Andacht 105 von 171

Der Missbrauch der Freiheit: Die vorgeben, Freiheit zu haben, um Sünde zu decken

Ch.20: Of Christian Liberty and Liberty of Conscience — Abschnitt 4 • 2026-08-10 • 41 min
Und weil die Obrigkeiten, die Gott verordnet hat, und die Freiheit, die Christus erworben hat, von Gott nicht dazu bestimmt sind, einander zu zerstören, sondern sich gegenseitig zu stützen und zu bewahren, so widerstehen diejenigen, die unter dem Vorwand der christlichen Freiheit sich irgendeiner rechtmässigen Obrigkeit oder ihrer rechtmässigen Ausübung widersetzen — sei es der bürgerlichen oder der kirchlichen —, der Ordnung Gottes. Und wenn sie solche Meinungen veröffentlichen oder solche Praktiken aufrechterhalten, die dem Licht der Natur, den anerkannten Grundsätzen des Christentums (sei es in Bezug auf Glauben, Gottesdienst oder Wandel) oder der Kraft der Gottseligkeit zuwiderlaufen, oder solche irrigen Meinungen oder Praktiken, die entweder ihrem Wesen nach oder durch die Art ihrer Veröffentlichung oder Aufrechterhaltung den äusseren Frieden und die Ordnung zerstören, die Christus in der Gemeinde eingesetzt hat, so können sie rechtmässig zur Rechenschaft gezogen und gegen sie vorgegangen werden durch die Zucht der Kirche oder durch die Macht der bürgerlichen Obrigkeit.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 20, Abschnitt 4

Einleitung

Jede grosse Wahrheit, von ihren Begleitwahrheiten abgeschnitten, wird zur Lüge. Das ist eine der teuersten und am schwersten erkämpften Lektionen der Kirchengeschichte, und sie ist das Siegel, das die Westminster-Väter auf den letzten Abschnitt ihres Kapitels über die christliche Freiheit setzen. Abschnitt 1 entfaltete die gewaltige Weite dessen, was Christus erworben hat: Befreiung von Schuld, Fluch, Zorn, Satans Herrschaft, Tod und ewiger Verdammnis. Abschnitt 2 zog die unverrückbare Grenze: Gott allein ist Herr des Gewissens. Abschnitt 3 warnte mit apostolischem Ernst, dass die Freiheit niemals Freibrief zur Sünde ist. Doch nun, in Abschnitt 4, stellt sich das Bekenntnis einer Versuchung, die subtiler ist als die antinomistische Zügellosigkeit und verführerischer als die römische Tyrannei: der Versuchung, Freiheit mit Anarchie zu verwechseln und zu meinen, weil Christus das Gewissen befreit habe, sei jede menschliche Autorität, bürgerlich und kirchlich, für nichtig erklärt. Die Väter hatten mit eigenen Augen gesehen, wohin diese Denkweise führt. In Münster hatten radikale Reformer eine ganze Stadt an sich gerissen und in Blut ertränkt. In England behaupteten enthusiastische Gruppen, die innere Leitung des Geistes entbinde sie von der Autorität der Magistrate und der Diener der Kirche gleichermassen. Der Ruf nach »christlicher Freiheit« wurde zum Sturmbock, den man gegen jedes Tor schwang, das Gott zur Bewahrung der Ordnung eingesetzt hatte: die Familie, die Gemeinde, das Gemeinwesen. Gegen dieses Chaos pflanzten die Väter den vierten Abschnitt — nicht als Rückzug von der Freiheit, sondern als ihre Verteidigung. Die wahre Freiheit und die rechtmässige Obrigkeit sind keine Feinde. Sie sind Schwestern, beide Töchter desselben Vaters, beide durch denselben Christus erworben, beide zu demselben Ziel bestimmt: zum Gedeihen des Volkes Gottes in dieser gegenwärtigen bösen Welt. Die Logik des Abschnitts ist so präzise wie die Kette eines Landvermessers. Er beginnt mit einem Grundsatz: Die Gewalten, die Gott eingesetzt hat, und die Freiheit, die Christus erworben hat, stehen in gegenseitiger Harmonie. Er zieht eine negative Folgerung: Wer die Freiheit zum Vorwand nimmt, sich rechtmässiger Autorität zu widersetzen, widersteht der Ordnung Gottes. Und er schliesst mit einer positiven Anwendung: Die Kirche und die Obrigkeit besitzen je eine gottgegebene Vollmacht, diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die im Namen der Freiheit Meinungen verbreiten oder Praktiken pflegen, die den Glauben, die Gottseligkeit oder den Frieden der Gemeinde Christi zerstören. Das ist nicht die Stimme eines verängstigten Establishments, das seine Pfründe verteidigt. Es ist die Stimme von Hirten, die Freunde begraben hatten, gefallen durch Tyrannei und durch Anarchie. Sie wussten: Freiheit ohne Ordnung verschlingt sich selbst, und Ordnung ohne Freiheit wird zum Gefängnis. Der Abschnitt steht als bleibendes Zeugnis dafür, dass das Evangelium weder Rebellen noch Tyrannen hervorbringt, sondern Söhne, die das Haus des Vaters ehren, und Bürger, die dem Kaiser geben, was des Kaisers ist — nicht weil sie Sklaven sind, sondern weil sie frei sind.

