Andacht 112 von 171

Die Heiligung des Sonntags: Ruhe und Gottesdienst

Ch.21: Of Religious Worship and the Sabbath Day — Abschnitt 7 • 2026-08-17 • 34 min
Wie es ein Gesetz der Natur ist, dass im Allgemeinen ein gebührender Teil der Zeit für den Gottesdienst abgesondert werde, so hat Gott in seinem Wort durch ein positives, sittliches und fortdauerndes Gebot, das alle Menschen in allen Zeitaltern bindet, insbesondere einen Tag von sieben zum Sabbat bestimmt, der ihm heilig gehalten werden soll; dieser war vom Anfang der Welt bis zur Auferstehung Christi der letzte Tag der Woche und wurde von der Auferstehung Christi an in den ersten Tag der Woche verwandelt, der in der Schrift der Tag des Herrn genannt wird und bis ans Ende der Welt als der christliche Sabbat fortbestehen soll.
- Westminster Bekenntnis, Kapitel 21, Abschnitt 7

Einleitung

Ein Jahr misst die Bahn der Sonne, ein Monat den Umlauf des Mondes; beide sind in den Lauf der Gestirne geschrieben, und jeder Mensch, der zum Himmel aufblickt, findet sie dort wieder. Die Woche aber steht nirgends am Himmel geschrieben. Es gibt keinen Stern, der nach sieben Tagen wiederkehrte, keinen Kreislauf der Gestirne, der sechs Tage Arbeit und einen Tag Ruhe vorschriebe. Die Woche ist nicht aus der Natur abgelesen, sie ist der Natur gegeben worden, und zwar von dem Gott, der in sechs Tagen Himmel und Erde machte und am siebenten Tage ruhte. Darin liegt das Geheimnis dieses Abschnitts. Wenn an einem Sonntagmorgen in einer Stadt unseres Landes die Glocken läuten, wenn die Läden geschlossen bleiben und die Strassen stiller werden, dann klingt in diesem vertrauten Frieden ein Gedanke nach, der älter ist als jede Nation, älter als die Gesetzgebung am Sinai, älter als der Sündenfall selbst: der Gedanke, dass Gott einen Tag von sieben ausgesondert und geheiligt hat. Wir sind in diesem Kapitel von der Anbetung selbst zu ihren Teilen fortgeschritten, von der Anbetung im Geist und in der Wahrheit zum Gebet, zur Fürbitte, zur Lesung und Predigt und zuletzt zu der Frage nach dem Ort. Nun wenden sich die Väter der Frage nach der Zeit zu, und sie berühren damit die älteste und tiefste Ordnung unseres Lebens. Denn der Mensch lebt nicht nur im Raum, er lebt in der Zeit, und wie er seinen Raum in Häuser und Kammern gliedert, so gliedert er seine Zeit in Tage und Wochen. Die Frage, ob es eine heilige Zeit gibt, einen Tag, der Gott gehört, greift darum tiefer in unser Dasein hinein als fast jede andere Frage des Glaubens. Sie entscheidet, ob unsere Woche ein ungegliederter Strom von Arbeit und Erholung bleibt oder ob sie einen Rhythmus empfängt, einen Herzschlag, in dem sich Mühe und Ruhe, Schaffen und Anbeten ablösen. Der siebente Abschnitt legt das Fundament für diese ganze Lehre. Er fragt noch nicht, wie der Tag zu heiligen sei, was an ihm erlaubt und was verboten ist; das hebt sich der letzte Abschnitt des Kapitels auf. Hier geht es um die Wurzel: Woher stammt der Sabbat? Was ist an ihm Gebot der Schöpfung und was Setzung Gottes? Warum feiern wir, die wir doch nicht mehr zum alten Bund gehören, den Tag des Herrn am ersten statt am siebenten Tag der Woche? Die Antwort der Väter ist von einer ruhigen Klarheit, die den ganzen Abschnitt trägt. Der Sabbat, so lehren sie, ist keine nachträgliche Erfindung des Gesetzes, keine Zeremonie des alten Bundes, die mit Christus vergangen wäre. Er ist eine Schöpfungsordnung, ein Gebot, das alle Menschen in allen Zeiten bindet, und er ist durch die Auferstehung Christi nicht abgeschafft, sondern in den ersten Tag der Woche hinübergeführt worden, wo er bis ans Ende der Welt als der christliche Sabbat fortbesteht.

