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Der feierliche Eid: Ein Teil der Gottesverehrung

Ch.21: Of Religious Worship and the Sabbath Day — Abschnitt 5 • 2026-08-15 • 33 min
Die Lesung der Heiligen Schrift mit heiliger Ehrfurcht, die gesunde Predigt und das gewissenhafte Hören des Wortes im Gehorsam gegen Gott, mit Verständnis, Glauben und Ehrfurcht, der Psalmengesang mit Gnade im Herzen; ebenso die ordnungsgemässe Verwaltung und das würdige Empfangen der von Christus eingesetzten Sakramente, sind alle Teile des ordentlichen Gottesdienstes. Daneben stehen die religiösen Eide, die Gelübde, das feierliche Fasten und die Danksagungen bei besonderen Anlässen, die zu ihren jeweiligen Zeiten und Gelegenheiten in heiliger und frommer Weise geübt werden sollen.
- Westminster Bekenntnis, Kapitel 21, Abschnitt 5

Einleitung

Es gab einen Morgen in Jerusalem, an dem ein ganzes Volk zusammenkam, um zu hören. Der Monat war der siebente, mehr als neunzig Jahre nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft, und die Stadt, in der sich die Menge versammelte, war noch eine Stadt der Ruinen. Die Mauern standen kaum wieder, die Tore waren eben erst eingesetzt, und die Menschen, die sich vor dem Wassertor drängten, waren ein heimgekehrtes, mühsam wieder gesammeltes Volk, das die Sprache seiner Väter halb vergessen und die Ordnung seiner Gottesdienste lange nicht mehr geübt hatte. Und doch geschah an diesem Morgen etwas, das mehr wog als die Wiederherstellung von Mauern und Toren. Der Schriftgelehrte Esra stieg auf eine hölzerne Kanzel, die man eigens zu diesem Zweck errichtet hatte, öffnete das Buch des Gesetzes Moses, und das ganze Volk stand auf. Vom lichten Morgen an bis zum Mittag las er daraus vor, und die Ohren des ganzen Volkes waren dem Gesetzbuch zugewandt. Die Leviten gingen unter die Menge, und sie legten das Buch des Gesetzes Gottes klar und verständlich aus, sodass man verstand, was gelesen worden war. Und als das Volk die Worte verstand, da weinte es zuerst, denn es begriff, wie weit es von dem Gebot abgewichen war, und dann, als ihm gesagt wurde, dass dieser Tag dem Herrn geheiligt sei, da ging es hin, um zu essen und zu trinken und ein grosses Freudenfest zu halten, denn es hatte die Worte verstanden, die man ihm kundgetan hatte. Dieser Morgen am Wassertor ist das lebendigste Bild, das die Schrift von dem zeichnet, was der fünfte Abschnitt des Gottesdienstkapitels in nüchterne Lehre fasst. Der Abschnitt, vor dem wir stehen, nennt die Bestandteile des Gottesdienstes, die Gott selbst in seine Gemeinde gelegt hat: die Lesung der Schrift, die Predigt und das Hören des Wortes, den Gesang der Psalmen und die Sakramente. Er nennt daneben die besonderen Übungen, die zu ihren Zeiten ihren Platz haben: den Eid, das Gelübde, das Fasten und die Danksagung. Es ist, als wollten die Väter sagen: So sieht ein Gottesdienst aus, der Gott wohlgefällt. So ist der Tisch gedeckt, an den der Herr sein Volk lädt. Und wer diesen Tisch in seiner Ordnung betrachtet, der erkennt, dass der Gottesdienst kein Zufall und keine menschliche Erfindung ist, sondern ein von Gott selbst bereitetes Mahl, bei dem er spricht und sein Volk antwortet. Die ersten vier Abschnitte dieses Kapitels haben uns gelehrt, wem die Anbetung gebührt und durch wen sie geschieht, wie das Gebet beschaffen sein muss und für wen es sich erstreckt. Nun wendet sich der Blick dem Gottesdienst selbst zu, seiner sichtbaren Gestalt, seinen geordneten Bestandteilen. Der dritte und der vierte Abschnitt haben vom Gebet gehandelt; dieser Abschnitt handelt von dem, was neben dem Gebet den Gottesdienst ausmacht. Und er tut es mit einer Aufzählung, die auf den ersten Blick beinahe trocken wirkt, in Wahrheit aber das Herz der reformierten Frömmigkeit enthält. Denn in diesen wenigen Zeilen ist zusammengefasst, was die Reformation wiederentdeckt hat: dass Gott seinem Volk durch sein Wort begegnet, dass die Predigt der Ort ist, an dem er heute zu uns redet, dass der Gesang die Antwort der Gemeinde ist und dass die Sakramente die sichtbaren Siegel seiner Gnade sind. Wer diese Stücke versteht, der hat den evangelischen Gottesdienst verstanden.

