Andacht 140 von 171

Die Pflicht der Heiligen: Gegenseitige Liebe und Erbauung

Ch.26: Of the Communion of Saints — Abschnitt 2 • 2026-09-12 • 34 min
Die Heiligen sind durch ihr Bekenntnis verpflichtet, eine heilige Gemeinschaft und Verbindung in der Anbetung Gottes zu pflegen und solche anderen geistlichen Dienste zu leisten, die ihrer gegenseitigen Erbauung dienen; ebenso einander in äusserlichen Dingen zu helfen, je nach ihren verschiedenen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Diese Gemeinschaft ist, so wie Gott Gelegenheit gibt, auf alle auszudehnen, die an jedem Ort den Namen des Herrn Jesus anrufen.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 26, Abschnitt 2

Einleitung

Es gibt Wahrheiten, die man erst versteht, wenn man sie zu tun beginnt, und es gibt Menschen, die erst dann zu sich selbst finden, wenn sie aufhören, nur an sich zu denken. Der Abschnitt, den wir heute betrachten, gehört in beider Nähe. Das Bekenntnis hat im ersten Abschnitt beschrieben, was die Gemeinschaft der Heiligen ihrem Wesen nach ist: die Vereinigung mit Christus durch seinen Geist und durch den Glauben, und aus ihr heraus die Verbundenheit der Glieder untereinander. Nun aber wendet sich der Blick, und zwar mit einer Nüchternheit, die uns guttut. Die Väter fragen nicht mehr, was die Gemeinschaft ist, sondern was sie tut, worin sie sich zeigt, wozu sie verpflichtet. Aus dem Sein wird das Handeln, aus der Wirklichkeit die Pflicht. Wer den ersten Abschnitt gehört hat und nun den zweiten hört, dem wird sofort klar, dass hier kein neues Thema beginnt, sondern dasselbe Thema seinen zweiten, sichtbaren Schritt tut. Der Übergang ist ein geistliches Gesetz von grosser Tiefe. Es gibt keine lebendige Vereinigung mit Christus, die sich nicht in sichtbaren Pflichten ausprägt, so wenig es ein Feuer gibt, das nicht wärmt, oder eine Quelle, die nicht fliesst. Die Vereinigung mit Christus, von der wir das letzte Mal sprachen, ist nicht ein stiller, verborgener Zustand, der für sich allein bestehen könnte; sie drängt mit innerer Notwendigkeit zu ihrer Gestalt. Eine Gemeinschaft, die nur im Herzen wohnt und nirgends Hand und Fuss gewinnt, ist nach der Schrift keine Gemeinschaft, sondern ein Wunschbild, das sich selbst betrügt. Jakobus hat das mit einer Schärfe ausgesprochen, die bis heute schneidet: Der Glaube ohne Werke ist tot. Und was vom Glauben gilt, das gilt von der Gemeinschaft, die aus dem Glauben fliesst. Sie lebt, indem sie dient, und sie dient, indem sie anbetet, erbaut und hilft. Zugleich ist dieser Abschnitt eine Antwort auf eine Not, die viele still mit sich tragen. Es gibt Gläubige, die den ersten Abschnitt mit Freuden gehört haben, die wissen, dass sie mit Christus verbunden sind, und die doch ratlos vor der Frage stehen, was diese Wahrheit für ihren Alltag bedeutet. Sie spüren, dass Glaube nicht beim Gefühl stehen bleiben darf, und fragen, wie die Gemeinschaft, die sie im Herzen tragen, zu einer Sache wird, die man sehen, greifen und leben kann. Genau diese Frage beantwortet der Abschnitt. Er nennt drei Felder, auf denen die Gemeinschaft sichtbar wird: die Anbetung Gottes, die gegenseitige Erbauung und die Hilfe in äusserlichen Dingen. Und er öffnet den Blick über den eigenen Kreis hinaus zu allen, die den Namen des Herrn anrufen. Damit gibt er dem Herzen, was es braucht, ohne ihm die Strenge zu ersparen, die zu jeder echten Liebe gehört. Man darf diesen Abschnitt darum nicht als eine trockene Pflichtenlehre lesen, als eine Liste dessen, was ein anständiger Christ eben so tut. Er ist vielmehr die Beschreibung dessen, wie die Liebe atmet. Wo die Liebe wirklich ist, da will sie anbeten, da will sie erbauen, da will sie helfen, da will sie sich ausweiten. Der Abschnitt zwingt uns nicht zu Werken, die unserem Glauben fremd wären; er zeigt uns das Gesicht unseres eigenen Glaubens, das wir zu lange nicht angesehen haben. Und eben darin liegt seine Kraft. Er deckt auf, wo unsere Gemeinschaft nur ein Wort ist und kein Leben, und er weist zugleich den Weg, wie aus dem Wort wieder Leben wird. Wir wollen ihn darum Satz für Satz betrachten, so wie man eine Landkarte betrachtet, ehe man den Weg geht, den sie beschreibt.

