Andacht 115 von 171

Die Art der Eide: In Wahrheit, Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit

Ch.22: Of Lawful Oaths and Vows — Abschnitt 2 • 2026-08-20 • 33 min
Nur der Name Gottes ist es, bei dem die Menschen schwören sollen, und dabei ist er mit aller heiligen Furcht und Ehrfurcht zu gebrauchen. Darum ist es sündhaft und zu verabscheuen, vergeblich oder leichtfertig bei diesem herrlichen und furchtbaren Namen zu schwören oder überhaupt bei irgendeinem andern Ding zu schwören. Wie aber ein Eid in Sachen von Gewicht und Bedeutung durch das Wort Gottes gerechtfertigt ist, im Neuen Testament so gut wie im Alten, so soll ein rechtmäßiger Eid, der von rechtmäßiger Obrigkeit in solchen Sachen auferlegt wird, auch geleistet werden.
- Westminster Bekenntnis, Kapitel 22, Abschnitt 2

Einleitung

Es gibt in unserer Sprache ein einziges Wort, das in sich beides zugleich trägt: die größte Nähe und die größte Ferne, den hellsten Trost und den tiefsten Schrecken. Wer es ausspricht, der nennt den Namen Gottes, und wer diesen Namen wirklich ausspricht, der tut es niemals beiläufig. Unser Bekenntnis gibt diesem Namen zwei Eigenschaftswörter, die auf den ersten Blick nicht zusammenzugehören scheinen, und doch stehen sie hier wie die zwei Flügel einer Tür, die nur gemeinsam den Eingang öffnen. Es nennt ihn den herrlichen und den furchtbaren Namen. Herrlich, denn er ist voll Licht und Majestät und unaussprechlicher Schönheit, der Name dessen, vor dem die Seraphim ihr Angesicht verhüllen und rufen: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth. Furchtbar, denn er ist der Name dessen, der mit einem Hauch die Heere der Welt zerstreut, vor dessen Zorn die Berge schmelzen und dessen Gericht kein Geschöpf entfliehen kann. Wer nur von seiner Herrlichkeit weiß und nichts von seiner Furchtbarkeit, der wird im Umgang mit ihm leichtfertig. Wer nur von seiner Furchtbarkeit weiß und nichts von seiner Herrlichkeit, der flieht vor ihm und findet nie zu ihm. Der rechte Glaube hält beides zusammen, und gerade darum ist ihm der Name Gottes das Kostbarste und das Gefährlichste zugleich, das es in der ganzen Schöpfung gibt. In der letzten Betrachtung haben wir gelernt, was ein Eid ist. Ein rechtmäßiger Eid, so sagten die Väter, ist ein Stück des Gottesdienstes; der Schwörende ruft Gott zum Zeugen an und bittet ihn, ihn nach der Wahrheit oder Falschheit seines Wortes zu richten. Wir haben gesehen, dass der Eid kein Überbleibsel einer leichtgläubigen Zeit ist, sondern ein Bekenntnis zu der Allwissenheit, der Wahrhaftigkeit und der Gerechtigkeit Gottes, alles in einem einzigen Satz ausgesprochen. Aber wenn der Eid Gottesdienst ist, dann kommt alles auf den Namen an, der in ihm angerufen wird, denn der Gottesdienst ist niemals gleichgültig gegen seinen Gegenstand. Wer bei dem Falschen schwört, der betet falsch an, mag seine Haltung noch so feierlich sein. Darum verengt dieser zweite Abschnitt unseren Blick auf die Frage, die der erste offen gelassen hat: Bei welchem Namen und in welcher Haltung darf ein Mensch rechtmäßig schwören? Der Abschnitt entfaltet sich in vier straffen Schritten, und es lohnt sich, sie schon zu Beginn zu markieren. Zuerst die große positive Regel: Nur der Name Gottes ist es, bei dem die Menschen schwören sollen, und dieser Name will mit aller heiligen Furcht und Ehrfurcht gebraucht werden. Sodann die zwei großen Verneinungen: vergeblich oder leichtfertig bei diesem herrlichen und furchtbaren Namen zu schwören ist Sünde und zu verabscheuen, und bei irgendeinem andern Ding überhaupt zu schwören ist gleichermaßen Sünde. Drittens die sorgfältige Einschränkung: Ein Eid ist in Sachen von Gewicht und Bedeutung gerechtfertigt, im Neuen Testament nicht weniger als im Alten, so dass unser Herr den Eid nicht abgeschafft, sondern gereinigt hat. Und viertens die nüchterne Pflicht, die daraus folgt: Ein rechtmäßiger Eid, den eine rechtmäßige Obrigkeit in solchen Sachen auferlegt, soll geleistet werden, und wer ihn verweigert, verweigert eine Pflicht. Gebot und Verbot, Warnung und Zuspruch, Furcht und Freiheit, diese vier Stränge bilden ein einziges Seil, und wir wollen ihnen der Reihe nach folgen.

