Andacht 108 von 171

Das Gebet: Der wohlgefällige Gottesdienst des souveränen Gottes

Ch.21: Of Religious Worship and the Sabbath Day — Abschnitt 3 • 2026-08-13 • 34 min
Das Gebet mit Danksagung ist ein besonderer Teil der religiösen Anbetung und wird von Gott von allen Menschen gefordert. Damit es angenommen werde, soll es geschehen im Namen des Sohnes, mit Hilfe seines Geistes, nach seinem Willen, mit Verstand, Ehrfurcht, Demut, Inbrunst, Glauben, Liebe und Beharrlichkeit; und wenn es laut gesprochen wird, in einer verständlichen Sprache.
- Westminster Bekenntnis, Kapitel 21, Abschnitt 3

Einleitung

Es gibt im Umkreis des geistlichen Lebens keine Handlung, die dem Menschen vertrauter wäre und zugleich schwerer fiele als das Gebet. Ein Kind kann beten. Ein Sterbender kann beten. Ein Mensch, der nie eine Zeile der Schrift gelesen hat, kann beten. Und doch steht in den Evangelien der merkwürdige Satz, dass die Jünger, die ihr Leben lang gebetet hatten, zu Jesus kamen mit der Bitte: »Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.« Sie hatten die Psalmen auswendig gelernt und in der Synagoge die vorgeschriebenen Gebete zu den festgesetzten Stunden gesprochen. Aber als sie diesen Mann reden hörten, der zu Gott sprach wie ein Sohn zu seinem Vater, da überfiel sie die Erkenntnis, dass sie in Wahrheit noch nie gebetet hatten. Was ihnen fehlte, war nicht die Form, sondern die Wirklichkeit. Was ihnen fehlte, waren nicht die Worte, sondern der Geist, der die Worte erst zu einem Gebet macht. Genau an dieser Stelle steht der dritte Abschnitt des Gottesdienstkapitels. Die ersten beiden Abschnitte haben das Fundament gelegt: Wir haben gehört, dass die Anbetung Gott allein gebührt und dass sie seit dem Sündenfall allein durch den Mittler Jesus Christus geschieht. Nun steigen die Väter hinab zu dem grossen Akt selbst. Das Gebet, sagen sie, ist kein frommer Schmuck, den man dem Glaubensleben umhängt. Es ist »ein besonderer Teil der religiösen Anbetung«, eine Pflicht, die Gott von jedem Menschen fordert, der je einen Atemzug getan hat, und es trägt den ganzen Bau des Evangeliums in sich. Denn sieh nur, wie der Satz sich bewegt: Das Gebet soll geschehen im Namen des Sohnes, das ist die Lehre von der Mittlerschaft Christi, verwandelt in den Atem des Beters. Es soll geschehen mit Hilfe seines Geistes, das ist die Lehre vom Beistand des Heiligen Geistes, verwandelt in die Abhängigkeit des Schwachen. Und es soll geschehen nach seinem Willen, das ist die Lehre von der Souveränität Gottes, verwandelt in die Unterwerfung des Eigenwillens. Jede der sieben Gnaden, die dann folgen, ist eine kleine Tür in das Wesen des Menschen, der wahrhaft beten gelernt hat. Und der Schlusssatz von der »verständlichen Sprache« ist ein stiller Protest gegen jede Religion, die den Gottesdienst denen unverständlich macht, die ihn darbringen. Wir kommen damit zu dem persönlichsten aller Abschnitte über den Gottesdienst. Der Gegenstand der Anbetung ist Gott allein. Der Mittler ist Christus allein. Und nun das Werkzeug, in dem das Geschöpf zum Schöpfer aufsteigt, das Gebet. Haben die ersten beiden Abschnitte die Grammatik der Anbetung gelehrt, so lehrt dieser, wie man sie spricht. Denn das Gebet ist der Ort, an dem die Theologie zur Biographie wird, und darum gibt es keinen Abschnitt in diesem Kapitel, der uns näher auf den Leib rückt als dieser.

