Andacht 114 von 171

Die Zulässigkeit von Eiden: Gott als Zeugen anrufen

Ch.22: Of Lawful Oaths and Vows — Abschnitt 1 • 2026-08-19 • 33 min
Ein rechtmäßiger Eid ist ein Stück des Gottesdienstes, wobei die schwörende Person bei rechtmäßigem Anlass feierlich Gott zum Zeugen anruft für das, was sie behauptet oder verspricht, und ihn bittet, sie nach der Wahrheit oder Falschheit dessen, was sie schwört, zu richten.
- Westminster Bekenntnis, Kapitel 22, Abschnitt 1

Einleitung

Wir verlassen nun das Kapitel vom Gottesdienst und treten durch eine stille Tür in ein neues Zimmer des Bekenntnisses: das Kapitel von den rechtmäßigen Eiden und Gelübden. Der Übergang ist kein Sprung, sondern ein natürlicher Schritt, denn schon am Ende des Gottesdienstkapitels hatten die Väter davon gesprochen, dass es neben dem ordentlichen Gottesdienst, dem Dienst des Wortes und der Sakramente, auch einen besonderen Gottesdienst für besondere Anlässe gebe, zu dem sie die Eide, die Gelübde, das Fasten und die Danksagung zählten. Nun nehmen sie das erste dieser Stücke zur Hand, den Eid, und sie sagen etwas über ihn, das den meisten Menschen auf den ersten Blick seltsam erscheinen muss. Ein rechtmäßiger Eid, so lautet der Satz, ist ein Stück des Gottesdienstes. Wer hätte gedacht, dass die Hand, die sich vor Gericht zum Schwur erhebt, und das Herz, das sich im Gebet vor Gott beugt, ein und derselben Sache dienen? Wer hätte gedacht, dass der feierliche Augenblick im Gerichtssaal und der stille Augenblick in der Kammer so nahe beieinander wohnen? Uns Schweizern sollte dieser Gedanke eigentlich nicht fremd sein, denn er steckt schon im Namen unseres Landes. Wir nennen uns Eidgenossen, und die Eidgenossenschaft trägt den Eid in ihrem eigenen Wort: eine Genossenschaft, die durch den Eid verbunden ist, ein Volk, das sich durch einen Schwur zu einem Bund zusammengeschlossen hat. Unsere älteste Geschichte beginnt mit einem Schwur, und der Rütlischwur steht am Anfang unseres Zusammenlebens wie ein Grundstein. Und doch, wie viele von uns haben je darüber nachgedacht, was ein Eid im Grunde ist? Was geschieht, wenn ein Mensch die Hand erhebt und schwört? Wen ruft er an? Was setzt er aufs Spiel? Der Satz unseres Bekenntnisses will uns aus dieser Gedankenlosigkeit herausführen, und er tut es mit einer Behauptung, die uns innehalten lässt: Der Eid ist Gottesdienst. Wo ein Mensch rechtmäßig schwört, dort betet er, dort ehrt er Gott, dort steht er in der Gegenwart des Allmächtigen, auch wenn kein Kirchengewölbe über ihm ist und kein Gesang um ihn her. Denn was tut der Schwörende? Er ruft den lebendigen Gott in die Mitte seiner Sache hinein. Er lädt den, der die Herzen erforscht, ein, Zeuge seiner Worte zu sein, und er bittet den, der gerecht richtet, ihn zu richten nach der Wahrheit oder Falschheit dessen, was er spricht. Das ist das Feierlichste, was ein Geschöpf überhaupt tun kann. Kein Mensch kann tiefer greifen als dorthin, wo er den Schöpfer selbst in seine eigenen Angelegenheiten hineinruft. Und gerade darum ist der Eid eine Sache von so furchtbarem Ernst, dass die Schrift ihm mit grösster Sorgfalt begegnet, ihn gebietet und begrenzt, ihn ehrt und seine Missbräuche verflucht. Lassen wir uns also von der Schrift selbst führen und sehen wir zu, was sie über dieses Stück des Gottesdienstes lehrt.