Die biblischen Grundlagen

Der Satz, der diesen Abschnitt eröffnet und ihn bis ans Ende trägt, steht im Brief an die Hebräer, und er verbindet die Anbetung und die Erbauung so eng miteinander, dass man sie nicht trennen kann: »Und lasst uns aufeinander achthaben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken, und nicht verlassen unsere Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das umso mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht.« Zwei Dinge fallen hier sofort ins Auge. Das erste ist die Ordnung der Worte: Das Aufeinander-Achthaben, das Anreizen zur Liebe, das Ermahnen, all das hat seinen Ort in der Versammlung, die der Apostel nicht verlassen wissen will. Die gegenseitige Erbauung ist keine Sache, die jeder für sich allein im Kämmerlein betreibt; sie wächst dort, wo die Gläubigen zusammenkommen. Das zweite ist der Ernst des Satzes: Manche verlassen die Versammlung, das ist dem Apostel nicht unbekannt, und er nennt es ohne Umschweife ein Pflegen, eine Gewohnheit, die sich einschleicht. Gegen diese Gewohnheit setzt er ein Wort, das wie ein Hammer fällt: umso mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht. Je näher der Tag des Herrn rückt, desto dringender wird die Gemeinschaft, desto weniger darf der einzelne Gläubige sich selbst genügen. Wer die Versammlung verlässt, verliert nicht bloss eine Gewohnheit, er verliert den Ort, an dem sein Glaube genährt und geprüft wird. Derselbe Brief nennt auch die dritte Säule des Abschnitts, die Hilfe in äusserlichen Dingen, und er tut es mit einem Wort, das man nicht überlesen sollte: »Wohlzutun und mitzuteilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott wohl.« Hier heisst die äusserliche Hilfe ein Opfer, und dieser Ausdruck ist mit Bedacht gewählt. Was wir dem Bruder geben, das geben wir nicht zuletzt ihm, sondern Gott, und Gott nimmt es an wie ein Opfer auf seinem Altar. Die Gabe an den Bedürftigen ist darum nicht eine lästige Unterbrechung des Gottesdienstes, sondern seine Fortsetzung mit anderen Mitteln. Wer im Gebet Gott anbetet und nachher den Hunger des Nächsten übersieht, der hat den Gottesdienst halbiert, denn Gott hat beides zu einem einzigen Opfer zusammengebunden. Man versteht von hier aus, warum die Väter die Anbetung und die leibliche Hilfe in einem einzigen Abschnitt zusammenfassen: Sie gehören in der Schrift untrennbar zusammen. Wie eng sie zusammengehören, zeigt Jakobus mit einer Härte, die uns nicht schmeichelt: »Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt wäre und Mangel hätte an der täglichen Nahrung und jemand unter euch spräche zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch, ihr gäbet ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat, was hülfe ihnen das? So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber.« Der Apostel greift hier genau jene Frömmigkeit an, die sich mit schönen Worten begnügt, wo die Not eine Tat verlangt. Ein frommer Wunsch, ein freundlicher Abschiedsgruss, ein Gebet, das die Hände nicht in Bewegung setzt, das alles ist vor dem Hunger des Bruders nichts. Jakobus sagt nicht, dass die Worte überflüssig seien; er sagt, dass sie, wo die Tat fehlt, nichts helfen. Und er zieht die Folgerung auf den Glauben selbst: Ein Glaube, der nicht handelt, ist tot. Was für den Glauben gilt, gilt für die Gemeinschaft, die aus ihm fliesst: Sie ist tot, wo sie den äusseren Menschen übersieht. Paulus fasst dieselbe Wahrheit im Brief an die Galater in ein Bild, das haften bleibt: »Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.