Andacht 111 von 171

Der Tag des Herrn: Der christliche Sabbat

Ch.21: Of Religious Worship and the Sabbath Day — Abschnitt 6 • 2026-08-16 • 31 min
Weder das Gebet noch irgendein anderer Teil des Gottesdienstes ist jetzt, unter dem Evangelium, an einen Ort gebunden, an dem er vollzogen wird oder auf den er gerichtet ist, noch wird er dadurch Gott wohlgefälliger; sondern Gott ist überall anzubeten, im Geist und in der Wahrheit: so in den Familien täglich und im Verborgenen, jeder für sich selbst, und so in feierlicherer Weise in den öffentlichen Versammlungen, die nicht leichtfertig oder mutwillig versäumt oder verlassen werden dürfen, wenn Gott durch sein Wort oder durch seine Vorsehung dorthin ruft.
- Westminster Bekenntnis, Kapitel 21, Abschnitt 6

Einleitung

Es gab eine Zeit, da machte sich ein Mensch auf den Weg, um Gott zu suchen. Er verliess sein Dorf, schnürte das Bündel, nahm den Stab in die Hand und wanderte tagelang durch Wälder und über Pässe, bis er an einen Ort gelangte, von dem man ihm gesagt hatte, dass Gott dort näher sei als anderswo. In der Schweiz hiess dieser Ort Einsiedeln. Hunderttausende pilgerten dorthin, um vor dem schwarzen Gnadenbild der Muttergottes zu knien, weil man ihnen gelehrt hatte, dass ein Gebet, das in dieser geweihten Kapelle gesprochen werde, mehr gelte vor Gott als dasselbe Gebet in der eigenen Stube. Der Ort war heilig, die Mauern waren geweiht, die Luft selbst schien von der Gegenwart des Heiligen durchzogen. Und wer sein Gebet an diesem Ort und in die Richtung dieses Bildes richtete, der durfte hoffen, dass es den Himmel auf einem kürzeren Weg erreichte als das Gebet des Bauern, der am Küchentisch kniete. Der sechste Abschnitt unseres Kapitels reisst dieses ganze Gebäude aus geweihtem Stein und gesegneter Luft nieder. Er tut es nicht zornig, sondern ruhig, mit der stillen Entschlossenheit einer Wahrheit, die zu gross ist, um sich zu beeilen. Weder das Gebet noch irgendein anderer Teil des Gottesdienstes, so lautet die Lehre, ist jetzt, unter dem Evangelium, an einen Ort gebunden, an dem er vollzogen wird oder auf den er gerichtet ist. Kein Berg macht die Anbetung wirksamer, keine Kapelle macht sie Gott wohlgefälliger, keine Himmelsrichtung, in die man das Gesicht wendet, verkürzt den Weg zum Thron. Das ist die Freiheit, die Christus gebracht hat. Aber es ist eine Freiheit mit einem festen Kern, denn derselbe Abschnitt, der uns von dem einen heiligen Ort befreit, errichtet drei andere an seiner Stelle, Orte, die Gott selbst verordnet hat und an denen er verheisst, uns zu begegnen: das Haus, das Kämmerlein und die Versammlung. Wir haben in diesem Kapitel bereits gelernt, dass Gott allein seine Anbetung verordnet, dass sie dem dreieinigen Gott durch Christus allein dargebracht wird, dass das Gebet ein vornehmster Teil dieses Gottesdienstes ist, dass es sich auf alle Menschen erstreckt und dass Lesung, Predigt, Psalmengesang und Sakramente seine ordentlichen Bestandteile sind. Nun wenden sich die Väter einer Frage zu, die jeder Beter früher oder später stellt: Wo soll diese Anbetung geschehen? Gibt es heiligen Boden? Eine geweihte Stätte? Eine Richtung, in die sich das gläubige Angesicht wenden muss? Die Antwort ist ein Stück evangelischer Freiheit, das die alte Welt in Erstaunen versetzt hätte, und sie betrifft die Gestalt deiner ganzen Woche. Denn es gibt wenige Lehren, die so unmittelbar in den Alltag hineingreifen wie diese eine, die von dem Ort der Anbetung handelt.

