Andacht 102 von 171

Das Wesen der christlichen Freiheit: Freiheit vom Fluch des Gesetzes

Ch.20: Of Christian Liberty and Liberty of Conscience — Abschnitt 1 • 2026-08-07 • 36 min
Die Freiheit, die Christus für die Gläubigen unter dem Evangelium erworben hat, besteht in ihrer Befreiung von der Schuld der Sünde, dem verdammenden Zorn Gottes und dem Fluch des Sittengesetzes; in ihrer Errettung aus dieser gegenwärtigen bösen Welt, der Knechtschaft Satans und der Herrschaft der Sünde; von dem Übel der Heimsuchungen, dem Stachel des Todes, dem Sieg des Grabes und der ewigen Verdammnis; wie auch in ihrem freien Zugang zu Gott und ihrem Gehorsam ihm gegenüber, nicht aus knechtischer Furcht, sondern aus kindlicher Liebe und willigem Gemüt. All dies war auch den Gläubigen unter dem Gesetz gemein; aber unter dem Neuen Bund ist die Freiheit der Christen noch erweitert: in ihrer Befreiung vom Joch des Zeremonialgesetzes, dem die jüdische Kirche unterworfen war; in grösserer Freudigkeit des Zugangs zum Thron der Gnade; und in reicheren Mitteilungen des freien Geistes Gottes, als die Gläubigen unter dem Gesetz gewöhnlich empfingen.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 20, Abschnitt 1

Einleitung

Wir verlassen das neunzehnte Kapitel, das uns von Gottes heiligem Gesetz in all seinen Anwendungen und seiner lieblichen Übereinstimmung mit dem Evangelium berichtet hat, und treten ein in ein neues Gelände: die christliche Freiheit. Der Schritt von Kapitel 19 zu Kapitel 20 ist kein zufälliger, und die Väter der Westminster-Synode haben ihn mit Bedacht gesetzt. Über das Gesetz zu sprechen, ohne von der Freiheit zu sprechen, hätte den Hörer unter einer Last zurückgelassen, die er nicht zu tragen vermag. Über die Freiheit zu sprechen, ohne zuvor das Gesetz entfaltet zu haben, hätte den Hörer zu einem Jubel verführt, der den Preis nicht kennt, um den diese Freiheit erworben wurde. Das zwanzigste Kapitel ist die Antwort auf das neunzehnte, wie der Ostermorgen die Antwort auf den Karfreitag ist: nicht Aufhebung, sondern Vollendung, nicht Widerruf, sondern Erfüllung. Das Wort Freiheit hat in der Geschichte der Kirche einen eigentümlichen Klang. Es gibt kaum ein edleres Wort im menschlichen Wortschatz, und kaum eines, das mehr missbraucht wurde. Die einen haben es als Freibrief für die Sünde verstanden, als ob Christus uns befreit hätte, damit wir tun können, was das Fleisch begehrt. Die anderen haben es verschwiegen, als ob die Rede von der Freiheit des Christenmenschen eine Gefahr für den sittlichen Ernst des Glaubens wäre. Die Westminster-Väter stellen sich in die Mitte zwischen beide Abwege und zeichnen in einem einzigen, weit ausholenden Satz, was die christliche Freiheit wirklich ist. Ihr Satz ist der längste des ganzen zwanzigsten Kapitels, und er hat es nötig, denn er will nichts Geringeres, als den ganzen Umfang der Befreiung zu beschreiben, die Christus für die Seinen erworben hat. Nirgends in der menschlichen Geschichte hat jemand eine Freiheit besessen, die sich mit der hier beschriebenen vergleichen liesse. Politische Freiheit kann ein Parlament gewähren und ein anderes wieder entziehen; wirtschaftliche Freiheit kann ein Markt bieten und eine Krise rauben; persönliche Freiheit kann das Gesetz schützen und der Krieg vernichten. Die Freiheit, von der das Bekenntnis redet, ist anderer Art. Sie wurde nicht durch eine Verfassung garantiert, sondern durch Blut erkauft. Sie wird nicht durch menschliche Macht gesichert, sondern durch den Geist Gottes im Herzen versiegelt. Sie kann von keiner irdischen Instanz genommen werden, weil sie nicht von dieser Welt ist. Der Christ, der versteht, was Christus ihm erworben hat, steht in einer Freiheit, die tiefer reicht als jedes Gefängnis, das Menschen bauen können, und höher als jede Mauer, die Tyrannen errichten mögen.

