Andacht 154 von 171

Die Einsetzung des Abendmahls: Ein Gedächtnis von Christi Opfer

Ch.29: Of the Lord's Supper — Abschnitt 1 • 2026-09-26 • 35 min
Unser Herr Jesus hat in der Nacht, da er verraten ward, das Sakrament seines Leibes und Blutes eingesetzt, das Abendmahl des Herrn genannt, das in seiner Kirche gehalten werden soll bis ans Ende der Welt, zum immerwährenden Gedächtnis der Aufopferung seiner selbst in seinem Tode, zur Versiegelung aller Wohltaten desselben für die wahrhaft Gläubigen, zu ihrer geistlichen Speise und ihrem Wachstum in ihm, zu ihrer weiteren Verpflichtung zu allen Pflichten, die sie ihm schulden, und zum Band und Pfand ihrer Gemeinschaft mit ihm und untereinander als Glieder seines mystischen Leibes.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 29, Abschnitt 1

Einleitung

Es ist Nacht in Jerusalem, und in einem Obergemach brennt eine Lampe über einem gedeckten Tisch. Zwölf Männer liegen um ihn her, und einer von ihnen trägt den Verrat schon im Herzen. Der, welcher in wenigen Stunden ergriffen, geschlagen und ans Kreuz gehängt werden wird, weiss es. Und was tut er in dieser letzten freien Nacht seines Lebens? Er denkt nicht zuerst an sich. Er denkt an die Seinen, die er zurücklassen wird, an all die dunklen Tage, die über sie kommen werden, wenn er nicht mehr leiblich unter ihnen weilt. Er nimmt das Brot in seine Hände, dankt, bricht es und gibt es ihnen. Er nimmt den Kelch, reicht ihn herum und spricht Worte, die bis heute an ungezählten Tischen auf der ganzen Erde nachgesprochen werden. In der Nacht, da er verraten ward, hat er ein Mahl eingesetzt, das seine Kirche durch alle Jahrhunderte hindurch begleiten soll, bis er wiederkommt. Geliebte, wir verlassen nun die Wasser der Taufe, an denen wir in den vergangenen Wochen gestanden haben, und treten an den Tisch des Herrn. Beide gehören zusammen, und doch sind sie verschieden wie Geburt und Nahrung. Die Taufe empfangen wir einmal, als den Eingang in das Bundesvolk; das Abendmahl empfangen wir viele Male, als die Speise auf dem Weg. Die Taufe stellt uns in Christus hinein; das Abendmahl nährt uns in ihm. Wer getauft ist, ist in das Haus Gottes eingetreten; wer zum Tisch kommt, setzt sich in diesem Haus zu Tisch und isst. Es wäre ein trauriges Haus, in dem man geboren würde, um dann nie gespeist zu werden, und es wäre ein seltsamer Weg, auf dem man einmal eingetreten wäre, um dann auszuhungern. Darum schenkt der Herr seiner Kirche nicht nur das Wasser des Anfangs, sondern auch das Brot und den Kelch für die Wegzehrung, und beides hat er selbst eingesetzt. Dieser erste Abschnitt des neuen Kapitels ist wie ein feierliches Portal, durch das wir in die Lehre vom Abendmahl eintreten. Er sagt uns, wer das Mahl eingesetzt hat, wann es geschah, wie es heisst, wie lange es gefeiert werden soll und wozu. Und wer aufmerksam liest, entdeckt in diesem einen Satz fünf grosse Gaben, die der Herr an seinen Tisch gelegt hat: das Gedächtnis seines Todes, die Versiegelung seiner Wohltaten, die Speise und das Wachstum der Seele, die Bindung an seinen Dienst und die Gemeinschaft mit ihm und untereinander. Fünf Gaben, und jede von ihnen ist ein Wort des Trostes für ein schwaches, hungriges, oft einsames Herz. Lasst uns an den Tisch treten, nicht als Zuschauer, sondern als Gäste, und hören, was der Herr seiner Kirche hier geschenkt hat.

