Andacht 152 von 171

Die Gnade der Taufe: Nicht untrennbar an den Augenblick gebunden

Ch.28: Of Baptism — Abschnitt 6 • 2026-09-24 • 32 min
Die Wirksamkeit der Taufe ist nicht an jenen Zeitpunkt gebunden, in dem sie gespendet wird; dennoch wird durch den rechten Gebrauch dieser Einsetzung die verheissene Gnade nicht nur angeboten, sondern wirklich dargeboten und mitgeteilt durch den Heiligen Geist, und zwar denen (ob Erwachsenen oder Kindern), denen diese Gnade zukommt, nach dem Ratschluss von Gottes eigenem Willen zu seiner bestimmten Zeit.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 28, Abschnitt 6

Einleitung

Im Kirchenbuch steht es schwarz auf weiss. Da ist ein Datum verzeichnet, ein Tag des Monats, zuweilen auch die Stunde, und daneben der Name des Kindes und der Name des Dieners, der das Wasser goss. Der Augenblick, in dem die Taufe vollzogen wurde, ist so genau festgehalten, wie Menschen einen Augenblick nur festhalten können. Und doch, Geliebte, liegt in dieser Genauigkeit eine stille Gefahr verborgen, ein Missverständnis, das mehr Seelen in die Irre geführt hat als mancher offene Irrtum. Wir meinen nämlich, weil der Augenblick der Taufe so genau zu bestimmen ist, müsse auch die Gnade, die das Wasser bezeichnet, in eben diesem Augenblick geschehen sein, als wäre der Geist Gottes an die Stunde gebunden, die das Kirchenbuch nennt. Dieser Satz des Bekenntnisses, der letzte vor dem Schluss dieses Kapitels, ist wie eine Hand, die das Kirchenbuch zuklappt und uns auf etwas Grösseres weist. Er lehrt uns, dass es zwei Uhren gibt, nach denen Gott mit uns handelt, und dass die eine nicht die andere ist. Da ist die Uhr der Kirche, die den Tag und die Stunde der Taufe misst, und da ist die Uhr des göttlichen Ratschlusses, die niemand sehen und niemand lesen kann ausser Gott allein. Die Gnade, die in der Taufe verheissen und versiegelt wird, ist nicht an die erste Uhr gebunden. Sie kommt, wann der Herr es will, zu seiner bestimmten Zeit, und diese seine Zeit ist so wenig an unsere Uhren gekettet, wie der Wind an die Mauern gekettet ist, zwischen denen er bläst. Begreife dies, und du bist gerettet vor zwei Ängsten, die viele Herzen quälen. Die eine ist die Angst des Aberglaubens, der meint, wo das Wasser nicht im selben Augenblick das Herz ergriffen habe, da sei überhaupt nichts geschehen, und der darum die Taufe entweder zu einem Zauber macht oder sie verachtet, wenn der Zauber ausbleibt. Die andere ist die Angst der Verzweiflung, die einen Getauften, der die Gnade noch nicht in sich spürt, und einen bangenden Elternteil zu dem Schluss verleitet, die Taufe sei wirkungslos gewesen, weil die Frucht nicht noch am selben Tag hervorspross. Zwischen diesen beiden Ängsten führt der Satz der Westminster-Väter hindurch, indem er zwei Dinge zugleich festhält: dass die Gnade in der Taufe wirklich mitgeteilt wird, und dass sie zu einer Zeit mitgeteilt wird, die Gott allein bestimmt.

