Andacht 104 von 171

Freiheit des Gewissens: Menschensatzungen dürfen nicht auferlegt werden

Ch.20: Of Christian Liberty and Liberty of Conscience — Abschnitt 3 • 2026-08-09 • 31 min
Die unter dem Vorwand der christlichen Freiheit irgendeine Sünde begehen oder irgendeiner bösen Lust nachhängen, zerstören dadurch den Zweck der christlichen Freiheit. Dieser besteht darin, dass wir, aus der Hand unserer Feinde befreit, dem Herrn ohne Furcht dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor ihm alle Tage unseres Lebens.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 20, Abschnitt 3

Einleitung

Es gibt einen absurden Anblick, den die alte Welt kannte: ein freigelassener Sklave, der am Morgen die Urkunde seiner Befreiung in Händen hielt und am Abend freiwillig in das Haus seines früheren Herrn zurückkehrte, um dort weiter die Ketten zu tragen, von denen er eben gelöst worden war. Die römischen Juristen hatten einen Begriff dafür — sie nannten es einen Widersinn, einen Hohn auf das Gesetz selbst. Und doch, lieber Hörer, ist dieser absurde Anblick keine Seltenheit unter denen, die sich Christen nennen. Wir haben in den ersten beiden Abschnitten dieses Kapitels die Herrlichkeit der christlichen Freiheit betrachtet. Welch ein Jubel: Christus hat uns befreit von der Schuld der Sünde, vom Fluch des Gesetzes, vom Zorn Gottes, von der Herrschaft Satans, von der Macht des Todes, von der ewigen Verdammnis. Und dann diese zweite, nicht weniger herrliche Wahrheit: Gott allein ist Herr des Gewissens. Kein Papst, kein Konzil, keine menschliche Satzung kann uns ein Joch auferlegen, das er nicht selbst geboten hat. Doch nun, in Abschnitt drei, wendet sich das Bekenntnis einem düsteren Missbrauch zu. Er ist so alt wie die Verkündigung der Gnade selbst. Kaum hatte Paulus die Rechtfertigung allein aus Glauben gepredigt, da erhoben sich Stimmen, die fragten: »Sollen wir in der Sünde verharren, damit die Gnade umso mächtiger werde?« Die Frage war nicht theoretisch. Es gab Menschen, die aus der Botschaft der Freiheit einen Freibrief für das Fleisch machten. Sie verdrehten die köstlichste Wahrheit des Evangeliums in eine Entschuldigung für eben jene Sünde, von der Christus sie mit seinem Blut erkauft hatte. Die Westminster-Väter kannten diesen Missbrauch. Sie lebten in einem Jahrhundert, in dem die Verwirrung über das Verhältnis von Gesetz und Evangelium, von Freiheit und Gehorsam verheerende Früchte trug. Auf der einen Seite stand Rom, das den Gläubigen unzählige menschliche Satzungen auferlegte und das Gewissen mit selbstgemachten Geboten knechtete. Auf der anderen Seite aber stand eine nicht weniger gefährliche Bewegung: jene, die aus der reformatorischen Entdeckung der Freiheit die völlige Lösung von jedem sittlichen Anspruch ableiteten. Sie lehrten, der Christ sei so vollkommen frei, dass ihm keine Sünde mehr zugerechnet werde, ganz gleich, wie er lebe. Die Sünde im Gläubigen, so sagten sie, sei gar keine Sünde mehr, weil Gott nur noch Christus in ihm sehe. Gegen diese Entstellung und gegen die immerwährende Neigung des menschlichen Herzens, Gnade in Zügellosigkeit zu verkehren, richtet sich unser Abschnitt. Er tut es mit der kühlen Präzision eines juristischen Urteils und zugleich mit dem heiligen Ernst eines Prophetenwortes. Die zentrale Wahrheit, um die sich alles dreht, ist der »Zweck« der christlichen Freiheit. Freiheit ist nie nur Freiheit von etwas. Sie ist immer Freiheit zu etwas. Wer das vergisst, hat sie bereits verloren.

