Andacht 139 von 171

Die Gemeinschaft der Heiligen: Einheit mit Christus und untereinander

Ch.26: Of the Communion of Saints — Abschnitt 1 • 2026-09-11 • 34 min
Alle Heiligen, die mit Jesus Christus, ihrem Haupt, durch seinen Geist und durch den Glauben vereinigt sind, haben Gemeinschaft mit ihm in seinen Gnadengaben, in seinen Leiden, in seinem Tod, in seiner Auferstehung und in seiner Herrlichkeit; und da sie untereinander in der Liebe verbunden sind, haben sie Gemeinschaft an den Gaben und Gnadengaben des anderen und sind verpflichtet, solche Pflichten zu erfüllen, öffentliche wie private, die zu ihrem gegenseitigen Wohl dienen, am inneren wie am äusseren Menschen.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 26, Abschnitt 1

Einleitung

Es gibt Wörter, die an Wert verlieren, weil sie zu oft gebraucht werden, und es gibt Wörter, die an Wert gewinnen, je genauer man sie anschaut. Das Wort Gemeinschaft gehört zu der zweiten Art. Wir gebrauchen es heute für fast alles: für einen Verein, für ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, für einen Nachmittag bei Kaffee und Kuchen, für eine lockere Bekanntschaft im Beruf. Aber die Schrift meint mit Gemeinschaft etwas ganz anderes, und die Westminster-Väter, die eben noch von der Kirche gesprochen haben, halten nun inne, um uns zu zeigen, was dieses Wort in seiner Tiefe bedeutet. Wir verlassen die Lehre von der Kirche und wenden uns ihrer innersten Wirklichkeit zu: der Gemeinschaft der Heiligen. Der Übergang ist kein Bruch, sondern eine Vertiefung. Wer die Kirche als den Leib Christi verstanden hat, der fragt als Nächstes unweigerlich, was die Glieder dieses Leibes eigentlich verbindet. Die Antwort des Bekenntnisses ist ein einziger, gewaltiger Satz, und er ist wie ein Diamant, der von vielen Seiten her geschliffen ist. Er beginnt nicht bei den Menschen, sondern bei Christus. Er beginnt nicht bei dem, was wir füreinander empfinden, sondern bei dem, was Gott in uns getan hat. Die Gemeinschaft der Heiligen ist zuerst und zuoberst die Gemeinschaft mit Christus, und erst aus dieser Gemeinschaft heraus entsteht die Gemeinschaft untereinander. Wer diesen Satz umdreht, wer die Verbundenheit der Gläubigen zuerst in ihren Gefühlen, ihren gemeinsamen Interessen oder ihrer äusseren Übereinstimmung sucht, der baut auf Sand. Man kann die Kraft dieses Abschnitts nicht ermessen, ohne einen Blick auf die Einsamkeit zu werfen, die unser Zeitalter kennzeichnet. Nie waren die Menschen so dicht beieinander, nie so dauerhaft vernetzt, und nie so tief vereinsamt. Wir haben tausend Bekanntschaften und kaum einen, der uns kennt; wir teilen täglich Bilder unseres Lebens und verbergen doch unser Herz. In diese Einsamkeit hinein spricht das Bekenntnis ein Wort von grosser Wärme: Du bist nicht allein. Du bist mit Christus verbunden wie ein Glied mit seinem Haupt, und du bist mit allen Heiligen verbunden wie ein Glied mit den übrigen Gliedern. Das ist keine fromme Redensart, kein Trostpflaster, sondern die Wirklichkeit, auf der das ganze christliche Leben ruht. Es ist die Wahrheit, die den Einsamen trägt, den Schwachen stärkt und den Stolzen demütigt. Der Abschnitt vor uns ist zugleich die Summe von allem, was die Väter in den vorangegangenen Kapiteln entfaltet haben. Die Rechtfertigung, die Adoption, die Heiligung, die Gewissheit, die Bewahrung: all diese Wohltaten werden dem Sünder nirgends anders zuteil als in der Vereinigung mit Christus. Wer ausserhalb dieser Vereinigung steht, steht ausserhalb aller Gnade; wer in ihr steht, dem gehört alles, was Christus ist und hat. Die Gemeinschaft der Heiligen ist also nicht ein Anhang zur Heilslehre, kein nettes Beiwerk für gesellige Naturen, sondern der Ort, an dem das Heil wirklich wird. Und weil die Vereinigung mit Christus die Vereinigung mit seinen Gliedern nach sich zieht, ist die Gemeinschaft der Heiligen zugleich die sichtbare Gestalt, in der sich das unsichtbare Band zeigt. Es ist Zeit, diesen Diamanten zu betrachten, Seite um Seite.