Die biblischen Grundlagen

Lukas hat uns in einem einzigen Satz hinterlassen, woraus das Leben der ersten Gemeinde bestand. Von denen, die am Pfingsttag zum Glauben kamen und getauft wurden, berichtet er: »Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.« Beachte, was hier genannt wird und was nicht. Genannt wird die Lehre der Apostel, also das Wort, das vorgelesen und ausgelegt wurde; genannt wird das Brotbrechen, also das Mahl des Herrn; genannt wird das Gebet. Nicht genannt wird ein Tempelritual, nicht genannt werden Opfer, nicht genannt wird eine Priesterschaft, die zwischen Gott und dem Volk steht. Die Gemeinde, die eben erst geboren war, kannte bereits ihre Ordnung, und diese Ordnung kreiste um das Wort und um den Tisch. Genau diese Ordnung entfaltet der fünfte Abschnitt des Bekenntnisses, wenn er die Lesung der Schrift, die Predigt und das Hören des Wortes, den Psalmengesang und die Sakramente als die Teile des ordentlichen Gottesdienstes benennt. Was in der Urgemeinde wuchs, ist nicht der Keim einer späteren Entwicklung, sondern die bleibende Gestalt dessen, was Gott seiner Kirche bis ans Ende der Tage verordnet hat. Das erste Stück, die Lesung der Schrift, hat der Apostel Paulus dem jungen Timotheus ausdrücklich ans Herz gelegt: »Fahre fort mit Vorlesen, mit Ermahnen, mit Lehren, bis ich komme.« Das Vorlesen steht an erster Stelle, vor der Ermahnung und vor der Lehre. Paulus weiss, dass die Gemeinde versammelt wird, um zu hören, was Gott geredet hat, und dass dieses Hören damit beginnt, dass die heiligen Texte laut gelesen werden. Die Schrift ist kein Buch für die stille Kammer allein; sie ist das Wort, das in der Versammlung erklingt, so wie es einst am Wassertor erklang. Wer die Schrift öffentlich liest, der tut nichts Geringes. Er leiht dem lebendigen Gott seine Stimme, damit das Volk Gottes wieder vernimmt, was sein Herr ihm sagt. Darum spricht das Bekenntnis von einer Lesung »mit heiliger Ehrfurcht«, denn es ist nicht irgendein Buch, das da geöffnet wird, sondern das Buch, in dem Gott selbst zu uns redet. Das zweite Stück ist die Predigt, und die Schrift macht keinen Hehl daraus, dass sie das Herzstück des Gottesdienstes ist. Der Apostel hinterlässt dem Timotheus am Ende seines Lebens eine feierliche Anweisung, die das Testament eines Sterbenden an die Kirche aller Zeiten ist: »Predige das Wort, steh dazu, es sei zur Zeit oder zur Unzeit; weise zurecht, drohe, ermahne mit aller Geduld und Lehre.« Hier ist der Auftrag der Predigt in seiner ganzen Fülle beschrieben. Sie ist nicht der Vortrag eigener Meinungen, sondern die Verkündigung des Wortes; sie ist nicht die angenehme Unterhaltung der Gemeinde, sondern die treue Anwendung des Wortes, die zurechtweist und ermahnt. Und Paulus begründet diesen Ernst an anderer Stelle mit einem Satz, der die ganze reformierte Lehre vom Gottesdienst trägt: »So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.« Gott hat es gefallen, den Glauben nicht durch Schauen und nicht durch inneres Licht zu wirken, sondern durch das gepredigte Wort. Darum ist die Predigt kein Beiwerk des Gottesdienstes, das man nach Belieben kürzen oder ersetzen könnte. Sie ist das Mittel, durch das Gott die Toten lebendig macht. Zur Predigt gehört aber auch das Hören, und die Schrift macht aus dem Hören eine eigene, ernste Pflicht. Jakobus schreibt: »Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst.« Das Hören des Wortes ist nicht das passive Ertragen einer Rede, sondern ein gehorsames Aufnehmen, das auf das Tun zielt. Das Bekenntnis spricht darum vom »gewissenhaften Hören des Wortes im Gehorsam gegen Gott, mit Verständnis, Glauben und Ehrfurcht«. Diese drei Worte beschreiben, wie gehört werden soll: mit dem Verstand, der begreift, was gesagt wird; mit dem Glauben, der das Gehörte als Gottes Wort annimmt; und mit der Ehrfurcht, die weiss, dass hier der Herr selbst spricht. Wo eines dieser drei fehlt, dort ist das Hören verkümmert, und der Same des Wortes fällt auf den Weg oder unter die Dornen, wie unser Herr es im Gleichnis vom Sämann beschrieben hat. Das dritte Stück, der Gesang, hat Paulus in zwei Briefen fast mit denselben Worten angeordnet. An die Epheser schreibt er: »Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern; singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen.« Und an die Kolosser: »Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen; lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.« Es fällt auf, wie eng hier der Gesang mit dem Wort verbunden ist. Der Gesang ist gleichsam die zweite Sprache, in der das Wort Christi in der Gemeinde wohnt. Was in der Lesung und der Predigt in die Herzen gesät wird, das steigt im Gesang wieder auf, als die dankbare Antwort des Volkes. Und die Psalmen stehen dabei an erster Stelle, denn sie sind das von Gott selbst gegebene Gesangbuch der Kirche, die Lieder, die der Heilige Geist seinem Volk in den Mund gelegt hat, damit es lernt, wie man zu Gott redet. Das vierte Stück schliesslich ist das Sakrament, und Paulus hat uns von dem einen der beiden das Wort überliefert, das es am tiefsten deutet: »Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.« Das Abendmahl ist demnach nicht eine stumme Zeremonie, sondern eine Verkündigung. Es predigt ohne Worte, was die Predigt mit Worten sagt: dass Christus für die Seinen gestorben ist und wiederkommen wird. Und eben darum gehört das Sakrament in den Gottesdienst hinein, neben das Wort, als das sichtbare Siegel, das Gott unter seine Verheissung drückt. Lesung und Predigt sind das Wort, das wir hören; das Sakrament ist das Wort, das wir sehen und schmecken. Beides zusammen erst ist die volle Speise, mit der Gott sein Volk auf der Wanderung durch die Wüste dieser Zeit nährt.

Was die Westminster-Väter meinten

Dieser Abschnitt ist einer der ausführlichsten des ganzen Kapitels, und das hat seinen Grund. Er ist die Landkarte des Gottesdienstes, die die Väter der Kirche hinterlassen haben, nachdem sie den gesamten Bereich der Anbetung durchmessen hatten. Wer ihn liest, erkennt sofort, dass hier nicht neue Lehre aufgestellt, sondern alte, biblische Ordnung zusammengefasst wird. Die Väter haben nichts erfunden; sie haben gesammelt, was die Schrift selbst über die Gestalt des Gottesdienstes sagt, und es in eine Ordnung gebracht, die man überblicken kann. Und diese Ordnung ruht auf dem Grundsatz, den der erste Abschnitt des Kapitels bereits entfaltet hat: Gott will nicht nach menschlichem Gutdünken angebetet werden, sondern nach der Weise, die er selbst verordnet hat. Was der erste Abschnitt als Regel aufstellt, das wendet der fünfte Abschnitt nun auf die einzelnen Stücke an. Dabei unterscheiden die Väter mit grosser Sorgfalt zwischen dem Ordentlichen und dem Besonderen. Die Lesung der Schrift, die Predigt und das Hören des Wortes, der Psalmengesang und die Sakramente sind die ordentlichen, die ständigen Bestandteile des Gottesdienstes. Sie kehren wieder, wo immer die Gemeinde sich versammelt, und sie bilden das feste Gerüst, an dem das gottesdienstliche Leben der Kirche hängt. Daneben stehen die Eide, die Gelübde, das Fasten und die Danksagungen, und von ihnen sagen die Väter ausdrücklich, dass sie »bei besonderen Anlässen« geübt werden und »zu ihren jeweiligen Zeiten und Gelegenheiten«. Damit ist eine Verwechslung abgewehrt, die in der Geschichte der Kirche immer wieder verhängnisvoll geworden ist: die Verwechslung des Besonderen mit dem Ordentlichen. Das Fasten ist eine heilige Übung, aber