Die biblischen Grundlagen

Der Apostel Paulus schreibt aus dem Gefängnis an die Gemeinde, die er in Philippi geliebt hat, und schenkt uns darin eine so gedrängte Darstellung des Gebets, wie sie die Schrift kaum ein zweites Mal bietet: »Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.« Der griechische Wortschatz ist hier mit Bedacht geschichtet: proseuchē, das Gebet, ist der allgemeine Ausdruck für die Anrede Gottes, und daneben steht deēsis, das Flehen, die bestimmte Bitte um eine konkrete Not. Aber das dritte Wort ist es, das die heidnischen Zeitgenossen des Paulus überrascht hätte. Eucharistia, die Danksagung, ist dem Bitten als untrennbare Gefährtin beigesellt, sodass der Gläubige niemals bloss bittet; er bittet und dankt in ein und demselben Atemzug. Die Heiden der Antike traten mit geballter Angst vor ihre Götter und hofften, den widerwilligen Mächten Gunst abzuringen. Der Christ kommt zu einem Vater, der ihm bereits die unaussprechliche Gabe seines Sohnes geschenkt hat, und darum ist jede Bitte, die er vorbringt, in Dankbarkeit gehüllt für das, was ihm längst gewährt wurde. Und Paulus nennt die Frucht, noch ehe das Bitten vollendet ist: Der Friede Gottes, der alle Vernunft übersteigt, wird Wache halten über Herz und Sinn. Das rechte Gebet ist die zuversichtliche Rede eines Kindes zu einem Vater, der es liebt, und schon der Akt des Sprechens nimmt der Seele ihre Last, noch ehe die Antwort eintrifft. Unser Herr selbst hat den Grund aller Gebetserhörung festgelegt, als er seine Jünger lehrte, warum ihre Bitten erhört werden würden: »Und an jenem Tage werdet ihr mich nichts fragen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben. Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei.« Die Wendung en tō onomati, »in meinem Namen«, ist keine Formel, die man ans Ende eines Gebetes hängt, als wären die Worte »in Jesu Namen« ein Zaubersiegel, das die Zustellung verbürgt. Im Namen Christi zu bitten heisst, als einer zu bitten, der mit Christus vereinigt ist, der in dessen Gerechtigkeit gekleidet und mit dessen Vollmacht versehen vor den Thron tritt, der vor Gott kein eigenes Ansehen hat und keines begehrt. Es heisst, anzuerkennen, dass der einzige Grund, warum ein Sünder den heiligen Gott überhaupt anreden darf, darin liegt, dass der Sohn durch sein eigenes Fleisch den Weg gebahnt hat. So beruft sich der Gläubige, der in sich nichts hat, womit er sein Gebet empfehlen könnte, auf den Namen Jesu, nicht als Schlussformel, sondern als den Boden, auf dem er kniet. Die Freude, die Christus verheisst, ist nicht der Lohn der Beredsamkeit, sondern das natürliche Überfliessen einer Seele, die gelernt hat, von einem Vater zu bitten und zu empfangen, der mit Freuden gibt. Wird das Gebet aber im Namen des Sohnes dargebracht, so wird es vom Geist ermöglicht, und kein Wort macht diese Abhängigkeit deutlicher als das des Paulus an die Römer: »Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiss, was des Geistes Sinn ist; denn er tritt für die Heiligen ein, wie Gott es will.« Das ist eines der tröstlichsten Worte über das Gebet in der ganzen Bibel. Wir treten mit einem Gebrechen vor Gott, das wir kaum wahrnehmen: Wir wissen nicht, worum wir bitten sollen, nicht mit der Weisheit, die die ganze Spanne unseres Lebens überschaut. Wir bitten um das, was uns schaden würde, und wir weichen zurück vor dem, was uns heilen würde. Aber der Geist, der im Gläubigen wohnt, ergänzt, was uns fehlt. Das Wort, das Paulus für »helfen« gebraucht, ist ein zusammengesetztes Wort, das im Griechischen das Bild eines Menschen zeichnet, der eine Last am anderen Ende ergreift und sie gemeinsam mit uns trägt. Und das unaussprechliche Seufzen ist nicht das verzückte Lallen des Beters, sondern das eigene, wortlose Seufzen des Geistes, tiefer als alle Worte, das die verworrenen Sehnsüchte unserer Herzen in Bitten übersetzt, die der Vater annehmen kann. Hier liegt die trinitarische Gestalt des Gebets offen zutage: zum Vater, durch den Sohn, im Geist. Lehrt uns der Geist, wie wir bitten sollen, so lehrt uns der Wille Gottes, worum wir bitten sollen, und der Apostel Johannes bindet beides zusammen in einer Verheissung von kühner Zuversicht: »Und das ist die Zuversicht, die wir haben zu ihm: dass, wenn wir etwas bitten nach seinem Willen, er uns hört. Und wenn wir wissen, dass er uns hört, worum wir auch bitten, so wissen wir, dass wir erhalten, was wir von ihm erbeten haben.