Die biblischen Grundlagen

Der Grund dieses Abschnitts muss im Wort Gottes gelegt werden, und dort finden wir ihn an mehr als einer Stelle, denn die Schrift redet von der Wirksamkeit der Taufe nicht mit der Ungeduld der Menschen, sondern mit der Ruhe dessen, der die Zeiten in seiner Hand hält. Beginnen wir mit einem Wort, das wie geschaffen ist für diesen Satz, und es steht in dem Brief an Titus. Paulus schreibt von der grossen Wende, die Gott an uns vollzogen hat, und fasst sie in ein Bild, das die Taufe unmittelbar vor Augen hat: »Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig, nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit, durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.« Das griechische Wort, das Luther mit Wiedergeburt wiedergibt, ist paliggenesia, und es meint das Wieder-Werden, die neue Geburt, die Erneuerung eines Menschen aus dem Tod in das Leben. Nun achte mit aller Sorgfalt darauf, wer hier der Handelnde ist und wer das Werkzeug. Der Handelnde ist Gott, der uns selig macht; das Bad ist das äussere Zeichen; die Kraft aber, die darin wirkt, ist allein der Heilige Geist. Paulus sagt nicht, das Wasser habe uns von neuem geboren. Er sagt, Gott habe uns durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist selig gemacht. Die Wiedergeburt ist das Werk des Geistes, nicht die Leistung des Wassers, und darum ist sie nicht an den Augenblick gebunden, in dem das Wasser fliesst, sondern an den Augenblick, in dem der Geist es gefällt, sein Werk am Herzen zu tun. Nun tritt der Herr selbst vor uns, und er spricht zu Nikodemus ein Wort, das alle Uhren der Menschen zerbricht: »Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weisst nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.« Im Griechischen steht hier zweimal dasselbe Wort, pneuma, das zugleich Wind und Geist bedeutet, und der Herr spielt mit diesem Doppelsinn, um uns die Freiheit des Geistes zu lehren. Der Wind kommt und geht, wann und wo es ihm gefällt; du hörst sein Rauschen, aber du kannst ihn nicht festhalten, nicht auf eine Stunde bestellen, nicht an einen Ort binden. So ist jeder, der aus dem Geist geboren ist. Die Wiedergeburt ist kein Werk, das man auf einen Tag legen könnte, wie man einen Handwerker auf einen Tag bestellt. Sie kommt von oben, souverän, unberechenbar für unser Auge, und darum kann sie auch lange nach dem Wasser geschehen, das sie bezeichnet, oder vor ihm, wie bei Kornelius, oder ohne es, wie bei dem Schächer. Wer begriffen hat, dass der Wind weht, wo er will, der wird nicht mehr fragen, warum die Gnade nicht in derselben Stunde kam wie das Wasser. Und weil der Geist so frei ist, ruht die ganze Wiedergeburt nicht in der Hand des Menschen, sondern in der Hand Gottes. Das lehrt ein Wort am Anfang des Johannesevangeliums: »Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind.« Hier zählt Johannes auf, woher die neue Geburt nicht kommt, und es ist eine Aufzählung, die jeden menschlichen Anspruch ausschliesst. Nicht aus dem Blut, also nicht durch die leibliche Abstammung, nicht weil ein Kind gläubiger Eltern geboren wurde. Nicht aus dem Willen des Fleisches, also nicht durch die eigene Anstrengung des Menschen. Nicht aus dem Willen eines Mannes, also nicht durch den Ritus eines Dieners, der das Wasser giesst. Sondern von Gott. Das Wasser mag fliessen, und der Name des Dreieinigen mag über dem Täufling genannt werden, aber die Wiedergeburt selbst ist eine Geburt von Gott, und darum geschieht sie nach dem Ratschluss Gottes und zu der Zeit, die er bestimmt, nicht zu der Zeit, die der Kalender der Kirche bestimmt. Dann aber wenden wir uns dem grossen Bild zu, das unser Herr selbst geprägt hat und das die Wahrheit dieses Satzes bis auf den Grund ausleuchtet: »Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst, er weiss nicht wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.