Die biblischen Grundlagen

Das Fundament, auf dem die gesamte Lehre von der christlichen Freiheit ruht, ist das vollbrachte Werk Christi. Der Apostel Paulus fasst es in einem einzigen Vers des Galaterbriefes mit einer Dichte zusammen, die den Atem stocken lässt: »Christus hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns; denn es steht geschrieben: Verflucht ist jedermann, der am Holz hängt.« Das griechische Wort, das Luther mit »erlöst« wiedergibt, lautet exēgorasen, zusammengesetzt aus der Vorsilbe ek, heraus aus, und dem Verb agorazō, auf dem Marktplatz kaufen. Die agora war in der antiken Welt der Ort, an dem Sklaven gehandelt wurden, und Christus hat uns nicht nur freigekauft, sondern vollständig aus dem Sklavenmarkt des Fluches herausgeholt. Der Preis, den er zahlte, war nicht Gold oder Silber, sondern sein eigenes Leben. Er trat an die Stelle derer, die unter dem Fluch standen, und trug, was sie hätten tragen müssen. Das ist der Grund, warum die christliche Freiheit keine Theorie ist, die man diskutieren, und kein Ideal, das man anstreben kann. Sie ist ein Kauf, der am Kreuz vollzogen wurde, ehe der erste Gläubige seinen ersten Atemzug tat. Doch der Fluch des Gesetzes ist nur der Anfang dessen, wovon wir befreit wurden. Im Brief an die Kolosser weitet Paulus den Horizont: »Er hat uns errettet aus der Macht der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich seines lieben Sohnes.« Das Verb »erretten«, griechisch errusato, bezeichnet das rettende Herausziehen aus einer tödlichen Gefahr, und die »Macht der Finsternis«, die exousia tou skotous, ist nicht ein Zustand, sondern eine Herrschaft: ein Reich unter der tätigen Gewalt eines feindlichen Herrschers. Die Freiheit des Christen ist nicht ein blosser Wechsel des rechtlichen Status, so gewaltig dieser auch sein mag. Sie ist ein Wechsel der Staatsbürgerschaft. Wir wurden aus einem Königreich in ein anderes überführt, wie besiegte Völker in der antiken Welt deportiert wurden: aus dem Machtbereich Satans in das Reich Christi. Christus verhandelte nicht mit den Mächten der Finsternis. Er besiegte sie, und in seiner Auferstehung führte er die Gefangenschaft gefangen und nahm die Seinen mit sich in das Reich, in dem er regiert. Diese Befreiung vom Fluch und von den finsteren Mächten findet ihren persönlichen, erfahrbaren Gegenpol in dem, was Paulus im achten Kapitel des Römerbriefes beschreibt: »Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!« Das griechische Wort für »kindlichen Geist«, pneuma huiothesias, bezeichnet den Geist der Sohnschaft, der Annahme an Kindes Statt. Huiothesia war ein Begriff aus dem römischen Recht, der die vollgültige rechtliche Einsetzung eines Aussenstehenden als Sohn mit allen Rechten und Vorrechten eines leiblichen Kindes meinte. Der Glaubende wird nicht nur begnadigt, er wird adoptiert. Er verlässt das Gefängnis der Schuld und tritt in den Festsaal des Vaters ein. Und das Siegel, dass diese Adoption wirklich ist, ist der Schrei des Herzens: »Abba, lieber Vater!« Ein aramäisches Wort vertrauter Anrede, das kein Sklave je zu seinem Herrn gesprochen hätte, das aber jedes Kind von seiner Mutter lernt. Hier findet die Sprache des Bekenntnisses, der freie Zugang zu Gott und der Gehorsam aus kindlicher Liebe statt knechtischer Furcht, ihre tiefste biblische Wurzel. Die neutestamentliche Erweiterung dieser Freiheit, der das Bekenntnis seine abschliessenden Wendungen widmet, kommt nirgends lebendiger zum Ausdruck als im Hebräerbrief: »Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freudigkeit haben zum Eingang in das Heiligtum, den neuen und lebendigen Weg hat er uns bereitet durch den Vorhang, das heisst: durch sein Fleisch, und haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes: so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommener Gewissheit des Glaubens, besprengt in unseren Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leibe mit reinem Wasser.