Die biblischen Grundlagen

Das Verhältnis zwischen christlicher Freiheit und rechtmässiger Autorität ist keine Erfindung des siebzehnten Jahrhunderts. Es zieht sich wie ein goldener Faden durch die ganze Heilige Schrift, und der Apostel Paulus hat diesen Faden mehr als jeder andere neutestamentliche Schreiber in das Gewebe seiner Unterweisung eingewoben. Der grundlegende Text über den göttlichen Ursprung der bürgerlichen Obrigkeit ist seine Erklärung an die Römer: »Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ausser von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen.« Die Sprache, die die Westminster-Väter in Abschnitt 4 gebrauchen, ist beinahe ein direktes Zitat: »der Ordnung Gottes widerstehen« stammt unmittelbar aus der Feder des Apostels und trägt das volle Gewicht apostolischer Autorität. Die griechischen Begriffe, die Paulus wählt, sind präzise und durchdacht. »Angeordnet« übersetzt tetagmenai, ein Partizip Perfekt Passiv von tassō, einem Verb, das im klassischen Griechisch das Aufstellen von Truppen in Schlachtordnung bezeichnete. Das Perfekt drückt eine abgeschlossene Handlung mit fortwährender Wirkung aus: Die Obrigkeiten, die bestehen, sind von Gott in ihre Stellung gebracht worden und bleiben von ihm darin. Der Beamte, der im Rathaus sitzt, der Richter auf der Bank, der Polizist an der Ecke — sie sind nicht das zufällige Ergebnis menschlichen Ehrgeizes, kein notwendiges Übel, das der Christ widerwillig erträgt. Sie sind eine göttliche Einsetzung, Diener Gottes zum Guten für die, über die sie gesetzt sind. Wer also im Namen der christlichen Freiheit die Obrigkeit bekämpft, hat nicht verstanden, dass derselbe Gott, der ihm die Freiheit gab, ihm auch die Obrigkeit gab. Doch Paulus ist nicht naiv. Er schreibt diese Worte an Christen, die unter Nero lebten, einem Mann, der schon bald die Stadt Rom im Blut der Heiligen tränken würde. Paulus wusste besser als jeder moderne Kritiker, dass Obrigkeiten böse sein können, dass Macht missbraucht werden kann, dass der Staat zum Tier werden kann. Und dennoch macht er keine Einschränkung. »Jedermann sei untertan.« Die Unterordnung, die er fordert, ist keine bedingungslose Auslieferung des Gewissens — das gehört Gott allein, wie Abschnitt 2 festgestellt hat. Es ist eine Anerkennung des legitimen Bereichs der Obrigkeit. Der Gläubige gehorcht der Obrigkeit in allen Dingen, die rechtmässig sind, nicht weil die Obrigkeit immer im Recht ist, sondern weil das Amt göttlich ist. Das Abzeichen, mag es auch beschmutzt sein von dem Mann, der es trägt, trägt dennoch das Siegel des Königs. Diese apostolische Lehre hat ihren Ursprung nicht bei Paulus. Der Herr Jesus selbst, stehend vor dem römischen Statthalter, dessen Autorität er mit einem einzigen Wort hätte zerschmettern können, erkannte den göttlichen Ursprung der bürgerlichen Gewalt an: »Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre.« Pilatus war ein Feigling, ein Politiker und ein Mörder des Unschuldigen. Und dennoch, sagt Jesus, war seine Vollmacht ihm von oben gegeben. Der Sohn Gottes, der dem ungerechten Tod durch die Hand eines korrupten Beamten entgegensah, weigerte sich, seine Freiheit dazu zu benutzen, die Legitimität des Amtes zu leugnen, das ihn verurteilte. Wenn es je einen Fall gab, in dem die christliche Freiheit zur Rechtfertigung der Revolution hätte dienen können, dann diesen: das fleckenlose Lamm vor dem Wolf. Und doch unterwarf sich Jesus — nicht der Bosheit des Pilatus, denn die verurteilte er, sondern dem Amt des Pilatus, denn dessen göttlichen Ursprung erkannte er an. Der Gläubige, der meint, die christliche Freiheit entbinde ihn von aller Pflicht gegenüber der bürgerlichen Obrigkeit, hat nicht von seinem Meister gelernt. Die Freiheit Christi ist eine Freiheit, die sich beugen kann, ohne zu zerbrechen, weil sie weiss: Der, vor dem sie sich letztlich beugt, thront über jedem irdischen Thron. Die apostolische Lehre erstreckt sich über die bürgerliche Regierung hinaus auf die Autorität, die Christus in seiner Gemeinde eingesetzt hat. Der Schreiber des Hebräerbriefs gebietet: »Gehorcht euren Lehrern und folgt ihnen, denn sie wachen über eure Seelen und müssen Rechenschaft darüber geben, damit sie das mit Freuden tun und nicht mit Seufzen; denn das wäre euch nicht gut.« Hier ist das Wort für »gehorchen« peithesthe, das Medium von peithō, überzeugen. Es trägt den Sinn einer willigen, überzeugten Unterordnung in sich, nicht eines erzwungenen Gehorsams. Die Autorität der Vorsteher in der Gemeinde ist nicht despotisch; es ist die Autorität von Wächtern, die sorgen, die lieben, die Rechenschaft ablegen müssen. Aber es ist echte Autorität, und der Gläubige, der sie verweigert, weil er sich auf seine Freiheit in Christus beruft, hat den Hirtenstab mit dem Tyrannenzepter verwechselt. Der Hirte, der über die Seelen der Herde wacht, hat einen Auftrag vom obersten Hirten, und sich diesem Auftrag zu widersetzen heisst, sich dem obersten Hirten selbst zu widersetzen. Der Apostel Petrus, dessen Verständnis der Freiheit im Feuer der Verfolgung geschmiedet wurde, zieht die Fäden in einer einzigen Stelle zusammen, der sich wie ein Kommentar zum vierten Abschnitt des Bekenntnisses liest: »Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen, es sei dem König als dem Obersten oder den Statthaltern als denen, die von ihm gesandt sind zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lob derer, die Gutes tun. Denn das ist der Wille Gottes, dass ihr mit guten Taten den unwissenden und törichten Menschen das Maul stopft — als Freie und nicht als hättet ihr die Freiheit zum Deckmantel der Bosheit, sondern als Knechte Gottes.