Die biblischen Grundlagen

Der erste Text steht ganz am Anfang der Schrift, ehe die Sünde in die Welt kam und ehe ein einziges Gebot vom Sinai herabgegeben war. Am Schluss des Schöpfungsberichts heisst es: »Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er gemacht hatte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.« Drei Dinge verdienen hier unser langsames Nachdenken. Erstens: Gott ruhte. Nicht weil er müde geworden wäre; der Ewige ermüdet nicht. Er ruhte, weil sein Werk vollendet war, und seine Ruhe ist die Ruhe der Freude, das Ausruhen des Künstlers, der von seinem vollendeten Werk zurücktritt und es mit Wohlgefallen betrachtet. Zweitens: Gott segnete den Tag und heiligte ihn. Er sonderte ihn aus, er zeichnete ihn, er legte seine eigene Ruhe wie ein Siegel auf ihn. Drittens: Dies geschah am Anfang, vor jedem Bund, vor jedem Gesetz, vor jeder Sünde. Der Sabbat gehört zur guten Ordnung der Schöpfung selbst. Er ist nicht der Schatten einer kommenden Wirklichkeit, sondern ein Stück des Paradieses, das in unsere gefallene Woche hineinragt. Dieselbe Wahrheit trägt das vierte Gebot, das die Väter das sittliche und fortdauernde Gebot nennen. Am Sinai spricht Gott: »Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.« Beachte, worauf Gott dieses Gebot gründet. Er gründet es nicht auf die Erlösung, nicht auf die Geschichte des Volkes Israel, sondern auf die Schöpfung. »Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und ruhte am siebenten Tage.« Das Gebot erinnert den Menschen an den Anfang der Welt, und es bindet die Ruhe des Arbeiters an die Ruhe des Schöpfers. Das hebräische Wort für den Tag, šābat, meint aufhören, ablassen, ruhen; der Sabbat ist der Tag, an dem der Mensch von seinem Werk ablässt, weil Gott von dem seinen abgelassen hat. Und dieses Gebot hat eine Weite, die uns beschämt: Nicht nur der Hausherr soll ruhen, sondern der Sohn und die Tochter, der Knecht und die Magd, ja das Vieh und der Fremdling, der in der Stadt lebt. Die Ruhe ist für alle, sie ist ein Gebot der Barmherzigkeit gegen jeden, der unter der Last der Arbeit steht. Unser Herr selbst hat dieses Fundament bestätigt und zugleich das Tor geöffnet, durch das die Kirche später schritt. Als die Pharisäer ihn anklagten, weil seine Jünger am Sabbat Ähren rauften, antwortete er mit einem Wort, das die ganze Lehre vom Sabbat in sich trägt: »Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.« Zwei Wahrheiten liegen in diesem einen Satz. Die erste: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht. Er ist keine Last, die dem Menschen auferlegt ist, sondern eine Gabe, die ihm zugedacht ist, so alt wie die Schöpfung und so gütig wie der Schöpfer. Die zweite: Der Menschensohn ist ein Herr über den Sabbat. Das ist der Anspruch Christi auf die göttliche Vollmacht, den Tag zu ordnen. Wer den Sabbat eingesetzt hat, der hat auch die Macht, seine Gestalt zu wandeln, und diese Vollmacht trägt der ganze weitere Gang des Abschnitts. Denn nun kommt die grosse Wende, an der alles hängt. Der Tag, den Gott am Anfang geheiligt hatte, war der siebente, der letzte Tag der Woche. Aber am ersten Tag der Woche geschah das Wunder, das die Welt erneuerte. Matthäus berichtet: »Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, das Grab zu besehen.« Lukas schreibt: »Aber am ersten Tag der Woche, sehr früh, kamen sie zum Grab und trugen bei sich die wohlriechenden Öle.« Und Johannes: »Am ersten Tag der Woche kommt Maria Magdalena früh, als es noch finster war, zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weg war.« Christus stand auf am ersten Tag der Woche, und dieser Tag wurde zum Geburtstag der neuen Schöpfung. Wie Gott am ersten Schöpfungstag das Licht aus der Finsternis rief, so rief er an diesem ersten Tag das Leben aus dem Grab, und die Kirche hat diesen Tag darum mit Recht den achten Tag genannt, den Tag, der die alte Woche sprengt und eine neue beginnt, den Anfang der neuen Welt. Die Schrift zeigt uns, dass die Apostel diesen Tag als den Tag der Versammlung und des Brotbrechens hielten. Lukas berichtet von der Gemeinde in Troas: »Am ersten Tag der Woche aber, als wir versammelt waren, das Brot zu brechen, predigte ihnen Paulus.