steht im achten Kapitel des Römerbriefs. Paulus schreibt: »Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: Er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündlichen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch, damit die vom Gesetz geforderte Gerechtigkeit in uns erfüllt würde, die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist.« Dieser Satz ist das theologische Herzstück dessen, was das Bekenntnis in Abschnitt 7 lehrt. Paulus sagt nicht, dass das Gesetz abgeschafft wurde. Er sagt, dass seine Forderung, das griechische dikaiōma, die Rechtsforderung des Gesetzes, in den Glaubenden erfüllt wird. Aber diese Erfüllung geschieht nicht durch die eigene Kraft des Glaubenden. Sie geschieht durch den Geist. Der Mensch, der nach dem Geist wandelt, tut, was das Gesetz fordert, aber er tut es nicht mehr aus eigener Anstrengung, die doch immer wieder scheitert. Er tut es, weil der Geist in ihm wirkt, und sein Gehorsam ist nicht die Bedingung seiner Rettung, sondern deren Frucht. Paulus entfaltet denselben Gedanken im fünften Kapitel des Galaterbriefs mit einer Bildsprache, die das Wesen des vom Geist gewirkten Gehorsams auf den Punkt bringt. Er stellt die Werke des Fleisches der Frucht des Geistes gegenüber und schliesst mit einem Satz, der zu den befreiendsten der ganzen Schrift gehört: »Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit. Gegen all dies steht kein Gesetz.« Der Kern liegt in den letzten Worten: »Gegen all dies steht kein Gesetz.« Paulus sagt nicht, dass die Frucht des Geistes das Gesetz überflüssig macht. Er sagt, dass die Frucht des Geistes von solcher Art ist, dass das Gesetz ihr gegenüber nichts einzuwenden hat. Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung. Die Freude und der Friede und die Geduld überschreiten kein Gebot. Das Gesetz wurde nie dazu gegeben, die Sanftmut zu verdammen oder die Keuschheit zu verbieten. Wenn der Geist seine Frucht im Leben des Glaubenden hervorbringt, treffen das Gesetz und das Leben zusammen wie zwei Linien, die auf denselben Punkt zulaufen. Der Glaubende müht sich nicht, eine äussere Norm zu erreichen. Die Norm wird von innen heraus erfüllt, durch eine Kraft, die nicht seine eigene ist. Er steht nicht unter dem Gesetz als Bund, weil die Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, durch den Geist in ihm verwirklicht wird. Der abschliessende Zeuge ist der Psalmist, der im Hundertneunzehnten Psalm bekennt: »Ich will den Weg deiner Gebote gehen, wenn du mein Herz weit machst.« Das hebräische Verb, das Luther mit »weit machen« übersetzt, meint ein Weiten, ein Ausdehnen, ein Befreien des Herzens von seiner natürlichen Enge und Verkrampfung. Der Psalmist weiss, dass er die Gebote halten soll. Er weiss auch, dass er es aus eigener Kraft nicht kann. Er braucht ein geweitetes Herz, einen geöffneten, befreiten Willen. Und er weiss, wer allein dieses Weiten bewirken kann: Gott selbst. Sein Gebet ist das Gebet dessen, der begriffen hat, dass das Gesetz und der Geist keine Gegensätze sind. Das Gesetz zeigt den Weg. Der Geist weitet das Herz, ihn zu gehen.