« Die Logik ist dicht gefügt. Seid untertan, sagt Petrus, um des Herrn willen. Seid untertan, weil dies der Wille Gottes ist. Seid untertan als Freie, nicht als Sklaven. Und seid untertan, gerade damit eure Freiheit nicht zu einem Deckmantel für die Bosheit werde, die dem Evangelium Schande macht. Die Freiheit des Evangeliums und die Unterordnung unter die rechtmässige Obrigkeit stehen nicht in Spannung zueinander; sie sind zwei Seiten derselben Münze. Der Gläubige, der seine Freiheit am vollsten versteht, ist der, der sich aller menschlichen Ordnung unterordnet — nicht aus Furcht vor dem Schwert, sondern aus Liebe zum Willen seines Vaters. Dennoch erlaubt die Schrift niemals, dass diese Unterordnung absolut werde. Dieselben Apostel, die die Unterordnung unter die Obrigkeit befahlen, waren dieselben, die, als der Hohe Rat ihnen gebot, nicht mehr im Namen Jesu zu predigen, antworteten: »Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.« Hier ist die Grenze, die die Gewissensfreiheit davor bewahrt, von den Ansprüchen menschlicher Autorität verschlungen zu werden. Wenn die bürgerliche Gewalt gebietet, was Gott verbietet, oder verbietet, was Gott gebietet, muss der Gläubige ungehorsam sein — nicht im Namen persönlicher Autonomie, sondern im Namen einer höheren Treue. Derselbe Petrus, der schrieb »seid untertan aller menschlichen Ordnung«, stand vor dem Rat, der ihm zu predigen verboten hatte, und erklärte, er könne nicht gehorchen. Das ist kein Widerspruch; es ist die rechte Ordnung der Loyalitäten. Das Bekenntnis lehrt nicht, dass die rechtmässige Obrigkeit absolut sei; es lehrt, dass sie in ihrem Bereich rechtmässig ist und dass dieser Bereich begrenzt ist durch das Wort Gottes. Der Gläubige, der sich weigert, einem Befehl zur Sünde zu gehorchen, widersteht nicht der Ordnung Gottes; er ehrt den Gott, der diese Ordnung eingesetzt hat und der sie zum Guten, nicht zum Bösen einsetzte. Schliesslich greift Paulus im ersten Korintherbrief eine Frage auf, die das Verhältnis von Freiheit und Ordnung in der Gemeinde auf einen konkreten Prüfstein stellt: das Essen von Götzenopferfleisch. Die Starken in Korinth beriefen sich auf ihre Erkenntnis und ihre Freiheit: Ein Götze ist nichts in der Welt, also ist das Fleisch nicht befleckt. Paulus widerspricht ihnen nicht in der Lehre. Aber er führt eine neue Kategorie ein: die Liebe. »Seht aber zu, dass diese eure Freiheit für die Schwachen nicht zum Anstoss werde!« Die Worte, die er gebraucht, sind proskomma und skandalon — der Stein, über den man stolpert, und die Falle, in die man gerät. Die Freiheit, die keine Rücksicht auf den schwachen Bruder nimmt, die meint, sie könne tun, was sie will, weil sie ja im Recht ist, zerstört den, für den Christus gestorben ist. Und Paulus zieht die unerbittliche Folgerung: »Wenn Speise meinem Bruder Anstoss gibt, will ich in Ewigkeit kein Fleisch essen, damit ich meinem Bruder keinen Anstoss gebe.« Die Freiheit, die Christus erworben hat, ist eine Freiheit, die sich selbst begrenzen kann — nicht aus Gesetzlichkeit, sondern aus Liebe. Eine Freiheit, die das nicht kann, ist nicht die Freiheit Christi.

Was die Westminster-Väter meinten

Der unmittelbare Anlass für Abschnitt 4 waren die Erschütterungen der 1640er Jahre, doch die theologischen Fragen, um die es ging, schwelten schon seit mehr als einem Jahrhundert. Die Wiederentdeckung der christlichen Freiheit durch die Reformation war fast von Anfang an von einem radikalen Flügel begleitet, der Schlüsse zog, die die Reformatoren selbst verwarfen. Wenn der Gläubige vom Papst befreit war, warum nicht auch vom Fürsten? Wenn das Gewissen allein Gott antwortet, warum sollte es dem Magistrat antworten? Wenn jeder Gläubige ein Priester ist, warum sollte er sich den Urteilen von Presbytern oder Synoden unterwerfen? Die Logik hatte eine verführerische Konsequenz, und sie sprach diejenigen machtvoll an, die unter kirchlicher Tyrannei gelitten hatten und nun jedes Joch abwerfen wollten, das göttliche wie das menschliche. Das Täuferreich von Münster in den Jahren 1534 und 1535 war der Alptraum, der jede Diskussion über die christliche Freiheit ein Jahrhundert lang überschattete. Eine Gruppe radikaler Reformer riss die Kontrolle über die Stadt an sich, führte Gütergemeinschaft und Polygamie ein und erklärte die alte Ordnung von Obrigkeit und Kirche für aufgehoben durch das Reich der Heiligen. Das Experiment endete in Blut, Hunger und der vollständigen Diskreditierung des Evangeliums in den Augen der zuschauenden Welt. Als die Väter schrieben, dass diejenigen, die sich »unter dem Vorwand der christlichen Freiheit« rechtmässiger Obrigkeit widersetzen, der Ordnung Gottes widerstreben, beschrieben sie ein Muster, das sie in jeder Generation wiederholt sahen: Freiheit, losgelöst von rechtmässiger