Die biblischen Grundlagen

Der Ausgangspunkt der ganzen Lehre steht im ersten Johannesbrief, und er ist so schlicht wie unergründlich: »Was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.« Hier wird die Ordnung sichtbar, die das ganze Bekenntnis trägt. Die Gemeinschaft untereinander ist nicht der Anfang, sondern die Frucht; sie ist das Ziel, auf das die Verkündigung hinwirkt, und ihr Grund liegt tiefer, in einer Gemeinschaft, die nicht zwischen Menschen besteht, sondern zwischen dem Menschen und Gott. Johannes sagt unmissverständlich, dass die Gemeinschaft der Gläubigen in der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn wurzelt. Wer mit Gott verbunden ist, ist mit allen verbunden, die mit Gott verbunden sind. Es gibt keine Gemeinschaft der Heiligen ohne diese vertikale Achse; wo sie fehlt, bleibt nur menschliche Geselligkeit, die den Namen nicht verdient, den die Schrift ihr gibt. Derselbe Johannes führt die Lehre einen Schritt weiter, wenn er schreibt: »Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.« Der Satz verbindet zwei Dinge, die der natürliche Mensch voneinander trennt: die Gemeinschaft untereinander und die Reinigung von Sünde. Wir bilden uns gern ein, die Gemeinschaft sei eine Sache des Gefühls, der Sympathie, der gegenseitigen Anziehung. Johannes aber stellt sie unter eine Bedingung: das Wandeln im Licht. Wo Sünde lieb gehabt und verborgen wird, da zerfällt die Gemeinschaft, weil das Licht, in dem sie allein bestehen kann, verlassen ist. Und wo das Blut Christi die Sünde reinigt, da wird die Gemeinschaft nicht etwa möglich, sondern unausweichlich, weil alle, die gereinigt sind, in demselben Licht stehen. Die Gemeinschaft der Heiligen ist darum niemals die Verbundenheit der Vollkommenen, sondern die Verbundenheit der Vergebenen, und gerade das macht sie so fest: sie ruht nicht auf unserer Würdigkeit, sondern auf dem Blut Jesu. Das tiefste Fundament aber legt unser Herr selbst in dem Gebet, das er in der Nacht vor seinem Leiden sprach: »Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.« Hier schaut man in das Herz der ganzen Lehre. Die Einheit der Gläubigen ist nicht nach dem Bild einer menschlichen Gesellschaft geformt, sondern nach dem Bild der Einheit zwischen dem Vater und dem Sohn. So wie der Sohn im Vater ist und der Vater im Sohn, so sollen die Gläubigen in Christus sein und Christus in ihnen. Diese Einheit ist ein Geheimnis, das kein Verstand ausschöpft und kein Gleichnis ganz fasst, aber sie ist die Wirklichkeit, von der das Bekenntnis redet, wenn es von der Vereinigung mit Christus spricht. Und Christus nennt zugleich den Zweck dieser Einheit: damit die Welt glaube. Die Gemeinschaft der Heiligen ist nicht ein Selbstzweck, nicht ein gemütlicher Kreis, der sich um sich selbst dreht, sondern ein Zeugnis vor der Welt. Wo Gläubige in sichtbarer Liebe verbunden sind, da leuchtet etwas von dem Geheimnis Gottes auf, und die Welt, die das sieht, wird zur Frage gedrängt, woher solche Einheit stammt. Paulus entfaltet, was diese Einheit für das Leben der Glieder bedeutet, wenn er schreibt: »Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden.« Hier treffen wir auf die Seite der Gemeinschaft, die uns am wenigsten behagt: die Gemeinschaft der Leiden. Der Apostel verbindet die Leiden und die Herrlichkeit zu einer einzigen Kette, und er tut es mit einem Wort, das wie ein Schlüssel ist: Miterben Christi. Wer mit Christus verbunden ist, der erbt mit ihm, und wer mit ihm erbt, der leidet auch mit ihm. Die Leiden des Gläubigen sind nicht ein Unfall auf dem Weg zur Herrlichkeit, sondern ein Teil des Weges selbst, ein Band, das ihn mit dem Haupt verbindet, das gelitten hat. Und an anderer Stelle, im Römerbrief, macht Paulus dasselbe noch tiefer sichtbar: »Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.