Andacht 138 von 171

Die katholische Kirche: Gemeinschaft in Christus, nicht Uniformität unter Rom

Ch.25: Of the Church — Abschnitt 6 • 2026-09-10 • 32 min
Es gibt kein anderes Haupt der Kirche als den Herrn Jesus Christus. Auch kann der Papst zu Rom in keinem Sinne ihr Haupt sein; sondern er ist jener Antichrist, jener Mensch der Sünde und Sohn des Verderbens, der sich in der Kirche erhebt wider Christus und wider alles, was Gott heisst.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 25, Abschnitt 6

Einleitung

Manche Bilder erschrecken das menschliche Herz mehr als tausend Beweise. Eines der ältesten und stärksten ist das Ungeheuer mit zwei Köpfen. Die Dichter des Altertums beschworen solche Gestalten, um den Zusammenstoss zweier Willen in einem einzigen Leib darzustellen, und das Grauen, das sie hervorrufen, rührt daher, dass sie wider die Ordnung der Schöpfung selbst sind. Ein Leib hat einen Kopf. Ein Haupt hat eine Stimme, einen Willen, einen Weg. Wo zwei Köpfe einen Leib zu lenken suchen, da ist der Leib nicht etwa doppelt geleitet, sondern zerrissen, weil jeder Befehl des einen den Befehl des anderen durchkreuzt und das Glied, das beiden gehorchen will, keinem gehorchen kann. Die Natur selbst, die Gott geordnet hat, lehrt uns, dass ein Leib mit zwei Häuptern kein Leben hat, sondern ein Schreckbild ist, eine Missgestalt, die ihrer Auflösung entgegentaumelt. Genau dieses Bild steht hinter dem letzten Abschnitt des fünfundzwanzigsten Kapitels, und es ist der Grund, warum die Westminster-Väter diesen einen Satz an das Ende ihrer Lehre von der Kirche stellten. Nachdem sie in den früheren Abschnitten gezeigt haben, was die Kirche ist, wie sie sichtbar wird, womit Christus sie ausgerüstet hat, wie ihre Sichtbarkeit wechselt und wie sie der Vermischung und dem Abfall unterworfen ist, kehren sie zuletzt zu dem einen Punkt zurück, von dem alles abhängt: Die Kirche hat ein Haupt, und dieses Haupt ist Christus allein. Es gibt kein zweites. Es gibt keinen Stellvertreter, der seine Krone trägt. Es gibt keinen Menschen auf Erden, der in irgendeinem Sinne Haupt der Kirche genannt werden darf. Und weil die Väter in ihrer eigenen Zeit einem Mann gegenübersahen, der eben diesen Titel für sich forderte, dem Bischof von Rom, benennen sie ihn mit einer Offenheit, die dem heutigen Ohr schroff klingen mag, die aber nichts anderes ist als die getreue Anwendung der Schrift auf einen ungeheuerlichen Anspruch. Wir dürfen uns von der Schroffheit dieses Satzes nicht abschrecken lassen, denn er ist nicht zuerst ein Wort gegen Rom, sondern ein Wort für Christus. Der Abschnitt ist, wie jeder Abschnitt dieses Bekenntnisses, eine Lehre, die dem Herzen Trost und dem Gewissen Freiheit bringen soll. Wer die Wahrheit ergreift, dass Christus allein das Haupt seiner Kirche ist, der ist befreit von jeder menschlichen Herrschaft über sein Gewissen, von jeder Kette, die ein Amtsträger, eine Einrichtung oder ein Zeitalter um seine Seele legen möchte, und er ist gebunden allein an den, der ihn erkauft hat. Die Frage, die wir nun entfalten, ist also keine gelehrte Spitzfindigkeit, sondern die Grundfrage des christlichen Lebens überhaupt: Wem gehörst du, und wessen Stimme regiert dich? Die Antwort der Väter ist so alt wie das Evangelium und so frisch wie der Morgen: Du gehörst Christus, und Christus allein ist dein Haupt.

