Andacht 113 von 171

Das Sabbatprinzip: Eine Schöpfungsordnung für alle

Ch.21: Of Religious Worship and the Sabbath Day — Abschnitt 8 • 2026-08-18 • 33 min
Dieser Sabbat wird dann dem Herrn heilig gehalten, wenn die Menschen, nachdem sie ihre Herzen zuvor gehörig vorbereitet und ihre gewöhnlichen Angelegenheiten im Voraus geordnet haben, nicht nur den ganzen Tag hindurch eine heilige Ruhe von ihren eigenen Werken, Worten und Gedanken über ihre weltlichen Beschäftigungen und Vergnügungen halten, sondern auch die ganze Zeit hindurch in den öffentlichen und privaten Übungen seiner Anbetung sowie in den Werken der Notwendigkeit und Barmherzigkeit erfüllt sind.
- Westminster Bekenntnis, Kapitel 21, Abschnitt 8

Einleitung

Der Tag des Herrn beginnt nicht am Sonntagmorgen. Er beginnt am Abend zuvor, in jener stillen Stunde, in der ein gläubiges Haus sein Wesen ordnet und ein gläubiges Herz sich rüstet, um Gott zu begegnen. Das alte Bundesvolk wusste das so gut, dass es dem Tag vor dem Sabbat einen eigenen Namen gab: den Rüsttag. An ihm tat man das Werk des sechsten Tages, damit der siebente offen und unbelastet vor dem Herrn daliege. Die Frage, die nun vor uns liegt, ist nicht mehr, welcher Tag zu halten sei, und auch nicht, ob überhaupt ein Tag zu halten bleibe. Diese Fragen haben wir im vergangenen Abschnitt beantwortet, als wir den Auferstandenen am ersten Tag seiner Gemeinde begegnen sahen und den Tag auf dem Angelpunkt der Auferstehung vom siebenten auf den ersten Tag hinübergleiten. Was bleibt, ist die suchendere Frage, die jedem ehrlichen Menschen von der Predigt heimfolgt und sich mit ihm an seinen eigenen Tisch setzt: Wie soll dieser Tag denn tatsächlich gehalten werden? Wie sieht ein Tag aus, der wahrhaft dem Herrn geheiligt ist, nicht nur dem Buchstaben nach, sondern in den Werken der Hände, den Worten des Mundes und den Gedanken des Herzens, vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang? Das ist die Frage, die unser Bekenntnis beantwortet, und es beantwortet sie mit einem Satz von gesammelter, praktischer Weisheit. Er sagt nicht, der Tag werde durch ein blosses Ablassen von der Arbeit gehalten, als könnte man ihn verschlafen; er sagt auch nicht, er werde gehalten, indem man ihn mit Betriebsamkeit füllt, als wäre die Geschäftigkeit selbst die Frömmigkeit. Der Satz ruht auf einer doppelten Säule: einer heiligen Ruhe von der Welt und einer heiligen Beschäftigung mit den Dingen Gottes. Die Ruhe ist nicht das Ziel, sondern die Vorbereitung auf die Beschäftigung, wie ein Zimmer von seinem Gerümpel geleert wird, ehe man es mit einem Festmahl füllt. Und diese doppelte Pflicht soll selbst durch eine doppelte Vorbereitung betreten werden: die des Herzens innen und die der gewöhnlichen Angelegenheiten aussen. So wollen wir den Satz Glied um Glied aufnehmen.