Was die Westminster-Väter meinten

Der siebte Abschnitt ist der kürzeste des ganzen neunzehnten Kapitels, aber was ihm an Länge fehlt, ersetzt er durch Gewicht. Die Väter hätten das Kapitel nach Abschnitt 6 beenden können. Sie hatten die Nutzanwendungen des Gesetzes für den Wiedergeborenen erschöpfend dargelegt. Sie hatten das zarte Gewissen mit einem ausdrücklichen Satz beruhigt, dass der Gehorsam aus den Motiven des Gesetzes kein Rückfall in die Gesetzlichkeit sei. Das Kapitel war seelsorgerlich abgerundet. Dennoch fügten sie diesen letzten Abschnitt hinzu, und sie taten es nicht aus systematischem Perfektionismus, sondern weil sie eine theologische Klärung für nötig hielten, die im siebzehnten Jahrhundert alles andere als selbstverständlich war. Die antinomistische Kontroverse, die England in den Jahrzehnten vor der Westminster-Synode erschüttert hatte, drehte sich im Kern um eine einzige Frage: Ist das Gesetz dem Evangelium zuwider? Die Antinomer, angeführt von Männern wie John Eaton und Tobias Crisp, behaupteten genau das. Sie lehrten, dass der Glaubende mit dem Gesetz nichts mehr zu schaffen habe, dass Christus nicht nur den Fluch des Gesetzes, sondern das Gesetz selbst hinweggetan habe, und dass jede Predigt, die den Glaubenden zu den Geboten als Richtschnur seines Lebens wies, eine Verleugnung der Gnade sei. Für sie gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man stand unter dem Gesetz oder unter der Gnade. Ein Drittes, unter der Gnade und doch dem Gesetz als Richtschnur verpflichtet, gab es in ihrem Denken nicht. Die Westminster-Väter antworteten auf diese Herausforderung nicht mit einer ausführlichen Widerlegung, die jeden antinomistischen Irrtum einzeln sezierte. Sie antworteten mit einem einzigen, dichten Satz, der das Problem an der Wurzel packte. Der Satz hat zwei Teile, und beide sind gleich wichtig. Der erste Teil ist eine Verneinung, die eine Behauptung zurückweist: »Die vorgenannten Nutzanwendungen des Gesetzes sind keineswegs der Gnade des Evangeliums zuwider.« Die Väter sagen nicht nur, dass Gesetz und Gnade vereinbar sind. Sie sagen, dass die ganz konkreten Nutzanwendungen, die sie in Abschnitt 6 aufgezählt haben, mit der Gnade vereinbar sind. Das ist entscheidend. Die antinomistische Versuchung besteht ja nicht darin, das Gesetz als abstrakte Grösse zu verwerfen. Sie besteht darin, die seelsorgerliche Anwendung des Gesetzes auf das Leben des Glaubenden zu unterbinden: das Aufdecken der Sünde, die Zügelung der Verderbtheit, die Warnung durch die Drohungen, die Ermutigung durch die Verheissungen. Diese konkreten Dinge, sagen die Väter, sind nicht gegen die Gnade. Sie sind nicht einmal neutral gegenüber der Gnade. Sie stimmen mit ihr überein. Es folgt der zweite, positive Teil des Satzes, und hier wählen die Väter ein Wort, das in der ganzen Bekenntnisliteratur seinesgleichen sucht: »aufs Lieblichste«. Die Nutzanwendungen des Gesetzes sind der Gnade nicht nur nicht zuwider. Sie stimmen mit ihr auf eine Weise überein, die lieblich, süss, harmonisch ist. Das ist nicht die Sprache des Juristen, der zwei widerstreitende Ansprüche gegeneinander abwägt und zu einem Vergleich kommt. Es ist die Sprache dessen, der in der Tiefe der Dinge eine Einheit erkannt hat, die dem oberflächlichen Blick verborgen bleibt. Gesetz und Evangelium sind nicht zwei konkurrierende Prinzipien, die um die Vorherrschaft in der Seele des Glaubenden ringen. Sie sind zwei Werkzeuge in der Hand desselben Gottes, die zusammenwirken, um