« Der Sämann wirft den Samen an einem Tag, den er weiss; aber zwischen dem Werfen des Samens und der Ernte liegt eine Zeit, die er nicht kennt und nicht beschleunigen kann. Der Same liegt in der Erde, verborgen, und treibt, während der Sämann schläft und aufsteht, ohne dass er weiss, wie es wächst. Zuerst der Halm, danach die Ähre, danach der volle Weizen, und keine Ungeduld des Bauern kann die Ernte um einen einzigen Tag vorziehen. So ist es mit der Taufe und der Gnade, die sie versiegelt. Der Same wird an dem Tag gesät, an dem das Wasser fliesst, und dieser Tag steht im Kirchenbuch. Aber die Frucht, die Wiedergeburt des Herzens und das neue Leben in Christus, kommt zu der Zeit, die der Herr der Ernte bestimmt, und zwischen Aussaat und Ernte darf eine lange Stille liegen, in der die Erde im Verborgenen arbeitet. Das Kind, das heute getauft wird, mag den Glauben ergreifen, ehe es sprechen kann, oder erst im grauen Haar; der Zeitpunkt der Aussaat ist nicht der Zeitpunkt der Ernte, und Gott allein setzt beide. Doch einer könnte fragen: Wenn die Wiedergeburt so verborgen und so unberechenbar ist, woran soll ich denn erkennen, dass die Gnade mir überhaupt zukommt? Darauf antwortet die Schrift mit einem Wort, das wie ein Fels in der Brandung steht: »Aber der feste Grund Gottes besteht und hat dieses Siegel: Der Herr kennt die Seinen; und: Es lasse ab von Ungerechtigkeit, wer den Namen des Herrn nennt.« Mitten in aller Ungewissheit des Menschen über Zeiten und Stunden steht ein Grund, der nicht wankt, und auf ihm ist ein Siegel eingegraben mit einer doppelten Inschrift. Die eine Seite blickt zu Gott: Der Herr kennt die Seinen. Das ist die Antwort auf die Frage, wem die Gnade der Taufe zukommt; sie kommt denen, die der Herr kennt, den Erwählten, den Seinen, und diese Kenntnis Gottes ist der einzige feste Grund des Heils, nicht der Tag der Taufe und nicht die Stärke des Glaubens. Die andere Seite blickt zu uns: Es lasse ab von Ungerechtigkeit, wer den Namen des Herrn nennt. Denn die, welche den Namen des Herrn nennen, sind gerufen, ein Leben zu führen, das diesem Namen entspricht, und daran, dass ein Mensch von der Ungerechtigkeit lässt, erkennt die Gemeinde die Frucht dessen, was der Geist gewirkt hat. Paulus hat die Wurzel dieser ganzen Wahrheit in ein einziges Wort gefasst: »So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.« Es liegt nicht an dem Wollen des Täuflings und nicht an dem Laufen des Dieners oder der Eltern, sondern an Gottes Erbarmen, und Gottes Erbarmen hat seine eigene Stunde. Er erbarmt sich, wessen er will, und er erbarmt sich, wann er will, und darum ist die Wirksamkeit der Taufe nicht an den Zeitpunkt gebunden, sondern an den Ratschluss dessen, der spricht: Wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.

Was die Westminster-Väter meinten

Die Westminster-Väter schrieben diesen Satz als ein Gleichgewicht zwischen zwei Irrtümern, die einander gegenüberstanden wie zwei Klippen in einer engen Meerenge, und wer zwischen ihnen hindurchsteuern will, braucht eine ruhige Hand. Der eine Irrtum band die Gnade allzu fest an den Augenblick, der andere löste sie ganz vom Zeichen. Gegen beide setzten die Väter ein einziges, sorgfältig abgewogenes Bekenntnis. Auf der einen Seite stand Rom. Die römische Lehre hatte aus dem Sakrament ein Werk gemacht, das durch seinen blossen Vollzug die Gnade mitteilt, sobald dem Empfänger nur kein Hindernis im Wege steht, und sie hatte diese Wirkung an den Augenblick der Handlung selbst gekettet. Der Gelehrte nennt es mit dem lateinischen Wort ex opere operato, durch das vollzogene Werk, und