Die biblischen Grundlagen

Der erste grosse Text steht beim Propheten Jesaja, und kein Wort der Schrift hat die Heiligung des Tages so rein und so lieblich ausgesprochen wie dieses. Gott selbst spricht: »Wenn du am Sabbat deinen Fuss zurückhältst und nicht deinen Geschäften nachgehst an meinem heiligen Tage und den Sabbat eine Lust nennst und den heiligen Tag des Herrn geehrt hältst, wenn du ihn dadurch ehrst, dass du nicht deine Wege gehst und nicht deinen Geschäften nachgehst und nicht leeres Geschwätz redest, dann wirst du deine Lust haben am Herrn, und ich will dich über die Höhen des Landes führen und dich speisen mit dem Erbe deines Vaters Jakob; denn des Herrn Mund hat es geredet.« Drei Dinge trägt dieser Text in sich. Erstens: Den Tag heiligen heisst, den eigenen Fuss zurückhalten, die eigenen Wege nicht gehen, den eigenen Geschäften nicht nachgehen. Zweitens: Der Tag soll eine Lust genannt werden, und dieses Wort widerlegt alle finstere und knechtische Sabbatfrömmigkeit. Gott will keinen Tag, den sein Volk mit verdrossenem Herzen erduldet; er will einen Tag, an dem das Herz sich freut, weil es endlich von dem endlosen Rad seiner Geschäfte absteigen und bei seinem Herrn sein darf. Drittens: Auf den, der den Tag so hält, fällt die Verheissung »dann wirst du deine Lust haben am Herrn«. Wer Gott den Tag gönnt, dem wird Gott zur Lust. Das ist das Gesetz dieses Abschnitts in einem Satz. Der zweite Text steht im zweiten Buch Mose und zeigt, dass der Tag nicht nur eine Ordnung, sondern ein Zeichen ist, ein Bund, der von Geschlecht zu Geschlecht reicht. Gott spricht zu Mose: »Darum sollen die Israeliten den Sabbat halten, dass sie ihn auch bei ihren Nachkommen halten als ewigen Bund. Er ist ein ewiges Zeichen zwischen mir und den Israeliten. Denn in sechs Tagen machte der Herr Himmel und Erde, aber am siebenten Tage ruhte er und erquickte sich.« Man achte auf das letzte Wort, denn es ist voller Zartheit. Von Gott heisst es nicht nur, dass er ruhte, sondern dass er sich erquickte. Das hebräische Wort, das hier steht, meint Aufatmen, sich erfrischen, neuen Odem schöpfen. Der allmächtige Gott, der keiner Erquickung bedarf, hat es dennoch gefallen, an seinem Tag aufzuatmen, und er legt dieses Aufatmen wie ein Siegel auf den Tag seiner Menschen. Wer den Tag heiligt, der tritt ein in dieses Aufatmen Gottes, der dem Menschen die Erquickung gönnt, die er selbst nicht verschmäht hat. Ehe das Gesetz am Sinai gegeben wurde, lehrte Gott sein Volk schon, sich auf den siebenten Tag zu rüsten, und diese Belehrung ist so alt wie das Manna in der Wüste. Im zweiten Buch Mose heisst es: »Und am sechsten Tage sammelten sie doppelt so viel Brot, zwei Gomer für einen. Da kamen alle Obersten der Gemeinde und sagten es Mose. Er aber sprach zu ihnen: Das ist es, was der Herr geboten hat: Morgen ist Ruhetag, heiliger Sabbat für den Herrn. Was ihr backen wollt, das backt, und was ihr kochen wollt, das kocht; was aber übrig bleibt, das legt beiseite, dass es aufbewahrt werde bis zum Morgen.« Das Wort des Herrn ist ausdrücklich: Backt heute, kocht heute. Was dem sechsten Tag gehörte, sollte am sechsten Tag getan werden, damit der siebente frei sei für Ruhe und Anbetung. Hier liegt der göttliche Freibrief für das, was unser Bekenntnis das Ordnen der gewöhnlichen Angelegenheiten im Voraus nennt. Gott, der kein Gott der Unordnung ist, erwartet nicht, dass sein Volk den heiligen Tag in einem Gewühl unerledigter Arbeit verbringe. Der Mensch, der am sechsten Tag sein Brot bäckt und beiseite legt, ist ein Bild des Glaubens: Er vertraut darauf, dass der Gott, der sechs Tage für die Mühe gegeben hat, auch den siebenten ehren wird, der ihm zurückgegeben ist. Die Kehrseite dieses Bildes, die Entheiligung des Tages, schildert die Schrift in den Tagen Nehemias, nach der Rückkehr aus Babel. Der Statthalter berichtet: »Zu der Zeit sah ich in Juda, dass man am Sabbat die Kelter trat und Getreide einbrachte und Esel belud und Wein, Trauben, Feigen und allerlei Last nach Jerusalem brachte am Sabbattag. Und ich ermahnte sie an dem Tage, als sie Nahrung verkauften. Es wohnten auch Tyrer darin; die brachten Fische und allerlei Ware und verkauften sie am Sabbat den Leuten von Juda und in Jerusalem.