Die biblischen Grundlagen

Der Grund, auf dem alles ruht, ist der Abend selbst, an dem das Mahl eingesetzt wurde, und die Schrift hat uns diesen Abend in sorgfältigen Worten überliefert. Matthäus berichtet, was geschah, als Jesus mit den Seinen zu Tisch lag: »Als sie aber assen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.« Achte genau darauf, wer hier handelt. Es ist nicht die Kirche, die sich dieses Mahl erdacht hat, und nicht ein Jünger, der eine fromme Sitte einführte. Es ist Jesus selbst, in der Nacht vor seinem Leiden, der das Brot nimmt, der dankt, der bricht, der gibt. Das Abendmahl ist keine menschliche Erfindung, sondern die eigene Einsetzung des Herrn, und darum gebührt ihm eine Ehrfurcht, die kein Brauch der Kirche je verdienen könnte. Und höre, was er über den Kelch sagt: »mein Blut des Bundes«. Hier greift der Herr zurück auf ein Wort, das jedem Israeliten am Tisch vertraut war, auf die Verheissung, die Gott durch den Propheten Jeremia gegeben hatte, dass er mit seinem Volk einen neuen Bund schliessen werde, in dem er seine Weisung in ihr Herz schreiben und ihrer Sünden nicht mehr gedenken wolle. Nun, an diesem Tisch, erklärt Jesus: Dieser Kelch ist dieser Bund, besiegelt in meinem Blut, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Der neue Bund ist kein unbesiegeltes Versprechen; er ist mit Blut erkauft, und dieses Blut wird am Tisch in den Kelch gefasst und dem Glauben dargereicht. Wer aus diesem Kelch trinkt, bekennt damit: Der Bund, in dem ich stehe, ist mit dem Blut des Sohnes Gottes geschlossen. Nun hat Paulus diese Einsetzung an die Gemeinde in Korinth weitergegeben, und seine Worte sind uns darum so kostbar, weil sie das hinzufügen, was uns hier am meisten angeht: »Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach's und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis. Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.« Hier steht das griechische Wort anamnesis, Gedächtnis, und es trägt mehr Gewicht, als unser deutsches Erinnern ahnen lässt. Wir meinen mit Gedächtnis oft nichts weiter als ein Zurückdenken, ein stilles Erinnern an etwas, das längst vergangen ist, wie man sich eines Verstorbenen mit Wehmut erinnert. Aber im Denken der Schrift ist das Gedenken ein Handeln. Wenn Gott seines Bundes gedenkt, dann greift er in die Geschichte ein und erfüllt, was er versprochen hat. Und wenn der Herr gebietet, das Mahl zu seinem Gedächtnis zu feiern, so setzt er eine heilige Handlung ein, in der sein Tod nicht bloss erinnert, sondern dem Glauben vergegenwärtigt wird. Wir blicken nicht auf ein totes Bild, sondern auf ein lebendiges Opfer, das heute noch gilt. Und dieses Gedenken soll dauern, »bis er kommt«. Das Mahl ist die Speise der Zwischenzeit, der Wegzehrung zwischen der ersten Ankunft des Herrn im Fleisch und seiner Wiederkunft in Herrlichkeit. Solange die Kirche in dieser Welt pilgert, soll dieser Tisch gedeckt stehen, bis das Fest des Himmels anbricht und das Gedenken dem Schauen weicht. Doch das Abendmahl ist nicht nur ein Gedenken, das uns an Christus erinnert; es ist eine Gemeinschaft, die uns mit ihm verbindet, und kein Wort sagt das tiefer als jenes, das Paulus im selben Brief geschrieben hat: »Der gesegnete Kelch, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist's, so sind wir viele ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben.« Hier steht das griechische Wort koinonia, Gemeinschaft, Teilhabe, und es ist das Herzstück dessen, was am Tisch geschieht. Der Kelch, den wir segnen, ist die Gemeinschaft des Blutes Christi, das heisst, in dem gläubigen Empfang dieses Kelches haben wir wirklichen Anteil an dem Blut, das uns erkauft hat. Das Brot ist die Gemeinschaft des Leibes Christi, das heisst, wir werden durch dieses Brot mit dem Leib verbunden, der für uns gebrochen wurde. Nicht so, als verwandelte sich das Brot in Christus, aber so, dass der Geist durch diese Zeichen hindurch die Seele mit Christus selbst nährt und verbindet. Und daraus folgt unmittelbar das Zweite: Weil wir alle an dem einen Brot teilhaben, sind wir, die vielen, ein Leib. Das Abendmahl schafft nicht nur die Gemeinschaft des Einzelnen mit Christus, es ist auch das Band, das die Gläubigen untereinander zusammenschliesst zu einem einzigen Leib, dessen Haupt Christus ist. Das eine Brot, aus vielen Körnern gebacken, ist das Bild der einen Gemeinde, aus vielen Gliedern gesammelt. Und weil dieses Mahl das Mahl des neuen Bundes ist, weist es zurück auf das grosse Vorbild, aus dem es hervorgegangen ist. Paulus schreibt den Korinthern: »Darum schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr ein neuer Teig seid, wie ihr ja ungesäuert seid. Denn auch wir haben ein Passalamm, das ist Christus, der geopfert ist. Darum lasst uns das Fest feiern nicht im alten Sauerteig, auch nicht im Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern im ungesäuerten Teig der Lauterkeit und Wahrheit.