« Der Tod Christi und die Auferstehung Christi sind keine fernen Ereignisse, die wir nur anschauen, sondern Wirklichkeiten, in die wir hineingenommen sind. In der Vereinigung mit Christus stirbt der Gläubige mit ihm der Sünde und ersteht mit ihm zu neuem Leben, sodass der ganze Weg Christi, von der Krippe bis zum Thron, gewissermassen der Weg der Seinen wird. Das Bild, das all dies zusammenhält, entwirft Paulus im ersten Korintherbrief, wo er die Gemeinde mit einem Leib vergleicht: »Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus.« Und er schliesst: »Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.« Dieses Bild ist der Schlüssel zu dem zweiten Teil des Bekenntnisses, zur Gemeinschaft untereinander. Ein Leib lebt nicht, indem seine Glieder nebeneinander bestehen, sondern indem sie einander dienen, einander stützen, einander brauchen. Das Auge kann nicht sagen, es brauche die Hand nicht, und das schwächste Glied hat seine Ehre, die das kräftigste ihm nicht versagen darf. Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle. Genau das meint die Gemeinschaft an den Gaben und Gnadengaben des anderen: nicht dass jeder alles hätte, sondern dass jeder dem anderen dient mit dem, was Gott ihm gegeben hat, sodass keiner für sich allein reich oder arm, stark oder schwach ist, sondern alle aus der gemeinsamen Fülle leben. Zuletzt steht über allem das Bild der ersten Gemeinde, wie Lukas es uns überliefert hat, und es ist wie ein lebendiges Gemälde der Gemeinschaft, die das Bekenntnis beschreibt: »Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.« Und weiter: »Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam.« Hier sehen wir die Gemeinschaft mit Händen und Füssen, den inneren und den äusseren Menschen zugleich. Sie hielten fest an der Lehre, sie brachen das Brot, sie beteten: das ist die Gemeinschaft des inneren Menschen. Sie teilten ihre Güter und halfen den Bedürftigen: das ist die Gemeinschaft des äusseren Menschen. Beides gehört zusammen, und wo eines fehlt, verkümmert das andere. Eine Gemeinschaft, die nur betet, aber den Hunger des Bruders nicht sieht, ist keine Gemeinschaft; eine Gemeinschaft, die nur gibt, aber das Wort und das Gebet verlässt, ist keine Gemeinschaft der Heiligen. Die erste Gemeinde zeigt uns beides in seiner Einheit, und sie ist uns nicht als Vorbild zum Anstaunen gegeben, sondern als Massstab zum Nachfolgen.

Was die Westminster-Väter meinten

Um den Abschnitt zu verstehen, muss man ihn in seine Teile zerlegen und zugleich im Ganzen behalten, denn er ist mit grosser Sorgfalt gebaut, und jedes Wort trägt ein eigenes Gewicht. Die Väter beginnen mit dem, was die Heiligen zuerst und eigentlich verbindet: die Vereinigung mit Jesus Christus. Man beachte, wie genau sie diese Vereinigung bestimmen. Sie geschieht durch seinen Geist und durch den Glauben. Der Geist ist die wirkende Kraft, der Glaube das empfangende Band. Nicht die Taufe als äusserer Akt, nicht die Zugehörigkeit zu einer sichtbaren Versammlung, nicht die Bekehrungserfahrung eines bestimmten Augenblicks ist der Grund der Vereinigung, sondern der Geist, der von innen wirkt, und der Glaube, der Christus ergreift. Damit stellen die Väter die Lehre auf den festen Grund, den schon Calvin gelegt hatte: Alles Heil liegt in der Vereinigung mit Christus, und diese Vereinigung wird gewirkt durch den Heiligen Geist und angenommen im Glauben. Aus dieser Vereinigung folgt zuerst die Gemeinschaft mit Christus selbst, und die Väter zählen auf, worin sie besteht: in seinen Gnadengaben, in seinen Leiden, in seinem Tod, in seiner Auferstehung und in seiner Herrlichkeit. Diese Aufzählung ist kein rhetorischer Schmuck, sondern eine lückenlose Kette, die das ganze Werk Christi umfasst. Der Gläubige hat Anteil an den Wohltaten, die Christus erworben