« Hier ist der Tag der Ruhe zu einem Tag des Handels geworden, der Markt schwirrte, wo die Anbetung hätte sein sollen. Und man beachte, wie Nehemia antwortete, denn sein Heilmittel ist das genaue Vorbild dessen, was unser Bekenntnis lehrt: »Und ich gebot, dass man die Tore Jerusalems schliesse, sobald es dunkel werde vor dem Sabbat, und dass man sie erst nach dem Sabbat öffne. Und ich stellte einige meiner Leute an die Tore, dass keine Last am Sabbattag hereingebracht würde.« Die Tore wurden in der Abenddämmerung vor dem Tag geschlossen, und der Tag wurde als heilig bewacht. Was Nehemia mit den Toren einer Stadt tat, das ist der Gläubige berufen, mit den Toren seines eigenen Herzens und seines eigenen Hauses zu tun: sie zu schliessen gegen den Verkehr der Welt, ehe der Tag beginnt. Das griechische Wort für diesen Vorabend ist paraskeuē, der Rüsttag. Der fünfte Text zeigt die andere Wurzel des Gebotes und damit auch seine barmherzige Weite. Im fünften Buch Mose gründet Gott das vierte Gebot diesmal nicht auf die Schöpfung, sondern auf die Erlösung: »Den Sabbattag sollst du halten, dass du ihn heiligst, wie dir der Herr, dein Gott, geboten hat. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Rind, dein Esel, all dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt, auf dass dein Knecht und deine Magd ruhen gleichwie du. Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der Herr, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm. Darum hat dir der Herr, dein Gott, geboten, dass du den Sabbattag halten sollst.« Zwei Gründe stehen hier nebeneinander. Der eine ist die Erinnerung an die Knechtschaft: Du warst selbst ein Knecht, darum gönne dem Knecht und der Magd die Ruhe, die dir einst verweigert wurde; der Sabbat ist von Anfang an ein Gebot der Barmherzigkeit gegen jeden, der unter der Last der Arbeit steht. Der andere Grund ist die Erlösung selbst: Der Tag ist ein Gedächtnis der Befreiung, und so ist es bei uns Christen in noch höherem Masse, da unser Tag des Herrn das Gedächtnis der Auferstehung ist, die uns aus der Knechtschaft von Sünde und Tod herausgeführt hat. Zuletzt führt uns die Schrift an den zartesten und zugleich entscheidendsten Punkt des Abschnitts, an die Ausnahmen, die der Tag selbst anerkennt. Derselbe Herr, der den siebenten Tag bei der Schöpfung heiligte, lehrte in seinen Tagen auf Erden, dass der Tag in sich Raum hat für Werke der Not und der Barmherzigkeit. Als die Pharisäer seine Jünger anklagten, weil sie am Sabbat Ähren rauften und assen, antwortete er: »Wenn ihr aber wüsstet, was das heisst: Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer, so hättet ihr die Unschuldigen nicht verdammt. Denn der Menschensohn ist ein Herr über den Sabbat.« Und damit niemand das Wort missverstehe, fragte er in der Synagoge, ehe er einen Menschen mit verdorrter Hand heilte: »Welcher Mensch ist unter euch, der ein Schaf hat und, wenn es ihm am Sabbat in eine Grube fällt, es nicht ergreift und aufhebt? Wie viel mehr ist nun ein Mensch als ein Schaf! Darum ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun.« Das sind die Werke der Notwendigkeit und der Barmherzigkeit, von denen unser Bekenntnis spricht, und sie sind nicht die Feinde des Tages, sondern sein wahrer Schmuck. Der Tag wird geheiligt, nicht entweiht, wenn ein Mensch den Ochsen seines Nachbarn aus der Grube zieht oder dem Kranken einen Becher frischen Wassers reicht. Und damit diese Freiheit nicht in Zügellosigkeit umschlage, hält der Apostel die andere Wache: »So lasst euch nun von niemandem ein Urteil machen über Speise und Trank oder über einen Festtag, Neumond oder Sabbat. Das alles ist nur ein Schatten des Zukünftigen; der Leib aber ist Christus.« Gegen den, der den Tag zum Gesetz der Knechtschaft macht, steht die Freiheit; gegen den, der die Freiheit zum Deckmantel der Weltliebe macht, steht die Ruhe. Zwischen beiden Worten liegt der schmale, königliche Weg seiner Heiligung.

