Andacht 146 von 171

Die Wirksamkeit bei Unwürdigen: Nur für Gläubige wirksam

Ch.27: Of the Sacraments — Abschnitt 5 • 2026-09-18 • 34 min
Die Sakramente des Alten Testaments waren, hinsichtlich der geistlichen Dinge, die dadurch bezeichnet und dargestellt wurden, dem Wesen nach dieselben wie die des Neuen Testaments.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 27, Abschnitt 5

Einleitung

Es war dieselbe Nacht und doch eine andere. Ein jüdischer Vater steht am Passahabend in seinem Haus, das Lamm ist geschlachtet, das ungesäuerte Brot liegt auf dem Tisch, und die Kinder fragen, wie es die Ordnung will: Was bedeutet dieser Dienst? Und der Vater antwortet, wie es die Väter seit dem Auszug geantwortet haben: Es ist das Opfer des Vorübergehens des Herrn, der an den Häusern der Kinder Israel vorüberging, als er Ägypten schlug. Jahrhunderte später steht ein anderer Vater an einem anderen Tisch, in einer oberen Kammer, und der Herr, dem er dient, hat eben das Brot genommen, gedankt, gebrochen und gesprochen: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Dieselbe Nacht und doch eine andere: dieselbe Erlösung, derselbe Gott, derselbe Bund, und doch ein neues Gewand, ein anderes Zeichen, ein helleres Licht. Hier, in dieser einen stillen Zusammenschau zweier Tische, liegt das ganze Geheimnis des kurzen Satzes, der nun vor uns liegt. Er ist der kürzeste dieses ganzen Kapitels, eine einzige, schmale Zeile, und er ist doch einer der am schwersten wiegenden Sätze des ganzen Bekenntnisses. Denn er entscheidet eine Frage, an der sich die Geister der Kirche seit ihrem Anfang geschieden haben: die Frage, ob das Volk Gottes des Alten Bundes und das Volk Gottes des Neuen Bundes denselben Glauben, denselben Christus und dieselbe Gnade hatten, oder ob das Alte Testament eine andere, geringere, bloss fleischliche Religion war, die mit dem Kommen Christi abgetan wurde. Die Westminster-Väter antworten mit einem einzigen Wort, und dieses Wort ist ein Bekenntnis: dem Wesen nach dieselben. Die Sakramente des Alten Testaments, die Beschneidung und das Passah, bezeichneten und stellten dieselben geistlichen Dinge dar wie die Taufe und das Abendmahl des Herrn. Was sich änderte, war das Gewand, die äussere Gestalt, die Klarheit und die Fülle; was blieb, war der Leib selbst, die Sache, die bezeichnet wurde: Christus und seine Wohltaten, dargestellt dem Glauben des Volkes Gottes durch sichtbare Zeichen. Es ist derselbe Bund in zwei Gewändern, und wer das Gewand für den Leib hält, hat weder das eine noch das andere verstanden. Und warum ist dieser Satz so kostbar? Weil er das Alte Testament dem Christen zurückgibt. Es gibt viele fromme Leute, die das Alte Testament lesen wie ein fremdes Buch, das von einer fremden Religion handelt, von einem zornigen Gott und einem fleischlichen Volk, das mit Blut und Riten umging und den wahren Gott doch nicht kannte. Diese Haltung ist so alt wie die Kirche selbst, und sie hat einen Namen bekommen, nach einem Mann des zweiten Jahrhunderts, der die beiden Testamente auseinanderreissen wollte. Gegen sie stellt der kleine Satz vor uns eine grosse Wahrheit: Die Heiligen des Alten Bundes hatten denselben Christus, und ihre Zeichen waren in ihrer Substanz dieselben wie unsere. Abraham sah den Tag Christi und freute sich. Mose hielt die Schmach Christi für grösseren Reichtum als die Schätze Ägyptens. Und wenn wir an den Tisch des Herrn treten, so treten wir an denselben Tisch, an dem im Glauben schon die Väter sassen, nur dass sie das Mahl in der Dämmerung der Verheissung hielten und wir es im Licht der Erfüllung feiern. Dieser Abschnitt schliesst das Kapitel von den Sakramenten ab, und er tut es, indem er den Blick zurückwendet. Wir haben betrachtet, was die Sakramente sind, wie Zeichen und Sache vereint sind, woher ihre Kraft kommt und in wessen Hände ihre Verwaltung gelegt ist. Nun tritt das fehlende Glied ein: Das, was wir im Neuen Bund empfangen, haben die Väter im Alten Bund schon empfangen. Die zwei Testamente sind nicht zwei Religionen, sondern zwei Zeitalter desselben Gnadenbundes; wer diese Einheit verliert, verliert den Bund selbst, und wer sie festhält, dem öffnet sich das ganze Alte Testament als die Vorgeschichte seiner eigenen Taufe und seines eigenen Abendmahls. Lasst uns diesen Satz nun hören, zuerst aus der Schrift, dann aus dem Mund der Väter und der Lehrer, und zuletzt für unser eigenes Herz.