hat, an der Vergebung, der Gerechtigkeit, der Kindschaft; er hat Anteil an Christus selbst, an seinem ganzen Weg. Er leidet mit ihm, stirbt mit ihm, ersteht mit ihm und wird mit ihm verherrlicht. Nichts von dem, was Christus ist und durchlitten und errungen hat, bleibt dem Gläubigen äusserlich; alles wird ihm in der Vereinigung zu eigen. Die Väter bewahren hier ein Geheimnis, das sich nicht in Worte fassen lässt, und sie wahren es vor jedem Missverständnis, wie der dritte Abschnitt des Kapitels zeigen wird: die Gemeinschaft macht den Gläubigen nicht zum Teilhaber des göttlichen Wesens und nicht Christus gleich, sondern sie verbindet ihn so mit Christus, dass er alles Gute aus dessen Fülle empfängt. Der zweite Teil des Abschnitts wendet sich der Gemeinschaft untereinander zu, und auch hier ist die Reihenfolge entscheidend. Weil die Heiligen in der Liebe miteinander verbunden sind, darum haben sie Gemeinschaft an den Gaben und Gnadengaben des anderen. Die Liebe ist nicht die Ursache der Verbindung, sondern ihre Gestalt; die Verbindung ist schon da, weil alle mit demselben Haupt verbunden sind, und die Liebe ist die Weise, wie diese Verbindung gelebt wird. Daraus folgt die Gemeinschaft an den Gaben: Was Gott dem einen gegeben hat, das gehört, in einem geistlichen Sinn, auch dem anderen. Der starke Glaube des einen trägt den schwachen des anderen; das Gebet des einen begleitet den Weg des anderen; die Erkenntnis des einen nährt die Unwissenheit des anderen; der Trost, den einer empfangen hat, fliesst zu dem, der im Leid ist. Die Väter lehren damit eine Wirklichkeit, die dem Stolz des natürlichen Menschen widerstrebt: Kein Gläubiger ist für sich allein reich, und keiner ist für sich allein arm. Gott hat seine Gaben so verteilt, dass keiner den anderen entbehren kann und jeder den anderen braucht. Der letzte Teil des Abschnitts zieht die Folgerung für das Handeln: Die Heiligen sind verpflichtet, solche Pflichten zu erfüllen, öffentliche wie private, die zu ihrem gegenseitigen Wohl dienen, am inneren wie am äusseren Menschen. Hier wird die Gemeinschaft nicht als ein Zustand beschrieben, in dem man sich angenehm fühlt, sondern als eine Verpflichtung, die zum Handeln drängt. Das Wort verpflichtet ist wohl zu beachten: Die Gemeinschaft ist kein Angebot, das man annehmen oder ausschlagen kann, sondern eine Schuldigkeit, die aus der Vereinigung mit Christus folgt. Und die Pflichten sind doppelt: öffentliche, die in der versammelten Gemeinde ihren Ort haben, und private, die von Herz zu Herz gehen; solche, die den inneren Menschen fördern, das Wachstum im Glauben, und solche, die den äusseren Menschen versorgen, das leibliche Wohl. Die Väter verbinden damit das Geistliche und das Leibliche, das Gemeinsame und das Verborgene zu einem einzigen Geflecht der gegenseitigen Sorge, das keine Seite des Lebens auslässt. So gesehen ist dieser Abschnitt eine vollständige Karte der christlichen Existenz. Er zeigt, woher der Gläubige lebt: aus der Vereinigung mit Christus. Er zeigt, worin sein Leben besteht: in der Gemeinschaft mit Christus und mit den Seinen. Und er zeigt, wozu dieses Leben führt: zum Dienst aneinander, der den ganzen Menschen umfasst. Man versteht den Abschnitt nur, wenn man diese drei Stufen zusammenhält und keine überspringt. Wer mit der Gemeinschaft untereinander beginnt, ohne die Vereinigung mit Christus, der baut eine blosse Geselligkeit, die bald zerfällt. Wer bei der Vereinigung mit Christus stehen bleibt, ohne die Gemeinschaft der Glieder zu leben, der verfehlt den Willen des Hauptes. Und wer die Gemeinschaft ohne den Dienst am inneren und äusseren Menschen haben will, der behält einen leeren Namen ohne Leben. Die Väter haben mit einem einzigen Satz das Ganze gefasst, und es ist diese Ganzheit, die den Satz so kostbar macht.