« Das Wort »Freudigkeit«, griechisch parrēsia, bezeichnete in der klassischen griechischen Demokratie das Recht des freien Bürgers, in der Volksversammlung offen zu sprechen, ohne Furcht vor Strafe. Der Hebräerbrief überträgt diesen politischen Begriff auf den Zugang des Gläubigen zu Gott: Wir haben Redefreiheit vor dem Thron. Unter dem alten Bund durfte nur der Hohepriester das Allerheiligste betreten, und das nur einmal im Jahr, und niemals ohne Blut. Unter dem neuen Bund naht jeder Gläubige mit Freudigkeit, weil das Blut, das den Zugang öffnet, bereits geflossen ist und der Weg durch das Fleisch Christi gebahnt wurde, den Vorhang seines Leibes, der am Kreuz zerriss, durch den wir in die Gegenwart Gottes selbst treten. Der Apostel Johannes fügt eine weitere Dimension hinzu, die das blosse Freisein von etwas durch ein Freisein für jemanden ergänzt: »Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.« Das kleine Wörtchen »wirklich«, griechisch ontōs, trägt ein Gewicht, das man beim flüchtigen Lesen übersehen kann. Es meint: wahrhaft, im eigentlichen Sinn, nicht nur dem Anschein nach. Es gibt nämlich eine angemasste Freiheit, eine Freiheit, die der Mensch sich selbst zuspricht, die aber in Wahrheit eine umso tiefere Knechtschaft ist. Der Sünder, der meint, frei zu sein, weil er keine Gebote anerkennt und keiner Autorität gehorcht, gleicht einem Vogel, der aus dem Käfig ausgebrochen ist und ins Netz des Jägers fliegt. Wirkliche Freiheit gibt es nur, wo der Sohn sie schenkt. Und der Sohn schenkt sie nicht als leeres Versprechen, sondern als vollendete Tatsache. Der sechste biblische Grundpfeiler steht im ersten Korintherbrief, wo Paulus dem Tod selbst die Maske herunterreisst: »Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Der Stachel des Todes aber ist die Sünde; die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!« Das Bekenntnis zählt »den Stachel des Todes« und »den Sieg des Grabes« unter den Dingen auf, von denen der Gläubige befreit ist. Paulus entfaltet hier die Logik dieser Befreiung: Der Stachel des Todes ist die Sünde, denn es ist die unvergebene Schuld, die dem Tod seinen Schrecken gibt. Die Kraft der Sünde aber ist das Gesetz, denn das Gesetz ist es, das die Übertretung als Sünde brandmarkt und mit dem Fluch belegt. Wer vom Fluch des Gesetzes befreit ist, für den hat die Sünde ihre verdammende Kraft verloren. Und wem die Sünde vergeben ist, für den hat der Tod seinen Stachel eingebüsst. Der Tod ist nicht mehr der Gerichtsvollzieher Gottes, der den Sünder vor den Richterstuhl schleppt. Er ist der müde Bote, der den Gläubigen zu seiner Ruhe bringt. Das ist der Triumphzug der christlichen Freiheit: Sie reicht bis ans Grab und durch das Grab hindurch bis in die Auferstehung.

Was die Westminster-Väter meinten

Als die Synode in der Jerusalem Chamber zusammentrat, stand die Frage der christlichen Freiheit nicht als akademische Übung auf der Tagesordnung. Sie war ein seelsorgerlicher Notstand. Seit Jahrhunderten hatte die römische Kirche ein kunstvolles Geflecht religiöser Verpflichtungen über die Gewissen der Gläubigen gebreitet, das in der Schrift keine Grundlage hatte: vorgeschriebene Fastenzeiten, verbotene Speisen, den Zölibatszwang für Priester, die Ohrenbeichte und eine Fülle von Zeremonien, die sich im Lauf der Jahrhunderte angehäuft hatten, bis der schlichte Gottesdienst des Neuen Testaments unter ihnen begraben lag. Rom leugnete nicht, dass Christus Freiheit erworben hatte; es behauptete, die Kirche habe als Sachwalterin dieser Freiheit das Recht, ihre Grenzen zu bestimmen, und die Gläubigen seien im Gewissen verpflichtet, alles zu halten, was die Kirche gebiete, ob die Schrift es fordere oder nicht. Das Ergebnis war ein Gewissen, das niemals zur Ruhe kam, das nie wusste, ob es genug getan hatte, das immer nach einer Norm griff, die es nie ganz erreichen konnte, weil die Norm sich ständig erweiterte. Auf der anderen Seite standen jene, die man Antinomer nannte, Männer wie John Eaton und Tobias Crisp, die aus der reformatorischen Entdeckung der Freiheit einen Freibrief für das Fleisch gemacht hatten. Wenn der Glaubende vom Gesetz frei sei, so folgerten sie, dann habe das Gesetz ihm überhaupt nichts mehr zu sagen. Nicht nur der Fluch sei aufgehoben, sondern auch die Richtschnur. Die Predigt der Gebote sei ein Rückfall in die Gesetzlichkeit, und der Geist führe den Glaubenden ohnehin, ohne dass es einer äusseren Norm bedürfe. Das Ergebnis war eine Gemeinde, die sich ihrer Freiheit rühmte und in ihrem Lebenswandel