« Die Gemeinde kam am ersten Tag zusammen, nicht am siebenten, und sie brach das Brot, das Gedächtnismahl des Auferstandenen, an eben dem Tag, an dem er auferstanden war. Und an eben diesem Tag trat der Auferstandene selbst unter seine Jünger: »Am Abend aber desselben ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt waren und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!« Wo die Jünger sich am ersten Tag versammelten, dort erschien der Herr, und dieses Erscheinen hat den Tag für immer gezeichnet. Johannes schliesslich gibt dem Tag seinen bleibenden Namen. Auf Patmos, in der Verbannung, schreibt er: »Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine grosse Stimme wie von einer Posaune.« Am Tag des Herrn, kyriakē hēmera: so nennt die Schrift den ersten Tag der Woche bereits, und dieser Name ist ein Bekenntnis. Der Tag gehört nicht mehr dem alten Bund und seinem siebenten Tag, sondern dem Herrn, der an ihm auferstanden ist. Was am Anfang der Welt der siebente Tag gewesen war, das ist seit der Auferstehung der erste Tag der Woche, der Tag des Herrn, und die Väter lehren nichts anderes, als was die Schrift selbst bezeugt: Der Tag wurde nicht abgeschafft, sondern gewandelt, und er dauert fort bis ans Ende der Welt. Einen letzten Blick wirft die Schrift auf das Ziel dieses Tages. Der Hebräerbrief schreibt: »So bleibt also noch eine Ruhe übrig für das Volk Gottes. Denn wer zu seiner Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken, so wie Gott von den seinen.« Das Wort, das hier mit Ruhe übersetzt ist, heisst im Griechischen sabbatismos, eine Sabbatruhe, und der Schreiber sagt damit: Der Sabbat ist nicht nur ein Gedächtnis der Schöpfung und nicht nur ein Tag in der Woche. Er ist ein Gleichnis und ein Unterpfand der ewigen Ruhe, die dem Volk Gottes bereitet ist. Wer den Tag des Herrn heiligt, der übt sich im Vorgeschmack jener Ruhe, in die das Volk Gottes eingehen wird, wenn es von allen seinen Werken ruht, so wie Gott von den seinen. So reicht dieser Abschnitt von der ersten Seite der Bibel bis zur letzten, vom siebenten Tag der Schöpfung bis zur ewigen Sabbatruhe, und der Tag des Herrn in der Mitte ist das Band, das beide verbindet.

Was die Westminster-Väter meinten

Als die Westminster-Väter diesen Abschnitt verfassten, standen sie vor einer doppelten Front, und die ganze Kunst ihrer Formulierung liegt darin, dass sie beide zugleich abwehrt. Auf der einen Seite standen die, welche den Sabbat ganz zu den Zeremonien des alten Bundes warfen und meinten, er sei mit Christus vergangen; für sie war der Tag des Herrn eine blosse menschliche Einrichtung, eine Sache der kirchlichen Ordnung, die man halten oder lassen könne. Auf der anderen Seite standen die, welche den Sabbat an den siebenten Tag der Woche fesselten und der Kirche vorwarfen, sie habe durch den Wechsel auf den Sonntag ein Gebot Gottes übertreten. Gegen beide errichten die Väter den Abschnitt in drei Stufen, und jede Stufe ist sorgfältig gehauen. Die erste Stufe ist die Unterscheidung zwischen dem Naturgesetz und dem geoffenbarten Gebot. Es ist, so lehren die Väter, ein Gesetz der Natur, dass im Allgemeinen ein gebührender Teil der Zeit für den Gottesdienst abgesondert werde. Der Mensch, der seinen Schöpfer kennt, weiss, dass er ihm Zeit schuldet; alle Völker, auch die, welche die Schrift nie empfangen haben, sondern heilige Tage und Zeiten auswählen, weil das Gewissen selbst sie dazu treibt. Insofern ist der Sabbat keine bloss jüdische Einrichtung. Aber die Natur sagt dem Menschen nur, dass Zeit abgesondert werden soll; sie sagt ihm nicht, wie viel und