Die biblischen Grundlagen

Der erste und grundlegende Text steht im fünften Buch Mose, und er ist darum so entscheidend, weil er den Eid nicht etwa erlaubt, sondern gebietet, und ihn mitten unter die höchsten Pflichten des Menschen stellt. Mose spricht zum Volk: »sondern du sollst den HERRN, deinen Gott, fürchten und ihm dienen und bei seinem Namen schwören.« Und wenige Kapitel später wiederholt er es fast mit denselben Worten: »Den HERRN, deinen Gott, sollst du fürchten, ihm sollst du dienen, ihm sollst du anhangen und bei seinem Namen schwören.« Man achte darauf, in welcher Gesellschaft der Eid hier steht: fürchten, dienen, anhangen und schwören. Das Schwören bei dem Namen des Herrn gehört zu den Äusserungen der Gottesfurcht selbst, es steht neben dem Dienst und der Anhänglichkeit als eine Weise, in der das Geschöpf seinen Gott ehrt. Der Eid ist hier nicht eine weltliche Angelegenheit, die man notgedrungen neben der Frömmigkeit duldet, sondern er ist ein Ausdruck eben dieser Frömmigkeit. Bei dem Namen des Herrn schwören heisst: den Namen des Herrn so hoch halten, dass man ihn zum Bürgen der eigenen Wahrheit machen darf. Darum ist der Eid, wie unser Bekenntnis sagt, ein Stück des Gottesdienstes, denn er geschieht in dem Namen dessen, dem allein der Gottesdienst gebührt. Der zweite Text zeigt uns das Innere des Eides, seine Seele, und steht beim Propheten Jeremia. Gott selbst beschreibt dort, wie ein rechter Eid beschaffen sein muss: »und wenn du ohne Heuchelei recht und heilig schwörst: »So wahr der HERR lebt«, dann werden die Heiden in ihm gesegnet werden und sich seiner rühmen.« Drei Worte tragen hier das Gewicht. Der Eid soll ohne Heuchelei sein, das heisst aus einem aufrichtigen Herzen kommen, das nichts verstellt und nichts verbirgt. Er soll recht sein, das heisst in Übereinstimmung mit der Gerechtigkeit, einer gerechten Sache dienend, auf gerechte Weise geleistet. Und er soll heilig sein, das heisst mit der Ehrfurcht dessen, der weiss, dass er den Namen Gottes nicht in das Gemeine und Leichtfertige hinabziehen darf. Und die Formel, in der dieser Eid ausgesprochen wird, lautet: »So wahr der HERR lebt.« Der Schwörende bindet die Wahrheit seines Wortes an die Lebendigkeit Gottes selbst. So gewiss Gott lebt, so gewiss ist wahr, was ich sage. Hier wird sichtbar, warum nur Gott der rechte Zeuge eines Eides sein kann: weil nur er ewig lebt, weil nur er die Wahrheit in Person ist, weil nur bei ihm das Wort nicht wanken kann. Der dritte Text steht im Hebräerbrief und lehrt uns das Erstaunlichste, was die Schrift über den Eid zu sagen weiss: dass Gott selbst schwört. Der Apostel schreibt: »Denn als Gott dem Abraham die Verheißung gab, schwor er bei sich selbst, da er bei keinem Größeren schwören konnte.« Und wenige Verse später legt er das Wesen des Eides in einen Satz, der bis heute seine beste Begriffsbestimmung geblieben ist: »Die Menschen schwören ja bei einem Größeren, als sie selbst sind; und der Eid dient ihnen zur Bekräftigung und macht aller Widerrede ein Ende.« Zwei Wahrheiten sind hier auf das Innigste verbunden. Die erste: Der Eid ist nicht an sich böse, denn Gott selbst gebraucht ihn. Wenn das Schwören in seinem Wesen Sünde wäre, so könnte der heilige Gott es nicht tun. Die zweite: Der Eid weist von Natur aus über alles Geschöpfliche hinaus auf ein Grösseres. Der Mensch, der schwört, ruft einen an, der über ihm steht, einen, der die Sache durchschauen und die Wahrheit verbürgen kann. Und weil es über Gott kein Grösseres gibt, darum kann Gott, wenn er schwört, nur bei sich selbst schwören. Darin liegt die tiefste Rechtfertigung dessen, was unser Bekenntnis sagt: Der Eid ist ein Stück des Gottesdienstes, weil er in seinem innersten Wesen eine Anrufung dessen ist, der allein über allem steht. Und er dient zur Bekräftigung, er macht aller Widerrede ein Ende: Er ist das Siegel, das auf eine umstrittene Sache gedrückt wird, damit der Streit verstumme. Der vierte Text steht beim Propheten Jesaja und führt uns an die äusserste Grenze, wo der Eid und die Anbetung völlig ineinanderfliessen. Gott spricht: »Ich habe bei mir selbst geschworen, und Gerechtigkeit ist ausgegangen aus meinem Munde, ein Wort, bei dem es bleiben soll: Mir sollen sich alle Knie beugen und alle Zungen schwören.