Autorität, wird zur Zügellosigkeit, Zügellosigkeit zum Chaos und Chaos zu einer neuen, schrecklicheren Tyrannei. Doch die Väter begegneten zugleich einem subtileren und beständigeren Irrtum: der Neigung des wiedergeborenen Herzens, die Freiheit von menschlichen Traditionen im Gottesdienst, die Abschnitt 2 verteidigt hatte, mit der Freiheit von jeder Form kirchlicher Leitung und Zucht zu verwechseln, die Abschnitt 4 nun verbietet. Der Gläubige, dem gelehrt wurde, dass der Papst sein Gewissen nicht binden darf, dass Konzile irren können, dass menschliche Überlieferungen keine göttliche Autorität tragen, kann leicht in die Überzeugung gleiten, dass kirchliche Gerichte überhaupt keine Autorität besitzen. Wenn eine Synode mich nicht verpflichten kann zu glauben, was die Schrift nicht lehrt, so die Denkweise, dann kann eine Synode mich zu gar nichts verpflichten. Die Väter schlossen diese Tür mit Nachdruck. Die Gemeinde, die Christus eingesetzt hat, ist kein freiwilliger Verein autonomer Einzelner. Sie ist ein Leib, eine geordnete Gemeinschaft, eine Herde unter Hirten, die Rechenschaft ablegen müssen. Die Autorität der Kirche, Irrtum zu rügen und diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die Glauben, Gottseligkeit oder den Frieden des Hauses Christi zerschlagen, ist keine menschliche Erfindung, sondern eine Einsetzung des Herrn. Christus selbst hat die Schlüssel des Reiches seiner Gemeinde gegeben, und die Ausübung dieser Schlüssel ist kein Eingriff in die christliche Freiheit, sondern ein Ausdruck der eigenen Herrschaft Christi über das Gewissen. Die Rolle der bürgerlichen Obrigkeit in diesem Abschnitt ist das umstrittenste Element und erfordert ein behutsames geschichtliches Verständnis. Die Väter waren keine Erastianer, die glaubten, die bürgerliche Obrigkeit besitze Autorität über die Kirche in geistlichen Dingen. Diese Schlacht war gegen Rom und das Stuart-Establishment geschlagen und gewonnen worden. Aber sie waren auch keine Separatisten, die meinten, die Obrigkeit habe kein gottgegebenes Interesse an der Religion. Die reformierte Tradition hatte lange gelehrt, dass die Obrigkeit als Dienerin Gottes die Pflicht habe, die wahre Religion zu schützen und öffentliche Gotteslästerung, Abgötterei und Ketzerei zu unterdrücken — nicht durch Bindung des Gewissens, was keine menschliche Macht kann, sondern durch Aufrechterhaltung des äusseren Friedens und der Ordnung des Gemeinwesens. Eine Gesellschaft, in der Gotteslästerung öffentlich gefördert und die Grundlagen des Christentums offen angegriffen werden, ist eine Gesellschaft, in der die Bedingungen für Gottseligkeit untergraben werden. Die Obrigkeit, die die öffentliche Verbreitung von Meinungen bestraft, die dem Licht der Natur zuwiderlaufen, bemächtigt sich nicht des Thrones Christi; sie erfüllt ihr eigenes Amt als Schrecken für die bösen Werke. Das ist kein theokratischer Anspruch. Das Bekenntnis erkennt einen wirklichen, aber begrenzten Bereich der bürgerlichen Gewalt an, begrenzt durch die Unterscheidung zwischen äusserem Frieden und äusserer Ordnung, die die Obrigkeit schützen darf, und der inneren Bindung des Gewissens, die allein Gott binden darf. Die Väter hätten die moderne Lehre, der Staat müsse unter allen Religionen neutral sein, nicht anerkannt, aber sie hätten auch nicht den römischen Anspruch anerkannt, der Staat sei der Diener einer unfehlbaren Kirche. Sie nahmen eine vermittelnde Stellung ein, und sie nahmen sie ein, weil sie glaubten, dass die Schrift sie lehrte. Die Sprache, die die Väter bei der Beschreibung der Vergehen gebrauchen, die rechtmässig geahndet werden dürfen, verdient sorgfältige Betrachtung. Sie sagen nicht, dass jede irrige Meinung bestraft werden dürfe. Sie nennen vier Kategorien: Meinungen oder Praktiken, die dem Licht der Natur zuwiderlaufen, den anerkannten Grundsätzen des Christentums, der Kraft der Gottseligkeit oder die zerstörerisch sind für den äusseren Frieden und die Ordnung der Gemeinde. Jede Kategorie fungiert als Leitplanke. Das Licht der Natur, jenes angeborene Wissen von Recht und Unrecht, von Gottes Dasein und sittlichem Wesen, das Paulus in Römer 1 und 2 beschreibt, setzt einen allgemeingültigen Massstab, an dem auch die gemessen werden können, die die Schrift nicht anerkennen. Die anerkannten Grundsätze des Christentums — nicht jeder umstrittene Punkt der Theologie, sondern die Fundamente des Glaubens, die Lehren, ohne die das Christentum aufhört, Christentum zu sein — errichten eine bekenntnismässige Grenze. Die Kraft der Gottseligkeit — nicht die Form, nicht das äussere Einhalten, sondern das innere Leben und die erfahrbare Wirklichkeit der Gemeinschaft mit Gott — schützt vor einer nur begrifflichen Orthodoxie, die das Herz unberührt lässt. Und der äussere Frieden und die Ordnung der Gemeinde — die Einheit und gute Leitung des sichtbaren Leibes — schützen vor denen, deren Meinungen oder Praktiken, was auch immer sie an Frömmigkeit beanspruchen, die Gemeinde zerreissen. Diese Kategorien sind keine Lizenz zur Verfolgung; es sind die sorgfältigen Unterscheidungen von Männern, die selbst Verfolgung erlitten hatten und den Unterschied kannten zwischen der Bindung des Gewissens und der Bewahrung des Friedens.