Die biblischen Grundlagen

Die Lehre von dem einen Haupt der Kirche ruht zuerst auf dem grossen Wort, das der Apostel Paulus an die Kolosser schreibt, und es ist ein Wort, das in seiner Kürze das ganze Gewicht des Abschnitts trägt: »Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde. Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, auf dass er in allen Dingen der Erste sei.« Hier lohnt ein Blick auf das griechische Wort, das für Haupt steht, denn in ihm liegt die ganze Lehre verschlossen. Das Wort meint mehr als den obersten Amtsträger einer Gesellschaft; es bezeichnet die Quelle des Lebens und den Sitz der Regierung zugleich. Wie der Kopf eines Menschen der Ort ist, von dem Empfindung, Wille und Befehl in alle Glieder ausgehen, so ist Christus für seine Gemeinde die Quelle, aus der ihr Leben strömt, und der Sitz, von dem ihre Regierung ausgeht. Und der Apostel fügt sogleich hinzu, dass Christus »in allen Dingen der Erste« ist, wobei das griechische Wort den Vorrang und den ersten Platz meint, den einer innehat, weil ihm alles andere nachgeordnet ist. Der Leib hat nur deshalb Leben, weil er mit dem Haupt verbunden ist, und das Haupt ist nur eines, weil das Leben nur eine Quelle hat. Wer einen zweiten Kopf neben den einen setzt, der leugnet in Wirklichkeit, dass Christus in allen Dingen der Erste ist. Dasselbe Bild entfaltet der Apostel an die Epheser, wo er zeigt, wie der Leib von dem einen Haupt her wächst: »Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus. Von ihm aus wird der ganze Leib zusammengefügt und zusammengehalten durch jedes Band, das ihn stützt, und so wächst der Leib und baut sich selbst auf in Liebe.« Hier ist die Einheit der Kirche an das eine Haupt gebunden. Der Leib ist ein Leib, weil alle seine Glieder an demselben Haupt hängen und von demselben Leben gespeist werden. Nimm das eine Haupt hinweg oder setze ein zweites daneben, und der Leib zerfällt, weil die Glieder nicht mehr wissen, von welchem Leben sie leben sollen. Die Einheit der Kirche ist nicht die Einheit einer Organisation, die ein sichtbares Oberhaupt zusammenhält, sondern die Einheit eines Organismus, der von einem unsichtbaren Haupt durch einen Geist belebt wird. Wo Christus als das eine Haupt bekannt wird, da ist Einheit, auch wenn die Glieder über die ganze Erde verstreut sind; wo ein Mensch sich zum Haupt aufwirft, da ist Spaltung, auch wenn alle äusseren Formen der Einheit gewahrt scheinen. Gegen diesen einen Herrn aber erhebt sich nach der Schrift eine furchtbare Gestalt, und es ist der Apostel selbst, der sie in seinem zweiten Brief an die Thessalonicher beschreibt. Er spricht von dem »Menschen der Bosheit, dem Sohn des Verderbens, der da widersteht und sich erhebt über alles, was Gott oder Gottesdienst heisst, sodass er sich setzt in den Tempel Gottes und sich ausgibt, als sei er Gott.« Jedes Wort dieser Beschreibung ist gewogen. Man liest sie am besten langsam. Das griechische Wort für den Widersacher meint den, der sich gegenübersetzt, der sich wider alles auflehnt, was Gott heisst; und der Mann der Bosheit ist der Mensch, in dem die Gesetzlosigkeit, die Auflehnung gegen das Gebot Gottes, leibhaftig Gestalt gewonnen hat. Der Sohn des Verderbens ist der, dessen Wesen das Verderben ist und der zum Verderben bestimmt ist. Und das Kennzeichen dieses Mannes ist nicht etwa, dass er sich ausserhalb des Tempels aufhält, sondern dass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich ausgibt, als sei er Gott. Er trägt den Namen Gottes, er sitzt an der Stätte Gottes, er spricht mit der Stimme Gottes, und er ist doch in allem der Widersacher. Genau darin liegt das Grauen des Antichristen: nicht dass er ferne von der Kirche wäre, sondern dass er mitten in ihr sitzt und sich an Christi Stelle drängt, sodass die, welche Christus suchen, dem Widersacher zufallen, ohne es zu merken. Unser Herr selbst hat die Grenze dieser Lehre mit einer Klarheit gezogen, die jeden Missbrauch ausschliesst, als er zu seinen Jüngern sprach: »Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister, Christus; ihr aber seid alle Brüder. Und ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist. Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer, Christus.« Das Wort verbietet nicht die Ehrfurcht vor denen, die in der Kirche lehren und leiten; es verbietet die Übertragung der Titel und der Würde Christi auf irgendeinen Menschen. Einer ist euer Meister, einer euer Vater, einer euer Lehrer. Wo ein Mensch sich diese Titel anmasst, da greift er nach der Krone Christi, und wo ein Volk sie ihm gewährt, da gibt es die Freiheit preis, die Christus ihm erworben hat. Die ganze Ordnung der Kirche hängt an dieser Scheidung: Diener mag es viele geben, aber das Haupt ist eines; Lehrer mag es viele geben, aber der Meister ist einer; Väter mag es viele geben im Sinne der Zuneigung, aber der Vater der Kirche ist Gott allein. Wer diese Scheidung verwischt, der verwischt den Unterschied zwischen dem Geschöpf und dem Schöpfer. Und über allem steht das stille Bild von dem Hirten und den Schafen, das unser Herr selbst gebraucht hat und das die Wahrheit des Abschnitts in ein einziges lebendiges Gleichnis fasst: Die Schafe hören die Stimme des Hirten, und einem Fremden folgen sie nicht, sondern fliehen vor ihm, denn sie kennen die Stimme der Fremden nicht. Das Volk Christi ist eine Herde, die nur eine Stimme kennt. Sie ist nicht deshalb eine Herde, weil sie in einem Stall beisammensteht, sondern weil sie dem einen Hirten nachfolgt, dessen Stimme sie erkannt hat. Wo eine zweite Stimme ertönt und Gehorsam fordert, da zerstreut sich die Herde, nicht weil sie schwach wäre, sondern weil sie ihrem Herrn treu ist. Die Kirche, die nur Christi Stimme hört, ist in aller Welt zerstreut und doch eine Herde; die Kirche, die einer fremden Stimme folgt, mag in einem einzigen Gehege versammelt sein und ist doch keine Herde Christi mehr, sondern eine Versammlung des Fremden.

Was die Westminster-Väter meinten

Um zu verstehen, was die Väter in diesem einen Satz sagen wollten, müssen wir ihn in seine beiden Glieder zerlegen, denn er ist genau gebaut, und jedes Glied trägt ein eigenes Gewicht. Das erste Glied ist die positive Wahrheit: Es gibt kein anderes Haupt der Kirche als den Herrn Jesus Christus. Das zweite Glied ist die folgerichtige Anwendung: Auch der Papst zu Rom kann in keinem Sinne ihr Haupt sein, sondern ist jener Antichrist, den die Schrift beschreibt. Die Väter haben den Satz so geordnet, dass die Verneinung Roms aus der Bejahung Christi folgt und nicht umgekehrt. Sie sind nicht zuerst gegen den Papst und dann für Christus; sie sind zuerst für Christus, und weil Christus allein Haupt ist, darum ist jeder andere Anspruch auf das Hauptsein eine Anmassung. Wer diesen Abschnitt als eine blosse Streitschrift gegen Rom liest, der verfehlt seine eigentliche Absicht, die zu allen Zeiten gilt und jeden Menschen trifft, der sich an Christi Stelle setzen will. Der Anlass des Satzes freilich ist der römische Anspruch, und die Väter sprachen aus einer genauen Kenntnis dessen, was sie verwarfen. Die Kirche von Rom hatte sich im Lauf der Jahrhunderte von dem Bekenntnis der alten Kirche entfernt und an die Stelle des einen Hauptes Christi eine Reihe