Andacht 106 von 171

Das Licht der Natur: Anbetung nach Gottes Willen allein

Ch.21: Of Religious Worship and the Sabbath Day — Abschnitt 1 • 2026-08-11 • 37 min
Das Licht der Natur zeigt, dass es einen Gott gibt, der Herrschaft und Souveränität über alles hat, der gut ist und allen Gutes tut und dafür gefürchtet, geliebt, gepriesen und angerufen, dem vertraut und von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit aller Kraft gedient werden muss. Aber die anerkannte Art der Anbetung des wahren Gottes ist von ihm selbst verordnet und somit durch seinen eigenen offenbarten Willen begrenzt, so dass er nicht nach den Einbildungen und Vorstellungen von Menschen oder den Vorschlägen des Satans, mithilfe irgendeiner sichtbaren Darstellung oder einer Weise, wie sie nicht in der Heiligen Schrift vorgeschrieben ist, angebetet werden darf.
- Westminster Bekenntnis, Kapitel 21, Abschnitt 1

Einleitung

Wir verlassen das zwanzigste Kapitel, das uns die Freiheit des Christen und seines Gewissens in ihrer ganzen Weite und ihren bleibenden Grenzen entfaltet hat, und treten ein in ein neues Gebiet: den Gottesdienst. Der Schritt von Kapitel 20 zu Kapitel 21 ist kein zufälliger, und die Väter der Westminster-Synode haben ihn mit ihrer gewohnten Sorgfalt gesetzt. Das zwanzigste Kapitel hat uns gezeigt, wovon Christus uns befreit hat: von der Schuld der Sünde, vom Fluch des Gesetzes, von der Herrschaft Satans. Das einundzwanzigste Kapitel zeigt uns, wozu er uns befreit hat: zur rechten Anbetung des lebendigen Gottes. Freiheit, die nirgendwohin führt, ist keine Freiheit, die Christus am Kreuz erworben hat. Die Befreiung aus Ägypten hatte das Ziel, dass Israel seinem Gott in der Wüste ein Fest feiere. Die Befreiung vom Zorn Gottes hat das Ziel, dass wir ihm dienen in heiliger Ehrfurcht und Freude. Der Gottesdienst ist nicht ein Anhang zum christlichen Leben, eine fromme Beschäftigung für die stillen Stunden, während die wahren Entscheidungen anderswo fallen. Er ist das Ziel der Erlösung selbst. Das ist eine Wahrheit, die man leicht verliert. Der Mensch neigt dazu, das Evangelium auf eine Feuerwehrleiter zu verkürzen: Christus ist gekommen, um uns aus der Hölle zu holen; was wir danach mit unserem Leben anfangen, ist unsere Sache. Die Schrift denkt anders. Sie eröffnet mit einem Garten, in dem Gott und Mensch Gemeinschaft pflegen, und sie schliesst mit einer Stadt, deren Zentrum der Thron Gottes und des Lammes ist und deren Bürger nichts anderes tun, als ihm zu dienen und sein Angesicht zu sehen. Dazwischen, auf jeder Seite, in jedem Bund, bei jedem Bundesschluss, wird gebaut, geopfert, gesungen und gebetet. Der Gottesdienst ist der Atem des Glaubens. Wo er erstirbt, erstickt die Seele. Darum ist das einundzwanzigste Kapitel kein trockenes Handbuch gottesdienstlicher Anweisungen. Es ist eine Wegbeschreibung zum lebendigen Gott. Der erste Abschnitt tut etwas, das für den ganzen Rest des Kapitels grundlegend ist. Er unterscheidet zwei Quellen der Erkenntnis darüber, wie Gott verehrt werden soll. Die erste Quelle ist das Licht der Natur: die allgemeine Offenbarung, die jedem Menschen durch die Schöpfung und das innere Zeugnis des Gewissens zugänglich ist. Dieses Licht zeigt, dass es einen Gott gibt und dass man ihn verehren muss. Die zweite Quelle ist der offenbarte Wille Gottes in der Heiligen Schrift. Sie allein zeigt, wie man ihn verehren soll. Das ist die logische Achse, um die sich der ganze Abschnitt dreht, und man muss sie verstanden haben, bevor man irgendetwas anderes über den reformierten Gottesdienst versteht. Die Natur lehrt die Pflicht zur Anbetung. Die Schrift lehrt die Form der Anbetung. Wer diese Unterscheidung verwischt, wird entweder meinen, jede aufrichtige Verehrung sei Gott wohlgefällig, weil sie ja aus einem natürlichen Gottesbewusstsein stamme, oder er wird das Licht der Natur gänzlich verwerfen und damit das Fundament leugnen, auf dem die Schrift selbst aufbaut: dass der Mensch schon von Natur weiss, dass es einen Gott gibt und dass ihm Anbetung gebührt.