welcher Tag. Darum tritt das Wort hinzu und bestimmt, was die Natur offen lässt. Durch ein positives, sittliches und fortdauerndes Gebot hat Gott einen Tag von sieben zum Sabbat bestimmt. Jedes dieser drei Worte ist mit Bedacht gewählt. Positiv heisst das Gebot, weil es nicht aus der Natur abgelesen, sondern von Gott gesetzt und offenbart ist; kein Verstand hätte die Zahl sieben aus dem Lauf der Gestirne erschlossen. Sittlich heisst es, weil es zur ewigen sittlichen Ordnung gehört, die mit den zehn Geboten gegeben ist, und nicht zu den Zeremonien, die auf Christus hinwiesen und mit ihm vergingen. Fortdauernd heisst es, weil es alle Menschen in allen Zeitaltern bindet und durch kein späteres Gebot aufgehoben worden ist. Hier liegt der Kern der ganzen Lehre, und man muss ihn sehr genau fassen. Die Väter unterscheiden in dem einen vierten Gebot zwei Dinge, die man nicht vermischen darf: den sittlichen Grundbestand und die besondere Gestalt. Der sittliche Grundbestand ist dies: ein Tag von sieben soll dem Herrn geheiligt werden, ein Tag der Ruhe von der Arbeit und der Hingabe an den Gottesdienst. Dieser Bestand ist ewig, er bindet den Menschen seit der Schöpfung und wird ihn binden bis ans Ende. Die besondere Gestalt aber ist die Frage, welcher der sieben Tage es sei. Diese Gestalt ist veränderlich, und Christus, der Herr über den Sabbat, hat sie geändert. Vom Anfang der Welt bis zur Auferstehung war der Tag der siebente, der letzte der Woche; seit der Auferstehung ist er der erste. Was geändert wurde, ist nicht das Gebot, sondern seine Gestalt; nicht die Ruhe, sondern der Tag der Ruhe; nicht der Grund, sondern die Zahl. Wer den Sabbat ganz verwirft, der reisst mit der Gestalt auch den Grundbestand nieder; wer ihn an den siebenten Tag fesselt, der macht die veränderliche Gestalt zum ewigen Gesetz. Die Väter halten die Mitte, und diese Mitte ist nicht ein fauler Kompromiss, sondern die genaue Unterscheidung der Schrift selbst. Damit ist auch die Frage beantwortet, auf die Rom mit besonderem Triumph pochte. Der Kardinal Bellarmin hatte eingewandt, der Wechsel vom siebenten auf den ersten Tag beweise, dass die Kirche die Macht besitze, göttliche Gebote zu ändern, denn wenn der Sabbat ein Gebot Gottes sei und die Kirche ihn dennoch auf den Sonntag verlegt habe, dann stehe die Kirche über der Schrift. Die Väter antworten darauf nicht mit der Kirche, sondern mit Christus. Der Tag wurde nicht von der Kirche, sondern von dem Herrn des Sabbats selbst geändert, der an jenem Tag auferstand und ihn durch seine Erscheinungen und durch die Übung seiner Apostel zum Tag der Versammlung machte. Die Kirche hat den Wechsel nicht vollzogen, sie hat ihn empfangen; sie hat ihn nicht erfunden, sie hat ihn bezeugt. Was die Schrift den Tag des Herrn nennt, das hält die Kirche als den Tag des Herrn, und eben darin liegt der Unterschied zwischen dem Gehorsam gegen ein Gebot und der Anmassung, über den Geboten zu stehen. Der Sonntag ist kein Denkmal der kirchlichen Vollmacht, sondern der Auferstehung Christi. Der letzte Satz des Abschnitts endet darum nicht in einer Frage, sondern in einer Gewissheit. Der Tag, der in der Schrift der Tag des Herrn genannt wird, soll bis ans Ende der Welt als der christliche Sabbat fortbestehen. Das Wort christlich ist hier nicht eine Abschwächung, sondern eine Füllung. Der christliche Sabbat ist derselbe Tag der Ruhe, den Gott am Anfang heiligte, nun aber in der Gestalt des ersten Tages, durchdrungen von der Erinnerung an die Auferstehung, getragen von der Hoffnung auf die ewige Ruhe. Bis ans Ende der Welt: solange es Wochen gibt, solange Menschen arbeiten und ruhen, solange die Gemeinde sich versammelt und das Brot bricht, wird dieser Tag bestehen. Und wenn er einmal wegfällt, dann nicht, weil er aufgehoben wäre, sondern weil er erfüllt ist, weil die ewige Sabbatruhe angebrochen ist, deren Vorgeschmack er gewesen war.