Was die Westminster-Väter meinten

Der Satz vor uns ist die praktische Entfaltung all dessen, was die Versammlung über den Tag im Abschnitt zuvor gelehrt hat, und man muss fühlen, wie bedachtsam jede einzelne Wendung gewogen ist. Das kleine Wort »dann«, mit dem der Abschnitt anhebt, tut stille Arbeit: Dieser Sabbat, dessen Einsetzung und Wandlung wir bereits festgestellt haben, wird dann dem Herrn heilig gehalten, wenn die Art seines Haltens der Hoheit seiner Einsetzung entspricht. Ein Tag, den Gott eingesetzt hat, kann nicht durch den Witz des Menschen gehalten werden; der Herr, der den Tag festgesetzt hat, hat auch den Weg festgesetzt. Zuerst kommt die Vorbereitung, und man beachte, dass sie doppelt ist, weil der Mensch, der den Tag hält, doppelt ist, Seele und Leib. »Nachdem sie ihre Herzen zuvor gehörig vorbereitet haben.« Das Herz wird zuerst genannt, und im Herzen beginnt alles wahre Halten des Tages. Kein Mensch hat je einen Sabbat heilig gehalten, dessen Herz nicht zuvor in eine gewisse Tauglichkeit für die Gegenwart Gottes gebracht worden wäre; denn der Tag ist eine Begegnung mit Gott, und ein Herz voll der Welt ist dafür so wenig tauglich, wie ein Gefäss voll Schlamm tauglich ist, klares Wasser zu fassen. Die Väter schreiben die genauen Akte dieser Vorbereitung nicht vor; sie hatten von den kleinlichen Vorschriften Roms zu viel gesehen, um das Gewissen zu binden, wo die Schrift es frei gelassen hat. Aber sie bestehen darauf, dass eine Vorbereitung sein müsse: ein Sammeln der Neigungen, ein Erforschen der Seele, ein Ablegen der Sünde, ein Aufheben der Augen zu dem Gott, mit dem der Tag verbracht werden soll. Der Tag, der nicht vorbereitet ist, ist entweiht, ehe er beginnt. Sodann: »und ihre gewöhnlichen Angelegenheiten im Voraus geordnet haben.« Das Äussere antwortet dem Inneren. Wenn das Herz innen vorbereitet sein muss, so müssen die Geschäfte der sechs Tage aussen erledigt sein, damit der siebente Tag nicht von dem überfallen werde, was vor ihm hätte vollendet sein sollen. Die Väter verlangen keine ängstliche Vollkommenheit, sondern die ehrliche, schlichte Fürsorge, die den Tag für heilig genug hält, um der Vorbereitung wert zu sein. Wer keine Vorsorge für den Tag des Herrn trifft, wer seine Angelegenheiten aus Nachlässigkeit in ihn hineinlaufen lässt, der hat durch eben diese Nachlässigkeit schon bekannt, dass der Tag seiner Fürsorge nicht wert ist. Nun die erste Säule des Haltens: eine heilige Ruhe von den eigenen Werken, Worten und Gedanken über die weltlichen Beschäftigungen und Vergnügungen. Jedes Wort ist hier eine Wache. Es ist eine Ruhe, ein echtes Ablassen, nicht ein Wechsel der Beschäftigung; eine heilige Ruhe, ein Ablassen um Gottes willen, nicht die Ruhe des Faulen oder des Spielers; eine Ruhe, die den ganzen Tag hindurch gewahrt wird, nicht eine Stunde, die man am Anfang raubt, ehe die Welt den Rest zurückfordert. Und es ist eine Ruhe von Werken, Worten und Gedanken: Die Hände sollen stillstehen, aber ebenso die Zunge und der Sinn; denn ein Mensch kann mit seinem Leib müssig daliegen und doch mit seinen Gedanken die Welt durchwandern und mit seiner Rede in ihr Handel treiben und so gar keinen Sabbat halten. Hier folgt die Wendung, die in diesem Abschnitt mehr Streit erregt hat als jede andere: die Ruhe von den weltlichen Beschäftigungen und Vergnügungen. Die Väter wussten sehr wohl, was sie schrieben, und gegen wen. König Jakob hatte das Book of Sports erlassen und König Karl es erneuert, worin Tanzen, Bogenschiessen und Maifeste am Tag des Herrn erlaubt wurden, und die Puritaner hatten geantwortet, der Tag sei Gottes und nicht des Königs, um über ihn zu verfügen. Die Versammlung pflanzt hier das Wort Vergnügungen in den Text, um den Irrtum an der Wurzel abzuschneiden: Der Tag ist kein Feiertag, der mit Spiel gefüllt werden darf. Das Vergnügen, das an den sechs Tagen erlaubt ist, wird am siebenten