Theologische Tiefe

Die Lehre der reformierten Tradition über das Verhältnis von Freiheit und Autorität erreicht ihre klassische Gestalt in Calvins Behandlung der bürgerlichen Regierung und der kirchlichen Zucht. In den letzten Kapiteln der Institutio besteht Calvin darauf, dass die Autorität der Obrigkeit wirklich von Gott eingesetzt und für das christliche Gewissen bindend ist — nicht in dem Sinne, dass die Obrigkeit neue sittliche Verpflichtungen vor Gott schaffen könnte, sondern in dem Sinne, dass die rechtmässigen Befehle der Obrigkeit um des Gewissens willen zu befolgen sind, weil das Amt selbst von Gott ist. Der Gläubige, der sich der Obrigkeit in Dingen widersetzt, die in ihren rechtmässigen Bereich fallen, sündigt nicht nur gegen den Staat, sondern gegen den Gott, der den Staat eingesetzt hat. Doch Calvin besteht ebenso nachdrücklich darauf, dass die Autorität der Obrigkeit Grenzen hat. Wenn die Obrigkeit befiehlt, was Gott verbietet, muss der Gläubige ungehorsam sein — nicht gewaltsam, nicht aufrührerisch, sondern mit der stillen Entschlossenheit Daniels, der seine Fenster gen Jerusalem öffnete und zu seinem Gott betete, obwohl er wusste, dass die Löwengrube ihn erwartete. Calvins Behandlung der kirchlichen Zucht ist noch zugespitzter. Er schreibt, die Zucht der Kirche sei »gleichsam die Sehnen, durch welche die Glieder des Leibes zusammenhalten«, und dass die Abschaffung der Zucht die Auflösung des kirchlichen Lebens bedeute. Die Schlüssel des Reiches, mit der Vollmacht zu binden und zu lösen, zu den Sakramenten zuzulassen und von ihnen auszuschliessen, die Bedingungen der Gemeinschaft zu erklären und durchzusetzen, sind kein Übergriff auf die christliche Freiheit. Sie sind die Ausübung der eigenen Herrschaft Christi durch die Amtsträger, die er eingesetzt hat. Der Gläubige, der sich weigert, sich den rechtmässigen Entscheidungen der Kirche zu unterwerfen, steht nicht auf seiner Freiheit; er steht gegen Christus, der die Schlüssel seiner Gemeinde gab und der verhiess, im Himmel zu bestätigen, was seine Gemeinde, seiner Weisung gemäss handelnd, auf Erden bindet. Calvins Beharren auf der Notwendigkeit der Kirchenordnung war so stark, dass das Schottische Bekenntnis und die Confessio Belgica die Ausübung der Zucht neben der treuen Predigt des Wortes und der rechten Verwaltung der Sakramente zu den Kennzeichen der wahren Kirche zählten. Man kann das Evangelium nicht haben ohne die Ordnung des Evangeliums, denn beides sind Gaben des erhöhten Christus an sein Volk. Für das Schweizer reformierte Verständnis der Frage ist Bullinger von besonderer Bedeutung. In Zürich hatte sich seit Zwingli ein enges, aber sorgfältig austariertes Verhältnis zwischen Kirche und Rat entwickelt. Der Rat der Stadt war die christliche Obrigkeit, die äussere Ordnung schützte und die öffentliche Verkündigung des Evangeliums förderte; die Kirche, vertreten durch den Antistes und die Synode, bewahrte die Reinheit der Lehre, übte die geistliche Zucht und ermahnte die Obrigkeit aus dem Wort Gottes. Keines der beiden Ämter sollte das andere verschlingen. Die Obrigkeit sollte nicht zur Herrin über das Gewissen werden; die Kirche sollte nicht zum Staat im Staate werden. Dieses Modell, das Bullinger über vier Jahrzehnte mit Weisheit und Geduld lenkte, war der lebendige Ausdruck jenes Grundsatzes, den das Westminster-Bekenntnis in die Formel fasst: Die Obrigkeit, die Gott verordnet hat, und die Freiheit, die Christus erworben hat, sind nicht dazu bestimmt, einander zu zerstören, sondern sich gegenseitig zu stützen und zu bewahren. In seinen Dekaden behandelt Bullinger das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, als Grundlage der gesamten Ordnung, die Gott für das menschliche Zusammenleben eingesetzt hat. Unter diesem Gebot fasst er alle Autoritätsverhältnisse zusammen: die Eltern über die Kinder, die Obrigkeit über die Untertanen, die Hirten über die Gemeinden. Wer diese Ordnungen im Namen der christlichen Freiheit auflöst, löst nicht die Unterdrückung auf, sondern die Fürsorge. Er reisst die Zäune nieder, die der Hirte um die Weide gezogen hat, und wundert sich dann, dass die Wölfe kommen. Und Bullinger, der in seiner Jugend das Täuferreich von Münster als warnendes Beispiel vor Augen hatte, fügte hinzu: Die Verachtung der gottgesetzten Obrigkeiten ist nicht der Anfang der Freiheit, sondern der Anfang der Auflösung. Wer den Richter verachtet, wird bald den König verachten, und wer den König verachtet, wird bald Gott verachten. Die Ordnung der Autorität ist wie eine Stufenleiter, die von der Erde zum Himmel reicht, und wer die unterste Sprosse zerschlägt, wird die oberste nie erreichen. Die altprotestantische Orthodoxie hat diese Lehre mit systematischer Gründlichkeit entfaltet. Sie unterschied sorgfältig zwischen den verschiedenen Arten von Autorität und ihren jeweiligen Bereichen. Die bürgerliche Obrigkeit (magistratus politicus) besitzt das Schwert und ist zuständig für den äusseren Frieden und die leibliche Wohlfahrt; die kirchliche Obrigkeit (magistratus ecclesiasticus) besitzt die Schlüssel und ist zuständig für die Seelen und die geistliche Wohlfahrt; die häusliche Obrigkeit (magistratus oeconomicus) besitzt die