« Hier stehen die gebeugten Knie und die schwörenden Zungen nebeneinander als die zwei Gestalten ein und derselben Huldigung. Der ganze Mensch wird Gott unterworfen: der Leib, indem das Knie sich beugt, und die Zunge, indem sie schwört. Das Schwören ist die Huldigung des Mundes, wie das Beugen des Knies die Huldigung des Leibes ist. Wer also den Eid aus dem Bereich des Gottesdienstes herausreissen wollte, der riss der Zunge ihre heiligste Tätigkeit heraus. Der Eid gehört zur Anbetung, weil die Zunge, die bei dem Namen des lebendigen Gottes schwört, eben das tut, was alle Zungen der Erlösten am Ende der Tage tun werden. Der fünfte Text ist zugleich derjenige, der die meisten Gewissen beunruhigt, und wir dürfen ihm nicht ausweichen. In der Bergpredigt spricht unser Herr: »Ihr habt weiter gehört, dass zu den Alten gesagt ist: »Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deinen Eid halten.« Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs. Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.« Und der Apostel Jakobus klingt wie ein Echo darauf: »Vor allen Dingen aber, meine Brüder, schwört nicht, weder bei dem Himmel noch bei der Erde noch mit einem andern Eid. Es sei aber euer Ja ein Ja und euer Nein ein Nein, damit ihr nicht dem Gericht verfallt.« Auf diese Worte haben die Wiedertäufer einst ihr ganzes Verbot des Eides gebaut, und noch heute liest mancher sie so, als hätte Christus das Schwören schlechthin untersagt. Aber man muss hören, was Christus hier eigentlich angreift. Die Schriftgelehrten seiner Zeit hatten ein feines System von Regeln erfunden, nach der nur der Eid »bei Gott« bindend war, während die Eide bei dem Himmel, bei der Erde, bei Jerusalem oder bei dem eigenen Haupt für nicht bindend galten. So konnte man schwören und doch nicht gebunden sein, man konnte die Wahrheit umgehen und sich zugleich den Anschein des Schwörens geben. Gegen diese heuchlerische Kunst, gegen das leichte, häufige, trügerische Schwören bei Geschöpfen richtet sich das Wort des Herrn, und die Frage an uns lautet daher: Verurteilt Christus jeden Eid, oder verurteilt er den Missbrauch des Eides? Dass er den Missbrauch verurteilt, ist offenkundig. Dass er jeden Eid verurteilt, kann nicht sein, denn dann stritte er gegen seinen Vater, der das Schwören geboten hat, gegen sein eigenes Vorbild, denn er antwortete dem Hohenpriester, als dieser ihn bei dem lebendigen Gott beschwor, und gegen die Apostel, die nach ihm geschworen haben. So lösen sich die scheinbar widerstreitenden Worte in ein einziges Gebot auf: Dein gewöhnliches Wort soll so wahr sein, dass es keines Eides bedarf; und wo du schwörst, da schwöre bei Gott allein, in Wahrheit, im Recht und in Heiligkeit. Der sechste Text zeigt uns den Eid in der Praxis des Apostels, und er ist das Gegenbild zu allem, was die Schwärmer behauptet haben. Paulus, der doch den Herrn am tiefsten kannte, schreibt den Korinthern: »Ich rufe aber Gott zum Zeugen an bei meiner Seele, dass ich euch schonen wollte und darum nicht wieder nach Korinth gekommen bin.« Hier ist der Eid über eine vergangene Tatsache, über die verborgene Absicht seines Herzens, und der Apostel scheut sich nicht, Gott zum Zeugen anzurufen für das, was kein Mensch durchschauen kann. Er tut damit genau das, was unser Bekenntnis beschreibt: Er ruft Gott feierlich zum Zeugen an für das, was er behauptet. Und er tut es nicht in einer Rechtssache, sondern mitten in einem Brief, um die Lauterkeit seiner Liebe zu bekräftigen. So steht der Eid in der Hand des Apostels als ein heiliges Werkzeug der Wahrheit, das die Menschen einander näher bringt, weil es den Unsichtbaren in ihre Mitte ruft.