« Die Wendung kata to thelēma autou, »nach seinem Willen«, ist die Grenze, innerhalb derer sich alles wahre Gebet bewegt. Das ist keine Einschränkung, die das Gebet verkleinert, sondern ein Kompass, der es ausrichtet. Wer nach seinem eigenen Willen betet, versucht, den Himmel seinen Wünschen zu beugen; wer nach Gottes Willen betet, hat seine Wünsche dem Himmel gebeugt und kann darum nicht fehlgehen. Nach Gottes Willen beten heisst, in Unterwerfung unter seine geoffenbarten Absichten zu bitten, um das zu bitten, was er zu geben verheissen hat: um Heiligkeit statt um Bequemlichkeit, um sein Reich statt um unser Behagen, um die Ehre seines Namens statt um die Befriedigung unserer Begierden. Und wenn unsere Bitten seinem Willen angeglichen sind, werden Erhörung und Gewährung zu einer einzigen Sache, so gewiss, dass Johannes von der Bitte bereits wie von einem empfangenen Gut sprechen kann. Weil das Gebet schliesslich eine Handlung des ganzen Menschen ist und nicht bloss der Zunge, besteht Paulus darauf, dass der Verstand beteiligt sein muss: »Denn wenn ich in Zungen bete, so betet mein Geist; aber mein Verstand bringt keine Frucht. Wie soll es denn nun sein? Ich will beten mit dem Geist und auch mit dem Verstand; ich will singen mit dem Geist und auch mit dem Verstand.« Das Wort nous, der Verstand, ist das Vermögen, mit dem ein Mensch begreift, was er sagt, und Paulus weigert sich, es im Akt der Anbetung preiszugeben. Das Gebet ist keine Beschwörung, deren Kraft in den Lauten selbst läge; es ist das verständige Gespräch mit einem persönlichen Gott, und ein Gebet, das der Betende nicht versteht, ist ein Gebet, bei dem der Mensch selbst abwesend ist. Dieser Vers steht hinter dem Schlusssatz des Bekenntnisses von der verständlichen Sprache, und er reicht weit über den besonderen Streit um die Zungenrede hinaus bis in die Frage, was Gottesdienst überhaupt ist. Gott hat uns einen Verstand gegeben, und er will, dass dieser Verstand im Gebet geheiligt wird, nicht weniger als das Herz. Der Gläubige soll mit Geist und Verstand zugleich beten, damit die ganze Seele, Neigung und Erkenntnis, Inbrunst und Klarheit, in dem einen Akt der Anrede Gottes gesammelt wird.

Was die Westminster-Väter meinten

Die Väter eröffnen diesen Abschnitt mit einer Behauptung, die bis in die Grundlagen der natürlichen Religion zurückreicht: Das Gebet wird »von Gott von allen Menschen gefordert«. Nicht bloss von den Frommen, nicht bloss von den Erwählten, nicht bloss von denen, die wiedergeboren und mit dem Geist der Gnade beschenkt sind, sondern von allen Menschen. Denn das Gebet ist nicht zuerst ein Vorrecht der Heiligen, sondern eine Pflicht der Geschöpfe. Wer das Evangelium nie gehört hat, schuldet seinem Schöpfer dennoch die Huldigung der Anrede, denn er ist ein abhängiges Wesen, das jeden Atemzug aus der Hand Gottes empfängt, und eine Abhängigkeit, die sich nie ausspricht, ist eine gelebte Undankbarkeit. Die Schrift ist voll von dieser allgemeinen Erwartung. Die heidnischen Schiffsleute im Sturm des Jona riefen, obwohl sie den wahren Gott nicht kannten, ein jeder zu seinem Gott, und der Schiffsherr weckte den schlafenden Propheten mit Worten, die als Anklage über jedem gebetslosen Menschen stehen: »Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an!