Die biblischen Grundlagen

Die erste Bewegung des Bekenntnisses ruht auf einer biblischen Grundlage, die sich durch beide Testamente zieht. Paulus eröffnet den Römerbrief mit einer Darlegung der natürlichen Gotteserkenntnis von seltener Klarheit und Wucht: »Denn was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart, damit dass Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen seit der Schöpfung der Welt, so man es wahrnimmt an den Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt, also dass sie keine Entschuldigung haben. Denn obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt, sondern sind in ihren Gedanken dem Nichtigen verfallen, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert.« Das griechische Wort, das Luther mit »offenbar« übersetzt, lautet phaneron, das Sichtbare, das am Tage Liegende. Paulus sagt nicht, dass Gott sich dem suchenden Philosophen nach langem Forschen notdürftig zu erkennen gibt. Er sagt: Es liegt am Tag. Jeder Mensch, zu jeder Zeit, an jedem Ort, der die Sonne über sich aufgehen und die Sterne in ihrer Ordnung ziehen sieht, der das Gewissen in seiner Brust anklagen und entschuldigen hört, weiss von Gott. Es ist kein erlernbares Wissen, das man durch Nachdenken erwirbt; es ist ein eingestiftetes Wissen, das man nur durch aktiven Widerstand unterdrücken kann. Und was der Mensch weiss, genügt ihm, um zu wissen, dass Gott die Anbetung gebührt. Das ist keine Sonderlehre des Paulus. Es ist die Fortsetzung dessen, was der Psalmist singt: »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk. Ein Tag sagt's dem andern, und eine Nacht tut's kund der andern, ohne Sprache und ohne Worte; unhörbar ist ihre Stimme. Ihr Schall geht aus in alle Lande und ihr Reden bis an die Enden der Welt.« Das Licht der Natur ist nicht stumm. Es predigt, und seine Predigt ist universal. Doch Paulus lässt nicht im Unklaren, was der Mensch mit diesem Wissen anfängt. Er unterdrückt es. Er preist Gott nicht, er dankt ihm nicht, er verfinstert sich absichtlich, bis er ein Bild von Gott hat, das er ertragen kann, ein Götzenbild, das ihn nicht stört. Das ist die düstere Ironie der natürlichen Gotteserkenntnis: Sie ist hell genug, um den Menschen ohne Entschuldigung zu lassen, aber sie reicht nicht hin, um ihm den Weg zum Heil zu zeigen. Dass Gott angebetet werden muss, weiss der Mensch von Natur. Wie er angebetet werden will, kann die Natur nicht lehren. Dafür bedarf es eines Wortes, das von aussen kommt, eines Wortes, das der Schöpfer selbst gesprochen hat. Dieses Wort ist in der Heiligen Schrift gegeben, und es ist kein allgemeiner Hinweis, der weiten Spielraum für menschliche Kreativität lässt. Es ist ein gebietendes Wort, das genaue Anweisungen gibt. Das Grundprinzip steht bereits im fünften Buch Mose, an der Schwelle zum verheissenen Land: »Alles, was ich euch gebiete, das sollt ihr halten und danach tun. Du sollst nichts dazutun und nichts davontun.« Die Kanaaniter hatten ihre eigenen Formen der Gottesverehrung, manche davon aufrichtig gemeint, manche betörend schön, manche tief erschreckend. Aber Gott gebot seinem Volk nicht, das Beste aus den Religionen der Völker herauszusuchen und es mit dem zu mischen, was er ihnen geoffenbart hatte. Er gebot ihnen, sich streng an das zu halten, was er befohlen hatte. Nichts hinzutun, nichts wegnehmen. Das ist im Kern bereits das reformierte Prinzip des Gottesdienstes, das die Westminster-Väter in feste Begriffe fassen: Nicht was der Mensch erfindet, sondern was Gott verordnet, hat im Gottesdienst sein Recht. Die dramatischste Zuspitzung dieses Grundsatzes im Alten Bund ist die Geschichte von Nadab und Abihu, den Söhnen Aarons. Sie waren Priester, von Gott selbst ins Amt gesetzt. Sie hatten die rechten Geräte, das rechte Heiligtum, die rechte Kleidung. Sie taten, was sie taten, vermutlich mit Eifer und guter Absicht. Aber das Feuer, das sie vor den Herrn brachten, war ein »fremdes Feuer«, ein Feuer, das er ihnen nicht geboten hatte. »Da fuhr ein Feuer aus von dem Herrn und verzehrte sie, dass sie starben vor dem Herrn.« Mose deutete das Geschehen mit Worten, die das Prinzip auf den Punkt bringen und die die Väter von Westminster vor Augen hatten, als sie ihren Abschnitt verfassten: »Das ist's, was der Herr gesagt hat: Ich erweise mich heilig an denen, die mir nahe sind, und vor allem Volk erweise ich mich herrlich.