Was die Westminster-Väter meinten

Der Satz, den die Väter hier geschrieben haben, ist ein Meisterwerk der Genauigkeit, und jedes einzelne Wort ist gewogen, als hinge das Seelenheil davon ab. Beginnen wir mit dem ersten Wort: ein rechtmäßiger Eid. Nicht jeder Eid ist rechtmäßig. Indem das Bekenntnis den rechtmäßigen Eid bestimmt, lässt es durchscheinen, dass es auch unrechtmäßige Eide gibt: den leichtfertigen Eid, den falschen Eid, den Eid bei Geschöpfen, den Eid zu einer bösen Sache. Das Bekenntnis wird diese Missbräuche in den folgenden Abschnitten des Kapitels einzeln verurteilen; hier legt es zuerst das rechte Mass fest, damit der Irrtum an ihm gemessen werden könne. Ein Eid ist nur dann rechtmäßig, wenn er bei rechtmäßigem Anlass geleistet wird. Diese kleine Wendung ist eine gewaltige Wache. Sie sagt uns, dass der Eid nicht für jede Gelegenheit ist, nicht für die leichte Rede, nicht für den alltäglichen Handel, sondern für die ernsten Augenblicke, in denen eine Sache von solchem Gewicht ist, dass sie die Anrufung Gottes rechtfertigt. Wer bei jeder Kleinigkeit schwört, der entehrt den Namen, den er anruft, und macht aus dem Gottesdienst ein Alltagsgerät. Nun der Kern des Satzes: Ein rechtmäßiger Eid ist ein Stück des Gottesdienstes. Die Väter hätten den Eid eine nützliche bürgerliche Einrichtung nennen können, ein Band der Gesellschaft, eine Hilfe der Rechtspflege. Das alles ist er auch, und sie hätten es nicht geleugnet. Aber sie greifen tiefer und nennen ihn Gottesdienst, denn er geschieht in dem Namen Gottes und ehrt seine Eigenschaften. Im Eid ehrt der Mensch die Allwissenheit Gottes, denn er ruft den an, der die Herzen erforscht und dem nichts verborgen ist. Er ehrt die Wahrhaftigkeit Gottes, denn er macht den Gott der Wahrheit zum Bürgen seiner eigenen Wahrheit. Er ehrt die Gerechtigkeit Gottes, denn er bittet den gerechten Richter, ihn nach der Wahrheit oder Falschheit seines Wortes zu richten. Und er ehrt die Allmacht Gottes, denn er bekennt, dass Gott allein imstande ist, den Meineidigen zu strafen. Darum ist der Eid seinem innersten Wesen nach Anbetung, ein feierliches Bekenntnis dessen, wer Gott ist, ausgesprochen in einem Augenblick höchsten menschlichen Ernstes. Sodann beschreiben die Väter, was im Eid eigentlich geschieht, und sie tun es in zwei Gliedern, die den beiden Gestalten des Eides entsprechen. Die schwörende Person ruft Gott zum Zeugen an für das, was sie behauptet oder verspricht. Hier stehen die zwei Arten des Eides nebeneinander. Der erste ist der Eid der Aussage, der assertorische Eid, der eine vergangene oder gegenwärtige Tatsache bekräftigt: Das habe ich gesehen, das ist wahr, so verhält sich die Sache. Der zweite ist der Eid des Versprechens, der promissorische Eid, der eine zukünftige Handlung verbürgt: Das will ich tun, das will ich halten, dazu verpflichte ich mich. Beide Arten ruhen auf derselben Wurzel, der Anrufung Gottes als Zeugen, nur blickt die eine zurück auf das Geschehene und die andere voraus auf das zu Tuende. Und nun das letzte Glied, das schwerste von allen: Der Schwörende bittet Gott, ihn nach der Wahrheit oder Falschheit dessen, was er schwört, zu richten. Das ist der eigentliche Abgrund des Eides, und wer dies bedenkt, der wird nie wieder leichtfertig schwören. Der Eid enthält nicht nur eine Bitte um Zeugenschaft, sondern eine Bitte um Gericht. Wer schwört, der spricht im Grunde: Gott, sieh mich an, prüfe mein Wort, und wenn ich lüge, dann strafe mich. Er ruft den Zorn Gottes auf sein eigenes Haupt herab für den Fall, dass er falsch schwört. Darum ist der Meineid eine so entsetzliche Sünde, nicht nur weil der Mensch dabei lügt, sondern weil er dabei den Richter aller Welt zum Zeugen einer Lüge macht und das Gericht, das er herabgerufen hat, gewiss kommen wird. Wer einen Eid