Theologische Tiefe

Calvin hat in seiner Auslegung des vierten Gebots die Unterscheidung gezogen, die der ganzen späteren Theologie den Weg wies, und er hat sie mit einer Klarheit getroffen, die bis heute nichts von ihrer Kraft verloren hat. Er unterscheidet in dem Gebot die Zeremonie und die Sache. Die Zeremonie ist die Ruhe des siebenten Tages, die unter dem alten Bund auf Christus hinwies; sie ist mit ihm vergangen, und der Apostel warnt darum, sich um Tage und Feste richten zu lassen. Die Sache aber bleibt: dass ein bestimmter Tag für die Versammlung der Gemeinde, für die Ruhe der Knechte und Mägde und für die Betrachtung der Werke Gottes bestimmt sei. Calvin ist hier nüchterner als mancher spätere Puritaner; er versteht den Sabbat nicht als ein schweres Joch, sondern als die barmherzige Ordnung, die den Menschen und dem Vieh die nötige Ruhe verschafft und der Gemeinde den gemeinsamen Tag sichert. Und doch liegt bei ihm alles Gewicht auf dem, was der Tag bedeutet: Er ist ein Sinnbild der geistlichen Ruhe, in der der Gläubige von seinen eigenen Werken ablässt, um Gott in ihm wirken zu lassen, und er ist ein Unterpfand der himmlischen Ruhe, die der Gläubige noch nicht besitzt, aber erwartet. Wer den Sabbat hält, so lehrt Calvin, der bekennt, dass er sich nicht aus eigener Kraft erlöst, sondern dass er ruht in dem, der für ihn gewirkt hat. Bullinger hat dieser Lehre die Gestalt gegeben, in der sie in unserem Land Wurzel schlug. Im Zweiten Helvetischen Bekenntnis, das die Schweizer Kirchen einte, wird der Tag des Herrn als die Fortsetzung des alten Sabbats bekannt, eingesetzt nicht von Menschen, sondern von Christus und den Aposteln, damit die Gemeinde zusammenkomme, das Wort höre, die Sakramente empfange und die Werke der Liebe übe. Bullinger betont, was den reformierten Gemeinden oft verloren zu gehen droht: dass der Tag des Herrn nicht eine blosse Gewohnheit ist, die man halten kann oder auch nicht, sondern eine von Gott gegebene Ordnung, deren Verachtung nicht Freiheit, sondern Ungehorsam ist. Zugleich wahrt er die evangelische Freiheit, indem er den Tag nicht mit den abergläubischen Geboten belädt, mit denen Menschen die Ruhe zur Fessel gemacht hatten. Der Tag soll geheiligt werden durch die öffentliche und häusliche Übung des Gottesdienstes und durch die Werke der Not und der Barmherzigkeit; alles andere, was Menschen hinzufügen, ist Menschensatzung. In dieser doppelten Bestimmtheit ist der Abschnitt unseres Bekenntnisses gehalten: fest in der Ordnung, frei von der Knechtschaft. Watson hat den vierten Gebot die ganze Fülle seiner bildkräftigen Sprache gewidmet, und man darf ihn hier nicht übergehen, weil er die Lehre auf das Herz herabholt. Er nennt den Sabbat den Markttag der Seele, an dem der Gläubige für die Ewigkeit handelt, den Juwel unter den Tagen, das Kleinod, das Gott dem Menschen zum Geschenk macht. Und er beobachtet scharf, woran man erkennt, ob ein Mensch den Tag wirklich heiligt: nicht daran, dass er am Sonntag müssig sitzt, sondern daran, dass seine Seele an diesem Tag Handel treibt mit dem Himmel, dass er das Wort hört, als hinge sein Leben daran, dass er betet, als spräche er mit Gott von Angesicht zu Angesicht, und dass er aus dem Tag herausgeht wie ein Kaufmann aus einem guten Markt, reicher an Schätzen, als er hineingegangen ist. Watson weiss, dass der Tag um des Menschen willen gemacht ist, und er kehrt das Wort des Herrn immer wieder gegen die doppelte Gefahr: gegen den, der den Tag zu einer Last macht, und