es bedeutet, dass die Kraft nicht im Glauben des Täuflings und nicht im Herzen des Spenders liegt, sondern in der Handlung selbst, die ihre Wirkung in demselben Augenblick hervorbringt, in dem sie geschieht. Gegen diese Lehre erhebt der Satz seine erste, ruhige Verneinung: Die Wirksamkeit der Taufe ist nicht an jenen Zeitpunkt gebunden, in dem sie gespendet wird. Die Väter wollten damit die Gnade aus der Fessel des Augenblicks befreien und sie dorthin zurückführen, wo sie hingehört, in die freie Hand des Heiligen Geistes. Auf der anderen Seite standen die Sakramentierer und ihre stilleren Nachfolger, die aus der Wahrheit, dass das Wasser nicht durch den Vollzug wirkt, den falschen Schluss gezogen hatten, die Taufe teile überhaupt nichts mit, sondern sei nur ein Zeichen, ein Erinnerungsbild, ein Bekenntnis des Menschen vor der Gemeinde. Gegen sie setzen die Väter die zweite, kräftige Bejahung des Satzes: die verheissene Gnade wird nicht nur angeboten, sondern wirklich dargeboten und mitgeteilt durch den Heiligen Geist. Achte auf den Unterschied der Worte, denn in ihm liegt die ganze Absicht der Väter. Angeboten wird eine Gabe jedem, dem sie vorgehalten wird; wirklich dargeboten und mitgeteilt aber wird sie nur dem, der sie empfängt. Die Väter sagen nicht, die Taufe sei ein leeres Bild, das nur auf die Gnade hinweist, während die Gnade selbst anderswo verliehen werde. Sie sagen, dass durch den rechten Gebrauch dieses Sakraments die verheissene Gnade wirklich dargeboten und wirklich mitgeteilt wird, durch den Heiligen Geist, der mit dem Zeichen wirkt und das Herz dessen ergreift, dem die Gnade zukommt. Und nun das dritte Glied des Satzes, das die beiden ersten zusammenhält: die Gnade wird mitgeteilt denen, ob Erwachsenen oder Kindern, denen diese Gnade zukommt, nach dem Ratschluss von Gottes eigenem Willen zu seiner bestimmten Zeit. Hier treten drei Dinge in ein einziges Licht. Das erste ist die Bestimmung der Empfänger: denen diese Gnade zukommt, nicht allen Getauften ohne Unterschied, als wäre die Taufe ein allgemeiner Gnadentrank, sondern den Erwählten, den Seinen, die der Herr kennt. Das zweite ist die Ursache dieser Bestimmung: nach dem Ratschluss von Gottes eigenem Willen, nicht nach dem Verdienst des Täuflings und nicht nach der Frömmigkeit der Eltern, sondern nach dem Ratschluss Gottes, der vor Grundlegung der Welt gefasst wurde. Das dritte aber ist die Stunde: zu seiner bestimmten Zeit. Im lateinischen Text der Väter steht hier suo tempore, zu seiner Zeit, und dieses kleine Wort trägt den ganzen Trost und die ganze Nüchternheit des Satzes. Die Gnade kommt nicht zu spät und nicht zu früh, sondern zu seiner Zeit, zu der Stunde, die Gott in seinem ewigen Ratschluss bestimmt hat und die kein Mensch vorziehen und kein Mensch zurückhalten kann. Merke auch, was der Satz voraussetzt und was er verlangt: durch den rechten Gebrauch dieser Einsetzung. Die Gnade wird nicht durch irgendeinen Gebrauch mitgeteilt, sondern durch den rechten. Das verweist zurück auf alles, was die früheren Abschnitte dieses Kapitels gelehrt haben, auf das Wasser und den dreieinigen Namen und den ordentlich berufenen Diener und die rechte Weise des Begiessens oder Besprengens. Wo die Einsetzung nach der Ordnung Christi gebraucht wird, da verheisst Gott, mit seinem Geist zu wirken; wo sie verachtet oder verkehrt wird, da ist keine Verheissung zu fordern. Der rechte Gebrauch ist gleichsam der Kanal, durch den Gott seine Gnade fliessen lässt, aber das Fliessen selbst ist seine Sache und seine Stunde. So steht der Satz da als ein vollendetes Gleichgewicht: weder die Fessel Roms noch die Leere der Schwärmer, sondern die freie Gnade eines Gottes, der wirklich gibt, und der gibt, wann es ihm gefällt.