« Selbst wo der Gegenstand der Anbetung falsch ist, bezeugt der Trieb zum Gebet, dass der Mensch für die Gemeinschaft mit seinem Schöpfer geschaffen ist, und die Weigerung zu beten verleugnet, was es heisst, Geschöpf zu sein. Die Väter stellten diese Forderung an den Anfang, weil sie den ganzen Abschnitt trägt: Das Gebet ist keine freiwillige Übung für religiös Veranlagte, sondern die allgemeine Pflicht der Menschheit, und wer nie betet, steht vor Gott wie ein Schuldner, der den, dem er alles verdankt, nicht einmal ansprechen will. Die sieben Gnaden, die dem wohlgefälligen Gebet beigegeben sind, Verstand, Ehrfurcht, Demut, Inbrunst, Glaube, Liebe und Beharrlichkeit, sind kein zufälliger Katalog, sondern eine bedachte Zusammenfassung des biblischen Bildes der betenden Seele. Jedes Wort leistet eine theologische Arbeit. Der Verstand antwortet dem Schwärmer, der meint, das Gebet sei eine Sache des blossen Gefühls, losgelöst vom Denken. Die Ehrfurcht antwortet der zudringlichen Vertraulichkeit, die vergisst, zu wem sie redet. Die Demut antwortet dem Pharisäer, der Gott dafür dankt, dass er nicht ist wie andere Menschen. Die Inbrunst antwortet dem kalten, förmlichen Gebet, das die Lippen bewegt, aber nicht das Herz. Der Glaube antwortet dem zweifelnden Gebet dessen, der bittet, ohne zu glauben, dass er empfangen wird. Die Liebe antwortet dem lohnsüchtigen Gebet, das Gott wie einen Automaten behandelt, aus dem man Segen zieht. Und die Beharrlichkeit antwortet dem Gebet, das das Feld nach einer einzigen unerhörten Bitte verlässt. Zusammen ergeben sie das Bild des ganzen Menschen in dem einen Akt der Anrede, und das Beharren der Väter auf allen sieben ist eine stille Zurechtweisung an jedes Zeitalter, das das Gebet auf einen seiner Teile verkürzen möchte. Der Satz aber, der im siebzehnten Jahrhundert am meisten kostete und am meisten bedeutete, war der letzte: Das Gebet soll, wenn es laut gesprochen wird, »in einer verständlichen Sprache« dargebracht werden. Hinter diesen Worten lag ein Jahrhundert reformatorischen Blutes und reformatorischer Tinte. In der mittelalterlichen Kirche wurden die öffentlichen Gebete des Volkes in Latein gesprochen, einer Sprache, die der gewöhnliche Gottesdienstbesucher nicht verstand, sodass die Gemeinde Laute hörte, die dem Verstand nichts sagten. Die Reformatoren erkannten darin ein doppeltes Übel: Es raubte dem Volk die Nahrung des Wortes und verwandelte das Gebet in eine Beschwörung, deren Kraft in den Silben selbst zu liegen schien und nicht in dem verstehenden Herzen. In Zürich war es Zwingli, der mit der lateinischen Messe brach und einen Gottesdienst in deutscher Sprache einführte, damit das Volk mit dem Verstand beten und das Amen mit Überzeugung sprechen konnte; Bullinger hat dieses Erbe bewahrt und in den helvetischen Bekenntnissen festgehalten. Als dann die Westminster-Synode zusammentrat, ersetzte sie das Gebetbuch der anglikanischen Kirche durch ihre eigene Ordnung für den öffentlichen Gottesdienst, und zu ihren ersten Anliegen gehörte, dass alles Gebet »in einer verständlichen Sprache« geschehe, damit das Volk mit Verstand Amen sagen könne. Das war keine akademische Spitzfindigkeit. Als die Uniformitätsakte im Jahr 1662 das Gebetbuch wiederherstellte, verliessen an die zweitausend Pfarrer ihre Pfarrstellen, statt einen Gottesdienst zu halten, den sie für wider das Wort Gottes hielten, und die Frage des verständlichen Gottesdienstes gehörte zu den Gründen. Die Väter schrieben »in einer verständlichen Sprache«, weil sie von Paulus gelernt hatten, dass Gott mit dem Verstand angebetet werden will und dass ein Gebet in Lauten, die niemand versteht, weder Gott noch den Menschen ehrt. Unter all diesen Einzelheiten läuft eine einzige trinitarische Überzeugung hindurch, die dem Abschnitt seine Gestalt gibt. Das Gebet steigt auf zum Vater, der die Quelle jeder guten Gabe ist. Es wird dargebracht im Namen des Sohnes, der allein den Weg geöffnet und den Zugang erworben hat. Und es wird ermöglicht durch den Geist, der uns beten lehrt und mit unaussprechlichem Seufzen für uns eintritt. Die ganze Gottheit ist an dem einen Akt beteiligt, und darum darf der Gläubige mit Zuversicht kommen. Er betet nicht allein. Der Sohn vertritt seinen Namen zur Rechten des Vaters, und der Geist betet in ihm in den Tiefen, wo die Worte versagen. Die Väter haben diese Ordnung nicht erfunden; sie haben sie in der Schrift gefunden und in den Dienst des Trostes der Gläubigen gestellt, damit der, der niederkniet, um zu beten, sich gleichsam von den drei Personen der Gottheit in die Gegenwart Gottes getragen weiss.