« Gott lässt sich nicht nach Gutdünken verehren. Seine Heiligkeit verträgt keine menschlichen Zusätze. Was er nicht geboten hat, das verbrennt er. Das ist eine harte Lehre, und das reformierte Herz sträubt sich nicht weniger gegen sie als das katholische. Wir möchten Gott unsere Erfindungen darbringen und erwarten, dass er sie annimmt, weil wir es doch gut gemeint haben. Nadab und Abihu hatten es auch gut gemeint. Der Herr Jesus selbst hat dieses Prinzip bestätigt und auf den Neuen Bund angewandt. Als er von den Pharisäern und Schriftgelehrten befragt wurde, warum seine Jünger die Überlieferungen der Ältesten übertraten, antwortete er mit einem Gegenangriff, der ihnen den Boden unter den Füssen wegzog: »Ihr Heuchler, wie fein hat Jesaja von euch geweissagt und gesprochen: Dies Volk ehrt mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir; vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren, die nichts sind als Menschengebote.« Das Wort, das Jesus gebraucht, ist matēn: vergeblich, umsonst, ins Leere. Ein Gottesdienst, der auf Menschengeboten ruht, ist nicht nur mangelhaft; er ist vergeblich. Er hat keine Wirkung im Himmel. Er verhallt zwischen den Kirchenmauern und dringt nicht zum Thron. Das ist die Kehrseite des ersten Gebotes, das der Schöpfer über alle Gottesverehrung gesetzt hat: Was er nicht gepflanzt hat, wird ausgerissen. Was er nicht gebaut hat, wird abgetragen. Was er nicht geboten hat, ist Rauch, der im Wind vergeht. Der Apostel Paulus greift dasselbe Anliegen auf, als er die Kolosser vor einer Frömmigkeit warnt, die den Anschein der Weisheit trägt und doch Menschenwerk ist. Er nennt den selbstgewählten Gottesdienst, die falsche Demut und die Kasteiung des Leibes Dinge, die »zwar einen Schein von Weisheit haben, aber nichts wert sind und nur das Fleisch befriedigen«. Das griechische Wort für selbstgewählten Gottesdienst ist ethelothrēskeia, zusammengesetzt aus thelō, wollen, und thrēskeia, Gottesdienst. Es ist ein Gottesdienst, der nicht aus dem Gehorsam gegen Gottes Willen fliesst, sondern aus dem Willen des Menschen. Das englische »will-worship« gibt den Sinn noch deutlicher wieder: nicht Gottes Wille bestimmt die Anbetung, sondern der Wille des Anbetenden. Colossä, die Stadt, in die Paulus schrieb, war ein Markt vielfältiger religiöser Angebote. Wer dort einen Gottesdienst suchte, der zu ihm passte, hatte die Wahl. Paulus doziert nicht über Geschmacksfragen. Er sagt: Dieser selbstgewählte Gottesdienst ist demütigend für den Leib, aber aufblähend für das Fleisch; er sieht heilig aus, aber er befriedigt nur das fromme Ego. Gott hat ihn nie verlangt, und Gott wird ihn nie annehmen. Die positive Grundlage für das, was das Bekenntnis lehrt, findet sich in der Begegnung Jesu mit der samaritischen Frau am Jakobsbrunnen. Die Frau stellt eine Frage, die ihr Volk seit Jahrhunderten von den Juden trennte: Wo soll man anbeten, auf dem Berg Garizim oder in Jerusalem? Die Antwort Jesu ist ein Erdbeben, das beide Berge einebnet und einen neuen Tempel aufrichtet: »Es kommt die Zeit und ist schon jetzt, dass die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn der Vater will haben, die ihn also anbeten. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.« Das ist keine Erlaubnis, Gott nach Belieben zu verehren. Es ist die Forderung, dass der Gottesdienst dem Wesen Gottes entsprechen muss. Gott ist Geist, darum genügt keine äussere Zeremonie ohne das Herz. Gott ist Wahrheit, darum genügt kein frommer Eifer ohne sein geoffenbartes Wort. »Im Geist« ist das Gegenteil von bloss äusserlicher, mechanischer Observanz. »In der Wahrheit« ist das Gegenteil von menschlicher Erfindung und selbstersonnenem Ritus. Der Geist ohne die Wahrheit wird zum Enthusiasmus, der sich jede Regung des Gefühls als Gottes Stimme deutet. Die Wahrheit ohne den Geist wird zum toten Buchstabendienst, der die rechten Formen wahrt und das Herz in Eis gehüllt lässt. Die Anbetung, die der Vater sucht, ist die, in der beides zusammenkommt: das vom Geist entzündete Herz und der durch die Wahrheit geleitete Verstand.