« Das Abendmahl steht in der Reihe des Passah. Israel ass das Lamm in der Nacht seiner Erlösung aus Ägypten, und das Blut des Lammes schützte es vor dem Tod. Nun ist Christus, unser Passalamm, geopfert, und das Mahl, das sein Volk feiert, ist das Fest dieser Erlösung. Wer an den Tisch des Herrn kommt, der feiert das Passah des neuen Bundes, das Fest der Befreiung, und er feiert es, wie Paulus sagt, im ungesäuerten Teig der Lauterkeit und Wahrheit, das heisst in einem Leben, das sich von der alten Bosheit gereinigt hat. Das Mahl ist zugleich ein Fest der Rettung und ein Ruf zur Heiligung, und wer das vergisst, der feiert das Passah mit altem Sauerteig und entweiht, was Gott geheiligt hat. So steht der biblische Grund fest, Stein auf Stein. Jesus hat das Mahl in der Nacht vor seinem Tod eingesetzt, als das Sakrament seines Leibes und Blutes. Er hat es gebunden an sein Gedächtnis, an die Verkündigung seines Todes bis zu seiner Wiederkunft. Paulus hat gezeigt, dass dieses Mahl eine wirkliche Gemeinschaft mit Christus und untereinander stiftet und dass es das Passah des neuen Bundes ist. Aus diesen Worten der Schrift schöpft das Bekenntnis seine Lehre, und wer sie begriffen hat, der weiss, was am Tisch des Herrn geschieht.

Was die Westminster-Väter meinten

Wenn wir nun fragen, was die Westminster-Väter mit diesem Abschnitt meinten, so müssen wir zuerst auf den Namen achten, den sie dem Mahl geben, denn in ihm liegt bereits ein ganzes Bekenntnis. Sie nennen es das Abendmahl des Herrn. Nicht die Messe, nicht das Opfer, nicht das Werk des Priesters, sondern das Mahl des Herrn. Dieser Name holt die Handlung vom Altar zurück an den Tisch. Wo Rom eine Opferhandlung vollzieht, die der Priester für Lebende und Tote darbringt, da setzen die Väter ein Mahl, das der Herr seinen Gästen bereitet hat. Der Unterschied ist kein Streit um Worte, sondern um das Herz des Evangeliums. Am Tisch des Herrn ist Christus der Gastgeber, nicht der Geopferte; der Gläubige ist der Gast, nicht der Verdienende; und das Mahl ist die Gabe der Gnade, nicht die Darbringung eines Opfers, das die Sünde tilgen könnte. Wer das Abendmahl eine Messe nennt und es als ein erneutes Opfer Christi versteht, der rührt an den Kern des Glaubens, denn er erklärt das eine, vollbrachte Opfer am Kreuz für ungenügend und wiederholt, was Gott ein für alle Mal getan hat. Und achte auf die Zeit, die die Väter nennen: »in der Nacht, da er verraten ward«. Sie hätten einfach sagen können, dass Jesus das Mahl vor seinem Tod einsetzte. Aber sie wählen die Worte der Schrift, und diese Worte tragen eine eigene Würde. In der Nacht, da er verraten ward. Der Herr setzte dieses Mahl nicht in einer Stunde des Triumphes ein, sondern in der Nacht seiner tiefsten Erniedrigung, als einer seiner eigenen Jünger ihn dem Tod auslieferte. Mitten in der Bosheit der Menschen, mitten in der Angst des Gartens, die ihm bevorstand, dachte er an uns und gab uns dieses Zeichen seiner Liebe. Das Mahl ist darum für alle Zeiten in die Nacht des Verrats hineingeboren, und gerade darin liegt sein Trost: Wer zum Tisch kommt, kommt zu dem, der in seiner dunkelsten Stunde an ihn gedacht hat. Dann hören wir, wie lange dieses Mahl gefeiert werden soll: »bis ans Ende der Welt«. Die Väter wehren mit diesem Wort jeden Gedanken ab, als sei das Abendmahl eine vorübergehende Ordnung, die mit den Aposteln ausgestorben oder in einer späteren Zeit abgelöst worden sei. Nein, das Mahl ist der Kirche für die ganze Dauer ihres irdischen Pilgerns gegeben, bis der Herr wiederkommt. Paulus hatte dasselbe gesagt, als er schrieb, wir verkündigten den Tod des Herrn, »bis er kommt«. Solange wir in der Fremde wandern und den Herrn nicht von Angesicht sehen, bedürfen wir dieses Tisches, der uns an das Kreuz erinnert und uns die Wegzehrung reicht. Erst wenn der Glaube dem Schauen gewichen ist, wenn wir das Lamm selbst sehen, dessen Tod