Theologische Tiefe

Die Lehre von der Gemeinschaft der Heiligen hat ihre Wurzel in der Einsicht, die wie ein roter Faden durch die ganze reformierte Theologie läuft: der Vereinigung mit Christus. Keiner hat diese Einsicht kräftiger ausgeprägt als Calvin. Für ihn ist die Vereinigung mit Christus der Angelpunkt, an dem das ganze Heil hängt. So lange Christus ausserhalb von uns bleibt, so sagt er in der Institutio, ist alles, was er für das Heil der Menschen gelitten und getan hat, für uns nutzlos. Erst wenn wir mit ihm vereinigt werden, wird das, was er für uns erworben hat, wirklich unser. Und diese Vereinigung ist nicht das Werk des Menschen, sondern des Geistes: Der Heilige Geist ist das Band, durch das Christus uns wirksam mit sich verbindet. Aus dieser Vereinigung fliessen dann alle Wohltaten, wie der Saft aus dem Weinstock in die Reben fliesst, und darum ist für Calvin die Gemeinschaft mit Christus nicht ein Geschenk unter vielen, sondern das Geschenk, in dem alle anderen enthalten sind. Wer das versteht, der versteht, warum der Abschnitt mit der Vereinigung beginnt und nicht mit der Liebe: weil die Liebe untereinander erst aus dem gemeinsamen Leben in Christus erwächst. Zwingli hat dieselbe Wahrheit von einer anderen Seite her beleuchtet, und es lohnt, gerade für unser Schweizer Ohr, auf ihn zu hören. Für ihn ist die Kirche vor allem die Gemeinschaft derer, die durch den Geist und das Wort gesammelt sind, der Leib Christi, der nicht durch menschliche Ordnung, sondern durch das Wirken Gottes lebt. Er wehrte sich zeitlebens gegen jede Auffassung, die das Heil an äussere Mittel oder an menschliche Vermittlung binden wollte, und hielt dagegen fest: Was die Gläubigen verbindet, ist nicht die Zugehörigkeit zu einer äusseren Einrichtung, sondern der eine Geist, der sie aus dem Wort neu gebiert. Die Gemeinschaft der Heiligen ist für Zwingli darum zuerst eine Wirklichkeit des Glaubens, die alle sichtbaren Schranken durchbricht, eine Gemeinschaft, die Gott stiftet, wo und wann er will, und die kein Mensch herstellen oder verhindern kann. Zugleich aber war Zwingli kein Träumer: Eben weil die Gemeinde der Leib Christi ist, muss sie sich auch leibhaft versammeln, einander das Wort sagen, einander tragen und miteinander am Tisch des Herrn die Gemeinschaft bezeugen, die der Geist gestiftet hat. In Zürich wurde diese Gemeinschaft gelebt, ehe sie gelehrt wurde, und darin liegt eine bleibende Lektion: Die Lehre von der Gemeinschaft ist nie blosse Theorie, sondern ein Leben, das sich in einer versammelten, füreinander sorgenden Gemeinde verkörpert. Bullinger, der Zwingli nachfolgte und dessen Werk fast ein halbes Jahrhundert trug, hat diese Gemeinschaft in den Zusammenhang des Bundes gestellt, und damit hat er der Lehre ihr festes Dach gegeben. Für ihn ist die Gemeinschaft der Heiligen die Gemeinschaft derer, die in dem einen Gnadenbund stehen, den Gott mit den Menschen geschlossen und in Christus erfüllt hat. Der Bund ist das Band, das Gott mit den Seinen verbindet, und weil alle Gläubigen in demselben Bund stehen, sind sie auch untereinander verbunden. Im Zweiten Helvetischen Bekenntnis, das Bullinger verfasste und das von Schottland bis Ungarn Geltung erlangte, wird die Kirche ausdrücklich als die Gemeinschaft der Heiligen bekannt, die Gott aus der Welt sammelt und durch sein Wort und seinen Geist erhält. Diese Sicht bewahrt vor einem doppelten Irrtum: vor der Gleichgültigkeit, die die Gemeinschaft für überflüssig hält, weil der Einzelne ja unmittelbar zu Gott steht, und vor der Vermessenheit, die die Gemeinschaft zu einem Werk des Menschen macht. Wer im Bund steht, der ist nicht einsam und nicht eigenmächtig; er ist Glied eines Volkes, dessen Haupt Christus ist und dessen Leben der Geist ist. Gerade darum ist die Gemeinschaft der Heiligen für Bullinger kein frommer Verein, sondern das Volk des Bundes, das Gott sich selbst bereitet hat. Watson