Was die Westminster-Väter meinten

Als die Väter den ersten Abschnitt des Gottesdienst-Kapitels formulierten, standen sie vor einer doppelten Aufgabe. Sie mussten die natürliche Gotteserkenntnis als Grundlage der Anbetungspflicht festhalten, die durch die Schrift aus Römer 1 und Psalm 19 unwiderruflich bezeugt ist. Aber sie mussten zugleich jede Tür zu einem Gottesdienst verschliessen, der aus dieser natürlichen Erkenntnis seine Inhalte bezog. Der Zusammenhang zwischen beiden Hälften des Abschnitts ist ein adversativer: »Das Licht der Natur zeigt, dass es einen Gott gibt und dass er verehrt werden muss. Aber die anerkannte Art der Anbetung ist von ihm selbst verordnet.« Das »Aber« trägt theologisches Gewicht. Es ist die Bruchlinie zwischen allgemeiner und besonderer Offenbarung, zwischen dem Wissen, das den Menschen ohne Entschuldigung lässt, und dem Wissen, das ihn zum Heil führt, zwischen Athen und Jerusalem. Die historische Front, an der diese Formulierung geschmiedet wurde, war eine dreifache. Auf der einen Seite stand Rom mit seinem kunstvollen System gottesdienstlicher Traditionen: Messopfer, Heiligenanrufung, lateinische Liturgie, Bilder, Prozessionen. Nichts davon stand in der Schrift, und dennoch behauptete Rom, die ungeschriebene apostolische Tradition mache es verbindlich. Auf der anderen Seite standen die Schwärmer, die sich auf innere Erleuchtung des Geistes beriefen, um sich vom geschriebenen Wort zu lösen, und deren Gottesdienst so unberechenbar war wie das menschliche Herz. Die dritte Front war die subtilste: die Socinianer, die das Licht der Natur zum obersten Richter erhoben und den Gottesdienst von allem reinigten, was ihnen unvernünftig erschien, bis nichts übrig blieb als moralisierender Vortrag. Gegen diese dreifache Front errichteten die Väter ihre knappe, doppelte These. Die erste Hälfte bejaht, was Rom und die Socinianer und die Schwärmer jeder auf seine Weise verneinten oder verdrehten: Das Licht der Natur lehrt wirklich und wahrhaftig, dass Gott angebetet werden muss. Es ist kein Irrtum der Heiden, wenn sie Altäre bauen. Das Verlangen, ein höheres Wesen zu verehren, ist nicht eine kulturelle Konstruktion, die man dekonstruieren kann. Es ist die Stimme des Schöpfers in der Schöpfung, unhörbar und doch unüberhörbar, die jedem Menschen sagt: Du bist nicht dein eigener Herr. Über dir ist einer, der dich gemacht hat, und ihm schuldest du Furcht, Liebe, Lobpreis, Anrufung, Vertrauen und Dienst. Die sechs Antworten, die das Bekenntnis aufzählt, sind nicht zufällig: sie umfassen das ganze Spektrum dessen, was Anbetung im Kern ist, von der inneren Bewegung des Herzens bis zur äusseren Handlung des Dienstes. Die zweite Hälfte verneint, dass dieses Licht genüge. Es sagt dass, aber nicht wie. Es zeigt die Pflicht, aber nicht das Muster. Es treibt den Menschen auf die Knie, aber es sagt ihm nicht, was er beten soll. Dafür bedarf es eines Wortes, das aus dem Himmel kommt, und dieses Wort hat Gott in der Schrift gegeben. Die Formulierung, dass der Gottesdienst »durch seinen eigenen offenbarten Willen begrenzt« sei, ist von einer Präzision, die man leicht überliest. Gott hat nicht nur allgemeine Grundsätze offenbart, innerhalb derer der Mensch kreativ werden darf. Er hat seinen Willen so offenbart, dass dieser Wille eine Grenze bildet. Was diesseits der Grenze liegt, ist anerkannt. Was jenseits liegt, ist verworfen: Einbildungen und Vorstellungen von Menschen, Vorschläge des Satans, sichtbare Darstellungen, jeder Weg, den die Schrift nicht vorschreibt. Das letzte dieser vier Verbote, »irgendeine Weise, wie sie nicht in der Heiligen Schrift vorgeschrieben ist«, enthält das, was man später den regulativen Grundsatz des Gottesdienstes genannt hat: Im Gottesdienst ist nur erlaubt, was die Schrift ausdrücklich gebietet oder durch gute und notwendige Folgerung aus ihr ableitet. Das ist das konsequente Gegenstück zu dem, was das erste Kapitel über die Schrift als die alleinige Richtschnur des Glaubens und des Lebens gelehrt hat. Wenn die Schrift allein unsere Erkenntnis Gottes regelt, dann regelt sie auch den Gottesdienst, der doch nichts anderes ist als die Antwort des Glaubens auf die Erkenntnis Gottes. Wer die Schrift als Richtschnur des Glaubens annimmt und sie als Richtschnur des Gottesdienstes ablehnt, hat einen Riss in die Mitte seines Christentums geschlagen. Er glaubt, was die Schrift sagt, aber er betet an, was der Mensch ersinnt. Das kann nicht gut gehen.