« Und er schliesst, einige Zeilen später: »So lasst uns nun, wo wir Zeit haben, Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.« Das erste Wort trifft die gegenseitige Hilfe in ihrem innersten Wesen. Lasten sind keine Geschenke, die man sich aussucht; sie sind schwer, sie drücken, sie sind dem Träger oft unerträglich. Und gerade sie sollen wir einander abnehmen, der Starke dem Schwachen, der Geradestehende dem Gebeugten. Das Gesetz Christi, das hier erfüllt wird, ist das Gesetz der Liebe, die trägt und nicht zerbricht. Das zweite Wort aber weitet den Blick: Gutes tun an jedermann, allermeist an des Glaubens Genossen. Hier steht beides nebeneinander, das Weite und das Enge, das Allgemeine und das Besondere. Die Liebe des Christen kennt keine Grenze, sie tut Gutes an jedermann; aber sie hat eine erste Verpflichtung gegenüber denen, die mit ihm an demselben Haupt hängen. Es ist genau diese Spannung, die der letzte Satz unseres Abschnitts aufnimmt und auslegt. Der letzte Satz des Abschnitts hat seine Wurzel in einem Vers, den man leicht übersieht, weil er im Gruss eines Briefes steht, und der doch wie eine Tür ist, durch die man in die Weite der Kirche tritt. Paulus schreibt an die Korinther: »Der Gemeinde Gottes in Korinth, den Geheiligten in Christus Jesus, den berufenen Heiligen samt allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen an jedem Ort, bei ihnen und bei uns.« Die Heiligen in Korinth sind nicht eine Insel, die für sich allein besteht; sie sind verbunden mit allen, die an jedem Ort den Namen des Herrn anrufen. Das Wort, das die Väter aufgreifen, das Anrufen des Namens, ist der Inbegriff des Glaubens und des Gebets. Wer den Namen des Herrn anruft, der bekennt, dass sein Heil in keinem anderen liegt, und der wirft sich betend auf ihn. Und alle, die dies tun, wo auch immer sie leben, gehören zusammen. Der Abschnitt zieht daraus den Schluss, der in der Logik des Glaubens liegt: Die Gemeinschaft ist nicht an den eigenen Kirchort gebunden, sondern soll sich ausweiten, so wie Gott die Gelegenheit gibt, zu allen, die denselben Namen anrufen. Aus der Ortsgemeinde wird so die eine Kirche, und aus der Nachbarschaft wird die Weite derer, die der Herr aus jedem Volk und jedem Land sammelt. Zuletzt gibt uns Petrus das Wort, das die einzelnen Fäden dieses Abschnitts zu einem einzigen Gewebe verbindet: »Und dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes.« Hier schliesst sich der Kreis. Die Gemeinschaft lebt nicht davon, dass einige viel haben und andere wenig, sondern davon, dass jeder mit dem dient, was Gott ihm anvertraut hat, und dass alle so einander reich machen. Das Wort Haushalter ist wohl zu beachten: Wir sind nicht Eigentümer unserer Gaben, sondern Verwalter, die Rechenschaft schulden. Was Gott dem einen gegeben hat, das hat er ihm nicht für ihn allein gegeben, sondern für den Leib, dem er dient. Der eine hat das Wort, der andere die helfende Hand, der dritte das hörende Ohr, der vierte die offene Tür; und keiner dieser Dienste ist gering, weil alle aus derselben mancherlei Gnade Gottes fliessen. Die Gemeinschaft der Heiligen ist darum, biblisch gesehen, niemals die Versammlung gleichförmiger Menschen, die einander nichts zu geben hätten, sondern der Austausch der Gaben, in dem jeder dem anderen zum Reichtum wird. Das ist das Bild, das die Schrift vor uns hinstellt, und es ist zugleich das Bild, das der Abschnitt voraussetzt und entfaltet.