ablegt, der liefert sich selbst dem Schwert Gottes aus, falls sein Wort falsch ist. Das ist der Grund, warum die Väter den Eid so feierlich, so bedachtsam und so eng umgrenzt haben. Hinter diesem Satz stehen die drei Irrwege, gegen die die Väter ihn geschrieben haben. Der erste ist der Irrweg der Schwärmer und Wiedertäufer, die jeden Eid verwarfen und aus den Worten der Bergpredigt ein unbedingtes Verbot machten, so dass ein Christ weder vor Gericht noch im Amt noch in der Ehe schwören dürfe. Gegen sie hält das Bekenntnis fest, dass der Eid von Gott selbst geboten und von den Heiligen gebraucht worden ist. Der zweite ist der Irrweg Roms, das den Eid zwar beibehielt, ihn aber entartet hatte, indem es Eide bei den Heiligen, bei der Jungfrau Maria, bei Reliquien und Geschöpfen erfand und damit die Ehre, die Gott allein gebührt, auf Kreaturen übertrug. Gegen diesen Irrweg zeigt der Satz, dass der Eid eine Anrufung Gottes ist, denn nur Gott kann Zeuge und Richter sein. Der dritte Irrweg schliesslich ist der des gemeinen Volkes, das den Namen Gottes im leichtfertigen Schwören und Fluchen entweihte, und gegen ihn steht die Wendung »bei rechtmäßigem Anlass«, die den Eid aus dem alltäglichen Geschwätz heraushebt und an die ernste Stunde bindet. So ist der eine kleine Satz eine dreifache Wegscheide, die den schmalen Pfad zwischen dem Verbot der Schwärmer, dem Aberglauben Roms und der Leichtfertigkeit der Menge hindurchführt.

Theologische Tiefe

Wer in unserem Land nach dem Ursprung dieser Lehre fragt, der wird zuerst zu Zwingli geführt, und der Grund liegt in unserer eigenen Geschichte. Die Frage des Eides war keine Frage am Rande, sondern eine der brennendsten Fragen der Zürcher Reformation, denn die Täufer, die sich in den Jahren nach 1525 sammelten, hatten in ihrem Bekenntnis von Schleitheim ausdrücklich den Eid verworfen und jeden Christen, der vor Gericht oder der Obrigkeit schwöre, aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen. Ihnen gegenüber stand Zwingli, und er verteidigte den rechtmäßigen Eid mit einer Leidenschaft, die nur der versteht, der weiss, wie tief der Eid in das Gefüge unseres Landes hineinreicht. Denn die Eidgenossenschaft selbst, dieses Bündnis freier Orte, das unser Land bis heute zusammenhält, ruht auf dem Schwur. Ein Volk, das den Eid verwirft, so sah es Zwingli, zerschneidet das Band, das die Gesellschaft zusammenhält, und kann weder Gerichte halten noch Ämter besetzen noch Bündnisse schliessen. Der Eid ist für ihn die Klammer des öffentlichen Lebens, und er sah sehr wohl, dass hinter dem täuferischen Verbot eine Verwechslung stand: die Verwechslung des Missbrauchs mit dem Gebrauch. Wo Christus den Missbrauch des Eides verdammt, dort hatten die Täufer den Eid selbst verdammt und damit Gottes eigenes Gebot aufgelöst. Bullinger hat dieser Lehre in seinen Dekaden die feste Gestalt gegeben, in der sie über die Jahrhunderte zu uns gekommen ist. In seiner Auslegung des dritten Gebotes unterscheidet er mit grosser Sorgfalt zwischen dem rechtmäßigen und dem unrechtmäßigen Eid und zwischen dem Eid bei dem Namen Gottes und dem Eid bei Geschöpfen. Der rechtmäßige Eid, so lehrt er, ist eine Anrufung Gottes um Zeugnis und Gericht in einer gewichtigen und gerechten Sache, und er darf allein bei dem Namen Gottes geleistet werden, weil Gott allein der Erforscher der Herzen ist. Der Eid bei einem Geschöpf hingegen, sei es ein Heiliger oder ein Engel oder der Himmel selbst, ist ein Stück Götzendienst, denn er schreibt dem Geschöpf zu, was nur dem Schöpfer gebührt: die Kenntnis des Verborgenen und die Macht, es zu richten. Bullinger hält damit genau die Linie, die auch unser Bekenntnis zieht, und es ist kein Zufall, dass seine Worte dem Satz des Westminster-Bekenntnisses so nahe stehen, denn beide schöpfen aus derselben Quelle, aus