Theologische Tiefe

Kein Theologe hat das dogmatische Fundament klarer gelegt als Calvin, der dem Gebet das längste Kapitel seiner Institutio gewidmet und es zu den vornehmsten Übungen des Glaubens gezählt hat. Die erste Aufgabe des Gebetes, so lehrte er, ist nicht, Gott über unsere Nöte zu unterrichten, als wüsste der Vater nicht schon, was uns fehlt, sondern uns in der Abhängigkeit zu üben, damit wir durch das Gebet die Schätze ausgraben, die uns das Evangelium vor Augen stellt. Calvin hat darum dem betenden Menschen vier Regeln vor die Seele gestellt: dass er mit Ehrfurcht vor der Majestät Gottes trete, dass er seine Bedürftigkeit wahrhaft empfinde, dass er seine Schuld mit aufrichtiger Demut bekenne und dass er schliesslich mit fester Zuversicht bitte, weil Gott verheissen hat zu erhören. Diese vier Regeln sind nichts anderes als die Entfaltung dessen, was das Bekenntnis mit seinen sieben Gnaden zusammenfasst. Nirgends sonst wird die Seele so unmittelbar auf das angewiesen, was sie nicht hat, und genötigt, es dort zu suchen, wo es allein zu finden ist. Für den Schweizer Hörer hat diese Lehre einen vertrauten Klang, denn sie ist das Erbe Bullingers und der helvetischen Bekenntnisse. Das zweite Helvetische Bekenntnis, das Bullinger für die reformierten Kirchen der Eidgenossenschaft verfasste, handelt vom Gebet nicht als einer beiläufigen Übung, sondern als einem Stück des Bundes, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat. Der Gott, der zu uns geredet hat in seinem Wort, will, dass wir zu ihm reden im Gebet, und dieses Zwiegespräch ist die lebendige Luft, in der der Bund atmet. Bullinger bestand darauf, dass das Gebet im Namen Christi und durch den Beistand des Geistes geschehe, weil der Bund selbst kein anderes Fundament hat als die Gnade des Mittlers. Wer betet, tritt nicht als Fremdling vor einen fernen Gott, sondern als Kind vor den Vater, der ihn in den Bund gerufen hat, und er darf darum mit der Zuversicht eines Sohnes bitten, nicht mit der Angst eines Knechtes. Das ist die Stimme der Zürcher Kirche, die den Gottesdienst in der Sprache des Volkes einführte, damit das Gespräch des Bundes kein frommes Gemurmel bleibe, das nur die Lippen kennen. Thomas Watson hat in seiner Auslegung des Vaterunsers das Gebet als das vertrauliche Gespräch der Seele mit Gott beschrieben, als eine geheime Unterredung, in der das Geschöpf sein Herz vor dem ausschüttet, der es ohnehin schon kennt, und in diesem Ausschütten eine Kraft findet, die es vorher nicht besass. Watson legte besonderes Gewicht auf die sieben Gnaden, die das Bekenntnis aufzählt, und fragte den Leser mit der Eindringlichkeit eines Seelsorgers, ob diese Gnaden in seinem Gebet wirklich lebendig seien: ob der Verstand dabei ist, wenn die Worte gesprochen werden, ob die Ehrfurcht die Vertraulichkeit im Zaum hält, ob der Glaube wirklich erwartet, dass Gott gibt, und ob die Beharrlichkeit nicht müde wird, wenn der Himmel schweigt. Watson wollte das Gebet aus dem Bereich der Formel in den Bereich der Seele ziehen, und seine Prüfung ist so durchdringend, dass sie den aufrichtigen Leser beides lehrt: zu beten und zu erkennen, wie wenig er noch beten kann. Die tiefste Hilfe aber für den, der am Gebet verzweifelt, hat Owen formuliert, der das Werk des Geistes im Gebet wie kaum ein zweiter entfaltet hat. Owen hielt sich an das Wort des Paulus, dass wir nicht wissen, was wir beten sollen, und zog daraus einen Trost, der dem schwachen Beter den Boden wiedergibt: Gerade weil wir nicht beten können, ist uns der Geist gegeben, und er tritt an dem Punkt für uns ein, an dem wir am schwächsten sind. Owen unterschied scharf zwischen dem Gebet des Geistes und dem Gebet der blossen Gewohnheit. Das eine ist Last und Freude zugleich, ein Seufzen tiefer als Worte; das andere ist eine Hülse von Worten ohne Seele. Und er mahnte mit Zartheit, dass der Gläubige, dem das Gebet schwerfällt, daraus