die Gebote Gottes mit Füssen trat. Zwischen diesen beiden Irrtümern, der Tyrannei Roms und der Zügellosigkeit der Schwärmer, pflanzten die Väter eine sorgfältige Darlegung dessen, was christliche Freiheit tatsächlich ist. Der Aufbau des ersten Abschnitts verrät ihre Absicht. Er gliedert sich in drei Bewegungen. Die erste Bewegung ist ganz und gar negativ: ein Katalog all dessen, wovon der Gläubige befreit ist. Schuld der Sünde, verdammender Zorn Gottes, Fluch des Sittengesetzes, diese gegenwärtige böse Welt, Knechtschaft Satans, Herrschaft der Sünde, das Übel der Heimsuchungen, der Stachel des Todes, der Sieg des Grabes, die ewige Verdammnis. Die Liste ist umfassend, weil das Werk Christi umfassend ist. Es gibt keine Form der Knechtschaft, keine Spur des Sündenfalls, keinen Winkel des Fluches, den Christus nicht angerührt und entmachtet hätte. Die Väter begnügten sich nicht damit, die Schuldvergebung zu nennen und den Rest dem frommen Nachdenken zu überlassen. Sie gingen die ganze Kette der Folgen durch, vom Innersten zum Äussersten: von der Schuld, die im Gewissen brennt, über den Zorn, der vom Himmel droht, über die Welt, die verführt, den Satan, der anklagt, die Sünde, die beherrscht, die Heimsuchungen, die quälen, den Tod, der erschreckt, das Grab, das verschlingt, bis hin zur ewigen Verdammnis, die das Ende aller Dinge wäre, wenn Christus nicht dazwischengetreten wäre. Der Gläubige, der diesen Katalog liest und bedenkt, soll nirgends mehr einen Winkel seiner Existenz finden, von dem er sagen müsste: Hier hat Christus mich noch nicht befreit. Die zweite Bewegung wendet sich dem Positiven zu: dem freien Zugang zu Gott und dem Gehorsam aus kindlicher Liebe und willigem Gemüt. Die Freiheit der Schrift ist niemals bloss negativ, niemals bloss Freiheit wovon. Sie ist immer auch Freiheit wozu. Der Glaubende wird nicht ins sittliche Nichts entlassen, wie ein begnadigter Verbrecher, der aus dem Gefängnis tritt und nicht weiss, wohin er gehen soll. Er wird zu Gott geführt, bekommt Gemeinschaft mit seinem Schöpfer geschenkt und wird dann befähigt, diesem Schöpfer aus dem Herzen zu gehorchen. Die Väter wählen ihre Adverbien mit Sorgfalt: Der Gehorsam geschieht »nicht aus knechtischer Furcht, sondern aus kindlicher Liebe und willigem Gemüt«. Die Furcht des Sklaven blickt auf den Herrn und fragt: Was muss ich tun, um der Strafe zu entgehen? Die Liebe des Kindes blickt auf den Vater und fragt: Was darf ich tun, um ihm Freude zu machen? Die äussere Handlung mag dieselbe sein: Sklave und Kind stehen beide frühmorgens auf und arbeiten fleissig. Aber die innere Regung macht den ganzen Unterschied, und dieser Unterschied ist das Geschenk des Geistes der Sohnschaft. Die dritte Bewegung klärt das Verhältnis der beiden Bünde zueinander. Die Väter bestehen darauf, dass alle bisher genannten Segnungen »auch den Gläubigen unter dem Gesetz gemein« waren. Das war keine beiläufige Bemerkung. Es gab in ihren Tagen, und es gibt sie in unseren, Stimmen, die so reden, als hätten die alttestamentlichen Heiligen unter einem Regime nackten gesetzlichen Schreckens gelebt, ihre Annahme bei Gott durch Werke verdient und von der Gnade nichts gewusst. Die Väter verwerfen diese Sicht mit Entschiedenheit. Abraham glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. David pries die Seligkeit des Menschen, dem der Herr die Sünde nicht zurechnet. Die alttestamentlichen Gläubigen waren durch den Glauben gerechtfertigt, als Söhne angenommen, durch den Geist geheiligt und Erben des ewigen Lebens, nicht weniger als wir. Doch die Väter bestehen ebenso auf einer echten Erweiterung unter dem Neuen Bund: Befreiung vom Joch des Zeremonialgesetzes, das die jüdische Kirche in ihrer Unmündigkeit trug; grössere Freudigkeit des Zugangs, weil der Vorhang nun zerrissen ist und der Hohepriester durch die Himmel gegangen ist; und reichere Mitteilungen des freien Geistes, der an Pfingsten in einer Weise und einem Mass ausgegossen wurde, die der alte Bund nur vorschatten konnte. Der Unterschied ist nicht, dass die alttestamentlichen Gläubigen keine Gnade hatten, sondern dass die neutestamentlichen Gläubigen die Gnade in grösserer Klarheit und reicherem Mass geniessen, nachdem die Schatten gewichen sind.