menschlicher Ansprüche gesetzt. Der Bischof von Rom nannte sich den Stellvertreter Christi auf Erden, das sichtbare Haupt der Kirche, dem alle Gläubigen unterworfen sein müssten, ausserhalb dessen es kein Heil gebe. Er nahm Titel an, die kein Mensch tragen darf, und forderte einen Gehorsam, den nur Gott fordern darf. Die Väter sahen in diesem Anspruch nicht einen harmlosen Irrtum über die Kirchenordnung, sondern die Erfüllung der Schriftweissagung von dem Menschen der Bosheit, der sich in den Tempel Gottes setzt. Darum nannten sie den Papst den Antichristen, nicht in einem Geist der Wut, sondern mit dem Ernst von Richtern, die einen Tatbestand nach dem Massstab des Wortes Gottes feststellen. Sie übernahmen die Sprache der Schrift, weil die Schrift ihnen die Sprache für eben diesen Fall gegeben hatte. Die Väter sagen mit Absicht, der Papst könne »in keinem Sinne« Haupt der Kirche sein. Diese Wendung schneidet jede Ausflucht ab. Es gab zu ihrer Zeit und gibt bis heute solche, die dem Papst eine Art Ehrenvorrang einräumen wollen, eine oberste Stellung, die doch nicht eigentlich das Hauptsein Christi antaste. Die Väter verweigern auch diese Hintertür. Es gibt keinen Sinn, in dem ein Mensch Haupt der Kirche sein kann, weder im Sinne der äusseren Regierung noch im Sinne des inneren Einflusses, weder als sichtbares Oberhaupt noch als unsichtbare Mitte. Das Hauptsein Christi ist ein einziges und unteilbares Amt, das er keinem Geschöpf übertragen hat und übertragen kann. Wo ein Mensch sich den geringsten Teil dieses Amtes anmasst, da ist er nicht etwa ein zweites Haupt neben dem ersten, sondern ein Widerpart des einen, weil die Kirche, wie ein Leib mit zwei Köpfen, nicht zwei Herren gehorchen kann. Das Entscheidende an der Lehre der Väter ist, dass das Hauptsein Christi eine Sache des Lebens ist, nicht bloss der Ordnung. Der Papst ist nicht darum verwerflich, weil er sich eine zu hohe Stellung anmasst, sondern weil ein Mensch, der ein Geschöpf ist, einem Leib, der von göttlichem Leben erfüllt ist, überhaupt kein Leben geben kann. Ein Haupt, das den Leib regieren und beleben soll, muss gleicher Natur sein wie der Leib, den es trägt; und die Kirche ist kein irdischer Verein, den ein irdischer Vorsteher leiten könnte, sondern ein geistlicher Leib, der nur von einem geistlichen und göttlichen Haupt leben kann. Hier liegt der tiefste Grund der ganzen Lehre. Die Väter bestritten das Hauptsein des Papstes nicht aus einer Laune der Politik, sondern aus dem Wesen der Kirche selbst. Weil die Kirche der Leib Christi ist, kann nur Christus ihr Haupt sein; und wer ein Geschöpf an diese Stelle setzt, der setzt dem Leib einen Kopf von anderer Natur auf, der ihm kein Leben geben kann, und lässt die Kirche verhungern, während sie sich einbildet, genährt zu sein. So ist der Satz der Väter zugleich eine Warnung und ein Trost, eine Entlarvung und eine Befreiung. Die Warnung gilt jedem Zeitalter, denn die Anmassung, Haupt der Kirche sein zu wollen, ist nicht mit dem Papsttum gestorben, sondern erhebt ihr Haupt in jeder Gestalt, in der ein Mensch oder eine Einrichtung Gehorsam über das Gewissen fordert. Der Trost gilt dem Gläubigen, der nun weiss, dass seine Seele an kein menschliches Oberhaupt gebunden ist, sondern unmittelbar an Christus, der sein Haupt ist und der ihn niemals loslässt. Die Entlarvung trifft jeden, der sich an Christi Stelle drängt, und die Befreiung schenkt der Kirche die Gewissheit, dass sie, wie ein Schiff mit nur einem Steuermann, sicher ihrem Hafen entgegenfährt, während ein Schiff mit zwei Steuerleuten, die einander widerstreben, dem Schiffbruch entgegentreibt.