Die biblischen Grundlagen

Es gibt einen Abschnitt der Schrift, der die Einheit der Sakramente beider Testamente so klar lehrt, dass man ihm nichts hinzufügen kann, und mit ihm müssen wir beginnen, weil er das Fundament des ganzen Satzes ist. Der Apostel Paulus schreibt an die Korinther, als er sie vor der Sicherheit des Fleisches warnt, und er erinnert sie an die Väter in der Wüste: »Ich will euch aber, liebe Brüder, nicht in Unwissenheit darüber lassen, dass unsre Väter alle unter der Wolke gewesen und alle durchs Meer gegangen sind; und alle sind auf Mose getauft worden durch die Wolke und durch das Meer und haben alle dieselbe geistliche Speise gegessen und haben alle denselben geistlichen Trank getrunken; sie tranken nämlich von dem geistlichen Felsen, der ihnen folgte; der Fels aber war Christus.« Hört mit Aufmerksamkeit, was Paulus hier tut, denn es ist erstaunlich und hat manchen frommen Leser beunruhigt. Er nimmt die Sprache des Neuen Bundes, das Wort Taufe, und legt sie auf die Väter des Alten Bundes: Sie wurden auf Mose getauft. Und er nimmt die Sprache des Abendmahls, geistliche Speise und geistlicher Trank, und legt sie auf die Wüste: Sie assen dieselbe geistliche Speise und tranken denselben geistlichen Trank. Der Apostel sagt nicht, sie hätten etwas Ähnliches wie unsere Sakramente gehabt, eine blosse Vorausdarstellung, ein irdisches Gleichnis von einer erst kommenden Wirklichkeit. Er sagt, sie hätten, dem Wesen nach, dasselbe gehabt: dieselbe Speise, denselben Trank, denselben Christus. Der Fels, aus dem das Wasser in der Wüste floss, war kein toter Stein, sondern ein lebendiger Christus, der sein Volk durch die Wüste begleitete und mit seiner Gnade tränkte. Die Zeichen wechseln, die Sache ist eins. Nun folgt die einzelne Entsprechung, die uns am nächsten liegt, die zwischen der Beschneidung und der Taufe. Paulus entfaltet sie im Brief an die Kolosser, wo er den Christen sagt, was mit ihnen in der Taufe geschehen ist, und er gebraucht dafür genau das Wort, das das Alte Testament für sein erstes Sakrament gebraucht: »In ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen geschieht, als ihr nämlich euer fleischliches Wesen ablegtet in der Beschneidung durch Christus. Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.« Hier steht es mit voller Deutlichkeit: Die Taufe ist die Beschneidung Christi, und die Beschneidung des Alten Bundes war die Taufe des Alten Bundes. Beide bezeichnen dieselbe Sache, die Abwaschung der Sünde und die Aufnahme in das Volk des Bundes, und beide führen ihren Empfänger in dieselbe Gemeinschaft mit Christus, in seinen Tod und in seine Auferstehung. Der Unterschied liegt allein in der äusseren Gestalt: dort ein Einschnitt am Fleisch, hier ein Bad mit Wasser; dort ein Zeichen, das den einen Leib Israels auszeichnete, hier ein Zeichen, das den Leib aller Völker umfasst. Aber das Geheimnis, das beide bezeichnen, ist nicht zwei Geheimnisse, sondern eines. Und wie die Beschneidung der Taufe entspricht, so entspricht das Passah dem Abendmahl, und auch diese Entsprechung lehrt die Schrift mit eigenen Worten. Paulus schreibt an dieselbe Gemeinde in Korinth, mitten in einem Abschnitt, der die Reinheit der Gemeinde anmahnt: »Denn auch wir haben ein Passalamm, das ist Christus, der geopfert ist.« Das Wort Passah, im Griechischen pascha, bedeutet eigentlich das Vorübergehen, und es erinnert an jene Nacht, da der Würgengel an den Häusern vorüberging, deren Türpfosten mit dem Blut des Lammes bestrichen waren. Israel schlachtete Jahr für Jahr dieses Lamm und ass es mit ungesäuertem Brot, und in diesem Mahl lag seine ganze Erlösung verschlossen. Nun sagt Paulus: Dieses Lamm, das ist Christus. Das Passah des Alten Bundes und das Abendmahl des Neuen Bundes sind nicht zwei verschiedene Erlösungen, sondern ein und dieselbe Erlösung, gefeiert an zwei verschiedenen Tischen. Das alte Mahl schaute voraus auf das Lamm, das geschlachtet werden sollte; das neue Mahl schaut zurück auf dasselbe Lamm, das geschlachtet ist. Und beide speisen denselben Glauben mit demselben Christus. Das Brot und der Wein des Neuen Bundes bezeichnen nichts anderes als das Fleisch und das Blut jenes Lammes, das schon in der Nacht Ägyptens den Tod von Israel abwandte. Es ist derselbe Tisch, gedeckt in der Dämmerung und im Licht. Doch hier erhebt sich ein Einwand, und die Schrift selbst nimmt ihn auf. Heisst es nicht, dass das Alte Testament nur einen Schatten hatte? Der Hebräerbrief sagt: »Denn das Gesetz hat nur einen Schatten von den zukünftigen Gütern, nicht das Wesen der Güter selbst.