Die biblischen Grundlagen

Der erste und tragende Text steht beim Propheten Jesaja, und er legt den Grund für alles Folgende, weil er den Eid an das Wesen Gottes selbst bindet. Gott verheißt seinem Volk eine Zeit des Heils, und in dieser Verheißung geschieht etwas, das weit über den bloßen Umstand des Schwörens hinausreicht: »Wer sich segnen wird auf Erden, der wird sich im Namen des wahrhaftigen Gottes segnen, und wer schwören wird auf Erden, der wird bei dem wahrhaftigen Gott schwören. Denn die früheren Ängste sind vergessen und vor meinen Augen entschwunden.« Man achte auf das Wort, das hier zweimal fällt und das ganze Gewicht des Verses trägt: der wahrhaftige Gott. Der Prophet nennt den Herrn den Gott der Treue und der Wahrheit, den Gott, dessen Wort nicht wankt und dessen Zusage nicht bricht. Und eben darum, so sagt er, wird das erlöste Volk bei diesem Gott schwören. Der Eid ist nur dort sinnvoll, wo der Angerufene die Wahrheit ist. Wer bei einem Gott der Lüge schwört, der schwört ins Leere, denn ein Lügner kann niemanden verbürgen. Wer aber bei dem wahrhaftigen Gott schwört, der ruft den an, dessen Ja ein Ja ist in Ewigkeit, und nur bei ihm hat das menschliche Wort einen Grund, auf dem es stehen kann. Hier liegt die tiefste Antwort auf die Frage unseres Abschnitts, warum allein der Name Gottes der Name ist, bei dem geschworen werden soll: weil nur Gott die Wahrheit ist, und weil ein Eid, der die Wahrheit verbürgen soll, nur den zum Zeugen rufen kann, der selbst die Wahrheit ist. Der zweite Text führt uns zu einem der ältesten Eide der Schrift, und er zeigt uns, in welcher Haltung der heilige Name angerufen wird. Als Jakob und Laban am Ende ihrer langen, bitteren Geschichte einen Bund schließen, da rufen sie Gott zum Zeugen an, und von Jakob heißt es: »Und Jakob schwor ihm bei dem Schrecken Isaaks, dem Gott seines Vaters.« Diese Wendung ist voller Tiefe, und sie verdient es, dass wir bei ihr stehen bleiben. Der Schrecken Isaaks, das ist der Gott, vor dem Isaak zitterte, der Gott, der seinem Vater so groß und so heilig erschien, dass er ihm zum Schrecken wurde. Der Eid Jakobs ist also nicht das Geschäft zweier Männer, die Gott nur eben als den höchsten verfügbaren Notar herbeirufen. Er schwört bei dem Gott, vor dem sein eigener Vater sich gefürchtet hat, bei dem lebendigen Gott des Bundes, der seinem Geschlecht erschienen ist. Man sieht daran, dass der rechte Eid aus der Ehrfurcht geboren wird und in die Ehrfurcht zurückführt. Jakob schwört nicht beiläufig; er tritt vor den Schrecken Isaaks, und eben diese Haltung, das Beben des Geschöpfs vor dem Schöpfer, meint unser Bekenntnis, wenn es von aller heiligen Furcht und Ehrfurcht spricht. Der dritte Text gehört zu den erstaunlichsten der ganzen Schrift, denn er zeigt, dass das Schwören bei dem Namen des Herrn nicht nur erlaubt, sondern ein Vorrecht und ein Kennzeichen des Volkes Gottes ist. Durch den Propheten Jeremia verheißt Gott, dass die Heiden einst zu seinem Volk hinzutreten werden, und er beschreibt ihre Bekehrung mit diesen Worten: »Und es soll geschehen, wenn sie von meinem Volk lernen werden, bei meinem Namen zu schwören: So wahr der HERR lebt!, wie sie mein Volk gelehrt haben, bei dem Baal zu schwören, so sollen sie mitten in meinem Volk gebaut werden.