Theologische Tiefe

Die Lehre von dem einen Haupt der Kirche ist der Punkt, an dem die ganze reformierte Theologie am tiefsten in den Streit mit Rom hineingestiegen ist, und die grossen Lehrer der Überlieferung haben die Unterscheidungen ausgearbeitet, die unser Abschnitt in einen einzigen Satz zusammenpresst. Calvin hat das Hauptsein Christi zum Angelpunkt seines ganzen Widerstandes gegen den päpstlichen Anspruch gemacht, und seine Argumentation im vierten Buch der Institutio hat bis heute nichts von ihrer Schärfe verloren. Er geht von einer einfachen Erwägung aus, die er mit unerbittlicher Folgerichtigkeit verfolgt. Die Kirche ist über die ganze Erde ausgebreitet, ihre Glieder sind in allen Ländern zerstreut, und ihr Haupt muss daher einer sein, der allen Gliedern an allen Orten zugleich gegenwärtig sein und Leben mitteilen kann. Ein Mensch aber, der in einer einzigen Stadt sitzt, kann der über die ganze Welt zerstreuten Kirche nicht verbunden sein; er kann nicht zugleich die Gläubigen in Jerusalem und in Genf, in Rom und in Zürich regieren und beleben. Was ein Mensch nicht kann, das kann nur Christus, der durch seinen Geist überall gegenwärtig ist und der allein die Fülle des Lebens besitzt, die der Leib zu seiner Erhaltung braucht. Calvins Schluss ist unausweichlich: Wer das Hauptsein Christi auf einen Menschen überträgt, der raubt Christus seine Ehre und der Kirche ihr Leben, und wer einen Menschen Haupt nennt, der sagt damit, dass Christus nicht das ist, was die Schrift von ihm bekennt. Turretin hat diese Lehre mit der ihm eigenen Genauigkeit bis in ihre feinsten Verästelungen getrieben, und seine Unterscheidungen sind der Schlüssel zu dem ganzen Gegenstand. Er unterscheidet zuerst das Haupt des Einflusses von dem Haupt der Regierung. Christus ist beides, und beides gebührt ihm allein: Er teilt der Kirche das Leben mit, das sie von ihm empfängt, und er regiert sie durch sein Wort und seinen Geist. Ein Mensch aber kann weder das eine noch das andere für den ganzen Leib Christi sein, denn er hat kein Leben zu geben, das aus ihm selbst quillt, und keine Gegenwart, die sich über die ganze Kirche erstreckt. Sodann unterscheidet Turretin das vornehmliche Haupt von dem dienstlichen Haupt. Christus ist das vornehmliche und eigentliche Haupt, die Quelle und der Ursprung alles Lebens der Kirche; Amtsträger mögen in einem abgeleiteten und dienstlichen Sinn Häupter ihrer Herden genannt werden, wie ein Prediger das Haupt seiner Gemeinde, aber dieses Hauptsein ist ein ganz anderes, ein geliehenes und begrenztes, das dem Herrn der Kirche niemals zur Seite tritt. Der entscheidende Satz Turretins ist, dass das eigentliche Hauptsein in keiner Weise auf ein Geschöpf übertragen werden kann, weil es in dem ruht, was Christus als der Gottmensch allein besitzt, in der Fülle des Geistes und der Macht, die Kirche zu beleben und zu regieren. Hodge liefert in seinem Kommentar zum Bekenntnis das analytische Rückgrat, indem er den Abschnitt in seine beiden Sätze zerlegt und aus dem ersten den zweiten ableitet. Der erste Satz ist, dass Christus allein das Haupt der Kirche ist; der zweite, dass daher niemand anders dieses Hauptsein beanspruchen darf. Hodge dringt darauf, dass die Einheit der Kirche allein in dem einen Haupt ihren Grund hat. Die Kirche ist nicht eins, weil sie einem menschlichen Oberhaupt unterworfen ist, sondern weil alle ihre Glieder an dem einen Christus hängen und von dem einen Geist belebt werden. Jede menschliche Spitze, die man der Kirche aufsetzt, teilt die Kirche, statt sie zu einen, weil sie den Blick der Gläubigen von Christus auf einen Menschen ablenkt. Hodge bemerkt mit feiner Ironie, dass gerade der römische Anspruch, der die Einheit der Kirche zu sichern behauptet, die