den Menschen zu retten und zu heiligen. Der dritte Teil des Abschnitts erklärt, wie diese liebliche Übereinstimmung zustande kommt. Sie ist nicht das Ergebnis menschlicher Einsicht oder frommer Übung. Sie ist das Werk des Geistes Christi. Der Geist »unterwirft den Willen des Menschen«: Das ist der erste Schritt. Der natürliche Wille des Menschen, auch des wiedergeborenen Menschen, soweit das Fleisch in ihm noch wirksam ist, sträubt sich gegen Gottes Gebote. Er empfindet sie als Einengung, als Bedrohung seiner Autonomie. Der Geist bricht diesen Widerstand, nicht mit roher Gewalt, aber mit der unwiderstehlichen Süssigkeit der Gnade. Er bringt den Willen dahin, dass er Ja sagt zu dem, wozu er früher Nein sagte. Das ist aber nur die eine Hälfte des Werkes. Der Geist unterwirft nicht nur, er »befähigt« auch. Ein unterworfener, aber kraftloser Wille könnte das Gute wollen und doch nicht vollbringen, genau die Erfahrung, die Paulus im siebten Kapitel des Römerbriefs beschreibt. Der Geist aber gibt nicht nur die rechte Richtung, sondern auch die Kraft, in dieser Richtung zu gehen. Er macht den Willen nicht nur bereit, sondern auch fähig. Und der Gipfel des Satzes: Der so unterworfene und befähigte Wille tut das, was Gottes Gesetz gebietet, und er tut es »frei und willig«. Die Väter greifen nicht zu »gezwungen« oder »genötigt«. Sie wählen Wörter, die Freiheit und Freude ausdrücken. Der vom Geist erneuerte Mensch gehorcht nicht wie ein Sklave, der die Peitsche fürchtet. Er gehorcht wie ein Kind, das den Vater liebt. Er tut Gottes Willen, weil Gottes Wille sein eigener Wille geworden ist.

Theologische Tiefe

Johannes Calvin hat in seiner Institutio den Grund gelegt, auf dem die Westminster-Väter dieses Lehrstück errichteten. Im zweiten Buch, wo er das Verhältnis von Gesetz und Evangelium entfaltet, findet sich eine Unterscheidung, die für das Verständnis des siebten Abschnitts unentbehrlich ist. Calvin unterscheidet zwischen dem Gesetz, wie es dem Menschen von Natur begegnet, als nackter Forderung, die den Sünder erschreckt und verdammt, und dem Gesetz, wie es dem Wiedergeborenen in der Hand Christi begegnet. Dasselbe Gesetz, dieselben Gebote, dieselben Worte, aber ein völlig anderer Empfang. Der natürliche Mensch hört das Gebot und fühlt den Druck von aussen. Der Wiedergeborene hört dasselbe Gebot und spürt den Antrieb von innen. Calvin vergleicht den unerneuerten Menschen mit einem trägen Esel, der nur durch die Peitsche vorankommt. Der erneuerte Mensch gleicht einem willigen Pferd, das auf den leisesten Zügelzug des Reiters antwortet. Die Peitsche und der Zügel sind beides Instrumente der Lenkung, aber das Verhältnis des Tieres zu ihnen ist grundverschieden. Der Esel hasst die Peitsche und geht nur, weil er muss. Das Pferd liebt den Reiter und folgt dem Zügel, weil es will. Diesen Unterschied beschreibt das Bekenntnis mit den Worten »frei und willig«. Der vom Geist erneuerte Wille hasst das Gesetz nicht mehr, weil er den Gesetzgeber nicht mehr fürchtet. Er liebt das Gesetz, weil er den Gesetzgeber liebt, und er gehorcht nicht aus Zwang, sondern aus Freude. Herman Witsius, der niederländische Föderaltheologe, hat diesen Gedanken in seinem Werk über die Bünde weiter vertieft. Witsius fragt, wie es möglich sei, dass der Geist den Willen des Menschen unterwerfe und befähige, ohne dass der Mensch dadurch zum blossen Werkzeug werde, dem jede echte Freiheit fehle. Seine Antwort unterscheidet zwischen zwei Arten von Freiheit: der