« Darf man da noch sagen, die Sakramente seien dem Wesen nach dieselben? Hier müssen wir genau unterscheiden, und die Unterscheidung löst die scheinbare Spannung. Der Hebräerbrief spricht nicht von den Sakramenten als blossen Schatten ohne jede geistliche Wirklichkeit; er spricht von der Ordnung des Alten Bundes im Vergleich zu der Fülle des Neuen. Der Schatten ist nicht eine Lüge, sondern die Vorankündigung des Leibes, und der Leib, den er ankündigt, ist kein anderer als Christus, derselbe, den schon der Fels in der Wüste bedeutete. Ein Schatten gehört zu demselben Leib und bezeugt denselben Leib. Israel hatte nicht das volle Licht der Erfüllung, aber es hatte wahrhaftig den Christus der Verheissung, und seine Zeichen waren echte Zeichen der Gnade, wenn auch eingehüllt in eine grössere Dämmerung. Darum können wir beides festhalten: Die Sakramente des Alten Bundes waren geringer an Klarheit und Fülle, aber dem Wesen nach dieselben wie die unseren. Der Unterschied liegt in der Verwaltung, nicht in der Sache. Und was ist dann der eigentliche Unterschied zwischen den beiden Testamenten? Paulus fasst ihn in ein einziges Bild, und dieses Bild ist keine Illustration, sondern biblisches Wort selbst. Er schreibt an die Galater: »So ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus hin, damit wir durch den Glauben gerecht würden.« Und wenige Verse später: »Ich sage aber: Solange der Erbe unmündig ist, ist zwischen ihm und einem Knecht kein Unterschied, obwohl er Herr ist über alle Güter; sondern er untersteht Vormündern und Pflegern bis zu der Zeit, die der Vater bestimmt hat. So auch wir: Als wir unmündig waren, waren wir in der Knechtschaft der Mächte der Welt. Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen.« Hier ist die ganze Sache in einem Bild: Der Erbe ist von seiner Geburt an Erbe, derselbe Mensch, dem dieselben Güter gehören; aber solange er ein Kind ist, wird er gehalten wie ein Knecht, unter Vormündern und Pflegern, in einer Zucht, die seiner Kindheit angemessen ist. So verhält es sich mit dem Volk Gottes. Die Väter des Alten Bundes waren Erben, derselbe Christus gehörte ihnen, dieselbe Erlösung war die ihre; aber sie wurden gehalten in der Zucht der Kindheit, unter einer Ordnung von Zeichen, die ihrem noch unmündigen Zustand entsprach. Dann kam die Fülle der Zeit, der Sohn wurde geboren, und die Kindschaft wurde ausgerufen: Nun steht der Erbe in der Freiheit und Klarheit des erwachsenen Sohnes. Der Unterschied zwischen Altem und Neuem Bund ist der Unterschied zwischen dem unmündigen Kind und dem erwachsenen Sohn, nicht der Unterschied zwischen zwei verschiedenen Menschen. Es ist derselbe Bund, dieselbe Kindschaft, derselbe Christus; nur das Gewand der Kindheit ist abgelegt und das Gewand der Sohnschaft angelegt. Und genau das meint unser kleiner Satz: dem Wesen nach dieselben. Ein letztes Zeugnis, und es führt uns an das Herz des Unterschieds, der hier allein zählt. Paulus schreibt an die Römer: »Denn nicht der ist ein Jude, der es äusserlich ist, auch ist nicht das die Beschneidung, die äusserlich am Fleisch geschieht; sondern der ist ein Jude, der es inwendig verborgen ist, und das ist die Beschneidung des Herzens, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht.« Das Äussere des Zeichens wandelt sich, das Fleisch des einen weicht dem Wasser des anderen; aber das Innere, die Beschneidung des Herzens, bleibt von Anfang bis ans Ende ein und dasselbe Werk. Der Unterschied zwischen Buchstabe und Geist ist nicht der Unterschied zwischen zwei Bünden, sondern zwischen dem äusseren Vollzug und der inneren Wirklichkeit, und diese Wirklichkeit war im Alten Bund schon dieselbe, die sie im Neuen ist. Es gibt in der Schrift nicht zwei Gnaden; es gibt eine Gnade, einen Geist, eine Beschneidung des Herzens, und die Zeichen wandeln ihre Gestalt, während die Sache selbst unwandelbar bleibt.