der Schrift und aus der gemeinsamen Überzeugung, dass der Eid eine Sache der Anbetung ist. Kein Bekenntnis aber hat diese Wahrheit dem Schweizer Ohr so eingeprägt wie der Heidelberger Katechismus, und seine Fragen nach dem Eid sind die engsten Geschwister unseres Abschnitts. Auf die Frage, ob man gottselig bei dem Namen Gottes einen Eid schwören dürfe, antwortet er: Ja, wenn es die Obrigkeit von ihren Untertanen oder sonst die Not erfordert, Treue und Wahrheit zu Gottes Ehre und des Nächsten Heil dadurch zu erhalten und zu fördern; denn solches Eidschwören ist in Gottes Wort gegründet und deshalb von den Heiligen im Alten und Neuen Testament recht gebraucht worden. Und auf die Frage, ob man auch bei den Heiligen oder andern Kreaturen schwören dürfe, antwortet er mit dem Satz, der dem unseren so verblüffend gleicht, dass man die eine Hand darin erkennt, die beide geschrieben hat: Nein, denn ein rechtmäßiger Eid ist eine Anrufung Gottes, dass er als der einzige Herzenskündiger der Wahrheit Zeugnis gebe und mich strafe, wenn ich falsch schwöre; diese Ehre aber gebührt keinem Geschöpf. Man beachte das Wort Herzenskündiger. Darin liegt der ganze Grund, warum nur Gott der Zeuge des Eides sein kann: Er allein kennt das Herz, er allein weiss, ob das Wort wahr ist, das über die Lippen geht, oder ob dahinter die Lüge lauert. Der Mensch kann das Gesicht sehen, aber nicht das Herz; Gott sieht das Herz. Darum ist der Eid eine Anrufung Gottes, und darum ist er Anbetung. Calvin hat in seiner Institutio dieselbe Schlacht geschlagen, nur auf einem anderen Feld, und seine Waffe ist die unbestechliche Logik des Schriftauslegers. In der Auslegung des dritten Gebotes wendet er sich gegen die Wiedertäufer, die aus den Worten Christi ein allgemeines Verbot des Eides machten, und er zeigt, dass man die Schrift mit der Schrift auslegen muss. Wenn Gott selbst das Schwören gebietet, wenn er selbst schwört, wenn die Patriarchen und die Apostel geschworen haben, dann kann das Wort Christi nicht den Eid schlechthin verbieten, sondern nur dessen Missbrauch, eben jenes leichtfertige und trügerische Schwören bei Geschöpfen, das zu seiner Zeit in Blüte stand. Calvin unterscheidet darum scharf zwischen dem, was Christus verdammt, und dem, was Gott geboten hat, und er lässt den rechtmäßigen Eid stehen als ein Stück der Gottesverehrung, das in ernsten Dingen dem Nächsten die Wahrheit verbürgt und Gott die Ehre gibt. Wer den Eid ganz verwirft, so sagt er, der nimmt Gott eine Ehre, die ihm gebührt, und reisst der menschlichen Gesellschaft ein Band heraus, das Gott selbst geknüpft hat. Watson schliesslich hat in seiner Auslegung des dritten Gebotes dem Eid die Sprache gegeben, die dem Herzen am nächsten geht, und er hat den Ernst des Ganzen in Bilder gefasst, die man nicht wieder vergisst. Er nennt den Eid eine feierliche Anrufung Gottes, und er fragt, was ein Mensch eigentlich tue, wenn er schwöre: Er nehme den Namen des grossen Gottes und mache ihn zum Unterpfand seiner Wahrheit, er rufe den Allwissenden zum Zeugen seiner Rede und den Allmächtigen zum Rächer seiner Lüge. Darum sei der falsche Eid eine Sünde, vor der die Erde erzittern müsse, denn der Meineidige mache Gott selbst zum Genossen seiner Lüge und rufe das Gericht auf sein Haupt herab, das er nicht entrinnen könne. Watson mahnt darum, den Eid nur mit zitternder Hand und nur in den ernstesten Angelegenheiten zu leisten, denn wer den Namen Gottes leichtfertig anruft, der versucht den, der gesagt hat, er werde den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht. Und er stellt die Frage, die wir uns alle stellen sollten: Wenn Gott beim Schwur als Zeuge und Richter in unsere Mitte tritt, wie dürfen wir dann schwören, ohne vorher unser Herz zu prüfen, ob das Wort, das wir sprechen wollen, auch wahr ist?