Freiheit der Gleichgültigkeit und der Freiheit der Freude. Die Freiheit der Gleichgültigkeit ist die Fähigkeit, zwischen Alternativen zu wählen, ohne von einer inneren Neigung zu der einen oder anderen hingezogen zu werden: die Freiheit des Mannes, der an einer Wegkreuzung steht und keine Vorliebe für den linken oder den rechten Pfad hat. Die Freiheit der Freude, von der Witsius als libertas spontaneitatis spricht, ist die Fähigkeit, ungehindert nach der eigenen tiefsten Neigung zu handeln: die Freiheit des Musikers, der sich an das Klavier setzt und spielt, weil er nichts lieber tut. Der Geist schenkt dem Glaubenden nicht die Freiheit der Gleichgültigkeit gegenüber Gottes Gesetz. Er schenkt ihm etwas ungleich Höheres: Er pflanzt ihm eine Liebe zum Gesetz ein, die so tief sitzt, dass der Gehorsam zu seiner innersten Neigung wird. Dann entfernt er die Hindernisse, die diese Neigung an ihrem Ausdruck hindern: die Trägheit des Fleisches, die Macht der Gewohnheit, die List der Versuchung. Das Ergebnis ist nicht ein Mensch, der zwischen Gehorsam und Ungehorsam neutral schwebt und sich dann, nach reiflicher Überlegung, für den Gehorsam entscheidet. Es ist ein Mensch, der gehorcht, weil er gar nicht mehr anders will, und der in diesem Gehorsam die tiefste Freiheit erfährt, die ein Geschöpf erfahren kann. Das, so Witsius, ist die Süsse der Übereinstimmung, von der das Bekenntnis spricht. Wilhelmus à Brakel, der grosse Seelsorger der niederländischen Nadere Reformatie, bringt diese Einsicht in eine Sprache, die das Herz unmittelbar anspricht. In seinem »Vernünftigen Gottesdienst« beschreibt er, wie der Geist den Glaubenden Schritt für Schritt dazu bringt, das Gesetz nicht mehr als Forderung zu lesen, sondern als Verheissung. Das Gebot »Du sollst nicht stehlen« ist für den natürlichen Menschen ein Verbot, das ihn in seiner Habsucht einschränkt. Für den geistlichen Menschen wird dasselbe Gebot zu einer Verheissung: Einst wirst du so vollkommen zufrieden sein mit dem, was Gott dir gibt, dass der Gedanke, fremdes Gut zu nehmen, dir so fern liegt wie der Gedanke, dir selbst die Hand abzuhacken. Das Gebot »Du sollst nicht ehebrechen« ist für das Fleisch ein Zaun, der die Lust im Zaum hält. Für den Geist wird es zur Verheissung einer Reinheit des Herzens, die das Gute nicht nur tut, sondern liebt und das Böse nicht nur meidet, sondern verabscheut. À Brakel zeigt damit, dass der Geist das Gesetz nicht aufhebt, sondern verwandelt, nicht seinem Inhalt nach, aber seiner Funktion nach. Aus dem Spiegel, der die Flecken zeigt, wird das Fenster, das den Himmel zeigt. Aus der Richtschnur, die die krumme Linie entlarvt, wird der Zepter des Königs, den zu halten eine Ehre ist. Die Gebote bleiben, aber sie werden durchsichtig für das Herz dessen, der sie gab. Der Glaubende, der das fünfte Gebot liest, sieht nicht mehr nur die Pflicht, Vater und Mutter zu ehren. Er sieht die Liebe des himmlischen Vaters, der die Familie als Schule der Dankbarkeit eingerichtet hat. Thomas Boston, der schottische Pfarrer, dessen Schriften von seinem eigenen Ringen mit Gesetzlichkeit und Gnade durchdrungen sind, nähert sich der Sache von einer anderen Seite. Er fragt, warum so viele ernsthafte Christen zwar an die Vereinbarkeit von Gesetz und Gnade glauben, sie aber nicht erleben. Warum, so Boston, bleibt die liebliche Übereinstimmung, von der das Bekenntnis spricht, für so viele eine Lehre auf dem Papier und wird nicht zur erfahrenen Wirklichkeit? Seine Antwort ist so einfach