Was die Westminster-Väter meinten

Die Westminster-Väter schrieben diesen Satz nicht ins Leere. Er ist die Antwort auf einen alten und hartnäckigen Irrtum, und wer den Irrtum nicht kennt, dem bleibt die Schärfe des Satzes verborgen. Schon im zweiten Jahrhundert stand ein Mann auf, dessen Name zum Inbegriff dieses Irrtums geworden ist: Marcion. Er lehrte, der Gott des Alten Testaments sei ein anderer Gott als der Vater Jesu Christi, ein zorniger, gerechter, fleischlicher Gott, und das Alte Testament sei darum nicht die Schrift der Christen, sondern das Buch eines fremden Glaubens, das man verwerfen müsse. Die Kirche hat ihn verworfen, aber sein Geist ist nicht gestorben. Er kehrt wieder, wann immer jemand das Alte Testament als ein blosses Buch der Riten und des Zorns abtut, als eine Religion des Fleisches, die mit dem Kommen Christi erledigt sei, oder als eine Vorgeschichte, der man keinen Anteil an der christlichen Gnade zubilligt. Gegen diesen Geist setzten die Väter den kleinen Satz: Die Sakramente des Alten Testaments waren dem Wesen nach dieselben wie die des Neuen. Aber es gab noch einen zweiten Irrtum auf der anderen Seite, und er war in den Tagen der Väter der lebendigere. In ihrem eigenen England und auf dem ganzen Kontinent waren die Schwärmer und Täufer aufgestanden, Männer, die das Alte Testament gering schätzten und meinten, der Neue Bund habe den Alten nicht erfüllt, sondern zerstört. Sie verwarfen die Kindertaufe gerade deshalb, weil sie in der Taufe nicht die Fortsetzung der Beschneidung erkannten; sie meinten, der Bund Gottes mit Abraham sei ein fleischlicher Bund gewesen, der mit dem Kommen Christi geendet habe. Wer so denkt, so sahen die Väter, der hat nicht nur die Taufe verloren, sondern den einen Gnadenbund selbst; denn er reisst das Werk Gottes auseinander und macht aus der einen Geschichte der Erlösung zwei einander fremde Geschichten. Der Satz vor uns ist darum zugleich ein Schwert gegen den alten Irrtum Marcions und gegen den neuen der Schwärmer: Er hält fest, dass die Sakramente beider Testamente dieselben geistlichen Dinge bezeichnen, und verbürgt damit, dass der Bund selbst ein einziger ist. Nun ist es nicht ohne Grund, dass die Väter ihre Worte so behutsam setzten. Sie sagten nicht, die Sakramente des Alten Testaments seien in jeder Hinsicht dieselben wie die des Neuen; sie sagten, sie seien hinsichtlich der geistlichen Dinge, die dadurch bezeichnet und dargestellt wurden, dem Wesen nach dieselben. Der Unterschied zwischen den Testamenten ist nicht geleugnet, sondern an seinen rechten Ort gesetzt. An der äusseren Gestalt, an der Klarheit, an dem Mass der Ausgiessung des Geistes, an der Weite der Verkündigung sind die beiden Verwaltungen des Bundes sehr verschieden; das Kind und der erwachsene Sohn tragen nicht dasselbe Gewand. Aber was das Wesen betrifft, die bezeichnete Sache, so sind die Sakramente eins. Die Beschneidung und die Taufe bezeichnen beide die Abwaschung der Sünde und die Aufnahme in den Bund; das Passah und das Abendmahl bezeichnen beide Christus, das geopferte Lamm, und die Gemeinschaft an seinem Tod und Leben. Man darf in diesem Satz auch eine stille Zurechtweisung der römischen Kirche hören. Rom hatte nicht nur die Zahl der Sakramente vermehrt, von der wir im vorigen Abschnitt hörten, sondern es hatte auch die Sakramente des Alten Bundes herabgesetzt, als seien sie bloss äussere und zeitliche Ordnungen gewesen, die keine eigentliche Gnade in sich trugen. Auf diesem Boden wuchs der ganze Bau des römischen Zeremonienwesens: Wenn die alten Zeichen nur Schatten ohne Gnade waren, dann bedarf die Kirche neuer, wirkkräftiger Zeichen. Die Väter sahen, wieviel an dieser einen Weichenstellung hängt, und stellten sie mit einem einzigen Wort gerade. Die alten Zeichen waren keine leeren Schatten; sie