unerlaubt, nicht weil das Spiel an sich böse wäre, sondern weil der Tag heilig ist. Die Väter sind keine Asketen, die die Erquickung des Leibes verachten; sie eifern um die Heiligkeit des Tages, und sie lassen es nicht zu, dass die Welt durch die Hintertür unschuldigen Zeitvertreibs in den Tag zurückschleiche. Und doch endet der Abschnitt nicht in der Verneinung; denn eine Ruhe, die dort endete, wäre ein hohles Ding, eine blosse Leere. Der Tag wird nicht gehalten durch das, was man aus ihm weglässt, sondern durch das, was man in ihn hineinlegt. Der Gläubige soll erfüllt sein in der Anbetung Gottes: in den öffentlichen Übungen, der Versammlung der Heiligen, der Predigt des Wortes, den Gebeten der Gemeinde, dem Psalmengesang, den Sakramenten; und in den privaten Übungen, dem Gottesdienst der um die geöffnete Schrift versammelten Familie und dem Gottesdienst der Kammer, in der die Seele mit ihrem Gott allein ist. Die »ganze Zeit« ist eine starke Wendung, und die Väter haben sie gemeint: Der Tag gehört nicht Gott für eine Morgenstunde und der Welt für den Rest, sondern er soll Gott durchgängig gegeben werden. Zuletzt die zwei Tore, durch die Notwendigkeit und Erbarmen eintreten dürfen, ohne den Tag zu entweihen: die Werke der Notwendigkeit und Barmherzigkeit. Das Bekenntnis bestimmt sie nicht erschöpfend, und seine Weisheit liegt in dieser Zurückhaltung. Werke der Notwendigkeit sind jene, die der Tag selbst fordert und die nicht aufgeschoben werden können: die Speisung des Leibes, die Pflege der Kranken, die Hilfe, die nicht bis zum Morgen warten kann. Werke der Barmherzigkeit sind jene, zu denen die Liebe zu Gott und den Menschen ruft: der Besuch der Betrübten, die Erleichterung der Armen, das Wort zur rechten Zeit an den Müden. Diese hat der Herr des Sabbats selbst getan und verteidigt, und was er geehrt hat, dürfen wir nicht verbieten. Gegen den Pharisäer, der die Unschuldigen verdammt hätte, öffnet das Bekenntnis den Tag der Notwendigkeit und der Barmherzigkeit; gegen den ruchlosen Menschen, der die Barmherzigkeit zum Deckmantel jeder weltlichen Ausschweifung machen wollte, hält es die Ruhe unverletzt. Der so gehaltene Tag ist weder ein Kerker noch ein Spielplatz, sondern ein Tag, an dem die Seele von der Welt ruht und in Gott zur Ruhe kommt.

Theologische Tiefe

Unter den Auslegern, die unserem Text am nächsten stehen, gebührt Bullinger der erste Platz, weil er der Lehre die Gestalt gegeben hat, in der sie in unserem Land Wurzel schlug. Im Zweiten Helvetischen Bekenntnis wird der Tag des Herrn nicht als blosse Gewohnheit beschrieben, sondern als eine von Gott gegebene Ordnung, und es wird ausdrücklich gesagt, wie dieser Tag zu halten sei: durch die Versammlung der Gemeinde, das Hören des Wortes, den Gebrauch der Sakramente, das öffentliche Gebet und die Übung der Werke der Liebe. Bullinger betont dabei die doppelte Gefahr, die den Tag von beiden Seiten bedroht. Auf der einen Seite der Aberglaube, der den Tag mit Menschengeboten belädt und die Ruhe zu einer Fessel macht; auf der anderen Seite die Leichtfertigkeit, die den Tag zu einem gewöhnlichen Tag herabwürdigt. Die Heiligung des Tages besteht für ihn in der rechten Mitte: eine heilige Ruhe von der Arbeit, ein Ernstnehmen der öffentlichen und häuslichen Andacht und eine offene Hand für die Not des Nächsten. Was Menschen darüber hinaus hinzufügen, ist Menschensatzung; was Menschen davon abreissen, ist Ungehorsam. Fragt man nach dem Bekenntnis, das dem Schweizer Ohr am vertrautesten klingt und zugleich die tiefste Auslegung dieses Abschnitts bietet, so ist es der Heidelberger Katechismus, dessen Antwort auf die Frage nach dem vierten Gebot den ganzen Inhalt unseres Abschnitts in wenige Worte fasst. Gott will, so lehrt er, erstlich, dass das Predigtamt und die christliche Unterweisung im Gange bleiben und dass ich besonders am Feiertag zur Gemeinde Gottes fleissig