eigentliche Ursache ihrer Zerreissung ist, denn die Einheit, die auf einem menschlichen Haupt ruht, ist keine Einheit des Leibes Christi, sondern eine Einheit der äusseren Verwaltung, die den Leib nicht lebendiger, sondern toter macht. Shaw drängt in seiner Auslegung des Bekenntnisses die Lehre in einen einzigen unvergesslichen Satz zusammen, der den ganzen Gegenstand erhellt: Das päpstliche Hauptsein ist eine Usurpation der Kronrechte Christi, und die Kirche ist eine Monarchie, deren Monarch im Himmel ist. In diesem Bild ist die ganze Lehre beschlossen. Eine Monarchie hat einen Herrscher, und dieser Herrscher ist nicht abwesend und braucht keinen Statthalter, der seine Stelle vertritt, denn er regiert von seinem Thron aus durch sein Wort und seinen Geist. Wer einen irdischen Statthalter über eine himmlische Monarchie setzt, der leugnet, dass der Monarch wirklich regiert, und setzt einen Untertanen auf den Thron des Königs. Shaw möchte, dass der Gläubige die Kirche immer so anschaut: als ein Reich, dessen König gegenwärtig ist, dessen Gesetz sein Wort ist und dessen Untertanen keinem Menschen auf Erden den Gehorsam schulden, den sie allein ihrem himmlischen Herrn schulden. Watson endlich bringt die Lehre mit seiner gewohnten seelsorgerlichen Wärme zum Herzen, indem er bei dem Bild des Hauptes verweilt und es bis in seine zartesten Züge verfolgt. Ein Haupt, so bemerkt er, muss gleicher Natur sein wie der Leib, den es belebt, denn ein goldenes Haupt auf einem leiblichen Körper wäre ein Ungeheuer, das dem Leib kein Leben geben könnte. Christus aber ist unserer Natur teilhaftig geworden, damit er als das Haupt seines Leibes mit ihm fühlen und ihn beleben könne; und als das Haupt ist er der Sitz des Sinnes und des Mitleidens, der die Schmerzen der Glieder empfindet, ehe sie selbst sie ganz kennen. Watson zieht daraus den Trost, den kein menschlicher Herr je geben kann: Die Kirche hat ein Haupt, das jede Regung ihrer Glieder spürt, das ihre Schwachheit teilt und ihr Leben aus seiner eigenen Fülle nährt. Ein Haupt, das nur regierte und nicht mitfühlte, wäre ein Herr, aber kein Heiland; Christus ist beides, und gerade darum kann kein Mensch, wie sehr er auch herrschen wolle, je an seine Stelle treten, denn kein Mensch kann mit dem ganzen Leib Christi fühlen, wie Christus mit ihm fühlt. Was alle diese Lehrer verbindet, ist die Einsicht, dass das Hauptsein Christi keine leere Ehrenbezeugung ist, sondern die Wirklichkeit, von der das Leben der Kirche abhängt. Nimm Christus das Hauptsein, und du nimmst der Kirche ihr Leben; gib es einem Menschen, und du gibst der Kirche einen Herrn, der sie nicht beleben kann. Die Lehre ist darum nicht ein Streit um Worte, sondern ein Streit um das Herz der Kirche selbst, und zu dieser Wahrheit wenden wir uns nun in ihrer Anwendung auf unser eigenes Leben.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Dulde keinen anderen Herrn über dein Gewissen, denn das Gewissen ist der Thron, auf dem Christus in dir regiert. Die tiefste Frucht dieser Lehre ist die Freiheit eines Christenmenschen, und sie ist teuer erkauft. Wo du auch anbetest und wem du auch dienst, dein Gewissen ist unmittelbar an Christus gebunden und an keinen Menschen auf Erden. Kein Prediger, kein Bischof, keine Synode, keine Mehrheit und kein Zeitalter darf dir einen Glauben oder einen Gehorsam aufnötigen, den Christus nicht gebietet; und kein Mensch darf dir den Trost der Gnade verweigern, den Christus dir erworben hat. Das heisst nicht, dass du eigenwillig und ungehorsam sein sollst, denn gerade wer Christus als Haupt bekennt, ordnet sich freudig den Ordnungen ein, die er in seiner Kirche gestiftet hat. Aber es heisst, dass du weisst, wem dein Herz zuletzt gehört, und dass du in