Was die Westminster-Väter meinten

Der Abschnitt ist mit grosser Sorgfalt gebaut, und man tut gut daran, seine Glieder eines nach dem anderen zu betrachten, denn in jedem steckt eine Entscheidung, die uns vor einen Irrtum bewahren will. Das erste Glied ist der Ausdruck, mit dem die Väter die Gläubigen bezeichnen: die Heiligen durch ihr Bekenntnis. Hier liegt ein feiner Unterschied, den man nicht verwischen darf. Im ersten Abschnitt sprachen die Väter von denen, die mit Christus vereinigt sind; dort ging es um die unsichtbare Wirklichkeit, die nur Gott kennt. Nun sprechen sie von denen, die sich durch ihr Bekenntnis als Heilige zu erkennen geben, also von den Gläubigen, sofern sie sichtbar sind und sich zu Christus bekennen. Die Väter unterscheiden damit, was die Schrift selbst unterscheidet: die Kirche, wie sie vor Gott ist, und die Kirche, wie sie vor den Menschen erscheint. Für die Pflichten der sichtbaren Gemeinschaft genügt das Bekenntnis; wer sich zu Christus bekennt, der ist gehalten, die Gemeinschaft zu leben, die aus diesem Bekenntnis folgt. Keiner kann sich den Pflichten der Gemeinschaft entziehen mit dem Einwand, er wisse ja nicht, wer im Herzen wirklich gläubig sei. Das Bekenntnis verpflichtet, und zwar unabhängig davon, was Gott allein im Verborgenen sieht. Das zweite Glied ist das Wort verpflichtet, und es trägt das ganze Gewicht des Abschnitts. Die Gemeinschaft der Heiligen ist hier nicht als ein Vorrecht beschrieben, das man geniessen oder ausschlagen kann, sondern als eine Schuldigkeit, die man erfüllen muss. Die Väter sagen nicht: Es wäre schön, wenn die Gläubigen Gemeinschaft hielten; sie sagen: Sie sind dazu verpflichtet. Diese Verpflichtung fliesst nicht aus einem menschlichen Gesetz, nicht aus dem Druck einer Kirchenordnung, sondern aus der Vereinigung mit Christus selbst. Wer mit dem Haupt verbunden ist, der ist damit auch den Gliedern verpflichtet, und diese Verpflichtung ist so wenig freigestellt wie die Verpflichtung des Kindes gegen seine Eltern. Man kann sie vernachlässigen, aber man kann sie nicht aufheben. Die Väter bewahren hier die Gemeinschaft vor dem Schicksal, zu einer beliebigen Geselligkeit herabzusinken, die man nach Laune pflegt oder meidet. Was Gott gestiftet hat, das darf der Mensch nicht zum Gegenstand seines Belieben machen. Das dritte Glied entfaltet, worin diese Verpflichtung besteht, und es nennt drei Felder, die man in ihrer Reihenfolge würdigen muss. An erster Stelle steht die Anbetung Gottes. Das ist bemerkenswert und gegen alle unsere Gewohnheit gesagt: Die Gemeinschaft der Heiligen zeigt sich zuerst darin, dass die Gläubigen gemeinsam vor Gott treten. Nicht das gesellige Beisammensein ist die erste Gestalt der Gemeinschaft, sondern der gemeinsame Gottesdienst. Wer die Gemeinschaft der Heiligen sucht, der findet sie zuerst dort, wo das Wort verkündigt, das Gebet gesprochen, das Abendmahl gefeiert wird. An zweiter Stelle stehen die übrigen geistlichen Dienste, die der gegenseitigen Erbauung dienen: das gegenseitige Ermahnen, Trösten, Lehren, Beten füreinander, alles, was den Glauben des anderen stärkt. An dritter Stelle steht die Hilfe in äusserlichen Dingen, nach den verschiedenen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Der eine hat mehr, der andere weniger; der eine kann geben, der andere ist bedürftig; und die Gemeinschaft ist der Ort, an dem dieses Gefälle ausgeglichen wird, nicht durch Zwang, sondern durch Liebe. Man sieht: Die Väter umspannen das ganze Leben des Menschen, das geistliche und das leibliche, das gemeinsame und das einsame, und sie lassen keine Seite aus. Das letzte Glied endlich weitet die Gemeinschaft über den eigenen Kreis hinaus, und auch hier steckt eine wichtige Bewahrung. Die Gemeinschaft ist, so wie Gott Gelegenheit gibt, auf alle auszudehnen, die an jedem Ort den Namen des Herrn Jesus anrufen. Zwei Dinge sind hier zu beachten. Das erste ist der Massstab der Ausweitung: Nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Partei, nicht die Übereinstimmung in allen Nebendingen, sondern das Anrufen des Namens des Herrn Jesus macht den anderen zu meinem Bruder. Das zweite ist die Bedingung, die die Väter einfügen: so wie Gott Gelegenheit gibt. Die Gemeinschaft mit den Heiligen an jedem Ort ist nicht die Aufforderung, die eigene Gemeinde zu verlassen oder die Pflichten am eigenen Ort zu vernachlässigen; sie wächst dort, wo Gott die Gelegenheit schenkt, im Gebet füreinander, in der Fürbitte für die Verfolgten, im Teilen der Nöte der fernen Geschwister. Die Väter lehren damit eine Gemeinschaft, die zugleich treu und weit ist, verwurzelt im eigenen Ort und offen für den ganzen Leib Christi, und sie hüten sie vor beiden Verirrungen: vor der Enge, die nur den eigenen Kreis kennt, und vor der Schwärmerei, die die greifbare Nähe über der fernen Weite versäumt. So ist dieser Abschnitt die vollständige Antwort auf die Frage, wie die Vereinigung mit Christus, von der der erste Abschnitt sprach, im Leben der Gläubigen Gestalt gewinnt. Er zeigt, dass die Gemeinschaft der Heiligen kein Gegenstand frommer Betrachtung ist, sondern ein Geflecht von Pflichten, das den ganzen Menschen ergreift, und er zeigt zugleich, dass diese Pflichten nicht Lasten sind, die man schweren Herzens trägt, sondern die natürlichen Äusserungen der Liebe, die der Geist in die Herzen ausgegossen hat. Wer das verstanden hat, für den ist der Abschnitt kein Gesetz, das ihn niederdrückt, sondern ein Spiegel, der ihm zeigt, was er in Christus schon ist, und ein Wegweiser, der ihm zeigt, wohin dieses Sein drängt.