gegen den, der ihn zu einem Spieltag macht. Der eine vergisst, dass der Sabbat eine Gabe ist, der andere, dass er eine heilige Gabe ist, und beide rauben der Seele den Markt, auf dem sie die Ewigkeit erhandelt. Hodge hat in seinem Kommentar zum Bekenntnis die ganze Lehre in die feste systematische Form gebracht, und sein Argument ist ein Muster an Genauigkeit. Er geht von der Frage aus, was an dem vierten Gebot sittlich und was zeremoniell sei, und er antwortet: sittlich ist die Pflicht, einen Teil unserer Zeit dem Gottesdienst zu widmen, und sittlich ist auch die Bestimmung, dass dies ein Tag von sieben sei, denn die Natur selbst zeigt, dass ein bestimmter, wiederkehrender Zeitraum nötig ist, damit die Religion nicht verdämmert. Zeremoniell hingegen ist allein die Angabe, dass dieser Tag der siebente sei, denn diese Angabe war mit dem alten Bund verknüpft und wies auf etwas hin, das mit Christus gekommen ist. Daher konnte der Tag geändert werden, ohne dass das Gebot verletzt wurde; geändert wurde nur die Zahl, nicht die Sache. Hodge fügt hinzu, dass diese Änderung durch Christus und seine Apostel geschah und dass die Kirche, die den Tag des Herrn hält, darin nicht einer menschlichen Überlieferung, sondern dem Gebot ihres Herrn folgt. Was bei Calvin und Bullinger noch in der Sprache der Predigt ausgesprochen ist, das steht bei Hodge in der Sprache des Beweises, und beide Sprachen sagen dasselbe. Owen schliesslich führt die Lehre an ihr letztes Ziel, indem er den Hebräerbrief auslegt, und hier zeigt sich, was der Tag des Herrn eigentlich ist. Owen beobachtet, dass der Schreiber nicht von einer Ruhe im Lande Kanaan spricht, auch nicht von einer blos wöchentlichen Ruhe, sondern von einer Sabbatruhe, die dem Volk Gottes übrig bleibt, und dass diese Ruhe eben die Ruhe ist, in die Gott am siebenten Tag eingegangen ist. Der Gläubige, der am Tag des Herrn von seinen Werken ruht, tut in der Zeit, was er in der Ewigkeit vollkommen tun wird: er lässt ab von der eigenen Arbeit und ruht in dem Werk eines anderen, in dem Werk Christi, der für ihn gewirkt hat. So wird der Tag des Herrn zum Fenster der Ewigkeit, zum wöchentlichen Vorgeschmack jener Ruhe, in die kein Mühseliger mehr eingehen wird, weil alle Mühsal aufgehört hat. Owen bewahrt die Lehre damit vor der Gefahr, zu einer blossen Ordnungsvorschrift zu verarmen. Der Tag des Herrn ist mehr als ein Gebot der Woche; er ist ein Gleichnis des Himmels, und wer ihn heiligt, der lernt schon hier, was es heisst, in Gott zur Ruhe zu kommen.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Nimm den Tag des Herrn als Gabe an, ehe du ihn als Gebot betrachtest. Das erste Wort, das unser Herr über den Sabbat sprach, war kein Verbot, sondern ein Geschenk: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht. Ehe du fragst, was du am Sonntag nicht tun darfst, frage dich, was Gott dir an diesem Tag schenken will: Ruhe für den müden Leib, Frieden für die zerstreute Seele, eine Stunde, in der du von dem endlosen Rad deiner Arbeit absteigst und einfach vor deinem Herrn bist. Wer den Tag nur als eine Liste von Verboten kennt, der hat ihn noch nicht kennengelernt, und wer ihn nur als arbeitsfreien Vormittag kennt, ebenso wenig. Der Tag ist beides in einem: die Ruhe, die Gott selbst heiligte, und die Gabe, die er dem Menschen zugedacht hat, ehe der Mensch sie sich verdienen musste. Empfange ihn so, und das Halten des Tages wird dir nicht schwerer fallen als das Atmen einem Gesunden. Zweitens: Ordne deine Woche