« Hier stehen zwei Schwurformeln einander gegenüber, und in ihrem Gegensatz liegt das ganze Urteil. Die eine lautet: So wahr der HERR lebt. Die andere: bei dem Baal. Israel hatte gelernt, bei dem Götzen zu schwören, und diese Gewohnheit war das Siegel seiner Untreue, denn wer bei dem Baal schwört, der bekennt, wem sein Herz gehört. Die Bekehrung der Heiden aber wird sich darin zeigen, dass sie lernen, bei dem Namen des lebendigen Gottes zu schwören. Das Schwören bei dem rechten Namen ist also nicht ein Notbehelf, den man den Schwachen zugesteht, sondern ein Zeichen der Anbetung und der Zugehörigkeit. Der Mensch schwört bei dem, den er für Gott hält, und darum ist die Frage, bei wem er schwört, niemals eine Nebensache, sondern die Frage nach seinem Gott. Der vierte Text steht am Ende der Schrift und beantwortet eine Frage, die viele Gewissen bewegt: Gilt der Eid auch im Neuen Testament, oder hat Christus ihn abgeschafft? Johannes sieht einen gewaltigen Engel, der auf dem Meer und auf der Erde steht, und von ihm heißt es: »und schwor bei dem, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, der den Himmel geschaffen hat und was darin ist, und die Erde und was darin ist, und das Meer und was darin ist: Es soll keine Zeit mehr sein.« Man beachte, was hier geschieht. Ein Engel, ein Geschöpf von übermenschlicher Hoheit, hebt die Hand zum Himmel und schwört, und er schwört nicht bei sich selbst, sondern bei dem, der von Ewigkeit zu Ewigkeit lebt, bei dem Schöpfer des Himmels und der Erde und des Meeres. Wenn selbst ein Engel, der doch in der unmittelbaren Nähe Gottes steht, bei dem Namen des lebendigen Gottes schwört, wie viel mehr dann ein Mensch? Und wenn der Eid im Neuen Testament ein so lebendiges Zeugnis findet, dass der Geist Gottes selbst einen Engel schwören lässt, wie könnte er dann von Christus verworfen worden sein? Der Engel schwört bei dem, der allein ewig ist, weil nur der Ewige die ewigen Dinge verbürgen kann, und er bezeugt damit genau das, was unser Bekenntnis lehrt: Nur der Name Gottes trägt das Gewicht, das ein Eid verlangt. Der fünfte Text schließlich zeigt uns den Eid von seiner freudigen Seite, und er ist das Gegengewicht zu allem Schrecken. David singt: »Aber der König freut sich in Gott. Wer bei ihm schwört, der darf sich rühmen; denn die Lügenmäuler sollen verstopft werden.« Hier ist das Schwören bei dem Namen Gottes nicht eine Last, die man zitternd auf sich nimmt, sondern ein Vorrecht, dessen man sich rühmen darf. Wer bei dem wahren Gott schwört, der steht auf der Seite der Wahrheit, und am Ende, wenn die Lügenmäuler verstopft werden, wird er gerechtfertigt dastehen. Der Eid ist hier ein Bekenntnis, ein freudiges Eintreten für den, der die Wahrheit ist. Beides gehört zusammen, und wer nur das eine kennt, verkennt den Eid. Er ist Ernst und Freude zugleich, Furcht vor dem furchtbaren Namen und Rühmen bei dem herrlichen Namen, und nur wer beides in seinem Herzen trägt, hat begriffen, was es heißt, bei dem Namen Gottes zu schwören.