Theologische Tiefe

Die Lehre, die dieser Abschnitt entfaltet, hat in der reformierten Theologie eine lange und reiche Auslegung erfahren, und es lohnt, auf einige ihrer Stimmen zu hören, denn jede beleuchtet einen anderen Winkel derselben Wahrheit. Owen hat wie kaum ein anderer die Pflicht der gegenseitigen Erbauung in ihrer ganzen Tiefe bedacht. Für ihn ist die Gemeinschaft der Heiligen keine Zugabe zum christlichen Leben, sondern eines der Mittel, durch die Gott den Glauben der Seinen erhält und mehrt. Er zeigt, dass Gott die Gnade nicht unmittelbar und in gleicher Fülle jedem Einzelnen zuteilt, sondern sie in die Gemeinschaft gelegt hat, sodass der eine sie vom anderen empfängt. Das Wort des Bruders, das Gebet der Schwester, die Ermahnung des Älteren, das Vorbild des Geduldigen, all das sind Kanäle, durch die Gott die Gnade fliessen lässt. Darum ist für Owen die Versammlung der Heiligen nicht ein Ort, an dem man Gott bequem begegnet, sondern der Ort, an dem Gott den Einsamen dem Nächsten gibt und den Schwachen durch den Starken trägt. Wer die Gemeinschaft meidet, der schneidet sich, ohne es zu wissen, von den Mitteln ab, durch die Gott ihn erquicken will, und macht sich ärmer, als er sein müsste. à Brakel legt das Gewicht auf die Seite des Abschnitts, die wir am liebsten übersehen: die Hilfe in äusserlichen Dingen. Er behandelt die Wohltätigkeit der Gläubigen nicht als eine Randpflicht, sondern als ein Stück des Glaubensgehorsams, das zum Wesen der Gemeinschaft gehört. Er zeigt mit grosser seelsorgerlicher Wärme, dass Gott die Unterschiede des Besitzes unter den Seinen nicht zufällig geordnet hat: Die einen haben Überfluss, die anderen Mangel, und gerade dieses Gefälle ist die Gelegenheit, in der die Liebe sich üben und bewähren soll. Der Reiche braucht den Armen, um zu lernen, dass sein Besitz ihm nicht gehört, sondern anvertraut ist, und der Arme braucht den Reichen, um zu erfahren, dass Gott für ihn sorgt durch die Hände der Brüder. à Brakel mahnt dabei, die Gabe nicht mit dem kalten Gefühl der Pflicht zu geben, sondern mit der Wärme, die aus dem Empfangen fliesst: Weil Christus uns alles gegeben hat, darum geben wir dem Bruder. Wer so gibt, der gibt nicht aus eigener Kraft, sondern aus der Fülle dessen, der selbst arm wurde, um uns reich zu machen. Diese Sicht bewahrt die Hilfe vor der Selbstgerechtigkeit des Gebers und vor der Beschämung des Empfängers, denn beide stehen unter demselben Herrn, von dem sie alles haben. Shaw erklärt in seiner Auslegung des Bekenntnisses mit der Nüchternheit, die den schottischen Ausleger kennzeichnet, die Ordnung, die dem Abschnitt zugrunde liegt. Er macht darauf aufmerksam, dass die Väter die Anbetung Gottes an die erste Stelle setzen, weil sie die Quelle ist, aus der alles Übrige fliesst. Wo die Anbetung erkaltet, da erkaltet auch die Erbauung und die Hilfe, denn niemand gibt aus sich selbst, was er nicht zuvor von Gott empfangen hat. Zugleich weist Shaw auf die Grenze hin, die der Abschnitt selbst zieht: Die Gemeinschaft ist auf alle auszudehnen, die den Namen des Herrn anrufen, und darin liegt ein Massstab, der die Liebe weitet und zugleich an die Wahrheit bindet. Nicht die blosse Menschlichkeit, nicht die allgemeine Verbundenheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, sondern das Anrufen des Namens Jesu ist der Grund der besonderen Gemeinschaft der Heiligen. Shaw hütet damit die Lehre vor einer Schwärmerei, die die Grenzen der Kirche auflöst, ohne der Weite der Liebe Abbruch zu tun. Die Gemeinschaft ist weit, aber sie ist nicht uferlos; sie reicht so weit, wie der Name Jesu angerufen wird, und keinen Schritt weiter. Turretin