waren wahrhafte Sakramente, die dem Glauben Israels Christus selbst darstellten und versiegelten. Wer das festhält, braucht keine Vermehrung der Sakramente; er hat in Taufe und Abendmahl alles, was die Väter in Beschneidung und Passah schon hatten, nur in grösserer Klarheit. Und so bindet dieser letzte Satz den ganzen Abschnitt zusammen und führt das Kapitel zu seinem Ziel. In den ersten Abschnitten haben wir gesehen, was ein Sakrament ist, wie Zeichen und Sache sich verbinden, woher seine Kraft kommt und wessen Hände es verwalten; nun tritt das letzte Glied hinzu, das die Einheit des Ganzen verbürgt. Derselbe Gnadenbund, der im Alten Testament durch Beschneidung und Passah bezeichnet und versiegelt wurde, wird im Neuen durch Taufe und Abendmahl bezeichnet und versiegelt. Es ist nicht ein neuer Bund in dem Sinn, dass eine neue Gnade oder ein neuer Christus erschienen wäre; es ist der eine Bund, dessen Zeichen im Glanz der Erfüllung ihr Gewand gewechselt haben. Wer diese Einheit bekennt, der bekennt damit zugleich, dass die Kirche des Neuen Bundes keine neue Erfindung ist, sondern das alte Volk Gottes, erweitert auf alle Völker, gespeist an demselben Christus, nur dass die Zeit der Vormünder vorüber und die Zeit der erwachsenen Sohnschaft gekommen ist.

Theologische Tiefe

Diese Wahrheit haben die Väter nicht erst entdeckt; sie haben sie aus der Mitte der reformierten Überlieferung empfangen, und nirgends ist sie tiefer verwurzelt als in der zürcherischen Theologie, der dieses Kapitel für ein Schweizer Ohr seine vertrauteste Stimme verdankt. Denn die Einheit des Bundes war von Anfang an das eigentliche Thema der Zürcher. Bullinger hat sie in seinen Dekaden, jenem Hausbuch der reformierten Pfarrer, breit entfaltet: Der Bund Gottes mit den Vätern und der Bund Gottes mit uns sind nicht zwei Bünde, sondern ein einziger, von Adam an bis ans Ende der Welt. Es ist derselbe Gott, der mit Abraham redete und der in Christus redet; dieselbe Gnade, die den Vätern in den Zeichen von Beschneidung und Passah entgegenkam und die uns in Taufe und Abendmahl entgegenkommt; derselbe Christus, den Abraham im Glauben sah und den wir im Glauben ergreifen. Wer diese Einheit verliert, dem zerfällt die Bibel in zwei fremde Bücher; wer sie festhält, dem wird das Alte Testament zur eigenen Vorgeschichte und die Taufe zum Siegel desselben Bundes, den Gott mit Abraham schloss. Zwingli, der diese Linie begründete, hatte dasselbe schon scharf gesehen. Er hatte in den Auseinandersetzungen mit den Täufern seiner eigenen Stadt erfahren, wieviel an der Einheit des Bundes hängt, denn die Täufer verwarfen die Kindertaufe gerade darum, weil sie die Taufe nicht als die Beschneidung des Neuen Bundes erkannten. Zwingli antwortete ihnen mit demselben Zeugnis, das Paulus den Kolossern gab: Die Taufe ist die Beschneidung Christi, und die Beschneidung war die Taufe des Alten Bundes. Er sah, dass die Täufer, indem sie die beiden Zeichen auseinanderrissen, im Grunde die beiden Testamente auseinanderrissen und damit den einen Gnadenbund Gottes zerschnitten. Darum hielt er an der Einheit fest: Was die Väter in den alten Zeichen hatten, das haben wir in den neuen, nicht weniger, sondern klarer. Hier steht die Zürcher Sache auf demselben Boden wie die Westminster-Väter, und der Hörer dieses Landes darf wissen, dass er in diesem Satz das Erbe seiner eigenen Väter hört. Calvin hat dieselbe Wahrheit in der Institutio mit der ihm eigenen Klarheit entfaltet. Er lehrt, die Sakramente des Alten Bundes seien mit den unsrigen ein und dasselbe, weil sie ein und dieselbe Sache bezeichnen, und der Unterschied liege allein in der grösseren Klarheit der Erfüllung. Die Beschneidung war den Juden dasselbe wie uns die Taufe, das Zeichen der Reinigung von der Sünde und der Aufnahme in das Volk