nicht schliessen dürfe, er sei ohne den Geist, denn schon das Verlangen zu beten ist selbst ein Werk des Geistes. Man betet sich nicht in die Hilfe des Geistes hinein; man betet durch die Hilfe des Geistes, und die Hilfe ist da, ehe man den Mund auftut, und eben das meint das Bekenntnis mit seiner Wendung »mit Hilfe seines Geistes«. Matthew Henry schliesslich hat die praktische Frage beantwortet, wie das Gebet dem Willen Gottes angeglichen werde. Sein Gebetshandbuch ruht auf einer einfachen und tiefen Überzeugung: Die besten Gebete sind die, die am meisten von der Schrift selbst geformt sind, denn in der Schrift ist der Wille Gottes geoffenbart. Henry verachtete das freie Gebet nicht, aber er beobachtete, dass der Gläubige, der in der Sprache der Bibel betet, mit einer Sicherheit und Weite betet, die seine eigenen engen Wünsche nie hervorbrächten. Wer die Verheissungen betet, bittet um das, was Gott zu geben verpflichtet hat. Wer die Gebote betet, bittet um das, was Gott uns zu werden geboten hat. Wer in den Worten der Busspsalmen Davids bekennt, bekennt Sünden, von denen er nicht einmal wusste, dass er sie hat. Henrys Methode ist im Grunde die praktische Ausfaltung des Wortes des Johannes, dass wir »nach seinem Willen« bitten müssen, und sie antwortet dem Gläubigen, der fragt, wie er je sicher sein könne, recht zu beten. Durchforsche die Schrift, würde Henry sagen, und lass das Wort Gottes den Stoff deiner Gebete liefern, und du wirst feststellen, dass du nach dem Willen Gottes gebetet hast, weil du in eben den Worten gebetet hast, die Gott dir gegeben hat. Darum verbindet das Bekenntnis das Gebet mit dem Verstand und mit dem Willen Gottes: Das Gebet, das Gott gefällt, ist das Gebet, das von Gott gelehrt ist.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Bete, weil das Gebet kein Vorschlag, sondern ein Gebot ist, und weil das gebetslose Leben nicht bloss eine Schwäche, sondern eine Sünde ist. Es ist leicht, das Gebet für das Zusätzliche zu halten, für den Schmuck, für das, was man anpackt, wenn die drängenden Geschäfte des Lebens nachlassen. Aber das Bekenntnis erlaubt diesen Gedanken nicht. Das Gebet wird von allen Menschen gefordert, und es wird von dir gefordert, in dieser Stunde, in welchem Zustand deine Seele auch sei. Wer sagt, er habe keine Zeit zum Beten, der sagt, er habe keine Zeit zum Atmen, und er wird in dem Sturm, der früher oder später kommt, erfahren, welches von beiden das Notwendigere ist. Und lass dich von einem Gefühl der Unwürdigkeit nicht vom Thron fernhalten, denn eben die Unwürdigen sind eingeladen. Der Herr sagt nicht: Kommt her zu mir, alle, die ein befriedigendes Gebetsleben erreicht haben. Er sagt: »Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid.« Das grösste Hindernis des Gebets in den meisten Leben ist nicht die Geschäftigkeit, sondern der feine Stolz, der nicht bitten will, ehe er sich zutraut, gut zu bitten. Wirf diesen Stolz nieder. Ein stammelndes Gebet aus einem zerbrochenen Herzen ist Gott wohlgefälliger als das fliessende Gebet des Selbstzufriedenen, und der Vater, der ins Verborgene sieht, kennt den Unterschied. Zweitens: Bete allezeit im Namen Christi, und lass diesen Namen den Grund deiner Zuversicht sein statt den Abschluss deiner Bitten. Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob ein Gebet mit der Formel »in Jesu Namen« endet oder ob es wirklich in diesem Namen gebetet wird, ein Unterschied zwischen der Gewohnheit der Lippen und dem Glauben des Herzens. Im Namen Christi beten heisst, zu Gott zu kommen als einer, der keine eigene Gerechtigkeit vorzuweisen hat, kein Verdienst, keinen Anspruch ausser dem Anspruch eines Sünders, der im Blut des Sohnes gewaschen ist. Wenn du betest, rufe dir absichtlich den Boden ins Gedächtnis, auf dem du stehst: Der Vater erhört dich nicht, weil du beredt bist, nicht, weil du beständig bist, nicht, weil du diese Woche gut gewesen