komme, das Wort Gottes lerne, die heiligen Sakramente gebrauche, den Herrn öffentlich anrufe und christliche Werke der Barmherzigkeit übe; zum andern, dass ich alle Tage meines Lebens von meinen bösen Werken feiere, den Herrn durch seinen Geist in mir wirken lasse und so den ewigen Sabbat in diesem Leben anfange. Man sehe, wie dieser Satz das Äussere und das Innere verbindet. Der äussere Gottesdienst des Feiertags ist das Zeichen einer inneren Feier, die das ganze Leben umfassen soll; der Christ feiert nicht nur am Sonntag, sondern alle Tage, indem er von seinen bösen Werken ablässt und Gott in sich wirken lässt. Und doch nennt der Katechismus gerade den Sonntag zuerst, als den Tag, an dem die äussere Übung der Andacht die innere Feier nährt. Watson hat dem vierten Gebot die ganze Fülle seiner bildkräftigen Sprache gewidmet, und hier, wo es um die Heiligung des Tages geht, ist er in seinem eigentlichen Element. Er unterscheidet in der Heiligung des Sabbats drei Stücke: die Vorbereitung, die heilige Ruhe und die heilige Beschäftigung. Zur Vorbereitung sagt er, wer den Tag heiligen wolle, der müsse ihm entgegengehen wie einem Gast, den man erwartet; das Herz müsse gereinigt, die Sünde gebeichtet, das Haus bestellt sein, ehe der Tag anhebe, denn ein Tag, der unvorbereitet beginne, sei schon halb verloren. Zur heiligen Ruhe sagt er das Wort, das vielen aufs Gewissen fällt: Der Mensch müsse nicht nur von seinen Werken feiern, sondern von seinen Worten und Gedanken, denn die Zunge und das Herz können den Tag ebenso entweihen wie die Hände. Und zur heiligen Beschäftigung sagt er, die Ruhe sei nicht um ihrer selbst willen da, sondern als die Vorhalle, durch die der Gläubige in die Gegenwart Gottes trete; wer am Tag des Herrn nur müssig sitze, der halte einen Feiertag der Heiden, nicht einen Sabbat der Christen. à Brakel hat in seiner Auslegung des vierten Gebots den geistlichen Kern des Tages mit einer Eindringlichkeit blossgelegt, die dem Abschnitt sein tiefstes Licht gibt. Er besteht darauf, dass die Ruhe des Tages zuerst eine Ruhe von der Sünde sei. Wer am Sonntag die Arbeit niederlege, aber die Sünde nicht, der habe den Tag nicht begriffen; denn der äussere Ruhetag sei ein Gleichnis der inneren Ruhe, in der die Seele von ihrem eigenen Werk ablässt, um in dem Werk Christi zu ruhen. Darum sei die heilige Beschäftigung mit Gott das Herz des Tages, und die Werke der Notwendigkeit und der Barmherzigkeit seien nicht die Durchbrechung, sondern die Erfüllung des Gebotes, weil sie die Werke dessen sind, der den Tag eingesetzt hat. So bewahrt er die Lehre vor beiden Verirrungen: vor der Gesetzlichkeit, die aus dem Tag ein Gefängnis macht, und vor der Zügellosigkeit, die aus der Freiheit ein Fest der Welt macht. Calvin schliesslich hat in seiner Auslegung des vierten Gebots den Nerv des Ganzen in einen einzigen Satz gebannt: Der Sabbat wird gehalten, wenn wir von unseren eigenen Werken ruhen und Gott in uns wirken lassen. Das ist nicht eine Abschwächung des äusseren Tages, sondern seine tiefste Begründung. Der äussere Ruhetag ist das Zeichen, das Gott dem Menschen gegeben hat, damit er nicht vergesse, dass er sich nicht durch eigenes Werk erlöst. Jeder Mensch trägt heimlich die Neigung, sich vor Gott durch Leistung zu behaupten, durch Eifer, durch unablässiges Schaffen, durch das Bestreben, sich seiner Gunst würdig zu machen. Der Sabbat ruft dem allen zu: Lass ab! Höre auf, dich selbst zu erlösen! Ruhe in dem, der für dich gewirkt hat. Und darum ist für Calvin die heilige Beschäftigung mit dem Wort und dem Gebet nicht ein Anhang an die Ruhe, sondern ihr eigentlicher Sinn; die Ruhe leert die Seele nur, damit Gott sie fülle.