Theologische Tiefe

Die reformierte Tradition hat dem sogenannten regulativen Prinzip eine Gestalt gegeben, die in der gesamten Christenheit einzigartig ist. Nicht alle Reformationen zogen an diesem Punkt dieselbe Grenzlinie. Die lutherische Kirche folgte einem anderen Grundsatz: Was die Schrift nicht verbietet, ist im Gottesdienst erlaubt, sofern es nicht dem Evangelium widerspricht. Darum behielt sie Bilder, Kerzen, Chorgewänder und einen grossen Teil der überkommenen Liturgie bei, den die Reformierten als unbiblisch verwarfen. Die anglikanische Kirche folgte einem ähnlichen Weg und bewahrte vieles, was dem mittelalterlichen Gottesdienst entstammte. Nur die reformierten Kirchen, von Zürich und Genf über Schottland bis nach Westminster, zogen die Linie schärfer: Nicht was die Schrift nicht verbietet, sondern was die Schrift gebietet, hat Anspruch, im Gottesdienst einen Platz zu haben. Der Unterschied scheint gering, aber er hat gewaltige Konsequenzen. Unter dem lutherischen Prinzip liegt die Beweislast bei dem, der einen Gottesdienstbrauch abschaffen will: Zeige, dass die Schrift ihn verbietet. Unter dem reformierten Prinzip liegt die Beweislast bei dem, der einen Brauch einführen will: Zeige, dass die Schrift ihn gebietet. Das eine öffnet die Tür weit für menschliche Kreativität; das andere schliesst sie und vertraut darauf, dass Gott selbst weiss, wie er verehrt werden will. Calvin hat dieses Prinzip nicht erfunden, aber er hat es mit einer theologischen Tiefe begründet, die seither Massstäbe gesetzt hat. In seinem Traktat über die Notwendigkeit der Reform der Kirche schreibt er, dass jede Hinzufügung zum Gottesdienst, die Gott nicht geboten habe, ein verhüllter Götzendienst sei. Der Götzendienst, so Calvin, besteht nicht nur darin, ein falsches Objekt anzubeten; er besteht darin, das rechte Objekt auf eine falsche Weise anzubeten. Kain brachte Gott ein Opfer, und zwar demselben Gott, dem auch Abel opferte. Aber Kains Opfer war Kains Erfindung, und Gott sah es nicht an. Das goldene Kalb, das Aaron am Fuss des Sinai goss, sollte nicht Baal darstellen, sondern den Herrn, der Israel aus Ägypten geführt hatte. Aaron verkündete: »Morgen ist des Herrn Fest.« Und dennoch, als Mose vom Berg herabstieg und sah, was sie taten, zerschmetterte er die Tafeln. Ein selbstgemachter Gottesdienst ist Götzendienst, auch wenn er dem wahren Gott dargebracht wird, weil er den Gott, der nicht mit Händen gemacht ist, mit Händen fassbar macht und den Gott, der sich im Wort geoffenbart hat, nach dem Bild des Menschen formt. In Zürich hatte Zwingli mehr als ein Jahrzehnt vor Calvin denselben Kampf gefochten und dabei eine Radikalität des Gehorsams gezeigt, die seine Gegner Barbarei nannten und die wir heute als Konsequenz reformierten Denkens würdigen. Als der Rat der Stadt im Jahr 1524 die Entfernung der Bilder aus den Kirchen anordnete, geschah dies nicht in einem Ausbruch ikonoklastischer Raserei, sondern nach sorgfältiger Debatte und auf der Grundlage des zweiten Gebotes. Zwinglis Argument war einfach und unerbittlich: Gott hat gesagt, wir sollen uns kein Bildnis machen. Die Bilder in den Kirchen sind Bildnisse. Also müssen sie weichen. Die Gegner wandten ein, die Bilder seien nicht angebetet worden, nur als Hilfsmittel für die Andacht frommer Laien gebraucht worden, als Bücher der Armen. Zwingli antwortete, der Arme habe ein besseres Buch: die Schrift, und wenn er sie nicht lesen könne, dann solle die Kirche es ihm vorlesen, statt ihm ein Bild vor die Augen zu malen, das stillschweigend gegen das zweite Gebot verstiess. Der Gehorsam gegen Gott, so Zwingli, verlangt nicht nur, dass wir nicht tun, was er verboten hat; er verlangt, dass wir das, was er verboten hat, auch aus unserer Mitte entfernen. Man kann nicht neutral sein gegenüber dem, was Gott hasst. Bullinger hat dieses Erbe in Zürich treu bewahrt und in seinen Dekaden zu einer ausgewogenen Lehre vom Gottesdienst entfaltet. Er bestand darauf, dass der Gottesdienst zwei Dinge brauche, um recht zu sein: die rechte Quelle und das rechte Ziel. Die rechte Quelle ist der offenbarte Wille Gottes in der Schrift. Das rechte Ziel ist die Ehre Gottes und die Erbauung der Gemeinde. Ein Gottesdienst, der aus menschlicher Erfindung stammt, verfehlt die Quelle. Ein Gottesdienst, der sich streng an die Schrift hält, aber in liebloser Härte erstarrt, verfehlt das Ziel. Bullinger warnte vor beiden Abwegen: Ein Gottesdienst, der nur aus der Schrift schöpft, aber nicht zur Anbetung führt, ist wie ein Brunnen, der reines Wasser hat, aber verschlossen ist. Ein Gottesdienst, der zur Anbetung führt, aber nicht aus der Schrift schöpft, ist wie ein Brunnen, der offen ist, aber giftiges