Was die Westminster-Väter meinten

Was die Väter in diesem zweiten Abschnitt geschrieben haben, ist aus demselben Stoff geschnitten wie der erste: ein Gefüge aus lauter gewogenen Worten, in dem jedes Glied seinen festen Ort hat. Wir wollen den Satz auseinandernehmen und sehen, was er in seinen vier Teilen sagt. Der erste Teil ist die große positive Regel, und sie ist so einfach, dass ihre Tiefe sich erst dem erschließt, der sie langsam bedenkt: Nur der Name Gottes ist es, bei dem die Menschen schwören sollen. Das Wörtchen »nur« trägt hier das ganze Gewicht. Es schließt alles aus, was nicht Gott ist, und es erhebt zugleich einen ungeheuren Anspruch: Es gibt im Himmel und auf Erden nur einen einzigen Namen, der einen Eid tragen kann. Warum? Die Antwort haben die Väter im vorigen Abschnitt vorbereitet. Der Eid ruft Gott als Zeugen an, und nur Gott kennt das Verborgene; er bittet Gott, zu richten, und nur Gott hat die Macht und die Gerechtigkeit, zu richten. Ein Geschöpf, sei es noch so erhaben, kann weder das Herz durchschauen noch den Meineid strafen. Darum wäre ein Eid bei einem Geschöpf von vornherein ein leeres und zugleich ein gotteslästerliches Unterfangen, denn er schriebe dem Geschöpf zu, was nur dem Schöpfer gebührt. Und darum fügen die Väter sogleich die Haltung hinzu, in der dieser Name gebraucht werden will: mit aller heiligen Furcht und Ehrfurcht. Der Name ist kein Werkzeug, das man wie jedes andere in die Hand nimmt; er ist ein Heiligtum, vor dem man die Schuhe auszieht. Furcht und Ehrfurcht, das ist die innere Haltung dessen, der weiß, wen er anruft. Der zweite Teil des Satzes zieht aus dieser Regel die zwei Verneinungen, und sie sind so scharf, dass kein Leser sie überlesen kann. Vergeblich oder leichtfertig bei diesem herrlichen und furchtbaren Namen zu schwören ist Sünde und zu verabscheuen. Das Wort »herrlich und furchtbar« haben die Väter nicht erfunden; sie haben es aus dem Gesetz genommen, wo Gott selbst von seinem herrlichen und furchtbaren Namen spricht. Und sie verbinden damit den doppelten Missbrauch: vergeblich schwören, das heißt den Namen anrufen, wo keine Sache von Gewicht ihn rechtfertigt, ihn in das leere Geschwätz und die alltägliche Beteuerung hinabziehen; und leichtfertig schwören, das heißt ihn anrufen ohne die Ehrfurcht, die ihm gebührt, mit einer Seele, die nicht begriffen hat, wen sie vor sich hat. Beides ist Sünde, und zwar eine Sünde, die verabscheut werden soll, ein Gräuel vor Gott und vor jedem Menschen, der seinen Namen liebt. Und die zweite Verneinung ist noch umfassender: überhaupt bei irgendeinem andern Ding zu schwören ist Sünde. Nicht nur der falsche Schwur bei Gott, sondern jeder Schwur bei einem Geschöpf, bei den Heiligen, bei der Jungfrau Maria, bei dem Himmel, bei der Erde, bei dem eigenen Haupt, ist Sünde, denn er ist im Grunde Götzendienst, die Übertragung der Ehre, die Gott allein gebührt, auf ein Geschöpf. Der dritte Teil ist die sorgfältige Einschränkung, und sie bewahrt den Leser vor dem Missverständnis der Schwärmer: Wie aber ein Eid in Sachen von Gewicht und Bedeutung durch das Wort Gottes gerechtfertigt ist, im Neuen Testament so gut wie im Alten. Die Väter wissen genau, dass die Worte Christi in der Bergpredigt und des Apostels Jakobus manche dazu verleitet haben, jeden Eid zu verbieten. Darum halten sie fest: Der Eid ist kein Überbleibsel des Alten Bundes, das im Neuen abgetan wäre. Er ist durch das Wort Gottes gerechtfertigt, und zwar in Sachen von Gewicht und Bedeutung. Diese Wendung ist die zweite Wache des Kapitels neben dem »rechtmäßigen Anlass« des ersten Abschnitts. Der Eid gehört in die ernsten, gewichtigen Angelegenheiten, wo die Wahrheit selbst auf dem Spiel steht und der Streit nur durch die Anrufung des höchsten Zeugen zur Ruhe kommt, nicht in das leichte Gerede des Alltags. Und der vierte Teil zieht die Folgerung, die den meisten heute am schwersten fällt: Ein rechtmäßiger Eid, den eine rechtmäßige Obrigkeit in solchen Sachen auferlegt, soll geleistet werden. Hier ist nicht nur die Erlaubnis, sondern die Pflicht ausgesprochen. Wo die rechtmäßige Obrigkeit, das Gericht, der Staat, die Kirche, einen Eid fordert in einer gewichtigen Sache, da ist es nicht Frömmigkeit, ihn zu verweigern, sondern Ungehorsam. Wer den Eid als solchen für sündhaft hält, der muss auch das Zeugnis vor Gericht, den Diensteid, die feierliche Bestätigung in den Ämtern der Gesellschaft verweigern, und er zerreißt damit ein Band, das Gott selbst geknüpft hat. Die Väter verteidigen hier mit nüchternem Ernst das Recht des Eides gegen die Schwärmer, die ihn abschaffen wollten, gegen Rom, das ihn entstellt hatte, und gegen den Leichtsinn, der ihn entweiht hatte, und sie führen den schmalen Pfad, der zwischen diesen drei Abgründen hindurchführt. Hinter diesen vier Teilen stehen dieselben drei Irrwege, gegen die schon der erste Abschnitt geschrieben war, aber nun treten sie in ihrer schärfsten Gestalt hervor, weil es um den Namen selbst geht. Die Schwärmer und Wiedertäufer verwarfen den Eid überhaupt und nahmen damit dem öffentlichen Leben das feierlichste Band der Wahrheit. Rom behielt den Eid, aber es entstellte ihn, indem es Eide bei den Heiligen, bei Reliquien und bei Geschöpfen erfand und so die Ehre, die allein dem Namen Gottes gebührt, auf Kreaturen übertrug. Und das gemeine Volk entweihte den Namen durch das tägliche, leere Schwören und Fluchen, das die Schrift unter das dritte Gebot stellt. Gegen alle drei Irrwege richtet sich der eine Satz: Nur der Name Gottes, in heiliger Furcht, in gewichtigen Sachen, und wo die Obrigkeit ihn fordert, als schuldige Pflicht.