bringt die Lehre mit seelsorgerlicher Wärme zum Herzen; seine Auslegung der Gemeinschaft der Heiligen ist bis heute ein Schatz der puritanischen Theologie. Er zeigt, dass die Gemeinschaft der Heiligen eine Wirklichkeit ist, die das Herz im Innersten erquickt. Die Heiligen, so führt er aus, sind Glieder eines Leibes, und wie die Glieder eines Leibes aneinander teilhaben, so haben die Gläubigen aneinander Anteil. Der eine hat mehr Licht, der andere mehr Wärme; der eine ist stark im Glauben, der andere reich an Geduld; und in der Gemeinschaft fliesst das, was der eine hat, zum anderen hinüber. Watson nennt das eine geistliche Bruderschaft, in der kein Glied dem anderen gleichgültig sein darf, weil das Leiden des einen die anderen trifft und die Freude des einen die anderen erhebt. Zugleich mahnt er, dass diese Gemeinschaft nur in Christus ihren Grund haben kann: Wer nicht mit Christus vereinigt ist, der mag zu vielen Versammlungen gehen und gehört doch nicht zur Gemeinschaft der Heiligen, denn die Gemeinschaft der Heiligen ist zuerst die Gemeinschaft mit dem heiligen Gott, und nur aus ihr wird die Gemeinschaft der Heiligen untereinander geboren. Watson lehrt uns damit, die Gemeinschaft nicht an der Zahl der Besucher zu messen, sondern an der Gegenwart Christi in der Mitte der Seinen. Hodge endlich liefert das begriffliche Gerüst, das die ganze Lehre zusammenhält, indem er in seinem Kommentar zum Bekenntnis die Vereinigung mit Christus als die Grundlage aller übrigen Wohltaten herausarbeitet. Er zeigt, dass die Ordnung des Bekenntnisses streng und folgerichtig ist: Die Vereinigung mit Christus ist das Erste, die Gemeinschaft mit Christus in seinen Gnadengaben, Leiden, Tod, Auferstehung und Herrlichkeit das Zweite, die Gemeinschaft untereinander das Dritte, und der Dienst aneinander das Vierte. Diese vier Stufen bauen aufeinander auf und lassen sich nicht vertauschen. Hodge besteht darauf, dass die Vereinigung mit Christus keine leere Redensart ist, sondern eine reale, wenn auch geistliche Verbindung, durch die der Gläubige tatsächlich an allem teilhat, was Christus ist und hat. Daraus zieht er die praktische Folgerung, die den ganzen Abschnitt durchzieht: Wenn die Gläubigen in Christus verbunden sind, dann sind sie einander verpflichtet, und diese Verpflichtung ist nicht die des Gesetzes, sondern die der Liebe, die aus der Vereinigung fliesst. Hodges Klarheit bewahrt uns davor, die Gemeinschaft der Heiligen als frommes Gefühl zu behandeln; sie ist eine Wahrheit, die zum Gehorsam verpflichtet, und ein Trost, der das Herz im Innersten festigt. Was alle diese Lehrer verbindet, ist die Gewissheit, dass die Gemeinschaft der Heiligen kein Anhang zum christlichen Leben ist, sondern sein Herz. Die Vereinigung mit Christus macht den Christen; die Gemeinschaft mit Christus nährt ihn; die Gemeinschaft untereinander trägt ihn; der Dienst aneinander übt ihn. Nimm eines dieser Glieder weg, und das Ganze gerät ins Wanken. Die reformierte Theologie hat diese Wahrheit nie als trockenen Lehrsatz behandelt, sondern als Quelle des Trostes und als Antrieb zur Liebe, und zu dieser Wahrheit wenden wir uns nun in ihrer Anwendung auf unser eigenes Leben.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Ergreife in der Anfechtung, dass du nicht allein bist, sondern mit Christus vereinigt wie ein Glied mit dem Haupt. Es gibt Augenblicke, da der Glaube sich anfühlt wie ein einsamer Posten in der Nacht, da du denkst, du seist von Gott vergessen und von den Menschen verlassen. In solche Stunden sprich dir selbst die Wahrheit dieses Abschnitts vor: Du bist nicht durch deine Gefühle mit Christus verbunden, sondern durch seinen Geist und durch den Glauben, und dieses Band zerreisst nicht, wenn deine Empfindungen schwanken. Das Haupt ist nicht von den Gliedern getrennt, wenn diese ihr Verbundensein nicht spüren; ein Glied, das taub ist, hängt darum doch am Leib. Richte