Die biblischen Grundlagen

Der grosse Text dieses Abschnitts, das Scharnier, an dem alles hängt, ist das Gespräch unseres Herrn mit der Frau am Jakobsbrunnen. Die Frau, die in Jesus einen Propheten erkannt hatte, legte ihm die eine Frage vor, die ihr Volk von den Juden schied. Sie sagte: »Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll.« Das ist die Frage nach dem heiligen Ort in ihrer rohesten Gestalt. Die Samariter hatten ihren heiligen Berg, den Garizim; die Juden hatten ihre heilige Stadt, Jerusalem. Beide behaupteten, Gott begegne man an dieser Stätte und nicht an jener. Die Frau wollte wissen, welches Heiligtum das rechte sei. Die Antwort unseres Herrn schlichtet die Frage nicht, sondern hebt sie auf. Er spricht: »Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet.« Weder Berg noch Stadt, weder Heiligtum noch Tempel. Die Stunde kommt, sagt er, und sie ist schon jetzt, da die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit, denn Gott ist Geist. Diese Worte haben wir im ersten Abschnitt dieses Kapitels bereits betrachtet, als wir lernten, dass Gott seine Anbetung nicht an die Einbildungen der Menschen bindet. Hier aber leuchten sie in ihrer ganzen Tragweite für die Frage nach dem Ort. Ein Geist hat keinen Ort, an dem er wohnt, kein Heiligtum, in dem seine Fülle mehr enthalten wäre als anderswo. Darum begegnet der Anbeter, der Gott begegnen will, ihm nicht auf dem Grund der Geographie, sondern auf dem Grund des Geistes und der Wahrheit. Dies ist kein neuer, neutestamentlicher Gedanke, als hätte Christus umgestürzt, was die Propheten stets gelehrt hatten. Das Alte Testament selbst sträubte sich gegen den Gedanken, Gott lasse sich in ein Haus einsperren. Als Salomo den Tempel einweihte, eben jenes Heiligtum, das Gottes Wohnung sein sollte, da bekannte sein Gebet die Unmöglichkeit dieses Gedankens. Er sprach: »Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen; wie sollte es denn dies Haus tun, das ich gebaut habe?« Salomo baute den Tempel und gestand doch im selben Atemzug, dass er den Gott nicht fassen könne, für den er gebaut war. Und der Prophet Jesaja redete noch deutlicher zu einem Volk, das sich auf die Tempelsteine verliess: »So spricht der HERR: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füsse! Wo ist denn das Haus, das ihr mir bauen wollt, oder wo ist die Stätte, da ich ruhen soll? Meine Hand hat alles gemacht, was da ist, spricht der HERR. Ich sehe aber auf den Elenden und auf den, der zerbrochenen Geistes ist und der erzittert vor meinem Wort.« Der Thron Gottes ist der Himmel, und die Erde ist der Schemel seiner Füsse; was soll ihm da ein Haus aus Zedernholz und Stein? Die Stätte, auf die er sieht, ist kein Gebäude, sondern ein zerbrochenes, demütiges Herz. Stephanus drückte eben diese Wahrheit den Männern ins Angesicht, die den Tempel verehrten, und sein Gesicht leuchtete dabei wie das eines Engels: »Aber der Allerhöchste wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind.« Für dieses Zeugnis hielten sie sich die Ohren zu und steinigten ihn, so tief sass die Liebe zum heiligen Ort im menschlichen Herzen. Doch Stephanus sprach die Wahrheit, und der Tempel, den er nicht vergötzen wollte, fiel binnen einer Generation und wurde nie wieder aufgebaut. Stattdessen weitet das Neue Testament die Anbetung kühn auf jeden Ort unter dem Himmel aus. Paulus schreibt an Timotheus: »So will ich nun, dass die Männer beten an allen Orten und heilige Hände aufheben, ohne Zorn und ohne Zweifel.« An allen Orten, nicht nur in Jerusalem, nicht nur in der Synagoge, nicht an irgendeiner geweihten Stelle, sondern überall, wo gläubige Hände erhoben werden, darf das Gebet aufsteigen und wird angenommen. Und diese Weitung war kein nachträglicher Einfall, sondern die Verheissung der Propheten selbst. Maleachi schaute die Zeiten hinab und sah einen Tag, da die enge Anbetung eines Volkes und eines Tempels einer Anbetung weichen würde, die die Welt erfüllt: »Denn vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang ist mein Name herrlich unter den Heiden, und an allen Orten wird meinem Namen geräuchert und ein reines Speisopfer dargebracht; denn mein Name ist herrlich unter den Heiden, spricht der HERR Zebaoth.« Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang, an allen Orten, Rauchopfer und reines Speisopfer: nicht mehr der Rauch des levitischen Altars, sondern die Gebete und Lobgesänge eines anbetenden Volkes, zerstreut durch alle Länder, versammelt unter jedem Himmel. Doch wenn Gott überall anzubeten ist, dann zeigt uns das Bekenntnis sorgfältig, wo dieses Überall in der Übung zu finden ist. Es nennt drei Sphären, und die Schrift begründet jede von ihnen. Die erste ist die Familie, und ihre Anbetung soll täglich sein. Das Gebot des Mose ist unmissverständlich: »Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.« Hier ist die Hausandacht in den Rhythmus des Tages gewoben: im Hause sitzen, unterwegs sein, sich niederlegen, aufstehen, das Wort Gottes, das jede Stunde des Hauses durchtränkt. Die Verheissung an Abraham hatte diese häusliche Frömmigkeit vorausgesehen, denn Gott sprach von ihm: »Denn ich weiss, er wird seinen Kindern und seinem Hause nach ihm befehlen, dass sie des HERRN Wege halten und tun, was recht und gut ist.« Und Josuas Entschluss hallt durch die Jahrhunderte als die Grundfeste des gottesfürchtigen Hauses: »Ich aber und mein Haus wollen dem HERRN dienen.« Im Neuen Testament wird der Hauptmann Kornelius beschrieben als ein Mann, »fromm und gottesfürchtig mit seinem ganzen Hause«, ein ganzes Hauswesen in der Furcht Gottes, das heidnische Haus bereits eine kleine Kirche, ehe ein Apostel seine Schwelle betrat. Die zweite Sphäre ist das Verborgene, jeder für sich selbst. Hier stellt uns die Schrift ein Vorbild in Daniel vor Augen, dem vielgeliebten Mann. Als ein Erlass das Gebet zu jedem Gott ausser zum König verbot, da geschah dies: »Als nun Daniel erfuhr, dass das Gebot unterschrieben war, ging er hinauf in sein Haus, und er hatte offene Fenster in seinem Obergemach nach Jerusalem hin; er fiel dreimal am Tag auf seine Knie, betete, lobte und dankte seinem Gott, wie er es auch sonst immer getan hatte.« Die geheime Anbetung ist nicht die Ausnahme, sondern die feste Gewohnheit; dreimal am Tag traf Daniel Gott allein, und kein königlicher Erlass konnte dieses innere Heiligtum antasten. Und über allem steht unser Herr selbst, der gewiss keiner Hilfe bedurfte und doch das Kämmerlein hielt: »Und am Morgen, vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete daselbst.« Wenn der sündlose Sohn Gottes sich in die Einsamkeit zurückzog, um zu beten, ehe der Tag begann, was für Leute sollten dann wir sein, die wir Staub und Sünde sind und keine Stunde mit dem Herrn zu halten vermögen ohne seine Stärkung? Er selbst hat uns die geheime Stube geboten, wo niemand zusieht: »Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schliess die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.« Die dritte Sphäre ist die öffentliche Versammlung, und hier wird das Bekenntnis am schärfsten. Der Hebräerbrief mahnt: »und nicht verlassen unsre Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das umso mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht.« Das griechische Wort meint das feierliche Zusammenkommen, und der Schreiber warnt, dass einige bereits die Gewohnheit angenommen hatten, ihm fernzubleiben. Unser Herr selbst, obwohl er der Herr des Sabbats war, machte es zu seiner Gewohnheit, an jenem Tag in die Synagoge zu gehen, wie Lukas berichtet. Und der Psalmist hat die Freude vor dem Heiligtum unübertroffen ausgesprochen: »Ich freute mich über die, die mir sagten: Lasset uns ziehen zum Hause des HERRN!« So wie er sang: »Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend.« Wenn das Haupt der Kirche die Versammlung nicht versäumte, welche Entschuldigung bleibt dann den Gliedern seines Leibes?