Theologische Tiefe

In der großen Überlieferung der reformierten Theologie hat niemand diese Wahrheit so ausführlich und so warm dem Herzen nahegebracht wie à Brakel. In seinem Werk vom christlichen vernünftigen Gottesdienst widmet er dem dritten Gebot und dem rechten Schwören ganze Kapitel, und seine Grundfrage ist genau die unseres Abschnitts: Bei wem darf der Mensch schwören? Seine Antwort ist unzweideutig. Wer bei einem Geschöpf schwört, der leugnet in demselben Augenblick den lebendigen Gott, denn er schreibt einem Geschöpf zu, was nur der Schöpfer besitzt: die Erkenntnis des Herzens und die Macht, den Meineid zu rächen. à Brakel führt den Leser an die Wurzel der Sache, und diese Wurzel ist keine Frage der Etikette, sondern der Anbetung. Der Mensch schwört bei dem, den er für seinen Gott hält. Wer bei einem Heiligen schwört, der hat den Heiligen zu seinem Gott gemacht; wer bei dem Himmel schwört, der hat den Himmel zu seinem Gott gemacht; wer bei seinem eigenen Leben schwört, der hat sich selbst zu seinem Gott gemacht. Darum ist die Frage nach dem Namen des Eides im tiefsten Grunde die Frage nach dem ersten Gebot: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Und à Brakel lässt keinen Zweifel daran, dass ein Herz, das bei Geschöpfen schwört, bereits abgefallen ist von dem einen Gott, auch wenn seine Lippen noch so fromm reden. Hodge hat in seinem Kommentar zum Bekenntnis die Lehre unseres Abschnitts in wenige klare Sätze gefasst, und diese Sätze sind es wert, dass wir sie langsam nachsprechen. Warum allein der Name Gottes? Weil Gott allein das Herz durchschaut und darum allein die Wahrheit des Schwörenden bezeugen kann; weil Gott allein allmächtig ist und darum allein den Meineid strafen kann; und weil Gott allein der Gesetzgeber ist, vor dem jedes Geschöpf Rechenschaft ablegt. Ein Eid bei einem Engel wäre ein Eid bei einem, der das Verborgene nicht kennt; ein Eid bei einem Menschen wäre ein Eid bei einem, der die Lüge nicht rächen kann; ein Eid bei einem toten Heiligen wäre ein Eid bei einem, der weder hört noch sieht noch straft. Hodge lenkt den Blick zugleich auf jenes Wort, das die Väter aus dem Gesetz genommen haben, den herrlichen und furchtbaren Namen. Der Name Gottes ist herrlich, denn er ist die Offenbarung seiner Vollkommenheiten, der Glanz, der von seinem Wesen ausgeht. Und er ist furchtbar, denn derselbe Glanz, der den Reinen erleuchtet, verzehrt den, der ihn entweiht. Wer das begreift, so Hodge, der wird den Namen Gottes niemals mehr mit leichten Lippen aussprechen. Turretin hat die Frage mit der Strenge des Schultheologen angefasst und ihr die begriffliche Schärfe gegeben, die den Irrtum an der Wurzel trifft. Der Eid, so lehrt er, ist ein Akt der Religion, der höchsten Verehrung, die ein Geschöpf seinem Schöpfer darbringt, und als solcher gehört er auf die erste Tafel des Gesetzes, zu den Pflichten, die unmittelbar Gott betreffen. Darum kann der Gegenstand des Eides nur Gott sein, denn die Religion, die Gott meint, kann sich an kein geringeres Wesen heften, ohne aufzuhören, Religion zu sein. Turretin unterscheidet darum sorgfältig zwischen der Sache, um die es in einem Eid geht, und dem Namen, bei dem geschworen wird. Die Sache mag irdisch sein, ein Streit um Land, um Gut, um ein Amt; der Name aber, der angerufen wird, ist himmlisch, und eben darum erhebt der Eid die irdische Sache in die Gegenwart Gottes. Wer bei einem Geschöpf schwört, der kehrt diese Ordnung um: Er zieht die himmlische Anbetung herab auf ein irdisches Wesen und begeht damit den Götzendienst, den das erste Gebot verbietet. Diese Unterscheidung ist keine Haarspalterei, sondern die