Rute und ist zuständig für die Erziehung der Kinder. Keine dieser drei Gewalten ist autonom; jede ist Gott Rechenschaft schuldig und an sein Wort gebunden. Aber keine von ihnen wird durch die christliche Freiheit aufgehoben. Die Freiheit befreit den Christen nicht von den Obrigkeiten; sie befähigt ihn, ihnen auf die rechte Weise zu dienen: nicht mehr als Sklave, der die Peitsche fürchtet, sondern als Sohn, der den Vater liebt. Der Christ ist freier als jeder andere Mensch, und darum kann er sich freier unterordnen, ohne seine Würde zu verlieren, weil seine Würde nicht auf seiner Autonomie ruht, sondern auf seiner Gotteskindschaft. Turretin hat diese Zusammenhänge in seinen Erörterungen zur Obrigkeit mit scholastischer Genauigkeit dargelegt. Er unterscheidet die Amtsperson vom Amt, die Ausübung der Autorität von der Autorität selbst. Die Obrigkeit kann irren, sie kann ihre Macht missbrauchen, sie kann zum Tyrannen werden. In solchen Fällen darf der Christ passiven Widerstand leisten, das heisst, er darf sich weigern, ungerechte Befehle zu befolgen, und die unrechtmässige Ausübung der Autorität erleiden, ohne sich zu unterwerfen. Was er nicht darf, ist, sich im Namen der Freiheit gegen das Amt selbst aufzulehnen und die gottgesetzte Ordnung zu zerstören. Der Unterschied zwischen der Obrigkeit, die Gott eingesetzt hat, und der Tyrannei, die Menschen ausüben, ist nicht akademisch; es ist der Unterschied zwischen einem krummen Richter und dem Richteramt selbst, zwischen einem grausamen Vater und der Vaterschaft, zwischen einem nachlässigen Hirten und dem Hirtenamt. Shaw, der schottische Ausleger des Bekenntnisses, fasst die Bedeutung des Abschnitts in einer schlichten Formel zusammen: Die christliche Freiheit darf niemals zum Vorwand genommen werden, die bürgerliche oder kirchliche Obrigkeit in der rechtmässigen Ausübung ihrer Pflichten zu stören. Was hier verteidigt wird, ist nicht die Willkür der Mächtigen, sondern der Friede der Gemeinschaft. Eine Kirche, in der jeder Einzelne unter Berufung auf sein Gewissen tut, was ihm gefällt, hat aufgehört, eine Kirche zu sein; sie ist ein Haufen, keine Herde. Und ein Gemeinwesen, in dem jeder Bürger unter Berufung auf seine Freiheit die Gesetze missachtet, hat aufgehört, ein Gemeinwesen zu sein; es ist ein Kampfplatz, keine Stadt.

Anwendung für das reformierte Leben

Die Lehre dieses Abschnitts ist keine ferne Abstraktion. Sie berührt unser Leben als Christen, als Bürger, als Glieder einer örtlichen Gemeinde jeden Tag. Sechs konkrete Anwendungen zeigen, was das für uns bedeutet. Erstens: Prüfe den Geist, der sich in dir gegen Autorität auflehnt, und frage, ob er von Gott oder vom Fleisch ist. Das menschliche Herz hat eine natürliche Abneigung gegen Unterordnung. Der Sündenfall selbst war eine Auflehnung gegen die Autorität Gottes, und seitdem tragen wir alle das Erbe Adams in uns: den Drang, unser eigener Herr zu sein, der niemandem Rechenschaft schuldet. Wenn dieser Drang sich mit einem frommen Vokabular tarnt, wird er doppelt gefährlich. »Ich stehe allein vor Gott«, »Mein Gewissen ist an das Wort gebunden«, »Christus ist mein einziger Herr« — das sind wahre Sätze, aber im Mund des rebellischen Herzens werden sie zu Waffen gegen die Ordnungen, die derselbe Christus eingesetzt hat. Frage dich aufrichtig: Wenn du dich gegen die Ermahnung eines Ältesten sträubst, ist es wirklich dein an die Schrift gebundenes Gewissen, das spricht, oder ein gekränkter Stolz? Wenn du die Autorität des Staates verachtest, ist es wirklich prophetischer Mut oder ein unreifer Unabhängigkeitsdrang? Das Fleisch ist ein Meister der Tarnung, und eine seiner wirksamsten Strategien ist es, Rebellion in die Sprache der Freiheit zu kleiden. Die Freiheit, die Christus erworben hat, bringt als Frucht den Gehorsam hervor, nicht die Auflehnung; die Demut, nicht den Hochmut; die Friedfertigkeit, nicht den Streit. Prüfe deine Haltung an den Früchten, und wo du die Bitterkeit der Rebellion schmeckst, nenne sie beim Namen und bringe sie ans Kreuz. Zweitens: Lerne, in der rechtmässigen Obrigkeit eine Gabe Gottes zu sehen, nicht eine Bedrohung. Der moderne westliche Geist ist durch Jahrhunderte politischer Philosophie und kultureller Prägung darauf trainiert, aller Autorität mit Misstrauen zu begegnen, jede Machtausübung als mögliche Unterdrückung zu betrachten und jedem Befehl mit der Frage zu begegnen: »Mit welchem Recht sagst du mir, was ich zu tun habe?