Theologische Tiefe

Calvin hat der christlichen Freiheit im dritten Buch seiner Institutio ein eigenes Kapitel gewidmet und es mit der kühnen Behauptung eingeleitet, ein rechtes Verständnis dieser Lehre sei notwendig, damit das Gewissen nicht in endlosen Skrupeln gefangen bleibe. Für Calvin hat die christliche Freiheit drei Teile, und sie entsprechen dem, was das Bekenntnis später in feste Form giesst: die Freiheit vom verdammenden Urteil des Gesetzes, die Freiheit zum willigen Gehorsam und die Freiheit in den Mitteldingen. Zum ersten Punkt findet Calvin Worte, die den Leser wachrütteln sollen: Die Gewissen der Gläubigen, sagt er, sollen sich, wenn sie ihrer Rechtfertigung vor Gott gewiss werden wollen, über das Gesetz erheben und aller Gesetzesgerechtigkeit vergessen. Er meint damit nicht, der Glaubende solle die sittlichen Weisungen des Gesetzes gering achten. Er meint, in der Frage der Annahme bei Gott habe das Gesetz keine Stimme, ausser dass es uns zu Christus treibt, und sobald wir in Christus sind, ist seine verdammende Stimme für immer verstummt. Das Gewissen, das auch nach der Rechtfertigung noch fragt, ob es genug getan habe, hat noch nicht begriffen, dass Christus alles getan hat. Der Zürcher Reformator Zwingli hatte denselben Punkt bereits ein gutes Jahrhundert vor Westminster mit der ihm eigenen Klarheit auf den Punkt gebracht. In seiner Schrift »Von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit« unterscheidet er zwischen der Gerechtigkeit, die Gott fordert, und der Gerechtigkeit, die Gott schenkt. Die geforderte Gerechtigkeit ist die vollkommene Erfüllung des Gesetzes, und kein gefallener Mensch kann sie leisten. Die geschenkte Gerechtigkeit ist Christus selbst, und sie wird dem Glaubenden durch den Glauben zugeeignet. Wo diese Unterscheidung verloren geht, verliert die Kirche das Evangelium. Zwingli war kein Freund unbedachter Worte, aber hier wurde er ungewöhnlich scharf: Wer die geschenkte Gerechtigkeit mit der geforderten vermischt, der macht aus dem Evangelium ein neues Gesetz und aus der Freiheit eine neue Knechtschaft. Die römische Messe, die Heiligenverehrung, das Ablasswesen, all das waren für Zwingli nicht einfach Missbräuche, die man mit ein wenig Reform beseitigen konnte. Sie waren die logische Konsequenz einer Theologie, die die christliche Freiheit nicht mehr verstand. Wer meint, er müsse zu seiner Rechtfertigung vor Gott etwas hinzutun, was Christus nicht schon getan hat, der wird nie aufhören, neue Gebote zu erfinden und alte mit neuen Bürden zu beladen. Turretin bringt die verschiedenen Aspekte dieser Freiheit in eine systematische Ordnung, indem er zwischen mehreren Arten der Freiheit unterscheidet, die jeweils verschiedenen Aspekten der Erlösung entsprechen. Es gibt die Freiheit der Rechtfertigung: die Befreiung von Schuld und Strafe der Sünde. Es gibt die Freiheit der Heiligung: die Befreiung von der Herrschaft und Macht der Sünde. Es gibt die Freiheit der Annahme an Kindes Statt: den freien Zugang zu Gott als Vater. Und es gibt die Freiheit der Herrlichkeit, die Befreiung von der Gegenwart der Sünde und aller ihrer Folgen. Der erste Abschnitt des Bekenntnisses umfasst alle diese Aspekte. Er beginnt mit der Rechtfertigung, schreitet durch die Heiligung zur Sohnschaft und blickt voraus auf die Herrlichkeit. Der weite Bogen der Aufzählung, von der Befreiung von der Schuld der Sünde bis zur Befreiung von der ewigen Verdammnis, ist mit Bedacht gewählt. Die Väter wollten keinen Gläubigen in dem Irrtum lassen, es gebe einen Winkel seiner Existenz, den die Freiheit Christi nicht erreicht hätte. Derselbe Christus, der ihn vor der Hölle bewahrte, hat ihn von der Herrschaft der Sünde in der Gegenwart befreit und wird ihn eines Tages von der Gegenwart des Leidens im kommenden Äon erlösen. Es gibt keine halbe Freiheit im Evangelium. Die eschatologische Dimension dieser Freiheit hat Vos mit einer Tiefe erschlossen, die den früheren Theologen zwar nicht fremd war, die aber selten mit solcher Kraft entfaltet wurde. Vos besteht darauf, dass die Sprache des Neuen Testaments über die Freiheit immer rückwärts und vorwärts gewandt ist. Der Glaubende ist befreit worden, und doch wartet er auf die Befreiung. Die Erlösung des Leibes, die endgültige Vernichtung des Todes, das Verschlingen der Sterblichkeit vom Leben: Das sind Freiheiten, die durch den Kauf Christi bereits gesichert, aber noch nicht vollständig in die Erfahrung des Glaubenden übergegangen sind. Das Bekenntnis zählt »den Stachel des Todes« und »den Sieg des Grabes« unter den Dingen auf, von denen der Glaubende befreit ist, und doch stirbt der Glaubende noch. Die Freiheit ist wirklich, aber noch nicht vollendet. Das ist kein Mangel des Kaufes. Es ist die Ordnung der Anwendung. Christus hat dem Tod den Stachel genommen, das ist die Sünde, die Schuld, die dem Tod seinen Schrecken gibt, aber er hat den Tod selbst noch nicht abgeschafft. Der Glaubende, der stirbt, tut es im Vertrauen darauf, dass das Grab bereits besiegt ist, dass die Auferstehung Christi die Erstlingsfrucht seiner eigenen ist und dass die Freiheit, die er jetzt teilweise geniesst, ihm eines Tages voll zuteil werden wird. Dieses Ineinander von Schon und Noch-nicht ist keine Schwäche der Lehre von der christlichen Freiheit. Es ist die Struktur des christlichen Lebens zwischen Himmelfahrt und Wiederkunft. Owen, in seiner Abhandlung über die Ertötung der Sünde, liefert den seelsorgerlichen Kommentar zu diesem eschatologischen Rahmen. Er stellt die Frage, die jeder Gläubige in der Hitze der Versuchung gestellt hat: Wenn Christus mich von der Herrschaft der Sünde befreit hat, warum wütet die Sünde dann noch so mächtig in meinen Gliedern? Warum fühle ich mich zuweilen mehr als Gefangener denn als Sieger? Owens Antwort dreht sich um die Unterscheidung zwischen dem Recht der Herrschaft und der Ausübung der Herrschaft. Das Recht der Sünde zu herrschen wurde am Kreuz zunichtegemacht, als die Schuld, die der Sünde ihren Rechtsanspruch über den Sünder verlieh, vollständig gesühnt wurde. Aber die Sünde übt weiterhin eine angemasste, zurückgebliebene Macht im sterblichen Leib des Gläubigen aus, nicht weil sie ein Recht dazu hätte, sondern weil der Gläubige noch nicht vollendet ist und das Werk des Geistes in der Ertötung stufenweise voranschreitet. Die Freiheit, die Christus erworben hat, ist echt. Der Kampf, den sie hervorruft, ist es auch. Der Gläubige soll die Gegenwart des Kampfes nicht als Abwesenheit des Sieges deuten. Dass er überhaupt kämpft, dass er der Sünde widersteht, dass er ihre Gegenwart beklagt und zum Geist um Hilfe schreit, ist der Beweis, dass die Herrschaft gebrochen ist. Ein Sklave kämpft nicht gegen seinen Herrn; er fügt sich. Der Kampf des Gläubigen ist kein Zeichen, dass er noch in Ketten liegt, sondern dass er befreit wurde und nicht willentlich in das Haus der Knechtschaft zurückkehren wird.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Erkenne das ganze Ausmass deiner Freiheit. Was das Bekenntnis im ersten Abschnitt tut, ist kein systematischer Exkurs für Theologiestudenten. Es legt das Inventar deines Erbes aus. Der Glaubende, der nicht weiss, was Christus ihm erworben hat, lebt wie ein reicher Erbe, der den Schlüssel zur Schatzkammer in der Tasche trägt und sein Leben in einer Hütte fristet, weil ihm niemand gesagt hat, dass die Schatzkammer ihm gehört. Er fürchtet den Zorn, der versöhnt ist. Er weicht vor dem Ankläger zurück, der besiegt ist. Er zittert vor dem Grab, dessen Sieg zunichte gemacht ist. Die Schrift ruft uns nicht zu blindem Hoffen auf, wo wir wissen könnten, sondern zu gegründeter Gewissheit. Paulus sagt nicht: Ich hoffe, dass es keine Verdammnis gibt. Er sagt: »So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.« Der Indikativ geht dem Imperativ voraus, und die erste Pflicht des Gläubigen in Bezug auf seine Freiheit ist, sie zu kennen, sie für wirklich zu halten und in ihrem Licht zu leben. Wenn du von der Schuld der Sünde befreit bist, dann lebe nicht, als läge sie noch auf dir. Wenn du von der Herrschaft Satans befreit bist, dann gehorche ihm nicht, als wäre er noch dein Herr. Wenn du vom Stachel des Todes befreit bist, dann fürchte ihn nicht, als könnte er dich noch in die Verdammnis schleudern. Viele aufrichtige Christen verbringen Jahre in einem Kerker, dessen Tür Christus längst geöffnet hat, einfach weil ihnen nie gesagt wurde, dass sie aufstehen und hinausgehen dürfen. Sie verwechseln das Nachhallen des Donners vom Sinai mit dem gegenwärtigen Urteil des Richters und begreifen nicht, dass für den Gerechtfertigten das Gewitter vorüber ist und der Himmel klar. Zweitens: Verwechsle niemals die Freiheit vom Fluch des Gesetzes mit der Freiheit vom Inhalt des Gesetzes. Das Bekenntnis stellt den freien Zugang zu Gott und den Gehorsam aus kindlicher Liebe nebeneinander, weil sie zusammengehören. Der Glaubende, der seine Freiheit als Freibrief für die Sünde missbraucht, hat nicht ein nebensächliches Lehrstück missverstanden. Er hat, wie das Bekenntnis im dritten Abschnitt sagen wird, das Ziel der christlichen Freiheit zerstört. Christus hat uns nicht befreit, damit wir tun, was das Fleisch begehrt. Er hat uns befreit, damit wir ihm dienen ohne Furcht. Als Paulus schreibt: »Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!