um den Tag des Herrn herum, nicht umgekehrt. Die Väter nennen den Sabbat eine Schöpfungsordnung, und eine Ordnung ist kein Anhang, sondern ein Grundriss. Die meisten Menschen lassen ihre Woche von der Arbeit bestimmen und drängen den Sonntag an ihren Rand, ein Rest, der übrig bleibt, wenn alles andere erledigt ist. Die Schrift kehrt diese Ordnung um. Sechs Tage sind gegeben, damit am siebenten Ruhe sei, und der Tag des Herrn ist der Anker, um den die sechs Tage kreisen. Frage dich aufrichtig: Richte ich meine Arbeit, meine Einkäufe, meine Reisen so ein, dass ich am Tag des Herrn frei bin für den Gottesdienst, oder verplane ich den Sonntag zuerst und gebe Gott, was dann noch bleibt? Wer seine Woche um den Tag des Herrn baut, der baut sie auf den Felsen, und die sechs Tage der Arbeit werden fruchtbarer, weil sie auf ein Ziel zulaufen, das nicht wieder Arbeit ist. Drittens: Feiere am ersten Tag die Auferstehung deines Herrn. Der Tag des Herrn ist der Tag, an dem Christus das Grab verliess, und jede Versammlung an diesem Tag ist ein Osterfest im Kleinen. Das unterscheidet den christlichen Sabbat von jedem blossen Ruhetag der Welt. Die Welt kennt freie Tage, aber sie weiss nicht, was sie mit ihnen anfangen soll, und füllt sie mit Zerstreuung, weil sie nichts zu feiern hat. Du hast etwas zu feiern. Wenn du am Sonntagmorgen die Glocken hörst und dich auf den Weg zur Versammlung machst, dann gehst du nicht zu einer Pflicht, sondern zu einem Fest, zum Gedächtnis des Sieges, der deine eigene Auferstehung verbürgt. Wer am Tag des Herrn zusammenkommt und das Brot bricht, der bekennt vor Himmel und Erde, dass das Grab leer ist, und kein Mensch, der diese Freude kennt, wird den Tag des Herrn gegen einen freien Morgen voll Zerstreuung eintauschen wollen. Viertens: Gönne die Ruhe auch denen, die unter dir arbeiten. Das vierte Gebot bleibt nicht beim Hausherrn stehen, sondern schliesst den Sohn und die Tochter, den Knecht und die Magd, ja das Vieh und den Fremdling ein. Der Sabbat war von Anfang an ein Gebot der Barmherzigkeit gegen jeden, der unter der Last der Arbeit steht, und diese soziale Seite der Ruhe ist in einer Zeit, die keine Ruhe mehr kennt, so nötig wie je. Wenn du andere beschäftigst, ob in deinem Haus oder in deinem Betrieb, dann gib ihnen den Tag, den Gott ihnen zugedacht hat, und nötige sie nicht durch deine Ansprüche, ihn zu missachten. Wenn du selbst angestellt bist, dann widerstehe dem Drang, jeden freien Tag in einen Arbeitstag zu verwandeln, als hinge der Lauf der Welt an deinem unermüdlichen Schaffen. Der Gott, der am siebenten Tag ruhte, fragt nicht danach, wie viel du geschafft hast, sondern ob du von seinem Gebot ablassen konntest und ihm vertrauen, dass er die Welt trägt, während du ruhst. Fünftens: Lass den körperlichen Tag dich zur geistlichen Ruhe führen. Die Väter und die Ausleger sind darin einig, dass der Sabbat ein Zeichen ist, und ein Zeichen weist über sich hinaus. Die Ruhe deines Leibes am Tag des Herrn ist ein Bild der Ruhe deiner Seele in Christus. Jeder von uns trägt heimlich die Neigung, sich durch eigenes Wirken vor Gott zu behaupten, durch Eifer, durch Leistung, durch das unaufhörliche Bestreben, sich seiner Gunst würdig zu machen. Der Sabbat ruft dem allem zu: Lass ab! Höre auf, dich selbst zu erlösen! Ruhe in dem, der für dich gewirkt hat und am siebenten Tag von seinem Werk ausruhte, weil es vollendet war. Der Hebräerbrief spricht von einer Sabbatruhe, die dem Volk Gottes übrig bleibt, und diese Ruhe beginnt