Wasser führt. Von den späteren Auslegern hat Owen die geistliche Dimension des Gottesdienstes eindringlich beschrieben. Er unterschied zwischen der äusseren Handlung und der inneren Wirklichkeit. Man kann die Psalmen singen und die Gedanken wandern lassen. Man kann die Predigt hören und das Herz verschliessen. Das ist, sagt Owen, nicht Gottesdienst. Es ist die Hülle, die Schale. Der wahre Gottesdienst geschieht, wenn der Heilige Geist die Wahrheit des Wortes dem Herzen so nahe bringt, dass es in Glauben, Liebe und Ehrfurcht antwortet. Ohne den Geist ist die reinste Liturgie ein totes Gerüst. Mit dem Geist ist der schlichteste Psalm ein Himmelstor. Darum ist die erste Vorbereitung auf den Gottesdienst nicht die Wahl der Lieder, sondern das Gebet um den Geist. Turretin brachte die Unterscheidung zwischen dem Licht der Natur und der geoffenbarten Wahrheit in die begriffliche Klarheit, die das Bekenntnis voraussetzt. Er unterscheidet zwischen der natürlichen Theologie, die aus der Schöpfung erkannt werden kann, und der übernatürlichen Theologie, die nur aus der Schrift erkannt werden kann. Die natürliche Theologie ist wahr, aber sie ist unzureichend. Sie lehrt, dass Gott existiert, dass er mächtig und weise und gut ist, und dass er verehrt werden muss. Sie lehrt nicht, wer Gott in seinem innersten Wesen ist: der dreieinige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Sie lehrt nicht, wie der gefallene Mensch Zugang zu Gott findet: durch den Mittler Jesus Christus. Und sie lehrt nicht, wie dieser Gott verehrt werden will: im Geist und in der Wahrheit, nach den Ordnungen seines Wortes. Die natürliche Theologie, so Turretin, ist wie das Tageslicht, das ausreicht, um die Umrisse eines Berges zu erkennen, aber nicht ausreicht, um den Weg auf seinen Gipfel zu finden. Dazu bedarf es einer Karte, und diese Karte ist die Heilige Schrift. Wer ohne sie zu wandern versucht, wird im Tal umherirren und niemals den Gipfel erreichen, aber er wird keine Entschuldigung haben, denn die Umrisse des Berges hat er gesehen und dennoch den falschen Weg gewählt.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Jeder Mensch ist ein Anbeter. Die Frage ist nur, was er anbetet und nach wessen Ordnung. Das Licht der Natur lehrt, dass der Mensch ein zur Anbetung geschaffenes Wesen ist. Er kann nicht nicht anbeten. Auch der überzeugteste Atheist richtet sein Leben auf etwas aus, dem er letzte Bedeutung beimisst: das Gold, die Karriere, die eigene Autonomie. Irgendetwas hat immer den Thron. Das ist die Wirklichkeit des Geschöpfes, das zum Bild Gottes geschaffen wurde und dessen Herz unruhig ist, bis es in Gott ruht. Der erste Abschnitt des Bekenntnisses ruft den Christen zu einer doppelten Selbsterkenntnis. Du betest an, weil du Mensch bist. Die Frage ist nicht, ob du anbetest, sondern ob deine Anbetung den trifft, für den sie bestimmt ist, und nach der Weise geschieht, die er geboten hat. Prüfe deinen Gottesdienst. Wenn du am Sonntag in der Gemeinde sitzt und Lieder singst, die du nicht mit dem Herzen mitsingst, und eine Predigt über dich ergehen lässt, ohne dass dein Wille sich unter Gottes Wort beugt: Ist das Anbetung? Und wenn du von Montag bis Samstag mit einer Hingabe deinen Geschäften nachgehst, die du am Sonntag für Gott nicht aufbringst: Was betest du dann eigentlich an? Die Antwort mag bitter sein. Aber sie ist heilsam, denn nur wer seinen Götzen beim Namen nennt, kann ihn entthronen. Zweitens: Die natürliche Gotteserkenntnis genügt, um dich zu verdammen. Sie genügt nicht, um dich zu retten. Das ist eine Wahrheit, die hart klingt und die viele nicht hören wollen. »Ich glaube an einen Gott, aber ich brauche keine Kirche und keine Dogmen«, sagt der moderne Mensch. Aber genau das ist die Haltung, die Paulus in Römer 1 verurteilt. Der Mensch weiss, dass es einen Gott gibt, aus der Schöpfung und dem Gewissen. Aber dieses Wissen bringt ihn nicht dazu, den wahren Gott zu suchen. Es bringt ihn dazu, sich einen Gott zu machen, mit dem er leben kann, einen Gott, der keine Ansprüche stellt. Das ist das Wesen des Heidentums, ob in Athen oder in Zürich. Das Bekenntnis lässt keine Illusion darüber, was die natürliche Gotteserkenntnis leisten kann. Sie kann dir sagen, dass du einen Schöpfer hast. Sie kann dir nicht sagen, wie du mit ihm versöhnt wirst, nachdem du gegen ihn rebelliert hast. Sie kann dir zeigen, dass du anbeten musst. Sie kann dir nicht die Anbetung zeigen, die Gott wohlgefällig ist. Für die Versöhnung brauchst du das Evangelium. Und das Evangelium findest du nirgends in der Natur. Es steht nur in dem Buch, das Gott selbst geschrieben hat, und es handelt nur von der Person, die Gott selbst gesandt hat. Wer die