Theologische Tiefe

Steigen wir nun hinab in die Werkstatt der Lehrer, denn dieser Satz ist die Frucht eines langen Ringens, und die Männer, die vor uns um diese Wahrheit gekämpft haben, haben uns hier einen reichen Schatz hinterlassen. Es sind diesmal Stimmen, die in diesem Kapitel noch nicht zu Wort gekommen sind, und sie sollen uns das Feld auf neue Weise erschliessen. Witsius, der niederländische Bundestheologe, hat der Frage nach der Wirksamkeit der Sakramente eine Klarheit gegeben, die ihresgleichen sucht, und er ist der rechte Führer für diesen Abschnitt. In seinem grossen Werk über die Ökonomie der Bundesverhältnisse führt er aus, dass die Sakramente Siegel des Gnadenbundes sind und dass in ihnen die verheissene Gnade wirklich dargeboten wird; aber er unterscheidet mit grosser Sorgfalt zwischen dem, was der Bund verheisst, und dem, was der Geist in der Seele ausrichtet, und zwischen dem Zeitpunkt, in dem das Siegel aufgedrückt wird, und der Stunde, in der die besiegelte Sache dem Herzen zu eigen wird. Er gebraucht dafür ein Bild, das wir festhalten wollen: Der Bund ist wie eine Urkunde, die zu Recht besteht, sobald sie gesiegelt ist, und deren Güter dem Erben doch erst zu der Stunde übergeben werden, die der Vater bestimmt hat. Zwischen dem Siegel und der Übergabe kann eine lange Zeit liegen, aber das Siegel bürgt dafür, dass die Übergabe gewiss ist. So bürgt die Taufe dafür, dass die Gnade gewiss ist, ohne doch die Stunde ihrer Zueignung vorwegzunehmen. Witsius bewahrt uns damit vor beiden Abwegen zugleich: vor dem Aberglauben, der die Übergabe in das Siegel selbst verlegt, und vor der Verzweiflung, die meint, wo die Übergabe auf sich warte, da sei das Siegel wertlos. Beza, der Nachfolger Calvins in Genf, hat dieselbe Wahrheit in den Streitigkeiten seiner Zeit mit der Schärfe verteidigt, die ihm eigen war, und er ist uns umso näher, als er auf dem Boden unseres eigenen Glaubens stand. Gegen die römischen Lehrer bestand er darauf, dass die Sakramente nicht durch den blossen Vollzug wirken und dass der Heilige Geist der einzige ist, der das Herz mit der Gnade ergreift, die das Zeichen darstellt. Aber er wandte sich ebenso entschieden gegen die Schwärmer, die das Sakrament zu einem leeren Zeichen aushöhlten. Beza lehrte, dass der Geist mit dem Zeichen wirklich wirkt, dabei aber an keine Stunde gebunden ist, sondern sich die Zeit seiner Gnade selbst erwählt, wie der Wind, der weht, wo er will. Für Beza war die Taufe eine wirkliche Darbietung der Gnade, aber die Zueignung war und blieb das Werk des Geistes, in der von Gott bestimmten Zeit, und wer dies leugnete, der machte aus dem Sakrament entweder einen Zauber oder ein Nichts. Boston, der schottische Pfarrer, bringt die Wahrheit aus der Höhe der Theologie herab in die Stube des Seelsorgers, und darin liegt sein besonderer Wert für uns. Er wusste, was es heisst, auf die Gnade Gottes zu warten, und in seinen Schriften über den Bund und den geordneten Gang der Gnade in der Seele spricht er von der bestimmten Zeit, in der Gott sein Werk vollendet, und von dem Unterschied zwischen Aussaat und Ernte, den wir in dem Gleichnis des Markus gesehen haben. Boston tröstet die Gläubigen, die auf die Bekehrung eines Kindes oder eines Angehörigen warten, mit der Gewissheit, dass die Verheissung nicht darum hinfällig ist, weil ihre Erfüllung auf sich warten lässt. Die Stunde der Gnade ist von Gott gesetzt, und sie kommt