« Der biblische Geist beginnt anders. Er beginnt mit der Erkenntnis, dass Gott der Ursprung aller Autorität ist, dass die bestehenden Gewalten von ihm eingesetzt sind und dass die Unterordnung unter rechtmässige Autorität kein Kompromiss der Freiheit ist, sondern ihre Ausübung. Der Vater, der sein Haus mit Weisheit und Liebe führt; der Älteste, der über die Seelen der Herde wacht; der Richter, der das Schwert zur Bestrafung der Übeltäter trägt; der Polizist an der Ecke — sie sind keine Bedrohung deiner Freiheit, sondern Schilde für deine Freiheit. Denke an die Woche, die hinter dir liegt. Hast du die Sicherheit genossen, die die Polizei gewährt? Hast du von den Strassen profitiert, die die Gemeinde baut? Hast du den Frieden erfahren, den eine geordnete Kirche schenkt? All das sind Gaben der Obrigkeiten, die Gott eingesetzt hat. Sie wie Selbstverständlichkeiten hinzunehmen, während man im Namen der christlichen Freiheit über »das System« schimpft, ist Undankbarkeit gegen den Geber. Kehre um von dem anerzogenen Misstrauen, das die Welt dich gelehrt hat. Lerne, den Beamten auf dem Amt, die Ältesten in der Sitzung, den Richter im Gerichtssaal als Diener Gottes zu deinem Besten zu sehen. Und wenn diese Obrigkeiten sich irren, wenn du ihnen widerstehen musst, dann widerstehe mit der Trauer von Söhnen, nicht mit dem Triumph von Rebellen. Drittens: Die Freiheit des Christen ist keine Privatangelegenheit, sondern eine Freiheit im Leib Christi. Es gibt eine Form von christlichem Individualismus, die sich biblisch gibt und doch zutiefst unbiblisch ist. Sie sagt: »Ich und Jesus, das genügt. Ich brauche keine Gemeinde, keine Ältesten, keine Zucht.« Aber das Neue Testament kennt keinen solchen Christen. Von Pfingsten an ist der Gläubige eingefügt in einen Leib, in dem jedes Glied den anderen braucht, in dem keines zu sich selbst sagen kann: »Ich bedarf deiner nicht.« Die Freiheit, die Christus erworben hat, ist eine Freiheit, die in der Gemeinschaft der Heiligen gelebt wird, nicht in der Isolation. Gerade darum ist die kirchliche Zucht keine Bedrohung der Freiheit, sondern ihr Schutz. Ein Glied, das sich vom Leib löst, stirbt ab. Eine Rebe, die sich vom Weinstock trennt, verdorrt. Ein Schaf, das sich von der Herde entfernt, wird zur Beute des Wolfes. Die Zucht der Kirche ist der Hirtenstab, der das verirrte Schaf zur Herde zurückholt — manchmal mit einem kräftigen Ruck, der schmerzt, aber das Leben rettet. Wer seine Freiheit höher schätzt als die Pflege durch den Leib, hat nicht die Freiheit Christi, sondern eine selbstgemachte Karikatur. Viertens: Unterscheide zwischen dem geistlichen Reich Christi und den bürgerlichen Reichen dieser Welt, aber trenne sie nicht vollständig voneinander. Das Bekenntnis hält eine sorgfältige Balance, die leicht verloren geht. Auf der einen Seite ist die Kirche nicht der Staat. Die Waffen der Kirche sind geistlich: das Wort, die Sakramente, die Schlüssel des Reiches. Die Kirche darf nicht das Schwert führen, keine bürgerlichen Strafen verhängen, keinen Glauben erzwingen. Die Freiheit des Gewissens, die Christus erworben hat, ist eine Freiheit von genau dieser Art von Zwang in Fragen des Glaubens und des Gottesdienstes. Auf der anderen Seite ist der Staat nicht die Kirche. Die Obrigkeit ist Gottes Dienerin für die bürgerliche Ordnung, nicht für die Leitung des Leibes Christi. Dennoch sind die beiden Reiche, so unterschiedlich sie sind, nicht hermetisch voneinander abgeschlossen. Die Obrigkeit hat die Pflicht, die wahre Religion zu schützen und öffentliche Gotteslästerung und Abgötterei zu unterdrücken — nicht durch Bindung des Gewissens, sondern durch Aufrechterhaltung der äusseren Bedingungen, in denen das Evangelium gedeihen kann. Die Kirche hat die Pflicht, für die Obrigkeit zu beten, ihre Untertanen zu lehren, ihr in allen rechtmässigen Dingen zu gehorchen, und sie daran zu erinnern, wenn sie ihre Grenzen überschreitet, dass es einen König gibt, der höher ist als der Kaiser. Der Gläubige, der diese Balance erfasst hat, wird den Staat weder vergöttern noch dämonisieren, weder aus der politischen Ordnung fliehen noch seine letzte Hoffnung auf sie setzen. Er wird dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist, wissend, dass beides, der Kaiser und die Münze des Kaisers, am Ende Gott gehört. Fünftens: Bete für die Obrigkeiten und arbeite für den Frieden der Gemeinde als den Ort, an dem die Freiheit Christi sichtbar wird. Der Apostel Paulus ermahnt Timotheus: »So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit.« Das Gebet für die Obrigkeit ist keine geistliche Nebensächlichkeit; es ist die erste und grundlegendste politische Handlung des Christen. Wer nicht für seine Obrigkeit betet, hat kein Recht, über sie zu schimpfen. Der äussere Friede und die Ordnung der Gemeinde sind keine blosse Verwaltungsangelegenheit, kein bürokratisches Anliegen für Ausschusssitzungen. Sie sind das sichtbare Zeugnis der Herrschaft Christi über seinen Leib, der gemeinschaftliche Beweis, dass das Evangelium nicht Anarchie schafft, sondern Gemeinschaft. Wenn Gläubige miteinander streiten, wenn sich Parteien um Persönlichkeiten bilden, wenn der Friede der Gemeinde durch die Veröffentlichung von Meinungen zerschlagen wird, die den Leib zerreissen, dann schaut die Welt zu und folgert nicht zu Unrecht, dass die christliche Freiheit ein Rezept für Anarchie sei. Das Bekenntnis erinnert uns daran, dass solches Verhalten kein Ausdruck der Freiheit ist, sondern ihre Verhöhnung. Bete für die Ältesten deiner Gemeinde. Bete für die Synode und ihre Entscheidungen. Bete für die Regierung deines Landes, ob du sie gewählt hast oder nicht. Und wenn du versucht bist, eine Meinung zu veröffentlichen oder einen Standpunkt auf eine Weise durchzudrücken, von der du weisst, dass sie den Leib zerreissen wird, dann frage dich, ob die Sache, der du dienst, die Sache Christi ist oder die Sache des Stolzes. Die Freiheit, die Christus erworben hat, ist eine Freiheit zur Liebe, und