Gottes; das Passah war ihnen dasselbe wie uns das Abendmahl, die Speisung des Glaubens mit Christus, dem geopferten Lamm. Calvin geht so weit zu sagen, die Väter hätten in ihren Sakramenten sogar eine gewisse Gegenwart Christi gehabt, nicht die leibliche, die Rom erträumt, aber die geistliche, die der Glaube ergreift; denn der Fels, aus dem Israel trank, war Christus. Nur darin unterscheiden sich die Zeitalter, dass den Vätern das Licht der Verheissung gegeben war, uns aber das Licht der Erfüllung. Die Sache ist eins, die Verwaltung ist verschieden; und wer diesen Unterschied verwischt oder diese Einheit zerreisst, hat Calvin gegen sich. Hodge, dessen Auslegung uns durch dieses ganze Kapitel begleitet, zieht aus dem Satz die Folgerung, die wir am leichtesten übersehen. Er besteht darauf, dass die Heiligen des Alten Bundes wahrhaftig erlöst und wahrhaftig mit Christus vereint waren, und zwar durch denselben Glauben, der uns erlöst, nicht durch einen Glauben an eine erst kommende Gnade, sondern durch den Glauben an denselben Erlöser, der schon den Vätern gegenwärtig war. Die Sakramente beider Testamente sind dem Wesen nach eins, weil die Gnade, die sie bezeichnen, dem Wesen nach eins ist; es gibt nicht zwei Gnaden, sondern eine Gnade, eine Erlösung, ein Christus, der gestern und heute derselbe ist. Und daraus folgt für Hodge etwas Grosses: Das Volk Gottes ist durch alle Zeiten ein einziges Volk, eine einzige Kirche, gesammelt unter einem Bund, gespeist an einem Tisch, gehalten durch einen Glauben. Der Christ des Neuen Bundes steht in der Gemeinschaft Abrahams und Davids und aller Heiligen des Alten; er ist kein Fremder in ihrer Gesellschaft, sondern ein Mitbürger desselben Reiches. Der niederländische Theologe à Brakel, dessen Werk über die christliche Glaubenslehre den Frommen seiner Zeit ein Hausbuch war, treibt dieselbe Wahrheit bis in die Anwendung hinein. Er zeigt, dass die Einheit der Sakramente eine Einheit des Glaubens verbürgt: Weil die Väter dieselben geistlichen Dinge in ihren Zeichen hatten wie wir in den unseren, darum ist ihr Glaube unser Glaube und ihr Trost unser Trost. Was Abraham in der Beschneidung hatte, das haben wir in der Taufe; was Israel am Passah hatte, das haben wir am Abendmahl. à Brakel ermutigt darum die Gläubigen, das Alte Testament nicht als ein fremdes und finsteres Buch beiseite zu legen, sondern als das eigene Erbe des Bundesvolkes zu lesen, als die Geschichte desselben Bundes, in dem auch wir stehen. Die Einheit der Sakramente ist ihm ein Trost für den schwachen Glauben: Du stehst nicht am Anfang einer neuen, ungewissen Sache, sondern in der Mitte einer alten, festen, von Gott selbst geführten Geschichte, und die Zeichen, die du empfängst, sind die Zeichen, die Gott seinem Volk von jeher gegeben hat. Unter all dieser Tiefe schlägt ein seelsorgerliches Herz. Die Einheit der Sakramente ist nicht gelehrte Spitzfindigkeit, sondern Trost für zitternde Gewissen. Denn wenn die Sakramente des Alten und des Neuen Bundes dem Wesen nach eins sind, dann ist die Erlösung, die uns in der Taufe versiegelt und am Tisch dargereicht wird, nicht die Erfindung eines neuen Zeitalters, sondern der alte, ewige Ratschluss Gottes, von Anbeginn getrieben und durch alle Zeiten bezeugt. Dann ist unser Glaube kein Wagnis auf eine unbekannte Zukunft, sondern das Festhalten an einem Bund, der so alt ist wie die Verheissung und so fest wie der Eid, mit dem Gott ihn geschworen hat. Und wenn wir zum Tisch treten, wissen wir, dass wir nicht allein dort sitzen, sondern in der unsichtbaren Gemeinschaft Abrahams und Moses und Davids und aller Heiligen, die mit uns an demselben Christus Anteil haben. Wer den kleinen Satz in sein Herz aufnimmt, trägt die ganze Kirche aller Zeiten mit sich, wenn er zum Taufstein tritt und das Brot empfängt.