ordnet denselben Gedanken in den grossen Zusammenhang der Lehre von der Kirche ein. Für ihn ist die Anbetung Gottes das sichtbare Band, an dem man die wahre Kirche erkennt, denn wo das Wort rein gepredigt, die Sakramente recht verwaltet und die Zucht geübt werden, dort ist die Gemeinschaft der Heiligen gegenwärtig. Er besteht darauf, dass die Gemeinschaft keine unsichtbare Angelegenheit ist, die man ohne äussere Gestalt haben könnte, sondern dass sie sich in der versammelten, anbetenden, dienenden Gemeinde verkörpert. Zugleich unterscheidet er sorgfältig zwischen der äusseren Gemeinschaft, an der auch Heuchler teilhaben, und der inneren, die nur den wahrhaft Gläubigen zukommt, und er bewahrt damit die Lehre vor der Vermessenheit, die äussere Zugehörigkeit für den Glauben selbst zu halten. Diese Unterscheidung ist von bleibendem Wert: Sie lehrt uns, die Gemeinschaft ernst zu nehmen, ohne ihr zu viel zuzutrauen, und in ihr zu dienen, ohne auf sie unser Vertrauen zu setzen. Die Gemeinschaft der Heiligen ist die sichtbare Gestalt der unsichtbaren Gnade, nicht ihr Ersatz, und wer beides verwechselt, verliert beides. Boston endlich verknüpft die Lehre mit dem Abendmahl und zeigt, wie die Gemeinschaft der Heiligen dort ihren sichtbaren Höhepunkt erreicht. Am Tisch des Herrn versammelt sich die Gemeinde nicht als eine Menge Einzelner, die zufällig denselben Ort teilen, sondern als ein Leib, der von demselben Brot isst und aus demselben Kelch trinkt. Das eine Brot, so legt Boston den Apostel aus, macht die vielen zu einem Leib, und darum ist das Abendmahl das Siegel der Gemeinschaft, die der Abschnitt beschreibt. Hier wird sichtbar, was sonst verborgen ist: dass wir, so viele wir sind, ein Leib sind, weil wir alle an demselben Christus teilhaben. Boston zieht daraus eine Mahnung, die tief in die Seele dringt: Wer zum Tisch des Herrn geht und zugleich im Streit mit dem Bruder lebt, der lügt mit seinem Leib, denn er bekennt mit dem Mund, was er mit dem Herzen verneint. Das Abendmahl prüft darum die Gemeinschaft, die wir üben, und es treibt uns immer wieder zurück in die Versöhnung mit dem Bruder, ehe wir das Brot brechen. So wird der Gottesdienst, den die Väter an die erste Stelle setzen, für Boston zum Ort, an dem die Gemeinschaft sich sammelt, sich prüft und sich erneuert. Was alle diese Lehrer verbindet, ist die Überzeugung, dass die Gemeinschaft der Heiligen keine fromme Nebensache ist, sondern das Leben selbst, in dem der Glaube atmet und wächst. Sie haben die Lehre nie als eine trockene Pflichtenliste behandelt, sondern als die Beschreibung der Liebe, die der Geist in die Herzen ausgegossen hat, und sie haben darum immer beides zusammengehalten: den Ernst der Verpflichtung und die Wärme der Gnade. Aus dieser Einheit heraus wenden wir uns nun der Frage zu, was die Lehre für unser eigenes Leben bedeutet.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Mache die Anbetung Gottes zur ersten und nicht zur letzten Pflicht deiner Gemeinschaft, und ordne deinen Sonntag um sie herum. Wir neigen dazu, die Gemeinschaft der Heiligen an allem anderen zu messen als an dem, was die Väter zuerst nennen: an der Geselligkeit, an der Anzahl der Gespräche, an dem Gefühl, gebraucht zu werden. Der Abschnitt stellt die Ordnung zurecht. Die Gemeinschaft der Heiligen beginnt dort, wo die Gemeinde gemeinsam vor Gott tritt, und wer diese erste Pflicht versäumt, der wird auch die übrigen bald verlieren. Darum gib der Versammlung der Gemeinde den Platz, der ihr gebührt, nicht den Rest deiner Woche, sondern ihre Mitte. Komm, wenn du müde bist, komm, wenn dein Herz kalt ist, komm, wenn dir die Worte fehlen, denn