Die biblischen Grundlagen

Der Schöpfungsbericht der Genesis kennt das Wort »Freiheit« nicht; die Propheten Israels gebrauchen es nur selten. Erst das Neue Testament bringt es in die Mitte der frohen Botschaft. Und es tut dies mit einer Sorgfalt, die jeden Missbrauch von vornherein ausschliesst. Betrachten wir die zentralen Texte, die dem Bekenntnisabschnitt zugrunde liegen. Als der Priester Zacharias nach neun Monaten des Schweigens endlich den Mund auftut, strömt aus ihm nicht das erwartete Vaterglück, sondern ein prophetischer Lobgesang, der die gesamte Heilsgeschichte zusammenfasst. Er preist den Gott Israels, der sein Volk besucht und erlöst hat, und dann spricht er den Satz aus, der zum Leitvers unseres Abschnitts wurde: »Dass wir, erlöst aus der Hand unserer Feinde, ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.« Achten wir auf die Reihenfolge. Zuerst die Erlösung, dann der Dienst. Zuerst die Befreiung aus der Hand der Feinde, dann der heilige Wandel. Zacharias stellt beides so eng zusammen, dass das eine das Ziel des anderen ist. Das griechische Wort für »dienen«, das Lukas hier gebraucht, ist nicht das gewöhnliche douleuein, der Sklavendienst, sondern latreuein: der Gottesdienst, der priesterliche Dienst im Heiligtum. Die Befreiung hat ein Ziel, und dieses Ziel ist Anbetung. Nicht Anbetung als eine Stunde am Sonntag, sondern als die Ausrichtung des ganzen Lebens auf Gott hin, »unser Leben lang«, »alle Tage unseres Lebens«, wie das Bekenntnis mit Bedacht wiederholt. Der Apostel Paulus hat diesen Zusammenhang mit einer Schärfe verteidigt, die uns heute fast unangenehm ist. Im sechsten Kapitel des Römerbriefs stellt er sich selbst die Frage des Missbrauchs: »Was wollen wir nun hierzu sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade umso mächtiger werde?« Und dann folgt der schärfste Ausdruck der Ablehnung, den die griechische Sprache kennt: mē genoito — »Das sei ferne!«, »Auf keinen Fall!«, »Gott bewahre!«. Nicht eine differenzierte Abwägung, nicht ein ausgewogenes Pro und Contra, sondern ein einziger Aufschrei des Entsetzens. Die Begründung, die Paulus gibt, ist nicht moralisch, sondern ontologisch. Sie betrifft das Sein des Christen, nicht nur sein Tun: »Wie sollten wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind?« In der Taufe sind wir mit Christus begraben. Wir sind tot für die Sünde. Ein Toter kann nicht mehr sündigen, nicht weil er sich anstrengt, es zu lassen, sondern weil er tot ist. Wer also die Freiheit zum Sündigen nutzt, beweist damit, dass er die grundlegende Wirklichkeit des Christseins nie begriffen hat. Er lebt, als wäre Christus nicht gestorben und er nicht mit ihm. Doch Paulus lässt nicht locker. Er weiss, wie listig das menschliche Herz ist, und darum stellt er dieselbe Frage später noch einmal, diesmal mit einer anderen Nuance: »Wie nun? Sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne!« Hier geht es nicht mehr um die Frage, ob die Sünde die Gnade mehrt, sondern ob die Gnade die Sünde erlaubt. Der Gedankengang ist subtiler und darum gefährlicher: Wenn uns das Gesetz nicht mehr verdammt, wenn wir unter der Gnade stehen, ist die Sünde dann nicht folgenlos? Darf man sich nicht ein wenig Freiheit gönnen? Wieder dieselbe donnernde Ablehnung: mē genoito. Und wieder eine ontologische Erklärung: »Wisst ihr nicht: wem ihr euch zu Knechten macht, um ihm zu gehorchen, dessen Knechte seid ihr und dem gehorcht ihr — es sei der Sünde zum Tode oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit?« Hier enthüllt Paulus die grosse Täuschung. Der Mensch, der meint, seine Freiheit durch die Sünde auszuleben, ist in Wahrheit ein Sklave. Es gibt keine neutrale Freiheit. Wir dienen immer jemandem. Die Frage ist nur, wem. Im Galaterbrief bringt Paulus die Sache auf eine kurze, einprägsame Formel: »Ihr aber, liebe Brüder, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern.« Das Wort »Raum geben«, aphormē, ist ein militärischer Begriff. Es bezeichnet den Ausgangspunkt für einen Feldzug, die Basis, von der aus eine Armee operiert. Paulus warnt: Macht die Freiheit nicht zum Brückenkopf, von dem aus das Fleisch in euer Leben einfällt. Die Freiheit, die euch geschenkt ist, soll nicht der Feind besetzen und gegen euch verwenden. Und dann, fast beiläufig, zeigt er den einzig legitimen Gebrauch der Freiheit: »durch die Liebe diene einer dem andern.« Das Wort für »dienen« ist hier wieder das Sklavenwort douleuein. Paulus scheut sich nicht vor dem Paradox: Ihr seid Freie, ihr sollt Sklaven sein. Aber nicht Sklaven der Sünde, nicht Sklaven von Menschensatzungen, sondern Sklaven der Liebe. Einer dem anderen. Das ist die christliche Freiheit: dass ich nicht mehr mir selbst gehöre, auch nicht dem Gesetz, sondern Christus und darum den Brüdern. Petrus greift dasselbe Bild auf, wenn er schreibt: »Als Freie und nicht als hättet ihr die Freiheit zum Deckmantel der Bosheit, sondern als Knechte Gottes.« Das griechische Wort für »Deckmantel«, epikalumma, bezeichnet einen Schleier, eine Verhüllung, etwas, das man über eine hässliche Sache breitet, um sie ansehnlich zu machen. Petrus weiss: Die Bosheit sucht sich gern ein frommes Gewand. Sie nennt sich gern »Freiheit«. Sie beruft sich auf das Evangelium, auf die Reformation, auf die Rechtfertigung allein aus Glauben. Aber sie ist und bleibt Bosheit. Die Freiheit, die Christus schenkt, ist kein Vorhang, hinter dem man die Sünde versteckt. Sie ist das Licht, in dem alle Finsternis sichtbar wird. Eine der schönsten Zusammenfassungen des ganzen Zusammenhangs gibt Paulus im Titusbrief. Er spricht von der Gnade Gottes, die erschienen ist, und dann fährt er fort: »Sie erzieht uns, dass wir das ungöttliche Wesen und die weltlichen Begierden verleugnen und besonnen, gerecht und gottselig in dieser Welt leben und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des grossen Gottes und unseres Heilandes Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken.« Die Gnade ist ein Erzieher. Das griechische paideuousa meint eine umfassende Formung des ganzen Menschen, nicht nur Unterweisung, sondern Zucht, Charakterbildung, das Heranwachsen zur Reife. Und beachten wir das Ziel: Christus hat sich selbst gegeben, »damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken.« Die Erlösung zielt auf Reinigung, und die Reinigung auf ein Volk, das vor Eifer brennt, Gutes zu tun. Nicht Werke als Bedingung der Rettung, aber Werke als ihre unausweichliche Frucht. Nicht gute Werke als Grund des Heils, aber als sein sichtbarer Beweis.

Was die Westminster-Väter meinten

Das siebzehnte Jahrhundert, in dem die Westminster-Väter tagten, war eine Zeit erbitterter geistlicher Auseinandersetzungen. Die reformatorische Wiederentdeckung der Rechtfertigung allein aus Glauben hatte dem mittelalterlichen System der Werkgerechtigkeit den Boden entzogen. Doch kaum war die eine Schlacht geschlagen, da tauchte aus den eigenen Reihen ein neuer Gegner auf, den die Väter für nicht weniger gefährlich hielten: der Antinomismus. Der Name sagt es bereits: anti-nomos, gegen das Gesetz. In England hatten Prediger wie Tobias Crisp und John Eaton gelehrt, der Gläubige sei so vollkommen mit Christus vereint, dass Gott in ihm gar keine Sünde mehr sehe. Das Gesetz habe für den Christen keinerlei verpflichtende Kraft mehr, weder als Ankläger noch als Richtschnur. Wer diese Freiheit erkannt habe, könne getrost sündigen; die Sünde könne ihm nicht schaden, weil Christus sie alle getragen habe. Manche gingen so weit zu behaupten, die bewusste Sünde des Gläubigen gereiche Gott zu grösserer Ehre, weil sie seine Gnade umso heller leuchten lasse. Das war nicht nur ein theoretischer Irrtum. Wo immer solche Lehren Fuss fassten, folgte moralische Verwüstung. Gemeinden zerbrachen. Der Name Christi wurde verlästert. Die Feinde der Reformation frohlockten: »Seht, wohin die Rechtfertigungslehre führt: zur Zügellosigkeit!