Was die Westminster-Väter meinten

Als die Westminster-Väter diesen Abschnitt verfassten, stellten sie sich einem Irrtum entgegen, der über viele Jahrhunderte gewachsen war, und sie taten es mit den beiden Polen des ganzen Kapitels fest im Blick: zum einen mit dem Grundsatz, dass Gott allein seine Anbetung verordnet, zum andern mit der Freiheit des Evangeliums, die den Gläubigen von der Knechtschaft menschlicher Gebote erlöst. Der Irrtum, dem sie entgegentraten, war die Vorstellung vom heiligen Raum, der Glaube, ein Ort mache die Anbetung, weil er geweiht, gewidmet oder von Menschen geheiligt worden sei, Gott wohlgefälliger, wenn man sie dort vollziehe oder dorthin richte. Das war der Geist der mittelalterlichen Kirche mit ihren geweihten Altären und Schreinen, ihren Wallfahrten zu fernen Reliquien, ihrem Weihrauch, der nach Osten verbrannt wurde, ihrem Glauben, dass ein Gebet in einer bestimmten Kapelle oder vor einem bestimmten Bild eine besondere Wirksamkeit trage. Die Reformation und nach ihr die Puritaner erkannten in all dem eine Rückkehr zu eben dem Schatten, von dem Christus sein Volk befreit hatte. Darum bestehen die Väter erstens darauf, dass kein Teil des Gottesdienstes an einen Ort gebunden ist, und zweitens, dass kein Teil durch einen Ort wohlgefälliger wird. Beide Aussagen verdienen unser langsames Nachdenken: Die Anbetung ist weder an einen Ort gefesselt noch durch einen Ort verbessert. Der Mann, der in einer Kathedrale betet, hat nicht mehr Gehör bei Gott als der, der auf einem Feld betet; die Frau, die in ihrer Küche kniet, ist dem Thron so nahe wie der Priester an seinem Altar. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. Geist und Wahrheit sind nicht das Eigentum irgendeiner Geographie. Aber beobachte, wie die Väter auf diesem verneinenden Grund die bejahende Wahrheit errichten. Sie lassen uns nicht mit einer verschwommenen Geistigkeit zurück, die über allen Orten schwebt und darum nirgends landet. Sie nennen drei verordnete Sphären der Anbetung, und schon das Benennen ist ein Akt des reformierten Grundsatzes. Die erste ist die Familie, und ihre Anbetung ist täglich: Das Haus soll ein Heiligtum sein, der Vater ein Priester, der Morgen und der Abend eine Zeit des Gebets und des Wortes. Die zweite ist der verborgene Ort, jeder Gläubige allein vor Gott: Das Kämmerlein ist ein Heiligtum, die einsame Seele ein Priester, und die geheime Stunde eine Zeit, da der Vater, der in das Verborgene sieht, öffentlich vergilt. Die dritte ist die öffentliche Versammlung, und ihre Anbetung ist feierlicher: Die versammelte Gemeinde ist ein Heiligtum, der berufene Diener ein Priester in dem einzigen evangelischen Sinn, nämlich ein Führer eines Volkes von Priestern, und der Tag des Herrn eine Zeit gemeinsamer Anbetung vor der Welt. Hier liegt die Kunst des Abschnitts: Er schleift den Götzen des einen heiligen Ortes, um an dessen Stelle drei heilige Orte zu errichten, Orte, die Gott selbst verordnet hat und an denen er verheisst, seinem Volk zu begegnen. Der letzte Satz ist eine Schutzwehr gegen den natürlichen Missbrauch all dieser Freiheit. Weil die öffentliche Versammlung kein heiliger Ort im abergläubischen Sinn ist, könnte mancher schliessen, sie sei darum überhaupt nichts und dürfe nach Belieben versäumt werden. Die Väter schliessen diese Tür: Die öffentlichen Versammlungen dürfen »nicht leichtfertig oder mutwillig versäumt oder verlassen werden«. Zwei Worte verdienen unser Verweilen. Leichtfertig trifft den Mann, der aus blosser Trägheit