wir hier verkündigen, wird das Gedenken an sein Ende kommen, weil wir ihn dann sehen, wie er ist. Nun aber entfalten die Väter, wozu das Mahl eingesetzt ist, und sie legen fünf grosse Zwecke vor uns hin, die wir nun einzeln betrachten. Erstens: das immerwährende Gedächtnis der Aufopferung seiner selbst in seinem Tode. Das Abendmahl soll uns Christus und sein Opfer stets neu vor Augen stellen. Gott weiss, wie schnell unser Herz vergisst, wie träge unser Glaube wird, wie leicht uns das Kreuz zu einem vertrauten Wort erstarrt, das nichts mehr in uns bewegt. Darum hat er uns dieses sichtbare Mahl gegeben, damit das gebrochene Brot immer wieder von seinem gebrochenen Leib, der ausgegossene Wein immer wieder von seinem vergossenen Blut spreche. Das Auge sieht, was das Ohr gehört hat, und der Geschmack schmeckt, was das Herz glaubt. Das Mahl ist das Gedächtnis, das Gott selbst seiner Kirche eingesetzt hat, damit sie den Tod ihres Herrn nicht vergesse, bis er kommt. Zweitens: die Versiegelung aller Wohltaten desselben für die wahrhaft Gläubigen. Hier greifen die Väter das Wort Siegel wieder auf, das uns schon bei der Taufe begegnet ist. Das Abendmahl macht den Sünder nicht erst zum Erben, sondern es versiegelt dem, der durch den Glauben längst in Christus ist, dass ihm alle Wohltaten des Todes Christi gehören. Dem schwachen, zweifelnden Herzen, das sich fragt, ob die Vergebung wirklich ihm gilt, ob Christus wirklich für ihn gestorben ist, reicht der Herr dieses Mahl als sein eigenes Siegel, als ein sichtbares Unterpfand, dass der Bund mit ihm geschlossen ist. Wie ein Ring am Finger die Liebe nicht erschafft, aber bezeugt, so versiegelt das Mahl die Gnade, die der Glaube empfängt. Drittens: die geistliche Speise und das Wachstum in Christus. Das Abendmahl ist nicht nur ein Zeichen, das an Christus erinnert; es ist eine Speise, die den Menschen in Christus nährt. Wie Brot den Leib erhält und der Wein das Herz stärkt, so nährt der Leib und das Blut Christi, im Glauben empfangen, die Seele und lässt sie wachsen in ihm. Wer zum Tisch kommt, kommt nicht, um etwas zu leisten, sondern um zu empfangen, und wer im Glauben empfängt, der wird gestärkt, gekräftigt, genährt für den Weg. Das ist die grosse, oft vergessene Wahrheit: Das Abendmahl ist eine Mahlzeit, und eine Mahlzeit ist für Hungrige bestimmt. Viertens: die weitere Verpflichtung zu allen Pflichten, die sie ihm schulden. Auch hierin gleicht das Abendmahl der Taufe. Es ist niemals nur eine Gabe, die wir empfangen, sondern immer auch ein Gelübde, das wir erneuern. Wer den Kelch nimmt und bekennt, dass Christus für ihn gestorben ist, der bindet sich damit neu an den, der ihn erkauft hat, zu einem Leben des Gehorsams und der Treue. Das Mahl, das tröstet, verpflichtet zugleich, und wer den Trost behalten will, ohne die Pflicht zu übernehmen, der kommt zum Tisch wie einer, der das Siegel des Testaments empfängt und dennoch dem Erblasser die Treue verweigert. Fünftens: das Band und Pfand der Gemeinschaft mit ihm und untereinander als Glieder seines mystischen Leibes. Das Abendmahl stiftet Gemeinschaft in doppelter Richtung. Es verbindet den Einzelnen mit Christus, seinem Haupt, und es verbindet die Gläubigen untereinander zu einem Leib. Das eine Brot, an dem alle teilhaben, macht die vielen zu einem Leib, wie Paulus lehrte. Am Tisch des Herrn wird sichtbar, was sonst verborgen bleibt: dass wir, so verschieden wir sind, zusammen ein Leib in Christus sind. Darum ist das Mahl auch ein Pfand der Liebe untereinander, und wer im Streit mit seinem Bruder zum Tisch kommt, der zerreisst mit seinen Händen, was er mit seinem Mund bekennt. So viel meinen die Väter mit ihrem einen, dichten Satz. Und sie schrieben ihn, wie sie das ganze Bekenntnis schrieben, mitten in eine Auseinandersetzung hinein. Auf der einen Seite stand Rom, das in Trient eben das Opfer der Messe zum Dogma erhoben und alle verflucht hatte, die es leugneten. Auf der anderen Seite standen die Sozinianer und manche Schwärmer, die das Mahl zu einem leeren Erinnerungszeichen ohne jede geistliche Gabe herabsetzten. Zwischen diesen beiden Abgründen gehen die Väter ihren Weg: kein erneutes Opfer, aber auch kein leeres Zeichen, sondern ein Mahl des Herrn, in dem der Tod Christi gedacht, die Wohltaten versiegelt, die Seele gespeist, das Gelübde erneuert und die Gemeinschaft gestiftet wird. Wer diesen Weg geht, der geht den Weg der Schrift.