Schrift beiseitelegt und dennoch meint, er kenne Gott, kennt in Wahrheit nur einen Götzen aus den Trümmern der natürlichen Offenbarung. Drittens: Das reformierte Prinzip des Gottesdienstes ist kein engstirniger Traditionalismus, sondern ein Schutz vor der Abgötterei des eigenen Herzens. Das ist vielleicht der am meisten missverstandene Zug des reformierten Gottesdienstes. Aussenstehende sehen eine Gemeinde, die nur die Psalmen singt, die keine Bilder hat, die keinen Altar in der Mitte und keine Geste der Anbetung ohne biblische Grundlage duldet, und sie nennen das Starrheit. Sie fragen: Wo bleibt die Kreativität? Wo die Schönheit? Wo die Freiheit, die Christus doch erworben hat? Aber das Bekenntnis antwortet mit einer Gegenfrage: Wem traust du mehr, wenn es um den Gottesdienst geht: dem menschlichen Herzen, das ein »trotziges und verzagtes Ding« ist, das einen Götzen nach dem anderen gebiert, oder dem Wort Gottes, das beständig und zuverlässig und ausreichend ist? Der regulative Grundsatz ist keine Fessel. Er ist ein Zaun. Und dieser Zaun wurde nicht errichtet, weil die Reformatoren die Schönheit hassten. Sie liebten die Schönheit, aber sie wussten, dass die grösste Schönheit die ist, die Gott selbst verordnet hat, und dass die gefährlichste Hässlichkeit die ist, die sich als Schönheit tarnt und die Seele vom lebendigen Gott wegführt. Der Zaun des Wortes hält die Wölfe der menschlichen Erfindung fern und die Schafe in der Weide, auf der Gott selbst sie weiden will. Ausserhalb des Zauns ist nicht Freiheit. Ausserhalb ist der Abgrund. Die Bilder in den mittelalterlichen Kirchen waren den Gläubigen lieb und teuer. Sie hingen an ihnen als Hilfsmittel der Andacht. Und doch, sagt Zwingli und mit ihm das Bekenntnis, mussten sie weichen, weil Gott sie verboten hatte und weil das, was der Mensch liebgewinnt, sehr bald das ersetzt, was Gott gebietet. Frage dich, ob es in deiner eigenen Gottesverehrung Elemente gibt, die du liebgewonnen hast, für die du aber keine biblische Grundlage nennen kannst. Ein bestimmter Predigtstil, der dir gefällt, aber den die Schrift nicht vorschreibt. Ein Lied, das dich bewegt, aber das nicht aus der Schrift stammt. Eine Gewohnheit, die dir vertraut ist, aber die nirgends geboten wird. Die Frage ist nicht, ob diese Dinge schädlich sind. Die Frage ist, ob du sie gegen eine Gemeinde verteidigen würdest, die sie abschaffen will, und ob der Grund, warum du sie verteidigst, wirklich die Schrift ist oder einfach deine Vorliebe. Das Herz ist ein listiger Verteidiger seiner Götzen. Es wird die frommsten Argumente finden, um das zu bewahren, was es liebt, und es wird die Heilige Schrift so lange drehen und wenden, bis sie das zu erlauben scheint, was Gott niemals geboten hat. Viertens: Aufrichtigkeit genügt nicht. Nadab und Abihu waren aufrichtig. Das ist die Lehre, vor der wir am liebsten fliehen würden, weil sie unserer sentimentalisierten Frömmigkeit so radikal widerspricht. Wir haben gelernt, dass Gott das Herz ansieht und dass eine Tat, die aus Liebe geschieht, ihm wohlgefällig ist. Das ist wahr, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Gott sieht das Herz, und darum sieht er auch die Sünde, die sich im Herzen unter dem Mantel der Liebe verbirgt: den Eigenwillen, der meint, Gott besser zu kennen als Gottes Wort, und die Vermessenheit, die meint, Gott das darbringen zu können, was er nicht geboten hat. Nadab und Abihu hatten die besten Absichten. Sie waren Priester, Söhne Aarons, geweiht zum Dienst im Heiligtum. Alles, was sie taten, taten sie für den Herrn. Und doch verbrannte sie das Feuer, weil sie darbrachten, was der Herr nicht geboten hatte. Ihre Aufrichtigkeit zählte nicht. Es zählte allein der Wille Gottes, und der Wille Gottes war übertreten worden. Hätte man sie vor ihrem Tod gefragt, ob sie Gott liebten, sie hätten es aufrichtig bejaht. Aber Gott fragte sie nicht. Er offenbarte sich heilig an ihnen und zeigte, dass seine Heiligkeit keine Aufrichtigkeit duldet, die seinen Willen missachtet. Wende das auf deinen eigenen Gottesdienst an. Wenn du vor Gott trittst mit einer Anbetung, die zwar aufrichtig, aber nicht an seinem Wort ausgerichtet ist, was bringst du dann? Fremdes Feuer. Nicht die Aufrichtigkeit heiligt den Gottesdienst. Das Wort Gottes heiligt ihn. Und wo das Wort nicht ist, da wird keine Aufrichtigkeit der Welt das Feuer löschen, das aus der Gegenwart des Heiligen fährt. Fünftens: Der biblische Gottesdienst ist nicht arm. Er ist vollständig. Es gibt eine stille Furcht im reformierten Herzen, die selten ausgesprochen wird: Ist das nicht ein wenig dürftig, was wir da tun? Nur Psalmen singen. Nur die Schrift lesen. Nur beten und predigen und die Sakramente