es ist nicht der Gottesdienst selbst; der Eid und das Gelübde haben ihren Platz, aber sie sind nicht der Kern der Anbetung. Wer das Fasten oder das Gelübde in die Mitte des Gottesdienstes rückt, der verschiebt die Ordnung Gottes und baut auf einen Grund, den die Schrift nicht gelegt hat. In der Lesung der Schrift mit heiliger Ehrfurcht wenden sich die Väter gegen eine Not, die ihr ganzes Zeitalter kannte. Über Jahrhunderte hinweg war die Schrift dem Volk Gottes weithin verschlossen geblieben. Sie wurde in einer Sprache gelesen, die die Laien nicht verstanden, und wo sie erklang, da geschah es in einer liturgischen Umrahmung, die den Zugang eher verstellte als öffnete. Die Reformation hatte dem ein Ende gemacht, und die Väter wollten diese Errungenschaft im Bekenntnis verankern. Wenn sie von der Lesung mit heiliger Ehrfurcht sprechen, dann meinen sie beides: die Schrift muss wieder gelesen werden, und sie muss so gelesen werden, wie es ihrem Gegenstand gebührt, nicht als ein gleichgültiges Stück Text, sondern als die Stimme des lebendigen Gottes. Die Ehrfurcht ist dabei keine äusserliche Feierlichkeit, sondern die innere Haltung dessen, der weiss, dass er in diesem Augenblick nicht Menschenwort, sondern Gotteswort hört. Die »gesunde Predigt«, von der das Bekenntnis spricht, ist die Antwort auf die Gefahr der Irrlehre, die die Kirche ihrer Zeit bedrängte. Das Wort, das hier mit »gesund« übersetzt ist, meint im Griechischen das Heilsame, das, was die Seele gesund macht. Die Predigt ist nicht gesund, weil sie klug oder gebildet ist, sondern weil sie das Wort Christi in seiner Reinheit weitergibt und so die Seelen nährt. Und neben die gesunde Predigt stellen die Väter das »gewissenhafte Hören«. Das ist bemerkenswert, denn es macht den Hörer zum Mitbeteiligten des Gottesdienstes. Die Predigt ist kein Schauspiel, dem die Gemeinde zusieht; sie ist ein Geschehen, an dem der Hörer mit seiner ganzen Person teilnimmt. Gott redet durch den Prediger, und der Hörer antwortet mit dem Gehorsam des Herzens. Wo die Gemeinde nur zuhört, ohne zu gehorchen, dort ist der Gottesdienst in seinem tiefsten Sinn gestört, so gewaltig die Kanzel auch sein mag. Beim Psalmengesang mit Gnade im Herzen haben die Väter ein Zeitalter vor Augen, das über die rechte Gestalt des gottesdienstlichen Gesangs heftig stritt. Man stritt darüber, ob allein die Psalmen gesungen werden dürften oder auch andere, menschlich gedichtete Lieder. Das Bekenntnis nennt an dieser Stelle ausdrücklich die Psalmen, und es ist nicht schwer zu erkennen, auf welcher Seite die Väter standen. Doch der eigentliche Nachdruck liegt nicht auf dem Streit um den Text, sondern auf der inneren Haltung: mit Gnade im Herzen. Der Gesang, der Gott wohlgefällt, kommt nicht aus der Kehle allein, sondern aus einem Herzen, das die Gnade kennt. Die Väter wussten, dass ein Psalm ohne das bewegte Herz ein leeres Gefäss ist, und dass ein Herz voller Gnade auch im schlichtesten Lied den Herrn preist. Bei den Sakramenten schliesslich fassen sich die Väter kurz und bestimmt: Es sind die Sakramente, »die von Christus eingesetzt« sind, also Taufe und Abendmahl, nicht mehr und nicht weniger. Damit ist nach zwei Seiten hin eine Grenze gezogen. Gegen die römische Kirche, die sieben Sakramente zählte und den Menschen eine Fülle heiliger Handlungen auferlegte, die Christus nicht eingesetzt hat; und gegen die Schwärmer, die die Sakramente zu blossen Zeichen ohne Gewicht herabsetzen wollten. Christus hat zwei Sakramente eingesetzt, und eben diese zwei hat seine Kirche zu verwalten und zu empfangen, das eine zum Anfang des christlichen Lebens, das andere zu seiner immer neuen Stärkung. Mehr hat die Gemeinde nicht nötig, und weniger darf sie sich nicht nehmen lassen.