« Die Westminster-Väter erkannten die Dringlichkeit der Sache. Der dritte Abschnitt des zwanzigsten Kapitels ist ihre präzise, theologische Antwort auf diese Verirrung. Sie tun dabei etwas, das alle grosse Theologie kennzeichnet: Sie gehen hinter die Kontroverse zurück auf die biblische Grundlage und fragen nach dem Zweck, dem finis, dem telos der christlichen Freiheit. Der Aufbau des Abschnitts ist sorgfältig kalkuliert. Zuerst benennt er die Täter: »Die unter dem Vorwand der christlichen Freiheit irgendeine Sünde begehen oder irgendeiner bösen Lust nachhängen.« Die Worte sind genau gewählt. Es geht nicht nur um die äussere Tat, »irgendeine Sünde begehen«, sondern auch um die innere Haltung: »irgendeiner bösen Lust nachhängen«. Der antinomistische Irrtum beginnt im Herzen, lange bevor er sich im Handeln zeigt. Wer eine Sünde in Gedanken hegt und pflegt, wer sich an ihr freut, statt sie zu hassen, der praktiziert bereits, was dieser Abschnitt verurteilt. Sodann das harte Urteil: Sie »zerstören dadurch den Zweck der christlichen Freiheit«. Das Verb, das in der lateinischen Fassung steht, destruunt, bedeutet nicht nur »verfehlen« oder »verwirken«. Es meint ein aktives Niederreissen, ein Demolieren. Wer die Freiheit zur Sünde missbraucht, reisst das Gebäude ein, das Christus mit seinem Blut errichtet hat. Er macht das Heilswerk zunichte, nicht in dem Sinne, dass er seine eigene Errettung verlieren könnte, aber in dem Sinne, dass er das Ziel, zu dem er berufen ist, verfehlt und vor der Welt verhöhnt. Dann folgt der entscheidende Satz, der das positive Ziel benennt. Die Väter greifen dabei nicht auf eine dogmatische Abhandlung zurück, sondern auf den Lobgesang des Zacharias aus Lukas 1, Vers 74 und 75. Der Zweck der Freiheit ist: »dass wir, aus der Hand unserer Feinde befreit, dem Herrn ohne Furcht dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor ihm alle Tage unseres Lebens.« Jedes Wort ist mit Bedacht gewählt. »Aus der Hand unserer Feinde befreit«. Das fasst die negative Seite der Freiheit zusammen, die in Abschnitt 1 ausführlich entfaltet wurde: Freiheit von Schuld, Fluch, Satans Herrschaft, Tod und Verdammnis. Aber diese Befreiung ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Sie ist das Tor, nicht das Haus. Sie ist der Auszug aus Ägypten, nicht das Gelobte Land. »Dem Herrn ohne Furcht dienen«. Das ist die grosse Verheissung. Der Dienst, den wir Gott leisten, geschieht nicht mehr unter dem drohenden Fluch des Gesetzes. Es ist kein Sklavendienst, der aus Angst vor Strafe geleistet wird, sondern ein Kindesdienst, der aus Dankbarkeit fliesst. Aber es ist Dienst. Wer die Freiheit so versteht, dass er keinen Herrn mehr hat, hat sie missverstanden. Der Christ hat den Herrn gewechselt, nicht die Herren abgeschafft. »In Heiligkeit und Gerechtigkeit vor ihm«. Das ist der Wandel, den die Freiheit hervorbringt. Die beiden Worte umfassen die ganze Breite des christlichen Lebens: Heiligkeit (hosiotēs) meint die Reinheit des Herzens, die Absonderung für Gott, die innere Hingabe. Gerechtigkeit (dikaiosynē) meint das rechte Handeln gegenüber den Mitmenschen, die Erfüllung der Gebote der zweiten Tafel. Zusammen beschreiben sie ein Leben, das in jeder Hinsicht Gott wohlgefällig ist. Und schliesslich: »alle Tage unseres Lebens«. Kein Sonntag, kein Feiertag, keine geistliche Hochstimmung ist ausgenommen. Die Freiheit gilt für den Montagmorgen ebenso wie für die Sabbatstunde. Wer meint, er könne unter der Woche nach den Massstäben der Welt leben und am Sonntag in die Freiheit der Kinder Gottes zurückkehren, hat beides nicht begriffen.