Anwendung für das reformierte Leben

Lasst uns diese Wahrheit nun an das Herz bringen, denn ein Satz, der die ganze Schrift umspannt, will in das ganze Leben hinabsteigen. Erstens: Lerne, das Alte Testament als dein eigenes Buch zu lesen. Es ist eine stille Sünde vieler Christen, das Alte Testament als ein fremdes, schweres, halb überwundenes Buch zu behandeln, aus dem man allenfalls Geschichten für die Kinder und Psalmen für die Trauer nimmt, das aber im übrigen von einer Religion handelt, die nicht mehr die unsere ist. Dieser Satz verwirft diese Haltung mit einer einzigen Zeile. Das Alte Testament ist deine Vorgeschichte. Die Väter in der Wüste assen dieselbe geistliche Speise wie du, sie tranken aus demselben Felsen, der Christus ist; die Beschneidung war deine Taufe und das Passah dein Abendmahl, gehalten im Schatten der Verheissung. Lies es darum nicht wie ein Buch über fremde Leute, sondern wie das erste Kapitel deiner eigenen Geschichte: Abraham als deinen Vater im Glauben, die Psalmen als deine Lieder, gesungen von Brüdern, die denselben Christus sahen wie du, nur durch ein dunkleres Glas. Wenn du diese Einheit festhältst, wird dir das Alte Testament nicht kleiner und nicht fremder, sondern grösser und vertrauter, bis es dir so nahe ist wie der Bund, in dem du stehst. Zweitens: Erkenne in der Taufe deiner Kinder die Beschneidung des Bundes. Viele Gläubige fragen sich, ob die Kindertaufe einen Grund in der Schrift habe, und der Grund liegt genau in dem Satz, der vor uns steht. Der Bund Gottes ist ein einziger, und das Zeichen des Bundes gehört den Gläubigen und ihren Kindern, wie es von Abraham an gewesen ist. Die Taufe ist die Beschneidung Christi, die an die Stelle des alten Zeichens getreten ist; und wie das alte Zeichen den Kindern des Bundes gegeben wurde, so wird das neue den Kindern des Bundes gegeben. Wer die Einheit der Sakramente bekennt, der versteht, warum die Kirche von Anfang an die Kinder der Gläubigen getauft hat: Sie hat in ihnen die Nachkommen des Bundes erkannt, denen das Zeichen des Bundes gebührt. Lass darum deine Taufe und die deiner Kinder dir nicht als ein blosser Brauch erscheinen, sondern als das Siegel des einen, alten, unverbrüchlichen Bundes, den Gott mit Abraham geschlossen und in Christus erneuert hat. Du stehst in einer Kette, die bis zu Abraham zurückreicht. Drittens: Komm an den Tisch des Herrn in der Gewissheit, dass du nicht der erste dort bist. Es ist eine der grössten Stärkungen des Glaubens, zu wissen, dass das Abendmahl nicht ein neues Fest ist, sondern das alte Passah, gefeiert im Licht. Als Israel in Ägypten das Lamm ass, sass es an demselben Tisch, an dem du sitzt; als es in der Wüste aus dem Felsen trank, trank es denselben Christus, den dir der Kelch darreicht. Wenn du zögerst, weil du dich unwürdig fühlst, so bedenke: Nicht deine Würdigkeit macht das Mahl zu dem, was es ist, sondern Christus, der es eingesetzt hat. Komm, wie die Väter kamen, im Glauben an dasselbe Lamm, und du wirst mit ihnen genährt werden. Viertens: Hüte dich vor jedem Versuch, die beiden Testamente auseinanderzureissen. Der Geist, der einst Marcion trieb, ist nicht gestorben; er lebt in jeder Lehre, die aus dem Alten Testament ein Buch des Zorns und aus dem Neuen ein Buch der Gnade machen will, als seien es zwei Götter und zwei Religionen. Er lebt auch in der entgegengesetzten Verirrung, die das Alte Testament als ein blosses Gleichnis ohne geistliche Wirklichkeit abtut. Beide Irrtümer zerschneiden den Bund, den Gott als einen einzigen geschlossen hat. Halte darum fest: derselbe Gott, derselbe Christus, dieselbe Gnade, von der ersten Verheissung an bis zu ihrer Erfüllung. Der Gott, der Feuer und Schwefel über Sodom regnen liess, ist derselbe, der seinen Sohn für dich