Theologische Tiefe

Calvin hat die Ordnung, die dieser Abschnitt beschreibt, zum Erkennungszeichen der Kirche selbst gemacht. In seiner Lehre von der Kirche gibt es zwei Merkmale, an denen man die wahre Gemeinde erkennt: die reine Predigt des Wortes und die rechte Verwaltung der Sakramente. Wo diese beiden sind, dort ist Kirche, und wo sie fehlen, dort mag eine noch so prächtige Versammlung sich Kirche nennen, sie ist es nicht. Es ist kein Zufall, dass diese beiden Merkmale genau den Kern des fünften Abschnitts bilden. Die Väter von Westminster haben Calvins Lehre vom Wesen der Kirche in die Lehre vom Gottesdienst übersetzt: Was die Kirche zur Kirche macht, das macht auch den Gottesdienst zum Gottesdienst. Wort und Sakrament, das ist die Achse, um die sich alles dreht. Und Calvin hat noch tiefer gegründet, wenn er lehrt, dass Gott den Glauben nicht durch stumme Bilder, sondern durch das gehörte Wort wirkt. Der Mensch, so schreibt er, hat von Natur aus die Neigung, sich Gott zu machen und ihn in etwas Sichtbarem zu suchen; Gott aber hat es anders geordnet und uns das Ohr durchbohrt, damit wir seine Stimme hören. Darum steht die Predigt im Zentrum, und darum ist die Lesung der Schrift das Erste, was in der versammelten Gemeinde geschieht. Für den Schweizer Hörer hat diese Lehre eine heimische Gestalt, denn sie ist am Zürcher Grossmünster geboren worden. Zwingli richtete dort im Jahr 1525 die sogenannte Prophezei ein, eine tägliche Übung, in der die Schrift in den Ursprachen gelesen und Abschnitt für Abschnitt ausgelegt wurde, vor Gelehrten und vor dem einfachen Volk zugleich. Was am Wassertor Jerusalems geschehen war, das geschah nun gleichsam neu am Limmatquai: Die Schrift wurde aus dem Versteck geholt, in dem die lateinische Messe sie gehalten hatte, und wieder laut vor dem Volk gelesen und verständlich ausgelegt. Aus dieser Zürcher Übung ist die reformierte Predigtkultur des ganzen Kontinents erwachsen. Zwingli war überzeugt, dass die Kanzel den Altar ersetzen müsse, dass das Wort dort stehen müsse, wo einst das Opfer stand. Der Gottesdienst, so lehrte er, ist nicht die Darbringung eines Opfers durch den Priester, sondern das Mahl, bei dem Gott selbst sein Volk speist, und die Speise ist sein Wort. Wer heute in einer reformierten Kirche der Schweiz sitzt und die Schrift lesen und auslegen hört, der geniesst die Frucht dieser Zürcher Entscheidung. Bullinger hat dieser Überzeugung die Form gegeben, die in der ganzen reformierten Welt berühmt geworden ist. Im Zweiten Helvetischen Bekenntnis steht der Satz, den man als das Herzstück der reformierten Lehre von der Predigt bezeichnen darf: Die Predigt des Wortes Gottes ist das Wort Gottes. Damit ist mehr gesagt, als ein oberflächlicher Leser meint. Bullinger wollte nicht behaupten, dass jedes Menschenwort auf der Kanzel unfehlbar sei. Er wollte sagen, dass Gott selbst durch die treue Predigt seines Wortes zu seinem Volk redet, dass die Kanzel der Ort ist, an dem die Stimme des Hirten gehört wird. Wo das Evangelium rein verkündigt wird, dort spricht nicht nur ein Mensch von Gott, dort spricht Gott durch den Menschen zu uns. Darum ist der Gottesdienst nicht ein religiöses Theater, dem die Gemeinde beiwohnt, sondern eine Begegnung, in der Gott sich seinem Volk zuwendet. Und darum ist das Hören der Predigt ein so ernstes Geschäft, dass das Bekenntnis es mit dem Gehorsam gegen Gott verbindet: Wer das gepredigte Wort gering achtet, der achtet nicht den Prediger gering, sondern den, der durch ihn redet. Watson hat diese hohe Lehre von der Kanzel auf die Knie des Hörers herabgeholt. In seiner Schrift über den Himmel, den man mit Gewalt an sich reisst, widmet er dem Hören des Wortes lange, eindringliche Kapitel, denn er weiss, dass der Same der Predigt nur in dem Herzen aufgeht, das ihn aufnimmt. Er vergleicht das Wort mit einem Spiegel, in dem der Mensch sein eigenes Gesicht erkennt, mit einem