Theologische Tiefe

Die reformierte Theologie hat sich von Anfang an gegen beide Irrwege abgegrenzt: gegen den gesetzlichen Missbrauch der Freiheit durch Menschensatzungen und gegen den zügellosen Missbrauch durch die vermeintliche Freiheit zur Sünde. Beide Irrwege entspringen derselben Wurzel, dem Unverständnis darüber, was Freiheit im biblischen Sinne überhaupt ist. Calvin behandelt die christliche Freiheit im neunzehnten Kapitel des dritten Buches seiner Institutio. Er tut dies mit der ihm eigenen Klarheit und Unterscheidungsgabe. Freiheit, so Calvin, ist kein Freibrief für das Fleisch, sondern die Befreiung des Gewissens vor Gott. Sie hat drei Teile: erstens die Freiheit vom Urteil des Gesetzes, die Rechtfertigung; zweitens die Freiheit zum willigen Gehorsam, die Heiligung; und drittens die Freiheit in den Mitteldingen, die adiaphora. Keiner dieser drei Teile erlaubt die Sünde. Im Gegenteil: Wer die Freiheit vom Urteil des Gesetzes wirklich besitzt, dessen Herz wird mit einer neuen, freudigen Liebe zum Gesetz erfüllt. Er gehorcht nicht mehr aus Angst, sondern aus Dankbarkeit. Der Gehorsam bleibt. Nur der Beweggrund ändert sich. Bullinger, der Zürcher Bundestheologe, hat diesen Zusammenhang in seinen Dekaden mit einem einprägsamen Bild verdeutlicht. Der Bund Gottes, so Bullinger, gleicht der Befreiung Israels aus Ägypten. Zuerst die Erlösungstat: »Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.« Und dann, auf dieser Grundlage, die Gebote. Nicht umgekehrt. Nicht: Halte die Gebote, damit ich dich erlöse. Sondern: Ich habe dich erlöst. Darum halte die Gebote. Die Freiheit geht dem Gehorsam voraus, aber sie macht ihn nicht überflüssig, sondern begründet ihn. Wer nach der Befreiung aus Ägypten zu den Fleischtöpfen zurückkehren will, hat den Sinn der Befreiung nicht verstanden. Thomas Watson, der englische Puritaner, hat eine Einsicht formuliert, die dem antinomistischen Irrtum mit unbestechlicher Logik den Boden entzieht. »Die Sünde in einem Gläubigen«, so Watson, »ist schlimmer als die Sünde in einem Ungläubigen.« Warum? Weil der Gläubige gegen mehr Licht sündigt, gegen mehr Liebe, gegen mehr erfahrene Barmherzigkeit. Der Ungläubige weiss nicht, wovon er erlöst wurde. Der Gläubige weiss es. Der Ungläubige hat die Kosten der Erlösung nie ermessen. Der Gläubige hat das Kreuz gesehen. Wenn er dennoch sündigt, tut er es mit sehenden Augen, und damit ist seine Sünde schwerer, nicht leichter, als die des Unwissenden. Die Gnade verringert die Schuld nicht; sie vergrössert sie, wo sie mit Füssen getreten wird. Turretin, der Genfer Scholastiker, hat die begriffliche Unterscheidung zwischen Freiheit und Zügellosigkeit mit scholastischer Präzision herausgearbeitet. Libertas, die wahre Freiheit, ist das Recht und die Fähigkeit, das Gute zu tun, nicht das Böse. Licentia, die Zügellosigkeit, ist der Missbrauch der Freiheit, das moralische Chaos. Die beiden sind nicht graduell, sondern wesentlich verschieden. Das eine ist die Gesundheit der Seele, das andere ihre Krankheit. Wer Freiheit und Zügellosigkeit verwechselt, gleicht einem Kranken, der sein Fieber für Lebenskraft hält. Besonders hilfreich ist Turretins Beobachtung, dass die Schrift das Wort »Freiheit« fast immer mit einem Genitiv der Beziehung versieht. Es gibt keine abstrakte, inhaltsleere Freiheit. Es gibt nur die Freiheit von etwas und zu etwas. Die Schrift spricht von der Freiheit von der Sünde, von der Freiheit vom Gesetz als anklagender Macht, von der Freiheit des Geistes, von der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Nie aber spricht sie von einer Freiheit zu sündigen. Das wäre