Theologische Tiefe

Steigen wir nun tiefer hinab in die Wasser, die unter dieser Lehre liegen, denn kaum ein Stück des Glaubens ist in der Geschichte der Kirche so umkämpft worden wie dieses Mahl, und die Stimmen, die vor uns gerungen haben, haben uns einen reichen Schatz hinterlassen. Calvin hat dem Abendmahl im vierten Buch der Institutio eine Auslegung gewidmet, die an Wärme und Klarheit kaum ihresgleichen hat, und sein Grundgedanke ist so einfach wie tief: Das Abendmahl ist eine geistliche Speise, in der Christus sich selbst der Seele mitteilt. Gegen die römische Lehre, die Christus leiblich in das Brot herabzieht, hält Calvin fest, dass der Leib Christi im Himmel zur Rechten des Vaters ist und nicht auf Erden in ein Element eingeschlossen werden kann; gegen die blosse Erinnerung hält er fest, dass der Geist uns wirklich mit Christus verbindet und uns durch das Mahl speist. Wie, fragt er, kann der Leib Christi, der im Himmel ist, uns auf Erden nähren? Seine Antwort ist das Werk des Heiligen Geistes, der die Kluft zwischen Himmel und Erde überbrückt und die Seele zu Christus emporhebt, damit sie ihn im Glauben empfange. Es ist die alte Einladung der Kirche: sursum corda, erhebet die Herzen. Das Mahl zieht Christus nicht zu uns herab, aber es erhebt uns zu ihm, und in dieser Erhebung wird die Seele wahrhaft gespeist mit dem Leib, der für uns gegeben, und dem Blut, das für uns vergossen wurde. Wer dies verstanden hat, der hat den Schlüssel zum ganzen reformierten Abendmahlsverständnis. Und weil wir auf schweizerischem Boden stehen, dürfen wir hier einen Augenblick innehalten, denn das Abendmahl ist der Ort, an dem die Besonderheit unserer Kirchen am schärfsten hervortritt. Als die Reformatoren in Marburg zusammenkamen, um die Einheit des Glaubens zu suchen, scheiterten sie an genau diesem Tisch, und Luther und Zwingli schieden im Streit darüber, wie Christus im Mahl gegenwärtig sei. Zwingli hielt dagegen, dass das Brot ein Zeichen sei und der Leib Christi im Himmel; er fürchtete, jede leibliche Gegenwart mache das Mahl wieder zu einem Opfer und binde die Gnade an ein Element. Die Zürcher Linie hat diesen Gedanken bewahrt und vertieft. Bullinger hat in seinen Dekaden und im Zweiten Helvetischen Bekenntnis das Abendmahl als das Bundeszeichen des neuen Bundes gezeichnet, als ein Mahl, in dem Christus durch seinen Geist die Seele speist, die er durch den Glauben empfängt, ohne dass das Brot in ihn verwandelt oder er leiblich darin eingeschlossen würde. Und Calvin hat von Genf her dasselbe gesagt, mit der ganzen Wärme, die ihm eigen war. So hat die reformierte Kirche einen Weg gefunden, der weder in die Verleiblichung Roms noch in die Leere eines blossen Gedenkens abirrt: ein wirkliches Mahl, eine wirkliche Speise, eine wirkliche Gegenwart Christi, aber eine Gegenwart des Geistes und des Glaubens, nicht des Fleisches und der Verwandlung. Watson bringt diese Lehre mit der ihm eigenen seelsorgerlichen Wärme ans Herz. Er nennt das Abendmahl ein Fest, eine Liebesmahlzeit, bei der Christus der Gastgeber und die Gläubigen die Gäste sind, und er dringt darauf, dass wir mit dem Herzen kommen und nicht bloss mit den Lippen. Sein Gedanke ist, dass das Mahl eine Predigt an das Auge ist: Was das Ohr im Wort hört, das sieht das Auge am