dahingab, und die Heiligkeit, die dort strafte, ist dieselbe, die dich hier erlöst. Wer das Alte Testament verliert, verliert am Ende den Christus des Neuen. Fünftens: Lass die Klarheit des Neuen Bundes dich demütig und dankbar machen. Die Väter hatten die Wahrheit im Schatten, du hast sie im Licht; sie waren unmündige Erben unter Vormündern, du bist ein erwachsener Sohn im Haus des Vaters. Diese Klarheit ist keine Ursache zum Hochmut, sondern zur tiefsten Dankbarkeit, denn sie ist eine Gabe der Fülle der Zeit, in der Gott seinen Sohn sandte. Wenn du die Schrift in deiner Sprache lesen und den gekreuzigten Christus deutlich gepredigt hören kannst, so bedenke, dass Abraham dies alles nur von ferne sah, und preise den Gott, der dich in eine solche Zeit gestellt hat. Zugleich lasse diese Klarheit dich nüchtern bleiben: Wem viel Licht gegeben ist, von dem wird viel gefordert. Wandle als ein Kind des Lichts, damit das Licht nicht wider dich zeuge. Sechstens und zuletzt: Lebe in der Gemeinschaft der einen Kirche aller Zeiten. Der Satz vor uns verbindet dich mit Abraham, mit Mose, mit David, mit allen Heiligen des Alten Bundes, die denselben Christus im Glauben ergriffen. Du bist nicht der erste und nicht der letzte; du stehst in einer Wolke von Zeugen, die vor dir gelaufen sind und dir den Weg gewiesen haben. Wenn du einsam bist in deinem Glauben, wenn die Welt um dich her deinen Christus verachtet, so denke an diese unsichtbare Gemeinschaft, die dich umgibt. Bis zum grossen Tag, da der Schatten endgültig dem Leib weicht, halte fest an dem einen Bund, empfange die Zeichen des einen Bundes in dem Glauben der einen Kirche und wandle in der Hoffnung, dass du mit allen, die je an demselben Felsen getrunken haben, das Lamm sehen wirst, das geschlachtet ist.

Gebet

Herr, unser Gott, du Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der du derselbe bist gestern und heute und in Ewigkeit, wir preisen dich für die Einheit deines Bundes, die sich durch alle Zeiten zieht und uns mit den Vätern verbindet. Wir danken dir, dass du dem Alten Testament nicht einen fremden und geringeren Glauben gegeben hast, sondern denselben Christus, den du uns im Evangelium offenbarst, und dass die Zeichen, die du Israel gabst, schon deine Gnade bezeichneten und versiegelten. Wir danken dir für die Beschneidung des Bundes und für das Passahlamm, die uns in der Taufe und im Abendmahl des Herrn erneuert und erfüllt sind. Wir danken dir, dass wir nicht am Anfang einer ungewissen Sache stehen, sondern in der Mitte einer alten, festen, von dir selbst geführten Geschichte, und dass das Brot, das wir brechen, dasselbe Christuslamm ist, das schon in Ägypten den Tod von deinem Volk abwandte. Vergib uns, Herr, wo wir dein Altes Testament geringgeachtet, als ein fremdes Buch beiseitegelegt oder die zwei Testamente in unserem Denken auseinandergerissen haben. Lehre uns, das Alte Testament als unser eigenes Erbe zu lesen und in der Taufe das Siegel desselben Bundes zu erkennen, den du mit Abraham geschlossen hast. O du Geist, der du die Väter in der Wüste getränkt und die Propheten erleuchtet hast, wirke du auch in uns, dass der äussere Buchstabe uns niemals eine leere Hülle sei. Gib uns die Beschneidung des Herzens, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht, und nähre uns an dem Felsen, der Christus ist, bis wir an den Tag kommen, da wir ihn sehen, wie er ist. Du bist das Lamm, das geschlachtet ist, o Christus, und du bist es gewesen von Anbeginn der Welt. Sammle uns, wir bitten dich, mit Abraham und Mose und allen Heiligen an den einen Tisch deiner Herrlichkeit, wo der Schatten weicht und das Zeichen dem Schauen Platz macht. In deinem Namen und zu deiner Ehre beten wir. Amen.
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