ein Widerspruch in sich selbst, denn die Sünde ist ihrem Wesen nach Knechtschaft. Wer von der Sünde frei ist, ist eben darum nicht frei zur Sünde. Wilhelmus à Brakel, der niederländische Theologe der Nadere Reformatie, hat in seinem Hauptwerk »Der vernünftige Gottesdienst« vier Merkmale der echten christlichen Freiheit zusammengestellt, die bis heute als Prüfstein dienen können. Das erste Merkmal: Die wahre Freiheit hat Freude am Gesetz Gottes. Der freie Christ liest die Gebote nicht als Drohung, sondern als Wegweisung des Vaters. Das zweite Merkmal: Die wahre Freiheit trauert über die Sünde. Sie nimmt sie nicht leicht, sie entschuldigt sie nicht, sie verbirgt sie nicht unter einem »Deckmantel«. Das dritte Merkmal: Die wahre Freiheit wandelt vorsichtig. Sie weiss um die List des Herzens und die Macht der Versuchung. Sie prüft sich selbst, sie wacht, sie betet. Das vierte Merkmal: Die wahre Freiheit bringt Liebe hervor. Sie dient dem Nächsten, sie sucht nicht das Ihre, sie ist bereit, auf eigenes Recht zu verzichten, um den schwachen Bruder nicht zu Fall zu bringen. Wer diese vier Merkmale bei sich vermisst und sich dennoch seiner christlichen Freiheit rühmt, betrügt sich selbst, so à Brakels ernste Warnung. Er hat nicht die Freiheit Christi, sondern eine selbstgemachte Karikatur. Ein Letztes, das die reformierte Theologie mit besonderem Nachdruck betont: Die christliche Freiheit ist kein Zustand, den wir in uns selbst vorfinden. Sie ist eine Gabe, die uns in Christus geschenkt ist und die wir nur in der Gemeinschaft mit ihm besitzen. Wer die Verbindung zu Christus löst und meint, die Freiheit gleichsam als ablösbares Gut mitnehmen zu können, hat sie bereits verloren. Die Rebe, die sich vom Weinstock trennt, verdorrt, und mit ihr jede Frucht, die sie zu tragen meint. Darum ist das Bleiben in Christus, das Hören auf sein Wort, das Leben im Gebet und in der Gemeinschaft der Heiligen kein Zusatz zur Freiheit, den man auch weglassen könnte; es ist die Lebensluft, in der allein die Freiheit atmen kann.

Anwendung für das reformierte Leben

Die Lehre dieses Abschnitts ist kein theologisches Glasperlenspiel. Sie betrifft jeden von uns, Tag für Tag, im stillen Kämmerlein ebenso wie in der Gemeinde, in den Entscheidungen des Alltags ebenso wie in den Anfechtungen des Herzens. Lasst uns die Wahrheit auf sechs konkrete Anwendungen zuspitzen. Erstens: Prüfe deine Freiheit an ihrer Frucht. Der Herr Jesus hat gesagt: »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.« Dieser Massstab gilt nicht nur für falsche Propheten; er gilt auch für falsche Freiheit. Frage dich ehrlich: Wohin führt dich deine Freiheit? Führt sie dich näher zu Christus oder weiter von ihm weg? Führt sie dich tiefer in die Schrift oder machst du die Schrift deiner vermeintlichen Freiheit gefügig? Führt sie dich in die Gemeinschaft der Heiligen oder isoliert sie dich, weil die Geschwister deinen Lebensstil nicht verstehen? Führt sie dich zur Heiligung oder zur Gleichgültigkeit gegenüber der Sünde? Eine Freiheit, deren Früchte Hochmut, Lieblosigkeit, Unreinheit oder Gleichgültigkeit gegenüber Gottes Geboten sind, ist nicht die Freiheit des Evangeliums, ganz gleich, mit wie vielen Bibelversen sie sich schmückt. Sie ist die alte Schlange in neuem Gewand, die dir zuflüstert, was sie schon Eva zuflüsterte: »Ihr werdet sein wie Gott.