die Liebe, so erinnert uns der Apostel, sucht nicht das Ihre. Sechstens: Die rechte Balance zwischen Freiheit und Autorität ist nicht in einer parlamentarischen Geschäftsordnung zu finden, sondern in der Gemeinschaft mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Der freiste Mensch, den die Welt je gesehen hat, hing an einem Kreuz. In dem Augenblick, in dem er am meisten gebunden war, mit Nägeln an ein Stück Holz geheftet, unter der geballten Autorität des römischen Reiches und des jüdischen Hohen Rates, war er zugleich der Freiste: frei, den Vater zu verherrlichen, frei, die Seinen bis ans Ende zu lieben, frei, das Werk zu vollenden, das ihm der Vater aufgetragen hatte. Kein Tyrann konnte ihm diese Freiheit nehmen, weil sie nicht von dieser Welt war. In der Gemeinschaft mit diesem Herrn, der sich unter die Obrigkeit stellte und zugleich über sie triumphierte, lernt der Christ beides: sich zu beugen und aufzustehen. Er beugt sich unter jede menschliche Ordnung, weil er weiss, dass der, der diese Ordnungen eingesetzt hat, weiser ist als er. Und er steht auf, wenn Menschen ihm gebieten, gegen Gott zu handeln, weil er weiss, dass der, der ihn erkauft hat, höher ist als alle irdischen Throne. Beugen und Aufstehen sind nicht zwei verschiedene Haltungen, sondern Ausdruck derselben Freiheit. Es ist die Freiheit der Kinder Gottes, die nicht mehr Sklaven sind, die aus Angst handeln, sondern Söhne, die aus Liebe gehorchen, und Söhne, die aus Treue verweigern. Diese Freiheit wächst nicht durch das Studium politischer Theorien, sondern durch das Verweilen unter dem Kreuz. Wer das Kreuz anschaut, sieht beides: das gerechte Gericht Gottes über die Sünde und die unermessliche Liebe, die den Richter anstelle des Schuldigen trifft. Wer diese Liebe schmeckt, dem wird die Unterordnung unter Menschen nicht zur Qual, sondern zur Freude — denn er hat sich einem grösseren Herrn unterstellt, und dieser Herr ist sanftmütig und von Herzen demütig. Und wer unter diesem Kreuz das Unrecht der Welt betrachtet, das den Unschuldigen traf, der verliert den Geschmack an der Rebellion — denn er hat gesehen, wohin die Sünde führt, und er weiss, dass der Weg der Auflehnung der Weg des Fleisches ist, der zum Tode führt, während der Weg des Gehorsams der Weg des Geistes ist, der Leben und Frieden schafft. Darum, lieber Hörer: Wenn die Welt dir einflüstert, Freiheit bedeute, keine Autorität über dir zu dulden, dann blicke auf den, der, obwohl er in göttlicher Gestalt war, es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, sondern sich selbst entäusserte und Knechtsgestalt annahm und gehorsam wurde bis zum Tode am Kreuz. Das ist das Geheimnis der christlichen Freiheit. Sie liegt nicht im Zerschlagen aller Joche, sondern im Aufnehmen des Joches Christi — eines Joches, das sanft und leicht ist, weil der, der es auflegt, es selbst getragen hat.

Gebet

Herr Jesus Christus, du König der Könige und Herr der Herren, du hast die Obrigkeiten eingesetzt und die Freiheit erworben. Du hast das Schwert dem Magistrat gegeben und die Schlüssel deiner Gemeinde. Du allein hältst beides in deiner durchbohrten Hand, und nichts von dem, was du gegeben hast, soll das andere zerstören. Wir bekennen dir, wie schwer uns diese Weisheit fällt. Wir haben die Freiheit zum Vorwand genommen, uns gegen die Obrigkeiten aufzulehnen, die du eingesetzt hast. Wir haben die Obrigkeit zum Vorwand genommen, Gewissen zu binden, die du befreit hast. Wir haben beides verwechselt und verkehrt, und darin haben wir gegen dich gesündigt, der du beides gegeben hast. Lehre uns die wahre Demut, die sich beugen kann, ohne zu zerbrechen, weil sie in dir gegründet ist. Lehre uns den wahren Mut, der aufsteht, wenn Menschen befehlen, was du verbietest — nicht mit dem Trotz von Rebellen, sondern mit der stillen Treue deiner Zeugen. Schenke uns Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden: wo wir uns unterordnen sollen um deinetwillen und wo wir widerstehen müssen um deinetwillen. Gib uns ein Herz, das für die Obrigkeit betet, statt über sie zu schimpfen. Gib uns ein Herz, das die Zucht der Gemeinde sucht, statt sie zu fürchten. Lass uns die Ältesten, die über unsere Seelen wachen, nicht als Bedrohung sehen, sondern als deine Gabe. Und wenn wir selbst in Autorität gesetzt sind, ob als Eltern, als Älteste, als Vorgesetzte, bewahre uns vor der Tyrannei, die Gewissen bindet, wo du sie gelöst hast, und vor der Nachlässigkeit, die löst, was du gebunden hast. Herr, du hast uns befreit, nicht damit wir allein stehen, sondern damit wir in der Ordnung deines Hauses leben als Söhne und Töchter, die den Vater ehren und den Geschwistern dienen. Lass den Frieden deiner Gemeinde unser aller Anliegen sein, den Frieden, den die Welt nicht geben und nicht nehmen kann. Führe uns, bis alle irdische Obrigkeit der Herrschaft deines Sohnes weichen wird und jedes Knie sich beugt und jede Zunge bekennt, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters. Dir, der du für uns gestorben und auferstanden bist, dem Haupt der Gemeinde und dem Richter der Welt, sei Anbetung und Ehre und Dank, jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.
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