deinen Blick in der Anfechtung nicht auf dein Herz, das unruhig ist, sondern auf das Haupt, das fest steht. Und weil du mit Christus verbunden bist, bist du auch mit allen verbunden, die an ihm hängen. Die Einsamkeit des Glaubens ist darum nie die letzte Wahrheit; sie ist ein Nebel, der vor der Sonne der Gemeinschaft weicht, sobald du deine Augen aufhebst und die Brüder und Schwestern siehst, die mit dir an demselben Weinstock hängen. Zweitens: Suche die Gemeinschaft nicht in deinen Gefühlen, sondern in dem, was Gott gestiftet hat, und pflege sie mit Treue. Wir neigen dazu, die Gemeinschaft der Heiligen nach dem zu beurteilen, was wir empfinden: Wenn die Zusammenkünfte mich nicht mehr ansprechen, wenn die Menschen mir fremd scheinen, wenn die Wärme fehlt, dann bleiben wir fern. Aber die Gemeinschaft ist nicht zuerst ein Gefühl, das kommt und geht, sondern eine Wirklichkeit, die Gott geschaffen hat und die zu pflegen er uns befohlen hat. Darum bleibe beständig in der Lehre der Apostel, im Brotbrechen und im Gebet, auch wenn dein Herz kalt ist, denn eben durch diese Mittel erwärmt der Geist die Herzen wieder. Die erste Gemeinde blieb beständig; darin lag ihre Kraft. Wo du der Versammlung fernbleibst, weil du die Wärme nicht spürst, da drehst du den Kreislauf um und wartest auf das Gefühl, das erst aus der Treue erwächst. Geh hin, auch wenn es dich Überwindung kostet, und du wirst erfahren, dass die Gemeinschaft, die du suchst, dort auf dich wartet. Drittens: Nimm deine Leiden an als Gemeinschaft mit den Leiden Christi, und lass dich von dieser Wahrheit tragen. Das ist die Seite der Gemeinschaft, die wir am liebsten überspringen, und doch ist sie in dem Abschnitt ausdrücklich genannt. Paulus hat gewusst, dass der Weg zur Herrlichkeit durch das Leiden führt, und er hat die Leiden der Gläubigen nicht als Unglück, sondern als Gemeinschaft der Leiden Christi begrüsst. Das verwandelt das Leid, ohne es zu verharmlosen. Es bleibt schmerzlich, aber es ist nicht mehr sinnlos. Wenn du leidest, dann leidest du nicht abseits von Christus, sondern in der Gemeinschaft dessen, der selbst gelitten hat und der die Seinen im Leiden nicht verlässt. Und aus dieser Gemeinschaft des Leidens erwächst die Gemeinschaft des Trostes: Der Trost, den du empfängst, ist nicht für dich allein, sondern dazu bestimmt, dass du andere tröstest mit dem Trost, mit dem du selbst getröstet worden bist. So wird aus jedem Leiden, das du mit Christus trägst, eine Quelle, aus der andere schöpfen. Viertens: Erkenne, dass die Gaben des anderen auch dir gehören, und lebe aus dieser Fülle, statt dich in deiner Armut zu verzehren. Es gehört zu den hartnäckigsten Irrtümern unserer Zeit, den Glauben als Privatsache zu verstehen, bei der jeder für sich allein vor Gott steht und sich allein durchschlagen muss. Der Abschnitt widerspricht diesem Irrtum mit aller Kraft. Die Gaben und Gnadengaben des anderen sind nicht sein privater Besitz, sondern ein gemeinsames Gut, an dem du teilhast. Der starke Glaube deines Bruders darf dich tragen, wenn dein eigener wankt; das Gebet deiner Schwester darf für dich eintreten, wenn dir die Worte fehlen; die Erkenntnis des Lehrers darf dich nähren, wenn du selbst nicht weiterweisst. Und umgekehrt: Was Gott dir gegeben hat, gehört auch den anderen. Darum vergrabe dein Pfund nicht, sondern bringe es in die Gemeinschaft ein, ob es die Gabe des Zuhörens ist, des Tröstens, des Betens, des Helfens oder des Gebens. Kein Glied des Leibes ist überflüssig, und gerade das schwächste hat oft den Dienst, den das kräftigste nicht leisten kann. Fünftens: Vergiss den äusseren Menschen nicht über dem inneren, sondern übe die Gemeinschaft mit Herz und Hand. Der Abschnitt nennt ausdrücklich beides: das Wohl des inneren und des äusseren Menschen. Es gibt eine Gefahr, die Gemeinschaft der Heiligen ganz ins Geistliche zu verlegen und darüber den Hunger des Leibes, die Sorge um die