wie treffend: Wir versuchen den Gehorsam in unserer eigenen Kraft, und wir scheitern. Wir nehmen uns vor, geduldig zu sein, und schon am selben Abend fahren wir unsere Kinder an. Wir beschliessen, rein zu sein, und schon am nächsten Tag hat uns eine unkeusche Regung wieder im Griff. Wir geloben, den Sabbat zu heiligen, und ehe der Gottesdienst zu Ende ist, schweifen unsere Gedanken zu den Geschäften der Woche. Aus diesem wiederholten Scheitern ziehen wir den Schluss, dass fröhlicher Gehorsam eine fromme Illusion sei, ein schöner Traum, der für den Himmel aufgespart ist, aber für dieses Leben nicht taugt. Das Bekenntnis, sagt Boston, zeichnet ein anderes Bild. Es stellt den freudigen Gehorsam nicht als das Ergebnis heroischer Selbstdisziplin dar, sondern als die Frucht des Geistes. »Der Geist Christi unterwirft und befähigt«: Das sind aktive Verben, deren Subjekt nicht der Mensch, sondern der Geist ist. Der Glaubende ist nicht der Erzeuger seiner eigenen Freudigkeit. Er ist der Empfänger einer Freudigkeit, die der Geist in ihm wirkt. Seine Aufgabe ist nicht, sich zur Fröhlichkeit zu zwingen, was ohnehin ein Widerspruch in sich wäre. Seine Aufgabe ist, sich im Gebet an den Geist zu wenden und zu bekennen: Ich kann es nicht. Tue du es in mir. Diese Abhängigkeit, sagt Boston, ist nicht die Kapitulation vor der Unmöglichkeit des Gehorsams. Sie ist der einzige Weg, auf dem Gehorsam wirklich gelingen kann. Geerhardus Vos, der die biblische Theologie der reformierten Tradition für das zwanzigste Jahrhundert erschlossen hat, fügt einen Gesichtspunkt hinzu, den die früheren Theologen zwar voraussetzten, aber selten ausdrücklich entfalteten: den eschatologischen Charakter des Geisteswirkens. Wenn Hesekiel verheisst, dass Gott seinen Geist in die Menschen geben und sie dazu bringen wird, in seinen Geboten zu wandeln, dann beschreibt er mehr als eine psychologische Veränderung im Inneren des Einzelnen. Er beschreibt das Hereinbrechen der zukünftigen Welt in die gegenwärtige, die Ankunft von Kräften, die eigentlich der Vollendung angehören. Der Geist, der den Glaubenden befähigt, Gottes Gesetz freudig zu halten, ist der Geist der Auferstehung, derselbe Geist, der Christus aus dem Grab gerufen hat und der einst unsere sterblichen Leiber lebendig machen wird. Sein Werk im Herzen des Glaubenden ist deshalb eine Vorwegnahme des Himmels, ein Angeld auf die vollkommene Heiligkeit, die uns zuteil wird, wenn wir Christus sehen werden, wie er ist. Wenn der Glaubende feststellt, dass er das Gesetz plötzlich liebt, wo er es früher hasste, dass er die Gebote mit Freude tut, wo er früher widerwillig gehorchte, dann erfährt er im Keim, was im Himmel die ewige Wirklichkeit sein wird. Er verdient sich den Himmel nicht durch diesen Gehorsam. Der Himmel ist bereits in ihm angebrochen, und sein Gehorsam ist das Anzeichen dafür. Diese eschatologische Sicht schützt vor zwei Irrtümern zugleich. Sie bewahrt vor der Verzweiflung, die den gegenwärtigen Gehorsam an der Vollkommenheit des Gesetzes misst und daran zerbricht. Der Gehorsam ist echt, aber er ist bruchstückhaft. Das Werk des Geistes ist wirklich, aber es schreitet voran. Was der Glaubende jetzt kostet, wird er einmal in Fülle geniessen. Und sie schützt vor der Anmassung, die das Gesetz für entbehrlich hält, weil der Geist ja ohnehin führe. Der Geist führt nicht am Gesetz vorbei, sondern in das Gesetz hinein. Er entlässt den Glaubenden nicht aus der Schule der Gebote. Er macht ihn zu einem immer besseren Schüler.