du kommst nicht zu den Menschen, sondern zu dem Herrn, der dich ruft. Wo die Anbetung ihre Mitte hat, da ordnen sich auch die übrigen Pflichten, und du wirst erfahren, dass die Wärme, die du in der Gemeinschaft suchst, dir gerade dort geschenkt wird, wo du sie am wenigsten erwartest. Zweitens: Übe die gegenseitige Erbauung mit Absicht und nicht bloss mit guten Vorsätzen, denn die Liebe, die nicht spricht, bleibt dem Bruder verborgen. Der Abschnitt nennt die geistlichen Dienste, die der Erbauung dienen, und das heisst, dass sie ein Tun verlangen. Ein Wort der Ermutigung, das du nicht sagst, ein Dank, den du nicht ausdrückst, eine Mahnung, die du aus Angst vor dem Unangenehmen verschluckst, all das ist verpasste Gemeinschaft. Wir überschätzen die Macht unserer stummen Sympathie und unterschätzen die Macht eines gesprochenen Wortes. Der Bruder, der im Zweifel steht, braucht nicht dein stilles Mitgefühl, sondern dein Zeugnis von der Treue Gottes; die Schwester, die im Leid ist, braucht nicht deine verlegene Nähe, sondern dein Wort des Trostes aus der Schrift. Darum nimm dir vor, in jeder Woche mindestens einem Menschen ein Wort zu sagen, das ihn im Glauben stärkt, und du wirst entdecken, dass die Erbauung, die du gibst, zuerst dich selbst erbaut. Drittens: Öffne deine Augen für die äusserlichen Nöte der Brüder, und lass die Liebe nicht bei den Worten stehen bleiben. Es ist die Versuchung gerade der Frommen, das Geistliche so zu lieben, dass sie das Leibliche übersehen, und der Abschnitt stellt dieser Versuchung ein klares Wort entgegen. Der Bruder, der seine Arbeit verloren hat, die Witwe, die den Weg zur Gemeinde nicht mehr findet, die Familie, die mit dem Einkommen nicht mehr auskommt, die alte Schwester, die seit Wochen keinen Besuch hatte: Sie alle gehören zu dem Leib, dessen Glied du bist, und ihre Not ist deine Gelegenheit. Jakobus hat uns gesagt, was ein frommer Gruss ohne Tat wert ist, nämlich nichts. Darum frage dich am Ende jeder Woche, ob es jemanden gibt, dem du mit einer konkreten Handlung geholfen hast, und scheue dich nicht vor dem Kleinen. Eine Mahlzeit, ein Gang, ein Anruf, eine Gabe im Verborgenen, ein Stück Zeit, das du verschenkst, das alles ist Anbetung, die Gott gefällt, denn solche Opfer sind ihm wohlgefällig. Viertens: Lege das Gefälle zwischen deinem Überfluss und der Not des anderen aus als Gottes Ordnung, die dich zur Liebe erzieht, und gib nach deiner Fähigkeit, wie der Abschnitt es sagt. Wir reden uns gern ein, dass wir zu wenig haben, um zu geben, und vergessen dabei, dass die Schrift nicht nach dem Überfluss fragt, sondern nach der Fähigkeit. Der eine hat Geld, der andere Zeit, der dritte Kraft, der vierte ein offenes Haus, und jeder ist gehalten, mit dem zu dienen, was Gott ihm anvertraut hat. à Brakel hat uns gezeigt, dass die Unterschiede unter den Gläubigen kein Zufall sind, sondern die Gelegenheit, in der die Liebe sich übt. Darum vergleiche dich nicht mit denen, die mehr haben, und verstecke dich nicht hinter denen, die mehr geben könnten, sondern frage dich nüchtern, was dir anvertraut ist und wo es gebraucht wird. Wer treu mit dem Kleinen dient, der wird das Grosse erfahren, das Gott daraus wachsen lässt, und die Gemeinschaft wird dort lebendig, wo jeder sein Teil einbringt und keiner das Seine zurückhält. Fünftens: Weite dein Herz über den eigenen Kirchort hinaus, und bete und gib für alle, die den Namen des Herrn Jesus anrufen, wo auch immer sie leben. Es ist eine stille Gefahr jeder Ortsgemeinde, dass sie sich in sich selbst verschliesst und vergisst, dass sie nur ein Teil des einen Leibes ist. Der Abschnitt reisst diese Mauer ein. Die