Wache, die verhindert, dass aus dem Eid ein abergläubischer Beschwörungsakt wird. Hodge hat dieser Lehre schließlich die prophetische Deutung für unsere Zeit gegeben, und sein Wort trifft uns unmittelbar. Er hat beobachtet, dass der Eid in den neueren Jahrhunderten mehr und mehr geschwunden ist, und er hat darin kein Zeichen des Fortschritts gesehen, sondern ein Zeichen des Verfalls. Der Eid, so sagt er, ist das ausdrücklichste Bekenntnis der Allgegenwart, der Allwissenheit und der Vorsehung Gottes, das dem Menschen überhaupt zur Verfügung steht. Wo ein Mensch schwört, dort bekennt er vor aller Welt, dass ein lebendiger Gott über ihm ist, der ihn sieht und hört und richten wird. Eine Gesellschaft, die den Eid abschafft oder in eine leere Formel verwandelt, hat damit nicht etwa eine lästige Zeremonie beseitigt, sondern das lebendige Bewusstsein Gottes aus ihrem öffentlichen Leben verdrängt. Der Schwund des Eides und der Schwund des Glaubens gehen Hand in Hand, und wer die Ehrfurcht vor dem Namen Gottes verloren hat, der hat auch den Gott verloren, der den Namen trägt. Hodge erinnert uns damit an den Ernst, der hinter der scheinbar so trockenen Frage nach dem Namen des Eides steht: Es geht um nichts Geringeres als darum, ob wir noch wissen, dass Gott lebt. Und vielleicht dürfen wir an dieser Stelle einen Schritt tun, den die Väter selbst nahelegen, obwohl sie ihn nicht aussprechen. Die ganze Frage nach dem Namen des Eides ruht auf dem Namen, mit dem Gott sich seinem Volk geoffenbart hat. Als Mose am Dornbusch fragte, wen er den Kindern Israels nennen solle, da antwortete Gott: Ich bin, der ich bin. Dieser Name ist kein Etikett, mit dem man Gott von anderen Wesen unterscheidet, sondern die Offenbarung seines Wesens selbst: der Ewige, der Unveränderliche, der, dessen Sein aus sich selbst strömt und der darum als einziger die Wahrheit verbürgen kann. Wer bei diesem Namen schwört, der schwört bei dem, der war und der ist und der kommt, und sein Wort ruht auf dem Grund, der nicht wankt. Darum ist der Eid keine Randfrage der Frömmigkeit, sondern ein einziges, konzentriertes Aussprechen der ersten Bitte, die der Herr seine Jünger beten gelehrt hat: Geheiligt werde dein Name. Im Eid heiligt der Mensch den Namen Gottes auf die feierlichste Weise, die ihm auf Erden möglich ist, und darum steht hier so viel auf dem Spiel. Wo der Name geheiligt wird, dort ist Gottesdienst; wo er entweiht wird, dort ist Gotteslästerung. Ein Drittes gibt es nicht.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Hüte den Namen Gottes in deiner alltäglichen Rede, damit er nicht zu einem leeren Laut verkommt. Das dritte Gebot hat den Eid immer im Blick gehabt, denn nirgends wird der Name Gottes so unmittelbar ausgesprochen wie dort, wo ein Mensch schwört, und nirgends wird er so leicht entweiht wie dort, wo er ohne Gewicht gebraucht wird. Prüfe darum deinen Mund, bevor du über den Mund deines Nachbarn richtest. Wie oft fällt der Name des Herrn aus deinen Lippen als ein bloßes Ausrufezeichen, als ein halb ernstes »mein Gott«, das nichts mehr bekennt, als ein beteuerndes »bei Gott«, das keine Wahrheit verbürgt? Jedes dieser Worte ist ein kleiner Meineid, ein Schwur bei dem herrlichen und furchtbaren Namen, den keine gewichtige Sache rechtfertigt. Der Herr hat gesagt, er werde den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht, und kein Wort ist hier leer. Ein Christ, der den Namen seines Gottes liebt, wird ihn hüten wie das Kostbarste, das er besitzt, und ihn nur aussprechen, wo sein Herz wirklich vor Gott steht. Zweitens: Bewahre die beiden Flügel des Namens, seine Herrlichkeit und seine Furchtbarkeit, damit