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Bringe dein Verständnis von Gesetz und Evangelium in die rechte Ordnung. Viele Christen leben mit einem unterschwelligen Misstrauen gegenüber dem Gesetz. Sie wissen, dass sie nicht durch das Gesetz gerettet werden, und sie ziehen daraus den stillen Umkehrschluss, dass das Gesetz nach der Bekehrung keine positive Rolle mehr spielen könne. Es ist der unwillkommene Gast auf der Feier der Gnade, den man aus Höflichkeit nicht hinauswirft, dem man aber auch nicht den Ehrenplatz anbietet. Das Bekenntnis widerspricht dieser Haltung mit einer Entschiedenheit, die fast etwas Herausforderndes hat. Das Gesetz ist nicht der Störenfried auf dem Fest der Gnade. Es ist, recht verstanden, der Taktgeber der Musik. Es zeigt, welche Schritte der Gnade entsprechen und welche aus dem Takt fallen. Ein Leben, das das Gesetz beiseitelegt, weil es ja aus Gnade gerettet ist, gleicht einem Tanz ohne Musik. Es mag fromm aussehen, aber es fehlt ihm die Ordnung, die Gott selbst seiner Gemeinde gegeben hat. Nimm dir Zeit, die Zehn Gebote nicht als den Text zu lesen, der am Sonntagmorgen zu Beginn des Gottesdienstes verlesen wird, während deine Gedanken schon bei der Predigt oder beim Mittagessen sind. Lies sie als das, was sie sind: das Protokoll des göttlichen Willens für dein Leben. Frage nicht: Wie wenig muss ich tun, um nicht zu sündigen? Frage: Wie sieht ein Leben aus, das dem Vater gefällt? Und dann bitte den Geist, dir nicht nur die Erkenntnis, sondern auch die Liebe zu diesen Geboten zu schenken. Zweitens: Unterscheide zwischen der Verdammnis und der Wegweisung des Gesetzes. Es gibt Christen, die jedes Mal, wenn sie ein Gebot lesen, den Fluch des Gesetzes zu hören meinen: »Verflucht sei, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllt.« Dieses Hören ist falsch, und es raubt dem Glauben die Freudigkeit, die er haben soll. Der Glaubende steht nicht mehr unter dem Fluch des Gesetzes. Christus hat diesen Fluch getragen, und es gibt keine Verdammnis für die, die in ihm sind. Das Gesetz spricht zum Gerechtfertigten nicht mehr die Sprache des Richters, der das Urteil verkündet. Es spricht die Sprache des Vaters, der den Weg zeigt. Wenn du also das fünfte Gebot liest und feststellst, dass du deine Eltern nicht so ehrst, wie du solltest, dann flüstere dir nicht ein: Du stehst unter dem Zorn Gottes. Sage vielmehr: Dies ist der Weg, den mein Vater mich gehen heissen will. Ich bin von ihm abgewichen. Herr, vergib mir um Christi willen und hilf mir durch deinen Geist, auf diesen Weg zurückzukehren. Die Vergebung ist dir gewiss, nicht weil deine Reue tief genug wäre, sondern weil Christus genug getan hat. Die Kraft zur Umkehr kommt vom Geist, nicht von deinem guten Vorsatz. Bitte ihn darum und vertraue darauf, dass er gibt, worum du bittest. Drittens: Höre auf, den freudigen Gehorsam aus eigener Kraft hervorbringen zu wollen. Es gibt unter ernsthaften Christen eine eigentümliche Form der Gesetzlichkeit, die nicht darin besteht, dass man meint, sich den Himmel verdienen zu müssen. Sie besteht darin, dass man meint, die Heiligung sei das Werk des eigenen Willens. Man sieht ein Gebot, man erkennt seine Verbindlichkeit, und man beschliesst, es zu halten. So weit, so gut. Aber dann versucht man, diesen Beschluss mit der Kraft des Fleisches auszuführen, und nach einigen Tagen, wenn die erste Begeisterung verflogen ist und der Gegendruck der alten Gewohnheiten einsetzt, bricht der Entschluss zusammen