«, folgt unmittelbar die Warnung: »Ihr aber, liebe Brüder, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern.« Die Freiheit vom Gesetz als Bund ist niemals Freiheit vom Gesetz als Richtschnur. Der Christ, der in Sünde fällt und sich damit beruhigt, er sei ja frei vom Gesetz, gleicht einem entlaufenen Gefangenen, der sein Entkommen dazu nutzt, in ein noch tieferes Verlies zu steigen. Das Sittengesetz Gottes, zusammengefasst in den Zehn Geboten, bleibt der Weg, auf dem die Kinder Gottes wandeln. Der Unterschied ist nicht, dass sie diesen Weg nicht mehr gehen müssen. Der Unterschied ist, dass sie ihn nun gehen dürfen und dass der Geist ihre Füsse lenkt. Drittens: Mache täglich Gebrauch von deiner Freiheit des Zugangs. Das Bekenntnis stellt fest, dass die Gläubigen freien Zugang zu Gott haben und dass dieser Zugang unter dem Neuen Bund durch grössere Freudigkeit gekennzeichnet ist. Doch wie viele Christen leben, als wäre der Weg ins Allerheiligste noch durch einen Vorhang versperrt, den sie nicht zu durchschreiten wagen. Sie nahen sich Gott zögernd, entschuldigend, als drängten sie sich in eine Gegenwart, in der sie kein Recht zu stehen haben. Das Heilmittel ist, den Blick nicht auf die eigene Würdigkeit zu richten, denn die besitzt niemand, sondern auf das Blut, das den Weg geöffnet hat. Der Hebräerbrief sagt nicht: Weil wir nun Würdigkeit haben zum Eingang. Er sagt: »Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freudigkeit haben zum Eingang in das Heiligtum.« Der Grund des Zugangs liegt ganz ausserhalb des Gläubigen, im vollendeten Werk des Mittlers, und darum ist der Zugang so sicher, wie dieses Werk vollständig ist. Der Glaubende, der das verstanden hat, wird mit einer Freiheit beten, die jene verblüfft, die gelernt haben, sich Gott durch menschliche Vermittler zu nahen. Er wird vor den Thron treten, wie ein Kind vor den Vater tritt: nicht anmassend, denn der Vater ist immer noch der König; aber zuversichtlich, denn der König ist nun sein Vater. Das ist kein Hochmut. Es ist Glaube, der Christus beim Wort nimmt, wenn er spricht: »Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei.« Viertens: Unterscheide sorgfältig zwischen der Substanz der christlichen Freiheit, die alle Gläubigen teilen, und den besonderen Vorrechten des Neuen Bundes, die die äusseren Umstände betreffen. Das Bekenntnis ist darin sehr genau: Die wesentlichen Freiheiten, die Befreiung von Schuld, Zorn, Fluch, der freie Zugang zu Gott und der kindliche Gehorsam, gehörten den alttestamentlichen Heiligen genauso wie den neutestamentlichen. Abraham, Mose, David und Jesaja waren keine Bürger zweiter Klasse im Reich Gottes. Sie waren durch Glauben gerechtfertigt, als Söhne angenommen und Erben desselben ewigen Lebens. Die Erweiterung unter dem Neuen Bund ist wirklich, aber es ist eine Erweiterung des Grades, nicht ein Unterschied der Art. Das ist für das Lesen der ganzen Schrift von Bedeutung. Das Alte Testament ist nicht das Protokoll eines gescheiterten Gesetzesweges, von dem das Neue Testament uns erlöst. Es ist die Geschichte desselben Gnadenbundes, verwaltet unter Vorbildern und Schatten. Wenn du liest, wie David schreit: »Tröste mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus«, dann hörst du die Stimme eines Bruders, der dieselbe Freiheit kannte wie du, auch wenn er den Tag Christi aus grösserer Ferne erblickte. Fünftens: Lass die Fülle der Mitteilungen des Geistes zum Gegenstand deines anhaltenden Gebets werden. Das Bekenntnis schliesst den ersten Abschnitt mit dem Hinweis, dass die neutestamentlichen Gläubigen »reichere Mitteilungen des freien Geistes Gottes« empfangen, als die Gläubigen unter dem Gesetz sie gewöhnlich besassen. Das ist keine Feststellung, die man als historische Beobachtung zu den Akten legt. Es ist ein Vorrecht, dem man nachjagen soll. Der Geist wurde an Pfingsten ausgegossen, aber die Wirkungen dieser Ausgiessung werden nicht automatisch von jedem Gläubigen angeeignet. Der Geist ist gegeben, aber er will gesucht sein. Der Gläubige, der mit einem fernen Gottesgefühl, einem formellen Gebetsleben und einem lauen Gehorsam lebt, hat die Vorkehrungen des Geistes nicht