Samen, der in die Erde des Herzens gelegt wird, mit einer Speise, die gekaut und verdaut werden muss. Und er zählt auf, mit welchen Haltungen gehört werden soll: mit Aufmerksamkeit, die sich nicht zerstreuen lässt; mit Glauben, der das Gehörte für wahr hält; mit Demut, die sich belehren lässt; und mit der Bereitschaft, das Gehörte ins Leben zu tragen. Watson kennt die Gefahr, die gerade frommen Hörern droht: dass sie die Predigt geniessen, ohne ihr zu gehorchen, dass sie das Wort wie eine schöne Musik hören, die das Ohr erfreut und das Herz unberührt lässt. Gegen diesen Selbstbetrug stellt er das nüchterne Wort des Jakobus, dass wir Täter des Worts sein sollen und nicht Hörer allein. Der beste Hörer, so Watson, ist nicht der, der am meisten behält, sondern der, der am meisten tut. Hodge hat in seinem Kommentar die innere Logik dieses Abschnitts mit nüchterner Klarheit auseinandergelegt. Er zeigt, dass der Abschnitt die Antwort auf die Frage gibt, woraus der Gottesdienst besteht, und dass er dabei eine feste Unterscheidung einführt, die der Kirche viel Verwirrung erspart hat. Es gibt Bestandteile des Gottesdienstes, die Gott als ständige verordnet hat, und es gibt Übungen, die er nur für besondere Gelegenheiten geboten hat. Eid, Gelübde, Fasten und Danksagung sind heilig, aber sie sind nicht der Gottesdienst selbst; sie sind die Ausnahmen, die zu ihrer Zeit ihren Platz haben, während Lesung, Predigt, Gesang und Sakrament das tägliche Brot der Gemeinde sind. Hodge warnt davor, diese Ordnung umzukehren. Wo eine Kirche aus dem Fasten oder aus dem Gelübde die Hauptsache macht und darüber die Predigt vernachlässigt, dort verarmt sie, so eifrig sie auch erscheint. Der reformierte Grundsatz, so fasst er zusammen, lautet, dass der Gottesdienst in dem bestehen muss, was Gott geboten hat, in der Gestalt, die er geboten hat, und in der Ordnung, die er geboten hat. Owen schliesslich hat die beiden Grössen zusammengebunden, die in diesem Abschnitt unausgesprochen zusammengehören: das Wort und den Geist. Er wusste, dass zwei Irrwege die Kirche seiner Zeit bedrohten. Der eine wollte das Wort ohne den Geist, ein trockenes Predigen, das den Buchstaben weitergibt, ohne dass das Herz entzündet wird. Der andere wollte den Geist ohne das Wort, eine Schwärmerei, die auf innere Erleuchtung hofft und die Predigt verachtet. Gegen beide stellt Owen die Lehre, dass der Geist durch das Wort wirkt und das Wort durch den Geist lebendig wird. Gott hat das gepredigte Wort zu dem Mittel erwählt, durch das sein Geist die Sünder erweckt und die Gläubigen erbaut, und wer dieses Mittel verachtet, der verachtet nicht eine menschliche Einrichtung, sondern die Ordnung Gottes selbst. Damit ist die Predigt in ihre rechte Höhe gestellt: Sie ist schwach und töricht vor den Augen der Welt, aber Gott hat beschlossen, durch diese Torheit die zu retten, die glauben. Und darum ist die versammelte Gemeinde, die das Wort hört und die Sakramente empfängt, der Ort auf Erden, an dem das Heil am gewissesten zu finden ist.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Schätze die Lesung der Heiligen Schrift als eine Begegnung mit der Stimme Gottes, und bereite dein Herz darauf vor, ehe du in den Gottesdienst trittst. Es ist eine stille Verarmung, wenn wir die Schriftlesung im Gottesdienst als eine blosse Einleitung ansehen, als etwas, das man über sich ergehen lässt, bis die Predigt beginnt. Das Bekenntnis stellt die Lesung an die erste Stelle und umgibt sie mit heiliger Ehrfurcht, weil in ihr Gott selbst zu reden beginnt. Wenn am Sonntagmorgen die Schrift geöffnet und gelesen wird, dann geschieht dasselbe wie einst am Wassertor: Das Volk Gottes richtet seine Ohren auf das Buch, in dem sein Herr zu ihm spricht. Bereite dich darum auf diesen Augenblick vor. Gehe nicht unruhig und zerstreut in den Gottesdienst, sondern sammle dein Herz schon zu Hause, im Gebet und in der Stille. Und wenn die