wie ein Kartenhaus im Wind. Das Bekenntnis lehrt einen anderen Weg. Der Geist Christi befähigt den Willen, das zu tun, was Gottes Gesetz gebietet. Die Kraft zum Gehorsam kommt nicht aus dem Willen, sondern durch den Geist zum Willen. Der Glaubende erzeugt seine Heiligung nicht selbst. Er empfängt sie, wie der Geist sie in ihm wirkt. Seine Aufgabe ist es nicht, den Geist zu ersetzen, sondern ihm Raum zu geben: durch Gebet, durch die Beschäftigung mit dem Wort, durch den Empfang der Sakramente, in denen Christus sich selbst mit allen seinen Wohltaten dem Glauben darreicht. Viertens: Lass das Gesetz dein Gebet formen statt dein Gewissen zu foltern. Die Psalmen lehren den Glaubenden, die Gebote nicht nur zu studieren, sondern zu beten. Der Psalmist ruft: »Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.« Er fleht: »Lehre mich, HERR, den Weg deiner Gebote, dass ich ihn bewahre bis ans Ende.« Er betet nicht: »Hilf mir, dein Gesetz so gut zu halten, dass ich vor dir bestehen kann.« Er betet: »Lass mich dein Gesetz so lieben, dass das Halten der Gebote zur Freude wird.« Das ist eine tiefe Umkehr der Blickrichtung. Wer das Gesetz nur als Forderung sieht, betet nicht. Wenn er betet, dann mit einem Unterton der Angst. Wer das Gesetz als Verheissung sieht, betet mit Hoffnung. Er sagt: Herr, du hast geboten, dass ich nicht stehlen soll. Ich erkenne in diesem Gebot mein Versagen, aber ich erkenne auch die Verheissung einer vollkommenen Zufriedenheit, die du in mir wachsen lassen willst. Lass sie wachsen, durch deinen Geist. Amen. Fünftens: Erwarte den Kampf und lass dich nicht entmutigen. Der Geist unterwirft den Willen, aber er tut es nicht an einem einzigen Tag. Der alte Mensch, das Fleisch, die verbliebene Verderbtheit, wie immer die Schrift die hartnäckige Macht der Sünde im Wiedergeborenen nennt, leistet Widerstand. Paulus selbst bekennt: »Ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt.« Der Glaubende, der diesen Widerstreit nicht spürt, hat entweder ein abgestumpftes Gewissen oder ein verhärtetes Herz. Der Glaubende, der ihn spürt und daran verzweifelt, hat das Evangelium vergessen. Der rechte Weg liegt in der Mitte: den Kampf wahrnehmen, ihn ernst nehmen, aber sich nicht von ihm bestimmen lassen. Ja, das Fleisch widerstrebt dem Geist. Aber der Geist ist stärker als das Fleisch, und er wird den Sieg davontragen, nicht weil du so tapfer kämpfst, sondern weil Christus bereits gesiegt hat und der Geist die Früchte dieses Sieges in deinem Leben ausbreitet, Schritt für Schritt, Tag für Tag, bis an jenen Tag, an dem das Gesetz dir nicht mehr eine äussere Richtschnur sein muss, weil es zu deiner inneren Natur geworden ist. Sechstens: Betrachte die Süsse des Gesetzes als Vorgeschmack des Himmels. Vos hat recht: Der Gehorsam, den der Geist im Glaubenden wirkt, ist eine Vorwegnahme der himmlischen Vollendung. Wenn du an einem stillen Morgen die Gebote liest und plötzlich spürst, dass du sie nicht nur anerkennst, sondern liebst, dass du das, was Gott von dir fordert, nicht länger als Last empfindest, sondern als den einzig richtigen, guten, schönen Weg, dann ist das ein Hauch des Himmels. Der Himmel wird nicht so sein, dass du endlich von den lästigen Geboten befreit bist und tun kannst, was du willst. Der Himmel wird so sein, dass dein Wille so vollkommen mit Gottes Willen vereint ist, dass das Gesetz dich nicht mehr von aussen leiten muss. Du wirst es in dir tragen, und das Tragen wird kein Gewicht mehr sein, sondern Fliegen.