deine Ehrfurcht heil bleibe. Die große Versuchung unserer Zeit ist nicht der offene Unglaube, sondern die Verharmlosung. Wir haben uns einen Gott zurechtgemacht, der nur noch herrlich und nicht mehr furchtbar ist, einen freundlichen Großvater, der über alles hinwegsieht und vor dem man keine Schuhe ausziehen muss. Aber ein Gott, der nur herrlich ist, ist ein Götze, und ein Name, der nicht mehr erschreckt, ist nicht mehr der Name des lebendigen Gottes. Wirke diesem Verfall in deinem eigenen Herzen entgegen, indem du die Schrift betest, die von dem furchtbaren Namen spricht, und indem du dich an die Majestät erinnerst, vor der selbst die Seraphim ihr Angesicht verhüllen. Die heilige Furcht, von der unser Bekenntnis spricht, ist nicht die Angst des Sklaven, sondern das Staunen des Geschöpfs, das begriffen hat, vor wem es steht. Wo sie stirbt, stirbt auch die Herrlichkeit, denn man kann den Namen Gottes nicht ehren, wenn man nicht mehr weiß, wer ihn trägt. Drittens: Schwöre, wo du schwören musst, allein bei dem wahrhaftigen Gott, und weise jeden Eid bei einem Geschöpf zurück. Der Prophet Jesaja hat uns den Grund gelehrt: Der rechte Eid ruft den Gott der Wahrheit an, denn nur die Wahrheit kann die Wahrheit verbürgen. Wer bei einem Heiligen, bei einem Verstorbenen, bei dem eigenen Leben oder bei sonst einem Geschöpf schwört, der legt einem Blinden ein Zeugnis in den Mund und ruft einen Richter an, der nicht richten kann. Und schlimmer noch: Er überträgt einem Geschöpf die Ehre, die dem Schöpfer allein gebührt, und begeht damit im Kleinen den Götzendienst, vor dem das erste Gebot uns warnt. Es mag harmlos klingen, wenn ein Mensch bei dem Andenken seiner Mutter oder bei seiner eigenen Ehre beteuert, aber der Schein trügt. Jeder Schwur bei einem Geschöpf ist ein kleines Glaubensbekenntnis, und was er bekennt, ist ein Gott, der Gott nicht ist. Der rechtmäßige Eid kennt nur einen Namen, und dieser eine Name ist der Name dessen, der von Ewigkeit zu Ewigkeit lebt. Viertens: Nimm den rechtmäßigen Eid, den die Obrigkeit dir auferlegt, als Pflicht an, nicht als ein Zugeständnis, das du nur widerwillig leistest. Es gibt Augenblicke, in denen das Gericht, der Staat oder die Gemeinde von dir verlangt, in einer gewichtigen Sache die Hand zum Schwur zu erheben, und es gibt fromme Gewissen, die in diesem Augenblick zögern, als stünde ihnen eine Sünde bevor. Unser Bekenntnis befreit uns von diesem Irrtum. Ein rechtmäßiger Eid, von rechtmäßiger Obrigkeit in einer Sache von Gewicht auferlegt, ist nicht eine Sünde, die man notgedrungen begeht, sondern eine Pflicht, die man mit freiem Gewissen erfüllt. Wer ihn verweigert, der verweigert nicht einen Aberglauben, sondern einen Dienst, zu dem Gott ihn ruft, und er beraubt die menschliche Gesellschaft eines Bandes, das Gott selbst geknüpft hat. Nur dort, wo man von dir verlangt, bei einem Geschöpf zu schwören oder eine Unwahrheit zu bestätigen oder dich zu einer bösen Sache zu verpflichten, gilt das Wort des Petrus, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen. Sonst leiste den Eid mit erhobenem Herzen, als ein Stück des Gottesdienstes. Fünftens: Lebe in der beständigen Gegenwart des Zeugen, damit dein Wort jederzeit der Prüfung standhält. Der Eid ist die feierliche Spitze einer Haltung, die dein ganzes Leben durchdringen soll. Wer Gott zum Zeugen anrufen darf, der lebt vor dem Angesicht dessen, der die Herzen erforscht, und dieses Angesicht ist keine gelegentliche Erfahrung, sondern der bleibende Ort des Christen. Der Psalmist hat es bekannt: Ich habe den HERRN allezeit vor Augen. Wo ein Mensch so lebt, dort wird sein alltägliches Wort von selbst