Tisch, das gebrochene Brot, der vergossene Wein, der Tod des Herrn vor Augen gemalt. Und er kehrt den Gedanken sofort um in eine Frage, die uns durchdringt: Wenn Christus dich so sichtbar gespeist hat, wo ist dann dein Wachstum? Ein Mensch, der Jahr um Jahr an den Tisch kommt und niemals wächst, niemals heiliger wird, niemals mehr Christus ähnlich, der isst, wie einer, der von der Speise nicht genährt wird, weil er ohne Glauben und ohne Hunger kommt. Das Mahl ist ein Fest, aber es ist ein Fest für Hungrige, und wer satt von der Welt kommt, der geht leer von dannen. Hodge zerlegt den Abschnitt in seine fünf Zwecke, die wir schon nachgezeichnet haben, und er zeigt, wie sie zusammenhängen. Das Gedächtnis blickt zurück auf das Kreuz, die Versiegelung blickt auf das Herz des einzelnen Gläubigen, die Speise blickt auf das Wachstum, die Verpflichtung blickt auf den Gehorsam, und die Gemeinschaft blickt auf den Leib Christi. Fünf Blicke, ein Mahl. Hodge warnt, dass keine dieser Gaben von den anderen gerissen werden darf. Wer nur das Gedächtnis betont, macht das Mahl zu einer Leichenfeier; wer nur die Speise betont, macht es zu einer blossen Erquickung des Leibes; wer nur die Gemeinschaft betont, macht es zu einem geselligen Mahl. Alle fünf gehören zusammen, und erst in ihrer Einheit ist das Abendmahl, was der Herr eingesetzt hat. à Brakel endlich, in seinem Werk über den vernünftigen Gottesdienst, dringt mit grosser Zartheit auf die geistliche Speise, die das Mahl reicht, und auf das Wachstum, das daraus folgt. Er vergleicht den Gläubigen, der am Tisch Christi sitzt, mit einem Kind, das an der Brust der Mutter genährt wird, und er zeigt, wie der Herr sich im Mahl herabneigt, um seine Schwachen zu stärken und seine Müden zu erguicken. Das Mahl, sagt er, ist nicht eine Prüfung, die wir bestehen, sondern eine Speise, die wir empfangen, nicht ein Werk, das wir leisten, sondern eine Gnade, die uns trägt. Wer das begriffen hat, der kommt nicht mit Angst zum Tisch, sondern mit Hunger, und er geht nicht mit dem Stolz des Verdienstes von dannen, sondern mit dem Lob des Gastgebers. In à Brakels Händen wird das Abendmahl ganz zu dem, was es ist: ein Fest der Liebe für die Schwachen, ein Mahl der Gnade für die Sünder. Eine letzte Stimme muss noch gehört werden, und sie kommt von den Vätern selbst, aus jenem kleinen Wort, das sie dem Mahl beifügen: mystischer Leib. Sie nennen die Kirche den mystischen Leib Christi, und das Abendmahl ist das Band dieses Leibes. Der Gedanke ist tief. Wie der natürliche Leib aus vielen Gliedern besteht, die durch Bänder und Sehnen zusammengehalten werden, so besteht der Leib Christi aus vielen Gläubigen, und das Band, das sie zusammenhält, ist der Geist und die Liebe. Das Abendmahl ist das sichtbare Zeichen dieses Bandes. An einem Brot haben viele teil, und in dieser Teilhabe werden sie eins. Darum ist es kein Zufall, dass Paulus die Spaltungen in Korinth an genau diesem Punkt angriff: Wer am Tisch des Herrn isst und zugleich den Bruder verachtet, der hat das Wesen des Mahls nicht begriffen, denn dieses Mahl ist das Pfand der Gemeinschaft, und wer die Gemeinschaft zerreisst, der entweiht das Mahl. So treibt die Lehre uns zuletzt nicht nur zum Kreuz, sondern zum Bruder, und das Mahl wird zum Prüfstein unserer Liebe.