bist, sondern weil du im Namen seines geliebten Sohnes kommst, an dem er Wohlgefallen hat. Das ist der grosse Trost dieses Abschnitts. Er nimmt das Gebet aus dem Bereich der Leistung und stellt es auf den Felsen des vollendeten Werkes Christi. Und wenn der Ankläger sich gegen dich erhebt und dir zuflüstert, ein Gebet wie das deine könne den Himmel nie erreichen, dann antworte ihm mit dem Namen, der jeden Ankläger zum Schweigen bringt: Ich komme im Namen Jesu, und dieser Name genügt. Drittens: Verlass dich auf den Geist für die Fähigkeit zu beten selbst, und höre auf, nach Beredsamkeit zu streben, als wäre das Gebet eine Fertigkeit, die es zu meistern gilt. Der Gläubige, der meint, er müsse erst gut beten lernen, ehe er überhaupt beten dürfe, hat die Ordnung der Gnade umgekehrt. Der Geist ist uns gerade darum gegeben, weil wir nicht beten können, und er hilft unserer Schwachheit an eben dem Punkt auf, an dem wir am schwächsten sind. Wenn dir die Worte fehlen, so meine nicht, das Gebet sei gescheitert. Das Seufzen, das sich nicht aussprechen lässt, ist dennoch Gebet, wird dennoch gehört, wird dennoch vom Geist in die Gegenwart Gottes getragen. Und wenn du keine Lust zum Beten verspürst, so bitte den Geist, dir die Lust zu schenken, denn die Bitte um dieses Kleine ist selbst schon Gebet und selbst schon das Wirken des Geistes. Gott steht nicht abseits unserer Schwachheit und wartet, bis wir stark genug geworden sind, uns ihm zu nahen; er sendet seinen Geist, in uns zu wohnen und in uns zu beten, sodass der schwächste Gläubige in Wahrheit nie allein betet. Lerne, dich darauf zu stützen. Das Gebet ist nicht deine Leistung, die du Gott darbringst; es ist Gottes Gabe, die er dir schenkt, und das Schenken geht dem Bitten voraus. Viertens: Gleiche deine Bitten dem Willen Gottes an, indem du in der Sprache der Schrift betest, damit dein Bitten von seinen Verheissungen geformt wird statt von deinen Begierden. Der grösste Mangel der meisten Gebete ist nicht, dass sie zu viel erbitten, sondern dass sie zu wenig und zu verkehrt erbitten, Trost erbitten, wo Gott Heiligkeit geben will, und die Wegnahme einer Last, wo Gott Kraft geben will, sie zu tragen. Das Heilmittel ist, das Wort Gottes den Stoff deiner Gebete liefern zu lassen. Bete die Verheissungen, und du wirst um das bitten, was Gott zu geben verpflichtet ist. Bete die Gebote, und du wirst um das bitten, was Gott dir zu werden geboten hat. Bete die Psalmen, und du wirst Worte finden für Kümmernisse, die du nicht nennen konntest, und für Freuden, die du nicht verstanden hattest. Wer in den Worten der Schrift betet, kann nicht lange wider den Willen Gottes beten, denn das Wort und der Wille sind eins. Und wenn deine Bitten seinem Willen angeglichen sind, wirst du die Zuversicht schmecken, von der Johannes schreibt, dass wir, was wir nach seinem Willen bitten, gewiss empfangen, und das Gebet wird von einem Wagnis zu einer Gewissheit. Fünftens: Bete mit Verstand, und bete darum in einer verständlichen Sprache, das heisst: Nimm deinen ganzen Geist in den Akt hinein, und gib dich nie mit dem blossen Hersagen von Lauten zufrieden. Der Schlusssatz des Bekenntnisses handelt von der Sprache der Gemeinde und, tiefer noch, von der Aufmerksamkeit der Seele. Ein Gebet, das gesprochen wird, während der Geist anderswo ist, ist nicht Gebet, sondern der Schatten des Gebetes, die Schale ohne den Kern. Wenn du betest, sammle deine Gedanken, wie du eine Gemeinde sammeln würdest; lass sie nicht an die Enden der Erde schweifen, während deine Lippen allein weiterreden. Werde langsam. Bedenke, zu wem du sprichst. Wäge die Worte, die du darbringst. Und wenn du deine Gedanken abschweifen findest, wie es jedem Gläubigen widerfährt, so verzweifle nicht, sondern führe sie sanft zurück, und führe sie wieder zurück, und zähle jede Wiedergewinnung der Aufmerksamkeit als einen kleinen Sieg über das wandernde Herz. Der