fernbleibt, der seine Bequemlichkeit, seinen Schlaf oder seine Vergnügungen höher achtet als das Zusammenkommen der Heiligen. Mutwillig trifft den Mann, der aus Grundsatz fernbleibt, der sich eingeredet hat, die Versammlung sei unnötig, weil der Geist doch überall sei oder weil er Gott im Wald ebenso gut anbeten könne wie in der Kirche. Beides wird hier als Sünde bezeichnet. Und bemerke den letzten Zusatz, der eben die Vorsehung vorwegnimmt, die wir alle durchlebt haben: Die Versammlungen dürfen verlassen werden, aber nur dann, »wenn Gott durch sein Wort oder durch seine Vorsehung dorthin ruft«, wenn Verfolgung sie zerstreut oder Krankheit oder das Verschliessen der Türen durch einen Feind. Fernzubleiben, wenn Gott uns ruft zu kommen, ist Ungehorsam; zusammenzukommen, wenn die Vorsehung es verbietet, ist Vermessenheit. Die Väter halten beide Schneiden des Schwertes.

Theologische Tiefe

Calvin zieht in seiner Auslegung der Worte unseres Herrn an die Samariterin die grosse Folge aus der Geistigkeit Gottes mit der ihm eigenen Kraft. Weil Gott Geist ist, so beobachtet er, ist die Anbetung, die ihm gefällt, innerlich, und der Ort, an dem sie dargebracht wird, ist unter dem Evangelium eine Sache völliger Gleichgültigkeit. Der kunstvolle Apparat des Tempels, seine Vorhöfe, seine Altäre, seine Räucherpfannen, war ein Schatten, ein Zuchtmeister für das kindliche Zeitalter der Kirche; nun, da das Wesen gekommen ist, treten die Schatten ab, und die Seele, die mit Gott versöhnt ist, trägt ihren Tempel überallhin mit sich. Calvin lässt uns dies nicht als Freibrief missverstehen, den öffentlichen Gottesdienst zu verachten, denn er selbst war unerbittlich darin, die Pflichten der Versammlung einzuschärfen. Aber er besteht darauf, dass wir uns in einem Gebäude nicht darum versammeln, weil das Gebäude irgendeine Heiligkeit besässe, sondern weil Ordnung, Erbauung und das öffentliche Bekenntnis des Glaubens einen gemeinsamen Ort erfordern. Das Gebäude ist eine Bequemlichkeit und ein Zeugnis; ein Heiligtum ist es nicht. Für den Schweizer Hörer trägt diese Wahrheit ein vertrautes Gesicht, denn sie ist an dem Ort geboren, an dem die heiligen Stätten am tiefsten verehrt wurden. Zwingli hatte, ehe er nach Zürich kam, als Leutpriester in Einsiedeln gedient, eben an jener Wallfahrtsstätte, zu der die Völker pilgerten, weil das schwarze Gnadenbild dort Wunder wirken sollte. Er sah mit eigenen Augen, was aus den Menschen wird, die ihr Heil an einen Ort und ein Bild hängen: Sie brachten ihr Geld, ihre Gelübde und ihre abergläubische Hoffnung, und sie gingen leerer davon, als sie gekommen waren. Später, als er in Zürich predigte, entfaltete er aus der Schrift die Lehre, die diese ganze Welt der geweihten Orte zum Einsturz brachte: Gott ist Geist, er wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind, und der Himmel ist sein Thron, die Erde der Schemel seiner Füsse. Wo immer ein Herz ihn im Geist und in der Wahrheit anruft, dort ist er; wo ein Herz ihn nur in Stein und Bild sucht, dort ist er nicht. Es war kein Zufall, dass aus Zürich die Abschaffung der Bilder und die Auflösung der Wallfahrten hervorgingen, denn hier war begriffen worden, dass ein heiliger Ort, an dem Gott sich fassen lässt, den freien, lebendigen Gott in ein Götzenbild verwandelt. Wer heute in einer reformierten Kirche der Schweiz betet, der geniesst die Frucht dieser Erkenntnis, dass das Kämmerlein des Bauern dem Thron so nahe ist wie die prächtigste Kathedrale. Bullinger hat dieser Freiheit in seiner Auslegung