jeder Frage, die dein Gewissen bindet, allein auf die Stimme deines Hauptes hörst. Ein Christ, der gelernt hat, hier nein zu sagen, wo ein Mensch fordert, was nur Gott fordern darf, hat die Freiheit begriffen, mit der Christus ihn frei gemacht hat. Zweitens: Verwechsle das Amt eines Dieners nicht mit der Würde des Hauptes, und miss den Amtsträgern zu, was ihnen zukommt, ohne ihnen zu geben, was Christus allein gebührt. Es ist eine beständige Versuchung des Volkes Gottes, sich einen sichtbaren Kopf zu wünschen, einen Menschen, den man sehen, hören und verehren kann, weil der unsichtbare Herr dem Fleisch zu fern scheint. Gegen diese Versuchung setzt der Abschnitt die nüchterne Wahrheit, dass alle Amtsträger der Kirche Diener sind und nichts mehr. Sie mögen Hirten, Lehrer und Väter genannt werden, aber sie sind Hirten unter dem obersten Hirten, Lehrer unter dem einen Meister, Väter unter dem einen Vater. Ehre sie, achte ihre Treue, höre auf ihre Unterweisung, sofern sie dem Wort deines Hauptes gemäss ist; aber hänge dein Herz nicht an sie, als trügen sie dein Leben. Ein Diener, der vergisst, dass er ein Diener ist, wird zum Widerpart Christi; und ein Volk, das vergisst, dass seine Diener Diener sind, macht sich Götzen und gibt die Freiheit preis, die Christus ihm erworben hat. Drittens: Prüfe die Geister, und richte dein Ohr nur auf die Stimme deines Hirten, denn der Antichrist tritt nicht von aussen an die Kirche heran, sondern setzt sich in den Tempel Gottes. Der Apostel Johannes hat das Gebot gegeben, das hier gilt: »Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt.« Die Prüfung ist nicht Misstrauen, sondern Treue, denn die Schafe, die ihrem Hirten folgen, fliehen vor der fremden Stimme, gerade weil sie die Stimme ihres Hirten kennen. Prüfe alles, was an dein Ohr dringt, an dem Wort, das dein Haupt gesprochen hat. Wo die Lehre Christus nicht als das Haupt und den alleinigen Mittler bekennt, da ist eine fremde Stimme, wie sehr sie auch fromm klingen mag. Wo ein Amt oder ein Mensch sich zwischen dein Gewissen und Christus stellt, da ist der Widersacher am Werk, wie ehrwürdig auch die Gestalt sei, in der er auftritt. Das sicherste Mittel gegen jede Verführung ist ein Herz, das die Stimme des Hirten so gut kennt, dass es jede fremde Stimme alsbald als fremd erkennt. Viertens: Lass die Einheit der Kirche in dem einen Haupt ihren Grund haben und nicht in der äusseren Einförmigkeit, und meide beides, die lieblose Spaltung und die scheinbare Einheit ohne Christus. Es gibt eine Einheit, die das Werk des Fleisches ist, die Einheit derer, die sich unter einem menschlichen Haupt zusammenfinden und doch das Leben Christi nicht haben; und es gibt eine Spaltung, die das Werk der Sünde ist, die Trennung von Brüdern, die an demselben Haupt hängen, um geringer Dinge willen. Der Abschnitt lehrt dich, beide zu verabscheuen. Die Einheit der Kirche ist nicht die Unterwerfung unter einen sichtbaren Oberherrn, sondern die Gemeinschaft der Glieder an dem einen Leib, die von dem einen Haupt belebt werden. Wo du Gläubige findest, die Christus als ihr Haupt bekennen und sein Wort als ihr Gesetz annehmen, da sind deine Brüder und Schwestern, wie sehr auch ihre Ordnungen von den deinen abweichen mögen; und wo du eine Versammlung findest, die in prächtiger Einheit einen menschlichen Herrn verehrt, da ist nicht Einheit, sondern Gefangenschaft. Richte deine Liebe nach dem Haupt und nicht nach der Uniform. Fünftens: Lerne Demut aus der Lehre von dem einen Haupt, und erinnere dich, dass in der Kirche Christi niemand gross sein darf als der Diener aller. Unser Herr hat seiner Kirche den Weg gewiesen: »Wer unter euch gross sein will, der sei euer Diener.