Gemeinschaft ist auf alle auszudehnen, die den Namen des Herrn anrufen, und das heisst für dich, dass die verfolgten Geschwister in der Ferne deine Brüder sind, dass die Einsamen in der eigenen Stadt deine Schwestern sind, dass die Gläubigen anderer Zunge und anderer Ordnung zu demselben Leib gehören wie du. Diese Weite ist kein Aufruf zur Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit, sondern zur Fürbitte, zur Gabe, zum Gruss über die Grenzen hinweg. Sie lehrt dich, am Morgen für dein Haus zu beten und ebenso für die Kirche Christi in aller Welt, und sie bewahrt dich vor der Enge, die aus einer Gemeinde eine Sekte macht. So wie Gott Gelegenheit gibt, das fügen die Väter hinzu, und darum suche die Gelegenheit, statt auf sie zu warten. Sechstens: Lass die Gemeinschaft am Tisch des Herrn ihre Mitte und ihre Prüfung haben, und versöhne dich mit dem Bruder, ehe du zum Altar trittst. Boston hat uns gezeigt, dass das Abendmahl das Siegel der Gemeinschaft ist, die der Abschnitt beschreibt, und eben darum ist es zugleich ihr Spiegel. Wer zum Tisch des Herrn geht, der bekennt damit, dass er mit Christus und mit den Seinen verbunden ist, und dieses Bekenntnis verpflichtet ihn zur Wahrhaftigkeit. Darum prüfe dich vor dem Abendmahl auf deinen Glauben und auf deine Liebe: Ist da ein Bruder, dem du vergeben musst, eine Schwester, die auf dein Wort wartet, ein Streit, den du geschlichtet hast, ohne ihn zu bereinigen? Geh hin, ehe du das Brot brichst, und versöhne dich, denn das Opfer, das Gott gefällt, ist nicht dein frommes Gefühl, sondern die Liebe, die dem Bruder die Hand reicht. Wo die Gemeinschaft am Tisch des Herrn in dieser Wahrhaftigkeit geübt wird, da wird sie zum Vorgeschmack des Himmels, wo die ganze Schar der Erlösten, ohne Streit und ohne Trennung, in ungetrübter Liebe vor dem Thron des Lammes stehen wird.

Gebet

Herr Jesus Christus, du Haupt deines Leibes, wir danken dir, dass du uns nicht zu einem einsamen Glauben berufen hast, sondern zu einer Gemeinschaft, die sichtbar werden soll in der Anbetung, in der Erbauung und in der Hilfe füreinander. Wir danken dir, dass du uns durch dein Bekenntnis aneinander gebunden hast und dass diese Bindung nicht auf unseren wechselnden Gefühlen ruht, sondern auf deiner Treue. Vergib uns, Herr, wo wir die Gemeinschaft gering geachtet haben. Wir haben die Versammlungen versäumt, wo du uns erwartet hast; wir haben unsere Worte zurückgehalten, wo ein Bruder auf sie wartete; wir haben unsere Hände verschlossen, wo die Not eines anderen an unsere Tür klopfte; wir haben uns in die Enge unseres eigenen Kreises zurückgezogen und die Weite deiner Kirche vergessen. Wasche uns rein von dieser Lieblosigkeit, und schenke uns neu die Liebe, die du in unsere Herzen ausgegossen hast. Lehre uns, dich zuerst zu suchen in der gemeinsamen Anbetung, und lass aus ihr die Erbauung und die Hilfe fliessen, die du von uns verlangst. Gib uns Augen für den, der am Rand steht, Herzen, die sich über die Grenzen hinweg weiten, und Hände, die geben, was du uns anvertraut hast, nach dem Mass unserer Fähigkeit und der Not des anderen. Und wenn unsere Gemeinschaft hier bruchstückhaft bleibt und unter unserer Sünde seufzt, dann richte unseren Blick auf den Tag, da du wiederkommen wirst, um alle, die deinen Namen anrufen, von jedem Ort und aus jeder Zeit zu sammeln zu der einen vollkommenen Gemeinschaft, in der wir dich schauen werden, wie du bist, und einander lieben werden, wie wir geliebt sind. Bis dahin bewahre uns in dieser Gemeinschaft, trage uns in ihr und lass uns sie dir zur Ehre und einander zum Wohl leben. Amen.
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