verwalten. Keine Bilder, keine Düfte, kein Chor, kein Tanz, kein Theater. Andere Traditionen haben so viel Schönheit, so viel äussere Pracht, so viel, was die Sinne anspricht. Und wir sitzen in einem kahlen Raum, hören auf alte Worte und singen alte Lieder. Ist das nicht eine Verarmung? Das Bekenntnis antwortet darauf, indem es das Licht der Natur und die Schrift unterscheidet. Die Natur gibt dir den Drang zur Anbetung, und dieser Drang verlangt nach Sättigung. Er will sehen, hören, fühlen. Die Schrift gibt dir die Antwort, und diese Antwort sind nicht Sinne, sondern Wort und Geist. Der biblische Gottesdienst mag den Sinnen karg erscheinen, aber er ist der Seele eine Weide. Jedes Bild, das du von Gott machst, schränkt ihn ein. Jede Zeremonie, die du hinzufügst, verdeckt die eine Zeremonie, die gilt: das Herz, das sich vor Gott beugt. Ist das nicht dürftig? Nein, sagt die Schrift. Es ist die Fülle. Christus ist genug. Sein Wort ist genug. Sein Geist ist genug. Der biblische Gottesdienst ist wie ein klares Fenster, das nichts von sich selbst zeigt, durch das man aber die ganze Herrlichkeit Gottes ungehindert sieht. Die menschlichen Zutaten sind wie bunte Glasscherben, die das Licht brechen. Sie mögen schöner aussehen, aber sie zeigen weniger von Gott. Wer das begriffen hat, wird die Einfachheit des reformierten Gottesdienstes nicht als Armut empfinden, sondern als Schatz. Sechstens: Der Gottesdienst ist das Ziel deiner Erlösung. Lebe von Sonntag zu Sonntag. Wir haben von der Freiheit gehört, die Christus erworben hat. Jetzt zeigt das Bekenntnis, wozu diese Freiheit führt: zur rechten Anbetung Gottes. Die Erlösung mündet in den Gottesdienst wie der Fluss ins Meer. Das Ziel des Christenlebens ist nicht ein moralisch einwandfreier Lebenslauf. Es ist die Anbetung Gottes in der Gemeinschaft der Heiligen, hier im Vorgriff und dort in der Vollendung. Die Woche des Christen ist ein Weg, der von Sonntag zu Sonntag führt. Am Sonntag tritt er vor Gott hin, empfängt die Vergebung, hört Gottes Wort, vereinigt sich mit Christus im Sakrament und wird gesegnet und ausgesandt. Von Montag bis Samstag lebt er aus dieser Speise und sehnt sich nach dem nächsten Sonntag, an dem er wieder vor Gott treten darf. Am letzten Tag wird die Anbetung nicht aufhören. Sie wird vollendet werden. Richte dein Leben auf dieses Ziel aus. Es gibt nichts Wichtigeres, was du am Sonntag tun könntest, als mit der Gemeinde vor Gott zu treten. Es gibt nichts, was die Woche besser ausrüsten könnte als der Gottesdienst, den Gott selbst verordnet hat. Gott zu fürchten, zu lieben, zu preisen, anzurufen, ihm zu vertrauen und ihm zu dienen: von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit aller Kraft. Das ist das Ziel. Dahin sind wir unterwegs.

Gebet

Heiliger Gott, Schöpfer Himmels und der Erden, das Licht der Natur zeigt uns, dass du bist und dass dir Anbetung gebührt. Aber es zeigt uns nicht, wie wir vor dein Angesicht treten sollen. Darum danken wir dir, dass du nicht geschwiegen hast. Du hast zu uns geredet durch dein Wort und du hast uns den Weg geöffnet durch das Blut deines Sohnes. Wir bekennen dir, dass wir dieses Wort oft beiseitegelegt haben. Wir haben unsere eigenen Erfindungen in deinen Dienst eingebracht, als wärst du ein Gott, der mit unserer Kreativität zufrieden ist. Wir haben vergessen, dass Nadab und Abihu aufrichtig waren und doch verzehrt wurden, weil sie fremdes Feuer brachten. Vergib uns die Aufrichtigkeit, die sich nicht an dein Wort bindet. Vergib uns den Gottesdienst, der deinen Namen ehrt mit den Lippen, während das Herz ferne von dir ist. Lehre uns, dich zu fürchten mit kindlicher Ehrfurcht, dich zu lieben mit ungeteiltem Herzen, dich zu preisen mit Freude, dich anzurufen in aller Not, dir zu vertrauen, wenn unser Verstand an Grenzen stösst, und dir zu dienen mit aller Kraft, die du schenkst. Lass unseren Gottesdienst nicht zum leeren Ritual erstarren und nicht in ungebundener Schwärmerei zergehen. Dein Sohn hat gesagt, der Vater suche solche Anbeter, die ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. Wirke du diesen Gottesdienst in uns, durch deinen Geist, nach deinem Wort. Und wenn wir einmal vor deinem Thron stehen, dann werden wir dich anbeten, wie du es würdig bist: nicht mehr im Spiegel, sondern von Angesicht zu Angesicht. Vater, nimm unser Opfer an: das zerschlagene Herz und den Glauben, der sich an Christus klammert. Du fragst nicht nach den Opfern, die Menschenhände bauen. Du fragst nach dem Herzen, das dein Geist gebrochen und neu gemacht hat. Schaffe in uns ein solches Herz, und lass unseren Gottesdienst ein Vorgeschmack sein des himmlischen, in alle Ewigkeit. Amen.
← Start · Übersicht ·