des Gottesdienstes die seelsorgerliche Weite gegeben, die ihrer bedurfte. Er wusste, dass die Lehre, Gott sei an keinen Ort gebunden, in zwei entgegengesetzte Irrtümer abgleiten kann: in den Aberglauben, der den Ort doch wieder heiligt, und in die Schwärmerei, die aus der Ortsfreiheit die Verachtung aller Ordnung macht. Dagegen lehrte er, dass Gott zwar überall ist, dass er aber bestimmte Stätten verordnet hat, an denen er seinem Volk begegnen will, und dass die Verachtung dieser Stätten nicht Frömmigkeit, sondern Überhebung ist. Die Freiheit vom heiligen Ort ist die Freiheit, an jedem Ort anzubeten, nicht die Freiheit, an keinem Ort anzubeten. Das Haus, die Stube und die Versammlung sind nicht darum heilig, weil Menschen sie geweiht hätten, sondern darum, weil Gott sich dort finden lässt. Und gerade weil Gott sich dort finden lässt, ist es eine Sünde, sie zu meiden. Watson hat diese Lehre auf die Ebene des täglichen Lebens herabgeholt, wo sie am meisten schmerzt und am meisten heilt. Er sah, dass viele Christen, die der Lehre nach die heiligen Orte verwerfen, in der Übung dennoch so leben, als wäre Gott nur an einem Ort zu finden: im Kirchengebäude am Sonntag. Das Haus wird zum blossen Gasthaus, in dem man isst und schläft, die Stube bleibt ohne Gebet, das Kämmerlein ohne Gott. Watson erinnert daran, dass der Gott, der überall anzubeten ist, darum auch überall angebetet werden will, und dass das Haus, in dem nicht gebetet wird, ein Haus ohne Dach ist, so hübsch die Fassade auch glänze. Er ruft den Hausvater auf, ein Priester in seinem eigenen Haus zu sein, und den einzelnen Gläubigen, das Kämmerlein zu halten wie ein Schatzmeister die verborgene Kammer, in der das Beste aufbewahrt wird. Denn die Kraft aller öffentlichen Anbetung, so lehrt er, ist in der geheimen Stube aufgehoben, und eine Seele, die Gott nie allein trifft, wird verhungern mitten in den vollsten Versammlungen. à Brakel schliesslich hat der Familienandacht die feste dogmatische Gestalt gegeben, die in den Niederlanden und darüber hinaus Schule machte. Er nennt das Haus eine kleine Kirche und den Hausvater einen kleinen Prediger, nicht um die Ämter der Gemeinde zu verwischen, sondern um zu zeigen, dass der Gott, der sich in der Versammlung finden lässt, sich auch im Hause finden lässt, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. Die tägliche Hausandacht, so lehrt er, ist nicht ein Zierrat der Frömmigkeit, sondern ihr Grundstein, denn im Hause werden die Seelen zuerst gelehrt, Gott zu fürchten, und zuerst geübt, ihm zu begegnen. Wo das Haus ohne Gott bleibt, dort welkt die Frömmigkeit des nächsten Geschlechts, mag die Kirche noch so eifrig predigen. Denn die Predigt erreicht die Seele einmal in der Woche, das Haus aber erreicht sie jeden Tag, und was täglich geschieht, das prägt tiefer als das, was nur sonntags geschieht.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Reiss den Götzen des heiligen Ortes in deinem eigenen Herzen nieder. Frage dich aufrichtig, ob in dir noch ein heimlicher Aberglaube nistet, dass das Gebet in einem bestimmten Gebäude, in einer bestimmten Haltung oder in eine bestimmte Richtung irgendwie wirksamer sei, eher erhört werde, Gott näher und wohlgefälliger als dasselbe Gebet in deiner eigenen Küche. Das Evangelium hat diese Denkweise abgeschafft, und zu ihr zurückzukehren heisst, den Schatten wieder aufzubauen, den Christus abgerissen hat. Zugleich hüte dich vor dem entgegengesetzten Irrtum, der nachlässigen Verachtung allen Ortes, als ob es, weil Gott