Anwendung für das reformierte Leben

Was aber bedeutet diese Wahrheit für unser Herz, und wie sollen wir aus ihr leben? Es sind sechs Worte der Seelsorge, an denen wir uns prüfen wollen, und jedes von ihnen ist eine Frucht dieses einen, reichen Satzes. Erstens: Komm zum Tisch, um zu gedenken, nicht nur um zu erinnern. Christus hat gesagt: das tut zu meinem Gedächtnis. Prüfe dich, ob dein Gedenken ein lebendiges ist. Es ist möglich, das Brot zu essen und den Kelch zu trinken und doch mit den Gedanken ganz woanders zu sein, bei der Müdigkeit des Leibes, bei den Sorgen des Tages, bei der Frage, wann der Gottesdienst endlich zu Ende sei. Ein solches Kommen ist kein Gedenken, sondern ein leeres Zeremoniell. Wenn du zum Tisch trittst, so halte dein Herz an und denke an das Kreuz: an den, der in der Nacht des Verrats an dich gedacht hat, an den Leib, der für dich gebrochen, an das Blut, das für dich vergossen wurde. Lass das gebrochene Brot dir lebendig vor Augen malen, was dein Heiland für dich erlitten hat, und lass dein Herz dabei warm werden. Das Mahl ist das Gedächtnis, das Gott selbst dir eingesetzt hat, und es verfehlt seinen Zweck, wo es zur Gewohnheit erstarrt. Zweitens: Empfange das Mahl als Siegel, nicht als Verdienst. Der römische Irrtum ist uns nicht so fern, wie wir meinen, denn das Herz des Menschen sucht beständig nach etwas, das es selbst leisten kann. Es möchte durch sein Kommen, durch seine Würdigkeit, durch seine Andacht etwas verdienen, als wäre das Mahl ein Werk, das Gott etwas schuldet. Aber das Mahl versiegelt dir, was du längst hast; es macht dich nicht erst zum Erben, sondern es versichert dich, dass du es bist. Komm darum nicht, um zu verdienen, sondern um zu empfangen, nicht um Gott etwas zu bringen, sondern um dir von Gott bestätigen zu lassen, was er dir in Christus geschenkt hat. Wenn dein Glaube schwach ist und du kaum zu glauben wagst, dass die Vergebung dir gilt, so ist der Tisch gerade für dich gedeckt, denn das Mahl ist das Siegel für den schwachen Glauben. Ruhe nicht in deiner Würdigkeit, sondern in der Treue dessen, der dich an seinen Tisch gerufen hat. Drittens: Komm hungrig, und lass dich nähren und wachsen. Das Abendmahl ist eine Speise, und eine Speise ist für Hungrige bestimmt. Prüfe dich, ob du Hunger hast nach Christus, oder ob du satt bist von der Welt und nur aus Gewohnheit zum Tisch kommst. Wer von der Welt satt ist, der schmeckt das Brot des Lebens nicht. Wer aber hungert nach Gerechtigkeit, wer dürstet nach der Nähe Christi, wer spürt, wie schwach und leer er in sich selbst ist, der ist der rechte Gast an diesem Tisch. Und wenn du im Glauben empfängst, so erwarte etwas: erwarte, genährt zu werden, gestärkt für den Kampf, gekräftigt für den Weg, erneuert in der Liebe. Das Mahl ist nicht eine stumme Form, sondern ein Mittel der Gnade, durch das Christus seine Schwachen speist. Komm hungrig, und gehe nicht leer von dannen. Viertens: Erneuere am Tisch dein Gelübde. Das Mahl verpflichtet dich, und diese Verpflichtung sollst du nicht scheuen, sondern willig auf dich nehmen. Wenn du den Kelch nimmst und bekennst, dass Christus für dich gestorben ist, so sprich damit: Ich gehöre nicht mehr mir selbst, sondern dem, der mich erkauft hat. Lass das Mahl dir jeden Monat neu zu einer Stunde der Erneuerung werden, in der du die Treue deines Lebens an den Treuen bindest. Frage dich, wenn du vom Tisch aufstehst: Was will ich, von diesem Mahl gestärkt, nun anders tun? Welche Pflicht habe ich versäumt, die ich neu aufnehmen will? Welche Sünde habe ich geduldet, der ich nun absagen will? Das Mahl, das dich tröstet, sendet dich auch, und wer ohne diesen Vorsatz kommt, der hat nur die halbe Gabe empfangen. Fünftens: Suche am Tisch die Gemeinschaft, und versöhne