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Bereite dein Herz vor, ehe du dein Haus bereitest. Das Bekenntnis nennt das Herz zuerst, und das hat seinen Grund. Es ist ein Leichtes, einen Kalender zu räumen, und ein Schweres, ein Gewissen zu räumen, und doch wird der Tag durch das zweite gehalten, nicht durch das erste. Der Abend vor dem Tag des Herrn ist die von Gott gesetzte Schwelle, und der Gläubige sollte ihn gebrauchen, wie das alte Bundesvolk seinen Rüsttag gebrauchte: die Seele erforschen, die Sünden der Woche bekennen, jede Last und die Sünde, die uns ständig umstrickt, ablegen und den Geist bitten, das Herz für die Gegenwart Gottes zu stimmen. Eine Geige wird gestimmt, ehe sie gespielt wird; das Herz, das dem Herrn eine Melodie machen soll, muss gestimmt werden, ehe der Tag der Melodie beginnt. Frage dich aufrichtig: Was hast du mit dem letzten Samstagabend getan? Wenn du mit der Welt noch laut in den Ohren und den Sünden der Woche noch unbeichtet zu Bett gegangen bist, so bist du zu einem Tag aufgestanden, der schon halb verloren war. Zweitens: Ordne deine gewöhnlichen Angelegenheiten am sechsten Tag. Das Wort des Herrn an Israel in der Wüste ist die Regel für deine eigene Woche: Backt heute, kocht heute. Gott hat dir sechs Tage für deine Mühe gegeben, und er erwartet, dass die Mühe in ihnen vollendet werde. Lass die Briefe beantwortet und die Rechnungen beglichen und das Haus bestellt sein, ehe der Tag kommt, damit der Tag selbst nicht von dem aufgezehrt werde, was am Tag zuvor hätte erledigt sein sollen. Es liegt keine Heiligkeit in einem Gewissen, das den Tag des Herrn mit dem Kramen in den Geschäften des Montags verbringt, und keine Weisheit in einem Haus, das gerade an dem Tag, der der Ruhe bestimmt ist, versorgt und eingerichtet werden muss. Die Fürsorge, die den Wochenbedarf im Voraus austeilt, ist nicht Weltlichkeit; sie ist der Gehorsam des Glaubens, das stille Vertrauen, dass sechs Tage treu getaner Arbeit genug sind und dass der siebente ganz Gott gehört. Drittens: Ruhe von deinen Worten und Gedanken, nicht nur von deinen Werken. Das ist die Wendung, die dem Gewissen des Menschen zusetzt, dessen Hände müssig sind, während sein Sinn mit der Welt beschäftigt ist. Der Tag soll in der Zunge und in der Einbildung so wahrhaft heilig gehalten werden wie im Leib. Weltliches Gespräch, das endlose Durchkramen von Kauf und Verkauf, das leere Geschwätz, das so viele Sonntage füllt: das gehört nicht zu einer heiligen Ruhe, denn die Zunge, die in der Welt Handel treibt, hat den Tag ebenso sicher gebrochen wie die Hand, die in ihr arbeitet. Und die Gedanken reichen noch tiefer: Ein Mensch kann mit gefalteten Händen in der Bank sitzen, während sein Herz bei dem Geschäft des nächsten Tages weilt, und sein Leib kann ruhen, während seine Seele ohne Unterlass weiterarbeitet. Der Psalmist lädt uns ein, die Tiefe des Tages zu suchen, wenn er sagt: Ich sinne nach über deine Gebote; und das Nachsinnen des Tages ist das genaue Gegenteil des Träumens, das ihn entweiht. Viertens: Versage dir die Vergnügungen ebenso wie die Geschäfte. Der Tag ist nicht der Tag der Welt, und das Vergnügen, das am Montag erlaubt ist, ist darum am Tag des Herrn nicht erlaubt; denn was an sich erlaubt ist, wird unerlaubt, wenn es in einer Zeit geschieht, die Gott gehört. Der Gläubige, der den Tag im Spiel der Welt gegeben hat, hat Gott gestohlen, was er ihm in der Arbeit zu stehlen nie gedächte. Das ist nicht die Stimme der Verdriesslichkeit, sondern der heiligen Eifersucht; der Tag ist des Herrn, und ihm gehört die Ehre seiner Stunden. Die Welt wird dir sagen, der Sonntag sei zum Vergnügen gemacht und ein wenig harmlose Freude könne der Seele nicht schaden. Aber die Seele, die den Tag des Herrn in ihren eigenen Freuden zubringt, hat den einen Tag von sieben verbracht, der sie von eben diesen Freuden entwöhnen sollte, und sie wird am Ende der Woche finden, dass sie an den Dingen Gottes ärmer geworden ist. Fünftens: Nimm die Werke der Notwendigkeit und der Barmherzigkeit mit freiem Gewissen auf, denn sie sind der Schmuck des Tages, nicht sein Bruch. Sei