gewiss, aber sie kommt zu seiner Zeit, nicht zu der unseren. Wer den Samen gesät und das Wasser gegossen hat, der darf schlafen und aufstehen, Nacht und Tag, und die Erde bringt von selbst Frucht, wenn der Herr der Ernte es will. Boston lehrt uns damit eine Geduld, die nicht Trägheit ist, sondern Glaube, eine Geduld, die betet und wartet und nicht müde wird, weil sie weiss, dass der, der die Verheissung gegeben hat, auch die Stunde ihrer Erfüllung kennt. Calvin endlich, auf den diese ganze Lehre zurückgeht, hat den Grundsatz in einem einzigen Satz zusammengefasst, den wir uns einprägen sollen. In der Institutio besteht er darauf, dass die Kraft der Sakramente allein in dem verborgenen Wirken des Geistes liegt und dass der Geist dieses Wirken nicht an den Augenblick der Handlung bindet, sondern es vollzieht, wann und wo es ihm gefällt, durch das Wort und das Zeichen hindurch, aber nach seinem eigenen freien Ratschluss. Das Sakrament ist nicht leer, denn Gott hat es zum Werkzeug seiner Gnade gemacht; aber es ist auch kein Zauber, denn die Gnade ist nicht in dem Wasser, sondern in dem Geist. Darum kann ein Getaufter die Gnade lange entbehren und sie später doch empfangen, und darum soll kein Getaufter an dem Tag seiner Taufe verzweifeln, weil er die Gnade nicht an eben diesem Tag gespürt hat. Und weil wir in der Schweiz stehen, sei ein Wort gesagt, das uns auf eigenem Boden begegnet. Nicht von ungefähr kamen die Väter unseres Glaubens, die in Zürich und Genf die Taufe gegen die Täufer verteidigten, immer wieder auf die Freiheit des Geistes zurück. Zwingli und nach ihm die Genfer haben gelehrt, dass die Gnade nicht an das Zeichen gebunden ist, sondern dem Geist folgt, der sie austeilt, wie und wann er will. Damit haben sie dieselbe Grenze gezogen, die der Westminster-Satz zieht, lange bevor die Westminster-Väter sich versammelten. Was wir hier betrachten, ist kein fremdes Gut, das wir erst einführen müssten; es ist das Erbe unserer eigenen Väter, und wir verraten es nur, wenn wir nach der einen oder der anderen Seite abgleiten.

Anwendung für das reformierte Leben

Was aber bedeutet dies alles für unser Herz, und wie sollen wir aus dieser Lehre leben? Sechs Punkte sind es, an denen wir uns prüfen können. Erstens: Verwechsle nicht den Tag deiner Taufe mit dem Tag deiner Wiedergeburt. Das Kirchenbuch nennt dir eine Stunde, an der das Wasser deine Stirn berührte, und du magst ihrer mit Recht gedenken, denn sie war eine Stunde der Verheissung. Aber sie war nicht notwendig die Stunde, in der dein Herz von neuem geboren wurde. Frage dich darum nicht zuerst, wann du getauft wurdest, sondern ob du wiedergeboren bist. Gibt es in deinem Leben eine Frucht, die nur der Geist hervorbringen kann, einen Hass auf die Sünde, eine Liebe zu Christus, ein Verlangen nach der Heiligkeit? Wenn ja, so preise Gott, ganz gleich, ob diese Frucht am Tag deiner Taufe aufging oder erst nach vielen Jahren. Wenn aber nein, so ruhe nicht auf dem Datum, das im Buch steht, als wäre es dir ein Beweis des Lebens. Ein Same kann lange in der Erde liegen, ohne aufzugehen; aber ein Same, der nie aufgeht, ist tot, und ein Getaufter, der nie wiedergeboren wird, hat das Zeichen ohne die Sache. Lass den Tag deiner Taufe dich darum zu der Frage treiben, auf die alles ankommt: Lebt Christus in dir, oder trägst du nur seinen Namen? Zweitens: Lerne die Geduld des Sämanns, der schläft und aufsteht und wartet. Dies