« Der Abschnitt, der Christus als das alleinige Haupt bekennt, macht alle anderen Glieder einander gleich, denn unter einem Haupt sind alle Glieder Brüder. Der Prediger und der Bäcker, der Älteste und die Witwe, der Gelehrte und das Kind sind vor Christus gleicherweise Glieder, die von demselben Haupt ihr Leben empfangen, und keiner hat Grund, sich über den anderen zu erheben. Die Anmassung, die sich ein Hauptsein über die Brüder anmassen will, ist nicht nur ein Verbrechen gegen Christus, sondern auch eine Verachtung der Brüder, die doch derselben Würde teilhaftig sind. Die wahre Grösse in der Kirche ist nicht die Herrschaft, sondern der Dienst, nicht das Hauptsein, sondern das Gliedsein, nicht der erste Platz, sondern die niedrigste Stelle. Wo diese Demut wohnt, da ist die Kirche gesund, und wo sie weicht, da kehrt die Anmassung ein, die Christus von seinem Thron stossen will. Sechstens: Und wenn du in der Anfechtung stehst, weil die Welt voller Stimmen ist, die deine Treue fordern, und du nicht weisst, wem du folgen sollst, dann richte dein Auge auf das eine Haupt und seine Verheissung, dass er bei dir ist alle Tage. Es gehört zu den schwersten Anfechtungen des Gläubigen in diesem Zeitalter, dass so viele Herren um seinen Gehorsam werben, die Mächte der Welt, die Meinungen der Menge, die Verführungen des Fleisches und die ehrwürdigen Stimmen falscher Hirten. Gegen diese Vielheit der Stimmen setzt der Abschnitt die eine Stimme deines Hauptes, und gegen die Vielheit der Herren die eine Herrschaft Christi, der gesagt hat: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Du brauchst nicht in der Irre zu tappen zwischen widerstreitenden Ansprüchen, denn du hast ein Haupt, das lebt, das spricht und das bei dir bleibt. Höre auf seine Stimme in seinem Wort, hänge dich an ihn in der Not, und fürchte keinen Herrn, der gegen ihn steht. Der Leib Christi hat ein Haupt, und weil dieses Haupt lebt, lebt auch der Leib; und weil dieses Haupt bei den Seinen ist, ist kein Glied je verlassen. In dieser Gewissheit ruhst du sicherer als in allen irdischen Stützen, denn dein Haupt ist im Himmel, und du bist mit ihm verbunden durch ein Band, das kein Tod und keine Zeit zerreissen kann.

Gebet

Herr Jesus Christus, du einziges und ewiges Haupt deiner Kirche, wir preisen dich, dass du das Haupt deiner Gemeinde bist, die Quelle ihres Lebens und der Sitz ihrer Regierung, und dass du in allen Dingen der Erste bist. Wir danken dir, dass du uns durch dein Wort und deinen Geist regierst und dass kein Mensch auf Erden unser Gewissen binden darf, weil unser Gewissen dir gehört. Bewahre deine Kirche, Herr, vor jedem anderen Haupt. Wehre dem Widersacher, der sich in deinen Tempel setzt und sich ausgibt, als sei er Gott, in welcher Gestalt er auch auftrete. Lass uns die Stimme unseres Hirten kennen und vor jeder fremden Stimme fliehen, und schenke uns die Freiheit, die du uns erworben hast, dass wir keinem Geschöpf die Ehre geben, die dir allein gebührt. Gib uns, Herr, demütige Herzen, dass keiner unter uns gross sein will als der Diener aller, und einigt uns in dem einen Haupt, damit wir einander als Brüder lieben über alle Unterschiede der Ordnung und der Überlieferung hinweg. Und wenn die Stimmen der Welt uns umtönen und viele Herren um unseren Gehorsam werben, dann stärke uns mit der Verheissung, dass du bei uns bist alle Tage bis an der Welt Ende. Wir danken dir, dass du als unser Haupt mit uns fühlst, unsere Schwachheit trägst und unser Leben aus deiner eigenen Fülle nährst. Lass uns heute und alle Tage aus dir leben, wie die Glieder aus dem Haupt, bis du uns zuletzt mit deiner ganzen Kirche, ohne Flecken und Runzel, vor deinen Thron stellst. Wir bitten es in deinem Namen, du unser einziges Haupt und unser geliebter Herr. Amen.
← Start · Übersicht ·