ausgeschöpft; er hat sie vernachlässigt. Die Mitteilungen des Geistes sind immer reicher als unsere Erfahrung von ihnen, und die Lücke zwischen dem Verfügbaren und dem Genossenen wird durch Gebet geschlossen. Bitte um des Geistes volleres Werk. Bitte um die Freudigkeit des Zugangs, die zu wirken er gesandt wurde. Bitte um die kindliche Liebe, die die knechtische Furcht überwindet. Bitte um das willige Gemüt, das am Gesetz Gottes nach dem inwendigen Menschen Freude hat. Das sind keine aussergewöhnlichen Gaben, die Aposteln und Märtyrern vorbehalten wären. Es sind die normalen Vorrechte des neuen Bundes, von Christus erworben und vom Geist zugeeignet, und sie werden jedem Gläubigen angeboten, der im Glauben bittet. Sechstens: Schau auf das Kreuz, wenn die alte Knechtschaft zurückzukehren droht. Es gibt Stunden, in denen die alte Furcht wieder ihre Stimme erhebt, in denen der Ankläger dir die Sünden vorhält, die du begangen hast, und dir einflüstert, die Freiheit sei für Heilige, nicht für solche wie dich. In diesen Stunden hilft kein Blick auf das eigene Herz, denn das eigene Herz ist ein unzuverlässiger Zeuge. Es hilft nur der Blick auf das Kreuz. Am Kreuz wurde der Fluch getragen. Am Kreuz wurde die Schuld bezahlt. Am Kreuz wurde der Schuldschein zerrissen, der mit seinen Forderungen gegen uns war. Der Satan mag ein gewaltiger Ankläger sein, und was er vorbringt, mag leider allzu wahr sein. Aber gegen den gekreuzigten und auferstandenen Christus hat er keinen Rechtsanspruch mehr. Der Gläubige, der dies weiss und dennoch zittert, tut nicht Demut, sondern Zweifel an der Genugtuung Christi. Nicht deine Reue macht die Freiheit gültig. Nicht dein Glaube macht das Kreuz wirksam. Das Kreuz steht, und es steht für dich, ob du es fühlst oder nicht. Die Gewissheit der Freiheit ruht nicht auf der Echtheit deiner Busse, sondern auf der Wirklichkeit seines Todes.

Gebet

Herr Jesus Christus, du Sohn des lebendigen Gottes, wir preisen dich für die Freiheit, die du uns am Kreuz erworben hast, als du unsere Schuld auf dich nahmst und den Fluch trugst, der auf uns lag. Du bist zur Sünde gemacht worden, damit wir in dir die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt. Du hast die Mächte der Finsternis entwaffnet und sie öffentlich zur Schau gestellt, als du über sie triumphiert hast. Dir sei Lob und Dank in Ewigkeit. Himmlischer Vater, wir danken dir, dass du uns nicht nur die Schuld vergeben, sondern uns auch an Kindes Statt angenommen hast. Du hast uns aus dem Kerker der Verdammnis geholt und in den Saal deines Hauses geführt. Du hast uns den Geist der Sohnschaft geschenkt, der in unseren Herzen schreit: Abba, lieber Vater. Lehre uns, in dieser Freiheit zu stehen und uns nicht wieder unter das Joch der Knechtschaft zu begeben. Heiliger Geist, du Tröster und Fürsprecher der Gemeinde, wir bitten dich: Lass uns die Freiheit, die Christus erworben hat, nicht nur mit dem Verstand begreifen, sondern im Herzen schmecken. Wo die alte Furcht zurückkriecht, erinnere uns an das vollbrachte Werk. Wo die Sünde sich wieder zur Herrschaft aufschwingen will, zeige uns den Sieg des Kreuzes. Wo das Gewissen anklagt, tröste uns mit der Gerechtigkeit, die nicht unsere eigene ist, sondern die deines Sohnes, uns zugerechnet durch den Glauben. Gib uns die Freudigkeit, vor deinen Thron zu treten, nicht auf Grund unserer Würdigkeit, sondern auf Grund des Blutes, das den Weg gebahnt hat. Lass unser Gebet nicht das ängstliche Stammeln von Knechten sein, die den Herrn fürchten, sondern das vertraute Reden von Kindern, die den Vater lieben. Und leite uns auf dem Weg deiner Gebote, nicht mit der Peitsche der Drohung, sondern mit dem sanften Zug deiner Liebe. In der Stunde der Anfechtung, wenn der Widersacher uns anklagt und der Tod uns ins Angesicht starrt, lass uns festhalten an dem Wort, das du gesprochen hast: dass der Tod seinen Stachel verloren hat, weil die Sünde vergeben ist, und dass das Grab seinen Sieg eingebüsst hat, weil Christus auferstanden ist. Lass uns leben als Menschen, die wissen, dass ihnen die Freiheit geschenkt wurde, nicht als Vorwand für das Fleisch, sondern als Antrieb zur Liebe. Und bewahre uns bis an jenen Tag, an dem die Freiheit vollkommen sein wird, wenn wir dich sehen werden, wie du bist, und die Knechtschaft der Sünde, des Teufels und des Todes für immer hinter uns liegt. Durch Jesus Christus, unseren Herrn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
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