dich zuvor mit deinem Bruder. Das Abendmahl ist das Band des mystischen Leibes Christi, und darum darfst du nicht mit zerrissenem Herzen kommen. Wenn ein Streit zwischen dir und einem Bruder steht, so versöhne dich, ehe du zum Tisch kommst, denn du kannst nicht an dem einen Brot teilhaben und zugleich das Band zerreissen, das dieses Brot bezeichnet. Paulus mahnte die Korinther eben darum, weil unter ihnen Spaltungen waren: Wer unwürdig isst, der isst sich selbst zum Gericht. Das heisst nicht, dass nur die Vollkommenen kommen dürften, aber es heisst, dass niemand mit unversöhnter Feindschaft im Herzen kommen soll. Lass das Mahl dich zur Liebe treiben, und wenn du einen Bruder hast, gegen den du etwas hast, so gehe zuerst hin und versöhne dich, und dann komm und bringe deine Gabe zum Tisch. Sechstens und zuletzt: Freue dich am Tisch auf das Kommen des Herrn. Das Abendmahl blickt zurück auf das Kreuz und schaut zugleich voraus auf die Wiederkunft. Wir verkündigen den Tod des Herrn, bis er kommt, und darum ist jeder Gang zum Tisch ein Ausblick auf den Tag, an dem das Gedenken dem Schauen weicht. Das Mahl ist ein Vorgeschmack des Hochzeitsmahls des Lammes, ein kleiner Vorgriff auf jenes grosse Fest, bei dem der Herr mit den Seinen zu Tisch sitzen wird und kein Abschied mehr folgt. Lass diese Hoffnung dein Herz weiten, wenn du zum Tisch kommst. Du feierst nicht das Ende, sondern den Anfang; du blickst nicht auf einen Tod, sondern auf eine Wiederkunft; du isst nicht die Wegzehrung eines Sterbenden, sondern das Brot eines Pilgers, der heimwärts geht. Und je näher der Tag kommt, desto heller soll diese Freude in dir leuchten, bis du endlich an jenem Tisch sitzt, an dem kein Gedächtnis mehr nötig ist, weil du den siehst, dessen Tod du hier verkündigt hast.

Gebet

Herr Jesus Christus, in der Nacht, da du verraten wardst, hast du an uns gedacht und uns dein Mahl hinterlassen, und wir preisen dich für diese Treue, die in deiner dunkelsten Stunde deine Kirche im Auge hatte. Du hast uns das Brot und den Kelch gegeben, damit wir deinen Tod verkündigen, bis du kommst, und damit wir, von dir gespeist, durch die Wüste dieser Zeit heimgelangen. Wir bekennen dir, dass wir allzu oft an deinen Tisch getreten sind ohne Hunger, ohne Andacht, mit zerstreuten Gedanken und mit kaltem Herzen, als wäre dein Mahl eine Gewohnheit und dein Kreuz ein vertrautes Wort, das uns nichts mehr kostet. Wir haben das Siegel deiner Gnade empfangen, als wäre es ein leeres Zeichen, und das Band der Gemeinschaft zerrissen, das du an deinem Tisch stiftest. Vergib uns, o Herr, und mache uns wieder zu hungrigen Gästen, die deiner Speise bedürfen. Sende deinen Geist, so bitten wir dich, wenn wir zu deinem Tisch kommen, damit das Brot und der Kelch uns an deinen Tod erinnern und uns zugleich mit dir speisen und uns wachsen lassen in deiner Ähnlichkeit. Versiegle unserem schwachen Glauben, dass dein Leib für uns gebrochen und dein Blut für uns vergossen wurde, und lass uns in dieser Gewissheit ruhen, nicht in unserer Würdigkeit, sondern in deiner Treue. Binde uns neu, wenn wir von deinem Tisch aufstehen, an ein Leben des Gehorsams und der Liebe. Versöhne, was unter uns zerrissen ist, und mache uns zu einem Leib, wie das Brot eines ist, an dem wir alle teilhaben. Und lass uns bei jedem Gang zu deinem Tisch weiter ausschauen nach dem Tag deiner Wiederkunft, an dem du uns zu dem grossen Fest rufen wirst, wo das Gedenken dem Schauen weicht und wir dich sehen werden, wie du bist. Bis dahin, o Herr, nähre uns mit dir selbst, und führe uns heim, durch Jesus Christus, der für uns gestorben ist und lebt und regiert mit dem Vater und dem Heiligen Geist, ein Gott, hochgelobt in Ewigkeit. Amen.
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