gilt zuerst den Eltern unter uns, und es ist vielleicht der teuerste Trost, den dieser Satz zu geben hat. Es gibt Väter und Mütter, die ihr Kind einst in gläubigem Gehorsam zum Taufstein trugen und die nun seit Jahren wachen und beten, während das Kind ferne von Gott geht. Und der Versucher flüstert ihnen zu, die Taufe sei vergeblich gewesen, die Verheissung habe getrogen. Gegen diese Stimme redet der Satz der Väter Frieden. Die Wirksamkeit der Taufe ist nicht an jenen Zeitpunkt gebunden, in dem sie gespendet wurde. Die Aussaat geschah an einem Tag; die Ernte kommt zu ihrer Zeit. Der Same lebt, auch wenn er unter der Erde liegt und kein Auge ihn sieht. Höre darum nicht auf zu beten, höre nicht auf zu hoffen, und verklage Gott nicht, als hätte er seine Verheissung vergessen. Er hat die Stunde gesetzt, und sie kommt gewiss. Deine Aufgabe ist nicht, die Ernte zu erzwingen, sondern den Boden zu pflegen, zu wässern mit deinen Tränen und zu düngen mit deinem Gebet, bis der Herr der Ernte die Sichel schickt. Drittens: Hüte dich vor der Ungeduld, die Gott eine Frist setzen will. Es steckt in uns allen ein heimlicher Geist, der meint, Gott müsse sich nach unseren Uhren richten, und der ihm eine Zeit vorschreibt, innerhalb deren er sein Werk vollendet haben müsse. Wir beten um die Bekehrung eines Menschen und setzen Gott stillschweigend ein Datum; und wenn das Datum verstreicht, ohne dass etwas geschieht, so werden wir bitter oder lasch, als hätte Gott sein Wort gebrochen. Diese Ungeduld ist eine feine Form des Unglaubens, und der Satz der Väter nimmt ihr den Boden. Es liegt nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. Er erbarmt sich, wann er will, und seine bestimmte Zeit ist nicht die deine. Der Bauer, der des Nachts auf dem Feld steht und die Ähren anstarrt, um sie zu zwingen, zu reifen, richtet nichts aus und verliert nur den Schlaf; der Bauer des Glaubens sät, pflegt, schläft und steht auf, und die Erde bringt von selbst Frucht. Viertens: Verzweifle nicht an dir selbst, wenn die Gnade noch nicht erschienen ist, die du suchst. Es mag sein, dass du getauft bist und seit Jahren auf die Gewissheit wartest, dass du zu den Seinen gehörst, und dass dein Herz noch immer kalt und stumm bleibt, wenn du nach der Frucht des Geistes fragst. Vielleicht zweifelst du darum, ob die Taufe an dir etwas ausgerichtet habe. Dagegen sagt dir dieser Satz etwas Tröstliches: Die Wirksamkeit der Taufe ist nicht an den Zeitpunkt gebunden. Der Geist kann sein Werk an dir noch vollenden, wenn du es am wenigsten erwartest, wie der Morgenstern aufgeht, wenn die Nacht am dunkelsten ist. Verwechsle darum nicht das noch ausstehende Zeugnis der Gnade mit dem Ausbleiben der Gnade. Gehe zu Christus, wie du bist, kalt und zweifelnd, und bitte ihn um das, was du nicht hast, und vertraue dich dem Geist an, der aus Toten Lebendige macht und aus einem steinernen Herzen ein fleischernes, zu seiner Zeit. Die Hoffnung des Sünders liegt nie in dem, was er an sich findet, sondern in dem, was Gott zu geben verheissen hat. Fünftens: Gebrauche die Taufe recht und erwarte von ihr nicht weniger und nicht mehr, als Gott verheisst. Der Satz sagt, die Gnade werde durch den rechten Gebrauch der Einsetzung dargeboten, und daraus lernen wir eine doppelte Treue. Wir sollen die Taufe nicht verachten, als wäre sie ein leeres Sinnbild, denn Gott hat verheissen, durch sie wirklich zu geben, und wer sie gering