Gebet

Dreieiniger Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, wir preisen dich für die vollkommene Harmonie deiner Wege. Du hast uns dein Gesetz gegeben, und du hast uns dein Evangelium geschenkt, und sie streiten nicht miteinander, wie wir in unserer Blindheit so oft meinen, sondern sie dienen gemeinsam deinem Ratschluss, uns zu retten und zu heiligen. Wir bekennen dir, dass wir diese Harmonie allzu oft nicht erfahren, weil wir in der eigenen Kraft zu gehorchen versuchen, was nur der Geist in uns wirken kann. Wir fassen Vorsätze und brechen sie. Wir nehmen uns vor, dich zu lieben, und hängen doch an tausend kleinen Götzen. Wir wollen dem Nächsten dienen und ertappen uns bei Neid und Härte. Unser Wille, o Herr, ist noch nicht so unterworfen, wie er sein sollte, und unsere Kraft reicht nicht aus für das Geringste deiner Gebote. Wir danken dir für deinen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus. Er hat das Gesetz nicht nur erfüllt, wo wir es gebrochen haben, sondern er hat auch den Fluch getragen, den wir verdient haben. Sein Gehorsam ist der unsere, seine Gerechtigkeit wird uns zugerechnet, und vor deinem Richterstuhl stehen wir nicht in unseren eigenen Lumpen, sondern in seinem reinen Kleid. In ihm ist das Gesetz nicht mehr unser Ankläger, sondern unser Wegweiser, nicht mehr der Spiegel, der uns verdammt, sondern das Licht, das uns den Pfad zeigt. Heiliger Geist, du Tröster und Lehrer der Kirche, wir bitten dich: Komm und tue an uns, was du verheissen hast. Unterwirf unseren widerstrebenden Willen, nicht mit Gewalt, sondern mit der unwiderstehlichen Süsse deiner Gnade. Überwinde die geheime Abneigung unseres Herzens gegen die Gebote, die wir mit den Lippen bekennen und im Innersten fürchten. Befähige uns, das nicht nur zu wollen, was Gott will, sondern es auch zu tun, nicht als Knechte, die zur Arbeit gezwungen werden, sondern als Kinder, die dem Vater zur Freude leben. Schreibe dein Gesetz in unseren Sinn und in unser Herz, dass wir es nicht mehr mühsam von aussen lernen müssen, sondern dass es so tief in uns verwurzelt ist, dass unsere erste Regung die Liebe zu deinen Geboten ist und nicht der Widerstand gegen sie. Lass uns erfahren, wie süss die Übereinstimmung zwischen deinem Gesetz und deinem Evangelium ist, nicht nur als Lehre, die wir glauben, sondern als Wirklichkeit, die wir schmecken. Wenn wir fallen, und wir werden fallen, dann lass uns nicht in der Verzagtheit steckenbleiben, die nur um sich selbst kreist. Lass uns aufstehen und umkehren und neu beginnen, im Vertrauen darauf, dass deine Gnade grösser ist als unser Versagen und dass dein Geist mächtiger ist als unser Fleisch. Lass uns das Gesetz nie von Christus trennen, in dem alle Forderungen erfüllt und alle Verheissungen bestätigt sind. Und bring uns an jenen Tag, an dem der Kampf ein Ende hat, an dem die verbliebene Verderbtheit ausgetilgt und unser Wille so vollkommen mit deinem Willen geeint ist, dass wir das Gesetz nicht mehr als äusseres Wort brauchen, weil es das innere Gesetz unseres verklärten Wesens geworden ist. Dann werden wir nicht mehr fragen: Was muss ich tun? Wir werden tun, was du willst, und es wird unsere Freude sein, wie es deine Freude ist. Durch Jesus Christus, unseren Herrn, der uns geliebt und sich selbst für uns dahingegeben hat. Amen.
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