überall ist, gleichgültig wäre, wo und wie wir anbeten. Beides ist Unglaube: Das eine vertraut zu viel dem Ort, das andere vertraut zu wenig dem Gott, der verheissen hat, uns an dem Ort zu begegnen, den er verordnet. Gründe deine Anbetung allein auf den geistlichen Boden, und du wirst jeden Ort heilig finden, weil Christus an jedem Ort mit dir ist. Zweitens: Errichte den Hausaltar, und halte ihn täglich. Wenn du ein Ehemann und Vater bist oder eine Ehefrau und Mutter mit der Last der Kinder, so bedenke, ob dein Haus eine kleine Kirche ist oder nur eine Herberge. Das Bekenntnis spricht von der Anbetung in den Familien täglich, und das Wort gebietet dir, von den Dingen Gottes zu reden, wenn du in deinem Hause sitzt und wenn du aufstehst. Ein paar Verse gelesen, ein Psalm gesungen, ein kurzes Gebet, morgens und abends: Das sind keine grossen Taten, und doch hängt an ihnen zu einem guten Teil die Frömmigkeit des nächsten Geschlechts. Wenn du diese Pflicht hast einschlafen lassen, so lass der heutige Tag der Tag ihrer Erneuerung sein. Warte nicht auf Beredsamkeit oder Musse; der Herr fragt nicht nach feinen Worten, sondern nach einem treuen Herzen, und das schlichteste Gebet im schlichtesten Hause steigt zu demselben Thron empor wie die Gebete des Himmels. Drittens: Bewahre das Kämmerlein, jeder für sich selbst. Es gibt eine Anbetung, die kein Mensch für dich vollziehen kann, eine Begegnung mit Gott, die keine Gemeinde dir ersetzen kann. Daniel betete dreimal am Tag bei offenen Fenstern; unser Herr stand vor Tage auf, um seinen Vater allein zu treffen. Ist dir deine Stube fremd geworden? Ist das geheime Gebet vom öffentlichen verdrängt worden, sodass du fromm bist vor den Menschen und kalt vor Gott? Erforsche es. Die Kraft all deiner öffentlichen Anbetung ist in der geheimen Stube aufgehoben, und eine Seele, die Gott nie allein trifft, wird verhungern mitten in den vollsten Versammlungen. Setze eine Zeit, bewahre sie, und lass dir nichts als die Not sie rauben, denn dort wird dich dein Vater, der in das Verborgene sieht, öffentlich vergelten. Viertens: Verlass die Versammlung nicht. Derselbe Abschnitt, der dich vom Aberglauben der heiligen Orte befreit, bindet dich an die Pflicht der heiligen Versammlung, und der Schreiber des Hebräerbriefs warnt, dass es die Art einiger war, sie zu verlassen. Lass dich weder durch deine Arbeit, noch durch deine Erholungen, noch durch deine Müdigkeit, noch durch die Verachtung der Kirche vom Zusammenkommen am Tag des Herrn abhalten. Komm nicht leichtfertig, als wäre es etwas Gleichgültiges; komm nicht mutwillig, als wärest du über die Notwendigkeit hinausgewachsen. Wenn die Vorsehung die Türen verschliesst, durch Krankheit, durch Verfolgung, durch die Beschränkungen einer feindlichen Zeit, so trage es als ein Kreuz und kaufe die Zeit aus im Verborgenen und zu Hause. Wenn aber die Türen offen stehen und Gott ruft, dann sei des Psalmisten Freude deine Freude: »Ich freute mich über die, die mir sagten: Lasset uns ziehen zum Hause des HERRN!