nicht erst im Himmel. Sie beginnt hier, in dem Herzen, das endlich verstanden hat, dass die Erlösung vollbracht ist und dass nichts mehr zu seinem Heil hinzuzufügen ist. Der Tag des Herrn ist die wöchentliche Einladung, diese Ruhe einzuüben, bis sie einmal vollkommen wird. Sechstens: Sei streng mit dir und sanft mit anderen. Diese letzte Anwendung haben die Väter nicht ausgesprochen, aber sie folgt aus der Art, wie unser Herr selbst den Tag behandelte, und sie ist nötig gegen die zwei Versuchungen, die jeden Hüter des Tages bedrohen. Gegen dich selbst sei streng: Zähle nicht nach, wie wenig du tun kannst und noch fromm bleibst, sondern frage, wie viel du Gott an seinem Tag geben kannst; gib nicht dem Trägheitsschmerz nach, der dich am Sonntagmorgen im Bett hält, und nicht der Weltliebe, die den Tag mit ihren Geschäften füllt. Gegen andere aber sei sanft: Richte nicht über die Art, wie dein Bruder den Tag hält, und mach aus deiner Freiheit oder deiner Strenge kein Gesetz für fremde Gewissen. Der Herr, der den Sabbat heiligte, brach am Sabbat Ähren und heilte die Kranken, denn die Barmherzigkeit ist die Erfüllung des Tages, nicht seine Übertretung. Wer diese beiden Haltungen zusammen hält, der wird den Tag des Herrn halten, wie der Herr des Tages ihn gehalten hat: in Freude, in Barmherzigkeit und in der Ruhe, die vom Glauben kommt.

Gebet

O Herr, unser Gott, der du in sechs Tagen Himmel und Erde gemacht und am siebenten Tag geruht hast, nicht weil du müde warst, sondern weil dein Werk vollendet war: Wir preisen dich, dass du den Tag der Ruhe gesegnet und geheiligt hast, ehe die Sünde in die Welt kam, und dass du ihn als eine Gabe dem Menschen zugedacht hast, der ihn nicht verdienen konnte. Wir danken dir, dass du diesen Tag nicht abgeschafft, sondern durch die Auferstehung deines Sohnes in den ersten Tag der Woche verwandelt hast, in den Tag des Herrn, an dem das Licht aus dem Grab hervorbrach und die neue Schöpfung ihren Anfang nahm. Vergib uns, wir bitten dich, die Entheiligung deines Tages, die wir uns haben zuschulden kommen lassen. Wir haben deinen Tag mit Arbeit gefüllt, mit Zerstreuung und mit den Sorgen der Woche, und wir haben die Ruhe verschmäht, die du uns geschenkt hast. Wir haben unseren Leib geschont, aber unsere Seele gehungert, und wir sind aus vielen Versammlungen leerer herausgegangen, als wir hineingegangen sind, weil unsere Herzen nicht bei dir waren. O Herr, lehre uns, deinen Tag zu heiligen. Lehre uns, unsere Woche um ihn herum zu ordnen und nicht ihn an ihren Rand zu drängen. Lehre uns, am ersten Tag der Woche die Auferstehung unseres Herrn zu feiern und uns mit deinem Volk zu versammeln, das Brot zu brechen und dein Wort zu hören, als hinge unser Leben daran. Lehre uns, von unseren eigenen Werken abzulassen und in dem Werk Christi zu ruhen, der für uns gewirkt hat und dessen Ruhe unsere Ruhe ist. Gib uns, wir bitten dich, die Gabe der Ruhe in dieser rastlosen Zeit, die nicht mehr weiss, wozu die Tage gegeben sind. Schenke den Mühseligen und Beladenen unter uns die Erquickung, die dein Sohn verheissen hat, und lass den Tag des Herrn ihnen ein Vorgeschmack sein jener Sabbatruhe, die deinem Volk übrig bleibt. Und führe uns, wenn unsere letzte Woche vollendet ist, hinüber in die Ruhe, die kein Ende hat, wo wir von allen unseren Werken ruhen, so wie du von den deinen geruht hast, und dich anbeten ohne Unterlass, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
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