Schrift gelesen wird, dann höre nicht wie einer, der einen alten Text hört, sondern wie einer, dem der lebendige Gott gegenwärtig ist. Die Ehrfurcht, die das Bekenntnis fordert, ist keine äusserliche Haltung, sondern die gesammelte Aufmerksamkeit dessen, der weiss: Hier spricht nicht ein Mensch, hier spricht mein Gott. Zweitens: Höre die Predigt gewissenhaft, mit Verstand, Glauben und Ehrfurcht, und frage dich nach jeder Predigt, was du daraus zu tun hast. Das Hören ist im Bekenntnis ausdrücklich ein Teil des Gottesdienstes, und zwar ein Teil, der deinen Gehorsam fordert. Viele Christen hören die Predigt wie eine Rede, die sie beurteilen, statt wie ein Wort, das sie richtet. Sie fragen, ob der Prediger gut gesprochen hat, statt zu fragen, ob ihr Herz getroffen ist. Das gewissenhafte Hören stellt diese Frage um. Es hört mit dem Verstand, der dem Gedankengang folgt und das Gesagte prüft; es hört mit dem Glauben, der das Wort als Gottes Wort annimmt und sich ihm unterstellt; und es hört mit der Ehrfurcht, die weiss, dass hier der Herr durch seinen Diener redet. Nach dem Gottesdienst aber stellt sich die eine entscheidende Frage, die Jakobus uns gelehrt hat: Was soll ich nun tun? Eine Predigt, die gehört und nicht getan wird, ist wie ein Samen, der auf den Weg fällt und von den Vögeln gefressen wird. Nimm dir darum nach jeder Predigt einen einzigen, bestimmten Entschluss vor, und führe ihn aus, solange das Wort noch warm in dir ist. Drittens: Singe mit Gnade im Herzen, und lass den Psalmengesang deine Zuneigungen bilden, statt ihn nur mitzusingen. Der Gesang ist die Antwort der Gemeinde auf das gehörte Wort, und er ist Gott nur dann wohlgefällig, wenn das Herz dabei ist. Es ist möglich, einen Psalm zu singen und dabei an etwas ganz anderes zu denken, und es ist möglich, mit bewegter Stimme zu singen und dabei von der Gnade, von der der Psalm redet, innerlich nichts zu kennen. Das Bekenntnis stellt beides zusammen: den Psalm und die Gnade im Herzen. Der Psalm lehrt dich, wie man zu Gott redet, auch in der Klage, auch im Zweifel, auch in der Freude, und die Gnade im Herzen macht aus den Worten des Psalmisten deine eigenen Worte. Nimm die Psalmen darum nicht als eine Pflichtübung, sondern als eine Schule des Herzens. Lerne sie auswendig, singe sie auch zu Hause, und lass sie deine Gefühle in die Bahnen lenken, die Gott selbst gebahnt hat. Wer die Psalmen singt, dessen Herz lernt allmählich, sich nicht mehr an die wechselnden Stimmungen zu verlieren, sondern in den Worten zu ruhen, die der Geist gebetet hat. Viertens: Empfange die Sakramente würdig und regelmässig, und lass das Abendmahl dir zur immer neuen Vergewisserung des Todes Christi werden. Paulus nennt das Abendmahl eine Verkündigung: Sooft du von diesem Brot isst und aus diesem Kelch trinkst, verkündigst du den Tod des Herrn, bis er kommt. Das Mahl ist also nicht eine fromme Übung für besonders geistliche Seelen, sondern ein von Christus eingesetztes Mittel, durch das er sich selbst deiner Seele vergewissert. Versäume es nicht aus Gleichgültigkeit, und entziehe es dir nicht aus falscher Scheu, als wärest du zu unwürdig, hinzuzutreten. Die Würdigkeit, von der das Bekenntnis spricht, ist nicht die Sündlosigkeit, sondern die aufrichtige Herzenshaltung, die ihre Sünde erkennt, sie bekennt und die Gnade in Christus sucht. Prüfe dich vor dem Mahl, wie der Apostel gebietet, aber prüfe dich nicht in dich selbst hinein, bis du verzagst, sondern prüfe dich auf Christus hin, der die Müden und Beladenen zu sich ruft. Das Sakrament ist das sichtbare Siegel, das Gott unter die Verheissung drückt, und wer es im Glauben empfängt, der darf mit neuer Gewissheit gehen. Fünftens: Unterscheide das Ordentliche vom Besonderen, und baue deine Frömmigkeit nicht auf die gelegentlichen Übungen, sondern auf die ständigen Mittel. Es liegt im Herzen des Menschen, das Ausserordentliche zu suchen und das Ordentliche