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Gehe mit dem Namen Gottes um wie mit einem Heiligtum, das nicht für jeden Anlass da ist. Der Eid ist ein Stück des Gottesdienstes, und was im Gottesdienst geschieht, verträgt keine Leichtfertigkeit. Das dritte Gebot, das den Missbrauch des Namens Gottes verbietet, hat den Eid immer im Blick gehabt, denn nirgends wird der Name Gottes so unmittelbar ausgesprochen wie dort, wo ein Mensch schwört. Prüfe darum deinen Mund. Wie oft nennst du den Namen Gottes im leeren, halb ernsten, halb spielerischen Schwören, im beteuernden »so wahr Gott lebt«, das in Wahrheit gar nichts beteuert? Der Herr hat gesagt, er werde den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht. Ein Christ, der den Namen seines Gottes liebt, wird ihn hüten wie einen Schatz, den man nicht für jede Gelegenheit aus dem Kasten holt, sondern nur für die heiligen Augenblicke, in denen die Wahrheit selbst auf dem Spiel steht. Zweitens: Erkenne im Eid die Anbetung, und zittere, wenn du schwörst. Es ist eine Sache, vor Gericht die Hand zu erheben und eine Formel nachzusprechen, und eine ganz andere, zu begreifen, was in diesem Augenblick geschieht: dass der lebendige Gott, der die Herzen erforscht, als Zeuge in den Saal tritt und der gerechte Richter sich bereit hält, die Wahrheit von der Lüge zu scheiden. Wer das begriffen hat, der schwört nicht mehr gedankenlos. Er spricht den Eid wie ein Gebet, mit erhobenem Herzen, mit der stillen Bitte, Gott möge sein Wort prüfen und für wahr erkennen. Der Eid ist kein Formular, das man herunterleiert, sondern ein Gottesdienst, ein Augenblick, in dem Himmel und Erde sich berühren. Gehe so hinein, und du wirst nie wieder einen Eid ablegen, ohne dass dein Gewissen sich regt und dein Herz sich vor dem Unsichtbaren beugt. Drittens: Schwöre bei Gott allein, und niemals bei einem Geschöpf. Der Heidelberger Katechismus hat uns den Grund gelehrt: Nur Gott ist der Herzenskündiger, nur er kennt das Verborgene, nur er kann die Lüge strafen. Wer bei einem Heiligen, bei der Mutter Gottes, bei dem eigenen Leben oder bei sonst einem Geschöpf schwört, der legt einem Blinden ein Zeugnis in den Mund und ruft einen Richter an, der nicht richten kann. Und schlimmer noch: Er überträgt dem Geschöpf eine Ehre, die dem Schöpfer allein gebührt. Es mag harmlos klingen, wenn ein Mensch bei seinem Leben oder bei dem Andenken eines Verstorbenen beteuert, aber es ist im Grunde Götzendienst, ein kleines Stück jener Verwechslung des Geschöpfes mit dem Schöpfer, vor der die Schrift uns an jeder Stelle warnt. Der rechtmäßige Eid kennt nur einen Zeugen, und dieser eine Zeuge ist Gott. Viertens: Mache dein gewöhnliches Wort so wahr, dass du des Eides nicht bedarfst. Christus sagt: Eure Rede sei Ja, ja, nein, nein; was darüber ist, das ist vom Übel. Das ist nicht ein Verbot des Eides, sondern eine Forderung an das alltägliche Wort. Wer nur dann die Wahrheit sagt, wenn er schwört, der hat bekannt, dass sein gewöhnliches Ja nichts wert ist, und er hat damit gerade den Missbrauch begangen, den Christus verdammt. Der Christ soll so reden, dass sein schlichtes Ja dem Eid eines anderen gleichkommt, dass man seinem Wort glaubt, ohne dass er den Himmel zum Zeugen rufen muss. Wo die Wahrheit zur Gewohnheit geworden ist, dort ist der Eid selten nötig, und wo er nötig ist, dort tritt er nicht als ein verzweifeltes Mittel der Unglaubwürdigen auf, sondern als die feierliche Bekräftigung dessen, der ohnehin wahrhaftig ist. Prüfe dich: Gilt dein Wort in deinem Haus, an deinem Arbeitsplatz, in deiner Gemeinde, ohne dass du es mit Beteuerungen stützen musst? Fünftens: Ehre den rechtmäßigen Eid dort, wo er von dir gefordert wird, und weigere dich nur dort, wo er unrechtmäßig wäre. Es gibt Augenblicke, in denen die Obrigkeit den Eid von dir fordert, vor