« Fünftens: Fülle jeden Ort mit der Anbetung Gottes, denn jeder Ort ist nun sein Heiligtum. Hier liegt die Herrlichkeit dieser Lehre und ihr süssester Trost. Weil Gott überall anzubeten ist, gibt es keinen Winkel deines Lebens, der in dem Sinn weltlich wäre, dass er gottlos wäre; die Werkstatt und das Feld, die Kinderstube und die Studierstube, das Krankenbett und das Grab, sie alle können Stätten der Anbetung werden, wo du dein Herz mitten unter ihnen zu Gott erhebst. Ein Tag in den Vorhöfen des Herrn, so rief der Psalmist, ist besser als sonst tausend; unter dem Evangelium aber ist der Vorhof Gottes hinausgetragen in alle Welt, und der Gläubige, der mit Christus wandelt, macht jeden Tag zu einem Tag in seinen Vorhöfen. Die Stunde kommt und ist schon jetzt, da die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten. Bist du ein solcher Anbeter? So geh und bete ihn an, in deinem Haus, in deinem Kämmerlein und in der Versammlung, und wisse, dass der lebendige Gott dir an jedem dieser Orte begegnet und eine suchende Seele nicht enttäuscht. Sechstens: Prüfe an diesem Abschnitt deine ganze Woche, und ordne sie neu um die drei Stätten Gottes. Das Bekenntnis ist kein Stück Papier, das man zur Kenntnis nimmt; es ist ein Massstab, der die Tage misst. Frage dich am Abend: Habe ich heute in meinem Haus gebetet, oder ist das Haus ein Ort geblieben, an dem man isst und schläft und streitet, aber nicht betet? Habe ich heute die Stube aufgesucht, in der niemand mich sieht, oder war mein ganzes Gebet nur das öffentliche, das andere hören? Und richte ich meine Woche auf den Tag des Herrn hin aus, auf das feierliche Zusammenkommen, oder gleitet mir die Versammlung aus den Händen wie etwas, das man auch lassen kann? Diese drei Fragen, Abend für Abend gestellt, werden dein Leben still und unaufhaltsam verändern. Denn sie führen dich immer wieder an die drei Orte, an denen Gott verheissen hat, dir zu begegnen, und wer sich an die Orte hält, an denen Gott sich finden lässt, der wird Gott auch finden.

Gebet

O Herr, unser Gott, der du Himmel und Erde erfüllst und den der Himmel aller Himmel nicht fassen kann: Wir preisen dich, dass du deine Anbetung nicht an einen Berg und nicht an eine Stadt gebunden hast, sondern deinem Volk den Weg geöffnet hast, dich überall anzubeten, im Geist und in der Wahrheit. Wir danken dir für das Heiligtum des Hauses, für den verborgenen Ort des Kämmerleins und für die feierliche Versammlung deiner Gemeinde, und wir bekennen, dass du uns an jedem dieser Orte verheissen hast, denen zu begegnen, die dich suchen. Vergib uns, wir bitten dich, das abergläubische Vertrauen, das wir nur zu oft auf Orte und Formen gesetzt haben, als könnte ein Gebäude oder eine Haltung unsere Gebete dir wohlgefälliger machen. Vergib uns ebenso die nachlässige Verachtung deiner heiligen Ordnungen, durch die wir den Hausaltar versäumt, das Kämmerlein verlassen und das Zusammenkommen aufgegeben haben. O Herr, richte in unseren Häusern eine tägliche Anbetung auf, damit unsere Kinder dich fürchten lernen von ihren ersten Tagen an. Schenke uns die geheime Stunde wieder, in der unsere Seelen dir allein begegnen. Und binde uns an die öffentliche Versammlung, damit wir mit einem Herzen und einem Munde deinen Namen vor der Welt bekennen und von deinem Wort und deinen Sakramenten genährt werden. Gib, dass wir, befreit von der Knechtschaft der heiligen Orte, jeden Ort zu einem Heiligtum machen, indem wir mit Christus in ihm wandeln. Schenke uns den Geist und die Wahrheit, die dein Sohn gefordert hat, damit wir in unseren Häusern, in unseren Kammern und in der Versammlung den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit, bis der Glaube ins Schauen verwandelt wird und wir vor deinem Thron stehen in dem himmlischen Jerusalem, wo kein Tempel ist, weil der Herr, der allmächtige Gott, ihr Tempel ist, er und das Lamm, und dich anbeten ohne Ort und ohne Ende, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
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