Gott, der dir einen Verstand gegeben hat, will, dass dieser Verstand im Gebet geheiligt wird, und das Gebet, das den Verstand nicht weniger als die Neigung ergreift, ist das Gebet, das er zu segnen verheissen hat. Bete mit dem Geist, und bete auch mit dem Verstand, denn der ganze Mensch soll in dem einen Akt der Anrede Gottes emporgehoben werden. Sechstens: Halte an im Gebet mit jener Beharrlichkeit, die nicht nachlässt, wenn der Himmel schweigt, denn die Beharrlichkeit ist nicht der Schmuck des Gebetslebens, sondern sein Rückgrat. Die grossen Feinde des Gebetes sind nicht die groben Sünden, sondern die Mattigkeit und die Zerstreuung, das allmähliche Erkalten des Herzens, das den Menschen eine Zeit lang beten lässt und die Zeit dann verstreichen lässt. Der Psalmist sang: »Mein Gebet müsse vor dir gelten als ein Räuchopfer, mein Händeaufheben als ein Abendopfer«, und das Abendopfer wurde im Tempel zu festgesetzter Stunde dargebracht, Tag für Tag, ohne Ansehen der Stimmung des Priesters. So ist die beständige Gewohnheit des Gebets ein Opfer, das seine Kraft nicht aus dem Gefühl des Augenblicks zieht, sondern aus dem Gehorsam, der Gott zu festgesetzten Zeiten sucht. Messe deine Gebete nicht an deinen Gefühlen, sondern bleibe in ihnen. Eben die Beständigkeit des Gebets, durch Trockenheit und Dunkelheit hindurch festgehalten, ist schon ein Sieg über den Widersacher, der dir gern einreden möchte, ein Gebet ohne Empfindung sei ein weggeworfenes Gebet. Das Gebet, das durchdringen soll, muss seine eigene Mutlosigkeit überdauern, und wer aushält, bis Gott segnet, der hat beten gelernt wie Jakob am Jabbok, der sprach: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.«

Gebet

Himmlischer Vater, du hast uns gelehrt, deinen Namen anzurufen, und du hast verheissen, das Gebet deines Volkes zu erhören. Wir kommen zu dir im Namen deines Sohnes, denn wir haben keinen anderen Namen zu nennen und keinen anderen Grund, auf dem wir stehen könnten. Wir danken dir, dass du uns nicht uns selbst überlassen hast, einen eigenen Weg zu deinem Thron zu erfinden, sondern dass du durch den Vorhang des Fleisches Jesu einen neuen und lebendigen Weg gebahnt und uns deinen Geist gegeben hast, in uns zu wohnen, uns beten zu lehren, wenn wir nicht wissen, wie, und für uns einzutreten mit unaussprechlichem Seufzen. Wir bekennen dir die Kälte unserer Herzen und das Wandern unserer Gedanken, die Gebete, die wir mit den Lippen gesprochen haben, während unsere Herzen ferne von dir waren, die Stunden, in denen wir den Gnadenthron gänzlich versäumt haben, und den Stolz, der uns vom Bitten abgehalten hat, weil wir uns für zu unwürdig hielten, gut zu bitten. Vergib uns, wir flehen dich an, und schaffe in uns ein reines Herz und gib uns einen neuen, gewissen Geist. Lehre uns beten, Herr, wie deine Jünger dich einst gebeten haben. Lehre uns, im Namen deines Sohnes zu bitten, damit unsere Zuversicht nicht auf unserer eigenen Würdigkeit ruhe, sondern auf seinem vollendeten Werk. Lehre uns, uns auf deinen Geist zu verlassen, damit wir nie nach Beredsamkeit streben, als wäre das Gebet eine Kunst von uns. Lehre uns, unsere Bitten deinem Willen anzugleichen, damit wir begehren, was du verheisst, und suchen, was du gebietest. Lehre uns, mit Verstand, Ehrfurcht und Demut zu beten, mit Inbrunst, Glauben und Liebe, und mit jener heiligen Beharrlichkeit, die dich nicht loslässt, bis du uns segnest. Lass unser Gebet vor dir aufsteigen wie ein Räuchopfer und das Aufheben unserer Hände wie ein Abendopfer. Und wenn wir zu schwach sind, um zu beten, dann tritt du selbst für uns ein, dein Geist mit seinem Seufzen und dein Sohn mit seiner Fürbitte, damit keine Bitte eines deiner Kinder auf dem Weg zu dir verloren gehe. Wir bitten dies, o Vater, im Namen Jesu Christi, deines Sohnes, durch die Hilfe des Heiligen Geistes, nach deinem Willen. Amen.
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