nicht strenger als dein Herr, der am Sabbat heilte und seine Jünger verteidigte, als sie die Ähren rauften. Fällt das Schaf in die Grube, so ziehe es heraus, auch wenn es der Tag des Herrn ist; brauchen die Kranken Pflege, so pflege sie; klopft der Arme an deine Tür, so öffne sie; bedarf die müde Seele eines Wortes, so sprich es. Diese Werke sind nicht eine Entweihung des Tages, sondern ein Halten desselben, denn es sind die Werke dessen, der der Herr des Tages ist. Nur sieh zu, dass du die Barmherzigkeit nicht zum Deckmantel der Trägheit machst, jede Ausschweifung eine Notwendigkeit nennst und jedes Vergnügen ein Werk der Barmherzigkeit; denn der Herr, der die Barmherzigkeit ehrte, hielt auch die Ruhe, und der Jünger ist nicht über seinem Meister. Sechstens: Sei streng mit dir und sanft mit den anderen. Diese letzte Anwendung folgt aus der Art, wie unser Herr selbst den Tag behandelte. Gegen dich selbst sei streng: Zähle nicht nach, wie wenig du tun und doch noch fromm bleiben kannst, sondern frage, wie viel du Gott an seinem Tag geben kannst; gib nicht dem Schmerz der Trägheit nach, der dich am Sonntagmorgen im Bett hält, und nicht der Weltliebe, die den Tag mit ihren Geschäften füllt. Gegen die anderen aber sei sanft: Richte nicht über die Art, wie dein Bruder den Tag hält, und mache aus deiner Freiheit oder deiner Strenge kein Gesetz für fremde Gewissen. Der Herr, der den Sabbat heiligte, brach am Sabbat Ähren und heilte die Kranken, denn die Barmherzigkeit ist die Erfüllung des Tages, nicht seine Übertretung. Wer diese beiden Haltungen zusammenhält, der wird den Tag des Herrn halten, wie der Herr des Tages ihn gehalten hat: in der Freude, in der Barmherzigkeit und in der Ruhe, die aus dem Glauben kommt.

Gebet

O Herr, unser Gott, der du den siebenten Tag gesegnet und geheiligt und ihn deinem Volk als ewiges Zeichen gegeben hast, du, der du an jenem Tage geruht und dich erquickt hast, nicht weil du müde warst, sondern weil dein Werk vollendet war: Wir danken dir für den Tag des Herrn, den du uns durch die Auferstehung deines Sohnes geschenkt hast, und wir bitten dich, lehre uns, ihn heilig zu halten, wie du geboten hast. Wir bekennen dir, dass wir den Tag oft unvorbereitet begonnen haben, mit Herzen, die nicht gereinigt waren, und mit Angelegenheiten, die nicht geordnet waren, und dass wir die Welt in die Stunden haben einschleichen lassen, die dir gehörten. Wir haben den Tag mit unserem Leib gehalten, während unsere Gedanken der Welt nachliefen, und wir haben unsere eigenen Freuden die Erquickung der Seele genannt. Vergib uns, wir bitten dich, um dessen willen, der der Herr des Sabbats ist. Gib uns Gnade, o Herr, den Tag in der Stille des Abends zuvor zu bereiten, unsere Herzen zu erforschen und unsere Sünden zu bekennen und unsere gewöhnlichen Angelegenheiten so zu ordnen, dass der Tag frei sei für dich. Schliesse die Tore unserer Herzen gegen den Verkehr der Welt, und setze eine Wache über unsere Zungen und unsere Gedanken, damit der ganze Tag eine heilige Ruhe sei. Mache uns den öffentlichen Gottesdienst deines Hauses süss für unsere Seelen und den häuslichen Gottesdienst unserer Familien und Kammern zur Freude unserer Herzen, damit der Tag vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang mit deinem Lob erfüllt sei. Und lehre uns, den Tag in den Werken der Notwendigkeit und der Barmherzigkeit zu gebrauchen, wie die, welche ihrem Meister gleich sein wollen, der am Sabbat heilte und Gutes tat. Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn zu danken und zu lobsingen deinem Namen, du Höchster. Und wenn dereinst unser letzter Tag der Mühe vollendet ist, so führe uns hinüber in jene Ruhe, die deinem Volk übrig bleibt, wo wir einen ewigen Sabbat in deiner Gegenwart halten werden, ohne Unterlass, durch Jesus Christus, unseren auferstandenen Herrn. Amen.
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