wahr, denn er weiß, dass der Zeuge, den er im Eid anruft, auch in der unscheinbarsten Stunde gegenwärtig ist. Prüfe dich an dieser Wahrheit. Würde dein Wort, dein Versprechen, deine Antwort an den Nachbarn, die Bestellung an den Handwerker, die Auskunft an den Vorgesetzten, der Prüfung des Allwissenden standhalten, wenn er sie heute als Zeuge aufriefe? Wer im Verborgenen vor Gott wahrhaftig ist, der braucht den Eid nicht zu fürchten, und wenn der Eid kommt, findet er ein Herz, das bereits gewohnt ist, vor dem einen Zeugen zu stehen. Sechstens: Fliehe den Meineid und den leeren Schwur, denn der furchtbare Name lässt den Schuldigen nicht ungestraft, und bitte Gott täglich um eine behütete Zunge. Wer falsch schwört, der hat nicht nur gelogen, sondern Gott selbst zum Genossen seiner Lüge gemacht und den Richter der Welt auf sein Haupt herabgerufen. Der furchtbare Name bedeutet nicht, dass Gott grausam wäre, sondern dass er heilig ist und die Sünde nicht übersieht, und wer ihn zum Zeugen einer Unwahrheit macht, der hat selbst um das Gericht gebeten, das gewiss kommen wird. Darum wache über deine Zunge, prüfe dein Herz, ehe du ein Wort beschwörst, und wenn die Versuchung dich anfällt, die Wahrheit um eines Vorteils willen zu beugen, so denke an den, der als Zeuge und Richter in deiner Mitte steht. Und weil die Zunge ein Übel ist, das kein Mensch zähmen kann, so nimm deine Zuflucht zu dem, der allein sie heiligen kann. Bitte ihn täglich, er möge eine Wache vor deinen Mund stellen und die Tür deiner Lippen behüten, damit dein Ja ein Ja sei und dein Nein ein Nein, zur Ehre seines herrlichen und furchtbaren Namens.

Gebet

Herr, unser Gott, du wahrhaftiger Gott, der du von Ewigkeit zu Ewigkeit lebst und dessen Name herrlich und furchtbar ist über allen Namen: Wir kommen zu dir mit heiliger Scheu, und wir bitten dich zuerst um Vergebung. Wir haben deinen Namen oft leer gemacht, ihn in unserem alltäglichen Reden wie ein kleines Wort gebraucht, das nichts mehr wiegt, und wir haben vergessen, vor wem wir stehen, wenn wir ihn aussprechen. Vergib uns um deines Sohnes willen, der deinen Namen auf Erden geheiligt hat und der vor seinen Richtern das gute Bekenntnis ablegte, dass du allein der Herr bist. Heilige deinen Namen an uns, o Herr. Lehre uns, ihn zu fürchten mit aller heiligen Furcht und ihn zu lieben mit aller Ehrfurcht, damit die zwei Flügel, seine Herrlichkeit und seine Furchtbarkeit, uns tragen und nicht zerreißen. Gib uns Lippen, die bei dir allein schwören und bei keinem Geschöpf, und gib uns Herzen, die sich bei deinem Namen rühmen, wie David sich rühmte, weil du der Gott der Wahrheit bist und dein Wort nicht wankt. Wo du uns rufst, in gewichtiger Sache deinen Namen zum Zeugen anzurufen, da lass uns mit zitternder Hand und reinem Gewissen schwören, und wo die Obrigkeit einen rechtmäßigen Eid von uns fordert, da gib uns den freien Mut, ihn zu leisten als einen Dienst, der dir gilt und dem Nächsten die Wahrheit verbürgt. Behüte unsere Zunge, dass sie nicht leichtfertig werde, und stelle eine Wache vor unseren Mund, damit unser Ja ein Ja sei und unser Nein ein Nein. Wir danken dir, dass du selbst bei deinem Namen geschworen und dein Wort mit einem Eid bekräftigt hast, damit wir einen festen Trost hätten, die wir zu dir fliehen. Und so bitten wir dich, der du der wahrhaftige Gott bist: Führe uns am Ende vor deinen Thron nicht als solche, deren Wort die Wahrheit gebeugt hat, sondern als solche, die bei dem Gott der Wahrheit geschworen und gelebt haben, um Jesu Christi willen, der die Wahrheit ist und der uns vor dir vertritt. Amen.
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