« Aber du wirst nicht sein wie Gott. Du wirst ein Sklave sein, der sich einredet, er sei ein König. Zweitens: Die gefährlichste Sünde ist die gerechtfertigte Sünde. Es gibt kaum etwas Erschreckenderes als einen Menschen, der seine Sünde mit der Bibel in der Hand verteidigt. Der sagt: »Ich stehe unter der Gnade«, und dabei die Gnade dazu benutzt, sein Gewissen zu betäuben. Der sagt: »Christus hat für meine Sünden bezahlt«, und dabei vergisst, dass Christus ihn auch von den Sünden erlösen will, nicht nur von ihren Folgen. Die Sünde, die sich fromm bemäntelt, ist doppelt gefährlich: Sie versperrt den Weg zur Busse, weil sie sich selbst nicht als Sünde erkennt, und sie lästert den Namen dessen, auf den sie sich beruft. Der Herr Christus ist nicht gekommen, um ein Diener der Sünde zu sein. Er ist gekommen, um die Werke des Teufels zu zerstören, nicht, um sie zu beschönigen. Wer seine Sünde mit dem Evangelium rechtfertigt, macht das Heilmittel zur Krankheit und den Arzt zum Komplizen. Drittens: Wahre Freiheit ist gebundene Freiheit. Der freiste Mensch, den die Welt je gesehen hat, sass nicht auf einem Thron. Er hing an einem Kreuz. Und in dem Augenblick, in dem er am gebundensten war, mit Nägeln an ein Stück Holz geheftet, war er am freiesten: frei zum Gehorsam bis zum Tod, frei zur Liebe, die mehr gibt, als das Gesetz je fordern könnte. Unsere Freiheit ist von derselben Art. Sie ist nicht die Abwesenheit aller Bindungen, sondern das rechte Gebundensein. Der Fisch ist frei im Wasser, nicht auf dem Trockenen. Der Vogel ist frei in der Luft, nicht unter Wasser. Und der Christ ist frei in den Geboten Gottes, nicht ausserhalb ihrer. Der Psalmist, der in den Satzungen Gottes seine Lust fand, war kein gesetzlicher Knecht; er war ein freier Mann, der das Element gefunden hatte, für das seine Seele geschaffen war. Viertens: Die Heiligung ist der Zweck der Rechtfertigung, nicht ihr Preis, aber ihre Frucht. Es gibt eine fromm klingende Redeweise, die sagt: »Ich vertraue auf Christi Gerechtigkeit allein. Auf meine Heiligung kommt es nicht an.« Das klingt demütig und ist doch hochmütig, klingt biblisch und ist doch verhängnisvoll. Gewiss: Wir werden nicht durch unsere Heiligung gerechtfertigt, sondern durch Christi Gerechtigkeit allein. Aber wer gerechtfertigt ist, der wird geheiligt. Wer beides trennt, hat weder das eine noch das andere. Der Heidelberger Katechismus stellt die Frage mit grosser Klarheit: »Warum sollen wir gute Werke tun?« Und er antwortet nicht: »Damit wir gerettet werden«, sondern: »Weil Christus, nachdem er uns mit seinem Blut erkauft hat, uns auch durch seinen Heiligen Geist zu seinem Ebenbild erneuert, damit wir mit unserem ganzen Leben uns dankbar gegen Gott für seine Wohltaten erweisen und er durch uns gepriesen werde.« Die guten Werke fliessen aus der Dankbarkeit, und wo keine Dankbarkeit ist, da war auch keine Erlösung. Fünftens: Der Kampf gegen die Sünde ist ein Zeichen der Freiheit, nicht der Knechtschaft. Viele geplagte Seelen beunruhigt der Gedanke: Wenn ich wirklich frei wäre, würde mich die Sünde nicht mehr anfechten. Aber die Schrift lehrt das Gegenteil. Der Sklave kämpft nicht gegen seinen Herrn, er gehorcht ihm. Erst der Freigelassene führt Krieg gegen den, der ihn einst gefangen hielt. Dass du die Sünde als Feind empfindest, dass du gegen sie streitest, dass du unter ihr seufzt, das ist nicht das Zeichen der Niederlage, sondern des Sieges, der in Christus bereits errungen ist und nun in dir ausgetragen wird. Owen hat es treffend formuliert: Der Gläubige hat das Recht der Herrschaft der Sünde verloren, aber er kämpft noch mit ihrer Macht. Dass dieser Kampf tobt, ist nicht das Problem, sondern der Beweis, dass der Ausgang des Krieges bereits entschieden ist. Ein toter Feind kämpft nicht mehr. Dass die Sünde noch kämpft, heisst nicht, dass Christus nicht gesiegt hat; es heisst, dass die alte Schlange