gering zu achten. Das Fasten, das Gelübde, die besondere Danksagung haben ihren guten, von Gott gebotenen Platz, aber sie sind nicht die Speise, von der die Seele täglich lebt. Eine Frömmigkeit, die sich nach besonderen Erfahrungen und ausserordentlichen Übungen sehnt und darüber die schlichte, regelmässige Teilnahme an Wort und Sakrament vernachlässigt, gleicht einem Menschen, der die Mahlzeiten auslässt und sich mit seltenen Festessen nähren will. Du wirst dabei nicht gesünder, sondern schwächer. Halte dich an die ordentlichen Mittel, die Gott seiner Gemeinde gegeben hat: an die regelmässige Lesung der Schrift, an das treue Hören der Predigt, an den Gesang der Psalmen und an den Tisch des Herrn. Darin liegt der feste, ruhige Weg des Glaubens, und wer ihn geht, der braucht die ausserordentlichen Übungen nicht zu verachten, aber er braucht sich auch nicht nach ihnen zu verzehren. Sechstens: Prüfe den Gottesdienst, an dem du teilnimmst, an der Ordnung dieses Abschnitts, und suche eine Gemeinde, in der das Wort und das Sakrament die Mitte bilden. Das Bekenntnis ist nicht nur eine Lehre, die man zur Kenntnis nimmt; es ist ein Massstab, an dem die Praxis geprüft werden will. Frage dich: Hat in dem Gottesdienst, den du besuchst, die Schrift ihren festen Platz? Wird sie gelesen, und wird sie rein und ausführlich gepredigt, oder ist die Predigt zu einer kurzen Randbemerkung geschrumpft, umgeben von Darbietungen, die das Wort verdrängen? Werden die Sakramente so verwaltet, wie Christus sie eingesetzt hat? Ist der Gesang gesättigt mit dem Wort, oder ist er zu einer Unterhaltung geworden, die das Herz erregt, ohne es zu nähren? Wo das Wort Christi reichlich wohnt und die Sakramente recht verwaltet werden, dort darfst du mit Freuden bleiben und dich einordnen. Wo aber das Wort verdrängt und das Sakrament entleert wird, dort hat die äussere Versammlung den Namen einer Kirche nicht mehr verdient, und du schuldest es deiner Seele, eine Gemeinde zu suchen, in der die Ordnung dieses Abschnitts gilt. Der Gottesdienst ist die Speisung deiner Seele; wer seine Seele liebt, der wird sich dorthin begeben, wo der Tisch des Herrn in rechter Ordnung gedeckt ist.

Gebet

Himmlischer Vater, du hast uns nicht uns selbst überlassen in der Frage, wie wir dir dienen sollen, sondern du hast uns in deinem Wort die Ordnung deines Gottesdienstes gezeigt. Wir danken dir, dass du zu uns redest durch die Lesung deiner Schrift, dass du uns nährst durch die Predigt deines Wortes, dass du uns den Gesang der Psalmen in den Mund gelegt hast und dass du uns die Sakramente als sichtbare Siegel deiner Gnade geschenkt hast. Wir bitten dich: Schenke uns heilige Ehrfurcht, wenn dein Wort geöffnet wird, und lass unsere Ohren dem Buch deines Gesetzes zugewandt sein, wie das Volk einst am Wassertor. Gib uns ein gewissenhaftes Herz, das dein Wort hört mit Verstand, mit Glauben und mit Ehrfurcht, und lass uns nicht Hörer allein sein, sondern Täter, die das Gehörte ins Leben tragen. Lehre uns, mit Gnade im Herzen zu singen, dass unser Lob nicht aus den Lippen allein, sondern aus der Tiefe der Seele steige. Und wenn wir zu deinem Tisch treten, dann lass uns würdig empfangen, das heisst: lass uns unsere Sünde erkennen, sie dir bekennen und die Gerechtigkeit allein in Christus suchen, der für uns gestorben ist. Bewahre uns davor, das Ausserordentliche über das Ordentliche zu stellen, und lass uns treu bleiben in den schlichten Mitteln, durch die du dein Volk erbaust, Tag für Tag und Sonntag um Sonntag. Und wenn wir einmal schwach werden und fragen, ob all dieses Hören und Singen und Empfangen etwas nützt, dann lass uns antworten mit den Worten des Petrus: »Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.« Denn du allein hast die Worte, die uns nicht enttäuschen, und dein Wort allein ist die Speise, die unsere Seele satt macht. Amen.
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