achtet, versündigt sich gegen den, der sie einsetzte. Wir sollen ihr aber auch nicht mehr zuschreiben, als Gott ihr gab, als wäre sie ein Zauber, der die Gnade in dem Augenblick wirkt, in dem das Wasser fliesst. Der rechte Gebrauch liegt in der Mitte: in der Taufe ein Siegel Gottes zu sehen, das eine gewisse Verheissung verbürgt, und die Erfüllung dieser Verheissung von dem Geist zu erwarten, der sie zu seiner Zeit ins Herz trägt. So wird die Taufe dir nicht zu einem Ruhekissen und nicht zu einer leeren Form, sondern zu einem lebendigen Band, das dich mit dem Bund verbindet und dich immer wieder zu dem zurückruft, der den Bund hält. Sechstens und zuletzt: Mache aus deiner Taufe ein Gebet, das erst im Himmel zur Ruhe kommt. Der Same, der an dem Tag deiner Taufe gesät wurde, ist eine Bitte an Gott, die noch nicht erfüllt ist, solange du im Fleische wallst. Jedes Mal, wenn du an deine Taufe denkst, so lass den Gedanken zu einem Gebet werden: Herr, du hast das Zeichen auf mich gelegt; erfülle nun, was es bezeichnet. Und jedes Mal, wenn du das Wasser über einem anderen fliessen siehst, so lass die Verheissung auch für ihn zu einer Fürbitte werden, dass der Geist, der weht, wo er will, auch über diesem Kind sein Werk tue, zu seiner bestimmten Zeit. So wirst du aus dieser Lehre nicht eine Grube des Zweifels und nicht ein Kissen des Aberglaubens machen, sondern eine Quelle der Hoffnung, aus der du täglich schöpfst, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in deinem Herzen, und bis der Herr der Ernte die Sichel schickt und du die volle Ähre einbringst in sein Reich. Das ist die Frucht dieses Satzes, und sie ist süss.

Gebet

Herr Jesus Christus, du hast selbst geboten, zu taufen auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und du hast doch nie gelehrt, dass das Wasser die Seele wäscht, sondern dass der Geist weht, wo er will. Wir preisen dich, dass unsere Wiedergeburt nicht in unserer Hand liegt und nicht an eine Stunde gebunden ist, die wir wählen, sondern in deinem freien Erbarmen ruht, das du zu deiner bestimmten Zeit an uns vollziehst. Wir bekennen dir, dass wir oft auf den Tag unserer Taufe gebaut haben statt auf dich, und dass wir oft ungeduldig wurden, wenn deine Gnade auf sich warten liess, als müsstest du dich nach unseren Uhren richten. Vergib uns diese Vermessenheit, o Herr, und lehre uns die Geduld des Sämanns, der den Samen ausstreut und schläft und aufsteht, Nacht und Tag, und darauf vertraut, dass die Erde von selbst Frucht bringt. Gib den Eltern, die um ihre getauften Kinder ringen, die Gewissheit, dass die Verheissung gewiss ist, auch wenn ihre Erfüllung verborgen bleibt, und lass sie nicht müde werden zu beten, bis du die Sichel schickst. Gib denen, die auf die Gewissheit ihres Heils warten, das Vertrauen, dass du, der du die Seinen kennst, auch sie kennst und sie zu deiner Stunde zu dir ziehen wirst. Wo ein getauftes Herz noch schläft, wecke es auf; wo ein Same unter der Erde liegt, lass ihn aufgehen; wo ein Zweifelnder mit dem Zeichen ohne die Sache lebt, ergreife ihn mit deinem Geist und mache ihn wahrhaftig neu. Und wenn du wiederkommst, o Herr, so sammle uns nicht nach dem Tag, an dem das Wasser uns berührte, sondern nach deiner Gnade, die in uns lebendig wurde zu deiner bestimmten Zeit, und lass uns mit allen, die du erkauft hast, die volle Ernte einbringen in dein Reich. Amen.
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