ihre Todeszuckungen in deinem Fleisch austrägt. Sechstens: Deine Freiheit ist grösser, als du denkst, und teurer, als du ermessen kannst. Zwei Irrtümer lauern auf uns. Der eine macht die Freiheit klein und meint, sie sei kaum der Rede wert: ein wenig Seelenfrieden, ein wenig Trost im Leid, ein wenig Hoffnung über den Tod hinaus. Der andere macht sie billig und meint, sie koste ja nichts, weil Christus ja alles bezahlt habe. Beide Irrtümer verkennen, was am Kreuz geschah. Die Freiheit, die dir geschenkt ist, ist grösser, als dein Herz es fassen kann. Sie umfasst Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit. Sie reicht vom Thronsaal Gottes bis in die verborgenste Kammer deines Gewissens. Sie ist der Vorgeschmack der neuen Schöpfung, in der keine Sünde mehr sein wird, kein Tod, kein Leid, kein Geschrei. Und zugleich ist sie das Teuerste, was je bezahlt wurde. Der Apostel Petrus schreibt: »Ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.« Wer dieses Blut mit Füssen tritt und sich der Sünde zuwendet, für die Christus gestorben ist, der tut etwas, das kein menschliches Mass ermessen kann. Er macht sich mitschuldig an dem Leib und Blut des Herrn. Darum, lieber Hörer: Lass dir deine Freiheit nicht stehlen, weder von denen, die dir ein menschliches Joch auferlegen wollen, noch von deinem eigenen Fleisch, das sie in Zügellosigkeit verkehren möchte. Bewahre sie, wie du einen kostbaren Schatz bewahrst. Lebe aus ihr, wie ein Baum aus seiner Wurzel lebt. Und denke daran: Der Zweck deiner Freiheit ist nicht dein eigenes Wohlbefinden, sondern der heilige, furchtlose Dienst vor dem Angesicht dessen, der dich erkauft hat, alle Tage deines Lebens.

Gebet

Herr Jesus Christus, du grosser Befreier deines Volkes, wir preisen dich für das Wunder unserer Freiheit. Du hast uns losgekauft vom Fluch des Gesetzes, von der Macht der Finsternis, von der Herrschaft des Todes — und du hast uns zu deinem Eigentum gemacht, zu Königen und Priestern vor Gott, deinem Vater. Wir bekennen: Wie wenig begreifen wir, was du uns geschenkt hast. Wie oft haben wir unsere Freiheit gering geachtet, wie oft haben wir sie zur Entschuldigung unserer Sünden missbraucht. Wir haben dein kostbares Blut, mit dem wir erkauft sind, nicht geehrt, sondern mit Füssen getreten, indem wir uns der Sünde zuwandten, deretwegen du gestorben bist. Vergib uns diese furchtbare Undankbarkeit. Reinige unser Gewissen von toten Werken, damit wir dir dienen, dem lebendigen Gott. Schenke uns die wahre Freiheit, die an deine Gebote gebunden ist und in deiner Wahrheit ihre Luft zum Atmen findet. Lass uns nicht träge sein im Kampf gegen die Sünde, aber auch nicht verzagt, wenn der Kampf schwer ist. Erinnere uns daran, dass der Krieg bereits entschieden ist — dass du gesiegt hast und wir in dir. Gib uns ein wachsames Herz, das den Betrug erkennt, wenn das Fleisch die Freiheit zum Vorwand nimmt. Gib uns ein dankbares Herz, das den Gehorsam nicht als Last, sondern als Antwort der Liebe empfindet. Hilf uns, in der Freiheit zu stehen, zu der du uns befreit hast, und uns nicht wieder unter das Joch der Knechtschaft zu begeben, weder unter das Joch menschlicher Satzungen noch unter das Joch der Sünde, die uns einflüstert, sie sei gar keine Knechtschaft, sondern die wahre Freiheit. Lass uns dir dienen ohne Furcht, in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor deinem Angesicht, alle Tage unseres Lebens. Dir, der du uns geliebt und dich selbst für uns gegeben hast, sei Ehre und Dank und Anbetung, jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.
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