Gericht, bei der Übernahme eines Amtes, beim Diensteid, und es gibt Augenblicke, in denen die Not selbst danach verlangt, dass eine Sache durch den Eid bekräftigt werde, damit der Streit ein Ende habe. In solchen Augenblicken ist der Eid nicht eine Sünde, die man notgedrungen begeht, sondern ein Stück des Gottesdienstes, zu dem Gott dich ruft, und du sollst ihn mit freiem Gewissen und mit heiliger Scheu leisten. Aber dort, wo man von dir verlangt, bei einem Geschöpf zu schwören oder eine Unwahrheit zu bestätigen oder dich zu einer bösen Sache zu verpflichten, dort gilt das Wort des Petrus, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen, und dort sollst du dich lieber der Strafe aussetzen als dem Meineid. Der Eid ist ein so heiliges Ding, dass er nur in der Wahrheit und nur vor dem einen Gott geleistet werden darf. Sechstens: Fliehe den falschen Eid als eine Sünde, die das Gericht herabruft, und bitte Gott täglich um die Bewahrung deiner Zunge. Wer falsch schwört, der hat nicht nur gelogen, sondern Gott selbst zum Zeugen seiner Lüge gemacht und den Richter der Welt auf sich herabgerufen. Der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht, und kein Wort ist hier leer. Der Meineid ist eine Sünde, die den Menschen unmittelbar unter das Gericht stellt, denn er hat selbst darum gebeten, gerichtet zu werden. Darum wache über deine Zunge, prüfe dein Herz, ehe du schwörst, und wenn du je in die Versuchung gerätst, die Wahrheit um eines Vorteils willen zu beugen, so denke an den, der als Zeuge und Richter in deiner Mitte steht. Und weil die Zunge ein Übel ist, das kein Mensch zähmen kann, so bitte Gott täglich, er möge eine Wache vor deinen Mund stellen und die Tür deiner Lippen behüten, damit dein Wort wahr sei, dein Ja ein Ja und dein Nein ein Nein, zur Ehre dessen, der die Wahrheit ist.

Gebet

O Herr, unser Gott, du Gott der Wahrheit, der du die Herzen erforschst und dem nichts verborgen ist, der du allein der Herzenskündiger bist und der du gerecht richtest: Wir treten vor dich mit heiliger Scheu, wenn wir an die Grösse deines Namens denken, den du uns anvertraut hast, dass wir ihn ehren und nicht missbrauchen. Wir bekennen dir, dass wir mit deinem Namen oft leichtfertig umgegangen sind, dass wir in unseren Worten die Wahrheit gebeugt und die Lüge bemäntelt haben, dass wir geschworen haben, wo wir hätten schweigen sollen, und dass unser gewöhnliches Ja nicht immer so wahr gewesen ist, wie es hätte sein sollen. Vergib uns um deines Sohnes willen, der vor dem Hohenpriester das gute Bekenntnis ablegte und die Wahrheit nicht verleugnete. Lehre uns, o Herr, deinen Namen heilig zu halten. Gib uns Lippen, die bei dir allein schwören und niemals bei einem Geschöpf, und gib uns ein so wahrhaftiges Herz, dass unser schlichtes Wort keines Eides bedarf. Wo du uns rufst, in ernster Sache deinen Namen zum Zeugen anzurufen, da lass uns mit zitternder Hand und reinem Gewissen schwören; wo wir aber in Versuchung stehen, die Wahrheit zu beugen, da halte uns fest und stelle eine Wache vor unseren Mund. Wir danken dir, dass du selbst bei deinem eigenen Namen geschworen und dein Wort mit einem Eid bekräftigt hast, damit wir einen festen Trost hätten, die wir zu dir fliehen. Du lügst nicht, und dein Wort wankt nicht. Mache uns zu Kindern der Wahrheit, deren Rede lauter ist und deren Ja und Nein vor dir und den Menschen bestehen kann. Behüte unsere Zunge und unser Herz, o du Erforscher der Herzen, und führe uns, wenn unser letzter Tag kommt, vor den Richterstuhl deines Sohnes nicht als solche, die den Meineid gesprochen haben, sondern als solche, deren Namen geschrieben sind im Buch des Lebens, um dessentwillen, der für uns die Wahrheit war und der uns vor dir vertritt, Jesus Christus, unser Herr. Amen.
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