Wohnung, die Last der Krankheit zu übersehen. Die erste Gemeinde hat beides zusammengehalten: Sie blieb in der Lehre und im Gebet, und sie teilte ihre Güter und half den Bedürftigen. Die Lehre, die nur betet und nicht gibt, ist eine halbe Lehre; die Liebe, die nur Worte hat und keine Tat, ist eine leere Liebe. Darum öffne deine Augen für die leiblichen Nöte der Brüder und Schwestern, für den, der am Rande steht, der krank ist, der keine Arbeit hat, der den Weg zur Gemeinde nicht mehr findet. Ein Besuch, eine Mahlzeit, ein praktischer Handgriff, eine Gabe im Verborgenen können mehr von der Gemeinschaft der Heiligen bezeugen als viele fromme Worte. Wo der äussere Mensch versorgt wird, da wird die Liebe sichtbar, und wo die Liebe sichtbar wird, da glaubt die Welt, dass der Vater den Sohn gesandt hat. Sechstens: Weite dein Herz über die eigene Gemeinde hinaus und erkenne in allen, die den Namen des Herrn anrufen, deine Brüder und Schwestern. Die Gemeinschaft der Heiligen ist nicht an die Grenzen einer Ortsgemeinde, eines Landes oder einer Konfession gebunden. Alle, die mit Christus vereinigt sind, gehören zu demselben Leib, auch wenn sie in einer anderen Sprache beten, in einer anderen Ordnung anbeten oder in einer fernen Zeit gelebt haben. Die Heiligen, die vor uns vollendet wurden, und die, die nach uns kommen werden, sind mit uns verbunden in dem einen Haupt. Diese Weite ist kein Aufruf zur Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit, sondern ein Antrieb zur Liebe: Sie lehrt dich, für die Verfolgten in der Ferne zu beten, dich an den Zeugnissen der Väter zu erbauen und dem Bruder, der in manchem anders denkt, in dem zu begegnen, was er mit dir gemeinsam hat. Und sie erfüllt dich mit der Hoffnung, dass diese Gemeinschaft, die hier bruchstückhaft und oft schmerzlich ist, einmal vollkommen sein wird, wenn das Haupt erscheint und die ganze Schar der Erlösten, ohne Flecken und Runzel, vor seinem Thron steht. Bis dahin lebe in dieser Gemeinschaft, trage sie, diene ihr, und lass dich von ihr tragen, denn sie ist dir von Gott geschenkt als ein Vorgeschmack des Himmels.

Gebet

Herr Jesus Christus, du Haupt deines Leibes, wir danken dir, dass du uns durch deinen Geist und durch den Glauben mit dir vereinigt hast, sodass wir nicht mehr ferne sind, sondern Glieder an deinem Leib. Wir danken dir, dass du uns Gemeinschaft geschenkt hast mit dir in deinen Gnadengaben, in deinen Leiden, in deinem Tod, in deiner Auferstehung und in deiner Herrlichkeit, und dass nichts von dem, was du erworben hast, uns äusserlich bleibt, sondern alles unser eigen wird in dir. Vergib uns, Herr, wo wir diese Gemeinschaft gering geschätzt haben. Wir sind so oft einsam gegangen, wo du uns Brüder geschenkt hast; wir haben die Zusammenkünfte versäumt, wo du uns an deinem Tisch erwartet hast; wir haben unsere Gaben vergraben, wo du sie den anderen zum Dienst gegeben hast. Öffne unsere Augen für den Leib, zu dem wir gehören, und schenke uns die Treue, die in der Lehre der Apostel, im Brotbrechen und im Gebet beständig bleibt. Lehre uns, miteinander zu leiden und einander zu trösten, wie du mit uns leidest und uns tröstest. Lass uns die Gaben des anderen als unser eigenes Gut empfangen und das Unsere freudig teilen. Gib uns Herzen, die den inneren und den äusseren Menschen der Brüder sehen, Hände, die dienen, und Augen, die die Not am Rand erkennen. Weite unser Herz über die Mauern hinweg, die wir selbst errichtet haben, und lass uns in allen, die deinen Namen anrufen, Glieder desselben Leibes erkennen. Und wenn die Gemeinschaft hier bruchstückhaft bleibt und oft unter der Sünde seufzt, dann richte unseren Blick auf die Stunde, da du wiederkommen und deine ganze Kirche, vollendet und verherrlicht, vor deinen Thron stellen wirst, damit wir mit allen Heiligen in ungetrübter Gemeinschaft mit dir leben in Ewigkeit. Amen.
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